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Durchs wilde Kurdistan

Kardasch, der Herr der Landstraße – Primitive Wohnkultur Das Mistloch als Ofen – Politik in der Erdhöhle – Mähändis? Hindenburg als Kurdenscheich – Lange Wege und heilige Umwege – Der Pflug, mit dem Noah pflügte – Am Fuße des Ararat – Das Blockhaus mit der Fahne – Endlich in Persien!

So war ich nun glücklich wieder auf der Landstraße. Wieder ein Wandersmann, noch einmal ein »Kardasch« für diesen und viele andere Tage. Kardasch – oder Arkadasch. Wer je auf türkischen Landstraßen gewandert, der weiß, was dieses Wort bedeutet.

Was bedeutet es nur?

Ich sehe im Wörterbuche nach: »Kamerad, Reisegefährte.« Ist das alles? O nein! Ein Arkadasch ist ein Ding, ein orientalisches Ding, das es nur auf türkischen Landstraßen gibt, ein Begriff, den niemand völlig deuten kann. Kommst du in ein Haus oder eine Hütte, und sie nennen dich Kardasch, so bist du sicher und geborgen, tun sie es nicht, so magst du Ausguck halten nach den Böen, die voraus liegen. Kardasch nennt dich freundlich der dir Begegnende, oder er tut es nicht, und dann weißt du, was er von dir hält. Denn der Kardasch, das ist der Mann, dem die Landstraße gehört, der auf ihr zu Hause ist, er ist selber ein Teil der Landstraße. In jenen wilden, fernen, eisenbahnlosen Gegenden müssen die Leute oft weite Reisen machen, die sie wochenlang auf der Straße festhalten. Es ist ein mühsames Geschäft im Brande der Sonne und in der Kälte der Berge, und man kommt dabei auf wunderliche Gedanken, die sich einem wie die Kletten an die Rockschöße hängen. Aus diesem Grunde sieht sich jeder zuvor nach einem Kardasch um, der dieselbe Reise macht und mit dem man eine Aussprache haben kann. So sieht man sie immer zu zweit, zu dritt oder in noch größeren Scharen, aber niemals unisolo ihre Straße ziehen. Ein Mensch ohne Kardasch wird einfach nicht für voll genommen, und ich wundere mich darum nicht, daß sie es auch bei mir nicht taten, der ich keinen anderen Kardasch hatte als den Rucksack, den ich mit mir führte.

In der Tat: wenn man in langen Tagen durch phantastische Gebirgsschluchten oder über Höhen wandert, in denen nichts zu sehen ist als das Grün der Landschaft und die Schneeberge, die in der Ferne blitzen, so kommen Stunden, in denen die Einsamkeit sich wie ein Alp auf die Seele legt und man ein Diogenes wird, der die Menschen mit der Laterne sucht. Mit Freuden begrüßt man dann das Herannahen eines Dorfes.

Von türkischen Dörfern und ihren kümmerlichen Herrlichkeiten habe ich schon geschrieben. Gibt es aber Worte genug, um die Jämmerlichkeit der Ansammlung von Erdhöhlen zu beschreiben, in denen in der Einsamkeit der Gebirgstäler hinterwärts von Erserum die Kurden hausen? Diese Menschen haben in der Tat alle Rekorde geschlagen in der Genügsamkeit auf dem Gebiete der Wohnkultur. Wäre nicht das Gekläff der Hunde und wäre da nicht der durchdringende Geruch verwester Tierleichen, der einem die Nase füllt, man könnte wahrlich bei Nacht und Nebel über ein solches Dorf hinwegschreiten, ohne es zu merken. Die fensterlosen, halb in der Erde vergrabenen Behausungen gleichen aufs Haar den Erdhöhlen, die sich die Eskimos in ihren Winterquartieren bauen. Beim Herannahen des Fremden begrüßt ihn die ganze Einwohnerschaft, mit der Neugier, die dem Dorfbewohner aller Länder eigen ist. Auch die Weiber kommen ungeniert und unverschleiert herbei und belieben sogar zu schäkern mit denen, die ihnen etwas abkaufen. Ein Ei kostet hier einen Pfennig! Die Milch ist auch nicht viel teurer. Das Brot – oder was dort so unter diesem Namen kursiert – ist eine seltsame Substanz, die anscheinend aus Stroh gebacken und mit Mist gestreckt ist. Aber sie haben dort auch eine Götterspeise, die alle Sünden türkischer Küche wieder gut macht, und die heißt Joghurt.

