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Der Zug schob sich pfeifend, immer langsamer, auf seinem stark gekrümmten Eisenwege bis an den offenen Bahnhofssteig heran. Da hielt die Lokomotive still, und die Wagen stießen noch die federnden Puffer auf einander, bevor sie der Bremse ganz gehorchten.

»Tweetenhorn! Fünf Minuten Aufenthalt!« rief der Schaffner und riß eilfertig eine Menge Türen auf, als hätte die Tweetenhorner Grüne Gilde ihr Vogelschießen, wozu alle Welt vom Lande zwei Stunden ringsherum in die Stadt strömte. Des Schaffners Eifer lohnte sich indessen nicht recht. Wohl beugten sich zu den offenen Türen etliche biedere Gesichter hinaus, aber nur zwei Fahrgäste stiegen schließlich aus: ein altes Weiblein, das seufzend in den prallen Sonnenschein sah und mühselig ihre Trage, die sie vorher auf das Trittbrett niedergelassen hatte, huckepack nahm und davon humpelte, und dann ein junger, nicht eben groß gebauter Mensch von frischen Wangen, mit einem Wachstuchbündel auf dem Rücken und einem tüchtigen Wanderstock in der Hand. Er schaute ein paar Augenblicke, ohne etwas Bestimmtes zu suchen, lebhaft umher, stemmte den Stab kräftig in den Sand und verließ den Bahnhof.

An der Pforte des Staketes, das seitwärts vom Bahngebäude den Steig von der Straße abschloß, lehnte, die Hände in den Taschen, die Mütze tief über die Stirn und die Zigarre schräg im Mundwinkel, ein Hausknecht. Er rührte sich weiter nicht, sondern fragte nur, als der Ankömmling an ihm vorbeiging: »Gasthof zur Post?«

Freundlich erwiderte der junge Mann, indem er den Hut rückte: »Danke, nein. Ich wohne hier jetzt selber. Ich bin der neue Buchbinder. Tedebus. Matthias Tedebus, Richard Clasens Witwe Nachfolger.«

»So?« meinte der Hausknecht, der in seiner bequemen Stellung verharrte und nur zur Abwechselung einmal das linke Bein über das rechte schlug, während sich bis dahin das rechte hatte ausruhen dürfen. »Das sind Sie? Ich dachte, Sie wären der neue Reisende aus Itzehoe. Der mit Senf.«

»Damit kann ich leider nicht dienen,« entgegnete der junge Mann, »aber« – und er blickte durch seine Brillengläser den Hausknecht so recht einladend an, »wenn Sie sonst Bedarf haben: Schreibpapier oder so …«

»Ich hab' meine Braut immer hier in der Stadt. Da braucht man nicht erst Briefe zu schreiben.«

»Ja, dann! Nun, wir machen vielleicht doch noch ein Geschäft miteinander,« sagte der Buchbinder. »Adieu!«

Er wandte sich, da aber tat es ihm leid, daß er am Ende dem Hausknecht, der auf einen Fremden für sein Gasthaus gehofft hatte, eine Enttäuschung bereitete. So kehrte er nochmals um, nickte und sprach: »Ich komme aber gern mal in die ›Post‹. So nach Feierabend. Da trinkt man gewiß ein gutes Glas Bier, wie?«

»Manchmal auch mehrere,« entgegnete der Hausknecht sachtmütig.

Der Buchbinder lachte auf: »Das glaub' ich! Die Tweetenhorner sind ein lustiges Volk, – die wissen zu leben. Na, auf Wiedersehen!«

»'djüs.«

Fröhlich schritt Buchbinder Tedebus über die graue, schattenlose Chaussee der Stadt zu. Nun hatte er hier schon einen Bekannten. Wie rasch das ging. Und noch dazu einen Hausknecht vom Gasthof. Das war nicht unwesentlich. Hausknechte sind mächtige Leute. Die muß man sich warm halten. Die empfehlen den Reisenden die Geschäfte. Da fragt nun mal so ein Reisender: ›Wo kann ich hier einen Radiergummi kaufen?‹ – ›O,‹ sagt dann so ein Hausknecht, ›da gehen Sie man grade hier schräg gegenüber hin, zu Tedebus. Der hat die besten.‹ – Ja, so wurde man bekannt und beliebt.

Ach, das war schön: jetzt kamen die hohen Kastanien. So kühl! Der Buchbinder nahm den Hut ab und strich sich über die kurzen, rötlichen Haare. Dann ging er um so rüstiger vorwärts.

Die Stadt begann. Links und rechts hinter den alten Bäumen lagen schon kleine Häuser inmitten blühender Gärten. Die Häuser wurden größer und dichter, – die Gärten schrumpften ein. Zuletzt war immer nur ein Stückchen Land vor der Tür, und der Fußsteig zeigte immer deutlichere, aber dem Gehen nicht förderliche Spuren eines Pflasters.

Und nun verschwanden die Bäume. Ohne Vorgärten drängte sich Haus bei Haus, aus einem oder höchstens zwei Stockwerken erbaut, zu einer langen, sanft gewundenen Zeile. Die Sonne schien so prall in die Straße, daß man auf keiner Seite vor ihr Schutz finden konnte. An den Mauern stieg flimmernd die erhitzte Luft empor. Die Hunde lagen mit weit ausgestreckter Zunge und schnell atmenden Flanken auf den Granitschwellen. Die Bänke vor den Häusern waren leer. Nur hier und da wandelte jemand träge seines Weges. Der Buchbinder war klug: er grüßte jeden, der ihm begegnete und ihn fragend anschaute: Was bist du für einer? – auf das höflichste.

Alles Kundschaft, meine Herren! dachte er dabei, – alles Kundschaft!

Die Häuser traten mehr und mehr zurück. Der Weg erweiterte sich allmählich zum Markte, der eine lang gestreckte Eiform hatte. An seinem oberen Ende, da, wo er sich wieder verjüngte, nahm die Straße neuen Anfang. Die Kirche mit ihrem gedrungenen Turme, dessen nach innen geschweifter, viereckiger Helm von einem offenen Glockenstuhle mit Zwiebelknopf und Hahn gekrönt wurde, sah aus hohen Bäumen über den Markt herüber.

Tedebus durchquerte den Platz und machte, nicht fern dem oberen Ausgange, bei einem Hause Halt, vor dem zwei dicke Linden standen. Die spreizten ihr üppiges Laub, so daß das Antlitz des Hauses fast unsichtbar war. Man sah nur unten die dreistufige Treppe, auf der die Tür fußte, dann zur Linken einen kleinen Laden mit einem aus vier Scheiben zusammengestellten Fenster und rechts noch ein Stubenfenster.

