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Das Kind.

Schon gleich, nachdem alles mit seiner Frau wieder in Ordnung gekommen, das heißt also, wenn man es ehrlich und recht bezeichnen will, nachdem es mit Matthiassens Hoffnung auf das Schönste und Beste, was ihm die Ehe bringen sollte, zu Ende war, – da hatte des Buchbinders abermals zum Wandern genötigtes Herz eine Richtung eingeschlagen, die auf Elli hinwies.

Aber das Mädchen war ihm, der jetzt wenig scherzte und wenig Auge für die Kleinigkeiten hatte, worüber die Kindesbrust aufjauchzt, im Grunde doch immer noch zu gering erschienen, als daß er sich viel mit ihm abgeben, viel von ihm haben könne.

Nun plötzlich, wie das Kind im grünen Schmucke mit seiner ganzen Lieblichkeit vor ihn hintrat, – in einer Stunde, die sonst von recht bitteren und unbarmherzigen Gedanken ausgefüllt war, – nun plötzlich wollte es Matthias bedünken, daß sich ihm dort wieder eine Hoffnung, ja, eine Verheißung auftäte.

Er, der sich schon daran gewöhnt hatte, in diesem Hause, wohinein er durch Gottes Willen versetzt worden war, zu einem langsamen seelischen Verdorren verurteilt zu sein, er fühlte von dem jungen Safte, der des kleinen Mädchens Wange rötete, ein Belebendes in sich hinüberströmen.

War er – vielleicht – an der Seite der älteren, jetzt ängstlich in sich zurückgezogenen Frau bereits ein alter Mann, so war er doch auch – ganz gewiß – vor dem heranblühenden Geschöpfe da ein junger Vater!

So wurde ihm das Kind nun zu einer Person, der er freilich noch fremd war, in der aber sicherlich etwas ihm Verwandtes, weil doch eben ihm selber Entstammtes ruhte.

Gelang es ihm, dieses natürlich noch schlummernde Gut durch seine Liebe an den Tag zu fördern, so mußte er ja doch noch unbeschreiblich reich werden, und, was das Wundervollste war, er lief dann nicht Gefahr, sich wieder enttäuscht zu sehen!

Denn da sich in seinem Kinde ja sein eigenes Leben fortsetzte, so hatte er, – das war sein Glaube, an den er sich nun klammerte, – ohne Zweifel auch die Möglichkeit, das Kind ganz zu verstehen und dafür dann auch wieder beim Kinde Verständnis für die eigenen Wünsche, für das eigene Wesen zu finden, so genau, so tief, wie er sich selber begriff oder doch zu begreifen meinte.

Matthias atmete hoch auf. Was ihn da beseelte, war ja etwas ganz Neues. Eine unerhörte Freudigkeit nach endlos langem Drucke!

Die Entdeckung einer neuen Welt.

Das Kind war der einzige Mensch, an dem er wirklich teil hatte, – sollte es ihm nun nicht, der in sich selbst durch strenge Arbeit so viel erreicht hatte, sollte es ihm nicht gelingen, diesen – gewissermaßen seinen eigenen Teil so zu bilden und wachsen zu lassen, daß er sich ihm auch völlig anschmiegte und in der Tat nichts andres zu sein begehrte als ein Ausfluß seines Ursprunges?

Matthias beugte sich zu dem Kinde nieder und küßte es.

Dieser Kuß war nicht nur der eines Vaters, sondern Matthias bat damit die junge, ihrer selbst noch fast unbewußte Seele um einen Bund.

Ein herzlicher Vater war der Buchbinder der Kleinen schon immer gewesen. In der Folgezeit aber nahm diese Herzlichkeit mehr und mehr zu, und sie ging, wie das nicht anders sein konnte, bis zur Schwäche.

Elli war sein Ein und Alles.

Frau Clasen rückte mit der Zeit in die Stelle der verstorbenen Großmutter hinein. Zwar die Großmutter hatte mit mürrischen Redensarten um sich geworfen, und Frau Clasen schüttete Tränen über Tränen aus. Aber letzten Grundes war das einerlei, denn beides ging Matthias nichts an.

Fine mußte nach den Weisungen ihres Mannes den Tag über viele Stunden schaffen, und je bedeutender das Geschäft wurde, desto härter wurde auch ihre Last. Matthias fand ihre Mühe ganz selbstverständlich und dachte nicht daran, es ihr in irgend einer Hinsicht leicht zu machen. Schonte er sich denn etwa? Und beklagte sie sich jemals? Je straffer er aber sonst die Zügel im Hause anzog, einen Punkt mußte er doch haben, wo er sein Gemüt walten lassen konnte, und so wurde er um so milder und nachsichtiger bei allem, was Elli betraf.

Er gab der Mutter wenig Rechte über das Kind. Es machte ihn verdrießlich und, als Elli erst größer war, da duldete er es überhaupt nicht mehr, daß sie geschlagen wurde. Zeigten sich Unarten bei dem Mädchen, und so selten kam das gar nicht vor, so strafte der Vater sie nicht, nicht einmal mit scheltendem Worte, sondern er suchte Elli durch freundlich weise Reden darüber aufzuklären, worin ihr Unrecht bestand, und zeigte ihr, um wieviel besser und glücklicher der Mensch lebe, wenn er sich an das halte, was der liebe Gott bestimmt habe und verlange. Ein Kind also müsse im Gehorsam gegen die Eltern seine größte Freude und Zufriedenheit finden.

Fine hörte sich diese sanfte, kaum einer Zurechtweisung ähnelnde Sprache stumm, aber mit einem eigenen Zucken der Mundwinkel an, und Elli sagte stets sehr eifrig und mit geflissentlicher Demut: »Ja, Vater, nun will ich es auch immer so tun, wie du es haben willst.«

Das Mädchen war dann stundenlang nur um den Vater herum, – strebte, ihm einen Dienst nach dem andern zu erweisen, und rührte auf die Art sein Herz, so daß er, wenn später wieder einmal eine Unart durchbrach, erst recht dazu geneigt war, alles zu verzeihen, alles im besten Lichte zu betrachten und es mit einer gewissen Genugtuung sogar aufzunehmen, daß er die Gelegenheit hatte, nun wieder belehrend auf die Kindesseele einzuwirken.

