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Und wie nach dem ersten tiefen Falle, so floß auch nach diesem zweiten Sturze Matthias Tedebussens Lebensstrom wieder breit und ruhig dahin. Nicht ganz so ruhig freilich wie früher. Was geschehen war, das sickerte doch durch die Stadt, obschon alle, die es anging, sich wohl hüteten, davon zu reden.

Arthur Schenk saß fast den ganzen Tag im Wirtshause. Selbst sein Atelier fesselte ihn nicht mehr. Die bewährten Gesellen, die bis dahin sein Geschäft geführt und ihm Wohlstand eingebracht hatten, starben aus, – die jungen sorgten mehr für sich selber als für das Geschäft, – andere, fleißige Maler kamen auf und nahmen der alten Werkstatt die Arbeit weg, und auf die Art ging es mit Schenk zu Ende. Seine Künstlerlocken fielen aus. Dick und schwammig im Gesichte lehnte er mit den Ellenbogen auf dem Biertisch und vertrank seine Habe, die seine ehrsamen und nüchternen Eltern ihm hinterlassen hatten. Dabei wehklagte er in ewig wiederholten Leidenstönen, was an seinem Geiste gesündigt worden sei – von seinen Alten, von der Welt, von allen, nur natürlich nicht von ihm selbst.

Vor Matthias wich er auf das Scheueste aus. Der Schlag ins Gesicht, mit dem ihn Elisabeths Vater einen Schuft und Halunken geheißen hatte, brannte ihm noch jedesmal, wenn er den Buchbinder sah.

Das Böse, das er an dem unschuldigen, aber unbewußt leidenschaftlichen Kinde verübt hatte, tat ihm als solches nicht leid. Denn eben so wenig wie der schöne Beo seligen Angedenkens besaß Arthur Schenk einen Begriff von Ehrfurcht vor dem Weibe.

Er hatte nur immer Angst vor Strafe. Er fürchtete, der Schlag, den ihm der beleidigte Vater versetzte, möchte nicht der einzige bleiben. Er sann furchtsam nach, ob sich wohl das Gericht in die Sache hineinmischen könne.

Aber Furcht, Angst und Qual, – alles ließ sich ja bequem mit Bier und Schnaps hinunterspülen, und so wurde er, der früher wenigstens peinlich für sein Äußeres sorgte und sich über die vierzig Jahre hinaus jung erhielt, jetzt von Monat zu Monat mehr verwüstet, – ein Opfer seiner fürchterlichen Selbstzerstörung. Denn da er andere nicht zu achten vermochte, so war ihm auch der eigene Leib und die eigene Seele kein Tempel, worin es rein und weihevoll zugehen mußte.

Matthias, wenn er den Verderber seines Kindes jemals traf, ballte die Hand, bezwang sich aber und sah weit nach der andern Seite hin.

Oft erblickte man Matthias überhaupt nicht auf den Straßen. Es kam ihm so vor, und dieser Verdacht war nicht ganz ungerechtfertigt, als ob ihn seine Mitbürger etwas weniger ehrerbietig grüßten, und als er in der Harmonie den Wunsch aussprach, nicht fürder zum Vorstande gewählt zu werden, da widersetzte man sich dieser Bitte nur lau, und ein anderer trat an des Buchbinders Stelle. Das hatte Matthias ja nun wollen, und doch: es hätte ihm unendlich wohlgetan, wenn man ihm den Wunsch mit einem lauten Nein abgeschlagen haben würde. Man ließ ihn gehen, nach seinem Willen, und das war eigentlich sehr gegen seinen Willen. Er wurde sich dessen bewußt, daß er den Antrag auf sein Ausscheiden nur zur Probe gestellt hatte, um zu erfahren, wie die Leute von ihm dachten. Nun bekam er eine beschämende Antwort: sie hielten ihn nicht auf.

Obgleich ihn das schmerzte, – konnte er es ihnen verdenken? War er nicht schuld an der eigenen Schande, nicht verantwortlich für das Heil seines Kindes?

Ja, so nahmen es auch seine Mitbürger auf. Man bedauerte den Buchbinder, gewiß. Es war auch niemand da, der ihm das Unglück etwa gegönnt hätte, aber – ein Wiegen mit dem Kopfe, ein Zucken mit der Achsel, – ein Vater mußte eben bester aufpassen auf seine Tochter.

Bis in sein Geschäft hinein bekam Matthias diese leise Nichtachtung zu spüren. Die Gehülfen taten vertraulicher … so, als ob sie sagen wollten: Bilde dir nur nicht ein, daß du vielleicht besser bist als wir. Was dir geschehen ist, das soll uns noch lange nicht passieren. Wir halten die Hand über unseren Kindern.

