Fjodor Dostojewski
Der lebenslängliche Ehemann
Fjodor Dostojewski

 << zurück weiter >> 

XI

Pawel Pawlowitsch will heiraten

Als Weltschaninow dieses »Guten Tag« zur Antwort gesagt hatte, wunderte er sich über sich selbst. Es kam ihm ganz seltsam vor, daß er diesem Menschen ganz ohne Haß begegnete, und daß seine Gefühle ihm gegenüber in diesem Augenblicke einen ganz anderen Charakter trugen, gerade als ob sich etwas Neues anbahnte.

»Was für ein schöner Abend«, begann Pawel Pawlowitsch, ihm ins Gesicht blickend.

»Sie sind noch nicht weggefahren?« fragte Weltschaninow, nicht im Tone einer Frage, sondern wie überlegend, und setzte dabei seinen Weg fort.

»Meine Abreise hat sich verzögert; aber ich habe die Stelle mit dem höheren Gehalte bekommen. Übermorgen werde ich bestimmt wegfahren.« 115

»Sie haben die Stelle bekommen?« fragte Weltschaninow, diesmal wirklich fragend.

»Warum hätte ich sie nicht bekommen sollen?« versetzte Pawel Pawlowitsch und verzog dabei das Gesicht ein wenig.

»So habe ich es nicht gemeint . . .« entschuldigte sich Weltschaninow, machte ein finsteres Gesicht und blickte Pawel Pawlowitsch von der Seite an.

Zu seinem Erstaunen machte Herrn Trussozkis Anzug, der Hut mit dem Trauerflor und überhaupt seine ganze äußere Erscheinung einen unvergleichlich viel anständigeren Eindruck als vor zwei Wochen.

»Warum hat er nur in dieser Schankwirtschaft gesessen?« dachte er von neuem.

»Ich beabsichtigte, Ihnen, Alexej Iwanowitsch, auch noch von einer andern Freude, die mir zuteil geworden ist, Mitteilung zu machen«, begann Pawel Pawlowitsch wieder.

»Von einer Freude?«

»Ich werde wieder heiraten.«

»Wie?«

»Nach dem Leide folgt die Freude; so ist es ja immer im Leben; ich möchte sehr gern, Alexej Iwanowitsch . . . aber ich weiß nicht, vielleicht haben Sie es jetzt eilig; denn Sie machen den Eindruck . . .«

»Ja, ich habe es eilig, und . . . ich bin auch nicht wohl.«

Es lag ihm auf einmal sehr viel daran, ihn loszuwerden; seine Bereitwilligkeit zu einem neuen Gefühle ihm gegenüber war sofort wieder verflogen.

»Aber ich möchte sehr gern . . .«

Pawel Pawlowitsch sprach nicht zu Ende, was er so gern möchte; Weltschaninow schwieg.

»Dann also ein andermal, falls wir einander wieder begegnen . . .«

»Ja, ja, ein andermal«, murmelte Weltschaninow hastig, ohne ihn anzusehen und ohne stehenzubleiben.

Sie schwiegen noch etwa eine Minute lang. Pawel Pawlowitsch ging immer noch nebenher. 116

»Dann also auf Wiedersehen!« sagte er endlich.

»Auf Wiedersehen! Ich wünsche ihnen alles Gute!«

Als Weltschaninow nach Hause kam, war er wieder in hohem Grade verstimmt; die Begegnung mit »diesem Menschen« hatte ihn gar zu sehr angegriffen. Beim Schlafengehen mußte er immer denken:

»Warum war er da in der Nähe des Kirchhofs?«

Am nächsten Morgen entschloß er sich endlich, zu Pogorelzews zu fahren, allerdings nur ungern; es war ihm jetzt gar zu schmerzlich, Teilnahmsbezeigungen von jemand in Empfang zu nehmen, selbst von Pogorelzews. Aber sie hatten sich so um ihn beunruhigt, daß er unbedingt hinfahren mußte. Es kam ihm auf einmal die Vorstellung, daß er sich bei der ersten Wiederbegegnung mit ihnen gewissermaßen schämen müsse.

»Soll ich hinfahren oder nicht?« überlegte er, während er eilig sein Frühstück beendete, als plötzlich zu seinem größten Erstaunen Pawel Pawlowitsch bei ihm eintrat.

Trotz der gestrigen Begegnung hatte Weltschaninow in keiner Weise geglaubt, daß dieser Mensch jemals wieder zu ihm kommen würde, und er war daher so verblüfft, daß er ihn ansah, ohne zu wissen, was er sagen sollte. Aber Pawel Pawlowitsch wußte sich selbst zu helfen: Er sagte Guten Tag und setzte sich auf denselben Stuhl, auf dem er drei Wochen vorher bei seinem letzten Besuch gesessen hatte. Weltschaninow erinnerte sich plötzlich mit besonderer Deutlichkeit dieses Besuches. Voller Unruhe und Widerwillen sah er seinen Gast an.

»Wundern Sie sich?« begann Pawel Pawlowitsch, der erriet, was Weltschaninows Blick bedeutete.

