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Ein Lehrling im Morgenland

Modernes Morgenland – Hoffnungslose Sprachstudien – Der freundliche Koch – Und noch ein Freund – Ich mache die Bekanntschaft eines Zigeunerfürsten – Allerlei Nachtquartiere, Kämpfe mit St. Bürokratius – Ein neues Wort: lnschallah! Besuch im Palast der Prinzessin – Die Badewanne als Schweinetrog – Praktische Sozialisierung – Ein Kapitel über das Reisen – Allerlei Bekanntschaften – Hugo, der Wandervogel, zeigt mir die Stadt – Phantasien auf der Galatabrücke.

Ach, die Zeiten vergehen, aber sie gleichen sich nicht! Alles ist auf den Kopf gestellt, alles hat sich geändert auf dieser Erde. Oder wie kommt es sonst, daß gerade die Länder, die wir einstmals gekannt und geliebt haben, wegen ihres Geschreis und ihrer Zügellosigkeit, wegen ihrer Lumpen und Laster, weil ihnen das alles so schön zu Gesicht gestanden hat in Sommer und Sonne – daß nun ausgerechnet gerade die in preußischer Strammheit machen müssen?

Wer hat, der einmal in Kairo, in Port Said, in Damaskus gewesen, sich nicht mit Händen und Füßen verteidigen müssen gegen das Gewimmel, das da, mehr malerisch als vertrauenerweckend, einen Sturmangriff auf seine Koffer machte, das ihm Briefmarken und Münzen und alte Götter und persische Teppiche – made in Germany – verkaufen wollte? Wo alles ringsum ein Aufruhr war von roten Fezen und schwarzen Rollhaaren, bis dann endlich der o so sanfte, hilfsbereite, fürstlich großartige Dragoman mit dem gelben Gesicht und den wundervoll schwarzen, mandelförmigen Augen sich seiner annahm in seiner Not, nicht immer zu seinem Vorteil. O Sonne, o Farben des Orients! O katzbalgendes Durcheinander der Levante, das wir so oft verfluchten und das man doch nicht missen wollte, weil es ein Teil dieses Landes und ein Abglanz dieser Sonne ist. Weil es festzustehen schien für alle Zeiten wie ein Gebot des Koran.

Und war dies in Konstantinopel nicht auch einmal so gewesen? So wenigstens las man es in den Berichten der Reisenden, und außerdem konnte man sich das gar nicht anders vorstellen unter diesem blauen orientalischen Himmel.

Ja, und nun stand ich allein mit meinem Rucksack in der weiten Bahnhofshalle, wo noch immer die Lichter brannten im fahlen Morgenlicht, das grau durch die Fenster fiel. Mich fröstelte auf diesem ersten Stückchen morgenländischen Boden, das ich mir so ganz anders vorgestellt hatte. So bodenlos allein und verlassen kam ich mir vor in dem fremden Lande. Nur um überhaupt eine Ansprache zu haben, wandte ich mich um irgendeine Auskunft an einen vorübergehenden Bahnbeamten, der gar nicht so aussah wie eine Figur aus Tausendundeiner Nacht, sondern ganz nüchtern uniformiert in einer neutralen Uniform, die man ebensogut in Paris wie in London oder sonstwo sehen konnte. Er verstand nur Türkisch und ging achselzuckend weiter, ohne mich nur eines Blickes zu würdigen. Und so taten es alle anderen. Ein rucksackbewehrter Franke – das war schon längst nichts Neues mehr und an so etwas ließ sich nichts verdienen. Das wußte man aus Erfahrung. Ich kam auf den engen Bahnhofsplatz, wo die Kutscher auf den Böcken schliefen und schließlich in eine nichts weniger als großstädtisch ausschauende Straße, wo Schuhputzjungen sich die Kehle heiser schrien und Scharen von Arbeitern mit ihren Suppeneimern hinunter zum Hafen gingen. Das alles hatte man anderswo auch schon gesehen. Nur die Inschriften auf den Ladenschildern schauten reichlich exotisch in einem sinnverwirrenden Durcheinander arabischer Schriftzeichen von den Hauswänden. Das brachte mich einigermaßen außer Fassung. Ich setzte mich auf die Treppe eines Brunnens – später erfuhr ich, daß es ein berühmter, beinahe ein heiliger Brunnen war – und schaute verstört in das Getriebe der engen und übelriechenden Gassen.

Wohin in dieser fremden Welt?

Es war ja wahrlich nicht meine erste Reise in die Fremde. Aber zum erstenmal in meinem Leben befand ich mich in einem Lande, von dessen Sprache ich kein Wort verstand. Wie Sphinxen starrten mich alle Inschriften an. Hier konnte man kein Hotel von einer Barbierstube unterscheiden. An der gegenüberliegenden Seite der Straße stand so etwas, das man mit einigen Konzessionen vielleicht als Gastwirtschaft bezeichnen konnte. Ich ging darauf zu, und schon stand in der Tür ein weißgekleideter Koch, der sich vor mir so tief verneigte, als ob ich der Sultan selber wäre. Es war ein blitzsauberes Lokal mit weißgedeckten Tischen und einem Büfett, auf dem in großen Kupferkesseln die wunderlichsten Speisen standen. Joghurt und Pilau und solche orientalischen Küchengeheimnisse, von denen ich noch nichts wußte. Unaufgefordert brachte mir der Wirt ein gebratenes Huhn, einen Hammelbraten und noch verschiedene andere Dinge, für die meine Wissenschaft nicht ausreichte, und wurde indes nicht müde, sich nach dem Woher und Wohin des Efendi zu erkundigen. Da er nur Türkisch und Griechisch sprach und ich von dem allem nicht ein Wort verstand, war es eine sehr einseitige Unterhaltung, bis sich ein eben hereinkommender Gast hineinmischte.