Vertraulicher waren sie und dabei ein wenig aufbegehrend, denn sie deuteten ihm an: wenn er es nicht einmal fertig brachte, seine Familie zu regieren, hatte er dann auch Verstand genug für ein großes Geschäft?

Erst litt Matthias unter den Blicken, die ihn so von unten her trafen, dann aber setzte er seine entschlossene Miene auf und befahl einfach klipp und klar, wo er sonst höflich zu ersuchen pflegte. Das wurde nun kein gemütlicher Zustand, es ging auch bei den Angestellten nicht ohne kleine Widerreden ab, aber Matthias blieb in seinem Hause bis in den letzten Winkel hinein der Herr.

Und Herr blieb er schließlich auch in der Stadt. Die Schuld, die er trug, trug er für sich allein. Nach außen hin ließ er sie sich nicht anmerken. Er trat fest auf. Damit schüchterte er manchen, der ihm mit einem billigen Mitleid, das heißt mit Herablassung nahen wollte, gehörig ein. Der Buchbinder ließ sich nicht an den Wagen kommen. Das wußte man bald in ganz Tweetenhorn.

Heimlich konnte man tuscheln, konnte man über Elli die Hände ringen, aber die mildtätigen Händedrücke gewöhnte man sich rasch wieder ab. Matthias ergriff solche aus Erbarmen hingestreckte Hand entweder gar nicht, oder er schüttelte sie so tüchtig, daß sie in den Fingergelenken knackte.

So errang er sich seine alte Stellung im Gemeinwesen von neuem. Man machte sich sogar sachte an ihn heran, ob er dem Vereine nicht wieder seine Kräfte leihen wollte. Aber da sagte Matthias kurzab: »Nein.«

Einmal hatte man ihn ziehen lassen … auf seinen Wunsch, und darüber war und blieb er nach der wunderlich krausen, so ganz menschlichen Art, wie selbst seine sonst so gerade ausschauende Seele in dieser und jener Sache empfinden konnte, ein gekränkter Mann.

In der Familie wurde alles straff gehandhabt. Über Elli ward kaum gesprochen. Er legte die Briefe, die von Clara kamen, nachdem er sie gelesen hatte, schweigend auf Finens Nähtisch. Die blickte hinein und wollte dann und wann über das ungeratene Kind schmälen, aber Matthias sah sie mit einem seltsamen, traurigen, fragenden Blicke an.

Dann wurde Fine rot und verstummte.

Arbeit, Arbeit, das war es, wobei auch sie am besten alles andere vergaß, und so hatte Matthias von seiner Frau genau das, was er von ihr brauchte, eine nie erlahmende und nie unwillfährige Hülfe.

Äußerlich war alles zwischen den beiden in Ordnung. Von den mannigfachen Gedanken ihres Mannes, wie sie ihm in dieser Zeit das Hirn durchkreuzten, bekam Fine nichts zu wissen, und von ihrem eigenen Innern, ja, was ahnte Matthias da?

Die beiden kannten einander ja auch nur dem Namen nach.

*

Elli blieb lange von Tweetenhorn fort. Erst als ihr Kind, der kleine Matthias, ein volles Jahr alt war, kam sie mit ihm nach Hause. Das gab kein fröhliches Wiedersehen. Das Kleine war ein gar zu fremder Gast. Weder Fine noch Matthias konnten sich zuerst recht dazu bewegen, es in den Arm zu nehmen.

Frau Clasen aber brach dann den Bann. Sie küßte das Kind und erkannte es auf diese Weise als ihren Urenkel an.

So kam es denn allmählich, daß der kleine Eindringling beachtet wurde. Die Mütterlichkeit wachte in Fine noch einmal auf und dämpfte ihren Zorn über das Geschehene. Sie fand sich in alles hinein. Sie war überhaupt zu müde, um ihrer Tochter noch immer wieder Vorwürfe zu machen, und weil der kleine Matthias sich zu einem drolligen Kerlchen entwickelte und sein Jauchzen so hell durch die Stuben und über den Hof klang, so wurden ihm nach und nach alle wohlgesinnt.

Mein Gott, war es nicht auch das Unvernünftigste, wenn man das Kind nun büßen ließ für das, was die Großen, alle wie sie da waren, gesündigt hatten? Und Matthias nahm in seinem Herzen einen festen Anlauf: zu dem Enkelchen hin, hob es aus seinem Bette und schloß es an die Brust.