Matthias besaß einen Kasten, darin waren Zettel aufgespeichert. Auf diese Zettel schrieb er Worte, die ihm in Büchern aufstießen und wert deuchten, daß er sie bei sich bewege. Auch über das Kind hatte er da ein paar Sprüche aufbewahrt, die aus dem Orient stammten und also lauteten:

›Der Duft des Kindes ist der Duft des Paradieses. Das Kind ist Licht in dieser Welt und Freude im Jenseits.‹ – ›Wer das Herz seines Töchterchens froh und heiter macht, der hat dasselbe Verdienst, als hätte er aus Furcht vor Gott geweint, und die das tun, werden aus dem Feuer der Verdammnis erlöst.‹

Nach diesen Sprüchen empfand Matthias in der Liebe zu seinem Kinde etwas Erlösendes, und das nicht nur für ein zukünftiges Leben, nicht nur aus der Schuld, die er trotz seines Ringens nach rechtschaffenem Wandel hier aufhäufte, – nein, auch schon etwas Erlösendes aus dem unverschuldeten Leide auf Erden.

Darum war es sein Liebstes, darum war es seine Wonne: das Herz des Töchterchens froh und heiter zu machen.

Während nun Frau Clasen gleichsam aus dem Leben im Buchbinderhause ausschied, konnte es nicht anders geschehen, als daß Josefine, die bei ihrer Stille und bei ihrem Gehorsam sich doch nicht in gleicher Art aus dem eigentlichen Leben schon ausscheiden lassen wollte, auf solche Liebe, wie Matthias sie dem Kinde jetzt geradezu begeistert entgegentrug, eifersüchtig wurde.

Da es ihr aber – denn sie kannte die Unbeugsamkeit ihres Mannes nur zu gut – gar nichts genützt hätte, wenn sie nun zürnend oder auch nur unwillig gegen ihn aufgetreten wäre oder wenn sie ihn diese Eifersucht offen merken ließ, so lernte Josefine es jetzt allmählich, Elli zu benutzen, um selbst an Matthias heranzugelangen.

Seiner Frau schlug der Buchbinder, ohne viele Umstände zu machen, manche Bitte ab, – dem Kinde aber erwies er sich willfährig.

So konnte also das Kind ein Fürsprecher seiner Mutter beim Vater sein, und weil Josefine diese Macht merkte, so wurde sie klug genug, um Elli durch lauter Nachgiebigkeit an sich zu fesseln.

Das glückte ihr bald, und daher ereignete es sich, daß die Mutter mit dem Kinde schon in Wahrheit ein Bündnis geschlossen hatte, ohne viel über die Frage nach dem Gewinn eines Herzens nachzugrübeln, einzig und allein in dem Bestreben, für sich dadurch Vorteile von Matthias zu gewinnen, – während Matthias selber noch sorgsam daran arbeitete, sich das Kind unauflöslich zu eigen zu machen.

Matthias wollte wieder einmal in die weite Ferne, aber sein Schiff saß in Schlingpflanzen fest. Der Wind blähte die Segel, so daß Matthias wohl meinen konnte, er käme vorwärts, doch der Kiel unter ihm rührte sich in Wahrheit nicht.

Elli, frühreif, witterte bald, wie wichtig sie der Mutter war, und wie absichtlich gern der Vater ihre Wünsche erfüllte. Und mit jener Schlauheit, mit jenem Sicheinfügen, das nichts weiter wie ein verhehlter Eigennutz war, – mit diesen Dingen, die sich hinter den Linden am Markte vererbt hatten, solange das Haus da stand, wußte sich nun Elli bei Vater und bei Mutter immer mehr Bedeutung zu verschaffen.

Für Josefine war es nicht ungefährlich, wenn Elli schmollte. Der Vater litt, wenn sein Kind traurig war. Also suchten beide, allerdings aus völlig verschiedenen Ursachen, dem Mädchen jeden Stein aus dem Wege zu räumen, und das Mädchen freute sich der glatten Wege.

Elisabeth Tedebus war ein feines, hübsches Geschöpf. Nie kam sie, wie andere Kinder das wohl tun, mit zerrissenen oder befleckten Kleidern heim. Sie spielte überhaupt nicht viel und hielt sich besonders von allem tollen Laufen auf der Straße fern. Am liebsten saß sie für sich und las in Büchern, die für ein späteres Alter als das ihrige geschrieben worden waren. Auf Putz verstand sie sich früh. Lange dauerte es jeden Morgen, bis sie die Schleifen gewählt hatte, die ihr gefielen, und auf ein paar neue Stiefel oder Schuhe konnte sie unendlich eingebildet sein.

Als sie heranwuchs, nahm sie die Bewegungen ihrer Mutter an, ging ebenso langsam wie Fine und glich ihrer Mutter besonders in dem trägen Schlenkern mit den Armen.

Frau Clasen meinte oft, wenn Elli zu ihr hinaufkam, Fine als Mädchen in die Stube eintreten zu sehen. So ähnlich wurde das Kind äußerlich seiner Mutter.

Und auch das war ein Grund, warum Matthias seine Tochter immer inniger an sich zog: die Liebe zu seiner Frau, deren Antlitz jetzt zu welken anfing, setzte sich in dem aufblühenden Wesen seines Kindes geradeso fort wie sein eigenes Leben.

