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Die Bakschischbahn

»Wasser für Hindus und Wasser für Sahibs« – »Gimmi Backschisch!« – Über den Indus – Und das Ende.

Wie alles in Indien, so ist auch das Fahren auf der Eisenbahn eine Kunst, die man nicht von heute auf morgen lernt. Es ist hier nicht getan mit dem Fahrkartenkaufen, es ist nicht getan mit dem bloßen Fahren im Wagen. Tausend andere sehr wichtige Dinge kommen hier in Betracht, von denen sich die Schulweisheit eines blamierten Europäers nichts träumen läßt. Göttliche Unwissenheit des rucksackbewehrten Sahibs, der sich in alles das hineinstürzte, ohne eine Ahnung zu haben von den Klippen und Fallbrücken am Wege!

Schon gleich die erste Nacht auf der Eisenbahn begann mit einer Sünde wider den Geist des Landes. Es war eine drückend schwüle Nacht, die den Schweiß aus allen Poren trieb. Der Zug hielt auf einer großen Station, wo aus dem Menschengewimmel auf dem Bahnsteig eine beturbante Gestalt auftauchte, die aus einer kupfernen Schale Wasser spendete. Durstig drängte ich mich hinzu. Da wich der Menschenknäuel scheu auseinander. Die Haare standen allen zu Berge. Unerhörtes Unterfangen dieser Sahibzunge, die ihren Durst mit Hinduwasser löschen wollte! Schnell machte ich mich aus dem Staube. Aber während ich mich nun nach einer anderen Trinkgelegenheit umsah, stieß ich nur auf Inschriften, die mich drohend anstarrten wie Barrikaden: »Wasser für Hindus«, »Wasser für Mohammedaner«.

Und ehe ich noch den Wasserhahn für die europäischen Sahibs gefunden hatte, pfiff der Zug, und weiter ging es hinein in die schwüle, durstige Nacht. Bis heute habe ich den Hahn der Sahibs noch nicht entdeckt. Diese Sorte lebt nämlich von Whisky und Soda.

Mit der Vorsicht beim Wassertrinken ist es indes allein nicht getan. Auch sonst muß der Mensch auf Reisen in Indien sich vorsehen, daß er nicht Schaden nehme an seiner Kaste und seinem Herkommen. Vom orthodoxen Standpunkt des alten Anglo-Inders sind nur die erste und zweite Wagenklasse der Eisenbahn würdig der Benutzung durch einen europäischen Sahib. Aber die Fahrpreise für diese Klassen sind recht hoch, und wer da nicht ein Maharadscha oder ein Teppichhändler ist oder auf Regierungskosten reist, der wird das Geld einfach nicht aufbringen für eine Eisenbahnfahrt in diesem Lande der großen Entfernungen. So hat man denn ein Einsehen gehabt und eine sogenannte Mittelklasse eingerichtet, die zwar nicht viel besser als die dritte ist, auf der man aber wenigstens dem Sahib zu reisen erlaubt. Und diese Klasse ist billig. Für hundert Mark kann man von einem Ende Indiens zum anderen reisen.

Mit solcher Fahrkarte machte ich mich also auch auf die Reise. Denn ich war noch unwissend in Indien. Bald lernte ich es besser kennen, und nach einer Nacht auf der Eisenbahn war ich – allerdings zu spät – wie Gil Blas, der die Vögel singen hörte. Denn dieses ist die Bakschischbahn!

Schon der Mann, der die Fahrkarte ausstellte, schaute mich so sonderbar an, nachdem er die Arbeit getan hatte. Verlangend hob er die Hand. »Gimmi Bakschisch.«

Er bekam kein Bakschisch. – Auf dem Bahnsteig empfing mich der Zugführer selbst, ein sehr höflicher Herr. »Wie? Der Sahib wollen Mittelklasse fahren? Bitte, steigen Sie ein in die erste Klasse. Sie ist ganz leer. Kein Mensch fährt je darin, außer denen, die nichts bezahlen, und hie und da einmal der Vizekönig oder ein Maharadscha. Zwanzig Rupien bis Delhi –«. Das Angebot war verlockend. Aber wer konnte wissen, ob nicht einige Stationen später ein anderer freundlicher Herr noch einmal das Bakschisch verlangte? So tat ich, als ob ich nichts gehört hätte, und ging weiter. Die halbe Nacht war noch nicht vorüber, als ich an einer Haltestelle in einen Wagen der zweiten Klasse einstieg, um eine dort befindliche Eisenbahnkarte zu studieren. Wie ein deus ex machina stand der Schaffner vor mir »Gimmi Bakschisch«. Er bekam eine Rupie, und ich konnte fortan als zweitklassiger Sahib nach Delhi fahren.