Mochten sie sich dagegen wehren: es strömte von dem Kinde doch ein bißchen Wärme aus, die sie sämtlich und vor ihnen allen Matthias hier jetzt schon lange entbehrt hatten. Sie nahmen den Knaben als den ihrigen an, und es schien mit diesem unschuldigen Wesen eher Glück als Unglück ins Heim gekommen zu sein.

Nur auf Ellis Antlitz wohnte kein Widerschein dieses Glückes. Sie blieb verschlossen, verschämt, sie war nicht zu bewegen, auf die Straße zu gehen, oder sie ging nur des Abends spät.

Der Pastor und ein paar von ihren Lehrern wollten ihr Zuspruch leisten. Sie hörte sie an, tat aber nicht nach den Worten dieser milden Freunde. Ihr Vater brachte sie auch nicht in die Kirche hinein, – all dieses Zagen aber und diese Unnahbarkeit entsprangen auch jetzt nicht der Reue vor Gott, sondern nur der Furcht vor den Menschen, jener Schämigkeit, der nicht die Sünde selber, der nur das Übel, das die Sünde nach sich zieht, leid tun will.

Nicht einmal den Laden betrat Elli. Immer hockte sie oben an den Fenstern hinter den Bäumen … freudlos … mürrisch … ihr Kind nur wenig hegend oder dann wieder zuzeiten, wenn der Schmerz über sie kam, es mit einer Heftigkeit an sich reißend, daß es aufschrie.

Matthias sah: zu einer Demut, einer Erlösung aus sich selbst heraus gelangte seine Tochter nicht, und sie war so störrisch, daß sie sich auch von ihrem Vater nicht dazu verhelfen lassen wollte.

Das konnte er betrauern, aber er mußte eben Geduld haben. Gott würde schon wissen, wann er an dieses Herz zu rühren hatte.

Nur das Eine machte dem Buchbinder tiefe Sorge: in diesem Leben mußte ja sein Kind schließlich untergehen. Das durfte nicht geschehen. Damit hätte er eine noch größere Schuld auf sich geladen als früher mit seinem schlechten Bewahren. Also mußte er sie frei geben aus dem Hause, aus dieser Stadt, in der sie an ihren Erinnerungen erstickte.

Und er schrieb abermals an seine Schwester Clara und sprach dann zu seiner Tochter:

»So lange, bis du es überwunden hast, mein Kind, so lange magst du draußen bleiben. Es kommt die Zeit, wo du dich selber wieder heim sehnst, – hoffentlich, – wo du einsiehst, daß sogar dies Schwere, was du erlebt hast, nicht das Wichtigste im Leben ist, wo du – ich hoff' es immer – erkennst: die Hauptsache ist, daß wir Menschen uns untereinander lieb haben. Dann können wir alles miteinander ertragen. Geh ruhig wieder hin, wo dich das Begegnen mit den Leuten nicht bedrückt. Dein Vater wartet hier auf dich, mein liebes Kind.«

Mit einem plötzlichen Ausdruck leidenschaftlicher Dankbarkeit fiel Elli ihrem Vater um den Hals. In einer Hast, als gelte es zu fliehen, packte sie ihre Koffer und Körbe, und der Abschied, den sie dann zum zweiten Mal von ihrer Heimat nahm, war nur kühl auf beiden Seiten. Ungern jedoch trennten sich die Alten von dem kleinen Matthias. Als Elli fort war, empfanden sie im Hause eine zwiefache Leere: Ellis stummes, in sich hinein kriechendes Gebaren freilich ließ sich schon vermissen, – nach dem hellen Lachen des Kleinen aber horchten sie mit Sehnsucht aus.

Es kamen Briefe, die Matthias zeigten, daß er für seine Tochter das Richtige getroffen hatte. Sie verstand sich gut mit ihrer Tante Clara, und der kleine Matthias gedieh prächtig; nur daß er am linken Fuße etwas lahm ging, war zu beklagen. Aber der Arzt meinte ja, das würde sich mit zunehmendem Alter schon geben. Und nicht lange dauerte es, so schrieb aus der Nähe von Gelting ein junger Landmann dem Buchbindermeister: Er habe Fräulein Elisabeth lieb gewonnen und bitte um ihre Hand. Elli schrieb gleichfalls, daß sie den jungen Menschen liebe.

Matthias reiste hin und sah sich die Hofstelle und ihren Besitzer an.

Hm, alles in Reih und Glied, wie es sich gehörte.