Wie gesagt: das Erscheinen eines richtigen à la Franka gekleideten Europäers wirkt wie eine Sensation, von der sie monatelang zehren. Es ist nicht anders, als wenn ein Tanzbär auftaucht. Die Jugend, die zumeist barfuß bis zum Halse ist, drängt sich dicht heran und starrt den Fremdling an, wie ein nie gesehenes Wunder. Die Männer, die offenbar auch nie etwas zu tun haben, setzen sich dicht neben dich auf die Bank aus Mist, die vor dem Hause steht, und beobachten jede deiner Bewegungen, die sie eifrig kommentieren. Sie nehmen dir den Hut ab und setzen ihn auf und fragen, wieviel der wohl koste in Alemannia. Sie untersuchen deinen Rock auf seine Qualität und erkundigen sich nach dem Preise deiner Schuhe. Die Hunde, die Katzen, die Schafe, die Kamele starren dich alle an, bis du endlich zahlst und weitergehst. Der Dorfälteste nimmt das Geldstück in Empfang und betrachtet es mißtrauisch von allen Seiten. Mehrmals beißt er darauf mit seinen zwei Zähnen. Mit einer türkischen Pfundnote könnte man verhungern in diesem Lande. Niemand könnte darauf herausgeben. Niemals habe ich Leute gesehen, die so wenig Geld hatten und doch so geldgierig waren wie diese!

Am späten Abend geht dann das Theater noch einmal los, nur daß es einem mehr auf die Nerven fällt, weil man noch müder ist. Wahrlich, es graust einem zuweilen vor den Höhlen, in denen man hier übernachten muß! Wie Menschen in solchem Platze ihr ganzes Leben zubringen und nicht samt und sonders an der Pest zugrunde gehen, ist mir nicht verständlich. Durch einen schmalen Eingang kommt man in einen völlig dunklen Raum, in dem man über Pferde, Schafe und Hunde stolpert. Ein scharfer Mistgeruch nimmt einem fast den Odem weg. Ganz im Hintergrund der Höhle befindet sich das, was man mit viel Kühnheit als das Wohnzimmer bezeichnen könnte; ein völlig kahler Raum, der nur spärlich beleuchtet ist durch den kümmerlichen Lichtstrahl, der durch eine Öffnung in der Decke fällt. In der Mitte des Raumes befindet sich der Backofen, der aus einem etwa ein Meter tiefen Loche besteht, in dessen Grunde jenes Brennmaterial schmort, das man in Argentinien leña de vaca, Kuhholz, zu deutsch getrockneten Kuhmist, nennt. Bei sinkender Nacht versammeln sich alle Glieder der Familie mit allen Kindern und Kindeskindern in dem Raum, hängen die Füße in den Backofen und trinken eine Tasse Tee nach der anderen. Dann wird der zugereiste Fremdling noch einmal gründlich ausgefragt nach dem Woher und Wohin, nach dem Preise seiner Kleider, nach dem Stande seines Vaters und Großvaters, nach seinem Stande und Ehestande, und dann kommt immer die unvermeidliche Frage: »Mähändis?«

Und das ist auch noch so ein vieldeutiges Wort der türkischen Sprache. Mähändis ist alles und jedes; es ist die Ausrede, die jeder reisende Abenteurer durch das Land trägt, wenn ihm sonst nichts Besseres einfällt. Ein Mähändis ist z. B. ein Ingenieur. Er kann aber auch bloß ein Monteur, ein Mechaniker, ein Schlosser, ein Chauffeur sein. Mähändis ist jeder, der nicht gerade berufsmäßig mit Schafen und Ziegen zu tun hat. Wenn sie dann ihre Neugier endlich befriedigt haben, gleitet das Gespräch so zwanglos hinüber auf das Gebiet der hohen Politik, auf dem sie alle ganz erstaunlich Bescheid wissen. – Ob der Padischah von Deutschland noch immer in Sankt Helena sei? Und wieso es denn gekommen sei, daß der Padischah von England mit seinem Schiff ertrunken sei auf der Reise nach Rußland? Und dann kam unweigerlich das Gespräch auf Hindenburg. In den Augen dieser Naturmenschen hatte der deutsche Feldherr sich ausgewachsen zu einer Art überirdischem Wesen. Zu einem Recken, der imstande war, mit einem Faustschlag den größten Franzosenscheich zu Brei zu schlagen, zu einem orientalischen Halbgott voller List und Tücke, der sich nur tot stelle, um eines Tages um so furchtbarer Abrechnung zu halten mit seinen Feinden. Denn an Deutschland glaubten sie alle blind. Eines Tages kam ich ins Gespräch mit einem vornehmen Kurdenscheich, einem großen, blauäugigen, blondhaarigen Manne, der ziemlich geläufig Deutsch sprach, das er als ehemaliger türkischer Offizier auf der Konstantinopeler Kriegsschule gelernt hatte. »Zu Zeiten des guten alten Abdul Hamid – Allah segne seinen Schatten! – war der Kurde frei«, sagte der Scheich, »und reich. Es gab Scheichs, die bis zu zehntausend Schafe hatten. Kein Fremdling durfte ihr Gebiet betreten, der nicht im Zelte mit dem Scheich die Pfeife geraucht oder im anderen Falle mit dessen langer Flinte Bekanntschaft gemacht hätte.« – Guter Abdul Hamid, der wie ein Vater für die Gläubigen war und den Kurden die besten Generalsposten reservierte.

