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Im Lande Armenien

Geschäftstüchtige Bootsleute – »Bakschisch« – Fahrt nach Trapezunt – Home life im Zwischendeck – Sibirisches Anatolien – Trapezunt im Schnee – Eine unliebsame Überraschung – Madame nimmt sich meiner an – Eine griechische Schwäbin »avec le rucksack« – Schlimme Prophezeiungen – Karawanen im Schnee – Noch einmal die Polizei – Das Zauberwort – Seltsame Teevisite – Auf der Landstraße – Türkisches Gasthaus – Schwierige Unterhaltung – Mohammedaner wider Willen – Unfreiwilliges Fasten – Der Ramasan.

Lange hatte ich es mir überlegt: Angora oder Trapezunt. Das war die Frage. Die neue Stadt des neuen Landes stand groß wie eine Fata Morgana vor meinen Augen. Schon war ich an der Fähre von Skutari gestanden. Aber dann dachte ich noch zu rechter Zeit an die Dürre der anatolischen Landstraßen, an die Öde der Rasthäuser, an das Ungeziefer in den Lokandas und daran, daß die Herrlichkeiten Angoras wohl kaum das alles bezahlen würden, und so marschierte ich an jenem Morgen nach dem Dampfer, der mich nach Trapezunt bringen sollte. Mehr als einer schaute mir nach mit meinem Rucksack, nicht zum wenigsten die Sarafen (Geldwechsler), die aus ihren Buden herausgestürzt kamen auf die frühe Beute. Es gab ein babylonisches Durcheinander von allen Sprachen, die je über eine levantische Zunge gekommen. Schlechtes Französisch, zerhacktes Englisch, miserables Deutsch. Und Spanisch, Griechisch, Türkisch, Arabisch, Armenisch. Funkelnde Augen und funkelnde Pfundstücke in schmutzigen Händen. Und auf einmal hatte einer meinen Rucksack gepackt und rannte davon, so schnell ihn die Beine trugen. Ich natürlich hinterher in einer wilden Hetzjagd, die erst an der Anlagestelle der Boote ihr Ende fand. Ohne ein weiteres Wort warf er mein Hab und Gut in einen der Kähne und setzte sich auf die Ruderbank. Nun war es ja ziemlich einerlei, wem von diesen Hafenratten man das Geld für die Überfahrt nach dem Dampfer zukommen ließ. Seitdem sie keinen Fez mehr tragen, sind diese Efendis recht selbstbewußt geworden. Ein türkisches Pfund verlangen sie für die Bootsfahrt, und wenn es nur wenige Ruderschläge wären. Dennoch ärgerte mich der Bursche, der in seiner neugekauften Apachenmütze nicht eben vertrauenerweckend ausschaute. Wenigstens sollte er sehen, daß auch ein Franke noch überflüssige Zeit hatte. Ich setzte mich auf die Kaimauer und schaute noch ein wenig in die aufgehende Sonne und auf das erwachende Leben im Hafen. Da heulte die Sirene des Dampfers. Ich sprang ins Boot.

»Avanti!«

Der Bootsmann legte sich in die Riemen und wir schossen durch das Wasser. Da heulte wieder die Dampfsirene. Mit rasselndem Getöse kam der Anker hoch.

»Avanti, avanti! pronto, signorel«

Da legte der edle Efendi die Hände in den Schoß.

»Bakschisch!«

Ich protestierte, ich schimpfte, ich fluchte, ich wollte ihm die Ruder entreißen, aber drüben war der Anker schon oben an der Back. Langsam wendete sich der Bug dem Bosporus zu. Da war keine Zeit mehr zu verlieren. Er bekam seinen Bakschisch. Es war der letzte, der durch meine Finger gegangen ist in jener bakschischheischenden Stadt. Aber – weiß Gott – es war nicht das letzte Mal, daß orientalische Klugheit über den mangelnden Geschäftssinn dieses Franken triumphierte!