Neben dem Gebäude war ein schmaler Gang, der zum Hofe führte. Ein Brettertor schloß ihn vorne ab, und der Stirnbalken dieses Tores verband das Haus mit seinem Nachbarn.

An der Ladenseite lehnte sich das Gewese eng an die andern Markthäuser an. Matthias Tedebus ließ die Augen bedenklich auf den Linden ruhen. Die waren gar zu groß und zu dicht. Und auch das Ladenfenster! Darin lag alles, was ein Buchbinder kleinen und großen Leuten an Dingen, als da sind: Schreibzeuge, Hefte, Ausschneidebogen, bieten muß, wie Kraut und Rüben durcheinander. Das konnte einem ordentlichen Manne nicht gefallen.

Aber dann überflog die Züge des jungen Menschen ein Schimmer von Stolz und Mut. Er stäubte sich die Füße ab, bürstete mit den Fingern über den braunen Rockkragen und griff mit entschiedener Hand nach der Eisenklinke.

»Mit Gott, Matthias,« sagte er halblaut.

*

Auf dem Flur trat dem Buchbinder eine Frau in grauem Kleide entgegen. Sie war groß und breit, aber hager. Den Kopf hielt sie zur einen Schulter hin geneigt. Ihre Bewegungen waren langsam, beinahe schlaff. Aus ihren Augen sprach jene Ergebenheit und Müdigkeit, wie sie Frauen, die im Dulden geübt sind, mit den Jahren überkommt.

»Ja, da bin ich, Frau Clasen!« rief Matthias Tedebus und schüttelte der Frau die Hand. Sie begrüßte ihn mit einem ganz schwachen Lächeln.

»Soll es denn wirklich sein, Herr Tedebus?«

»Natürlich,« antwortete er munter. »Morgen tret' ich hier an. Die Freude für mich, Frau Clasen!«

»Ja, für Sie. Aber für mich?«

»Es muß Ihnen doch recht sein. Sie haben doch selbst verkaufen wollen. Das haben wir ja neulich alles genug hier durchgesprochen. Und Mutter läßt auch noch viele Male grüßen.«

Die Frau nickte zum Dank: »Es ging ja nicht anders. So viel, daß ich mir einen Gesellen halten kann, wirft das Geschäft nicht mehr ab. Was soll eine Frau tun, wenn sie ohne Mann dasitzt?«

»Ganz vernünftig haben Sie getan und sind nun alle Sorgen los.«

»Bloß sich erst daran zu gewöhnen, daß man nichts im Hause zu sagen hat.«

Matthias schaute sie hell an: »Ich bin nicht der Mann, der Sie das viel merken läßt, Frau Clasen.«

Die Frau streckte ihm die Hand entgegen, er drückte sie ihr abermals und mit Herzlichkeit.

»Wir haben eine Tasse Kaffee für Sie oben,« meinte sie dann.

»Die kann man gern haben. Die kühlt bei der Hitze. Ich will mich nur erst ein bißchen auffrischen. Die Reise von Kiel hierher, – ein Ende! Augenblick. Nur eben mal in meine Stube.«

Frau Clasen wandte sich zur Treppe, Matthias aber öffnete die Tür dem Laden gegenüber. Da war er in seinem Zimmer. Hm, alles so gemütlich. Er blickte umher. Hübsche Gardinen. Das hochlehnige Sofa. Die Eckgarderobe mit dem weißen Vorhang davor und die alte eichene Truhe mit den Messingbeschlägen: lauter vertraute Sachen aus dem Vaterhause. Mutter hatte sie mit aller Liebe hier aufgestellt. Matthias hob ein Bild von der Kommode und sah es zärtlich an. Ja, ja, Mutter, dein Junge wird es dir schon danken.

Der Buchbinder legte sein Bündel ab und schnürte es auf, damit sich die Sachen darin nicht länger so stark aneinander preßten, spülte sich Wasser über Gesicht und Hände, hängte das Handtuch fein säuberlich breit wieder auf den Ständer und ging dann Frau Clasen nach die Treppe hinauf. Bescheiden pochte er an. Die Witwe öffnete ihm selbst, und Matthias machte eine Verbeugung, denn außer Frau Clasen befand sich noch eine jüngere Person in dem niedrigen Raume, der mit großen Möbeln voll kleiner Porzellanfiguren, mit Konsolen voller Glasvasen und Strohbuketts, mit Familienbildern in ovalen Rahmen und mit Häkelarbeiten überfüllt war.

»Das ist meine Tochter,« stellte Frau Clasen vor, »die haben Sie nicht kennen gelernt, als Sie das erste Mal hier waren. Sie war den Tag gerade mit ihrem Bräutigam in Eutin.«

»Aber Mutter hat mir viel von Fräulein Clasen erzählt,« entgegnete Matthias, »Fräulein hat Mutter so schön geholfen, als Mutter herkam, um mir das da unten einzurichten. Mutter läßt Fräulein Clasen ganz besonders grüßen.«

»Ihre Mutter war immer so gut gegen mich. Ich konnte mich ihr ordentlich anvertrauen,« bemerkte das Mädchen.

Frau Clasen wurde unruhig. »Kannst du das bei mir nicht, Fine?« fragte sie mit ihrem leidenden Tone.

Matthias fühlte: da war eine Eifersucht, und sein gutes Herz vermittelte gleich: »O,« rief er, »so meint Fräulein das nicht! Fräulein meint bloß …« Ja, nun wußte er selbst nicht recht, wie weiter. Darum schwenkte er kühn ab und sang das Lob der Frau, der er alles dankte: »Aber das ist sicher, meine Mutter ist so prächtig, die hat auch nicht einen, der ihr böse gesinnt wäre.«

»Wir haben schon eingeschenkt. Wollen Sie so gut sein?« Damit lud ihn Frau Clasen an den Tisch. Alle drei nahmen Platz. Matthias verglich. Daß Frau Clasen und Fine Mutter und Tochter waren, sah man gleich. Nur, daß Fräulein Fine voller war im Gesicht und so. Und wenn sie den Teekuchen anbot, das sah anmutig aus. Und ihr Kleid … bauschig, gelb mit lila Besatz … o, die hatte Geschmack. Fräulein Clasen, das war eine Dame.

Matthias wurde ein wenig befangen vor dem Mädchen, aber er ließ sich den Trank und das Gebäck trefflich munden und erzählte von seiner Reise.