Ist das nun Korruption? Ist es Bestechung? Indische Eisenbahnbeamte sind schlecht bezahlt und müssen einen hellen Ausguck halten nach Möglichkeiten, die einen kleinen Nebenverdienst bieten. Das Bakschisch ist eine geheiligte Institution des Orients. Wer seine Kosten überschlägt für eine indische Reise und dabei das Bakschisch nicht in Rechnung setzt, der gleicht einem Gläubigen, der den Teppich vergaß im Anblick der Moschee.

Und was wollte ich eben noch von indischen Eisenbahnen erzählen? Die Wege sind lang, und die Hitze ist groß in Indien. Wo einer bei uns drei Stunden lang fährt, muß er dort ebenso viele Tage und Nächte im Eisenbahnwagen braten. Darum macht es sich jeder bequem und richtet sich häuslich ein für eine lange Reise. Manche nehmen ihren ganzen Haushalt mit. Reisschüsseln, Teetöpfe, Berge von Betten.

Dritte Klasse? Mittelklasse? »It 's all in a name«, sagt der Engländer. In der einen haben sie noch Polster, für das man wirklich noch etwas draufzahlen wollte, wenn sie es herauswürfen. Sonst ist es aber da wie dort. Ein jeder sieht hier die Eisenbahn als Fortsetzung seines Haushaltes an. Wer indische Sitten studieren will, der braucht sich wirklich nicht nach einem Bungalow zu bemühen. Alles geht ebenso ungestört im Eisenbahnwagen vor sich. Es wird gekocht, gebraten, geschlafen, gegessen, es werden Hühner geschlachtet und Eier gelegt. Menschen sterben und werden geboren.

Menschen? Man braucht hier kein Diogenes zu sein, um Menschen zu suchen. Hier endlich ist ein Land, wo die Originale noch nicht ausgestorben sind. Da sieht man Männer mit schwarzpolierten Zähnen und knallrot gefärbten Barten und Haarschöpfen, die weithin über dem bunten Gewimmel leuchten. Da laufen Frauen mit grauen, strähnigen Haaren und Gesichtern, so schwarz wie chinesische Tusche, Abbilder von Hexen, wie sie schlimmer noch nie unter der Sonne gewandelt. Da geht ein wilder Bergbewohner barfuß bis zum Halse, hier schleicht in der Menge irgendein verkrüppeltes Wesen, das nach' einem bakschischschweren Sahib Ausschau hält. Und wieder sieht man da herrlich schöne Männer mit schwarzen Bärten und wallenden Gewändern, die ausschauen, als ob sie eben erst entlaufen wären aus einem Märchen von Tausendundeiner Nacht.

O Indien! Hättest du keine Burgen, keine Moscheen, keine Gärten voll Duft und Farben, keine Marmorschlösser, die sich in tiefen Seen spiegeln, so würde ich dennoch über Berge und Meere und tausend Gefahren kommen und als ein neuer Marco Polo durch deine Länder ziehen, nur allein um dieses bunten Gewimmels willen!

Weiter eilt der Zug. Nacht ist's. Der Monsum weht. Gewitter stehen grollend am Himmel. Es wetterleuchtet an allen Enden.

Eine große Brücke führte über einen breiten Fluß, dessen jenseitiges Ufer man kaum in den Nachtschatten erkennen konnte. Während wir langsam hinüberfuhren, schaute ich gespannt hinunter auf das schwarze Wasser, in dem sich die Sterne spiegelten. Kein gläubiger Hindu hätte es andächtiger betrachten können als ich.

Es war der Indus.

Oft schon hatte ich im Geiste an seinem Ufer gesessen, wenn drüben in Persien, im Kaukasus der Weg zu lang werden wollte. Nun zog er unter der Brücke hin und rauschte sein ewiges Lied, das schon so viele betört hat.

Und drüben am jenseitigen Ufer lag Indien, der Ganges, der Himalaya; der heiligste Strom, die höchsten Berge. Und neue Wunder und neues Wandern. –


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