»Servus, Landsmann!« riet er begeistert. »Ja, das hab' ich gewußt. Hab' ich gestern gesagt dem Efendi, daß wird kommen deutscher Mann mit Rucksack.«

»So –?«

»Ja, was glauben's«, fuhr er fort, indem er mit den langen weißen Fingern durch den schwarzen Haarschopf fuhr, der ihm fast bis zur Schulter herunterhing. »Bin ich hier schon sechs Jahre in Stambul, und alle Tage seh' ich andere, die mit Rucksack kommen. Manchmal zwei, manchmal sechs oder sieben. Manchmal Deitsche, manchmal Esterreicher, manchmal Ungarn oder Tscheech, und keiner ka Geld net.«

Wieder fegte er die schwarzen Haare zurück, die ihm düster über das bleiche Gesicht herunterhingen. – Ja, er sei auch nicht der erste beste Hergelaufene. Er habe den Krieg beim soundsovielten böhmischen Reserveregiment mitgemacht und sein Bruder sei bei der Kapelle der Hoch- und Deutschmeister gewesen. Sein Vater käme aus Oberösterreich, die Mutter sei eine waschechte Tschechin, und er sei in Ungarn aufgewachsen. Aber wie der Krieg dann so ein böses Ende genommen habe – ja, was willst mache? – da sei er eben für die Gelegenheit ein Jugoslave geworden und mit dem Paß nach Konstantinopel gereist, wo damals die Alliierten waren und das Geld auf der Straße lag.

Und was er denn da getrieben hätte? fragte ich schüchtern.

»Natürlich Kafföhhaus! Mit am Musikkasten kommst überall durch. Dreimal in der Nacht die Marseillaise, sechsmal rule Britannia un a blau-weiß-rots Banderl und dazwischen die neuesten Schlager. Schenne Stadt, Konstantinopel – ja, was glaubst, i bin nämlich zur Zeit a Zigeuner!«

Mit einem Griff in die Brusttasche zog er einen Pack von Ansichtskarten hervor, auf denen unser Freund mit Geige und Schmachtlocken als Zigeunerfürst abgebildet war; allabendlich auftretende große Attraktion im Café in Pera.

»Da schaust!« meinte stolz der Zigeunerbaron.

Ich schaute allerdings. Dieser kosmopolitische Herr war offenbar der geborene Levantiner, wenn auch seine Wiege ganz wo anders gestanden hatte. Ich fragte ihn nach der Adresse eines billigen und empfehlenswerten Hotels.

»Ja na«, sagte er mit einem Seitenblick auf meinen Rucksack, »Sechskreuzerhotels gibt's nur draußen in Piri Pascha. In Skutari könnens für fünf Piaster übernachten, aber da gibts viel Beischläfer mit sechs Beinen. Da zahlt sich's besser aus, wenn man auf der Treppen zu der Taximkaserne kampiert.«

Sonst aber, meinte er, sei gleich nebenan das Hotel Mossul, wo man ein türkisches Pfund (etwa 2.- RM.) für ein Zimmer bezahle.

Und also entschied ich mich für das Hotel Mossul. – Je nun, es war nicht eben das erste Hotel am Platze, und der Efendi im Büro, der ein leidliches Französisch sprach, war auch nicht der liebenswürdigste aller Hoteliers. Ob ich mich schon bei der Polizei angemeldet hätte? fragte er mit saurer Miene.

»Nein«, antwortete ich.

»Dann müssen Sie das unbedingt sofort tun, Efendi.«

Mit einem weiteren Seufzer überreichte er mir einen mächtigen vorgedruckten Bogen, aus dessen Umfang allein man schon die alte Wahrheit noch einmal bestätigt fand: »Ein Narr fragt viel, worauf sieben Weise nicht antworten können.« Da zudem die Fragen in arabischen Buchstaben türkisch gedruckt waren, hatten wir gleich eine einstündige Konferenz bis zur Festlegung des Wichtigsten.

»Und vergessen Sie nicht, sich auch gleich abzumelden!« rief mir der Efendi nach, als ich mich endlich auf den Weg machte.

»Abmelden?«

»Natürlich«, seufzte der Efendi, »wollen Sie denn immer in Konstantinopel bleiben? Drei bis vier Tage brauchen Sie zur Anmeldung, und wenn Sie nur acht Tage in Konstantinopel bleiben wollen –«

So machte ich mich denn mit einer Seele voll böser Ahnungen auf den Weg zu der Stätte, die dem zugereisten Franken den ersten Begriff gibt von dem, was orientalischer Kismet ist.

Aber nein, ich will das nicht im einzelnen erzählen. Die Feder sträubt sich, wie es in den Romanen heißt. Selbst auf dem Papier möchte ich es nicht noch einmal erleben.