Langsam fuhr der Dampfer zum Bosporus hinaus bei glatter See und blauem Himmel, und inzwischen hatte man Zeit, sich ein wenig umzusehen in dieser neuen Welt. Die Schiffe, die in ihrer Kühnheit das Schwarze Meer befahren, sind wohl samt und sonders nicht mit Note 1 in Lloyds Register verzeichnet. Zumeist sind es alte Kasten, die sich sonst nirgendwo mehr hintrauen, und so mag es auch mit der guten alten »Sofia« vom Lloyd Triestino gewesen sein. Damals – in vergangenen besseren Zeiten, als noch die Flagge des Österreichischen Lloyd vom Heck wehte und fesche Wiener Offiziere auf dem Verdeck promenierten, mag es ziemlich schiffsgemäß hergegangen sein an Bord der Sofia. Nun aber ging es etwas reichlich schmuddelig zu. Deck und Zwischendeck waren lebendig wie ein Bienenschwarm mit seltsamen orientalischen Gestalten. An den unmöglichsten Stellen hatten sie sich eingenistet mit ihren Decken und Teppichen. Der Kapitän kam in höchsteigener Person und verbat sich die Disziplinlosigkeiten. Die Matrosen schimpften und redeten fleißig mit den Händen. Aber das Durcheinander wurde dadurch nur noch größer. Drunten im Zwischendeck roch es nach Knoblauch, Hammelfett und tausend anderen Dingen. Ein dicker Dunst nahm einem fast den Atem. Aber gerade hier schienen sie sich am wohlsten zu befinden. Ganz im düsteren Hintergrund hatte einer einen Kaffeeausschank aufgemacht, der fleißigen Zuspruch fand. Dicht nebeneinander saßen sie hier auf ihren Teppichen und schlürften das edle Getränk aus winzig kleinen Täßchen und rauchten gurgelnde Wasserpfeifen, von deren Spitzen die blauen Flämmchen wie kleine Leuchttürme in dem Dunkel des kahlen Raumes flackerten.

Derweilen wurde das Wetter immer schlechter. Die See ging hoch und warf zischende Spritzer über das Verdeck. Durch Tage und Nächte stampfte der alte Kasten weiter entlang der anatolischen Küste, die mit ihren mächtigen Schneebergen mehr nach Sibirien aussah, als nach Landstrichen, die auf der Höhe von Neapel liegen. Ab und zu hielt der Dampfer weit draußen auf der Reede vor einer kleinen Hafenstadt, die mit ihren hohen, weißen Häusern recht stattlich aussah. Und wirklich: stünde hier statt Moschee und Minarett ein heimatlicher Kirchturm, so könnte man sich ohne Mühe nach einem Kärntner oder steirischen Gebirgsort versetzt glauben, mit dem blauen Wasser vor Augen und den hohen Schneebergen, die den Horizont begrenzen.

Als wir auf der Höhe von Samsun angelangt waren, hatte das Wetter sich zu einem regelrechten Sturm ausgewachsen, mit polternden Sturzseen, die über das Verdeck hereinbrachen und wilden Schneegestöbern, die wie die Gespenster vorüber huschten in den fallenden Schatten der sinkenden Nacht. Aber während noch das Wetter raste, kam einer mit seinem Teppich auf die Back und verrichtete seine Gebete zu Allah. Er achtete nicht auf den Sturm, der sein Gewand nach allen Richtungen flattern ließ, er spürte nicht den Wind, der ihm die Schneeflocken ins Gesicht peitschte, während die Stirn nach den Geboten des Propheten den Teppich berührte und der Mund die dazu gehörige Koransure murmelte.

»Allah hu akbar!«

Am anderen Tage stiegen im dämmernden Morgen die hohen Berge von Trapezunt aus dem Wasser. Etwas anders hatte ich sie mir schon vorgestellt, zum mindesten etwas sommerlicher. In der Ferne türmten sich die Schneegipfel hoch übereinander, und auch an den nächsten Küstenhängen zog sich die weiße Decke fast bis zum Saum des Meeres. Die Stadt selbst zeigte sich recht ansehnlich mit ihren hohen, weißen Häusern, die aussahen, als ob sie eben den steilen Hang hinunter ins Meer rutschen wollten, mitten in die Brandungswellen, deren weiße Gischt haushoch an den schwarzen Felsen hinauflief.