»Aber Sie wissen doch, daß meine Tochter ein Unglück …«

»Ja, sehn Sie mal, Herr Tedebus,« fiel ihm der Landmann in aller Gemütsruhe ins Wort, »Malheur« kann jeder Mensch haben. Muß man nicht so viele Redensarten davon machen. Deswegen ist Fräulein Elli mir doch ans Herz gewachsen!«

»Aber das Kind?«

Nun zupfte sich der junge Mann verlegen am Ohr:

»Ja, sehn Sie mal, Herr Tedebus, das muß ich nun selber sagen, gleich hätte ich die kleine Kreatur nicht gern bei mir auf dem Hof. Man ist doch gern mit seiner jungen Frau erst so ein bißchen allein, nichtwahr? Ja, sehn Sie mal, wenn hier man erst so ein Stücker vier, fünf herumwimmeln, denn schmuggeln wir den andern kleinen Kerl ganz sachte mang das übrige Kroppzeug ein. Merkt kein Mensch was davon. Aber die allerersten paar Jahre …«

»Gut. Dann will ich das Kind so lange zu mir nehmen.«

»Ja, sehn Sie mal, Herr Tedebus, daß ich im Leben einen so vernünftigen Schwiegervater kriegen würde, das hab' ich mir beim Apfelmausen auch nicht träumen lassen!«

»Und sonst?« fragte Matthias und schaute dem jungen Menschen eindringlich ins Auge, »Sie wollen meine Tochter immer gut behandeln? Versprechen Sie mir das?«

»Ja, sehn Sie mal, Herr Tedebus, da können Sie nun meine Knechte fragen, alle die Reihe längs, wie ich mit meinen Pferden umgehe. Na? Und dann werd' ich schlecht gegen meine eigene Frau sein? Nee, Herr Tedebus, daß es jemand bei mir nicht aushält, sehn Sie mal, das gibt es einfach nicht.«

Die Ehrlichkeit strahlte dem jungen Gutsbesitzer aus dem Gesicht. Matthias wurde froh zu Sinne. War es nicht für seine Tochter fast ein unverdient großes Glück, daß sie so einen festen Mann bekam? Aber es war zugleich doch auch für Elli ein treffliches Zeichen, wenn sie solchem treuen Menschen Liebe einzuflößen imstande war. Um dieser Liebe willen achtete Matthias jetzt seine Tochter wieder höher. Er gab dem jungen Landmanne den Handschlag, und nach etlichen Monden wurde im Kruge zu Gelting eine tüchtige Bauernhochzeit gefeiert.

Es hatte sich noch alles wohl gestaltet, jedenfalls viel bester, als Matthias erwarten durfte. Die Schmach, die durch Elli über ihn gekommen war, sie wurde nun durch ihre ehrsame Heirat, so dünkte es ihn, zum allergrößten Teile ausgelöscht, er konnte zufrieden sein, und er war es auch. Aber unheilbar mißlungen blieb ihm trotzdem, was er mit seinem einzigen Kinde vorgehabt, was er sich von seinem Kinde erhofft hatte.

*

Der kleine Matthias wuchs im Hause der Großeltern heran. Matthias nahm ihn für einen ihm spät geborenen Sohn. Da der lahme Fuß sich gar nicht recht kräftigen wollte, so bedurfte das Kind vieler Pflege und Schonung, aber der Buchbinder hütete sich doch, wieder in den Fehler zu verfallen, den er bei der Erziehung seiner Tochter beging. Er war oft strenger und unnachsichtlicher mit dem hinkenden Menschenkinde, als ihm sein Mitleid und seine Liebe eigentlich erlaubten.

Bei Elli kamen Kinder, und es war auch schon hin und wieder die Rede davon, daß der kleine Matthias nun bald nach Gelting gebracht werden solle. Indessen Tedebus selbst bat: Laßt ihn noch hier! – denn sein wanderndes Herz hatte ein neues Ziel entdeckt: wie, wenn es ihm nun gelang, sich doch eine Menschenseele zu eigen zu machen? Wenn er es mit der Aufbietung aller Vorsicht und aller Sorge erreichte, daß ihn dieser Enkel für die vielen Enttäuschungen belohnte, die er im Hause hinter den Linden nach Gottes Bestimmung hatte erdulden müssen?

Das wurde des Buchbinders Lieblingsgedanke: sich in dem jungen Matthias einen wirklichen Sohn zu erziehen, dem er dann später, wenn seine eigenen Hände müde wurden, die Arbeit seines Lebens hinterlassen konnte. Dann hatte er doch nicht umsonst gewirkt, sich nicht umsonst gesehnt, nicht umsonst gelitten, – dann Land er beides, was bis dahin so verschiedene Wege gegangen war, doch noch einmal zusammen: sein äußerliches und sein innerliches Dasein.

Von Monat zu Monat wurde in Matthiassens noch immer unverwüstlichem Herzen diese neue Hoffnung stärker.

Der Kleine war so anschmiegsam, so sanft, so folgsam, er brauchte so viele Liebe!