Du hast deine Bogen nach bestem Können ausgefüllt, und gehst mit einer Seele voll Sicherheit zum Efendi auf der Polizeistation. Der runzelt die Stirn und sagt dir in schlechtem Französisch, daß das nicht die richtige Adresse sei. Wieder wanderst du durch die buckligen Straßen von Stambul nach einer anderen Station, zu einem anderen Efendi, der alsbald Allah zum Zeugen anruft, daß auch er nicht die zuständige Stelle sei. Im Zimmer Nummer so und soviel hast du endlich den richtigen Mann gefunden, der deine Personalien fein säuberlich in ein dickes Buch einträgt, in zierlichen arabischen Buchstaben, die dünn wie Spinngewebe sind, und der dich dann zum nächsten Efendi schickt, und so gelangst du über noch einige andere Zwischenstationen zum Bei und endlich zum Pascha, der seufzend seine Unterschrift darunter setzt, worauf du dann die ganze lange Reihe der Efendis, Beis und Paschas noch einmal durchlaufen mußt.

Ja, nun weiß ich, was eine Paschawirtschaft ist! Zu allerletzt kam ich auf meinen Wanderungen in ein wirklich feudal aufgemachtes Büro, wo ein Herr, der offenbar etwas zu sagen hatte, einen recht umfangreichen Stempel auf meine – wie heißt man den Wisch? – auf meine »Wessika« drückte und ich glaubte, daß nunmehr die Sache erledigt wäre.

»Inschallah!« meinte er auf meine diesbezügliche Frage.

Ich war eben noch ein Lehrling im Morgenlande. Inzwischen habe ich es noch oft gehört auf türkischen Märkten, persischen Bazaren, in arabischen Kaffeehäusern.

Inschallah! – So Gott will.

Das ist das Zauberwort, um das sich hier alles dreht. Es ist der Schlüssel zum Verständnis des Orients.

Inschallah sagt dir der Schneider, dem du den Auftrag auf einen Anzug erteilt hast, Inschallah wird er sagen, wenn du nach acht Tagen kommst, um ihn abzuholen. Morgen, Inschallah, tröstet dich der Führer in der Karawanserei, wenn du dich nach dem Abreisetermin der Karawane erkundigst. Inschallah, sagt achselzuckend der Kaufmann, dem du einen verfallenen Wechsel präsentierst und geht zu seinem eigenen Schuldner, der seinerseits mit dem gleichen Worte aufwartet. Alle sagen sie es, vom Schah auf dem Pfauenthrone bis herunter zum ärmsten Bettler. Alle machen das Wort zum Angelpunkt ihres Lebens.

Inschallah – wenn Allah es will! Ach, es ist das Schicksal dieses Landes, daß Allah zumeist sehr lange braucht, um sich zu besinnen!

Wie dem auch sei: es war Allahs Wille, daß ich noch einen zweiten Tag in drangvoll fürchterlicher Enge auf dem Polizeipräsidium zu Stambul verlor, ehe die Angelegenheit erledigt war, aber fortan machte ich stets einen großen Umweg um das graue Gebäude. Immerhin war das alles keine verlorene Zeit. Denn wer orientalische Völkerstudien betreiben will, der findet hierfür kein geeigneteres Objekt, als das an- und abmeldende Gewimmel auf der Polizeidirektion in Stambul.

Was je unter östlicher Sonne umhergelaufen ist, vom pelzmützigen Perser bis zum arbeitsuchenden Hamburger Zimmermann unter dem Schatten seines breiten Hutes, ist hier alles vertreten. Gleich am Anfang machte ich die Bekanntschaft von zwei ehemaligen Offizieren von der Sorte, wie man sie heute überall auf der Erde antreffen kann.

Kriegsleutnants, Freikorpssoldaten, die der Höllenspuk dieser tollen Zeit aus der Bahn geworfen hat, in der sie unter normalen Umständen heute vielleicht schon solide, sorgende Familienväter geworden wären, anstatt mit vierzig Jahren hier auf der Jagd nach dem Glück am Rande des Orients umherzuirren. Diese waren aus München und beide ein wandelndes Stück Weltgeschichte der letzten Jahre. Sie waren beim Freikorps im Baltenland und in Oberschlesien gewesen. Sie hatten den Kapp-Putsch mitgemacht und in der Pfalz gegen die Separatisten gekämpft. Und ja – dann war es auf einmal vorbei mit Krieg und Kriegsgeschrei. Der Friede war ausgebrochen, der ach so laue und langweilige Friede, der den Philistern den Tisch deckte und den Kämpfern den Stuhl vor die Türe setzte. Und so kam man nach Konstantinopel. –

Sechs Wochen – so erzählten sie mir – hätten sie sich hier vergeblich nach etwas umgesehen, aber jetzt habe sich etwas gefunden. Ein Herr, den sie in einem Kaffeehause in Pera antrafen, habe ihnen – gegen eine entsprechende Provision natürlich – seine Vermittlung angeboten und den dreijährigen Pachtvertrag für einen Sultanspalast am Bosporus vermittelt, dort wollten sie nun einen Kaffeegarten für das Sonntagspublikum einrichten. Sie führen heute hinaus, um sich die Sache anzusehen, und wenn ich mitgehen wollte, wäre es ihnen ein Vergnügen.

Natürlich wollte ich.