Noch ehe der Anker niederfiel, war das Meer ringsum belebt von langen, gondelartigen Booten, die bald hoch oben auf den Wellen tanzten, bald tief zwischen Wellentälern vergraben schienen. Es war immerhin ein Wagnis, sich solcher Nußschale anzuvertrauen, aber es ging wider Erwarten gut, und die aufbäumende See setzte uns ganz von selbst auf das Pflaster der kleinen Mole, die halb vergraben war unter den Sturzseen. Der erste, der mich hier in Empfang nahm, war natürlich ein Schutzmann. Denn nirgendwo ist die Polizei so streng und so neugierig wie in Anatolien. Nirgendwo wird so sehr wie dort der ankommende Fremdling auf Herz und Nieren geprüft. Jedes einzelne Gepäckstück, bis zum letzten schmutzigen Hemd, wird sorgsam auseinandergefaltet und ausgebreitet vor dem Auge des Gesetzes. Besonders verdächtig aussehende Individuen – und das waren beinahe alle – müssen sogar die Schuhe ausziehen, damit die hohe Polizei sich von ihrer Ungefährlichkeit überzeuge. Nachdem dann noch das Rockfutter sorgfältig auf etwa vorhandene Waffen abgetastet wurde, ist der Weg endlich frei bis zur nächsten Schikane. –

Jenseits des Zollhäuschens lag die Stadt, oder doch das, was in Anatolien unter diesem Namen geht. Eine enge, mit spitzen Kopfsteinen unordentlich gepflasterte Straße führte steil hinauf in eine wahre Rumpelkammer von baufälligen Häusern und Hütten. Zu sehen war von dem allem nur recht wenig, denn der mit Schnee gemischte Regen kam wie mit Kübeln vom Himmel. Schon manches Unwetter hatte ich erlebt in meinem Leben, aber solches noch nie. Die Brandung tobte an der Mole, die weiße Gischt spritzte bis in die Gassen. Längst schon war kein trockener Faden mehr an mir. Weit und breit war kein Mensch zu sehen, nicht einmal einer der Hotelportiers, deren Aufdringlichkeit in fremden Städten man so oft verwünscht und die man doch so sehr vermißt, wenn sie nicht da sind. Ich muß es gestehen: mir war zum Weinen übel bei solchem Empfang in einem Lande, von dem ich mit Fug und Recht nur Sommer und Sonne, nur Palmen, Teppiche und Kamele erwartet hatte. Ich ging zurück zur Zollwache und versuchte meine Sprachkünste an einem der Beamten. Ich probierte es mit Französisch. Da schüttelte er den Kopf. Ich redete Englisch. Da zuckte er die Achseln. Ich setzte das Gespräch auf Spanisch fort. Das kam ihm spanisch vor. Keinen besseren Erfolg hatte ich mit Italienisch, Portugiesisch und was ich sonst noch von fremden Sprachen wußte oder zu wissen glaubte. Das machte mich einigermaßen konfus. Ich schaute auf den Regen, den Schnee und in die nassen Gassen.

Wohin in dieser fremden, feindseligen Welt?

Da kam ein kleiner zerlumpter Junge herangestürzt und packte meinen Rucksack.

»Hotel alama!« sagte er, indem er mich einladend anschaute mit seinen schwarzen, funkelnden Augen. Dann rannte er davon mitsamt meinem Rucksack. Ich hinterher. Eine halbe Stunde lang ging die Hetzjagd weiter durch die engen Gassen, in denen der Regen raste. Endlich hielten wir vor einem weißen, hoch auf dem Berge gelegenen Hause, an dem auf einem Schilde in großen Buchstaben zu lesen stand: »Pension Suisse«. Der Junge zog an einer altmodischen Glocke, die einen Höllenlärm verursachte. Eine türkische Dienerin, die ganz Schleier war, öffnete das Tor zu einem Hof, in dem dunkle Oleander und stattliche Feigenbäume in der triefenden Nässe standen. Sogleich kam Madame, die Besitzerin des Hauses, die mich mit einem großen Aufwand von Gesprächigkeit in den Salon komplimentierte.

