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Fast war es, als seien die Linden vor dem Buchbinderhause gefällt worden, so hell und sonnig lag es in den Stuben.

Matthias schmetterte sein Lied, und sein Blick strahlte durch die blanken Brillengläser glücklich zu seiner jungen Frau hin, deren Augen ihm mit warmem Widerscheine dankten.

Nett trug sich Fine. Das gesteifte Kattunkleid rauschte um sie herum, wenn sie behend und fleißig von oben nach unten und hin und her eilte, und das Häubchen saß ihr liebfraulich auf dem Scheitel. Von den Altjungfernfalten an den Schläfen war nichts mehr zu sehen. Alles an ihr war glatt. Man konnte denken, daß sie jünger sei als Matthias, – jugendlicher war sie jedenfalls, und das sah nicht im geringsten gekünstelt aus, sondern es war die Freude am neuen, um so vieles vollkommeneren Dasein, die sie mit einer ganz natürlichen Lebhaftigkeit erfüllte, und ihre Liebe zu Matthias umgab sie mit jener reizenden Demut, die selbst dem gereiften Weibe vor dem Manne noch immer einen Schimmer von Mädchenhaftigkeit verleiht. Die will dann immer wieder gewonnen werden, läßt sich wohl auch besiegen, erhebt sich aber nach jeglichem Sturm und feuert von neuem zur Eroberung an.

Bezwungen herrscht sie.

Fine war gut gegen alle Welt, und jetzt, wo sie sich von ihrer Mutter schon durch den andern Namen, der ihr gegeben war, getrennt wußte, gab es zwischen den beiden Frauen nichts mehr, was sie schlimm von einander schied. Bis dahin hatten sie alles miteinander teilen müssen, – jetzt durfte die Tochter eine Welt von Empfindungen für sich genießen, und dies Bewußtsein, einen Reichtum zu besitzen, der die Mutter nichts anging, machte Fine nun gerade gütig und liebevoll freigebig.

Unter dieser Milde kam Frau Clasens verklammtes Gemüt wieder zu sich. Die Spannung, die ihr in den letzten Monaten als ein zu enges Band um die Brust gesessen hatte, lockerte sich, – ihr war, als sei sie selber noch einmal jung und beweglich geworden. Dieses Aufatmen aber gab ihr den Mut, jetzt die ärgste Lüge vom Dache des Hauses herabzustoßen.

Vier, fünf Wochen nach der Hochzeit wagte sie es, vor die alte Amundsen hinzutreten:

»Ja, ich konnte nicht anders, Mutter, und es ist ja hier auch immer so gewesen, daß der, der in die Familie kam, das Haus übernommen hat. Fines Mann hat es gekauft.«

Die Alte warf Frau Clasen freilich erst einen bösen Blick zu: »All nich wohr.«

»Doch, Mutter.«

»Mi hett keen Minsch fragt, wat ick dat hebb'n will.«

»Ach Mutter, du bist doch noch immer so schwach, wir wollten dir jede Aufregung sparen. Wir wußten ja, daß du damit einverstanden wärest. Weil es hier doch immer so gewesen ist.«

Dagegen konnte nun die Greisin, so viel sie auch suchte, nichts einwenden. Ihr eigener Mann und ihr Schwiegersohn hatten das Haus bekommen, als sie mit der Familie verschmolzen, also mußte man auch in dieser Weise fortfahren. Der Buchbinder da unten war ja nun kein Fremder mehr, und da sich Frau Amundsen zudem Finens Heirat so gewünscht hatte, wie sie geschehen war, – ja, da sie sich einbildete, sie habe das Paar mit ihrem unablässigen Denken auf geheimnisvolle Art zusammengebracht, so ließ sie sich auch wegen des Hausverkaufes besänftigen, nachdem sie genug darüber gescholten hatte, daß man sie nicht um die Erlaubnis gebeten habe. Das bißchen Gebrumme nahm Frau Clasen leicht auf sich. Sie war eitel zufrieden und froh, daß Großmutter jetzt alles wußte.

»Alles?« fragte Matthias seine Schwiegermutter. »Wohl kaum. Wäre es nicht aber besser gewesen, du hättest ihr wirklich alles eingestanden?«

»Was denn noch? Ich habe ihr ja den ganzen Kontrakt vorgelesen.«

»Bloß nicht das Datum.«

»Danach hat sie nicht gefragt. Das ist für sie ja auch ganz einerlei. Die Hauptsache weiß sie.«

Auch Fine fand es nicht wesentlich, daß Großmutter über die Zeit des Verkaufes im Unklaren gelassen und also doch getäuscht worden war.

Nur Matthias fühlte in seinem Gewissen den Schmerz: die gröbste Lüge war vertrieben, aber eine Unwahrheit saß doch noch auf dem Dache. Schade! Er hätte es gern ganz blitzeblank rein gehabt. Aber selber hingehen und der alten Amundsen den Irrtum nehmen, worin sie war, – das ging nun wieder um Frau Clasens willen nicht an. So blieb es ihm nur übrig, auf die letzte Wahrheit seufzend zu verzichten. Dazu war er doch durch Frau Clasens nicht etwa erzwungenes oder erbetenes, sondern ganz freiwilliges Geständnis vor der Großmutter soweit gelangt, daß er sich jetzt richtig als den Herrn im Hause betrachten konnte. Das nutzte er aus und ließ sich von der Alten nicht mehr viel hemmen.

Das junge Paar wohnte über dem Laden. Frau Clasen nahm sich eine Schlafkammer auf dem Boden. So wurde Matthiassens Junggesellenstube frei. Der Buchbinder richtete dort noch ein Schaufenster ein, ganz für die Buchhandlung, und die kleine Druckmaschine für Karten und Glückwünsche wurde hinten im Alkoven dieses Zimmers aufgestellt. Die Wand nach dem Hofe zu war durchbrochen und auch da war noch ein Fenster eingesetzt worden. Im selben Raume, durch eine Bretterwand abgekleidet, war ein gemütliches kleines Kontor entstanden. Der Schuppen im Hofe, dessen Anblick die alte Amundsen nun einmal nicht entbehren wollte, wurde wenigstens um ein Stockwerk erhöht, der Gang vom Markte an der Seite des Hauses entlang bekam einen hölzernen Fußboden und eine Überdachung, so daß er jetzt ein treffliches, trockenes Lager hergab. Kurzum, Matthias setzte die Ellenbogen ein und schaffte sich so viel Platz, als sein immer wachsendes Geschäft nötig hatte.

Im Laden halfen die Frauen, für die Buchbinderei, und die Druckerei aber hatte er seine Leute und war ihnen ein freundlicher und gerechter Prinzipal.

Da die Frauen für ihn kochten und sorgten, als sei er ein verwöhntes Kind, und da ihm auch sonst mancherlei Angenehmes widerfuhr, so ward er ein behäbiger kleiner Mann. Das Haar, das ihm bis dahin stark rötlich schimmerte und aufrecht stand, wurde dunkler, und er trug es so lang, daß es sich schlicht von der Stirn zurücklegen ließ. Längs den Ohren bis zur Höhe der Lippen ließ er einen kurzen Backenbart stehen, der seinem Gesichte Breite gab. Er hatte stets lange, graue Flauschröcke an, hohe Kragen und altmodische schwarze Schlipse. Dazu ein flacher, nach außen geschweifter Zylinder, baumwollene Handschuhe, und wenn auch die Sonne vom makellosesten Himmel herabbrannte, der nicht straff gerollte, sondern nur oben mit dem Gummibande zusammengeschnürte Regenschirm: hat man wohl je einen echteren Tweetenhorner Bürgersmann gesehen?

Stattlich schritt er des Sonntags mit Fine, die über einen halben Kopf größer war als er und deren Mantille im ganzen Ort ihrer reichen Spitze wegen Aufsehen erregte, zur Kirche oder nach dem Burgberg oder nach dem eine halbe Stunde vor der Stadt gelegenen Schützenhause. Überall grüßte man ihn mit Ehrerbietung, denn er war für einen festen, offenen, tapferen und gebildeten Menschen geschätzt, der im Gemeinwesen auch etwas zu sagen hatte. Seiner Umsicht und Redlichkeit traute man Ämter an. Die Kasse der Harmonie hatte nie so glänzend gestanden und gestimmt wie jetzt, wo sie in Buchbindermeister Tedebussens Geldschrank daheim war. Im Kirchenvorstande war er in vielen Fragen dem Pastor gegen die anderen, mehr liberal denkenden Mitglieder unentbehrlich mit seiner nie wankenden, einfachen Frömmigkeit und Bekenntnistreue, und in der Grünen Gilde brachte er es, obschon ihn die preußische Armee zu ihrem eigenen großen Schaden einst verschmäht hatte, sogar bis zum Leutnant. Das sah wohl forsch aus, wenn er im schmucken Jägerkittel mit den silbernen Tressen, das Hütchen mit dem Federstutz ein bißchen schief auf und den blitzenden Säbel gezogen, zum Schützenfeste vor seinem Zuge einhermarschierte, – dicht hinter der Musik, zu deren bekannter Melodie die mit nach dem Schützenplatze strömenden Tweetenhorner Jungens sangen:

Krischan Wriedt, Krischan Wriedt, nu ward't Tid,
Nu treck de Vagelscheetenbüxen an!
Scheetgewehr, Trummel her, Sabel an de Sit!
Scheetgewehr, Trummel her, Sabel an de Sit!
Krischan Wriedt, Krischan Wriedt, nu ward't Tid! …

Was der wackere Matthias Tedebus anfaßte, das gelang ihm auch. Draußen: ein ernstes Vorwärtsschreiten, ein stetiges Mehren und Stärken der Fäden, die ihn mit seinen Mitbürgern verbanden, – drinnen im Hause: Frieden und eine Frau, in deren Liebe sich bald ein Hauch von Mütterlichkeit mischte, die in den ersten Monaten ihrer Ehe ihrem Manne galt. Denn Fine war doch immerhin die an Jahren Überlegene, und er hatte es unwillkürlich gern, ihr ein wenig Verehrung zu zeigen, die entfernt dem Sohneshaften ähnelte und darum leichte Spuren einer Unterwürfigkeit aufwies, von der Matthias sonst wahrhaftig nichts wußte. Dann aber kam der Tag, wo Josefine ihre Mütterlichkeit ganz in sich selber brauchte, und wo sie, obschon ihr die Vollendung des Weibes nahte, doch beinahe zu einem Kinde mit allerhand Launen und Trieben wurde.

Und Matthias war nun um sie herum mit einer Zartheit und Feinheit, daß er ihr jegliches Begehren von den Augen absah und ihr nie die kleinen Unwirschheiten, mit denen sie ihm in ihrer Hülflosigkeit begegnete, auch nur im mindesten verargte. Er scherzte, er machte sogar wohl mal aller Bürgerehrsamkeit zum Trotze drollige Tanzschritte um sie herum, damit er sie erheiterte. Er räumte ihr alles aus dem Wege, wovon er auch nur argwöhnen konnte, daß es ihr in dieser Zeit so weiches und zu Tränen neigendes Wesen unliebsam berühren werde, und wenn er mit ihr auf der Straße war, und fünfzig Schritte vor ihnen kam ein Kind gerannt, so hielt er schon in der Furcht, das wilde Ding könne gegen Fine stoßen, schützend seine Hand vor sie.

Sahen sie aber ein Wägelchen, das von einer jungen Mutter geschoben wurde und worin etwas Rosiges schlief oder mit den Ärmchen zappelte, dann stieß er seine Frau sachte an und zwinkerte ihr pfiffig zu: »Du! Können wir auch bald, – was?«

Fine lächelte in jener traumhaften Verklärung des mütterlichen Glückes, die doch nicht frei von eigener Schmerzlichkeit ist und auch nicht frei von der Ahnung des Leides, das dem künftigen Geschöpfe beschieden sein wird. Matthias war ganz Leisheit und Ehrfurcht zu Fine, und sie hing mit einem unendlichen Vertrauen, mit einer rührenden Dankbarkeit an ihm. War er lustig und beredt, so wurde sie immer wortkarger. Straffte sich bei ihm alles, damit er ihr eine rechte Stütze sein konnte, so gab sie immer lässiger der Bürde nach, die sie zu tragen hatte. Aber wie verschieden sie waren, und obgleich sie nun von Monat zu Monat verschiedener wurden, – er immer stärker und wacher, sie scheinbar immer schwächer und müder, mochte sie auch in Wahrheit gerade jetzt dazu auserlesen sein, ihre größte Tat zu tun: ein neues Leben in sich zu nähren, – einig fühlten sich beide darin, daß ihnen rein und heilig zu Mute war.

Sie sprachen diese Worte nie aus, aber sie verstanden, was es hieß: rein und heilig, jetzt, wo sie das ganz Neue und damit auch eine ganz neue Welt von Pflichten und Freuden aus Gottes Güte empfangen sollten. Und dann, – noch waren sie kein volles Jahr verheiratet, – lag ihnen ein Mädchen in der Wiege, das sie auf den Namen Elisabeth taufen ließen.

Matthias jubelte: »Nun hab' ich sogar mehr, als ich brauche, – nun hab' ich zwei Menschen für mein Herz!«

Oft stand er vor der Wiege, die Hände wie zum Gebet, und schaute mit tiefer Andacht, mit einem tiefen Staunen über das Wunder, das sich da ereignet hatte, auf sein Kind, und während die Augen der Kleinen merkwürdig groß und fragend auf ihn gerichtet waren, sprach er mit inbrünstiger Gläubigkeit die Verse seines Lieblingschorals:

Der dich erhält,
Wie es dir selber gefällt.
Hast du nicht dieses verspüret?