Mit einem der kleinen Dampfer, die an der Galatabrücke anlegen, fuhren wir langsam durch die Bai, die überall lebendig war von dem Hin und Her der Boote und dem Kommen und Gehen der Dampfer, die heulend vorüberzogen. Das Meer war glatt, der Himmel war blau, die Türme und Minarette der großen Stadt schwammen alle in einem Meer von Licht. – Ja, das ist das Wetter, bei dem man durch den Bosporus fahren muß! Der Sonnenschein tanzt auf dem Wasser, schwarze Zypressen am hohen Ufer stehen ernst und still um funkelnd weiße Paläste, die sich im Meere spiegeln. Da und dort liegt ein Dorf im frischen Grün des ersten Frühlings, da und dort steht eine schimmernde Moschee auf einer weit vorspringenden Landzunge, als ob sie mitten auf dem Wasser schwimme. Und überall auf beiden Ufern sieht man immer neue Paläste.

Oder sind es Ruinen?

»Mir träumte von Marmorbildern,
Von Gärten, die überm Gestein
In dämmernden Lauben verwildern,
Palästen im Mondenschein.«

Nach ein- bis zweistündiger Fahrt waren wir am Ziel unserer Reise angelangt.

Wahrlich, es war ein idealer Platz für einen Kaffeegarten! Oder, genauer gesagt, er wäre es gewesen, wenn man ihn so wie er war in den Grunewald hätte versetzen können. Durch ein auffallend gut erhaltenes, mit verschnörkelten Wappen seltsam geschmücktes Tor kam man in einen Garten, wo verwilderte Feigenbäume in beinahe mannshohem Unkraut standen und hohe Zypressen gegen den hellen Hintergrund eines weißen Palastes standen, wie auf der Leinwand eines Böcklinschen Gemäldes. Auf einer hohen, von mächtigen Kastanienbäumen eingefaßten Terrasse hatte man einen weiten Ausblick auf das dunkelblaue Wasser und auf die Schiffe, die klein wie Spielzeug darüber hinglitten. Dicht unter der Terrasse, dem Meere zugewandt, lag der Palast der türkischen Prinzessin wie ein verwunschenes Dornröschenschloß. Alles verwildert und verkommen, in schnellem Verfall begriffen. Die Prinzessin Gott weiß wo. Ein Schauer überlief einen bei dem Betrachten dieser Zerstörung.

»Sic transit gloria mundi.«

Wie mag es hier einst lebendig gewesen sein im Glück und im Sommer dieses Reiches, als noch der alte, schlaue Abdul Hamid – »the unspeakable Turk« des ehrenwerten Mister Gladstone – die Fäden spann, als noch Prinzen und Prinzessinnen in Fleisch und Blut hienieden wandelten und großmächtige Diplomatenfräcke in diesen Hallen antichambrierten.

Damals –. Aber seither haben sie das alles »nationalisiert«. Zugunsten der Siechen, Krüppel, Kriegsinvaliden. Doch wo sind diese? Die Bauern der Umgegend haben inzwischen die Nationalisierung auf ihre Weise ausgelegt und langsam mit dem Abbau der Herrlichkeit begonnen. In Erwartung der kommenden Verwertung im Interesse der Allgemeinheit holte sich einstweilen jeder sein Teil, um sicher zu gehen. Nun sieht man Säulenstücke in den Hütten der Umgegend prangen, Schweine fressen aus marmornen Badewannen, und Treppen, die einst zu Palästen führten, dienen als Dach für die Ziegenställe. Und das Übrige zerfällt und verkommt. Der Mörtel fällt von den Decken. Der Boden ist bedeckt mit zerbrochenen Marmorplatten, die einmal Kunstwerke gewesen. Denn die neue Türkei hat nichts übrig für Könige, für königliche Kunst, und schon gar nichts für Konstantinopel. Resolut hat sie ihr Gesicht von Europa abgewendet in politischen Dingen, um es dann auf dem Gebiete der gesellschaftlichen Kultur um so gewissenhafter zu kopieren. Das Alte, das neben so manchem Überlebten so unendlich viel Schönes und eigen Gewachsenes hervorgebracht hatte, hat man rücksichtslos über Bord geworfen, wie einen wertlosen Ballast, und ist mit fliegenden Fahnen eingeschwenkt in die schlanke Foxtrottlinie dieser allzu modernen Zeit. Wohl keiner hat die Zeichen dieser Zeit besser zu deuten gewußt als jener smarte Unternehmer, der neulich einen der schönsten dieser Paläste aufgekauft hat für ein Luxushotel modernsten Stils. So wird dort nun bald die Jazzband lärmen, wo einst der Sultan im Mondschein wandelte. In jedem Cooks Reisebüro werden wir es demnächst lesen: »Come to see the harem in sunny Constantinople. Throughtickets to Turkey!« Wenn das nicht zieht!