Madame sprach fließend Französisch und gab sich auch als Französin aus, wenn es ihr gerade vorteilhaft erschien, denn – mon Dieu! – man war im Orient, und da mußte man mancherlei tun, wenn man sich in Ehren durchbringen wollte als alleinstehende Frau! Sonst aber war sie eine Griechin; eine Griechin freilich nur durch Heirat, während sie vorher – ja was war sie vorher nur schnell und jetzt wieder, seitdem ihr lieber Mann das Zeitliche gesegnet hatte, jetzt zumal, wo niemand in der Türkei so unpopulär war wie die Griechen? – Ach ja, richtig, das wars! eine Schweizerin! Das klang solide und war neutral. Niemand konnte einem etwas anhaben in diesen unruhigen Zeiten. »Pension Suisse« stand auf dem Schilde. Wer konnte ihm das ansehen, daß die Inhaberin aus dem württembergischen Gäu, so ungefähr aus der Gegend von Biberach, stammte? Das war ohnehin nicht allzuweit von der Grenze. Die Notlüge war nicht allzu groß, und »caro mio!« meinte sie mit resigniertem Augenaufschlag, »das müßte nicht die schlimmste sein, die man begeht auf dieser Welt!«

Während sie noch so schwatzte, war es spät geworden und die Pensionsgäste kamen nach Hause. Es war in der Tat eine kosmopolitische Pension in des Wortes verwegenster Bedeutung, eine unfreiwillige Berlitzschule. An einem Tische saßen ein junger Schweizer, ein Grieche, ein Engländer und ein Franzose. An einem anderen eine Gesellschaft von älteren Herren, die keiner Nation angehörten und alle Sprachen sprachen. Einer dieser letzteren, der der Sprache und dem Aussehen nach ebensogut ein Franzose wie ein Grieche oder Armenier sein konnte, erkundigte sich nach dem Woher und Wohin.

»Nach Erserum«, sagte ich. »Und von dort weiter nach Persien.«

»Avec le rucksack?«

»Natürlich.«

»Und sonst nichts?«

»Sonst nichts.«

Ein alter, etwas schwerhöriger Herr mischte sich nun ins Gespräch.

»Rucksack – qu'est-ce que c'est ça – ah, le sac au dos. – Und damit wollen Sie über die hohen Berge kommen, wo jetzt zehn Meter Schnee liegt? Und ohne ein Wort türkisch zu können. Und jetzt, mitten im Ramasan, wo man ohnehin tagsüber nichts zu essen bekommt? Sie werden verhungern, Herr, noch ehe der Monat zu Ende ist.« Er sagte das mit viel Überzeugung und fügte dem gleich noch mehrere andere düstere Prophezeiungen bei, bis der Diener das Nachtessen brachte, das die Gedanken in freundlichere Bahnen lenkte.

Nach dem Essen erzählte Madame von ihren Abenteuern, und die waren wahrlich der Rede wert. Seit sieben Jahren war sie nicht mehr aus Trapezunt herausgekommen, und dennoch hatte sie hier den ganzen Weltkrieg im kleinen erlebt. Sieg und Niederlage, fremde Besatzung, Wiedereroberung und Vergeltung und zu allerletzt noch den Teufelstanz der Armeniermorde. Einige der Gäste, die auch dabei gewesen waren, mischten sich ins Gespräch, und so wurde es eine eigenartige Unterhaltung, wie diese Menschen ohne alle Erregung und Leidenschaft von Mord und Verrat, von Straßenkämpfen und Straßenmassakern, von Verbannungen und Ausweisungen wie von den selbstverständlichsten und alltäglichsten Dingen redeten. Madame war keine Freundin der Armenier.

»Sie sind eine Nation von Denunzianten«, sagte sie wegwerfend.

»Auf jeden Fall haben sie angefangen mit ihrem Verrat an die Russen«, meinte der Engländer.

»Die Türken sind freilich auch keine Engel«, warf ein anderer ein und fand allgemeine Zustimmung.