In der Schule war Elli, ohne daß es ihr sonderlich Mühe bereitet hätte, meist die Erste und stets wenigstens unter den Ersten. Am Sedantage konnte nach der Wahl der Lehrer nur sie es sein, die das Gedicht sprach. Es war unter ihren Erziehern ein großes Loben über sie. Kein Wunder, daß Matthias in einem von Jahr zu Jahr wachsenden Stolz auf sie blickte und ihr so viel Freiheit ließ, als sie haben wollte.

Sein Ehrgeiz, zumal da er selbst sich prächtig durchgerungen hatte, wurde es, daß seine Tochter überall an der Spitze stehen möchte, und Elli, um den Vater nur gänzlich für sich einzunehmen, ließ ihn nirgends im Stiche, wenn er sie auf dieses oder jenes hinwies, wo sie mitwirken, was sie sich erkämpfen sollte.

Elli Tedebus konnte einfach alles! Elli Tedebus schrieb sogar in Jahren, wo andere Kinder noch an Märchen und Fabeln Vergnügen finden, kleine Dinge für den Wagrischen Boten. Nett wußte sie es den Lesern zu erzählen, wenn der Raps zu blühen begann oder wenn sich etwa ein seltenes Vogelpaar im Gebüsch auf dem Burgberge eingenistet hatte.

Ja, ja, Vater Tedebus schmunzelte und meinte:

»Wahrhaftig! Daß unser Blatt so hoch kommt, das verdanken wir Elli. Wenn die nicht mitarbeitete!«

Vom Hochkommen des Blattes konnte Matthias tatsächlich reden. Er hatte nun schon so viel verdient, daß er nicht mehr am Grünen Weg zur Miete zu hausen brauchte, sondern er kaufte sich, um den Betrieb zu vereinfachen und um in seinem alten Hause, an dem er doch mit einer eigentümlichen Liebe hing, wohnen zu bleiben, das Grundstück hinter seinem Garten. Die für ihn untauglichen Gebäude, die da standen, wurden niedergerissen, und statt ihrer wurde ein luftiges Setzer- und Maschinenhaus errichtet, in das man von der andern Straße hineinkam.

So hatte er sein ganzes Reich um sich herum.

Auch im Markthause wurde manches umgeändert. Die Ladenfenster bestanden lange nicht mehr aus den vier kleinen, zusammengesetzten Scheiben, nein, schöne, große Gläser aus einem Stücke waren in die Rahmen eingefügt worden, und dahinter sah man an Buchbinderwaren, was nur das Herz begehren konnte.

Für die Zeitung war ein ordentlicher Redakteur gewonnen worden, – ein junger Mensch, der erst hatte Lehrer werden wollen, dem aber auf dem Seminar das Geld ausgegangen war und der deshalb den Zeitungsberuf für sich erwählte. Also war denn auch in dieser Hinsicht alles, wie es sich gehört.

Im übrigen verstand es sich von selbst, daß die Tweetenhorner einen Mann wie Tedebus unter ihre Stadtverordneten beriefen, wo er mit seiner klaren, wohl überlegten Rede viel Gutes zustande brachte.

Kurzum: äußerlich gab es nichts, was der Buchbinder für sich hätte vermissen können, und wenn es in seinem Liede hieß: ›Der dich erhält, wie es dir selber gefällt,‹ so mußte er, wollte er nicht undankbar und unverständig sein, im Schauen auf sein Dasein als Bürger und Kaufmann ein festes Ja und Amen sagen.

Aber Matthias Tedebus war nun eben nicht der Mensch, der sich mit solchen äußerlichen Sachen zufrieden gab.

Er verlangte unablässig, mochte diese seine Sehnsucht oft auch unwillkürlich sein, tief innerlich etwas vom Leben, was das Leben in Tweetenhorn ihm noch nie oder doch nur scheinbar gegeben hatte.

Nur seine Mutter, – ja, bei der war ihm das geworden, was er brauchte, aber es wollte ihn jetzt dünken, als habe er die Jahre mit seiner Mutter damals lange nicht genug gewürdigt, lange nicht vollständig genug ausgeschöpft, – ihm war, als habe er ihre Liebe wie etwas ihm ganz natürlich Zukommendes einfach so hingenommen und sei seiner Mutter bei weitem nicht so dankbar gewesen, wie er es mußte und wie er es jetzt, in der Erinnerung an die edle Frau, auch war. Jetzt, wo ihm aus Sehnsucht das Bewußtsein aufgestiegen war, was ein Herz für ein köstlich Kleinod darstellte, – jetzt ein solches Herz besitzen: o, er wollte jede Stunde damit genießen und heilig wert halten!

Und dieses Herz nun, darauf vertraute er, schlug in der Brust seiner Tochter.

Noch war Elli ja zu jung, als daß sie erfassen konnte, wonach er bei ihr suchte. Aber die Zeit raste dahin. Bald war das Kind zur Jungfrau erwachsen, und dann, das war Matthias Tedebussens nie endendes Hoffen, vermochte sie, ohne daß er es ihr eingestand, von selbst zu spüren, was ihrem Vater mangelte, und konnte sein Glück werden.

So warb er im geheimen ständig um die Liebe seines Kindes und blieb recht zart, fast zaghaft in dem, was er von Elli forderte. Denn er hatte wohl bemerkt, daß sich ihre Stirn leicht zu trotzig unwilligen Falten verzog, wenn sie etwas gegen ihr Behagen tun mußte. Er hemmte seine Worte, mit denen er ihr etwas befehlen wollte, sobald er nur den Schatten über ihrem Gesichte sah. War aber der Befehl schon ausgesprochen, so widerrief er ihn auch gern oder gab seiner Tochter in irgend einer andern Weise nach und war nur zufrieden, wenn ihre Mädchenstirn sich ganz und gar geglättet hatte.

Und wie er niemals für seine Güte von irgend einem Menschen auf Dank gerechnet hatte, so nahm er erst recht von Elli keinen Dank in Anspruch für all sein väterlich freundliches Schalten und Walten um sie herum. Nun, Elli war denn auch durchaus nicht diejenige, die ihm mit vielem Danke lästig fiel.