»Meine Schulkameraden sind von Kappeln mit mir über die Schlei gesegelt, und wir haben immer gesungen: Es treibt in die Ferne mich mächtig hinaus! Dann bin ich über Eckernförde nach Kiel gewandert, wie der richtige Handwerksbursche. Ja, Mutter ist es schwer geworden, mich los zu lassen, aber sie hat ja meine Schwester noch, die freilich –« und dabei drehte er sich zu Fräulein Clasen hin, – »auch schon verlobt ist. Mit einem vom Zoll. Der bleibt aber wohl in Kappeln, so daß Mutter nachher nicht allein zu sein braucht. – Das Wasser, das wird mir hier fehlen,« fuhr er fort, »die Luft kommt mir so trocken vor.« Er nahm einen tüchtigen Schluck aus seiner Tasse. »Und das Haus …« Er sah nach den Fenstern – »es ist hier ganz dämmerig von den Bäumen, und Aussicht haben Sie gar nicht. Ich denke …«

Frau Clasen fiel ihm eilends in die Rede: »Das sind wir nicht anders gewohnt. Das wollen wir gar nicht anders!«

»So? Ich dachte sonst, man könnte die alten Bäume gut umschlagen.«

»O nein! Ja und ja nicht!« bat Frau Clasen, und ihre Tochter erhob die Hand und winkte von sich weg zu Matthias hin, als wollte sie sagen: damit komme nur nicht, damit hast du kein Glück.

»Oder wenigstens stutzen,« schlug Matthias vor.

Frau Clasen blieb in ihrer Aufgeregtheit: »Nein, es ist gerade so richtig. Großmutters Vater hat die Bäume gepflanzt. Großmutter könnte sie gar nicht entbehren.«

»Ach so, Großmutter …«

Matthias sah umher. Es war nirgends ein Lebenszeichen von Großmutter zu entdecken. Frau Clasen belehrte ihn: »Großmutter ist immer oben in ihrer Stube. Sie kommt nie herunter zu uns.«

»Bloß Sonntags, wenn sie zur Kirche geht,« erläuterte Fräulein Clasen weiter.

»So? Hm.« Mehr hatte Matthias nicht zu erwidern. Wenn Großmutter immer oben sitzen wollte, wen ging es was an? – Scheu fing Frau Clasen von neuem an: »Nicht wahr, Herr Tedebus? Darauf können wir uns doch verlassen: es bleibt hier alles so, wie es gewesen ist?«

»Warum nicht? So lange, wie Sie hier wohnen und es Ihnen so gefällt …«

»Wir denken nicht ans Ausziehen,« sagte die Witwe.

»Und ich werde Sie auch nicht drängen, Frau Clasen. Ich heirate ja noch lange nicht.«

»Aber dann?« fragte Frau Clasen ängstlich. »Wenigstens nur nicht, so lange Großmutter noch bei uns ist! Die paar Jahre, die das noch dauern kann! Sie hat schon ihre siebzig.«

»Großmutter kann hundert werden,« warf Fräulein Clasen hin, »und das wird sie auch.« Wie eine Hoffnung klangen diese Worte nun eben nicht.

»Wir wollen nicht so viel an die ferne Zukunft denken,« meinte Tedebus. »Kommt Zeit, kommt Rat. Erst einmal soll ich es zu was bringen. Und ich sitze, weiß Gott, nicht leicht. Mutter hat mir wohl das Geld gegeben, damit ich mir das hier kaufen und mich so früh selbständig machen konnte, aber verzinsen muß ich es ihr pünktlich, und ich will ihr noch ein Prozent mehr bezahlen, als sie sonst dafür gekriegt hat. So treu wie sie an mir handelt!«

Die Haustür wurde aufgeklappt, man hörte Tritte auf dem Flur. Frau Clasen erhob sich.

»Ja,« scherzte Matthias und setzte sich behaglich in seinem Stuhle fest, »ich kümmere mich heute noch um keinen Laden. Ich bin hier zu Gast. Mein Reich fängt kontraktlich erst mit dem ersten Juli an.«

Frau Clasen ging hinunter, die Kundschaft zu bedienen. Matthias hatte unwillkürlich einen Blick auf Fine geworfen. Warum nahm sie ihrer Mutter den Gang nicht ab? Das Mädchen verstand die stumme Frage und entgegnete: »Seitdem ich verlobt bin, will Mutter nicht haben, daß ich im Laden helfe.«

»Das wäre doch sonst keine Schande, auch für eine Braut nicht.«

»Ja, das wohl, aber ich glaube, mein Verlobter hat es Mutter so gesagt.«

»Ja, das ist dann eine andere Sache. Wenn Ihr Verlobter so vornehm ist.«

Das Mädchen zuckte mit der Achsel: »Ich muß mich nach ihm richten. Und das kenne ich ja. Mein Lebtag hab' ich mich immer nach jemand richten müssen. Wenn man verheiratet ist, denk' ich, wird das besser.«

Tedebus hörte fein: Fräulein Clasen zählte nicht zu den Zufriedenen. Das grollte in ihren Worten. Nun, er wollte nichts weiter erfahren, nichts, was ihm die Geburtstagsstimmung trübte, worin er sich befand. So wich er aus, als er fühlte, daß Fräulein Clasen das Vertrauen, das sie seiner Mutter geschenkt hatte, auf ihn mit zu übertragen Lust zeigte.

»Sie bleiben hier in der Stadt, wenn Sie verheiratet sind?«

»Ja. Mein Bräutigam hat das große Haus da drüben an der Ecke. Er ist Zahnarzt.«

»O,« sagte Tedebus voller Achtung.

»Und er will hier gern ein Bad anlegen. Er hat in seinem Garten eine Quelle entdeckt, die für viele Krankheiten hilft.«

»Sieh mal an! Dann kriegt Tweetenhorn ja bald Weltruf. Na, das kann uns Geschäftsleuten recht sein. Bringt Leben und Verdienst.«

Die Mutter kehrte zurück.

»Nun?« fragte Tedebus, »im Handumdrehen den ganzen Laden ausverkauft?«

»Ach ja,« antwortete Frau Clasen, »wenn das so schnell ginge. Für drei Pfennig Stahlfedern und eine Fünfpfennigmarke.«

»Alles Geld, Frau Clasen.«

Frau Clasen bat ihre Tochter: »Sieh mal nach, ob Großmutter schon wach ist.«

»Die klopft doch, wenn sie was will.«

»Sieh nach, Fine.«

Das Mädchen schritt zögernd hinaus.

»Ja,« seufzte Frau Clasen. »So leicht ist das Leben nicht, Herr Tedebus.«

»Sie stehen doch nichts aus.«

»Immer hat man nun in diesem Hause gelebt und nicht daran gedacht, daß es jemand anders gehören könnte. Es ist in unserer Familie gewesen, solange es steht. Meiner Mutter ihr Großvater hat es gebaut.«

»Ja, ja, dafür ist auch manches alt und morsch. Wird mir noch viel Reparatur kosten. Nun, was hilft's? Wer a sagt, muß auch b sagen.«

Dieser lustige Ton war nicht das Richtige für Frau Clasens Klagen. Sie fühlte sich unverstanden und schwieg, bis Fine wieder da war.