Ein neues Monte Carlo soll gleichfalls dort entstehen, und in der Tat: wo fände sich für rechte Spieler ein besserer Platz als diese Stadt, die schon so oft herumgewirbelt wurde auf der Kugel des Glücks? Wo gäbe es einen geeigneteren Ort sich totzuschießen, als diesen, der selbst schon eine halbe città morta ist! –

Die Nacht war schon hereingebrochen, als wir fertig waren mit der Besichtigung dieses kommenden Kaffeegartens, der mir immer noch als eine schlechte Spekulation erscheinen mochte, trotz allem, was man zu seinen Gunsten vorbrachte. Nachdenklich fuhren wir nach der Stadt zurück. Eintönig rauschte das Wasser vor dem Bug des kleinen Dampfers. Zu beiden Seiten des Bosporus reihten sich die Lichter wie Perlenketten entlang der Küstenlinie und weit hinauf an den Hügeln, die schwärzer noch als die Nacht in den sinkenden Schatten standen. Die beiden ehemaligen Offiziere kamen indes auf ihre Kriegserlebnisse zu sprechen, und die waren wahrlich der Mühe wert. In Flandern und Polen und Italien hatten sie gestanden, der eine beim Münchener Leibregiment und der andere bei einer fliegenden Division. Beide waren tüchtige Männer, die es auch in Deutschland noch zu einem ehrbaren Beruf gebracht hätten, wenn ihnen nicht das Schicksal den Stuhl vor die Tür gesetzt hätte. Ich hörte ihnen zu und konnte nicht umhin zu denken, wie gleich sich doch die Zeiten und Menschen bleiben im Lauf der Jahrhunderte. Denn also hat Immermann schon vor einem Jahrhundert im 5. Buch seiner »Epigonen« geschrieben:

»Wer wird mit diesen Abenteurern, die jetzt zu Hunderten die Länder durchstreifen, gemeinschaftliche Sache machen, ja nur in ihren Träumereien einen haltbaren Zusammenhang finden? – Und gleichwohl: wer, der Menschen und Dinge mit menschlichen Blicken betrachtet, wird leugnen, daß aus ihren Hirngespinsten doch ein viel zarteres Gefühl, ein sicherer Schwung und ein entschiedenerer Charakter hervorsieht, als aus der Pflichtmäßigkeit der Leute, die jetzt, nachdem die Tage der Gefahren vorüber sind, als die treuesten und beehrtesten Söhne des Vaterlandes umhergehen? Wahrlich, nicht durch diese ist es errettet worden, wahrlich nicht durch solche wird es je errettet werden! Gar leicht ist es gegenwärtig, ein Patriot zu heißen, denn es kommt nur darauf an, in allerlei zeitgefälligen Bestrebungen sein Licht unter den Scheffel zu setzen, bei Gelegenheit tapfer zu schmausen und eine schwülstige Rede zu halten. Aber wenn das Verderben wieder hereinbricht von Westen und Osten, dann werden wohl die Schmauser und Geburtstagsredner verschwunden sein; dann wird man sich wieder nach den verfolgten Vagabunden umsehen, die dann eine Zeitlang zu Ehren kommen und späterhin abermals an ihren blutigen Sohlen erfahren müssen, wie hart der Boden der Heimat ist.«

Es hat wahrlich noch nie ein Dichter ein wahreres Wort gesprochen, als dieses!

Am anderen Morgen machte ich mich frühzeitig auf den Weg, um die Schönheiten dieser seltsamen Stadt, von der stolzen Hagia Sofia bis zu dem verträumten Sultansgarten, in aller Gründlichkeit auszukosten. Doch ich will nicht versuchen das zu schildern, was tausend Federn vor meiner schon gepriesen haben und tausend nach mir noch tun werden. Gerade zu der Zeit lag der Dampfer »Lützow« des Norddeutschen Lloyd im Hafen mit einer Reisegesellschaft aus Deutschland, die sich den Orient ansehen wollte. Denn das ist heute Mode, wenngleich man sich nicht recht denken kann, warum es noch immer Leute gibt, die so etwas über sich ergehen lassen. Da wird man für teures Geld verfrachtet in Genua und ist seekrank bis Alexandrien, wo der Schnellzug schon bereit steht für die Reise nach Kairo. Es ist zwei Uhr dreißig, wenn man dort ankommt. Nun schnell per Auto nach dem Menahouse. Dort five o'clock und Tanztee. Pyramiden bei Mondschein, Fahrt durch den Bazar, Moschee von ferne. Ankunft um Mitternacht in Alexandrien. Abfahrt ein Uhr dreißig. Ankunft Jaffa, Auto nach Jerusalem, Lunch (beileibe kein Mittagessen) im Savoy Hotel. Abends Fahrt zum Ölberg. – Mailcoach nach Bethlehem. Schlafwagen nach Damaskus. Moschee, Bazar, Hotel, Mailcoach nach Beirut, Abfahrt Konstantinopel. – Galatabrücke, Hagia Sofia. – Dagewesen! – Ja, gibt es denn einen noch so übergeschnappten englisch-amerikanischen Spleen, den wir nicht kritiklos nachmachten? So rast man durch die Länder und sieht alles und nichts, wie auf einem Film, der flüchtig über die Leinwand huscht. An den ältesten Denkmälern der Kultur wird man vorbeigehetzt durch die plappernde Stimme des Führers, zwischen Lunch und Dinner, zwischen Tango und Charleston sieht man sich das an, ohne je und je eine Stunde der Muße zu haben zum andächtigen Schauen vor diesen erhabensten Stätten menschlicher Leiden und Leidenschaften. Die Weltgeschichte wird hier zum Zeitvertreib. Kaum daß sie noch vor der Madonna della Sedia ein wenig das Tempo mildern zu einem interessierten »wundervoll«.