Es ist wahrlich eine endlose Straße, die über die kaukasischen Berge von Kleinasien nach Asien führt! Wieviele Kilometer es sein mögen? Ich weiß es nicht. Wieviele Meilen? Ich habe es vergessen in der Tretmühle der immer gleichen Tage. Jedenfalls aber sind sie von der dehnbaren Sorte, die jener Indianer der argentinischen Pampa meinte, den ich einmal nach der Entfernung bis zur nächsten Estancia fragte. »Im Trab«, sagte er mit einem geringschätzigen Blick auf mein Pferd, das so heruntergekommen ausschaute wie sein Reiter, »in einem so langsamen Trab sind's sechs Meilen; aber im Galopp, mit einem guten, fetten Pferde sind es bloß zwei.«

Aber der Türke rechnet nur nach Stunden, und in diesem Lande haben sie entweder andere Stunden oder andere Beine als in anderen Ländern, längere Beine und kürzere Stunden.

Wie schön, wie heimatlich anmutend ist dieses Land mit seinen Blumen, die zwischen den Steinen leuchten, mit den Kühen, die auf grünen Matten träumen, den Wildbächen, die über die Felsen springen! Auf steilen Wegen steigt man wie auf Himmelsleitern hinauf zu wolkenverhangenen Gipfeln, in Schneefelder, die in der Sonne leuchten, in wilde Irrgärten von Felsen und Geröll, von wo man weit hinausblicken kann ins jenseitige Land, über blau verdämmernde Höhen, deren Gipfel in der klaren Bergluft schimmern.

Es ist alles wie bei uns im Gebirge und doch so ganz anders. In vielen Teilen hat das Land eine auffallende Ähnlichkeit mit den patagonischen Mesetas am Fuße der Kordilleren. Hier wie dort fehlt der Wald. Hier wie dort sind es die bizarren Formen der Felsen, die das Licht der Sonne m allen Farben reflektieren, vom tiefsten Schwarz bis zum blutigen Rot. Hier wie dort ist es ein Land der Schafe und Ziegen. Nur – in Patagonien würde man die Sache anders anfassen. In Patagonien sieht man nicht wie hier die Hirtenjungen, die malerisch, aber schmutzig am Bachrand hocken und nur von Zeit zu Zeit mit mißtönenden Rufen, wie Eulenschreie, die Herde antreiben. In Patagonien würde es keinem einfallen, wie hier in biblischer Beschaulichkeit hinter einem Esel über die Landstraße zu schreiten. In Patagonien würde die ganze Arbeit, die hier von einigen hundert oder tausend Menschen verrichtet wird, auf einer einzigen Farm von einem Dutzend Schäfern, von ein paar Pferden und Hunden und einigen zehntausend Metern Drahtzaun geleistet werden.

Immer wieder, wenn man durch diese Länder wandert, muß man staunen über die Rückständigkeit in den Arbeitsmethoden dieser Menschen. Geht man auf der Straße, so fällt einem zunächst auf, daß über diese sich ein sehr ausgetretener Pfad in unendlich vielen, völlig unmotivierten Schlangenwindungen hinzieht. Er rührt von den Kamelen her. Einmal, vor undenklichen Zeiten, war hier ein Kamel gegangen auf Umwegen, nach seiner Phantasie. Dann kam ein anderes Kamel und trat stolz in seine Fußstapfen. Dann folgten zahllose andere und taten desgleichen im Laufe der Jahrhunderte und gingen alle denselben Weg, bis keines mehr anders wußte und konnte, bis die Route festgelegt war wie ein Gebot und jeder Umweg geheiligt, wie ein Kapitel aus dem Koran.

Und genau so tun es die Menschen auch. Rede einer von der modernen Türkei! Hier, in diesem hintersten Winkel ist von ihrem Geiste nicht ein Hauch zu spüren. Hier, zu Füßen des Ararat, hat wohl Noah schon mit derselben Sorte Pflug gepflügt, die nur aus einem zugespitzten Holze besteht, mit dem man gerade noch die Oberfläche der Ackerkrume ritzen kann, so sind sie wohl schon im alten Ägypten hinter den Büffeln hergezogen, so haben sie schon mit den Eseln das Wasser geholt aus dem Brunnen der heiligen Stadt. Hier wenigstens hat sich die Geschichte den Luxus erlaubt, ein paar Jahrhunderte zurückzubleiben hinter dem Automobil der modernen Zeit. Wird es immer so bleiben?