*

Dem Buchbinderhause gegenüber, bei dem Herrn Bade- und Zahnheilklinikdirektor, ging es nicht so traulich her. Lilly Diercks war noch vor Finens Heirat die Frau des schönen Beos geworden und hatte noch vor Fine einem Kinde das Leben geschenkt, aber sie wurde nicht eins mit ihrem Manne. Wohl besaß er über sie jene eigentümliche Macht, womit solche glattschönen Männer sich Frauen, deren Sinnenleben stärker ist als ihr Seelenleben, untertänig machen, aber in Lilly war, so oberflächlich sie sein mochte, doch ein Etwas, was sich gegen diese Macht auflehnte. Sie wurde oft ungebärdig, und da war es denn mit seinen liebenswürdigen Worten aus. Sein Gesicht verzog sich in häßliche Falten, – er forderte mit grausamster Rücksichtslosigkeit von ihr das hingebende Wesen, in das er sie sonst hineingeschmeichelt hatte. Widerstand sie ihm, so gab es schlimme Tage.

Auf das erste Kind folgte bald das zweite. Lilly ward schwach. Ihr hübsches Gesicht verlor seine Rundung. Ihr munterer Gang wurde müde. Sie sank in ein unbedeutendes Aussehen zurück, selbst die auffallenden Kleider, an die sie gewöhnt war, hoben es nicht recht mehr. Da bekam der schöne Beo immer längere Zeiten, wo er seiner kleinen Frau überdrüssig war, und sie rächte sich für sein Vernachlässigen durch launisches, störrisches Benehmen.

Mit den Kindern verstand sie nicht viel anzufangen. Die alte Katharine, die zwischen der Mühle und Beowulfs Hause hin- und herlief, so häufig und so rasch es ihre steifen Knochen noch erlaubten, bürdete sich fast die ganze Mühe der Kleinen wegen auf.

Lilly lag schlaff auf dem Sofa, naschte und las, oder sie putzte sich. Aber sie war nicht eigentlich zum Vergnügen so träge. Sie fand keinen Frieden darin. Sie tat es bloß, weil sie eben nichts andres zu tun hatte, weil sich kein Mensch und am allerwenigsten ihr Mann um sie bekümmerte.

Freilich – es kamen dann auch noch andere Wochen: da kehrte der schöne Beo reuig zu ihr zurück, fand sie entzückend, kniete vor ihr und umspann sie nach alter Weise mit seinen schwülstigen Reden. Dann blühte Lilly auf, war wieder die niedliche kleine Frau, bis auch bei ihr der Überdruß einsetzte.

Ihr Mann – ewig derselbe – immer nur der Verliebte, begann, sie zu langweilen. Sie hörte nicht mehr auf sein Gesäusel. Das verletzte ihn, den hohen, schrankenlosen Besieger der Frauenherzen, und nun neigte das Blümchen Scheinglück, das eine Weile den Kopf künstlich emporgehalten hatte, sich wieder matt zur Erde.

Besonders dann aber kam Lilly rasch dazu, ihrem Manne gehässige Blicke zuzuwerfen, wenn sie merkte, daß die Liebkosungen, die er an sie verschwendete, nur den Zweck hatten, sie ganz gefügig zu machen, damit sie zu ihrem Vater ging und den für Harry um Geld bat.

Ein paarmal hatte sie es getan, und ein paarmal hatte der Müller, gerade gut gestimmt, sich herbei gelassen, dem schönen Beo Wechsel einzulösen. Aber bald, als sie immer von neuem anklopfte, war er starr geworden. Er zog den Schlüssel vom Geldspind: »Du hest din Deel, – mehr gifft dat nich, min Deern. Dat segg em man.«

»Aber das Geld steckt doch alles im Sanatorium, und damit will es nun doch noch nicht so recht.«

»Denn lat em mintwegen Schnee schippen, dat he sülbn wat verdeent. Du kummst mi nich wedder mit sowat, versteihst?«

Trotz dieses Befehles hatte sie es doch, von Beowulfs Schmeicheln und Flehen überwältigt, gewagt, wieder hinauszugehen. Da nahm ihr Vater sie hart bei der Schulter und schob sie zur Tür hinaus, und wenn sie nicht der alten Katharine, die so etwas wohl schon voraus gesehen und deshalb angstvoll hinter der Tür gelauert hatte, in den Arm geflogen wäre, dann hätte sie sich den Kopf an der Flurwand gestoßen.

Es war ja des Müllers Sitte, lästigen Besuchern auf die Art zu zeigen, daß nichts bei ihm zu holen sei.

Lilly kehrte also mit leeren Händen heim, und nun folgte ein böser Streit. Der schöne Beo behauptete, sie habe nicht richtig, nicht ernsthaft genug gebeten, sie stehe noch auf ihres Vaters Seite und sorge nicht, wie es ihre Pflicht wäre, dafür, daß ihre Kinder etwas zu leben kriegten. Sie hingegen warf ihm vor, daß er sie für solche Gänge mißbrauchte, daß er nicht aus eigener Kraft Frau und Kinder ernähren könne. Die Scheltworte steigerten sich eins am andern, und während die Kinder nebenan ihre kleinen, rosaroten Träume an sich vorbeischweben ließen, standen die Eltern einander gegenüber, zwieträchtig, schonungslos, drohend, er mit Wut in der Stimme, sie mit Augen, die von Tränen verquollen waren.

Jählings konnte dann aber solch eine haßerfüllte Stimmung bei beiden umschlagen. Eben hatten sie sich noch zischend die bösesten Vorhaltungen gemacht, da packte sie urplötzlich – aus dem Gefühl des Hasses heraus, ja, aus der Begierde heraus, den andern Teil völlig niederzuzwingen, – eine verzehrende, verzerrte Leidenschaft. Sie umschlangen sich rasend. Und diese Minuten einer düsteren Liebeslohe waren noch häßlicher als die Stunden des gegenseitigen Verunglimpfens vorher.

Nach solchen Stürmen war alles leer und dürr in ihren Herzen. Sie konnten einander nicht sehen … aus Widerwillen und auch aus Scham.

Dann versuchte Lilly, sich zu ihren Kindern zu flüchten, und da fand sie denn, unter Katharinens Beistand, noch das Beste für ihr Leben.

Aber was rechtes Glück war, das kannte die junge, frühalternde Frau nur aus ihrer Sehnsucht.

Harry war viel auf Reisen. An Vorwänden, um aus Tweetenhorn wegzukommen, fehlte es ihm nicht. Er hatte, wie er sagte, durch ganz Deutschland eine brülljante Propaganda für das Kurbad eingerichtet. In allen Städten gab es, wenigstens seiner Erzählung nach, Agenten, die nichts anderes taten, als Gichtbrüchigen und sonstigen Bresthaften des Tweetenhorner Jungborns Loblied vorzusingen. Diese Agenten aber mußten natürlich besucht, zum anhaltenden Fleiße gespornt und auch genügend mit Talern gespickt werden, damit sie nicht aus Versehen statt Tweetenhorn etwa Wiesbaden oder Teplitz sagten. So ließ der schöne Beo seine Schöpfung, das Kurhaus der Aktiengesellschaft ›Sanitas‹, oft allein, und der Betrieb war schließlich auch ohne ihn im Gange zu halten. Er hatte ja die bewährtesten Kräfte eingestellt, um allen Ansprüchen der Badegäste gerecht zu werden.

Nun ja, von außen sah die Geschichte in der ersten Zeit nicht übel aus. Der Stuck hielt noch an den Mauern des Sanatoriums. Der Teich, den sich Beowulf als eigentliches Kurbad dachte, war mit Zement ausgestrichen und überdacht worden. Der Park wuchs heran, – er hatte gekrümmte Laubgänge und versteckte Plätze, aber auch die schnurgerade Kaiserallee zur Stadt hinein.

Die Heilquelle hieß auch jetzt noch Josefinenbrunnen, denn Lillybrunnen wollte dem schönen Beo nicht recht nützlich erscheinen, und außerdem war es gefährlich, die einmal gewählte Bezeichnung für das Wasser, das sich, laut den Schwüren des Zahnarztes, in sämtlichen Bundesstaaten einer immer anschwellenden Beliebtheit erfreute, in einen andern umzuwandeln. Josefinenbrunnen klang auch mehr so nach einer Prinzessin. Für das Sanatorium war ein alter Arzt als Leiter gewonnen. In seiner Jugend hatte er irgend einer dunkeln Geschichte wegen die deutschen Lande verlassen und das amerikanische Pflaster aufgesucht. Doch brachte er es dort, wo die Dollars auf der Straße liegen sollen, zu nichts, kehrte abgerissen in seine Heimat zurück und war froh, in Tweetenhorn ein Unterkommen zu finden und vor Hunger geschützt zu sein.

Die beiden eingesessenen Ärzte mieden es nach Möglichkeit, ihn ihren Kollegen zu nennen.

Dann hauste im Sanatorium der Wirt mit zwei Dienstmädchen und einem Kellner, der ewig, die matte Serviette in der schlaffen Hand, am Pfosten der Veranda lehnte und auf Gäste wartete. Ein Bademeister beschaute sich das schöne, klare Wasser des Zauberteiches, ein Gärtner harkte den ganzen Tag die Steige des Parkes zurecht, obschon der braune Sand gar nicht niedergetreten wurde, und zwei schmucke Mägdlein in weißen Häubchen zogen eine Flasche Josefinenbrunnen nach der andern ab und hatten eine ganze Reihe von Bechern neben sich stehen. Da sollten nur die Kranken aus aller Welt kommen, – die schlanken Heben wollten ihnen schon den Heiltrunk reichen, so anmutig, daß jegliches Gebrechen schon vom Kredenzen wich.

Ja, aber das war es eben: der schöne Beo mochte in ganz Deutschland noch so viel das Tweetenhorner Klima und seine unübertrefflichen Wässer rühmen, mochte noch so schreiend bunte Bilder, auf denen das Sanatorium wie ein Schloß und der Garten schier meilenweit erschien, in allen möglichen Barbierläden und Wartesälen aufhängen lassen: außer den paar Männlein und Weiblein, an denen nichts mehr zu verderben war, ließ sich niemand am Josefinenbrunnen sehen.

Einmal hieß es, ein russischer Großfürst würde mit dem ganzen Hofstaat auf vier Wochen hier die Kur gebrauchen. Es sei auch gar nicht unmöglich, daß der deutsche Kaiser ihn hier besuchen werde. Die Nachricht gelangte sogar in den Wagrischen Boten, und viel Volks stand, als die Stunde der vermutlichen Ankunft des hohen Herrn herannahte, auf dem Bahnhof. Es kam auch wirklich einer aus der Gegend, wo sie Nitschewo sagen, aber ein Großfürst war es nicht, sondern ein alter pensionierter Bahnwärter aus Riga, der Stoltenberg hieß, zu Tweetenhorn geboren war, in jungen Tagen als reisender Handwerksbursch auf unerklärliche Weise in russische Dienste geraten war und sich mühselig so viele Kopeken zusammengespart hatte, daß er sein Vaterland und seine Schwester, die den Kartoffelkeller in der Schuhstraße hatte, noch einmal sehen konnte. Gefolge hatte er auch nicht weiter als einen lahmen Pudel. Da ließen die Aktionäre des Sanatoriums betrübt die Nasen hangen, und etliche bestellten den Wagrischen Boten wegen seiner Unzuverlässigkeit ab. Bahnwärter Stoltenberg aber, der gern einen kleinen Köhm zu sich nahm, wurde Großfürst Wutky genannt. Dazu grinste der Alte über das ganze Gesicht: »Nitschewo, min lütt Jung!« –

Die Aktionäre wurden immer bedenklicher und verdrießlicher, denn sie sahen keine Zinsen für ihre schön gedruckten Scheine. Das Murren wuchs. Der Aufsichtsrat berief eine außerordentliche Generalversammlung. Beowulf schlug vor, die Aktionäre sollten noch einmal in die Tasche greifen und das Stammkapital also auf das Doppelte erhöhen, aber die Tweetenhorner klammerten die Hände fest um den Geldbeutel: »Lachen wollen wir ihm was!«

»Meine Herren,« beschwor der schöne Beo die Versammlung, »jedes große Unternehmen hat zuerst keine Gegenwart, sondern nur eine Zukunft!«

»Denn laß man erst die Zukunft da sein,« meinten die Aktionäre, »dann rücken wir vielleicht wieder was heraus.«

Der schöne Beo flehte seinen Schwiegervater in aller Öffentlichkeit an, er möge ihn nicht bei dem Lebenswerke, woran sein ganzes Herz hing, im Stiche lassen. Aber Müller Diercks war für Gemütstöne nicht zu haben. Er erklärte: »Nee. Da ist jetzt so 'n Kerl zu mir gekommen, der will aus meinem Torfmoor den schönsten Weizenboden machen. Ist natürlich auch 'n Schwindelmeier, aber die Sache macht mir Spaß, so lange, bis ich den Kerl 'rausschmeiß'. Für die wässerigen Geschichten hier habe ich kein Kleingeld mehr, punktum!«

»Ja,« seufzte der schöne Beo, »dann müssen wir den Betrieb einschränken.«

»Kann der noch einschränklicher sein, als er jetzt ist?« fragte der Müller.

»O doch,« sagte Beowulf und nahm den letzten Rest seiner schönen Geste zusammen, um den Aktionären doch etwas Achtung einzuflößen, »wir werden bedeutende Ersparnisse erzielen.«

»Zinsen her, wo sie auch herkommen!« Das war und blieb das Feldgeschrei des zukunftsüchtigen Aktionärvolkes.