Wohl umschmeichelte sie den Vater, – und wenn er geradezu ritterlich gegen sie war, so erwiderte sie das, indem sie sich für ihn herausputzte. Dadurch bestach sie ihn, der doch sonst nicht allzuviel auf das Äußere gegeben hatte, der es sich aber bei den Frauen, die ihm nahe standen, doch gern gefallen ließ und es gern bemerkte, wenn sie ihm, seinetwegen geschmückt, vor die Augen traten.

Von Josefine erwartete er diese kleinen Koketterien nicht mehr, ja, er hätte sie am Ende herb zurückgewiesen, wenn sie ihm damit gekommen wäre, aber von seiner jungen Freundin, wie er seine Tochter mit Vorliebe nannte, nahm er das hübsche Herausputzen als Zeichen einer stummen, jedoch sehr deutlichen Kindesliebe und Dankbarkeit entgegen.

Was Elli sagte, darauf schwor er immer als wahr. Kam es aber je an den Tag, daß sie ihm gegenüber nicht ganz bei der Aufrichtigkeit geblieben war, so stutzte er wohl, ließ sich aber dann sehr schnell besänftigen, denn Elli hatte redefertig immer eine Erklärung bereit, woraus sich dann für ihren Vater unzweifelhaft ergab, daß sie keine Lüge gesprochen, sondern sich nur selbst in einem Irrtum befunden habe. Wo ihre eigene Erfindungsgabe nicht ausreichte, um derlei Erklärungen herbeizuziehen, da holte sie sich von ihrer Mutter guten Rat, auf welche Art sie sich entschuldigen sollte.

Wurde die Sache gar zu schwierig, so trat auch Fine für das Mädchen beim Vater ein, und Matthias nahm es sehr gnädig auf, wenn sie zu Ellis Gunsten sprach, und war dafür auch gegen Fine von besonderer Freundlichkeit.

Sogar Frau Clasen suchte, um sich recht gut mit ihrem Schwiegersohne zu stellen, durch viel Verwöhnen und Verziehen danach, Elli auf ihrer Seite zu haben.

Es drehte sich im Hause alles um das Kind, und je mehr sich Elli entwickelte, desto selbstgefälliger wurde sie sich ihrer Macht bewußt. Wie leicht war es, ihren Vater zu erfreuen! Wie sah der lustig zu, wenn sie beim Schützenfest schon mit den großen Leuten tanzte! Ja, mit seiner Tochter – da konnte er noch mal Staat machen.

Auf den Händen getragen zu werden, das war eigentlich ihre ganze Jugend hindurch alles, was Elisabeth Tedebus erlebte. – – –

Matthias glitt langsam und gemessen über die Höhe des Daseins.

Sein Haar wurde lichter und weicher, sein Bart war von weißen Fäden durchzogen.

Ein Monat verlief wie der andere, ein Jahr glich dem vorhergegangenen.

Elli, die hochaufgeschossen war, trug lange Kleider und flocht ihr Haar kunstvoll. So jung sie noch war, ein ansehnlicheres Mädchen gab es in der ganzen Stadt nicht. Matthias lächelte hierzu: er konnte es ohne Murren tragen, daß seine Rinde rissig wurde, wenn er solch frisches Reis an sich aufsprießen sah!

Nun kam die Zeit, da Elli eingesegnet werden sollte. Ihr Gebaren wandelte sich, sie wurde eigentümlich träumerisch, und ihr Vater dachte, daß eine innige Frömmigkeit in ihr am Werke sei, um sie allem weltlichen Wesen abwendig zu machen.

Deswegen wagte er es, mit Elli, die in Wahrheit, was ihren Glauben betraf, mehr zu Finens gleichgültigem Betrachten religiöser Dinge neigte, von Gott und seinen Fügungen zu sprechen. Bis dahin war sie ihm bei solchen Reden ausgewichen und hatte, wenn er von des Pastors letzter Predigt anfing, gemeint, das verstünde sie noch nicht, hatte sich gescheut, vor ihrem Vater Bibelsprüche und Gesangbuchverse aufzusagen.

Obschon er diese Scheu als eine ganz keusche Zurückhaltung der jugendlichen Seele geachtet hatte, so war er jetzt doch glücklich, daß sie seinen frommen Worten stille hielt. Das tat sie, weil ihr Herz in diesem Alter, von merkwürdigen neuen Empfindungen und Ahnungen durchzogen, wirklich allem, was mit Gott zusammenhing, ungewöhnlich zugängig war, Matthias aber fühlte sich wieder gottesfürchtiger als lange Zeit vorher: dem Kinde mußte er alle Reinheit und allen Glauben vermitteln, und so erhob er, um würdig zu sein, seine Tochter zu lehren, die eigenen Gedanken erst wieder ganz in jene Höhe, wo es keine Zweifel mehr gab.

Auf die Art wollte er sicher an sein Ziel gelangen: die Seele seines Kindes gehörte ihm!

*

Da nun diese Jahre bei gleichmäßiger auf- und abschwellender Arbeit für Matthias Tedebus ohne eigentliche Erlebnisse waren, denn das Werben um die Kindesliebe ging still vor sich und führte keine großen Erregungen herbei, so verrann die Zeit jetzt auch viel schneller, als sie es in des Buchbinders Jugend getan hatte, wo oft ein Tag ihm für sein Inneres unendlich viel eintrug.

Was er in früherer Zeit in sich aufgenommen hatte, das wurde gleichsam immer fester in ihm. Er erwartete nicht viel Neues mehr vom Leben und begnügte sich mit dem täglich frischen Wohlgefühl, das er im Anschauen seiner Tochter hatte.

Elli war nun erwachsen, und der Pastor und der Hauptlehrer drängten dazu, daß Tedebus sie auf ein Seminar schicken sollte, damit sie dann später womöglich hier in Tweetenhorn als Lehrerin wirken konnte.