Es war ein grausiges Thema, das noch an meinen Nerven zerrte, als ich allein in meinem Zimmer war, wo die Geister der Erschlagenen in allen Ecken hockten. Von dem Fenster hatte man eine weite Aussicht auf die Stadt, die sich mit ihren weißen Häusern am Hügelhang hinzog und auf das nachtschwarze Meer, das wilderregt die funkelnde Brandung gegen die steile Küste warf. Wie dumpfer Kanonendonner kam es von drunten herauf. Die Wolken hatten sich verzogen, und die Sterne funkelten unheimlich groß in der kalten Luft. Kalt war es wie in Sibirien. Und doch waren wir schon im April und auf der Höhe von Neapel. Und doch schauten Oliven- und Feigenbäume über die Mauern, und doch sah man an den Abhängen blühende Pfirsich- und Aprikosenbäume, denen ein blauer Rivierahimmel bedeutend besser zu Gesicht gestanden hätte. Und doch standen hier hohe, schwarze Zypressen, wie ein stummer Protest auf dieses sibirische Wetter. Wie anders war doch dieses Trapezunt als das, das ich mir in meiner Phantasie ausgemalt hatte! Ich schaute auf das wilde Meer und wieder hinüber zu den noch wilder aussehenden Schneebergen, über die der Weg nach Persien führte und dachte an alles das, was man mir an diesem Abend erzählt hatte von den Schrecken des langen Weges, und es kam mir vor, als ob ich eine Reise nach Alaska vorhätte, aber nicht eine nach dem Lande der Teppiche und der Sonne. Und während ich noch so schaute, ertönte auf einmal melodisches Glockengeläute zwischen den hohen Lehmmauern, die die Straße säumten, und im fahlen Lichte der Nacht zog eine Karawane vorüber. Zuerst ein Treiber in langem, blauem Rock und Turban, phantastisch aufgeputzt im unsicheren Lichte der Laterne. Dann die noch phantastischeren Gestalten der Kamele, würdig schreitend, mit gemessenen Schritten im Dunkel der Nacht. Zuweilen hörte man ein Grunzen, zuweilen ein Brüllen und immer wieder das Läuten der Glocken von fern und nah.

Lange schaute ich ihr noch nach, bis die letzte Gestalt von der Nacht verschlungen war und die letzte Glocke in der Ferne verhallte. Dann legte ich mich zufrieden zu Bett.

Ja doch, wir waren auf dem richtigen Wege nach Persien. – –

Am anderen Morgen machte ich mich frühzeitig auf den Weg zu einem Kampfe mit den zuständigen Stellen. Der Wali in Konstantinopel ist nur zuständig für die Ausstellung eines Erlaubnisscheines für die Landung in einem anatolischen Hafenplatz, wo man dann alles weitere mit dem dortigen Wali abmachen mußte. Würde der ein Einsehen haben? Das war die große Frage, auf die man mir auf der deutschen Gesandtschaft schon im voraus eine Antwort gegeben hatte. – Ausgeschlossen! Das ganze Hinterland, von Trapezunt bis nach Persien, sei in Gärung infolge des Kurdenaufstandes. Zudem sei das Land Aufmarschgebiet gegen den britischen Jack wegen des drohenden Mossulkonflikts. Seit sechs Monaten sei kein Europäer mehr über diese Straße gegangen, und heute, wo das alles auf Spitz und Knopf stehe, ginge eher ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Franke über Erserum nach Persien.

Alle diese Reden waren mir schon während der ganzen Reise im Kopf herumgegangen. Nächtelang konnte ich nicht schlafen vor Angst und Aufregung, und nun, wo es sich um Sein oder Nichtsein aller meiner schönen Pläne handelte, war ich vollends ein Opfer nervöser Überreiztheit. Das mit den sechs Monaten hatte schon seine Richtigkeit. In diesem Zeitraum – so erklärte man mir – seien zwar immer ab und zu unternehmende Persienwanderer in Trapezunt aufgetaucht, aber keiner habe die Erlaubnis zur Weiterreise bekommen. Erst vor wenigen Wochen habe man eine Gesellschaft von fünf deutschen Ingenieuren zurückgewiesen. Alles das waren trübe Aussichten, und so war es in der Tat ein großes Glück im Unglück, daß mich der Junge mit meinem Rucksack zu so lieben Menschen geführt hatte, die sich mit ihrer orientalischen Land- und Menschenkenntnis in Hilfsbereitschaft ordentlich überboten. Zumal André, der etwa zwanzigjährige Sohn der Madame, der ganz ausgezeichnet Türkisch sprach, begleitete mich getreulich auf meinen Wegen und spielte den Dolmetscher bei den verschiedenen Efendis, mit denen ich allein niemals fertig geworden wäre. Es war ein aufreibendes Geschäft. Ein hastiges Umherlaufen im strömenden Regen, der kein Ende nehmen wollte, ein Antichambrieren in den zahllosen Büros. – Doch ich will die lange Geschichte von den Efendis und Paschas nicht noch einmal erzählen. Der Himmel ist hier hoch und Angora ist weit und deshalb geht es auch weniger formell auf den Ämtern zu. Der gute André versäumte nicht, in seinen Reden gelegentlich das Zauberwort einfließen zu lassen: »Aleman.«