Harry Beowulf zermarterte sich den Kopf, um sein Versprechen zu erfüllen. Aber wo sollte man mit den Einschränkungen beginnen? Von den Personen in dem Sanatorium war nur der Kellner zu entbehren. Der Arme, dessen Lohn sowieso kaum zum Sattwerden hinreichte, bekam denn auch seine Kündigung. Jählings aus seinen Träumen von fürstlichen Trinkgeldern aufgeschreckt, ließ er erst die matte Serviette aus der schlaffen Hand fallen, dann aber ging er ziemlich gleichgültig davon und suchte sich fruchtbarere Gefilde. Die übrigen mußten bleiben, wenn anders das Sanatorium überhaupt noch betriebsfertig sein sollte. Zu tun hatten sie jedoch für das Sanatorium nichts, und so taten sie, was ihnen Vergnügen machte. Der Doktor schrieb an seinen Erinnerungen eines deutschamerikanischen Arztes. Der Ökonom saß vor den Büchern und rechnete sich aus, was für herrliche Prozente er bekommen würde, wenn in diesem Hause jeden Tag jedes Bett belegt sei. Der Bademeister, der doch irgend was zu baden haben wollte, setzte ein paar Molche, Frösche und Barsche in den Teich. Der Gärtner schäkerte mit den Stubenmädchen und ließ den Wind dafür sorgen, daß die welken Blätter von der Promenade kamen, und am Josefinenbrunnen lehnten in voller Anmut die beiden Heben, indes der teure Heilsprudel floß, wohin er Lust hatte. Das Gemäuer des Hauptgebäudes bekam Risse, – von den Zementköpfen über den Fenstergesimsen bröckelten Nasen und Ohren ab. Die Veranda wurde mit Brettern vernagelt.

Von dem ganzen Sanatorium stieg ein Todesgeruch zum Himmel auf.

Je stiller es aber im Badepark wurde, desto lauter und wilder ging es oft im Hause des Zahnarztes her. Beowulf wurde von allen Seiten bedrängt. An den Möbeln klebten die Pfändungsmarken. Das Vermögen seiner Frau war dahin: verspielt, – in Spekulationen verloren, – was wußte er selbst? Sein eigentlicher Beruf brachte ihm nicht viel ein, denn er war ja über die Hälfte der Zeit außerhalb Tweetenhorns. Die Damen hatten auch bemerkt, daß der schöne Beo zitterige Hände bekam und lange nicht mehr so sanft und geschickt zu bohren und zu schaben wußte wie früher. Lilly, mit Verzweiflung der Geburt ihres dritten Kindes entgegensehend, war vor der ausbrechenden Roheit ihres Mannes in die Mühle geflüchtet. Die alte Katharine hatte sie tagelang vor dem Vater verborgen gehalten, schließlich aber mußte die junge Frau, um der beiden andern Kinder willen, zum Markte zurück. Und als das dritte gekommen war, da tat Lilly sich einen heiligen Schwur, daß sie fortan nie mehr den Blicken und der Stimme ihres Mannes nachgeben wolle. Der schöne Beo ließ ihr den Willen. Er hatte wahrhaftig andere Dinge im Schädel als Liebe. Auch verzieh er es seiner Frau nicht, daß sie ein Kind nach dem andern in die Welt setzte, und bestrafte sie dafür, indem er sie kaum noch ansah. So konnte Lilly ihrem Schwur leicht treu bleiben, und sie atmete deshalb auch auf. Es gab jetzt wenigstens nicht mehr ganz so furchtbare Auftritte zwischen ihr und ihrem Manne wie früher … Aber obschon sie nicht länger zu befürchten brauchte, daß sie unter Harrys Händen, mochten sie in Wut oder in Gier nach ihr ausgestreckt werden, zerbrach: ihre Ruhe fand dies junge Weib doch nicht. Ja, sie sehnte sich sogar, wenn es eine Zeit lang einigermaßen lärmlos im Hause gewesen war, nach irgend einem Streit und ergriff die erste beste Gelegenheit, um ihren Mann zu reizen. Denn schlimmer als von ihm – so oder so – zerstört zu werden, erschien es ihr oft plötzlich, da sie nun ja doch trotz allem am schönen Beo hing, daß er sie links liegen ließ. Das Gefühl der Vereinsamung, das in sie einzog, ertrug sie nicht. Die alte Katharine wies sie auf ihre Kinder hin: »Mein klein Deern, hast du da nicht genug zu tun?«

Aber Lilly schüttelte den Kopf. Die Kinder – sie liebte sie, küßte sie, putzte sie, jedoch ihr Herz wurde damit nicht ausgefüllt. Durch die vielen kleinen Liebesgeschichten, die sie in Lübeck durchgemacht hatte, war sie daran gewöhnt, immer jemand um sich zu haben, der ihr huldigte, der sie schön nannte, der ihr Dienste leistete und dankbar war für jeden lächelnden Blick. Beowulf verdrängte zuerst alle andern Männer, an die sie in ihrem Leben schon gedacht hatte, mit seinem Sinnbetören. Als nun seine Macht nicht mehr so spielte, da tauchten in Lillys Seele die Erinnerungen an ihre sonstigen Anbeter auf, – da träumte sie sich sogar dann und wann in den Mühlenweg zurück, in die glücklichen Abende, an denen Buchbinder Tedebus sie einst heimbegleitete. Sie alle, deren Lilly sich erinnerte, waren fern, und am fernsten war ihr Matthias, das merkte sie an dem höflichen, aber ganz gemessenen Gruße, den der Buchbinder ihr bot …

Aus der Vergangenheit war nichts wieder herauf zu beschwören, – indes die kleine Frau hielt es nun einmal nicht aus, so allein zu sein. Betteln vor ihrem Manne? Nein, er hatte sie zu tief empört, indem er ihr rund heraus erklärte, ihr Kinderreichtum richte ihn zu Grunde.

Und so saß Lilly, mit allerhand Schmuck und bunten Schleifen behängt, durchaus nicht mit jener Sorgfalt gekleidet, auf die eine Dame hält, die alles Auffällige und Anlockende vermeiden will, – saß gelangweilt und müßig am Fenster und blickte auf den Platz hinaus nach einem Menschen, der da käme, um ihr die öden Stunden zu vertreiben und ihr ein wenig Anbetungsmusik in die immer noch rosigen Ohren tönen zu lassen.

Aber die Tweetenhorner Männer waren Stöcke und noch dazu ungehobelte. Keiner von ihnen verstand die Blicke, die die junge Frau zu ihnen hinabsandte. Sie waren so nüchtern, daß sie nur meinten: »Die sollte man lieber scheuern und waschen, als daß sie immer sitzt und faulenzt.«

Keiner … außer einem, in dessen unterdrückter Künstlerseele ein Begriff von den Schmerzen verlassener Frauen lebte, und das war Lillys Vetter, Arthur Schenk. Die beiden hatten sich früher nicht recht leiden können. Lilly hatte ihm eines Abends eine sehr kurze Antwort gegeben, als er sie bat, ob sie ihm nicht für eine allegorische Figur im griechischen Gewande Modell stehen wolle. Dadurch war er beleidigt worden. Und überhaupt, sagte er sich dann, Lillys kleine Gestalt, ihre ganze Niedlichkeit, das war nichts für einen so groß denkenden und nach dem Erhabenen strebenden Mann wie Arthur Schenk. Dessen Ideal war die Walküre mit bedeutenden Zügen und langwallendem Haar. Und da der Malermeisterssohn sich's bestimmt vorgesetzt hatte, niemals zu heiraten, um seinem Künstlertum nicht noch mehr Fesseln aufzuerlegen, als er schon tragen mußte, so gab es für ihn eigentlich keine Eifersucht, wenn er, was zu Lillys Mädchenzeit ja nicht selten vorkam, vernahm, daß seine Cousine sich mit diesem oder jenem verloben wollte. Sehr ärgerlich aber war er darüber gewesen, daß es nun gerade dem schönen Beo gelang, sich an den Müller heranzuschleichen und Lilly zu gewinnen. Hätte er auch nur das Geringste von Beowulfs Absichten gewußt, so würde er dem lieben Freunde schon in die Pläne gefahren sein und den Müller gegen den Zahnarzt aufzubringen verstanden haben. Diese Heimlichkeit vergab Arthur Schenk dem schönen Beo nicht, sondern er trug ihm seit jener Zeit einen tiefen Haß nach. Er, der selber viel und arg mit der Lüge arbeitete, entrüstete sich natürlich daß darüber, daß ein Mensch wie dieser Harry Beowulf, der ganz aus Schwindel bestand, das Glück hatte, eine Verwandte von ihm zu heiraten.

»So einer paßt schlechterdings nicht in unsere Familie hinein,« sagte der ehrsame Arthur Schenk. »Bis jetzt haben wir unsern Stammbaum rein gehalten, und nun kommt so was Hergelaufenes, wovon man nicht weiß, oder vielmehr, wovon man ganz genau weiß, … nee, da muß sich ein anständiger Mensch schämen!«

Derlei ließ er aber nicht seinem Freunde gegenüber laut werden. Mit dem blieb der ehrliche, brave Arthur Schenk äußerlich ein Herz und eine Seele, nur verstohlen beobachtete er, was in des Zahnarztes Haus vor sich ging, und Lilly, die immer eine männliche Stütze brauchte, woran sie das Köpfchen lehnen konnte, machte ihn nach und nach zum Vertrauten ihres Elends. Das Bewußtsein, einer und derselben Familie anzugehören, das bisher vielleicht dazu beigetragen hatte, sie einander recht gleichgültig zu machen, war es jetzt, was zwischen Lilly und Arthur einen Bund schloß, – einen Bund gegen den Fremden, den Eindringling, der des Müllers Geld vertat und des Müllers Tochter, – man denke, Arthur Schenks Base! – schlecht zu behandeln wagte. Der Malerssohn war viel zu schlau, als daß er nun die junge Frau gleich noch weiter von ihrem Manne getrennt hätte, – im Gegenteil: er begütigte sie erst lieber.

»Weißt du, das gibt sich noch. Das meint er am Ende nicht so fürchterlich. Du kannst auch gern ein bißchen lieb gegen ihn sein.«

Dadurch bewirkte er, daß sich Lilly vor ihm zu rechtfertigen suchte und ihm beweisen wollte, wie sehr sie Grund zur Klage hatte und was sie alles tat, um im Guten mit Harry auszukommen. So beichtete ihm diese Frau das Geheimste und reichte ihm alle Fäden hin. Er sah ganz klar in die Ehe hinein, konnte Lilly lenken, wie es ihm behagte, und besaß damit auch eine große, verborgene Macht über den Zahnarzt selbst.

Die erweiterte er noch, indem er nach hier und dorthin, wo, wie er zufällig hörte, der schöne Beo früher gewesen war, Fragebriefe schrieb. Die Antworten, die er bekam, las er mit einem hämischen Lächeln und tat sie sorgfältig in eine Mappe für sich. Er war es eben seiner Familie schuldig, derlei Nachforschungen anzustellen und, – so drückte er sich bei sich selber aus, – das Pulver zu sammeln, womit man unter Umständen das Vollschiff ›Beowulf‹ in die Luft sprengen konnte.

Lilly, glücklich, einen Menschen gefunden zu haben, der ihr geduldig lauschte, wurde gegen Arthur Schenk stets beredter, und zuletzt entsagte der Bildhauer vor der doch recht liebreizenden Cousine seinem Walkürenideal und begann, der kleinen Lilly die erlechzten, lange entbehrten Huldigungen darzubringen, – alles im Namen und unter dem Schutze der Familienzusammengehörigkeit, die es ihm erlaubte, zu jeder Stunde in das Haus des Zahnarztes zu kommen, einerlei, ob der schöne Beo in Tweetenhorn oder auf Geschäftsreisen war.

Beide, Lilly und Arthur, hatten sich so viel Bejammernswertes zu erzählen! War Lilly mit der Schilderung ihrer Plagen einigermaßen fertig, so fing Schenk an, sich um seiner ungewürdigten Künstlerschaft willen zu bemitleiden.

Es wurde ihm immer unmöglicher gemacht, sich auszuleben, denn eines Tages sagte der alte Schenk zu ihm:

»Ja, mein Sohn, es wird nun Zeit, daß ich hier aufhöre. Mutter und ich wollen nach unserm Dorf, wo wir hergekommen sind. Da will ich meine Immen pflegen. Hast du nun Lust, das Geschäft zu übernehmen, oder soll ich es verkaufen?«

»Jawohl, Vater!« entgegnete Arthur Schenk bitter, »jetzt kannst du leicht kommen. Was hab' ich denn noch zu wählen?«

»Lieber Junge, laß dir ein Wort sagen. Du denkst, ich weiß von deiner Modelliererei nichts. Aber ich hab' es mir öfters angesehen, was du da hinten im Schuppen tust, – ich bin da drinnen gewesen, wenn du mit deinen Kumpanen in der ›Post‹ saßest. Sei froh, lieber Junge, daß du dein ehrliches Brot als Haus- und Stubenmaler hast.«

»Was verstehst du von Kunst?«

»So viel doch, um dich trösten zu können: du selbst hast dein Lebtag davon nicht viel verstanden. Also sag' es: willst du das Geschäft führen oder nicht?«

Was blieb dem armen Arthur mit dem zerbrochenen Rückgrat übrig? Er hätte ja jetzt frei werden und noch auf den Bildhauer studieren können, wie er sich das – wenigstens vor andern Leuten – immer fest vorgenommen hatte. Aber er war bald seine dreißig, und dieses sein Alter, das schon zu hoch wäre, um noch auf die Akademie zu gehen, mußte nun den Vorwand hergeben, weshalb er in Tweetenhorn blieb und in die Fußtapfen seines Vaters trat. In Wirklichkeit hätten ihn keine zehn Pferde von dem gemütlichen und bequemen Leben, das er hier genoß, hinweggezogen. Also übernahm er, selbstverständlich mit vielem Seufzen und Stöhnen, die Malerwerkstatt. Seine Eltern zogen auf das Land, und Arthur hatte das ganze Haus für sich. Man kann nicht sagen, daß es in diesen Räumen, wo bisher Ehrbarkeit und lautere Sitte geherrscht hatte, gut herging. Spielnächte und Punschgelage wechselten mit einander ab. Wär' es nicht just der reiche Schenk gewesen, so würde sich die Polizei wohl mal unerwartet solche Gesellschaft angesehen haben.