Es ist freilich so, wie sie drüben sagen: »Die Welt amerikanisiert sich mehr und mehr.« – Doch diese Betrachtungen führen mich immer wieder weitab von dem Faden meiner kleinen Erlebnisse.

Während dieser wahl- und ziellosen Besichtigungsreisen durch die krummen Gassen der großen Stadt trug ich stets die Karte meines zigeunerhaften Freundes bei mir, bis es mir eines Tages einfiel, doch einmal das famose Weltcafé aufzusuchen, wo er gastierte. Es lag in Pera, oben auf dem Berge und immerhin eine halbe Weltreise von Stambul. Mit einer durch einen Tunnel führenden Drahtseilbahn kann man freilich in wenigen Minuten vom Fuße des Berges an der Galatabrücke bis mitten in das Gassengewinkel jenes Stadtteils kommen. Aber das verschmähte ich und wanderte bergan zwischen hohen Häusern, durch enge Gassen, die man gesehen, beziehungsweise gerochen haben muß, um sie nachzuempfinden in ihrer orientalischen Eigenart. Da stieg man über enge Treppen auf rundem Kopfsteinpflaster, das wohl schon der gute alte Kaiser Konstantin hatte legen lassen, da schaute man in dunkle, fensterlose Höhlen, die Wohnungen vorstellen sollten, da flatterte die bunte Wäsche im fünften und die Ziegen meckerten im sechsten Stockwerk. Jedermann wohnte mehr auf der Straße als im Hause und breitete seine Familiengeheimnisse vor jedermanns Augen aus. Hier saß ein bärtiger Mann auf einem Teppich und trank würdig seinen Kaffee, hier zankten sich zwei Weiber ganz offen und unverschleiert »alla Franka« im tiefsten Negligée, hier hob ein Bettler die Hände. Nun kommt einer hinter einem schwerbeladenen Esel und singt mit wehklagender Stimme seine Schätze aus, nun kommt eine ultramoderne armenische Dame mit kurzem Rock und Bubikopf über die Treppen getrippelt. Nur zuweilen, wenn die Straße einen Bogen macht, steht man an einem Winkel, von wo man weit hinaussehen kann auf die dunkelblaue Bai, auf die Inseln, die blau verdämmernd von ferne herübersehen und auf das weiße Häusermeer, umflutet von einem Meer von Licht. Denn in Konstantinopel ist alles häßlich, was man aus der Nähe betrachtet, und alles feurig und farbentrunken, was man aus einigem Abstande sieht. Und darum eben ist es trotz allem modernen Getue noch heute eine so ganz orientalische Stadt. –

Pera freilich ist ein Klein-Paris, oder möchte es wenigstens sein. In den Schaufenstern sieht man wirklich so etwas wie Eleganz. Auf den Straßen werden von brüllenden Verkäufern die Zeitungen aller Hauptstädte feilgeboten, und allenthalben ist eine babylonische Sprachverwirrung. Türkisch, Deutsch, Französisch, Griechisch, Spanisch usw. bis zu den obskursten Dialekten des hintersten Orients. Am kosmopolitischsten aber ging es zu in dem Kaffeehaus, dessen Adresse mich in diese Gegend geführt hatte.

Die Musik war eben verstummt im letzten schmelzenden Pianissimo, und der Zigeunerbaron kam auf mich zu mit allen Anzeichen der Freude.

»Servus!«

»Servus, Landsmann!« sagte ich.

Durch das Gewühl der Menschen, die alle besondere Anliegen bezüglich des Musikprogramms zu haben schienen, und denen mein neuer Freund mit fabelhafter Zungenfertigkeit in allen Sprachen antwortete, bahnten wir unseren Weg durch das Lokal.

»Ja«, meinte er, »heutzutage hat man's leicht mit dem Musikprogramm. Die wollen alle nur noch ›Valencia‹ hören.«