Dann hellte sich stets die finstere Amtsmiene auf, und ein Diener erschien auf der Bildfläche mit einer Tasse Kaffee. – Ja, und nachdem ich zwanzigmal Kaffee getrunken, hatte ich auch den Erlaubnisschein für die Reise nach Erserum in der Tasche. Inzwischen waren aber zwei Tage darüber hingegangen, während deren ich reichlich Zeit gehabt hatte, mich in der Stadt umzusehen. Trapezunt ist trotz seiner seit tausend Jahren feststehenden Bedeutung als Ausfuhrhafen für persische Landesprodukte, eine fast noch verschlafenere Stadt als andere Ortschaften des Orients es gewöhnlich zu sein pflegen, zumal jetzt, wo das fortschrittliche Element der Griechen und Armenier vertrieben oder auf andere Weise ausgerottet war. Eine Filiale der Banque Ottomane führt ein armseliges Dasein, ein paar Geldwechsler schlafen hinter ihren Kästen. Straßenpflaster im modernen Sinne ist ein unbekannter Begriff, die elektrische Beleuchtung ist nie richtig über das Versuchsstadium hinausgekommen. Aber selbst diese kümmerliche Herrlichkeit hat ein Kinotheater, in dem eben die Wunder und Schrecken des großen Superfilms »Die Mädchenhändler von Neuyork« über die Leinwand gingen. Dann gibt es noch städtische Anlagen mit verdorrten Bäumen, denen die Ziegen das Lebensmark abgenagt haben, vor allem aber viele Kaffeehäuser, die ja von Konstantinopel bis Trapezunt noch immer die wahre Heimat sind für jeden echten türkischen Mann. –

Das größte und schönste Haus am Platze, das in seinem modernen Villenstil wie eine Beleidigung wirkte für seine malerisch-romantisch-schlampige Umgebung, war das Bolschewikikonsulat. In Friedenszeiten war es noch Kaiserlich-russisch gewesen, aber Zeiten und Menschen haben sich seither geändert. Zufällig traf ich den früheren russischen Konsul auf der Straße. Er hatte den armenischen Feldzug als Offizier mitgemacht und besaß von der Zeit her noch eine Generalstabskarte der Gegend von Erserum, die er mir zeigen wollte. So gingen wir zusammen nach seiner Behausung. – Schon manche Bohèmebude habe ich in meinem Leben gesehen, aber solche noch nie! Die ehemalige französische Schule diente als Flüchtlingsheim für vertriebene Russen, die nun schon seit Jahren hier hausten und sich inzwischen stattlich vermehrt hatten. In den Gängen tummelten sich unzählige Kinder. Jede Familie bewohnte einen ganz kleinen Bretterverschlag für sich, den sie nach ihrer Phantasie mit Wanddekorationen versah. Der meines freundlichen Gastgebers war reich geschmückt mit Bildern von Koltschak, Wrangel und Denikin und mit bolschewistischen Greuelszenen aus russischen Emigrantenblättern. Madame – eine noch recht jugendlich aussehende Dame mit feschem blondem Bubikopf – sprach fließend Deutsch, und kein Wunder, denn sie war die Tochter eines baltischen Barons. Das einzige Möbel im Zimmer war ein windschiefer Ofen, auf dem ein Samowar brummte. Im ganzen waren nur zwei Gläser vorhanden, aber auch damit hielten wir eine recht ausgiebige Teevisite. Monsieur prophezeite den demnächstigen Zusammenbruch des bolschewistischen Staates, und Madame schwelgte in Erinnerung seliger Tanzabende auf baltischen Schlössern. Dazwischen tummelten sich Scharen von kleinen Buben und Mädchen. Nachbarsleute, die, nur durch eine dünne Bretterwand getrennt, auf der anderen Seite wohnten, kamen herüber und setzten sich auf Kisten und Betten und machten Konversation wie in einem Petersburger Salon. Und überall war der scharfe Geruch von Armut und Not und frischgewaschener Wäsche und schönem russischem Tee und billigen Zigaretten. Der Konsul a.D., der ein außerordentlich beschlagener Mann war in orientalischen und besonders in armenischen Dingen, ein wandelndes »Who's who in Turkey«, gab mir noch allerlei nützliche Winke, die ich begierig aufsaugte, denn ein wenig gruselte mir doch vor dem langen Wege über das Gebirge. Zum Schluß übergab er mir noch einen Brief für seinen Vetter, ebenfalls einem Emigrantenoffizier, der zur Zeit in Teheran lebte. Diesen Brief trug ich getreulich über alle Berge des armenischen und persischen Landes, aber abgeben konnte ich ihn nur der Witwe, denn er selbst war kurz zuvor ermordet worden. –