Im Schuppen lag ein großer Haufen trockenen Tons. Das war die zusammengebrochene Venus. Dabei war eine Figur hingebreitet, die aussah, als sei. sie von Butter und schmelze nun allmählich. Das war Arthur Schenks zweites großes Werk: ein sterbender Krieger, für den ein Kommis aus dem neuen großen Herrengarderobengeschäft, das sich auch in Erwartung der Badeherrlichkeit hier aufgetan hatte, als Modell diente. Als Schenks Künstlerseele aber nun gewahr wurde, daß es mit derlei Menschendarstellung doch seine eigene, schwierige Bewandtnis habe, da wendete er sich dem Malen in Öl zu. Das ging leichter. Im Vorderhause wurde ein großes Zimmer mit vielen Türvorhängen, nachgemachten Spießen und Schildern, mächtigen künstlichen Blumensträußen und bunten Decken zum Atelier eingerichtet. Und indem nun seine alten, zum Glück für ihn ehrlichen Gesellen taten, was sie für gut hielten, und dadurch das Geschäft weiter leiteten, ging Arthur in der Tweetenhorner Gegend umher und nahm Skizzen auf, die er dann daheim auf der Leinewand ausführte. Das gab Landschaften mit Buchen, die italienischen Pinien, und mit Kühen, die Walrossen glichen. Arthur Schenk war sehr mit seinen Gemälden zufrieden und trug sie zu Matthias hinüber, damit der sie im Schaufenster ausstellte. Der Buchbinder, obschon er die Schildereien nicht hochachtete, tat seinem vermeintlichen Freunde den Gefallen, und die Tweetenhorner bewunderten die Kunstwerke:

»Was ist da einmal für 'n Berg Farbe auf solchem Bild, nicht wahr?« sagten sie.

Auch an Porträts wagte sich Schenk.

Ein paar abenteuerlüsterne junge Mädchen waren keck genug, zu ihm ins Haus zu schlüpfen und ihm die hübschen Gesichter und, was dann nicht ausblieb, auch wohl ein Stück von der Schulter für sein Malerauge herzuleihen. Was war nun aber natürlicher, als daß Arthurs künstlerisches Empfinden, das sich jetzt ungehindert entfalten durfte, auch auf den Wunsch geriet, die Züge seiner Base Lilly zu verewigen?

Die junge Frau ging mit Eifer und Lust darauf ein, und auch der schöne Beo fand den Gedanken erst brülljant, als aber die Sitzungen im Atelier, wo nach Arthurs Behauptungen das einzige gute Licht in ganz Tweetenhorn war, gar kein Ende nehmen wollten, packte es den Zahnarzt doch mit Unruhe. Denn er traute ja seinem guten Schenk alles mögliche zu, und weil er selbst lange nicht immer gerade Wege ging, so war auch sein Glaube an seine eigene Frau nur klein. Er überraschte die beiden. Ja, was konnte er sagen? Lilly saß still, und Arthur Schenk schaffte fleißig. Beowulf mußte schweigen, wo anders er sich nicht lächerlich machen wollte, aber es fraß sich trotz alledem ein eifersüchtiger Groll gegen Schenk in ihm fest. Er witterte das Einverständnis zwischen den beiden, die fast täglich beieinander waren. Er fing an, unversehens von der Reise heimzukehren, umschlich sie auch sonst, und obschon er nie etwas bemerkte, worauf hin er hätte zufassen können, fuhr er doch Lilly bald jedesmal hart an, wenn sie zu Schenk ging.

Ob sie denn gar nicht an ihre Kinder dächte? Und diese ganze Pinselei – langweiliges Zeug; – sie hätte ja auf dem Bilde drei Backen und zwei Kinne. Mit solchem Stümper von Maler gäbe sie sich ab!

Lilly erwiderte nichts, warf nur den Kopf in den Macken und tat, was ihr beliebte. Kamen dann bei Beowulf Wutausbrüche, so freute sie sich darüber. Nun hatte sie wieder Stoff, ihrem Vetter ihr Leid vorzuklagen und sich auch ein bißchen trösten zu lasten.

Der schöne Beo jedoch, der Lilly, die jetzt wieder aufblühte und oft allerliebst aussah, doch auf seine Art begehrte und hinter ihren Besuchen bei Schenk Verrat spürte, suchte nun, weil er gegen Lillys Trotz mit seinem Toben nicht aufkam, den Maler einzuschüchtern.

Er saß mit ihm in der ›Post‹, strich sich den Bart über die Schultern, blickte würdig drein, brachte die Rede auf allerhand Geschichten von ungetreuen Frauen und sprach mit seiner tiefen Stimme:

»Eine Ehe muß unbedingt rein sein.«

»Selbstverständlich,« sagte Arthur Schenk.

»Ich würde nicht einen Augenblick eine Frau an meiner Seite dulden, die …«

»Selbstverständlich nicht,« sagte Schenk.

»Mit dem Manne natürlich, das ist was anderes. Ein Mann braucht seine Freiheit.«

»Geht gar nicht anders,« sagte Schenk.

»Aber die Frau! Ich würde jeden niedertreten und zu Mus zerstampfen, der es wagte …«

»Selbstverständlich,« sagte Schenk.

»Kavalier verträgt da auch nicht den geringsten Fleck!«

Schenk beugte sich schräg über sein Bierglas weg zu Beowulf hin und fragte unvermittelt:

»Sag' mal, du, warst du eigentlich Anno siebzig in Glückstadt?«

Der Zahnarzt fuhr auf:

»Wieso? Du weißt doch, – ich lag bei Sedan.«

»Ja so. Richtig. Dann kannst du ja nicht in Glückstadt gewesen sein.«

Der Maler tat, als wolle er nicht mehr von diesem Gegenstände sprechen, aber Beowulf, der heftig an der Spitze seines Bartes zupfte, sah ihn mit flimmernden Augen an:

»Was denn? Glückstadt? Wie kommst du darauf?«

»Nee, nee,« meinte Schenk ganz gleichmütig, »fällt mir nur eben so ein. Ich schreibe mir manchmal mit einem Inspektor in Glückstadt.«

»Von der Gasanstalt?«

»Nee. Er hat die Aufsicht über die Herrschaften, Die sich zur Erholung ihrer Mitmenschen eine Zeit lang in das Haus mit den schwedischen Gardinen zurückziehen müssen.«

Der Zahnarzt zuckte merklich zusammen und wurde einen Augenblick blaß. Den andern am Tische, die über Schenks Ausdrücke lachten, fiel das gar nicht auf, – Schenks schlauer Seitenblick aber hatte alles erfaßt. Und der schöne Beo brach seine hochtrabenden Worte von den Pflichten und Rechten eines Kavaliers schnell ab und forderte den Würfelbecher.

Krachend haute er den Lederrand des Bechers auf den Tisch, und die beinernen Dinger mit den schwarzen Augen flogen nur so. –

Von diesem Tage an beobachtete der Zahnarzt den Maler mit einem sorglichst versteckten und nur hin und wieder einmal nach außen hin aufflackernden Argwohn. Er war sehr schmeichlerisch demütig gegen Schenk.

Dafür rächte er sich aber furchtbar an Lilly. Die hatte es so schlecht bei ihm, wie nie zuvor.

Was tat's ihr? – Bei ihrem Vetter hatte sie es desto besser. –

Gerüchte über schreckliche Zustände im Beowulfschen Hause drangen durch die Stadt, und Matthias umarmte seine Frau und schaute ihr recht von innen heraus fröhlich in die Augen:

»Weißt du, Kind, es hat uns ja früher wohl mal leid getan, – aber es ist in Wahrheit doch ein großes Glück gewesen, daß wir zwei die zwei da nicht gekriegt haben, was?«

*

Arbeitsjahre.

Man konnte nicht sagen, daß Matthias Tedebus ein bestimmtes, großes Ziel hatte, auf das er mit allen Kräften losstrebte, dennoch aber war jeder Schritt, den er tat, zielbewußt. Er ordnete sich das Leben so, wie es für ihn notwendig war, und wer ihm in diese Ordnung eingriff, der mußte erfahren, daß der Buchbinder bei all seiner Gutmütigkeit ein gehöriges Teil hartnäckigen und, wenn es nicht anders ging, sogar schroffen Wesens sein eigen nannte.

Solange er noch nicht recht etwas erreicht hatte und sich zwischen den Menschen, die ihn umgaben, noch nicht ganz sicher fühlte, gab er seinem Gemüte willig nach, nahm fremde Leiden gern in sich auf, suchte mit der Kraft seines Herzens zu helfen, und seine Gesundheit vermochte eine Menge Mitleid auszuströmen, ohne sich mit solchem Wohltun zu schwächen.

Ganz der Eigenliebe bar war aber auch dieses Hingeben nicht: sein Mitleid tastete in den andern Seelen herum, und er fühlte sehr leicht und fein, ob jemand seiner Liebe würdig war oder nicht.

Indem er also die Menschen ihre Schmerzen zu ihm hintragen ließ und ihnen dafür reichlich und freigebig seine Hülfe spendete, lernte er – durch das Vertrauen, das er sich erwarb, – recht genau kennen, was für Geisteskinder er vor sich hatte. So konnte er scheiden zwischen denen, die er in seinem Innern festhalten wollte, und denen, die er wieder leise und ohne daß sie es merkten, aus sich hinausdrängte.

Wie er selber wußte, daß er nie einem Herzen, an das er sich einmal angeschlossen hatte, Enttäuschung bereiten würde, so verlangte er auch von dem fremden Herzen, bevor er es ganz aufnahm, die sicherste Gewähr für das unabänderlich Freundliche und Echte.

Spürte er irgendwie, daß ihm jemand doch nicht das Gewisse, das unumstößlich Treue bot, wie er es als Gegenwert für seine eigene Beständigkeit forderte, dann schloß er merkwürdig rasch mit einer derartigen, nicht als zuverlässig befundenen Natur ab und begab sich, wie er es nannte, auf Wanderschaft, um anderswo seinen richtigen Nächsten, den er schwer entbehren konnte, zu suchen.

So war es ihm schon als Knabe mit seinen Spielkameraden gegangen: wo er nicht mehr glauben durfte: der steht auf meiner Seite, da brach er nicht etwa in Feindschaft, – denn solchen äußerlich jähen Abtuns anderen gegenüber war er doch nicht fähig, aber er senkte zwischen sich und den andern einen scheidenden Vorhang nieder; der war unsichtbar und trotzdem undurchdringlich, unaufrollbar.

Im weichen Gesichte seiner Jugend war dieser Zug einer Unerbittlichkeit nicht stark hervorgetreten. Ihm war auch manches, was ihn abstieß oder kränkte, noch beinahe verzeihlich erschienen, und er war auch aus sich selbst heraus klug genug, sich nicht mit andern Leuten zu überwerfen, so lange seine Ehre es nicht durchaus beanspruchte.

Daher meinten viele, der kleine Buchbinder sei ein netter, lenkbarer Mann, dem man schon mal was bieten konnte, ohne daß er gefährlich wurde.

Mit jedem Erfolge aber, den Matthias für seine ehrliche Arbeit einheimste, mit jedem Fortschritt, den seine Reife als Mensch machte, wurde er steifnackiger.

Er verstattete der unbeugsamsten aller Regungen: dem Stolze des guten Gewissens, immer mehr Raum, und auf die Art geschah es, daß er sich auch immer leichter von Dingen, die ihm nicht paßten, verletzt fühlte und daß er, der selbst nie ein Vertrauen schlecht nutzen würde, gegen seine Mitmenschen ziemlich ins Mißtrauische verfiel.

Er sah, was für schwankende Geschöpfe meist um ihn herum waren und wie die Leute oft auf unredliche Weise zum Wohlstand und zu dem gelangten, was sie ihr Glück hießen. Er wußte, wie wenig inneres Vorwärtsringen in ihnen lebte, und wenn er nun sich betrachtete, der es in acht Jahren, ohne im mindesten von der Rechtlichkeit abzubiegen, durch nie ablassende gute und überlegte Verwendung seiner kleinen Mittel vom geringen Handwerker zum wohllöblichen Bürger gebracht hatte, da stieg in Matthias Tedebus eine Selbstgerechtigkeit auf, die sein Mitleid, das früher das weiteste Gebiet in ihm beherrschte, manchmal auf die Seite zu drücken drohte.

Die klagten alle. Warum? Weil sie es eben nicht verstanden, die straffe Pünktlichkeit und Redlichkeit in ihr Leben hineinzubringen.

Er aber, Buchbindermeister Tedebus, verstand das.

Und jetzt fing er an, es zu zeigen, wenn er mit einem, der ihn enttäuscht hatte, auseinander wollte. Er verhehlte die schärferen Züge seines Mannesalters nicht.

Wen hatte er zu fürchten?

Fest stand er auf seinen beiden Beinen, wo Gott ihn hingestellt hatte. – Wer also mochte wider ihn sein?