»Nun?«

»Ja,« sagte Fine. »Großmutter ist wach. Sie ist sogar früher aufgewacht als sonst. Sie meinte, es wäre so laut hier unten.«

Tedebus bedauerte: »Haben wir sie gestört?«

Frau Clasen schwankte zwischen der Angst vor ihrer Mutter und der Rücksicht auf den Gast: »Sie holt es schon nach, heute abend.«

Matthias stand auf und schob seinen Stuhl unter den Tisch.

»Tak for Kaffee, sagt der Däne. Ich will mir jetzt die Werkstatt mal ansehen.«

»Der vorige Geselle hat alles liegen lassen,« jammerte die Witwe. »Er wollte und wollte nicht bis zum Ersten bleiben. Da sind noch wenigstens sieben Bücher einzubinden. Und die Mappen für Herrn Bürgermeister!«

»Es sieht nicht schön aus da,« fügte Fine Clasen hinzu.

»Macht nichts,« lautete die unverzagte Antwort. »Ich räume leicht mit der Restarbeit auf. Und dann beseh' ich mir die Stadt.« –

So tat Matthias. Er richtete sein Werkzeug her, bespannte die Heftlade neu, kochte für den alten, verschimmelten Kram im Topfe eine ordentliche Menge blanken Kleisters, weichte die Pinsel auf, schliff das Messer und hing seine Lineale in Reih und Glied. Nun sah es schon ganz menschlich in der Werkstelle mit dem großen Tisch unterm Fenster aus. Aber den Laden betrat der Buchbinder nicht. Darin war er von einer seltsam hartnäckigen Gewissenhaftigkeit. Was heute einkam, das war noch alles Frau Clasens Teil. Er durfte gar nichts darüber erfahren.

Ein Rundgang durch die Stadt füllte ihm den Nachmittag schön aus. Zuletzt stand er auf dem Hügel bei der Kirche. Ehemals, so erzählte ihm ein alter Tweetenhorner, war hier die Bischofsburg gelegen, mit Wall und Graben, ein Bollwerk wider die Heiden. Mauerstümpfe wurden noch dann und wann vom Regen bloßgespült.

Matthias Tedebus sah über die Felder hinüber. Das Korn fing an zu blühen und wurde vom Winde durcheinander gebeugt, auf daß sich die Ähren befruchteten. Samenkörnchen, in zierliche weiße Federn eingebettet, zogen langsam durch die Luft, um sich die Stätte zu suchen, wo sie ihre Art weiter pflanzen konnten. Immen flogen herum, krallten sich an den Blumen fest, so daß sich die Stengel bogen, und bedeckten sich bei ihrer fleißigen Arbeit das ganze, zart behaarte Körperchen mit Blütenstaub. Schmetterlinge taumelten umeinander, blaue Käfer torkelten über den Fußsteig. Auch eine Eidechse lugte erschrocken mit den klugen Augen unter dem Huflattich hervor und schlängelte sich blitzschnell hinweg, als Matthias nur den Stock rührte. Hunderte von Grashüpfern saßen unsichtbar im Grase und zirpten. In den Rüstern mit ihren trockenen, harten Blättern und in den Pappeln mit ihrem blanken, raschelnden Laube zwitscherte es von Meisen und Finken, und das Spatzenvolk, das es sich in der Dachrinne an der Kirche bequem gemacht hatte, schilpte und zilpte. Es war der rechte Sommerglanz allüberall. Matthias atmete hoch auf und öffnete die oberen Knöpfe an der Weste, damit die Luft seine Brust bespülen konnte.

Abends aß er sein Stück Brot mit den Frauen, dann zündete er die Pfeife an und setzte sich, schon richtig als ein Tweetenhorner Bürgersmann, draußen auf die Holzbank vor seiner Stube. So still wie der Markt dalag. Nur hier und da kam einer behäbig gegangen und verschwand im Gasthof zur Post, um seinen friedlichen Schoppen zu trinken.

Matthias Tedebus hatte lauter Dank im Herzen. Wer es in so jungen Jahren so weit brachte wie er, der konnte wohl an sein Glück glauben. Wie lange war es denn her, daß er noch das Buchbindern lernte bei dem kleinen Meister Schumann in der Hohenstraße zu Kiel? Alles was ein gerechter Buchbinder zu wissen braucht, hatte er da zu sehen und zu arbeiten bekommen. Dann auf die Walze, ein paar Jahre Geselle, immer bestrebt einzuheimsen, was es Gutes und Förderliches für ihn gab. Und jetzt! Ach, seine liebe Mutter! Jetzt war er schon selber mit seinen vierundzwanzig Jahren ein zünftiger Handwerksmeister und besaß Haus und Geschäft. War das auch klein, – er hatte doch zugegriffen, als er das Angebot in der Zeitung las. Erst mal einen festen Punkt in der Welt haben, – dann konnte sich schon aus Kleinem Großes entwickeln.

Es war ihm wahrhaftig bis zu dieser Stunde wohl gegangen auf Erden. Schmerzen? Er entsann sich kaum, daß er ihrer je erlebt hatte. Als sein Vater starb, war er noch zu jung, um den Tod zu begreifen, und seitdem hatte er Liebe über Liebe erfahren.

Matthias dachte an sein Lieblingslied, das er noch am letzten Sonntag in der Kirche zu Kappeln so inbrünstig gesungen hatte:

»Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren,
Meine geliebete Seele, das ist mein Begehren …«

Den Choral vor sich hinsummend, begab er sich, da es nun dunkel ward, zur Ruhe.

*

Am nächsten Morgen, – eben krähten sich die Hähne über die Hofmauern und Planken zu, wie herrlich sich in vergangener Nacht ihre Eheliebsten wieder aufs Eierlegen verstanden hätten, – trat der junge Buchbindermeister sein neues Leben an. Es war ein Hochgefühl für ihn, den Schlüssel in der eigenen Haustür herumzudrehen. Er nahm einen Besen und entstaubte die Schwelle und die drei Stufen zum Markte, daß die Steine glänzten, – er fegte auch vor seinem Laden bis um die Linden herum. Dann putzte er die Scheibe spiegelblank und ordnete dahinter die Ware nach seinem Geschmack. Im Laden sah er sich die verschiedenen Pappkästen an und schaute auch hinein, um zu erkunden, wo ein jegliches Ding zum Verkaufe lag, und endlich begann er, in der Werkstelle mit Preßbengel und Schlaghammer zu wirtschaften, und zog die Bünde in den Bücherrücken so genau und so fest: das wurden Einbände, die hielten noch, wenn die Welt unterging.