Es war also, alles In allem genommen, nicht so sehr weit her mit den Wundern dieser Teppichstadt, und niemand war froher als ich, als ich ihr endlich den Rücken kehren konnte, wohlversorgt mit allerlei schönen Dingen und Ratschlägen der guten Pensionsmama, die durchaus nichts von einer Rechnung wissen wollte.

So machte ich mich mit großen Schritten auf den langen Weg. Es war Sonntag, und da an diesem Tage die Christen nicht arbeiten und die Türken ohnehin alle Tage Sonntag haben, war fast kein Mensch auf der Straße. Zum erstenmal seit meiner Landung in Anatolien begann der Himmel sich aufzuklären, die mürrischen Wolken waren alle verflogen, und es war, als ob das Wetter selbst seiner Befriedigung Ausdruck geben wollte über diese Wendung des Geschicks. So schön hatte die Sonne schon lange nicht mehr geschienen. So blau hatte der Himmel schon lange nicht mehr gelacht über den Orangen- und Feigenbäumen, die alle sich zu recken und strecken schienen in der Ahnung des kommenden Frühlings. Das Meer war dunkelblau, und ringsum standen auf felsigem Berghang die weißen Häuser in der hellen Sonne, als ob man nicht hier unten, fern in der Türkei, sondern irgendwo an der dalmatinischen Küste wanderte.

Von Trapezunt nach Erserum fahren Autos in den Sommermonaten. Im Frühjahr aber, wenn die Wege in den Tälern von Wildbächen überschwemmt werden und die Gebirgspässe tief unterm Schnee vergraben liegen, muß man schon mit Schusters Rappen als Reittier vorlieb nehmen, wenn man nicht die Postkutsche benutzen will, die in ihrer holprigen und obendrein noch sehr kostspieligen Primitivität so gar nichts gemein hat mit der alten, schönen Romantik derer, die einstmals Eichendorff begeisterte.

Aber das Laufen fällt einem nicht schwer in diesem Lande, auch wenn man lange schon die Meeresküste hinter sich gelassen hat und durch die engen Gebirgstäler den Schneebergen entgegenwandert, die in der Ferne unter dem blauen Himmel stehen. Es ist, als ob man durch die Vortäler der Alpen wanderte. Die hellen Bäche springen von den Felsen, die Vögel singen über blumigen Wiesen, und überall leuchtet und lächelt der Frühling!

Am auffälligsten machen sich die schimmernden Kätzchen der Haselnüsse bemerkbar. Denn dies ist das Land, in dem die Haselnuß Königin ist. Sie wuchern an allen Wegrändern, sie stehen dicht auf den kleinen Inseln des rauschenden Flusses, man sieht sie an den Berghängen in langen, geraden Reihen wie die Obstbäume. In Trapezunt gibt es Fabriken, die sich mit der Entkernung der exportierten Nüsse befassen, und die Schalen sind das bevorzugteste Brennmaterial in den Öfen jener Stadt.