Wer kann es wissen?

Wer möchte wagen zu prophezeien in dieser tollen, aus den Fugen geratenen Zeit?

Etwa acht Tagereisen hinter Erserum kam in der Ferne der Schneegipfel des Ararat in Sicht. Bei Sonnenuntergang stand er plötzlich wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt hoch über einer Nebelwand, deren Ränder der Widerschein der untergehenden Sonne vergoldete. Nach kaum zehn Minuten war das Bild zerronnen wie eine Fata Morgana. Ich aber marschierte weiter in den fallenden Schatten der Nacht und war einmal wieder seit langem mit mir und aller Welt vollauf zufrieden, denn eben solche Anblicke sind es, die einem alle staubigen Straßen vergessen machen, die alle Mühen und Lasten tausendmal vergelten.

Drei Tage später stand ich dicht am Fuße des Bergriesen. Alle die Zeit hatte sich der Gipfel in mürrische Wolken gehüllt, als ob oben die Sintflut und unten die Zone der Gerechten wäre. An jenem Morgen aber klärte sich das Wetter plötzlich auf, und in reiner Klarheit hoben sich die beiden Schneegipfel vom dunkelblauen Himmel ab. Im Osten stand wie ein Zuckerhut der Kleine Ararat und gerade gegen Norden das ungeheure, fünftausend Meter hohe Bergmassiv des Großen Ararat, dessen Spitze weiß und schimmernd in der hellen Sonne stand, so recht ein Berg, von dem man eine Taube ausschicken konnte über das von Sünde gereinigte Land. Vor kurzem wurde er seit langer Zeit zum erstenmal wieder bestiegen.

Kamen da eines Tages zwei Wandervögel durch den Türkischen Kaukasus getippelt. Am Fuße des Ararat blieben sie stehen. Der Schneegipfel funkelte verlockend. – War dort oben nicht einmal die Arche Noah gelandet? War das nicht alles umwoben von den Schauern der frühesten Geschichte?

Fünftausend Meter hoch?

Kleinigkeit!

Und also erstiegen sie den Berg im Brande der Sonne, über weglose Felsen, über schimmernde Schneefelder im Tosen der Stürme, schliefen unbehelligt in den Zelten der aufständischen Kurden, die jedem anderen kaltlächelnd die Gurgel abgeschnitten hätten und kamen mit heiler Haut wieder unten an und wanderten weiter, ohne ein weiteres Wort darüber zu verlieren.

Ja. die großen Taten werden oft von ganz kleinen Leuten begangen, nach denen niemals ein Hahn gekräht hat! – Gegen Süden, auf der anderen Seite des Weges, erhob sich der Tschoruk Dagh, ein weiterer Schneeberg von einigen 3500 Metern, der aber fast gerade so hoch aussah wie der Ararat. So wanderte man zwischen zwei majestätischen Pfeilern durch das Eingangstor zur persischen Grenze, die nur noch eine Tagereise entfernt war. Es war eine überaus liebliche Gegend. Überall sprudelten die Quellen, überall rauschte das Wasser. An den Hängen dehnten sich die Matten in leuchtendem Frühlingsgrün. Aber außer den Viehherden war kaum ein Lebewesen zu sehen. Nur da und dort knallten in den Schluchten die Schüsse des Kurdenaufstandes. Nur ab und zu kam eine Militärpatrouille herangesprengt und kontrollierte den Paß mit mißtrauischer Miene. Gegen Mittag war es beinahe unerträglich warm. Die Vögel zwitscherten, die Mücken summten, alles ringsum war Ruhe und Frieden. Nur die Menschen waren einer des anderen Wolf. –

Spät abends ging der Weg steil bergauf an einem von zahllosen Bächen durchzogenen Hang, bis zu einem Blockhaus, von dessen Dach die grün-weiß-rote Flagge Persiens wehte.

Da mußte ich erst eine Weile stehenbleiben und mir das flatternde Tuch mit dem Sonnenlöwen aus der Ferne betrachten. So weit war ich gereist, um dieses Land zu sehen! So viele Monate hatte ich davon geträumt.

Was würde es mir bringen? Ich war wirklich gespannt darauf, während ich langsam weiter ging.

Die Tür des Blockhauses öffnete sich und heraus kam ein Soldat mit langem, krummem Säbel.

»Halt, Wer da?«


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