Sieben schlug es. Da kam die erste Kundschaft. Höker Meiers Kleine. Die wollte für einen Sechsling Griffel haben.

»Gewiß, mein Kind.«

Und der Buchbinder gab ihr zu den grauen Stangen noch einen Bogen goldenes Glanzpapier. Die Kleine starrte benommenen Auges auf die Pracht, dann lief sie davon, so schnell ihre Füße nur wollten. Und husch! war es durch die ganze Stadt: beim neuen Buchbinder, da ist gut kaufen!

Sieh, da kam auf Holzpantoffeln die ganze Tweetenhorner Jugend heran getrappelt, und die Pfennige und Dreilinge rollten nur so in Buchbinder Tedebussens Kasse. Alle aber erhielten an diesem Morgen ihren Bogen Glanzpapier, je nach der Farbe, die sie sich selber aussuchten. Freudevoll zog das junge Volk von dannen und ließ die grellbunten Bogen in der Sonne wehen. Sah aus wie Fahnen. Ja, Buchbinder Tedebus war klug! So flaggte die Stadt zu seinem Antritt.

Den ersten Sechsling aber, das Handgeld von Höker Meiers Kleiner, tat er nicht in die allgemeine Schublade. Er steckte ihn in seine Börse, in ein Fach für sich. Das war sein Heckpfennig.

Durch die Scheiben seiner Werkstatt blickte er auf den Hof. Der war eng. In der Mitte ragte die Pumpe auf, – die Bretter, die den Brunnen verdeckten, sahen verdächtig morsch aus. Ein paar Pfähle harrten der Leine zum Wäschetrocknen; sie staken so schief in der Erde, daß man meinen konnte, sie würden die Last des nassen Zeuges nicht mehr aushalten. Links stand ein Schuppen, der den Tisch, woran Tedebus arbeitete, mit seinem Schatten verdunkelte. An diesen Schuppen schloß sich ein Staket mit einer verfallenen, kaum noch in den Angeln hangenden Lattenpforte an, durch die man in den dichtbewachsenen Garten ging. Ein Weinspalier überwucherte die Wand des Waschhauses, das wohl auf dem Gebiete des Gartens erbaut war, in das man aber nur vom Hofe aus, neben der hölzernen Pforte, hineingelangen konnte.

O ja, seit Großmutters Großvater das Haus errichtete, war nicht viel geändert oder gar ausgebessert worden. Es kostete Schillinge, bevor man hier die neue Zeit begrüßen konnte. Ans Werk, damit die Schillinge verdient wurden!

Und Matthias Tedebus falzte, heftete, schabte, beschnitt, marmorierte und druckte goldene Typen auf die Bücherrücken. –

Es war schon ziemlich spät am Morgen, als Frau Clasen herunter kam. Matthias hatte sie noch allerhand zu fragen, er mußte auch einen Gang auf das Rathaus tun, und so machte es sich von selbst, daß Frau Clasen hinter dem Ladentische stand, als ob das Geschäft gar keinen andern Herrn bekommen hätte. Einen Augenblick durchzuckte es Matthias: wäre es nicht besser, wenn sich's reinlich zwischen ihm und den Clasens schied? Aber es war ihm doch unmöglich, die Frau abzuweisen, – er mußte ihr für ihre Hülfsbereitschaft ja noch dankbar sein. Sie kannte die Wünsche der jungen Mädchen, die da kamen, um sich ein Buch aus der kleinen Leihbibliothek umzutauschen, und wenn er mit seinem Bucheinbinden vorwärts wollte, so durfte er nicht aller Augenblicke die Arbeit unterbrechen und in den Laden zum Bedienen gehen. Wer sollte auch aufpassen, wenn er außer dem Hause war? Er sah ein, daß er an diese Schwierigkeiten gar nicht gedacht hatte. Einen Lehrling bekam er erst zu Ostern, – einen Gesellen wollte auch er sich sparen, und so wäre es denn töricht gewesen, wenn er Frau Clasen irgendwie in ihrer Gewohnheit gestört hätte. Sie verkaufte – freilich nicht, ohne daß er so oft als möglich dabeistand, – am ersten Juli, wie sie am dreißigsten Juni verkauft hatte. Fine sah er nicht.

»Sie hat so viel an ihrer Aussteuer zu nähen,« erzählte die Mutter, »ihr Bräutigam ist so schrecklich eigen. Alles sucht er selbst aus. Das Leinen und die Spitzen. Und dann muß immer jemand da sein, daß Großmutter nur zu rufen braucht, wenn sie was will. Darum hab' ich ja das Geschäft auch aufgegeben. Wenn Fine heiratet, wer soll Großmutter pflegen?«

»Kann sie denn gar nicht mehr für sich selber sorgen?«

»Sie geht schwer, und dann, Sie wissen ja: alte Leute, nicht wahr? Wer weiß, wie wunderlich wir sind, wenn wir mal in die siebzig kommen. Es ist nun doch mal meine Mutter.«

»Ja,« sagte Matthias, »daß man für seine Mutter alles tut, das begreift keiner mehr als ich. Man erfährt ja von seiner Mutter nichts als lauter Liebes.«

Frau Clasen zögerte mit der Antwort: »Gott ja, wie man es nehmen will. Die eine erzieht ihr Kind so, die andere so. Mutter hatte von Natur was Strenges. Aber vielleicht war das bei uns Geschwistern nötig.«

»Sie sehen mir nicht danach aus, als ob Sie nicht leicht zu regieren gewesen wären.«

»Wer weiß? In der Jugend war ich manchmal übermütig und beinahe wild, und weil ich nun immer hier im Hause geblieben bin und nachher das einzige Kind war, – mein Bruder starb früh, – so ging es nicht anders an, als daß ich mich ganz in Mutter einlebte. Sonst konnte sie heftig werden. Das ist dann so weiter gegangen. Ich freue mich ja für Fine,« setzte die Witwe seufzend hinzu, »wenn ich es mir auch nicht merken lasse, – ich freue mich, daß sie bald wo anders wohnen soll. Aber für mich wird es noch eintöniger hier. Was hilft das?«