Zwar, das störte den Buchbinder: der Knabe hatte genau dieselben Augen wie Arthur Schenk. Aber das mußte eben überwunden werden. Der junge Matthias war des alten Matthiassens Fleisch und Blut und weiter nichts!

So erneuerte der Großvater immer wieder seine Bitte an Elli und ihren Mann: Laßt ihn uns noch für ein Jahr, wir haben ihn so lieb gewonnen.

Elli gab diesen Bitten merkwürdig leicht nach. Es schien, daß sie dies Kind nicht allzu ungern fern von sich wußte.

Im Hause am Markte wurde es leerer. Frau Clasens durchseufztes Leben erlosch in aller Stille, und Fine nahm nun die freilich matte Zärtlichkeit, die sie bisher der Mutter gewidmet hatte, und schenkte sie ebenfalls dem kleinen Matthias.

Die beiden alternden, beieinander einsamen Leute konnten nicht mehr ohne das Kind sein. Es war noch der einzige Punkt, in dem sie sich trafen und sich recht verstanden.

Draußen im Gemeinwesen stand Tedebussens Ansehen in der höchsten Blüte. Seine Mitbürger hatten ihm die Würde eines Stadtrates verliehen, und er war einer der Männer, ohne die in Tweetenhorn nichts von Bedeutung geschah. Jetzt sollte ihm nur das mit dem Enkel glücken, dann wollte er sein ehrenvolles Alter ruhig genießen.

Es schien ja auch in der Tat, daß dem Buchbinder diesmal die Trübungen, die seine Seele schon so vielfältig durchgemacht hatte, erspart blieben.

Einen gefügigeren Knaben als Matthias konnte man sich nicht denken. Er faltete emsig die Hände zum Gebete, und seine Lehrer waren gerade wie einst bei seiner Mutter des Rühmens über seinen Fleiß und seine Gaben voll. Der alte Matthias, mit Absicht argwöhnisch, mochte suchen, so viel und wie und wo er wollte, er fand keinen Anlaß, das Kind zu tadeln.

Von Schenk wurde der Knabe natürlich sorgfältig in weiter Entfernung gehalten; über seinen Ursprung erfuhr er noch lange nichts, und es war auch leicht, ihm die traurige Wahrheit zu verschweigen, denn Arthur Schenk drängte sich wahrlich nicht an ihn heran.

So ging es, bis der kleine Matthias zehn Jahre alt war. Da mit einem Male, bei einer Gelegenheit, die an sich nicht eben wichtig war, ertappte der Buchbinder ihn auf einer Unwahrheit, nein, auf einer bewußten Lüge. Auch sonst kamen unter all seiner Gefügigkeit Züge einer verschlagenen, heuchlerischen Natur zum Vorschein.

Tedebus erschrak furchtbar, stellte den Jungen zur Rede und wartete, wie er es einst bei Elli gewohnt war, auf Trotz. Aber da irrte er sich. Der Knabe weinte, verfiel in Zerknirschung, bat flehentlich um Verzeihung, nahm alle Schläge, mit denen sein Großvater nicht sparte, reumütig hin und versprach tausendmal, sich zu bessern.

Da mußte ihm der Großvater, wenn er nicht unverständig sein wollte, schon die Vergebung zuteil werden lassen. Lieber Himmel! Wer hatte denn in der Jugend immer die Wahrheit gesagt? Und es war doch auch bei so viel Reue und Tränen glaubwürdig, daß der kleine Sünder es mit der Besserung ernst meinte.

So brachte Tedebus sein klopfendes Herz zur Ruhe, und alles ging gut. Der Knabe hielt sich streng an die Wahrheit, und man konnte ihm auch sonst keinerlei Heimlichkeiten oder Schliche nachweisen. Indessen – etliche Monate später: dieselbe Sache. Eine Lüge, mit seltsamer Feinheit gesponnen und vor dem Sonnenlichte dann doch so grob! Und nach der Entdeckung ebenfalls das Gleiche: ein geradezu verzweifeltes Reuigtun, ein geradezu leidenschaftliches Verlangen nach Strafe, überschwengliche Verheißungen: »Nie, nie wieder, lieber Großpapa!« Und zuletzt auch darin dasselbe, daß Matthias ihm wieder verzieh und das Schlechte noch einmal entschuldigte.

Jetzt aber kam das Herz des Buchbinders nicht wieder zur Ruhe. Es pochte in lauter Angst. Was konnte er Ellis Kind nur alles Gutes tun, damit es so recht bei ihm blieb, sich so recht von ihm zu allem Edlen und Reinen führen ließ?