Eine recht gemischte Gesellschaft saß an dem runden Tische, an dem wir uns niederließen. Da saß ein schon etwas angegrauter, militärisch aussehender Herr, der während des Krieges Hauptmann war an der Irakfront. Dort hatte er sich – wie das so gerne geschieht – ins orientalische Leben verliebt, zumal auch in die Wasserpfeife, so daß er es nach »Friedensausbruch« zu Hause nicht mehr aushalten mochte und unter Verzicht auf alle Pensionsansprüche nach Konstantinopel kam. Hier lebte er nun schon eine Weile auf Pump, ebenso wie der neben ihm sitzende junge Leutnant, der sich schon seit 14 Tagen die Absätze krumm gelaufen hatte auf dem Wege zum Kriegsministerium; ohne jedoch den Mut zu verlieren, waren sie doch beide von der so häufig anzutreffenden Menschenklasse, die den naiven Glauben durch alle Länder trägt, daß es »demnächst wieder losgehe«. Mindestens um Mossul stand die Sache kritisch, und auch sonst war Konstantinopel bis zum Brechen gefüllt mit Bazargerüchten. Zu diesen kam noch ein nicht gerade besonders heller Sachse, der seinen letzten Heller für eine Fahrkarte von Leipzig nach Konstantinopel ausgegeben hatte, weil er hier sofort Arbeit zu finden hoffte, ein Unterfangen, das ihm niemand übler nahm als der Wandervogel, der neben ihm saß. Dieser Hugo – weiß der Kuckuck wie er sonst noch geheißen haben mag – war ein Mensch, von dem man etwas lernen konnte, denn er hatte etwas gesehen vom Orient. Vor zwei Jahren war er ausgerückt als Führer einer Horde von einigen zwanzig Mann, die zumeist schon in Ungarn kalte Füße bekamen. In Konstantinopel waren sie nur noch zu zweit, und zu zweit hatten sie die Reise fortgesetzt nach Angora, Bagdad, Kairo, bis schließlich der Kamerad in Jerusalem am Fieber starb. Hugo aber war noch immer springlebendig wie am ersten Tag, einer von jenen unverwüstlichen Stehaufmännchen, die mit Gott und aller Welt per Du stehen und allen Dingen die gute Seite abzugewinnen wissen. Türkisch sprach Hugo wie ein Wasserfall und nebenher hatte er ein ganz passables Russisch gelernt. Wie er das fertig gebracht hatte neben allen seinen anderen auf den Landstraßen aufgelesenen Kenntnissen, war nicht recht ersichtlich; aber die Sorte bringt alles fertig. Freilich gibt es außerhalb des roten Rußlands heute kaum eine Stadt, in der so viel Gelegenheit geboten wäre zum Erwerben russischer Sprachkenntnisse, als gerade das von zaristischen Flüchtlingen überschwemmte Konstantinopel. Zarigrad nennt der Slawe diese Stadt. Panslawistischer Ausdehnungsdrang hat sie schon im voraus als Stein in der Krone des Mütterchens Rußland gesehen, und wenig dachten sich wohl damals die bei Hofe ein- und ausgehenden panslawistischen Kreise, daß sie einmal wirklich ihre Tage am Goldenen Horn beschließen würden, aber nicht als Eroberer, wie sie wähnten, sondern als eine Horde landflüchtiger Abenteurer, die froh sein müssen, wenn sie als unwillig Geduldete mit tausend Schlichen und Tücken ihr tägliches Brot von heute auf morgen erhaschen können. Nicht nur im eleganten Pera, sondern bis hinunter in die letzten Winkel Stambuls, die sonst kaum je ein Europäer besuchte, sieht man heute russische Cafés, russische Bänkelsänger und Balalaikatänzer, russische Stiefelwichser und Bettler in den Straßen.

Hugo kannte sich aus unter den in Konstantinopel hausenden russischen Emigranten und rühmte mir so sehr ein in der Nähe gelegenes Emigrantenrestaurant, daß ich mich leicht verführen ließ, ihn dahin zu begleiten, obwohl es draußen regnete und die Nacht nicht eben einladend aussah. Allein hätte ich den Ausschank nimmermehr gefunden, denn er lag abseits von der Hauptstraße, in einem Gewirr von Gassen und Gängen, die einander im Licht und im Wege standen. Hier hätte man allenfalls einen Apachenkeller oder eine Opiumhöhle vermuten können, nimmermehr aber einen so fashionablen Betrieb mit weißgedeckten Tischen und befrackten Kellnern. Während wir nun dasaßen und uns an russischen Leckerbissen gütlich taten, rauschte eine vornehme, schwarzgekleidete Dame vorüber, die uns herablassend grüßte.

»Das ist die Madame«, sagte Hugo, »eine richtige Gräfin. Früher hat sie vor den Großfürsten ihren Hofknix gemacht. Jetzt muß sie es vor den Trinkgeldern tun.«

Ob es nun auch wirklich eine ganz echte wäre? wollte ich wissen.

»Die schon«, meinte Hugo, »das weiß ich bestimmt. Für die anderen möchte ich nicht alle bürgen. Hier weiß man nie, wo der Großfürst aufhört und der Spitzbube anfängt. Die Kellner freilich sind alle konzessioniert von der Vereinigung. Das fängt hier alles beim Baron an. Ein anderer wird nicht angestellt.«

»Daß sich Leute für so etwas finden«, fragte ich erstaunt.

»Finden?« rief Hugo, »sie kommen ganz von selbst. Es sind Fürsten hier, die sich Könige dünken würden, wenn sie eine solche Stelle bekämen.«

Schnell füllte sich das Lokal mit abenteuerlichen Gestalten, zumeist Emigranten, die noch etwas zu versetzen hatten und levantinischen Händlern und Geldwechslern, die mit den großen Goldpfunden an den Manschettenknöpfen wo nicht am vornehmsten, so doch am wohlhabendsten ausschauten. Ein alter Herr mit feinem Gesicht und weißen Haaren ging von Tisch zu Tisch und bot wortlos, aber mit einer tiefen Verbeugung Blumen aus einem Körbchen an.