Nun war durch das Mitgefühl mit dieser Frau, die ganz gewiß unter ihrer Mutter zu leiden gehabt hatte und noch litt, der Zwiespalt in des Buchbinders Seele beseitigt. Er durfte Frau Clasen die kleine Zerstreuung, ihm im Laden beizustehen, nicht mißgönnen, bis ihre Tochter fort zog. Später ließ sich dann wohl eine billige Kraft fürs Kundenbedienen einstellen. Matthias fand, daß sich alles zu seinen Gunsten gestaltete. Er tat seinen Sonntagsrock an, setzte den hohen Hut auf und ging aus, um den ersten Männern der Stadt seinen Empfehl zu machen. Vom Bürgermeister kam er zum Pastor, vom Pastor zum Hauptlehrer und von da zum Amtsrichter, zum Arzt und zum Postvorsteher. Bescheiden klopfte er überall an, zeigte sich als wohlunterrichtet in seinem Berufe und versprach, daß er sich besonders auch des Buchhandels in Tweetenhorn annehmen und so den Herren etwaige Schreiberei nach auswärts ersparen wolle. Als er den Kreis der Ehrenpersonen rund war und der schwarze Rock wieder am Nagel hing, hatte er das sichere Bewußtsein, daß man eine gute Gesinnung für ihn hegte. Und so war es. Sein freundlich offenes Wesen, seine einfachen, verständigen Worte hatten ihm das Spiel gewonnen. Am Stammtisch zur Post war an diesem Nachmittage nur eine Stimme darüber: ›Ein gescheuter und netter junger Mann, der neue Buchbinder.‹ Wenn man mal ein Buch brauchte, – es war ja bei den meisten Stammtischgästen in den letzten zehn Jahren kaum vorgekommen, man konnte aber doch nicht wissen, was sich ereignete, – so wußte man nun doch, wer es einem sicher und rasch besorgte. Das war ein Gedanke von beruhigender Kraft. Daraufhin schmeckte der Dämmerschoppen noch einmal so schön und kühl.

*

Sonntag Morgen. Die kleinen Tweetenhorner standen auf dem Kirchplatz und schauten zum Turme hinauf. Es war ihnen ein immer wieder gern gesehenes Schauspiel, wie die gewaltigen Zungen dort oben in den hin- und hergeschwungenen, ehernen Mündungen bald an diese, bald an jene Seite anstießen. Hart prallten dann die drei Töne auf den Kirchplatz nieder, erhoben sich aber von da gleichsam milder und schwebten durch die Straßen, zu allen Fenstern und Türen die winkenden Hände hineinstreckend: ›Kommet und lauschet dem Worte!‹

Matthias Tedebus nahm das Gesangbuch aus der Hülle. Er hatte es sich selber eingebunden: in dunkelbraunes Leder, mit silbernen Beschlägen. In viel verzierten, gotischen Buchstaben war ein: ›Lobe den Herren!‹ kräftig in den Deckel eingepreßt. Schon stand Matthias an der Haustür, da hörte er oben ein Ächzen, ein Stöhnen, ein schweres Aufstampfen von Stöcken, ein Hüsteln. Unwirsche Reden dazwischen, die von Frau Clasens Stimme begütigt wurden: »So, Mutter, laß nur! Heute geht es ganz gut. Nur noch zwei Stufen.«

Matthias blieb. Er wußte, die Großmutter und Frau Clasen waren ebenfalls auf ihrem Kirchgange. Wäre es nicht unhöflich gewesen, wenn er voranschritt, ohne die Frauen zu begrüßen? Ja, es deuchte seinem Gemüte sogar etwas Liebes, daß er die Tweetenhorner Kirche bei seinem ersten Besuche zusammen mit seinen Hausgenossen betrat. Wie der Großmutter die Treppe sauer wurde! Und doch ließ sich diese alte Frau von ihrer Schwäche und Bresthaftigkeit nicht abhalten, ihrem Herrn den Ruhm zu geben. Das verdiente hohe Ehrfurcht. Und abermals schied also Matthias nicht reinlich zwischen sich und den Clasens. Er wartete. Jetzt war die Großmutter im ersten Stock. Die Treppe oben verdunkelte sich. Langsam, von Frau Clasen fast getragen und mit den Stöcken vor sich hin tastend, kam die Greisin auf den Flur hinab. Matthias sperrte, um sich dienstfertig zu erweisen, die Tür offen, Frau Clasen aber rief ihm zu:

»Ach nein, bitte! Es gibt solchen Zug, und die Sonne strahlt so prall herein. Großmutter muß sich erst ausruhen.«

Gehorsam schloß Matthias die Tür wieder und trat beiseite.

Endlich, sich immerfort räuspernd und abgebrochene Worte murmelnd, war die Großmutter unten angelangt. Ihre Brust keuchte von dem Wege. Sie verharrte lange, auf ihre beiden Stöcke gestützt, um Atem zu schöpfen. Ihre große Gestalt war so gekrümmt, daß Matthias erst ihr Antlitz nicht sehen konnte. Sie trug eine schwarze Haube mit drei, vier dicken Wülsten rund herum über dem ganzen Hinterhaupte und bis in die Stirn hinein. Vom Kinn hingen ihr breite Ripsbänder hernieder, über ihrem Rücken strammte sich die Mantille, deren Ränder mit Fransen besetzt waren, und ihr Kleid bauschte sich weit, hatte noch einen langen Überwurf und unten schweren Besatz. Zur Zeit, da auch die Tweetenhorner anfingen, sich gegen die Dänen aufzulehnen, hatte das Gewand gewiß stattlich um eine stattliche Frau herumgesessen.

Matthias schritt auf die Alte zu und grüßte: »Guten Tag, Frau Amundsen, Sie haben wohl schon von mir gehört?«

Die Alte wandte den Kopf zu dem Buchbinder hin, und der erschrak: so blutleer weiß war ihr Gesicht, und die Augen darin, obschon sie an und für sich kaum zu den dunkeln zählten, wirkten doch in der sonstigen Blässe furchtbar düster.