Diese Sorge schwieg nicht, aber eine lange, lange Zeit hatte sie keinen Grund, sich besonders zu erregen. Der junge Matthias hielt sich so, daß selbst sein Großvater nicht an ihm zweifeln konnte.

Da aber – was war das?

In der Ladenkasse fehlte Geld.

Ein peinlicher Verdacht fiel auf einen Lehrling. Dem wurde aufgepaßt, aber es war der ehrlichste Mensch von der Welt. Und doch ein Dieb im Hause? Unheimlicher Gedanke. Und woher hatte der junge Matthias die Schachtel Zinnsoldaten?

Matthias forschte: »Hast du sie ihm geschenkt, Fine? Sag' es nur, ich werde nicht böse, wenn du ihn auch nicht so verwöhnen sollst.«

»Nein, ich nicht, Matthias. Er sagt, er hat sie von einem Freund bekommen.«

Weiteres Nachfragen, bis zu dem Freunde hin, aber der Freund wußte von nichts.

»Woher die Zinnsoldaten, Junge?«

Dieses Mal, wo die Entdeckung noch zu hindern war, sah nun Matthias bei seinem Enkel keine Reuetränen, sondern der Knabe blickte ihm dreist ins Gesicht. Alle Anschmiegsamkeit war verschwunden: er hatte Schenks Züge auf und ab.

»Doch geschenkt bekommen, Großpapa! Von wem, darf ich nicht sagen!«

Die Wahrheit war nicht heraus zu bringen, nicht heraus zu schlagen.

Das einzige, was übrig blieb, war ein Auflauern von Stunde zu Stunde. Und leider Gottes! das Lauern war nicht umsonst.

Matthias hatte eines Mittags gesagt, daß er einen Gang in die Stadt tun wolle. Irgend etwas hielt ihn aber unten auf. Er trat noch erst einmal in den Raum hinter den Laden. Die Gehülfen waren zum Essen fort, und auch im Geschäft war niemand.

Da hörte Tedebus seinen Enkel mit leisen, aber durch das Hinken erkennbaren Schritten über den Flur gehen, – ganz sachte wurde die Klinke von der Ladentür niedergedrückt, und der Knabe schlich sich hinein. Tedebus spähte durch die runde Öffnung in der Werkstattür auf ihn. Der junge Matthias drückte sich um den Ladentisch herum, kniete nieder, so daß ihn von draußen kein Mensch erblicken konnte, zog in dieser Stellung die Schublade auf und griff zwischen die Münzen.

In dem Augenblicke stieß Tedebus seine Tür auf:

»Junge, was machst du da?!«

Der Knabe heulte auf, wollte davonlaufen, der Alte aber packte ihn bei der Schulter und zog ihn nach hinten in die Werkstatt.

Beide zitterten sie, Großvater und Enkel, beide aus andern Gründen, – der Großvater um seiner vergeudeten und verlorenen Liebe willen, … der Enkel in der jämmerlichen Furcht des ertappten Diebes.

Aber der Großvater züchtigte den Knaben nicht, er schaute ihn nur unbeschreiblich wehmütig an:

»Und wenn du auch denkst, daß du mir das verheimlichen, daß du mir das überhaupt antun kannst, – weißt du denn nicht, daß Gott alles steht?«

Keine Antwort, nur ein sich immer steigerndes Heulen:

»Bitte, bitte, lieber Großpapa, sei nicht böse! Ich wollte ja gar nicht … ich will es nie wieder … bitte, bitte nicht!«

Mit Abscheu wandte sich Matthias vor diesem Gewimmer ab und wollte zum Laden hinausschreiten.

Kaum hatte er aber dem Knaben den Rücken gekehrt, – was war das? Das Weinen hörte ja auf einmal auf. Matthias schwenkte sich schnell herum.

Da sah er, wie sein Enkel ihm die Zunge ausgestreckt hatte.

*

An diesem Mittage tat Matthias Tedebussens Lebensstrom den dritten und den tiefsten Fall. Nun aber gab es kein Weiterfließen mehr, sondern nur noch ein Zerstieben im Unendlichen.

Abends nahm der Buchbinder seine Bibel her und schrieb vorn auf das leere Blatt, wo die Familienchronik ausgezeichnet wurde, diese Verse:

Ich blieb fast stets an einem Ort
Und pilgerte doch immerfort.
Es war mein Los, zu wandern
Von einem Herzen zu dem andern.
Nur eines war, das mit mir ging,
Sich liebend meinen Pack umhing,
Doch als dies eine schlug nicht mehr,
Da war die Welt dem Wandrer leer.
Recht wie ein armer Bettelmann,
So pocht' ich an die Türen an.
Da sah heraus wohl manch Gesicht:
»Hier, iß und trink, doch bleiben kannst du nicht.«
Sie nahmen für das bißchen schon,
Was sie mir gaben, teuren Lohn.
Die Herzen sind doch wahrlich nicht so rar, –
Warum blieb ich der Herzen also bar?
Nun tu' ich denn zum Schluß mein Wünschen ab
Und lehn' in Schrank den Wanderstab.