Da er nun statt des früheren stählernen Brillengestelles ein goldenes trug und sich ihm auch über der sachten Behäbigkeit des Leibes statt der einstigen schwarzen Schnur jetzo eine gewichtige, kunstvoll gegliederte Uhrkette von Silber schmiegte, so nahm er eine preisliche Haltung an und schaute auf manchen, obschon er zu ihm aufsehen mußte, recht von oben herab nieder.

»Buchbinder Tedebus hat viel Glück,« sagten die Tweetenhorner. Hm, dachte Matthias, wenn ihm derlei zu Ohren kam, – Glück? Ja. Aber man kann dafür auch das Wort Verdienst setzen und muß das sogar tun, denn unverdientes Glück, wie Matthias es auffaßte, gab es nicht.

Sein Auftreten im Kirchenvorstande und in den Versammlungen, die er sonst zu besuchen hatte, wurde bestimmter, wenn auch nie unbescheiden. Er bekam die Lust, Anträge zu stellen und Reden dafür zu halten, – er lernte es überhaupt, sich durchzusetzen.

Jeder noch so kleine, gute Ausgang einer Sache aber, die er vertrat, war gleichsam ein sorglich eingefügter und vermörtelter Baustein mehr für das Gebäude seiner Persönlichkeit.

Es brach bei ihm das volle, befriedigende Bewußtsein hervor: Einer zu sein.

Die Stärke, mit der er nach außen wirkte, kam verdoppelt zu ihm zurück. So schuf er sich, keinem braven Menschen zu Leide, von allen Wohlmeinenden als tüchtig begrüßt, seine Stellung in der Stadt, und das war seltsam, – erst als er draußen festen Fuß hatte, konnte er daran gehen, nun auch im eigenen Hause wirklicher Herr zu werden. Seltsam und doch erklärlich. Denn um eine Achtung im übrigen Tweetenhorn zu gewinnen, dafür hatte er es schließlich nur nötig, sich in steter Arbeit als nützlich und brauchbar zu erweisen und etwas Gutes für das Gemeinwesen aufzurichten, in seinem Hause jedoch, ja, da mußte er erst vieles, vieles niederlegen und beseitigen, ehe er auf glatten, tragfähigen Boden stieß.

In der Stadt war er nie jemand verpflichtet gewesen, im Hause aber kannten sie ihn als jungen, unerfahrenen Menschen, der sich nach ihnen gefügt hatte und ihnen für ihre Hülfe Dankbarkeit schuldete. Darum wunderte es sie, daß er nun ein unbeschränkter Mann sein wollte.

In der Stadt hatte er nur mit dem Widerstand etlicher Neider oder Unverständiger zu tun, gegen die er keine Rücksicht zu nehmen brauchte, im Hause aber waren es Seelen, denen er sich verbunden wußte, an die er gewöhnt war und über die er sich als Gebieter setzen sollte, damit seine Kräfte nicht zur Verkümmerung verdammt wurden.

Daraus, daß er Fine liebte, wuchs ihm der Berufe sie nun auch zusamt ihrer Mutter und der Großmutter zu regieren.

Matthias gab seinem Herzen manchen Stoß, damit es im rechten Takte der Hausherrenschaft, der Hausherrlichkeit zu pochen lernte.

Gegen die mehr und mehr dahinsiechende und doch noch immer nicht erlöschende alte Amundsen behielt er seinen Ton, der sich aus Güte und Scherz mischte. Über ihre verdrießlichen Redensarten glitt er mit einem gesummten Liede hinweg. Er tat der Greisin Freundliches, führte sie oft zur Kirche, und ihr verbittertes Gemüt konnte sich seiner nicht abzuschüttelnden Vergnügtheit nicht gänzlich verschließen. Es gelang ihm sogar, ihr mit einem heiteren Wort wohl mal ein Lachen zu entlocken. Das klang freilich heiser und krächzend; Frau Clasen erschrak davor.

Man konnte sagen: Matthias nahm die Last dort oben im Giebel da, wo sie ihren Schwerpunkt hatte, und trug sie, ohne zu viel davon gedrückt zu werden.

Überdies hatte er es durch kluge Geschenke und Aufmerksamkeiten dahin gebracht, daß Großmutters einzige Freundin, das Weißwarenfräulein Adelaide Poggenstohl, seine Verbündete wurde.

»Gelungener Mensch sind Sie,« meinte das Fräulein, »wir beiden Alten haben, solange ich denken kann, kein Wort über Sachen miteinander gesprochen, die nach 1850 lagen. Und jetzt reden wir eigentlich immer über Ihre werte Person. Was Sie nun jedes Mal wieder Neues vorhaben. Aber es gefällt uns wohl, wenn wir natürlich auch pflichtgemäß darüber brummen. Und wissen Sie, weshalb Sie uns gefallen? Weil Sie trotz Ihres Kükenalters ein altmodischer Mensch sind. Einer von vor 1850. Moralisch zu nehmen.«

Matthias strich den kleinen Sieg befriedigt ein.

Frau Clasen, die ja trotz all ihrer Bemühungen für ihn zu den im stillen unerbittlich Abgetanen gehörte, entwöhnte er etwas ihrer Seufzerei. Jedenfalls hörte er nicht mehr darauf und nötigte die Witwe dazu, sich fast ganz der Pflege ihrer Mutter zu widmen. Damit trennte er die weinerliche Frau zugleich von seinem Kinde, – diesem Heiligtume, das seine Sorge und Zärtlichkeit am liebsten mit einer hohen, nur für ihn selber und für Fine kraft eines Zauberstabes zu durchdringenden Rosenhecke eingefriedigt hätte.

Wohl hatte er gehofft, seine Frau möge ihm zu der Tochter auch noch den Sohn bescheren, aber diese Hoffnung erfüllte sich nicht, und nun nahm Matthias die ganze, neu in ihm entstandene Vaterliebe und schmückte damit das Bettlein, darin das blonde Mädchen seine leisen Atemzüge tat.

Aus der Vaterliebe, aus dem klaren Empfinden, was er der Kleinen da, weil er sie ins Leben gerufen hatte, alles schuldig war, wuchs dann eine erhöhte Achtung vor der Frau heraus, der er diese freudig aufgenommene Schuld verdankte.

Er fühlte die Zweieinigkeit von Mutter und Kind und sorgte dafür, daß sein Inneres immer feinbereitet war, um dreieinig mit ihnen zu verschmelzen.

Es floß in seine Rede ein, daß er statt Fine Josefine zu seiner Frau sagte.

Der muntere, verliebte Bursch trat in ihm zurück vor dem Manne, der die Frau, die ihm die Würde der Vaterschaft geschenkt hatte, gern mit Ehrfurcht ansprach.

Und diese Art von Liebe, die er Fine jetzt entgegentrug, schien ihm stärker, reiner und befriedigender als die frühere, mochte auch sein Begehren, seine Leidenschaft, soweit man bei einem Matthias Tedebus von Leidenschaft sprechen konnte, selbst in der allerersten Zeit ihrer Ehe stets schon mehr zart als heiß zärtlich gewesen sein. Und jetzt erst, wo sie ihm das von Tag zu Tag köstlicher gedeihende Pfand ihrer Liebe in die Arme gelegt hatte, dünkte ihn Josefine vollständig als die Gestalt, der er vertrauen, an die er glauben konnte, frei von der Gefahr, je in Enttäuschung zu fallen.

Matthias hob Josefine aus allen Menschen heraus und setzte sich zugleich zu ihrem Hüter ein, der genau wußte, was er Wertvolles zu bewachen hatte, und der deshalb mit Strenge darauf achtete, daß sich nichts Häßliches an sie heranschlich und daß er selbst nichts Entweihendes beging.

Das Sinnen- und Triebhafte sank in Matthias Tedebus früh ab, und das geschah nun aber nicht nur deshalb, weil ihm vor Josefinens Mütterlichkeit die Geliebte nicht mehr so viel galt als zu Anfang, sondern besonders deshalb, weil seine ganze, etwas trockene und nüchterne Natur sich überhaupt in genügsamem Maße nach jenem Spiel der Sinne sehnte, die den meisten andern unentbehrlich für das irdische Glück erscheint.

So war Matthias ein trefflicher Ehemann für eine Frau, die im Häuslichen aufging und keine Träume von irdisch-überirdischem Glück im Herzen pflegte.

Er hatte für Fine ein doppeltes Empfinden: sein tiefstes, geheim in ihm lebendes Denken beugte sich vor ihr, – für den Alltag indessen verlangte er ihre volle Kraft.

Widersprachen sich diese beiden Teile seines Empfindens?

Nur scheinbar. Sein Ehrgeiz und darüber hinaus sein Lebensbedürfnis waren darauf gerichtet, ein Haus zu haben, darinnen es richtig wohl stand. Dazu brauchte er – in einer Person – eine Frau, die er verehren konnte, und zugleich eine emsige Arbeiterin. Er pries sich und Josefine, indem er zu ihr sagte: »Ich habe das beides, was ich brauche, wirklich in dir gefunden.«

Und wahrhaftig! Josefine mußte gehörig mit zugreifen. Das Geschäft am Markte lag jetzt auf ihren Schultern, denn Matthias hatte, da sich der bisherige Besitzer durchaus nicht länger hinhalten lassen wollte, nach schwerem Entschluß die Druckerei am Grünen Weg zusamt dem Wagrischen Boten gekauft.

Selbst war er, sechs Wochen, bevor er den Vertrag unterzeichnete, im blauen Kittel an Setzerpult und Druckmaschine herangetreten und hatte sich eifrig in diesen neuen Zweig seines Berufes eingearbeitet, sich dann auch von dem jungen Manne, der die Anzeigen annahm und zugleich mit des Faktors Hülfe die Redaktion des Wagrischen Boten vorstellte, in die Geheimnisse des Tweetenhorner Zeitungswesens einweihen lassen. Dann war er auch in diesem, für Tweetenhorn beträchtlichen Betriebe Eigentümer und Herr geworden.

Die Freude darüber, die mit viel Angst und Sorge gemischt war, forderte manche zumeist schlaflose Nacht von ihm, die um so unangenehmer zu ertragen war, als das viele Hin- und Herlaufen zwischen den beiden Stellen, der Buchbinderei und der Druckerei, ihn rechtschaffen müde machte.

Matthias hatte jetzt seine zehn, zwölf Leute unter sich, willige und störrische. Nun war es seine Aufgabe, den Willigen nicht der Freundlichkeit zu viel zu zeigen, damit ihnen nicht der Kamm schwoll und sie dem Prinzipal nicht gar zu nahe rückten, – die Störrischen aber am liebsten, ohne daß sie es gewahr wurden, ins Willige hineinzuziehen. Und dazu bedurfte es ebenfalls einer geschickt und genau abgemessenen Freundlichkeit.

Dann gab es außerdem solche Leute, die sich für unersetzlich hielten, weil sie zwanzig Jahre am selben Fleck gestanden hatten. Die murrten in ihrem stumpfen Gewohnheitssinne gegen jede Wandlung, die Matthias einführte, und drohten, sie würden, wenn das so weiter ginge, die Arbeit verlassen, wodurch dann sicherlich der ganze Bau der Druckerei elend zum Sturze käme.

Denen mußte Matthias leise und doch deutlich zu Gemüte führen, daß er es selbst ohne sie wagen würde, in seinem begonnenen Werke nach seinen Absichten fortzufahren.

Sie erstaunten über diese Kühnheit, murrten noch etliche Tage, schwiegen endlich und fügten sich, mitleidig achselzuckend über den Niedergang des vormals so gut und vornehm geleiteten Geschäftes, in das Unvermeidliche.

Andere: die wollten sich beim neuen Chef einen weißen Fuß machen, indem sie Schlechtes darüber erzählten, wie es früher hier hergegangen sei. Matthias wies sie zurück: »Es kommt nur darauf an, was hier jetzt passiert. Und passieren soll hier nichts weiter, als daß wir alle fleißig, ehrlich und verträglich sind.«

Beinahe alle aber waren sich zuerst darüber einige daß so ein Buchbinder, der trotz seines Einarbeitens von der schwarzen Kunst doch eigentlich keine Ahnung habe, unmöglich imstande wäre, solchem Betriebe recht vorzustehen, und diese Stimmung, die Matthias von all den vielfältigen Meinungen in seiner Druckerei am meisten zu fühlen bekam, konnte er nur dadurch unterdrücken und allmählich an der Wurzel verdorren machen, daß er sich mit eiserner Willenskraft einsetzte, um selbst das Kleinste von Grund auf zu lernen und der erste und kenntnisreichste unter seinen Arbeitern zu werden.

In zwei oder drei Monaten war das nicht zu erreichen, wohl aber durfte sich Tedebus dank seiner nie versagenden Mühe etwa nach Jahresfrist, seitdem er den Wagrischen Boten erworben hatte, ruhig sagen, daß er am Ziele stand. Die Leute hatten ihn als gütigen Brotherrn erkannt, der ihnen ihr gerechtes Teil nie verkürzte, sondern ihnen noch für die hereingebrochenen teuren Zeiten Lohn zulegte. Sie mußten auch zugeben, daß er überraschend viel und leicht gelernt habe, wie man mit dem Winkelhaken umging und wie man den Bogen in die Maschine tat, damit ein kunstgerechter Druck herauskam. So entstand Achtung und Liebe für den Prinzipal, und da Matthias es außerdem verstand, sich für seine Zeitung von diesem oder jenem Kenner in der Stadt etwas Geschichtliches oder sonst Fesselndes schreiben zu lassen, so erhielt auch das Blatt unter der neuen Leitung mehr Freunde und wurde ernster genommen als vordem.