Sie sah den jungen Menschen lange an und sagte dann, immer nach ein, zwei Worten innehaltend und die Luft wie durch ein zu enges Sieb einholend: »Ick heff gornich girn frömde Lüüd in't Huus.«

»O Frau Amundsen,« entgegnete Matthias, indem er Frau Clasens ängstlich beschwichtigenden Blick auffing, »wir beide werden uns hier schon vertragen.«

»All nich wohr.« Damit kehrte die Greisin ihr Angesicht wieder dem Boden zu und fing an, sich vorwärts zu bewegen. Sogleich faßte Frau Clasen sie unter den rechten Arm. Matthias öffnete die Tür von neuem, und schwerfällig ging es auf den Markt hinaus. Der Buchbinder kämpfte mit sich: sollte er nicht vorauseilen? Das dauerte ja auf die Art eine kleine Ewigkeit, bis er zur Kirche kam. Auch gesprochen wurde nichts, weswegen er hätte den Frauen an der Seite bleiben müssen. Die Alte keuchte und stöhnte bloß und setzte schleichend Fuß vor Fuß, Stock vor Stock. Sollte er diesen traurigen Zug aushalten? Es riß ihn fort. Die Luft war so köstlich! Jetzt gehörig ausholen! Noch einmal auf den Berg hinter der Kirche, dann mit der Erinnerung an die weite Fernsicht über die gesegneten Felder ins Gotteshaus treten. Ja, da würde er schon in Andacht der Predigt zuhören. Aber so! Ihm schien, als würden seine eigenen Glieder ebenso von der Gicht gelähmt wie der Rücken der alten Frau da, und als spänne sich auch über seine Brust das beklemmende Band, das der alten Frau den freien Atem hinderte. Er begann wahrhaftig zu schlürfen, seine Sohlen rieben sich an jedem Pflasterstein, – er wußte auf einmal genau, wie alten Leuten zu Mute war. Er war selber ein alter Mann. – Ausreißen! – Ja, aber das war doch nicht möglich. Freundlichkeit hatte ihm Frau Amundsen freilich nicht bezeigt, und er brauchte also auch eigentlich keinerlei Rücksichten auf sie zu nehmen, aber ihm war, als müsse er doch danach streben, bei ihr einen Stein ins Brett zu bekommen, und wenn er damit auch nur Frau Clasen eine Gefälligkeit erwies. Schließlich, – was konnte es ihm schaden, wenn er Geduld lernte? Er blieb den Frauen an der Seite.

»Fräulein Fine?« fragte er Frau Clasen. »Ist die schon früher …?«

Frau Clasen wurde unruhig. »Nein, nein, … die wollte heute … ihr Bräutigam hat sie abgeholt … sie machen eine Landfahrt zusammen, und in dem Dorf, wo sie hin wollen, da gehen sie heute wohl auch zur Kirche.«

»All nich wohr,« murmelte Frau Amundsen.

»Ach doch, Mutter, ach doch.«

Die Alte schüttelte den Kopf.

Mancherlei Aufenthalt, dann war zuletzt das Gotteshaus erreicht. Stöhnend ließ sich Frau Amundsen von ihrer Tochter in den Kirchenstuhl setzen. Als die Orgel anhub, da sank im breiten Strome ihrer Töne alles Unangenehme und Unbequeme nieder, was Matthias Tedebus vorher empfunden hatte. Er erhob sein Herz in fröhlicher Dankbarkeit zu Gott, und die Saat des Predigers fand bei ihm das rechte Erdreich. Um so mehr war er nachher bereit, sich in der Liebe gegen Kranke und Schwache zu üben. Er wich auf dem Nachhausewege keinen Schritt von den Frauen. Es hätte nicht viel gefehlt, so würde er Frau Amundsens anderen Arm gestützt haben.

An diesem Mittag aß Matthias für sich, während er sonst Speise und Trank bei Frau Clasen und Fine einnahm. Am Sonntag, so war es immer gewesen, mußte Frau Clasen ihrer Mutter Gesellschaft leisten.

Erst in später Stunde kehrte Fine heim. Sie brachte ihren Verlobten mit, einen großen Herrn in braunem Zylinder, dunkelblauem Schoßrocke, gelber Weste und hellgrauen Hosen, die mit Reitstegen um die Stiefel herum straff gehalten wurden. Sein Kinn und seine Oberlippe waren glatt rasiert, zu beiden Seiten aber trug er einen langen Bart, den er oft nach links und rechts strich. Die Spitzen des Bartes wehten über seine Schultern.

Fine lud Matthias nach oben ein und machte die beiden Männer mit einander bekannt: »Das ist Herr Tedebus. – Mein Verlobter, Herr Zahnarzt Beowulf.«

Tedebus tat seinen artigen Diener. Der Bräutigam musterte den Buchbinder ein paar Sekunden lang mit kleinen, beweglichen Augen und witterte mit der runden Nase zu ihm hin. Dann jedoch gab er sich plötzlich einen Ruck. Sein Wesen wurde Ruhe und Gemessenheit. Er reichte Matthias gnädig die Hand: »Wünsche Ihnen alles Gute, junger Mann.« – Seine Stimme klang tief, und er drückte sie noch, um sich die äußerste Würde zu verleihen. »Hoffe, daß dieses alte und, wie man wohl sagen darf, in weitem Umkreise mit Achtung genannte Geschäft bei Ihnen in die richtigen Hände gekommen ist.«

»Mein's auch so,« entgegnete Matthias, dem die Feiersamkeit der Anrede bloß ein Lächeln abzwang.

Beowulf fuhr fort: »Wenn Sie jemals Ratschläge brauchen –« er wies mit dem Zeigefinger auf seine Brust, von da zu Matthias hin und ließ dann die offene Hand im Schwunge fallen, bis ihm sein Unterarm wagerecht zur Hüfte stand: »Immer dazu bereit als bester Kenner hiesiger Verhältnisse.«

»Vielen Dank! Werde nicht versäumen, Herr Doktor!«

Es war vielleicht bei dem sonst so grundgutmütigen Matthias eine kleine, mehr unwillkürliche als gewollte Bosheit, daß er diese Anrede gebrauchte, aber etwas wirkte in der Tat doch auch die Schwere der Persönlichkeit da vor ihm: solch ein Mann war ohne Titel nicht gut denkbar, und da man jeden Arzt Doktor nannte, warum nicht auch einen Zahnarzt?

Beowulf räusperte sich und tupfte das üppige, hellblonde Haar, das er links gescheitelt trug, sorgfältig glatt.

»Nun ja …« begann er dann, verschluckte etwas und räusperte sich abermals. »Verdienste um die Wissenschaft – unzweifelhaft. Also, wie bereits erwähnt: immer für Sie zu haben!«

Matthias nickte. Sich noch einmal mit Worten zu bedanken, schien ihm zu viel. Ganz wohl befand er sich in der Gegenwart dieses gewichtigen Herrn nicht. So verabschiedete er sich und wanderte noch auf ein Stündchen vor die Stadt nach seinem Lieblingsplatze, dem Burgberge, den er heute Vormittag nicht hatte erreichen können.