Aber Mathias überlegte sich diese Sache lange. Er ließ, mißtrauisch und argwöhnisch wie er gegen die Welt sonst war, sein Kind nicht gern aus dem sicheren Hause heraus.

Was hatte es denn mit Elli für große Eile? Mochte sie nur die ersten Jahre noch der Mutter tüchtig zur Hand gehen und daneben beim Pastor und beim Hauptlehrer ihre Stunden nehmen. Das bißchen Examen machte sie nachher im Handumdrehen. Seine Tochter!

So wurde es eingerichtet, und Elli gehörte bald zu den umworbensten Tweetenhorner Schönheiten. Es wurden ihr sogar Heiratsanträge gemacht, aber Matthias wies die Freier, die übrigens auf Ellis Herz auch weiter nicht stark wirkten, mit Lächeln ab.

Was diese Leute sich einbildeten. So ein Kind und schon heiraten! Erst sollte Elli ihre Jugend in aller Harmlosigkeit ordentlich auskosten, bis sie sich die schwerste aller Pflichten auferlegte.

Des Widerspruches, der darin lag, daß er Elli auf der einen Seite ein Kind nannte und ihr auf der andern Seite alle Rechte gab, um das Leben nach Art der Erwachsenen zu genießen, wurde sich der Buchbinder nicht bewußt.

Dafür tat Elli selber um so entschiedener das Kindliche ab und weihte sich nach Kräften der Daseinsfreude.

Auf den Harmoniebällen ließ man Fräulein Tedebus keinen Tanz über Ruhe, – es gab beim Theaterspielen keine Hauptrolle, die Fräulein Tedebus nicht erhielt. Arthur Schenk setzte es sogar, einmal mit Finens Hülfe und dann auch mit Hülfe der väterlichen Eitelkeit, bei Matthias durch, daß er Elli malen durfte, natürlich nur bei Tedebussens. Diese Bedingung hielt Schenk auch inne, zu vermeiden aber war es dann nach und nach doch nicht, daß Elli ab und zu einmal zu Schenk hinüber ging, und geschah es auch nur, um eine Bestellung auszurichten, er möge um die und die Stunde kommen. Vater Tedebus brauchte von diesen Gängen, die eigentlich Fine hätte tun sollen, weiter nichts zu erfahren, und so spann sich hinter Matthiassens Rücken ein Verkehr an, der allmählich immer lebhafter und damit auch immer heimlicher wurde.

Etwas eigenartig Prahlerisches, eine Sucht zu glänzen, steckte bei aller Verhaltenheit in Elli, und das war etwas, was sie weder vom Vater noch von der Mutter her haben konnte.

Woher stammte es denn?

Nun, vielleicht daher, daß Matthias diesem Mädchen wohl das Leben gegeben hatte, daß aber ihr eigentlicher, geistiger Vater jener Mensch war, der zuerst seine Gewalt in Finens Seele eindrückte, um dann nie wieder spurlos daraus zu verschwinden.

Nun soll man aber, so schwach sich Matthias seiner Tochter gegenüber fast immer bewies, doch nicht denken, daß er vor ihren Fehlern ganz eigentlich mit Blindheit geschlagen war. O nein, er nahm nur die Mängel in ihrem Benehmen nicht schwer, er sah darin sogar eine Eigenart, die er schonen und anerkennen wollte. Er zwang sich manchmal dazu, felsenfest auf Elli zu vertrauen, denn wenn er dieses Vertrauen nicht zu irgend einem Menschen in sich fühlen konnte, so sank auch zu seiner Qual sein Glaube an Gott und Gottes Güte weit herab. Dadurch fühlte er dann den Grund seines eigenen Wesens erschüttert, und derlei Unsicherheit ertrug der Buchbinder nicht.

So durfte Elli tun und lassen, wozu sie Lust hatte. Matthias erblickte in ihrem Triebe, sich zu vergnügen, nur den natürlichen Drang der Jugend, viel zu sehen und zu lernen.

Er gönnte seiner Tochter auch so recht alles, in dem Gedanken, daß er sich selber in jungen Tagen das meiste von dem versagt hatte, was Elli nun in vollen Zügen, so weit denn Tweetenhorn es bot, in sich aufnahm.

Überdies, das Kind war gut bewacht, denn Fine ging stets mit. Ja, Fine war doch eine vortreffliche Frau nach ihrer Art. Unermüdlich den ganzen Tag über und dann noch immer bereit, Elli des Abends zu begleiten, sei es in die Komödie, sei es in den Wanderzirkus, der zweimal im Jahre auf dem Marktplatz aufgeschlagen wurde.

Matthias nahm bei seiner Frau für Aufopferung, was in Wirklichkeit für Fine, die sonst alles in sich zurückdrängen mußte, nur ein gern ergriffenes Mittel war, um dann und wann aus dem Hause heraus zu kommen, um aufzuatmen von der ewigen Tretmühle, in der Matthias, obschon er ja gewiß der beste aller Ehemänner war, sie eingeschlossen hielt.

Ellis Trieb, sich zu zerstreuen, wuchs.

Sie war, wenn sie vor dem Vorhang oder vor dem runden Sandplatz im Zirkus saß, ganz im Banne der Künstler, denen sie bei Tage heimlich nachschlich.

Alles, was Flitter trug, nahm ihr die Sinne ein.

Eines Abends fiel ein junger, schmucker Kunstreiter vom Pferde, stieß an das Geländer, das um die Bahn herum gezogen war, und wurde bewußtlos weggeschafft.

Elli hatte mit brennend erschrockenen und doch seltsam begierigen Augen auf das Unglück geschaut.

Zwei Tage danach zog die Truppe weiter. Der Kunstreiter, hieß es, liege schwer krank im Wagen.

Da kam es über das junge Mädchen wie eine Willenslähmung.