Matthias war zufrieden. Sah ihm seine Frau das Kopfweh an, worunter er jetzt oft zu leiden hatte, und ermahnte ihn, sich zu schonen, so lachte er nur:

»Die Kopfschmerzen sind gut angelegt, mein Kind. Die tragen mir am Grünen Weg reichlich Zinsen!«

Es war so, wie Matthias sprach. Er konnte sich rühmen, daß er durch diese Zinsen, die ihm die Druckerei eintrug, ein immer wohlhabenderer und mit den Jahren ein gemachter Mann wurde. Alles wäre gut gewesen: hätte er nur nicht an einer andern Stelle, nämlich in dem Hause hinter den Linden, über das er sich keine Kopfschmerzen aufkommen ließ, gleichzeitig etwas verloren, was viel bedeutsamer war als golden und silbern klingender Zins.

*

Denn Matthias Tedebus war seines häuslichen Glückes ein treumeinender Hüter, aber ein schlechter Bewahrer.

So mißtrauisch er die allermeisten Leute durch seine Brille anschaute: er beurteilte sie im Grunde doch nach sich. Wenn er allerhand trübe Leidenschaften bei den andern merkte, so erschienen sie ihm, weil er sie sich in der eigenen Brust gar nicht vorstellen konnte, auch bei den andern fremd. Daß etwas, wovon er nichts wußte, im allgemeinen zur Natur der Menschen gehören könne, wollte ihm nicht einleuchten. Und die wenigen, denen er voll glaubte, sah er mit sich überhaupt ganz auf einem und demselben Felde, in gleichem Schritt und Tritt. Es war ihm unmöglich, ihnen Dinge zuzutrauen, die seinem eigenen Innern zuwider gewesen wären. Dieses Gefühl der Gleichheit gab ihm ja eben erst den schönen, schlichten, von Zweifeln freien Glauben an die Herzen, die er bewährt nannte, vor allem an seine Frau.

Der Buchbinder meinte stolz, ein Menschenkenner zu sein. Damit betrog er sich auch nicht, denn er vermochte es in der Tat trefflich, in den Seelen zu lesen, aber er teilte das Los gerade der guten Menschenkenner, die in ihren Rechnungen dann und wann die größten Fehler begehen, weil sie sich selber zu sehr als das Maß aller Empfindungen und Wünsche betrachten und es nicht für nötig anschauen, sich zum wirklichen Mitempfinden erst in die andern Seelen hineinzuversetzen und dann von dort aus in die Welt zu blicken.

Er wußte, wie viel Erlösung seine reine Liebe Josefine gebracht hatte, war ihrer Dankbarkeit gewiß und wanderte nun getrost mit ihr fürbaß. Daß es aber zuletzt trotz seiner Liebe und trotz Josefinens Dankbarkeit nur ein von ihm geschaffenes Scheinbild seines Weibes war, was da neben ihm ging, das ahnte diesem Manne nicht. Und dennoch! Es war so: auf die Dauer nur ein Bild, nicht Josefine selbst.

Sicherlich war Finens Wesen durch Matthias emporgehoben worden. Aus dem ursprünglichen Begehren des alternden Mädchens, den Buchbinder nur möglichst schnell zu gewinnen, weil er sonst vielleicht eine andere nahm, und weil für sie höchst wahrscheinlich kein anderer mehr kam, der sie nehmen mochte, … aus diesem zuerst des Höheren entbehrenden Triebe nach dem Untergebrachtsein war vor dem Angesichte des wackeren Menschen in ihr allmählich Edles entsprossen. Durch die Läuterung, die sie von ihm erfuhr, hatte ihr Geist eine Lebendigkeit errungen, wie sie ihr früher nicht vergönnt gewesen war. Ihre Sinne waren schärfer geworden, – es gab, besonders als sie die Weihe des Mutterwerdens trug, Zeiten, wo sie nicht mehr Fine Clasen, wo sie wahrhaft Josefine Tedebus war. Nun war und blieb sie für ihn das, was sie unter seiner Liebe erreicht hatte, – nach seinem Gefühl und Wunsche etwas Vollendetes als Weib.

Daß sie jemals wieder von ihm in ihre einstige Gebundenheit zurücksinken könne, daran dachte er gar nicht. Und das war sein Irrtum. Für ihn gab es jeden Tag Neues. Hier ein Sieg, dort eine Niederlage, die beide seine Klugheit zu gesteigerter Wachsamkeit aufriefen. Er hatte die unmittelbare Freude, stets geachteter in Tweetenhorn zu werden, und meinte, seine Frau müsse mit aller Kraft an seinem Streben und Leben da draußen teilnehmen. Aber das geschah nicht. Was sich da draußen ereignete, das drang an Josefine, obschon es ihr Mann war, der es ihr zutrug, doch nur vom Hörensagen heran. Für sie war alles beim Alten, mochte sie auch Mann und Kind haben. Tagaus, tagein – und jetzt, weil Matthias selten daheim war, gefesselter denn je, – stand sie hinter dem Ladentische, wie sie es seit ihrer Konfirmation mit Ausnahme der Zeit ihres ersten Brautstandes gewohnt war. Tagaus, tagein trafen sie dieselben tränenseligen Redensarten ihrer Mutter, dasselbe mürrische ›All nich wohr‹ der Großmutter, – alles, wie sie es von ihrer ersten Jugend an schrecklich kannte.

Was hatte sie davon, wenn ihr Mann sich nach Lust regte und bewegte? Ihr eigenes Dasein war eintönig wie immer, und bei ihren Pflichten im Laden wurde ihr sogar die Sorge um das Kind dann und wann zur Last. Gewiß, – denn sie liebte ihren Mann, – gab sie sich, solange sie es irgend vermochte, die ernstliche Mühe, sein Vorwärtskommen recht mitzufühlen. Gewiß, sie war ihm dankbar und genoß es in Zufriedenheit, daß es durch die Arbeit ihres Mannes im kleinen Hauswesen jetzt schön reichlich herging, aber es kamen auch Wochen und Monate, wo Matthias nicht gerade freudig in die Zukunft blickte, und dann wollte er seiner Frau die Sorgen, die ihn quälten, ersparen, – er grübelte für sich allein und konnte, wenn sie ihn fragte, sogar unwirsch gegen sie werden, – alles aus bester Absicht, – aber doch mit der Wirkung, daß er sie von sich entfernte und daß sie mit trüber Miene herumging. Matthias sah dann rasch ein, er habe unrichtig gehandelt, und machte seine kleinen, nach Launen aussehenden üblen Stimmungen durch verdoppelte Liebe wieder gut, und Josefine hätte in dieser Weise am Ende die auf ihr ruhende, äußere Einförmigkeit ihrer Tage geduldig weiter getragen, wenn Matthias sie nicht dadurch, daß er sie so ins Edelhohe stellte, zu einem Darben nach Menschlichem verurteilte. Wohl versagte er ihr nichts, was ihres Herzens Recht war, aber daß in ihr auch noch etwas Weiches, fraulich Sehnsüchtiges schwang, das wollte er nicht wahr haben, davon wollte er wenigstens nicht viel wissen. So kam es, daß Josefine Tedebus die Sinnenruhe ihres Mannes, die aus seiner Sinnenreinheit entsprang, als Kälte auffaßte.

Es brach, nachdem sie schon lange zusammen gewesen waren, für die beiden der Tag an, wo ihre liebenden Empfindungen einander nicht mehr begegneten, sondern an einander vorbei strichen. Matthias, so gescheit er sonst war, ging völlig in seinem Geschäfte auf und merkte von den Kämpfen seines Weibes nichts. Josefine aber, die einst nicht alt genug gewesen war, um ins Altjungferntum hineinzugleiten, fühlte sich jetzt zu jung, um dem Jungenfrauentume zu entsagen, und so ließ sie unwillkürlich ihre Gedanken in eine Zeit zurückschweifen, wo von ihr nichts anderes verlangt wurde, als daß sie sich schmückte, als daß sie Weib sei. Matthias, mit seiner Jugend und ihrem Trachten rasch fertig, wollte von Josefine die Freundin und Kameradin, – Josefine, die solange das Jungsein ungenützt hatte in sich aufspeichern müssen, dürstete es nach mancherlei Holdem.

Und der Mensch, der ihr damals die blanken Stäubchen von den Flügeln ihrer Seele streifte und den sie durch sein eigenes Tun und indem sie ihn einem Matthias gegenüber stellte, als ihrer unwert hatte verachten lernen, – dieser Mensch drängte sich jetzt wieder in ihre Träume hinein. Zum zweiten Mal erlebte sie es, zu ihrem heimlichen Entsetzen und – zu ihrer noch viel, viel heimlicheren Wonne: ein Vergessen gab es nicht.

Ganz recht: die Stäubchen, die einmal verloren waren, bildeten sich nicht von neuem, und es war, als ob die kleine kahle Stelle auf den Flügeln ihrer Seele jetzt von irgend einer Schädlichkeit tiefer ausgefressen wurde. Die Gedanken und Träume schauten nach rückwärts, auf das Gewesene. Die Phantasie aber, die von den Träumen zurückblieb, wie der Schaum, den das Meer liegen läßt, wenn es sich ausgebrandet hat und wieder in der Tiefe sammelt, … diese Phantasie von Bildern einer Frauen-, oder nein, einer Weibesglückseligkeit griff in das Zukünftige hinüber und schimmerte vor den Augen Josefinens, die nun abermals zu einem Vergleiche zwischen ihrem Manne und jenem Menschen kam, der sie einstmals beherrscht hatte. Und es wollte ihr, wenn sie recht nachdachte, erscheinen, daß ihr Mann der weitaus Bessere, aber dafür auch der weitaus Einfachere war.

Ach! und vor dieser Einfachheit zusammen mit dem ewigen Einerlei hinterm Ladentische, – sie konnte sich nicht helfen, – wurde ihr jetzt manchmal trostlos öde zu Mute.

Die Verdrossenheit, die Unberechenbarkeit ihrer letzten Mädchenjahre kamen wieder über sie. Die Falten, die das Jungefrauenglück geglättet hatte, waren plötzlich und nun schärfer als vordem wieder da.

Das konnte Matthias endlich nicht entgehen.

»Krank, Kind?« fragte er und streichelte ihr besorgt die Wange.

»Nein,« sagte sie erst, wollte im übrigen schweigen, hielt dann aber doch ihre Klage nicht zurück. Vielleicht, daß er sie verstand.

»Es ist mir so einsam hier, Matthias, und ich bin oft so traurig, weil ich gar nicht aus diesem Hause herauskomme. Und hier drinnen, – was hab' ich da? Dich seh' ich kaum, und hören tu' ich nichts als die Ladenglocke.«

»Aber unsere Elli!« rief er und hob mahnend den Zeigefinger, als wollte er sagen: bist du deiner Mutterpflichten etwa nicht eingedenk?

»Ja,« antwortete sie, »wenn ich Elli auch nicht hätte … Aber doch, Matthias, … mal was andres!«

Matthias dachte nach. Unrecht konnte er seiner Frau nicht geben. Es war kein Wunder, wenn sie sich ein bißchen langweilte. Er hatte ihr gar zu wenig Abwechselung gegönnt. Und als er den Fall dann genug erwogen hatte, da wußte dieser gescheite kleine Medizinmann gegen die Schwermut und Langeweile seiner Frau nichts Besseres zu verordnen als einen Harmonieball. Das war eine ganze Zeit her gewesen, daß sie den nicht besucht hatte. Das würde sie zerstreuen.

»Was soll ich da?« meinte Fine seufzend. »Wenn man doch nicht mehr tanzt –.«

»Na, aber du siehst mal Leute, und wir trinken uns eine nette Flasche Wein. Können wir uns jetzt leisten.«

Fine machte eine Bewegung, als ob ihr an den Leuten und selbst an der netten Flasche Wein nicht eben viel gelegen wäre, aber die Mutter, deren Auge trotz seiner sonstigen Stumpfheit tiefer in das Leid ihrer Tochter hineinsah, als Fine wußte, stieß sie sachte an:

»Nimm doch bloß mit, was du kriegen kannst!«

Da war es Fine denn zufrieden, mit ihrem gescheiten kleinen Medizinmann auf den Harmonieball zu gehen.

Man hatte den Buchbindermeister dort schon ziemlich vermißt. So wurde er mit geräuschvoller Freude und Ehrung empfangen. Das tat ihm wohl, und er beschloß, nun wieder öfters an den Festen des Vereins teilzunehmen. Das war er ja auch seiner lieben Frau schuldig. Sieh, wie vergnügt die da saß, plauderte und in die Menge schaute. Sollte sie manchmal haben zum Lohne für all ihre Mühe daheim. Wenn's ihm denn auch selber ein Opfer an Zeit kostete.

Ja, so gut und gerecht war er.

So kam es, daß man Tedebussens jetzt mehr unter den Menschen sah als früher, und vermeiden ließ es sich nicht, und es war ja auch eigentlich weiter nichts dabei: man mußte auch Zahnarzt Beowulf und seiner Frau, die nirgends fehlten, wo Musik gemacht und gut gegessen wurde, hin und wieder die Hand zum Gruße reichen.

Harry fand gleich den richtigen Ton einer schönen Unbefangenheit:

»Brülljant, daß Sie mal wieder aus der Klause kriechen,« rief er Matthias bei solchen Gelegenheiten entgegen, »man muß doch auch noch was andres tun, als sich bloß mit Couponschneiden beschäftigen und sich aufs Kommerzienratwerden vorbereiten!«

Und dann – erwehren konnte sich Fine dessen nicht, – küßte er Frau Tedebus die Hand.