Auf den ersten Blick ist hier alles wie in Deutschland. Und doch so anders! Kein Leben in der Landschaft, keine weißen Häuser hinter grünen Bäumen, keine Glocken, die in den Tälern klingen. Nur kahle Hütten aus braunem Lehm, verfallene Friedhöfe, über denen die Raben krächzen. Kein freundliches Dorf mit stolzen Wirtshäusern, die zur Einkehr laden. Wenn irgendwo auf der Erde der Spruch »Mein Haus, meine Burg« eine Wahrheit ist, so in diesem Lande. Unnahbar wie die Burgen schauen die Häuser zumeist von hohen Felshängen herunter auf die Straße. Nur ab und zu, in Entfernungen von etwa 25 bis 30 Kilometer, trifft man auf so etwas wie ein Gasthaus für die zahlreichen Karawanen, die die Straße bevölkern.

Das ist der Han. Ein Gasthaus à la Turka ist das freilich; ländlich, schändlich, mit recht wenig Bequemlichkeit, von modernem Komfort gar nicht zu reden. In ihrer nüchternen Ärmlichkeit erinnern sie an die »Tambo« genannten Unterkunftsstätten der bolivianischen Hochländer, die überhaupt viel Ähnlichkeit mit diesen Gegenden haben. Im fahlen Lichte des sinkenden Tages kommt man vorbei an Lehmgebäuden, in denen in langen Reihen die Kamele knien, und gelangt schließlich in eine Hütte, in der ein rotglühender Ofen eine angenehme Wärme, aber auch dicke, beißende Rauchwolken verbreitet, die alles in einem dichten Nebel verhüllen. Man tritt hinein.

»Salem Aleikum.«

Was sagt man aber weiter? Südländer – und man muß doch wohl auch die Türken zu diesen zählen – sind im Allgemeinen nicht blöde, wenn es sich um die Unterhaltung eines Gastes handelt. Und wenn sie auch kein Wort von dessen Sprache verstehen, so gab ihnen doch ein Gott zu sagen, was sie leiden, mit Händen und Füßen und wilden Grimassen. Wer einmal in Neapel oder Palermo gewesen ist, wird das ohne weiteres bestätigen. Dem Türken aber ist diese Gabe versagt, und wessen Gehirn da noch einem leeren Blatte gleicht, auf dem die türkischen Vokabeln erst noch geschrieben werden müssen, der hat kein Ende der Schwierigkeiten. Aber du bist müde, du bist hungrig, du möchtest essen und schlafen. Du versuchst es mit einem kleinen Sprachführer. »Was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen«, sagt Mephisto. Du schlägst nach beim Kapitel Gasthof.

»Haben Sie ein möbliertes Zimmer frei?«

Nein, das geht nicht.

»Lassen Sie mir mein Zimmer heizen.«

Auch das nicht.

»Besorgen Sie mir bitte einen Gepäckträger.«

Das klingt reichlich unpassend.

Aber am Ende hat man sich doch verstanden, und du hast dich einigermaßen zurechtgefunden in dieser fremden Welt. Der Hodscha tritt hinaus ins Freie und singt das Abendgebet mit lederner Lunge. Dann kommt das Nachtessen. Mitten auf dem Tisch steht die große Joghurtschüssel, und jeder greift zu mit seinem großen Löffel. Sie tun es mit viel Eifer, denn sie haben viel nachzuholen in diesem Fastenmonat Ramasan, in dem es nur eine Mahlzeit gibt. Auf dem erhöhten Postament im Hintergrund breitest du deine Decke aus und legst dich schlafen und schaust noch eine Weile in das verglimmende Feuer im Ofen und hörst auf das dumpfe Klingen der Glocken einer vorüberziehenden Kamelkarawane.

Und noch ehe du recht eingeschlafen, weckt dich vor Tagesanbruch das Schellengeklingel der aufbrechenden Pferdetruppe. Du packst dein Bündel und wanderst weiter mit nüchternem Magen. Denn wie gesagt: wir sind im Ramasan. Da ist es eine der sieben Todsünden, wenn man am Tage etwas zu sich nimmt. Für Geld und gute Worte gibt es nichts zu kaufen, auch nicht für den Gjaur.

So wanderst du billig, aber hungrig als fremder Ungläubiger durch die frommen Tage und Nächte des heiligen Monats Ramasan.


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