Sie ging hinter den langsam über die Chaussee rumpelnden Wagen her … stundenlang … an nichts anderes denkend als an den jungen Kunstreiter, den sie immer mit seinem blassen Antlitz und den geschlossenen Augen vor sich sah.

Schon neigte sich die Sonne, und die Gesellschaft machte Rast.

Da kam Elli aus Scham, daß man sie erkennen möge, zur Besinnung.

Furchtbar verlassen stand sie auf der Straße und weinte.

Ein gutmütiger Fuhrmann, der nach Tweetenhorn wollte, nahm sie zu sich auf den Wagen. Daheim waren ihre Eltern in tödlicher Unruhe und Sorge. Elli schaute Vater und Mutter an, als wäre sie noch immer nicht voll bei Bewußtsein.

»Wo bist du bloß gewesen, Kind?« drängte der Vater.

»Ich weiß nicht, – nur spazieren.«

Dann fiel sie in Fieber. Fine hätte ihrem Ärger gern Raum gegeben und das Mädchen gehörig ausgescholten, denn ihr waren ja die Regungen, aus denen Elli, – was schließlich herauskam, – den Kunstreitern nachgelaufen war, nicht so völlig fremd wie dem Vater. Matthias aber wehrte jedes harte Wort von seiner Tochter ab. Er war von unendlichem Liebreichtum:

»In dem Alter! … Du lieber Gott, da ist so ein junges Ding oft unberechenbar. Solche Zustände, die macht wohl jede durch.«

Bald hatte sich denn Elli wieder erholt, und in der Freude über ihre Genesung tat ihr Matthias nun erst recht alles zu Gefallen.

Wie konnte es da anders sein, als daß ihre Seele ihm gehörte?

So meinte Matthias. –

Im vollsten Prangen ihrer achtzehn, neunzehn Jahre stand Elisabeth Tedebus da, – der unbegrenzte Stolz ihres Vaters.

Aber merkwürdig: die hohe Blüte verfiel auf einmal.

Ellis Augen begannen, sich plötzlich zu verschleiern. Ihre Wangen fielen ein. Ihre Stimme wurde zaghaft. Sie hatte eine Demut, die man sonst nie an ihr gekannt hatte. Keinen Widerspruch, keine Trotzigkeiten mehr vernahm man von ihr. Sie aß und trank kaum, wollte nichts mehr vom Tanze und Theater hören, ging mit rot geweinten Lidern umher, saß dann wieder stundenlang in einem Winkel, wich den Küssen ihres Vaters ängstlich aus und war überhaupt ganz umgewandelt.

Niemand vermochte sich zu erklären, was das mit ihr sein konnte.

So gingen einige Monate hin. Matthias versuchte alles mögliche, um sein Kind aufzuheitern, – er versuchte es dann auch, ernst auf sie einzureden, um den Grund ihrer Verstimmungen zu erfahren, – alles war umsonst. Elli blieb ihrem Vater ein Rätsel.

Der Mutter aber und Frau Clasen löste sich das Rätsel in schrecklicher Weise.

Ein Verdacht stieg in den Frauen auf. Sie nahmen sich das junge Mädchen vor. Sie folterten es oben in der Giebelstube mit ihren Fragen. Elli kämpfte mit aller Gewalt gegen die beiden an, um sich ihr Geheimnis nicht entreißen zu lassen. Aber schließlich war es mit ihrer Kraft zu Ende.

Ein leidenschaftlich, verzweifelt herausgeschluchztes Geständnis.

Händeringen bei den Frauen.

Und jetzt drückten sich alle drei wie die Verbrecher so scheu um Tedebus herum. Keine wagte es, die Augen zu ihm aufzuheben. Nur ein Wispern, ein Geflüster im Hause. Bleiche, erschrockene Gesichter.

Matthias faßte seinen Argwohn.

»Was gibt es denn mit euch?«

»Ach nichts, ach nichts,« war die Antwort der völligen Ratlosigkeit.

»Aber Elli muß doch was fehlen! So haben wir das Kind doch noch nie gesehen!«

»Wird besser. Nur gehen lassen.«

Immer beschwichtigen … immer verdecken, solange es irgend anging, das war ja die Sitte hier im Hause.

Aber Matthias griff jetzt durch.

»Ich will wissen, was da los ist!« Er stampfte auf. »Sie ist ja so elend. Sie geht zum Doktor mit mir.«

Fliegende Angst bei allen dreien:

»Nein, nein! Ganz überflüssig! Wir kennen es genau!«

»Was kennt ihr? Sagt doch!«

Aber dann verstummten sie auf einmal.

»Seht ihr? Nichts kennt ihr oder wollt es mir wenigstens nicht eingestehen. Wir gehen zum Doktor, und damit Punktum!« –

Elli wankte neben ihrem Vater her. Sie trug einen Schleier vor dem Angesicht. Matthias erstrebte noch einmal in Güte ihr Vertrauen:

»Soll ich es denn nicht wissen, liebes Kind? Wo hast du Schmerzen? Wo?«

»Schmerzen … nein.«

Keine Offenheit.

Nun standen sie vor dem Arzte. Der hob Elli den Schleier auf und prüfte bedenklich ihre Züge. Dann winkte er ihr, nahm sie abseits und fragte mit einem Blicke, der die Wahrheit erzwang:

»Haben Sie ein gutes Gewissen, Kind?«

Elli schrie auf:

»Mutter! – Ich will zu meiner Mutter!«

Sie stürzte aus dem Hause. Matthias wollte ihr nach.