»Gnädige Frau, – immer jünger, immer strahlenförmiger! Ehrenwort!«

»Nun, nun!« meinte Matthias, brummelte etwas in den Bart, konnte jedoch in seiner Ungewandtheit vor solchen Redensarten keine rechte Antwort finden.

Fine wurde rot und sah verlegen nach Lilly hin, die aber gleichgültig dabeistand und sich die plumpen Schmeicheleien, die ihr Mann einer andern zuteil werden ließ, ungerührt mit anhörte. Sagte er nicht einer jeden solche Fadheiten? Warum also nicht seiner einstigen Braut? Was lag Lilly daran?

Es war das gewöhnliche Mittel des schönen Beos, sich mit dieser lauten Zudringlichkeit über alles Peinliche hinwegzusetzen, und in der Tat half er damit auch Tedebussens: es war für beide Paare das einzig Vernünftige, sich zu stellen, als seien sie von jeher nur oberflächlich mit einander bekannt.

Lieb war es Matthias nicht, daß sich der Zahnarzt dann manchmal bemühte, mit ihm und Fine an einem Tische Platz zu finden und womöglich den Stuhl neben Fine zu bekommen, indes auch da ließ sich nicht viel tun. Es hätte einer großen Schroffheit bedurft, um die Gesellschaft abzulehnen, – das brachte aber Matthias, selbst wenn er auf Beowulf keinerlei Rücksicht nehmen wollte, Lillys wegen nicht fertig. Das kleine Geschöpf sah schon so elend und abgehärmt genug aus, – von ihm, der einst mit selig beklommener Brust vor ihrem Fenster gestanden hatte, sollte sie nicht auch noch erfahren, einer wie geringen Beliebtheit und Achtung der Mann sich erfreuen durfte, dem sie sich in ihrer Verblendung zu eigen gegeben hatte.

Schließlich mußte man in der kleinen Stadt miteinander leben. War Beowulfs Ruf sicher nicht vom besten, so hatte ihm doch niemand etwas unzweifelhaft Schlechtes nachgewiesen. Das mit dem Sanatorium, – je nun, das war Glücks- oder vielmehr bis jetzt Unglückssache. Die Harmonie führte ihn in ihrer Mitgliederliste, also durfte man ihn, wenn schon kalt und zurückhaltend, nicht gerade unhöflich behandeln. Und man konnte sonst von ihm denken, was man wollte, das war nun einerlei: Worte wußte dieser Mensch zu setzen wie kein anderer. Ein wenig wirkten die Schmeicheleien, mit denen Fine vom schönen Beo geflissentlich überhäuft wurde, selbst auf den Buchbinder. Hm ja, sie war auch schmuck, seine Frau, besonders wenn sie sich so hübsch anzog, wie sie es jetzt wieder tat. In der Zeit vordem hatte sie sich darin ein wenig vernachlässigt. Daran war er, Matthias, ganz gewiß selber schuld. Er hatte nicht das Auge dafür gehabt, hatte es nicht von ihr verlangt, daß sie sich schmücke. Und das muß der Mann, damit die Frau fühlen kann, daß es einen Zweck hat, wenn sie sich in kleidsame Gewänder hüllt. Über all seiner Arbeit hatte er gar mancherlei versäumt. Gut, daß er jetzt darauf aufmerksam gemacht wurde, mochte es auch durch den alten Süßholzraspler da geschehen. Der hatte schon recht. Matthias mußte allerhand ausgleichen. Und wenn der Buchbinder also in dieser Zeit seine Frau mit einer etwas mehr irdischen Zärtlichkeit umgab, so konnte Josefine dafür ihrem einstigen Verlobten Dank wissen.

Das wäre ja nun auch nichts Schlimmes gewesen, aber es war eigentümlich, wie in dieser Frau nach jedem Male, daß sie die Stimme des noch immer stattlichen Zahnarztes vernahm, das Gedächtnis an alles, was er ihr vordem zugeflüstert und womit er sie vordem wie mit einer lauen, zugleich erschlaffenden und aufregenden Luft umspült hatte, lebendig und lebendiger wurde. Und dabei erwachte in ihr, die vor allem Schlechten Angst besaß, ein warnendes Gewissen, als ob sie schon mit diesen unwillkürlichen Erinnerungen Verbotenes täte, und wenn nun Matthias, weltlicher als sonst gesonnen, liebkosend zu ihr trat, dann scheute sie sich innerlich vor ihm und entzog sich ihm wohl sogar hin und wieder, denn sie fürchtete, er könne in ihren Augen noch etwas anderes finden als den Gegenschein seiner Liebe.

Matthias, dessen Lust es war, seiner Frau Achtung und Ehrerbietung zu beweisen, nahm ihr schüchternes Gebaren für edelste Keuschheit auf, wollte sich beinahe schämen, ihr allzunahe gekommen zu sein, und hielt sich nun auch mit williger Bescheidenheit zurück. Fine wußte sich nicht zu raten. Immer nur in diesem Hause bleiben, wo ihr die Balken gleichsam auf den Kopf drückten, immer nur das seit Urbeginn ihres Lebens Gewohnte haben, – das war schrecklich. Aber sobald sie aus der Tür trat, hinter der sie nach einem harten Schicksal verkümmern sollte, – sobald sie unter die Leute ging, wurde es für sie fast noch schrecklicher: es begann Kampf und Not, denn unvermeidlich, wo immer sie sich blicken ließ, tauchte der Mann auf, der daran schuld war, wenn in ihrer Brust, tief unsichtbar für Matthias, ein Keim für Dinge saß, die Matthias eben nicht begriff und die er, – das wußte sie, obschon sie nie darüber geredet hatten, – einfach verachtete.

Um der Scham darüber, daß sie etwas verborgen vor ihrem guten Tedebus in sich trug, zu entgehen, faßte sie nach dem Trotz. Warum war er so? Und konnte sie dafür, daß sie anders war? Er ging seinen Weg, wie sie dünkte, mit abgezirkelten Schritten und zwang sie, ebenso gemessen neben ihm herzuschreiten. Sie tat's ja auch, aber wer wollte es ihr verdenken, wenn sie sich in ihrem allerheimlichsten Besinnen etwas für sich bewahrte, – Träume, Phantasieen auch … von einem Glück, das ein noch so guter Ehemann, wie Matthias es war, ihr nicht bot.

Kaum aber hatte sie sich eine solche Stelle in ihrem Innern für allerhand herumirrende, nicht heimatberechtigte Gedanken aus ihrer eigenen Gerechtigkeit aufgetan, da war diese Frau auch schon in der Gefahr, daß sich von außen her fremde Gedanken zu solcher Freistätte durchdrängten. Vagabunden, denen es einerlei ist, wo sie sich niederlegen können, wittern ihren Unterschlupf von ferne.

Daher wurden Kampf und Not in Fine gerade dadurch, daß sie sich im Geheimen einige Freiheit gönnen wollte, nur noch größer.

Sie kannte nicht die Wahrheit, daß der Mensch am freiesten ist, der am meisten verzichtet. Sich etwas gönnen heißt sich an etwas binden.

Der Gebundensten einer war darum der schöne Beo, er, der Matthias Tedebussens Weib in Kampf und Not trieb, denn er hielt sich für unendlich frei, und nichts war da, was er sich seiner Meinung nach hätte versagen müssen. In dieser Hemmungslosigkeit, der er immer mehr nachgab, immer mehr verfiel, je schwieriger er es hatte, sich durchs Leben zu schlagen, erblickte er seine ehemalige Braut, jetzt eine voll erblühte und zu üppigem Aussehen neigende Frau mit weißer, glatter Stirn und einem mancherlei Liebreichigkeit verheißenden runden Kinn. Ihre Augen waren ja immer etwas matt und schläfrig, – aber der schöne Beo wußte sich dazu imstande – von früher her –, diesen Augen Glanz zu verleihen. Was war denn noch an seiner eigenen, immer schmächtiger werdenden Frau, wenn er sie mit der, wie sein Ausdruck lautete, prachtvollen Blondine dort verglich?

Überdies: sein lieber Freund Schenk begann immer von frischem, Lilly zu malen, – so fühlte es der Zahnarzt als sein gutes Mannesrecht, andern Frauen und besonders Frau Tedebus seine Huldigungen darzubringen. Das tat er denn auch nach Kräften. Er spielte den Kavalier für Josefine, erst in aller lauten Öffentlichkeit vor ihrem Manne, allmählich immer ein bißchen verstohlener, bis er es dann endlich erreicht hatte, daß zwischen Fine und ihm durch irgend einen magnetischen Blick, den sie nicht ganz abwies und gemäß ihrer zum Untertansein geschaffenen Natur nicht abzuweisen vermochte, eine Art von Bündnis geschlossen war.

Der schöne Beo hatte sich lange genug in die Frauenseele und in die Wissenschaft vom Frauenanlocken versenkt, um nun nach und nach weiter auf Fine wirken zu können, damit sie ihm immer mehr von dem Raume hergab, den sie sich für ihre eigenen, von ihrem Manne nicht mitempfundenen Gedanken abgesondert hatte.

Achtung vor dem Heiligen, das man Ehe nannte, bedrückte den schönen Beo nicht, und ebensowenig behinderte ihn eine Achtung vor der Frau. Er kannte sein Vergnügen und ging ihm nach. Das pries er dann den Leuten als seine weise Weltanschauung.

Außer vieler Schlauheit bedurfte es aber – Beowulf hatte das von Grund auf studiert, – auch großer Keckheit, um ein Frauenherz zu gewinnen, und von dieser Eigenschaft hatte ihm ja sein Geschick zu seiner Freude und Genugtuung ein voll gerüttelt und geschüttelt Maß verliehen.

Nachdem der Zahnarzt etliche Male mit Tedebussens die Abende in der Harmonie verbracht hatte, erschien er ganz frank und frei im Buchbinderladen, kaufte und bestellte recht tüchtig und bezahlte bar mit neuen Münzen, denn er hielt etwas auf Geldstücke, die noch den Prägeglanz trugen. Er wußte: solch ein blitzender Taler galt schier mehr als drei Mark.

In der ersten Zeit, als er wieder seine Fäden nach dem Hause hinter den Lindenbäumen spann, kam Harry Beowulf mit Absicht zu Stunden, wo Matthias daheim war, und der Buchbinder hatte keine Ursache, unfreundlich zu sein. Das war ein Kunde, so gut wie die andern auch. Mit der Zeit aber traf es sich, daß Matthias schon in der Druckerei am Grünen Weg war, wenn der schöne Beo seine Einkäufe machte, und selbst dagegen konnte Matthias nichts haben, denn Fine erzählte ihm nachher immer in aller Ruhe, was Herr Beowulf wieder für feines Briefpapier und für Goldfedern gebraucht hätte. Alles, was Matthias auf diese Berichte sagte, war nur: »Na ja. Auf Borg kriegt er aber nichts, verstehst du? Und laß dich nicht zu viel mit ihm ein. Schwadroneur ist er und weiter nichts.«

So dachte und redete Matthias Tedebus, der große Menschenkenner, der geglaubt hätte, sich selbst die Ehre abzusprechen, wenn er auch nur einen Hauch von Mißtrauen auf seine Frau geworfen haben würde, und also erhielt der schöne Beo aus Matthiassens eigenen Händen so etwas wie einen Freibrief zu kommen, wann er Lust hatte.

Das benutzte Beowulf eifrig, kam oft, und es schob sich so hin, daß Fine ihrem Manne zuletzt nicht jedesmal von seinen Einkäufen erzählte …

Wozu denn? Wer konnte alle behalten, die in den Laden traten? Matthias selbst hatte ja gesagt: der war ein Kunde, so gut wie alle andern.

Als sich aber der schöne Beo durch sorgfältiges Nachfragen und Tasten dessen erst vergewissert hatte, daß er auch mal die Tür dieses Hauses öffnen durfte, ohne daß der Hausherr es später erfuhr, da wandelte er, immer vorsichtig Schritt vor Schritt und nach und nach, seine Kaufgänge in Besuche um und nötigte Josefine auf die Weise zu einer Verschwiegenheit, die sie zuerst freiwillig, obgleich nicht frei vom bösen Gewissen bewahrt hatte.

Und als er glücklich soweit war, da ließ der schöne Beo dann seine volle Macht walten, die um so gefährlicher für Fine war, als er ja in ihr keine neuen Saiten anzuschlagen brauchte. Sie waren einander von alters her vertraut. Er brauchte nur zu wiederholen, was er früher zu ihr gesprochen hatte, so durfte er sicher sein, daß sich auch die alten Empfindungen in ihr wieder auflockerten.

Auf leisen Teufelssohlen schlich dieser Mensch an Fine Tedebus heran, – nicht mit begehrlichen Worten, davor wäre die Frau erschrocken geflohen, oder sie hätte ihm die Tür gewiesen, – o, der schöne Beo kannte aus seiner Überfülle der Erfahrungen heraus diesen Zorn der Frau, der nur entstand, wenn man eine unreife Frucht pflücken wollte, – nein, er hatte so sein wehmütiges Zittern in der Stimme: »Ja, ja die Reue … immer zu spät … blind wie man ist, aber glauben Sie es mir: hart bestraft bin ich. Eine Frau zu haben, die einen Mann wie mich nicht begreift, – einen Mann wie mich! Was wäre ich geworden, wenn …«

Sein Auge hob sich zu Josefine empor, und sie war eitel genug, um es gerecht zu finden, daß er jetzt leiden mußte für seinen Treubruch an ihr, – sie war auch weiblich stolz genug, um ihm beizustimmen: ja, ein solcher Mann, der mußte sicher ganz anders … wie? darüber war sie sich freilich nicht klar, … nur: ganz anders behandelt werden, als Lilly es verstand. Und nun bereute er. Also konnte sie ihm gut vollends vergeben. Das war ein mildes, sie weich stimmendes Gefühl, dessen er sich geschickt bediente, um immer tiefer in ihre Seele einzudringen.