Als er an diesem Abend auf seiner Bank vor der Tür ausruhte, gesellte sich zum ersten Male Fine zu ihm. Sie war noch im Sonntagsstaat. Ein dunkelrotes, oben schlichtes, unten weites und vielfach gefälbeltes Kleid umschloß ihre volle Figur. Über Schultern und Brust fast bis zum Gürtel hinab, saß ein breites, gehäkeltes Fichu. Das war am Halse von einer großen Brosche, einem Elfenbeinstück mit erhaben gearbeitetem Frauenkopfe, geschlossen. Ihr Haar hatte den Scheitel in der Mitte, war einfach zur Seite und von den Schläfen hinweggestrichen, wurde am Wirbel von einer starken Flechte überkrönt und lief hinten am Nacken in ziemlich lange Locken aus. Matthias fand heute mehr denn je, daß sie mit ihrer glatten hohen Stirn, den feinen Brauen, der etwas langen Nase und dem ganzen ovalen Gesichte ihrer Mutter ähnelte. Überhaupt kam er zu dem Schlusse, als er sie in aller Bescheidenheit, wie sie ihm zur Seite saß, musterte: alle drei Frauen dieses Hauses, so verschieden sie im Alter waren, glichen einander an Gestalt und im Schnitte des Antlitzes.

Fine war gesprächiger als sonst. Ihre Wangen hatten Farbe. Sie hielt den Handrücken dagegen.

»Das brennt,« meinte sie, »wenn man so einen halben Tag in der Luft gewesen ist. Und es war so viel Sonne unterwegs.«

»Ja, wandern und marschieren!« rief Matthias. »Das ist auch mein Leben. Wenn ich mich hier erst eingerichtet habe, durchstreife ich die ganze Gegend.«

»Mein Bräutigam hält nur das Gehen nicht lange aus. Er ist mit in Frankreich gewesen,« berichtete Fine, »und hat bei Paris einen Schuß bekommen. Am Knie. Das tut ihm noch immer weh.«

»O, in Frankreich? Da hat er es bester gehabt als ich!«

»Besser? Was die alles durchgemacht haben!«

»Ja, aber er hat doch wenigstens mitdürfen. Ich meldete mich, als der Krieg losging. Aber die Herren sagten, ich wäre ja sonst ein ganz gesunder und netter Mensch, bloß für den Tornister und das Gewehr wäre meine Brust nicht stark genug. Nachher bin ich noch einmal gekommen: ob sie mich denn wirklich nicht haben wollten! Aber sie berieten lange und schickten mich dann schließlich doch wieder fort. Ich habe geweint, als meine Schulfreunde im Eisenbahnwagen saßen und an den Rhein fuhren. Den Damm bin ich hinauf geklettert und habe ihnen wenigstens noch Zigarren und Schokolade zugesteckt. Es stimmt ja: mit zwanzig war ich damals noch ein schmächtiger Bursche, aber wenn die Herren nur ahnten, was ich für eine Zähigkeit in mir habe, so hätten sie mich schon mitziehen lassen. Na, jetzt kann mir's ja recht sein, daß ich nicht Soldat bin, in Friedenszeiten stört das den Geschäftsmann bloß. Ihr Bräutigam … der ist wohl Offizier?«

»Ich glaube … das heißt, ich weiß eigentlich nicht …« erwiderte Fine unsicher. »Er spricht nicht gern über die Zeit. Ihm muß da irgend eine Sache …«

»So? Ja, ja,« sagte Matthias, »passiert ja leicht mal was beim Militär.«

Damit wehrte er alles weitere Vertrauen ab. Nur das fragte er noch: »In Tweetenhorn ist Herr Beowulf nicht geboren?«

»Nein. Er kam zweiundsiebzig. Wir kennen uns erst die beiden Jahre.« Und als wollte Fine sich entschuldigen, daß sie verhältnismäßig schnell die Braut dieses Mannes geworden war, so fügte sie hinzu: »Er ist früher viel auf Reisen gewesen. Er weiß sehr viel. Überhaupt gegen die andern hier …« Sie schüttelte den Kopf. Die andern, die eingeborenen Tweetenhorner Junggesellen kamen gegen ihren Verlobten gar nicht in Betracht.

»Ja,« gab Matthias zu, der gern anerkannte, »ja, er macht den Eindruck, daß er kein gewöhnlicher Mann ist.«

»O nein, Herr Tedebus!« – Josefine wurde lebhaft, ihre Augen, die sonst etwas so Gleichmütiges, leicht Verschleiertes hatten, erhellten sich, und ihre schmalen Lippen öffneten sich weiter, als sie es sonst beim Sprechen zu tun pflegten: »Kein gewöhnlicher! Er hat eine merkwürdige Macht über die Menschen.«

»Ja, ja, das habe ich schon bemerkt,« stimmte Matthias bei.

Einen kleinen Doppelsinn besaß diese Rede freilich. Er dachte an das Lächeln, das er zuerst vor Herrn Beowulf hatte unterdrücken müssen. Danach aber hatte er ihm doch die Doktorwürde angetan.

»War ein schöner Sonntag heute,« sagte Matthias dann und schaute in den dunkelblauen Himmel hinauf, wo ein Stern nach dem andern zu blinkern anfing. Aber Fine ließ sich noch nicht von ihm aus dem Gespräch über persönliche Dinge hinweg leiten. Sie hatte noch etwas auf dem Herzen.

»Mutter hat immer Angst, daß Großmutter nicht freundlich genug gegen Sie gewesen ist.«

»Bewahre!« – Matthias nahm seine Pfeife und klopfte sie am Steine neben der Bank aus. »Wir werden noch die besten Freunde.«

Frau Clasen sah aus dem Fenster: »Nimm dir lieber das Tuch um, wenn du noch länger draußen sitzen willst, Fine.«

Aber Fine sagte Matthias gute Nacht.

Der Buchbinder ging noch ein wenig vor dem Hause auf und nieder. – Hm. – Ein stattliches Mädchen, Fräulein Josefine Clasen. Nicht mehr jung, – nein, sicher ein paar Jahre älter als er selbst. Das fühlte man so, ohne es bestimmt zu wissen. Eigentlich schade, daß sie aus dem Hause kam. Es sprach sich angenehm mit ihr. Nachher saß er mit den beiden alten Frauen allein; die eine brummte, und die andere war wehleidig. Das war kein Spaß. Na, zusehen, wie lange er es aushielt. Schließlich, was Herr Zahnarzt Beowulf konnte, das konnte Buchbinder Tedebus auch, wenn er auch keine so merkwürdige Macht über die Menschen besaß: sich ein Menschenkind suchen, das ganz zu ihm gehörte. Ja, wahrhaftig, wenn Fräulein Josefine hier ihren Abschied nahm, so zog am Ende nicht lange darauf eine andere Junge hier ein. Und mit der plauderte es sich dann sicherlich noch viel angenehmer. Matthias lachte still vor sich hin. Nun hatte er die ersten Brautleute hier gesehen, und nun war ihm schon so was wie ein Appetit nach diesem netten Stande gekommen. So geht es. Ansehen tut gedenken.

* * *


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