»Halt, Herr Tedebus!« rief der Arzt, »Ihre Tochter hat den richtigen Instinkt. Die Mutter ist jetzt diejenige, die sie am meisten auf Erden nötig hat.«

Tedebus stand zitternd:

»Was ist denn los, Herr Doktor?«

»Herr Tedebus, Sie sind ein vernünftiger Mann. Ihre Tochter macht jetzt die schlimmste Zeit ihres Daseins durch. Erschweren Sie ihr die nicht noch durch Vorwürfe. Überlegen Sie es sich auch: das Leben, das sich da bilden will, ist genau so heilig und muß genau so schonsam und ehrfürchtig behandelt werden wie jedes andere.«

Matthias hatte die Augen weit aufgerissen. Er lallte:

»Das ist doch wohl nicht denkbar, Herr Doktor.«

Der Arzt ließ die Arme sinken:

»Es ist die schlichte Wirklichkeit, Herr Tedebus.«

Matthias raste über den Markt nach Hause.

Elli, er mochte flehen oder drohen, verharrte in einem unüberwindlichen Trotze, der nur dann und wann mit fürchterlichen Schluchzkrämpfen abwechselte. Die Liebe so wenig wie der Zorn des Vaters erreichten ein Wort von ihr.

»Also dann du!« sprach Matthias und faßte seine Frau hart um den Arm.

Ja. Josefine leistete ihm bald keinen Widerstand mehr, und so erfuhr dieser Mann denn, daß an seinem Kinde das entsetzlichste Verbrechen geschehen war.

Der Mensch, der sich Matthiassens Freund nannte, und dem Matthias zwar nicht viel Gutes, aber doch auch keine so ungeheuerliche Schlechtigkeit zugetraut hatte, – der Mensch mit den langen Künstlerhaaren und der melancholischen Stimme, der hatte dem Buchbinder sein Kind an der Seele vergiftet und den Leib verderbt. –

*

Liebe Schwester!

Wir haben lange nichts von einander gehört, das ist aber so gekommen, ohne daß ich es eigentlich wollte. Und bei Dir, das weiß ich, war auch kein böser Wille dabei. Was sollten wir auch gegen einander haben?

Ich bin mittlerweile ein alter Mann geworden. Mein Geschäft geht gut, und im Ganzen rollt sich das Leben hier in Tweetenhorn still und einfach ab, aber schwer ist es manchmal doch, und man muß bisweilen alle Kraft zusammen nehmen, um sein Gottvertrauen zu behalten.

Aber was ist denn auch mit einem Gottvertrauen los, das nur in guten Tagen besteht? Gerade in bösen soll es zeigen, ob es echt ist. Und Gott sei Dank, ich darf von mir behaupten, daß ich noch immer daran festhalte, daß alle Dinge so, wie sie uns geschickt werden, für unser Heil dienlich sind, obschon sie unsern Augen oft wahrlich nicht gefallen können.

Von so etwas, was mir schwer mißfällt, muß ich Dir heute leider berichten und Dich bitten, mir zu helfen, denn ich habe außer meiner engsten Familie hier sonst keinen Menschen, mit dem ich die Sache besprechen möchte.

Sieh, liebe Schwester, ich habe meine Tochter Elisabeth so lieb gehabt, als nur ein Vater sein Kind haben kann. Ich habe nach meinem Vermögen alles getan, um sie an Geist und Körper gesund und stark zu machen, ich habe auch nicht gerastet, ihr die rechte Gottesfurcht einzuprägen, und in meinem Hause, das glaubst Du wohl selber, hat sie nur Gutes und Rechtes gesehen.

Ich dachte, daß ich mir meine Tochter auf die Art dazu erzöge, daß sie nun bald einen Begriff von der Vaterliebe bekäme, die ich auf sie gehäuft habe. In der Jugend, ja, du liebe Zeit, da nimmt der Mensch hin, was ihm geboten wird, und er denkt nicht daran, daß es den Eltern Opfer kostet und daß die Eltern überhaupt zu grübeln haben, wie sie es nun ganz richtig mit der Erziehung machen.

Aber im spätern Alter, da wird man dann erst gewahr, was die Eltern an einem getan haben, und da kommt dann die Dankbarkeit und die warme Gegenliebe im Kindesgemüte durch.

Das ist der schönste, es ist sogar der einzigste Lohn, den sich Eltern wünschen können.

So hatte ich mir das vorgestellt, liebe Schwester.

Aber wie mir das schon öfters gegangen ist, ich habe mich leider sehr geirrt, und ich erkenne nun, daß ich auf meine Tochter zu eitel gewesen bin. Eitelkeit ist ein Laster, und alle Fehler, die wir machen, verdienen ja ihre Strafe. Bei mir ist die Strafe nur meiner Ansicht nach ein bißchen hart ausgefallen.

Das, was ich mir von meiner Tochter geträumt habe, ist schon aus, ehe es noch angefangen hat.

Liebe Clara, ich habe mein Kind sehr behütet, glaube mir das, aber ich habe es doch nicht bewahren können.

Elisabeth ist in schlechte Hände gefallen. Ich bin zu dem Menschen hingegangen und habe ihm gesagt, er müßte Elli nun heiraten. Er wollte nicht und redete sich mit allerlei aus. Er hatte sogar die Unverschämtheit, es mir so darzustellen, als ob Elisabeth den größten Teil der Schuld trüge. Da habe ich die Faust genommen und ihm ins Gesicht geschlagen. Das ist das erste und hoffentlich auch das letzte Mal, daß ich so etwas getan habe, aber, liebe Schwester, es soll mich noch in meiner letzten Stunde freuen!