»Er war General der Wrangelarmee und ist erst vor kurzem von Sofia herübergekommen«, sagte Hugo, »Geld hat er keines und fechten kann er nicht für fünf Pfennige. Aber der Trick mit den Blumen ist nicht übel. Ein Wunder, daß es ihm noch niemand nachgemacht hat.«

Im Laufe des Abends wurde es immer lebhafter. Im Hintergrund lärmte die Balalaika, und ein Kosakentrupp tanzte im Nationalkostüm. – Kosaken? Denen da in den Russenkitteln konnte man es an den zarten Fingern ansehen, daß sie in Palästen oder zum mindesten doch in vornehmen Bürgerhäusern groß geworden waren. Diese schlanken Mädchen mit den blonden Haaren hatten niemals Not gesehen auf dem Gut im Baltenlande. Der Gesang verstummt. Die Musik schweigt. – Wie sie gierig nach den Piastern greifen, die der lüsterne Levantiner mit dem aufgedunsenen Gesicht und den Froschaugen ihnen eben zugeworfen! – Nein, das haben sie sich gewiß nicht träumen lassen, als sie Hals über Kopf aus der Heimat flohen, mit dem Feuer der Brandstätten in den Augen und dem Schreien der Ermordeten in den Ohren! Niemand hat damals an dauernde Verbannung vom Mütterchen Rußland gedacht. Für viele dieser hohen Damen war dieses Emigrantendasein vorerst nur ein amüsantes und furchtbar interessantes Abenteuer, mit dem man Eindruck machen würde, wenn später einmal wieder Soireen gegeben würden auf, dem Parkett der Kaiserlichen Schlösser zu Petrograd. Aber darüber vergingen unversehens die Jahre. Einer nach dem anderen versanken die Sterne, an die man seine Hoffnung geklammert hatte. – Koltschak, Denikin, Wrangel – aus dem Spaß wurde Ernst. Der letzte Schmuck ins Pfandhaus gewandert. Das Trinkgeld, das man anfangs lächelnd aus den Händen eleganter Kavaliere nahm, rafft man nun gierig vom Boden auf, weil eben der Magen nicht so stolz ist wie die Augen, und ja – weil man doch in weiter Ferne nichts mehr vor sich sieht, als graues Elend und ein trübes Alter.

Und doch – Nitschewo! Das ist ein russisches Wort, das für den Aristokraten so gut gilt, wie für den letzten Muschik. Man ist lustig, man amüsiert sich, man gewinnt auch diesem Jammerleben die besten Seiten ab. Wie könnte es auch anders sein, hier wo sich russischer Gleichmut und orientalischer Kismet die Hände reichen.

Gegen Mitternacht, als die Balalaika noch einmal loslegte und alles erst recht aufzuwachen schien in dem düsteren Lokale, machte ich mich auf den Heimweg, zusammen mit Hugo, der ebenfalls drunten in Stambul wohnte, wo sonst die Europäer nicht zu hausen pflegen. Es war ein langer Weg, aber er lohnte die Mühe. Der Regen hatte endlich aufgehört und es war eine laue, milde, orientalische Nacht, wie eine von den Tausendundeinen. Mitten auf der Galatabrücke blieben wir stehen und schauten auf das Wasser der weiten Bai, auf die Lichter, die darüber hinglitten und auf die schattenhaften Umrisse der Dampfer, die mein Gefährte kritisch betrachtete. Denn ihm war in diesen Tagen eine Kunde geworden, die er mit einem nassen und einem heiteren Auge begrüßte. Der alte Herr in Deutschland hatte ihm nämlich eine Fahrkarte geschickt und sich auch zugleich mit dem Kapitän von dem Levantedampfer in Verbindung gesetzt, damit er für die Rückreise Sorge trage. So sollte man wirklich dort wieder anfangen, wo man vor zwei Jahren aufgehört hatte? Noch einmal Student, wie ein grünes Semester, das eben dem Pennal entronnen? Alles recht schön und gut und sehr nobel vom alten Herrn, aber –. Aber wo blieb dann die schöne große Freiheit der Landstraße? Und der Orient, und der Bazar, und die Kaffeehäuser, und die Wasserpfeifen?

Ich mußte lächeln, aber er meinte es bitter ernst.

»Sei du erst einmal zwei Jahre hier im Lande, so wirst du es auch schon merken!«

Ich antwortete nichts darauf, denn am Ende mochte er nicht so unrecht haben. Beinahe fing ich jetzt schon an etwas zu merken. Bisher war mir Konstantinopel nur grauer Himmel und Regenwetter gewesen, eine Ansammlung von baufälligen Häusern und übelriechenden Gassen. In dieser weichen und wohligen Nacht aber, wo von Stambul her die hohen Kuppeln der Moscheen herüberschauten, die Minarette wie schlanke Finger in den Nachthimmel ragten und überall die Lichter sich im Wasser spiegelten, da war es, als ob der Geist der lieben alten Märchen noch einmal zwischen den alten Mauern ging. Man war am Anfang des Fastenmonats Ramasan, in dem der Mohammedaner die Nacht zum Tage macht. Hoch oben in der Luft las man in Flammenschrift die Koransuren, die an dünnen Drähten von Minarett zu Minarett aufgezogen werden.

»Allah hu akbar!«

Von ferne kam der dumpfe Klang der Trommeln, und da und dort sausten Feuerraketen durch die Luft. Immer mehr versank ich in das Betrachten dieses seltsamen Bildes und war in meinen Gedanken schon Wochen voraus auf meinem Wege, in fernen, morgenländischen Städten, auf heißen Wüstenstraßen inmitten ziehender Kamelkarawanen, am flackernden Feuer vor schwarzen Beduinenzelten, und auf der ganzen Welt gab es nur noch ein Land, das wert war es zu besehen:

Natürlich Persien!


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