»Wenn ich hier mal stehen darf,« so redete er dann, »hier so an den Ladentisch gelehnt, mich mal mit Ihnen aussprechen, … ach, Sie haben keine Ahnung, was das für mich bedeutet. Wenn man sich so mit allem möglichen widrigen Zeug herumschlagen muß, und zu Hause nichts …! Ja, ja, dagegen hier … ordentlich leicht …!«

Er drückte ihr die Hand und ließ seine eigene Hand wie vor mächtiger Rührung beben.

»Josefine …«

»Nein, nein! So dürfen Sie mich nicht nennen!«

»Doch! Hab' ich nicht früher das Recht dazu gehabt?«

»Früher!«

»Nur die paar Augenblicke, daß ich mich hier bei Ihnen erhole von dem Wust, unter dem ich sonst ersticke. Ich bin ja sonst so arm. Josefine!«

»Nein, nein! Bitte nicht!«

Der schöne Beo hörte sehr genau: dieses Nein kam nicht aus einem Frauenzorn heraus. Dies Bitte war der Aufschrei einer Kraft, die Angst vor ihrem Verlöschen hatte.

So wurde Beowulf der Buchbindersfrau zwiefach gefährlich: einmal weil er aus vergangenen Tagen eine Weise erklingen ließ, von der er ganz bis in die kleinsten Regungen hinein berechnen konnte, welchen Widerhall sie in Finens Seele erweckte, und dann weil er aus ihren zaghaften Andeutungen vom eintönigen Dasein merkte, daß er jetzt gerade zur rechten Zeit kam, um ihr die ersehnte Mannigfaltigkeit zu bieten, den Trost für die Alltäglichkeit, in der sie ihr bestes Teil meinte welken zu sehen.

Und obschon Finens Gewissen nicht eine Sekunde lang schwieg, sondern sie ewig in Kampf und Not erhielt, und obschon sie aus eigenem Quell und durch das Leben an Matthiassens Seite eine viel zu starke Ehrbarkeit und Furcht vor allem Häßlichen in sich trug, als daß sie trotz ihrer kleinen Sehnsüchte hätte in Sünde verfallen können, – so glitt sie dennoch, – weil sie nun eben einmal dieser Sehnsucht einen Platz in sich verstattete, – in eine Schuld hinein, die nicht im Tun, sondern im Lassen bestand.

Sie duldete … freilich immer mit Schrecken im Herzen, sobald aus den Phantasieen Wirklichkeit zu werden drohte, … duldete, daß ihr einstiger Bräutigam ihr mehr von sich und seinem Denken an ihre Person verriet, als ihr, wollte sie eine durchaus untadelig ehrbare Frau bleiben, anzuhören verstattet war.

Diese Schuld der Duldung sollte ihr das Wertvollste kosten, was sie ihr eigen nennen durfte. –

Es war der liebe Arthur Schenk, der so mal gelegentlich bei Matthias in der Druckerei vorsprach.

»Ach ja,« meinte er, glättete sich die Künstlerlocken und stützte den Kopf melancholisch in die Hand, »so denk' ich auch. In Frieden und Freundschaft.«

Auf diese dunkeln Worte wußte Matthias nichts zu erwidern. Er wartete daher ruhig alles weitere ab, und Schenk fuhr dann bald fort: »Das find' ich richtig, wie du es mit dem schönen Beo machst. Alte Geschichten muß man vergessen. Warum sollte er nicht zu euch kommen?«

»Wenn er was kauft …«

»Na ja, bloß … immer kaufen? Da müßte er sich ja ein Riesenlager von Postpapier hinlegen!«

»So viel ist das am Ende nicht.«

»Immerhin doch! Zwei-, dreimal die Woche ist er da.«

»Bei uns? So oft? Nicht, daß ich wüßte.«

»Ist ja auch egal. – Wie denkst du über morgen? Harmonie?«

Diese Art und Weise kannte nun Matthias an Schenk sehr wohl. Erst mit der gleichgültigsten Miene von der Welt einen Stich versetzen, dann mit ebenso gleichgültiger Miene zu andern Dingen übergehen. Aber Matthias ließ sich diesmal nicht ablenken.

»Wirklich?« fragte er. »Zwei- bis dreimal die Woche?«

Schenk zuckte erst die Achseln, tat, als ob er einen Kampf mit sich selber zu bestehen habe, und richtete sich dann entschieden auf, wie ein Mann, der seine Pflicht unbedingt tun will.

»Ja, sieh mal, ich als dein aufrichtiger Freund … du weißt ja selbst: in sonderlichem Wohlgeruch steht unser lieber Beo hier nicht. Wenn ich Lust hätte, – das sag' ich dir im tiefsten Mannesvertrauen, – ich konnte ihn jeden Tag in die Luft gehen lassen. Und deshalb, du kannst dir denken, wie die Leute sind. Die ewige Klatscherei. Es liegt mir natürlich daran, daß deine Frau nicht darunter zu leiden hat, – gerade, weil sie ihm doch früher – nichtwahr? Also kurz und gut: ich würde die Handelsbeziehungen mit dieser Kundschaft doch ein bißchen einschränken.«

»Aber die letzte Woche ist er zum Beispiel gar nicht …«

»Ja, doch zum Beispiel: gestern. Ich sah ihn ganz zufällig. Mein Gott, man trinkt in aller Gemütlichkeit sein Glas Bier in der ›Post‹ und schaut mal zum Fenster hinaus, wie?«

»Gestern? Beowulf? Zu uns?«

»Ja, aber was tut es denn? Alles, was ich meine, ist bloß: deine Frau, wegen ihrer früheren Beziehungen, – du weißt schon, diese kleinlichen Menschen hier …«

Arthur Schenk sprach stockend. So schwer fiel es seinem treuen Gemüte, dem Freunde die Warnung beizubringen. Bald entfernte er sich. Der Stich aber saß gut. Matthias erwog alles. Arthur Schenk war ja einer von denen, die wohl mehr reden, als sie vertreten können, aber Matthias fühlte sich dem Maler trotzdem zu Dank verpflichtet, denn offenbar wurde in der Stadt davon gesprochen, daß der Zahnarzt wieder in das Buchbinderhaus kam. Geschah das in der Tat auch nur, um etwas einzuhandeln: Gutes wurde nie darüber gesagt, wenn zwei Menschen, die einstmals Braut und Bräutigam waren, nachher noch wieder mit einander näher verkehrten. Da hatte er, Matthias, selbst nicht acht genug gegeben. Vor solchem Gerede hätte er seine Frau beschützen müssen. Und weiter. Daß ihm nun Fine gestern und sonst vielleicht auch nicht immer mitgeteilt hatte, Beowulf sei dagewesen, – er konnte ihr darüber nicht zürnen. Es galt ihm das Verschweigen viel mehr als ein Zeichen dafür, wie lästig das Kommen des Zahnarztes seiner Frau war. Sie mochte, wenn er nur die Tür wieder hinter sich zugemacht hatte, nichts mehr davon wissen. Es war ihm aber ferner dieses Verschweigen ein Beweis dafür, daß der Zahnarzt doch wohl nicht ganz allein des Kaufens wegen so oft, – und war es selbst viel weniger häufig, als Arthur Schenk beiläufig meinte, – im Laden erschien.

Zuzutrauen war dem alles, sogar, daß er sich nicht in der gebotenen Entfernung von einer fremden Frau verhielt.

So war Fine gewiß, – darauf deutete auch ihr Wesen in der letzten Zeit, – sehr bedrückt, weil sie Beowulfs zudringliche Schmeicheleien aushalten mußte. Sie wollte als kluge Frau ihrem Manne, der den Kopf voller Geschäfte hatte, nicht mit diesen Dingen kommen, würde eine Hülfe aber sicherlich mit Freude und Dank begrüßen.

Also, das sah Matthias ein, er konnte gar nicht anders, er mußte ihr schnell und entschieden beispringen, und der Zahnarzt mußte höflich, aber bestimmt ein für alle Male hinauskomplimentiert werden. Gleich wollte der Buchbinder das mit seiner Frau besprechen, wie es am besten zu machen sei, und wollte ihr auch Abbitte tun, daß er sie in dieser Hinsicht nicht genügend gestützt hatte.

Er legte die Arbeit hin, denn er hatte eine merkwürdige Unruhe in den Gliedern, und machte sich auf den Weg nach dem Markte. –

Es war dämmerig.

Der Vorhang hinter dem neuen Ladenfenster in der Stube rechter Hand von der Haustür, wo Matthias in der ersten Zeit gewohnt hatte und wo jetzt nur gearbeitet wurde, aber keine Kundschaft kam, war niedergelassen, denn es sollten die Dinge, die da zur Schau lagen, für den morgigen Sonntag gewechselt werden.

Die Lampe schimmerte durch das weiße Zeug.

Die Haustür stand offen. Das war gegen Matthiassens Befehl. Er ärgerte sich, und während er Fine im eigentlichen Laden wähnte, öffnete er noch schnell die Tür rechts, um den Lehrling zu schelten, weil der nie aufpaßte, daß nicht die kalte, feuchte Luft ins Haus kam.

Ja, Matthias öffnete die Tür, und da sah er vor sich Fine und Herrn Beowulf, und Herr Beowulf hatte seinen Arm um Finens Schultern gelegt und neigte den Kopf dicht zu ihr hin.

Ja, Matthias sah das, trotz des geringen Lampenscheins vom Fenster her, schrecklich grell, als würde es ihm mit hundert Blitzen gezeigt, aber er sah es auch nur einen Bruchteil einer Sekunde, denn noch hatte er die Tür nicht so weit geöffnet, daß er in das Zimmer eintreten konnte, da stieben die beiden auseinander. Fine mit einem Schrei. Herr Beowulf mit einem gurgelnden Laute, der wohl ein verlegenes Lachen bedeuten sollte.

Und obschon es nur der Bruchteil einer Sekunde war, daß Matthias die beiden so stehen sah, brannte sich doch unter dem Lichte der hundert Blitze dies Bild so gewaltig in sein Gehirn ein, daß ihm war, als wäre er die ganze Zeit seines Lebens vorher blind gewesen und dies wäre das aller-allererste, was sich seinen zum Schauen aufgetanen Augen darbot.

Das erste und zugleich das letzte, denn für etwas anderes war ganz sicher auf der Tafel seiner Seele kein Platz mehr.

Nun war Fine schon ganz nach hinten bis zu den Schachteln, die da aufeinander standen, zurückgewichen. Sie preßte ein Tuch vor ihren Mund und starrte mit einem entsetzten Ausdruck auf ihren Mann. Der schöne Beo aber, dem so etwas Unangenehmes am Ende schon früher einmal geschehen war und der da wußte, daß das Weltmännische bei solchen ungewandten Geistern, wie der Buchbinder einer war, immer noch eine gewisse Aussicht auf Sieg in sich barg, ließ das gurgelnde, recht gezwungen klingende Lachen allmählich in ein Stottern übergehen, und aus dem Stottern wurde dann, so viel Übung besaß der schöne Beo in derlei Lagen, eine richtige Rede:

»Bitte … jedes Mißverständnis muß hier natürlich sofort ausgeschlossen werden. Selbstverständlich keine Ahnung von irgend einem Zunahetreten, wenn ich mich so ausdrücken darf: es sind das hier nur rein freundschaftliche Gefühle. In jeder Beziehung. Großes Ehrenwort.«

Aber seine weltmännische Siegessicherheit versagte dieses Mal.

Matthias schüttelte ganz kurz und sehr heftig den Kopf. Das schnitt dem schönen Beo das Wort viel plötzlicher und unerbittlicher ab, als wenn der Buchbinder irgend einen Ton gesprochen hätte.

Der Zahnarzt hielt es für geraten, sich jetzt ebenfalls von Matthias zurückzuziehen, denn der stand da, als ob alles an ihm gespannt sei.

Die Arme hingen ihm freilich herunter, aber er hatte die Ellenbogen etwas gekrümmt und die Hände geballt. Seine Stirn war vornübergebeugt, sein Mund halb geöffnet, und unter den zusammengekrausten Brauen sandte er einen furchtbar ernsten Blick auf den Mann, der in seiner Verlegenheit nichts weiter zu tun wußte, als sich den Bart über die Schultern hinzustreichen.

Es schien, daß Matthias fauchend auf ihn losspringen wollte, und der große Frauenheld suchte schon unruhig danach, ob er besser nach links oder nach rechts hin auswiche, um dem Angriff zu entgehen. Aber plötzlich löste sich die Spannung, die Sprungbereitschaft bei Matthias.

Er drehte das Haupt zu Fine hin, die laut schluchzte, und der furchtbare Ernst auf seinem Gesichte verwandelte sich in eine tiefe, tiefe Trauer.

Schon erhob er den Fuß, um einen Schritt zu seiner Frau zu tun, da veränderten sich wieder und schnell seine Züge. Das Weiche, Wehmütige verschwand. Eine Bitternis, eine unsagbare Herbheit grub ihm Falten über Falten ein, – und dann zuletzt, mit einer Gebärde des Ekels und Abscheus, schwang er sich kurz herum, warf das Haupt in den Nacken, zog den Hut, den er während dessen immer auf behalten hatte, weit in die Stirn hinein, drückte Stuben- und Haustür zwar leise, aber doch so fest, daß die Schlösser knirschten, in ihre Rahmen und ließ die beiden, wo sie waren.

* * *


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