Damit bin ich nun mit diesem Menschen fertig, und offen gestanden ist es mir lieb, daß Elisabeth nicht seine Frau wird. Sie hat ja nicht an mich gedacht und auch nicht an ihre Mutter, und mir ist zu Mute, als hätte ich jetzt kein Kind mehr, denn Elisabeth ist mir entweiht worden, und Unreines kann ich nun einmal nicht um mich herum leiden. Das ist alles so, aber trotzdem: äußerlich ist und bleibt sie doch meine Tochter, wie schwer sie sich auch versündigt hat, und dafür, daß sie die Frau dieses erbärmlichen Kerls wird, ist sie denn doch am Ende noch zu gut. Aber nun muß natürlich für Elli gesorgt werden. Meine Frau ist etwas hart gegen sie. Ich verdenke es Josefine auch nicht, aber ich meine doch: wir sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, nichtwahr? An Elli selbst komme ich nicht heran. Bei ihr ist das jetzt bloß ein Gewimmer und Geschluchze, wie das hier bei mir zu Hause so Gewohnheit ist. Ich habe aber trotz der vielen Tränen bei Elli nicht den Glauben, daß sie aus Reue und aus Furcht vor Gottes Zorn fließen. Es ist mehr die allgemeine Feigheit hinter dem her, was man Böses begangen hat und das nun seine häßlichen Folgen zeitigt. Doch ich will auch nicht zu schroff gegen das Kind urteilen. Es wird ihr gewiß noch aufgehen, was sie mir und vor allen Dingen sich selbst angetan hat. Dann werden auch die Reuetränen nicht fehlen. Einstweilen ist sie über ihr Unglück wie geschlagen. Nun liegt mir aber alles daran, daß sie wenigstens ihre Gesundheit behält, und da habe ich mir gedacht, es ist am besten, wenn sie von Hause wegkommt. Denn so viele Mühe ich mir gebe, sie milde und sanft zu behandeln, es ist doch nicht zu vermeiden, daß mal ein bitterer Blick auf sie fällt, und das könnte ihr irgendwie schaden.

Liebe Schwester, würdest Du wohl die große Güte haben, für Elisabeth in Kappeln eine nette und ruhige Stube bei ordentlichen älteren Leuten zu mieten, wo sie die Zeit über sein kann, und Dich dann auch bisweilen mal um sie zu kümmern? Dafür werde ich Dir von Herzen dankbar sein.

Und dann bitte ich Dich, laß gleich taufen. Entweder Matthias oder nach unserer Mutter. Ich will immer daran erinnert werden, daß es doch auch meines Blutes ist. Später wollen wir dann weiter beraten, was mit den beiden geschehen soll.

Nun wollte ich noch fragen, müssen die Lebensbäume auf Mutters Grab auch gewechselt werden? Als ich das letzte Mal in Kappeln war, waren sie eigentlich schon zu hoch und zu dicht für meinen Geschmack. Ich mag gern, daß auf diesen Fleck Erde recht viel Sonne hinkommt.

Viele Grüße, liebe Schwester, auch an Deinen lieben Mann und Deine lieben Kinder.

Dein treuer Bruder Matthias.

 

Clara kam selbst nach Tweetenhorn, um Elli zu holen. Sie war wohl keine von den gutherzigen Frauen, aber allerhand Sorgen mit den eigenen Kindern hatten ihren Sinn für anderes Leid geschärft, und nach ihres Bruders Brief fühlte sie, daß er bei seiner Frau nicht die Stütze fände, die er in dieser traurigen Zeit brauchte.

Ihr schwesterliches Empfinden erwachte. Die Schande, die über den Bruder gekommen war, traf die ganze Familie und also auch sie selbst, deshalb war sie gern bereit, Matthias zu nützen, um vor den Leuten so viel von der Schmach zu verstecken, als sich nur verstecken ließ.

Sie hatte auf dem Lande dicht bei Kappeln ein Haus gefunden, wo Elli ihre Stunde abwarten konnte.

Wie nun der Abschied nahte, da war es Vater Matthias, als müsse er noch ein recht, recht herzliches Wort zu Elli reden und als müsse sie ihm um den Hals fallen und ihn um Verzeihung bitten.

Ach! wenn auch nicht um Verzeihung, – nur darum: daß er sie, sein einziges Kind, doch noch lieb behalte.

Aber auch darauf wartete Matthias vergeblich.

Elisabeth stand mit niedergeschlagenen Augen da, und durch diese Wand, die sie vor ihn hinstellte, vermochte er nicht zu blicken.

Schmerzlicher als je ward es ihm klar: das Menschenkind, um das er gerungen hatte, Tag für Tag, es war ihm in aller Freude, die er ihm bereitet hatte, und in dem Leide, das es selber über sich und die Eltern heraufbeschworen hatte, fremd geblieben, eisig fremd.

Er kannte von dem jungen Weibe nur den Namen.

Matthias kämpfte bis zum letzten Augenblick. Vielleicht war doch noch der Schlüssel zu finden, der ihm Ellis Seele öffnete.

Er wollte zu ihr sprechen: wenn sie wiederkäme, – mit lauter Liebe sollte sie hier empfangen werden, – wenn sie wiederkäme, ja, wollten sie dann nicht damit anfangen, endlich recht beisammen zu sein? So wollte er sprechen, aber die Kehle war ihm wie zugeschnürt, er brachte alle diese zärtlichen Worte nicht heraus. Und das war wahrlich keine Härte bei Matthias Tedebus, es war nur sein unüberwindliches Grauen vor allem Unlauteren, was ihn da packte und zurückhielt, als Elli dann zuletzt doch weinend an seine Brust sank.

Entheiligt war ihm sein Kind, er konnte es nicht mehr so umfassen und küssen wie zuvor, denn Matthias Tedebus barg wohl Güte gegen die Menschen in seinem Herzen, – wirklich zu lieben aber vermochte er nur da, wo er auch unbedingt ehren und achten durfte.

Auf dem Bahnhofe noch zwischen Vater und Tochter ein Aneinanderpressen der Lippen, aber kein Kuß.

Gesenkten Hauptes schritt der Buchbinder dann heim, seiner Arbeit zu. Die blieb ihm wenigstens treu.

Als er vor seinem Hause stand und hinaufsah, da war es ihm zum ersten Male angenehm, daß er die Bäume hatte stehen lassen.

Mochten sie nur recht üppig wachsen. Er würde ihnen die Äste und Zweige nie mehr beschneiden.

Diese Mauern konnten gar nicht genug im Schatten liegen.

* * *


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