*

Erntedankfest.

Stadtrat Matthias Tedebus saß in der Kirche.

Der Pastor sprach von dem Segen, den Gott über die Gemeinde ausgeschüttet hatte.

»Mit aufgehobenen Händen dem Herrn danken, – das ist unsere Pflicht. Und kommen schwere Zeiten, – nicht verzagen. Auf Gott das Hoffen, auf Gott das Bauen. Verläßt uns die Welt: Gott ist immer für uns da, wenn wir in Not und Sorge zu ihm flüchten.«

An diesem Worte blieb Matthias haften. Er achtete nicht auf das, was der Geistliche ferner sagte.

Zu Gott flüchten. Was hieß das?

Gott war überall. So konnte ein Mensch ihm weder entgehen, noch im eigentlichen Sinne zu ihm flüchten. Oder – ja, nun begriff Matthias den Pastor: die Seele sollte zu Gott kommen, sich mit ihm einen.

Ein Mittel dazu gab es. Matthias kannte es gut:

Die Demütigung lieben bis zur Selbstentwürdigung!

Wenn aber in einem Menschen wohl Demut lebte und seine Natur sich trotzdem mit Wucht gegen das allzu tiefe Gedemütigtwerden aufsetzte, – wie konnte er dann die Seele durch dichte, düstere Wolken zu Gott senden?

Das Orgelvorspiel hub an.

Matthias horchte. Sein Lieblingschoral.

Und bald brauste, von Hunderten froher Lippen gesungen, in lang getragenen Tönen die Weise zum Kreuzgewölbe hinauf, und es schien, die Sonne leuchte bei diesen Klängen heller und freudiger über den Altar und über die andächtigen Gesichter hin:

»Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren!«

Matthias mühte sich mitzusingen. Seine Stimme versagte. Ein Schluchzen drang aus seiner Brust. Die Nachbarn schauten verwundert auf ihn.

»Meine geliebete Seele, das ist mein Begehren!«

Matthias war, als vernähme er von draußen, wo die Gräber lagen, – oder nein, in seinem Innern; – nicht doch, – in der ganzen Kirche und rings in der Luft durch den Choral hindurch wie Donner das Wort der alten Amundsen:

»All nich wohr!«

Er hörte das krächzende Lachen der Greisin, und ihm deuchte, er müsse selber lachen zu diesem Gesange von Menschen, die Lob und Ehre darbrachten einem höchsten Wesen, das grausam oder gleichgültig die Lose verteilte, – vielleicht nach einem für Sterbliche unerforschlichen Ratschlusse, vielleicht ohne Plan, – was ging das ihn an, der für die viele Liebe, die er ausgestreut hatte, am Rande seines Daseins mit leeren Händen stand?

»Kommet zu Hauf!«

Nie wieder! Er war lange genug im großen Haufen gewesen. Er haßte das Lied. Er wollte nicht mehr daran glauben.

Indem er jedoch diesen Glauben mit einer Anwandlung des Ekels von sich stieß, wurde er sich auch bewußt, daß damit alles Irdische vollends für ihn zusammenbrach, und wie die urplötzlich entdeckte Lösung eines endlos begrübelten Rätsels erfüllte ihn der Gedanke: ein Weg war noch da, einen Versuch konnte und mußte er noch machen, um Gott, das heißt: die vollkommene Liebe zu finden.

Mit dem Körperlichen war das unmöglich. Das hatte er zur Genüge erfahren. Warum sollte er denn nicht die Seele, auf die es allein ankam, vom Körper befreien, damit sie zu flüchten vermochte, wohin es sie trieb?

War er nicht immer der Mann des sorgsamen Erwägens und der raschen Tat gewesen? Wenigstens des entschiedenen Endigens ein für alle Mal?

»Psalter und Harfe, wacht auf!«

Matthias hielt es nicht im Kirchenstuhl aus. Krampfhaft richtete er sich empor, preßte das Tuch ans Gesicht und wankte durch den Gang, während ihm die Leute bestürzt nachsahen.

Durch die Tür unter der Orgel schritt er in den Vorraum, auf dem der Glockenturm ruhte.

»Lasset den Lobgesang hören.«

Matthias schloß, den hülfsbereiten Küster von sich wegwinkend, die Tür fest hinter sich zu.

Hier drinnen machte er Halt.

Der Raum war voller Gerümpel. Die grün angelaufenen Fenster ließen nur spärliches Licht herein.

Ein großes, altes Kruzifix lehnte an der Wand. Das Blut aus Christi Wunden war in breiten Flüssen gemalt. Auf dieses Blut hefteten sich Matthias Tedebussens Züge mit ungeheurer Spannung.

Die Orgel begann nach kurzem Zwischenspiel den zweiten Vers:

»Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret!«

Wie fürchterlicher Hohn schallte das an des Buchbinders Ohren. Er warf den Kopf wild zurück, faßte in die Tasche, holte sein Messer hervor.

Die Gemeinde sang:

»Der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet.«

Er riß die scharfe Klinge auf und hob sie. Seine Hand, die den Griff umklammerte, war wie von Stein.

Die Gemeinde sang:

»Der dich erhält …«

Er setzte sich das Messer an den Hals. Jetzt – –

Aber gerade, als die Gemeinde nun sang:

»Wie es dir selber gefällt,«

– da war es, daß Matthiassens Augen auf den Gekreuzigten fielen. Unsagbar mitleidig blickte das abgezehrte Erlöserantlitz den Armen an, der in seiner Verzweiflung an allem auf Erden wähnte, daß er aus eigener Gewalt zu Gott gelangen könne.

»Hast du nicht dieses verspüret?«

Nein! hätte Matthias gern trotzig geschrieen, doch ihm stockte jeder Laut, denn – er mochte wollen oder nicht – auf den bleichen Lippen des Heilands las er die Frage:

Wer hat denn mich auf meinem Pilgerpfade hienieden verstanden? Wer hat mir für meine Liebe gedankt? Wer war bei mir in meiner bittern Not? Und warum habe ich denn nicht in meiner trostlosen Verlassenheit den Weg eingeschlagen, den du nun gehen willst?

Und sieh! die Antwort auf diese Fragen strahlte von der reinen Stirn unter der Dornenkrone:

Ich habe ausgeharrt bis an den herben Schluß, damit du in dieser Stunde nicht einsam seiest. Gott hat deinen Schritt zu mir gelenkt mit einer Liebe, die weit erhabener ist als das, was du an Liebe begehrtest und erhofftest. Spürst du jetzt, Kleinmütiger, der du bist, wie Gott dich an sein heiliges Herz geschlossen hat?

Die Gemeinde fuhr in ihrem Liede fort. Ihr Lobgesang wurde zu einer furchtbar ernsten Mahnung für Matthias, der, gelähmten Armes, die Schneide sinken ließ. In welcher Unwürdigkeit stand er vor dem Gekreuzigten, der Legionen von Engeln hätte befehlen können und doch aus inbrünstiger Ergebung in den Willen des Höchsten aller Macht entsagte und den Kelch des Elends trank! Wollte er, der kleine Mensch mit seinem kleinen Weh, sich größere Rechte anmaßen als Gottes Sohn?

»Denke daran, was der Allmächtige kann, der dir mit Liebe begegnet.«

Ja, an Gottes Liebe nicht mehr glauben, hieß Gott verlieren. Wie aber konnte Matthias je sein ersehntes Ziel erreichen, wenn er es gleichsam selbst im voraus vernichtete?

Also ließ der Buchbinder den jäh in ihm aufgeblitzten Entschluß, sich die Strecke seines Erdenweges zu verkürzen, ebenso schnell verlöschen. Er blieb der fromme und gerechte Mann, der er immer gewesen war, in der schlichten Erkenntnis, daß er warten mußte, bis ihn der Mittler, der von sich sprechen durfte: Niemand kommt zum Vater, denn durch mich, – dahin führte, wo es keine Einsamkeit, kein Unverständnis und keinen Undank gab. –

Da aber Gott nun sah, wie sich diese Seele überwunden und zu ihrer Läuterung und ihrem Frieden hindurchgerungen hatte, so tat er an dem Leibe, der vom Furchenziehen im Staub ermüdet war, das Werk der Barmherzigkeit.

Beim jubelnden Ausklang des Chorals:

»Lobende, schließe mit Amen!« glitt Matthias, sich noch zur Seite des Kruzifixes an der Mauer haltend, sanft und allmählich auf die roten Ziegelsteine des Fußbodens nieder.

Nach dem Gottesdienste fand man ihn liegen, wie wenn er sich für immer ausruhen wollte.

In Wahrheit hatte er nach überstandener irdischer Wanderschaft an der Hand des Heilands die Fahrt zu Gott angetreten.

 

Ende

* * *


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