Überhaupt schien er viel ungenierter zu sein als tags zuvor; gleichzeitig aber war zu merken, daß er im Grunde noch ängstlicher war als damals. Seine äußere Erscheinung war interessant. Herr Trussozki war nicht nur anständig, sondern sogar stutzermäßig gekleidet: Er trug ein leichtes Sommerjackett, helle, enganliegende Beinkleider und eine helle Weste; die Handschuhe, die goldene Lorgnette, die plötzlich zu irgendwelchem Zwecke an ihm zum Vorschein 117 gekommen war, die Wäsche, alles war tadellos; er duftete sogar nach Parfüm. Seine ganze Gestalt hatte etwas Lächerliches, das aber den Beschauer gleichzeitig auf einen sonderbaren, unangenehmen Gedanken brachte.

»Allerdings werde ich Sie durch meinen Besuch überrascht haben, Alexej Iwanowitsch«, fuhr er verlegen fort, »und ich fühle das selbst. Aber ich möchte meinen, es erhält sich doch in den wechselseitigen Beziehungen der Menschen immer etwas Höheres, und meiner Ansicht nach muß sich das sogar erhalten, nicht wahr? Das heißt etwas Höheres als die äußeren Verhältnisse und sogar als alle Unannehmlichkeiten, die sich zutragen können . . . nicht wahr?«

»Pawel Pawlowitsch, reden Sie kürzer und ohne Umschweife!« sagte Weltschaninow mit finsterer Miene.

»Also in zwei Worten«, fuhr Pawel Pawlowitsch eilig fort: »ich werde heiraten und begebe mich jetzt zu meiner Braut, jetzt gleich. Sie befindet sich mit ihren Angehörigen in der Sommerfrische. Ich würde nun gern die hohe Ehre haben, Sie mit dieser Familie bekanntzumachen, und bin mit einer ungewöhnlichen Bitte hergekommen« (hier neigte Pawel Pawlowitsch in größter Ergebenheit den Kopf), »mit der Bitte, mich hinzubegleiten . . .«

»Wohin soll ich Sie begleiten?«

Weltschaninow riß die Augen weit auf.

»Zu ihnen, das heißt: nach dem Landhause. Verzeihen Sie, ich rede wie im Fieber und habe mich vielleicht undeutlich ausgedrückt; aber ich bin in solcher Angst, Sie könnten mir meine Bitte am Ende abschlagen . . .«

Und er blickte Weltschaninow kläglich an.

»Sie wollen, daß ich jetzt mit Ihnen zu Ihrer Braut fahre?« versetzte Weltschaninow, ihn mit einem schnellen Blicke musternd; er traute weder seinen Ohren noch seinen Augen.

»Ja«, erwiderte Pawel Pawlowitsch äußerst schüchtern. »Werden Sie nicht böse, Alexej Iwanowitsch; es ist nicht eine Dreistigkeit von mir; ich wollte mir nur ganz gehorsamst eine herzliche Bitte erlauben. Ich dachte, Sie würden es mir vielleicht nicht abschlagen . . .« 118

»Erstens ist das ganz unmöglich«, entgegnete Weltschaninow, sich unruhig hin und her wendend.

»Es ist nur ein herzlicher Wunsch von meiner Seite, weiter nichts«, fuhr jener zu bitten fort; »ich will Ihnen auch nicht verheimlichen, daß ich dabei einen besonderen Grund habe. Aber diesen Grund möchte ich erst später verlautbaren; jetzt bitte ich nur recht herzlich . . .«

Er stand sogar vor lauter Hochachtung vom Stuhle auf.

»Aber das ist unter allen Umständen unmöglich; das müssen Sie doch selbst sagen . . .«

Weltschaninow erhob sich ebenfalls von seinem Platze.

»Möglich ist das sehr wohl, Alexej Iwanowitsch; ich wollte Sie dort einfach als meinen Freund vorstellen; und zweitens sind Sie ohnehin schon dort bekannt; die Fahrt geht ja zu Herrn Sachlebinin, nach seinem Landhause. Zum Staatsrat Sachlebinin.«

»Wie? Was?« rief Weltschaninow. Es war dies jener selbe Staatsrat, den er vor einem Monat immer gesucht und nie zu Hause getroffen hatte, da er in diesem Prozesse, wie es schien, zugunsten der Gegenpartei wirkte.

»Nun ja, nun ja«, erwiderte Pawel Pawlowitsch lächelnd; Weltschaninows großes Erstaunen schien ihn zu ermutigen, »eben der. Sie erinnern sich wohl noch, wie Sie damals mit ihm gingen und redeten und ich auf der anderen Seite der Straße stand und nach Ihnen hinblickte; ich wartete damals, um nach Ihnen an ihn heranzutreten. Wir sind sogar vor zwanzig Jahren bei derselben Behörde angestellt gewesen; aber damals, als ich nach Ihnen zu ihm herantreten wollte, dachte ich noch nicht an die Heirat. Dieser Gedanke ist mir erst jetzt plötzlich gekommen, vor einer Woche.«

»Aber hören Sie mal, das ist ja doch, glaube ich, eine sehr anständige Familie?« rief Weltschaninow mit naiver Verwunderung.

»Was ist denn dabei, daß es eine anständige Familie ist?« fragte Pawel Pawlowitsch mit einer Grimasse.

»Nein, so habe ich es selbstverständlich nicht gemeint . . . aber soviel ich bei meinen Besuchen dort bemerkt habe . . .« 119

»Sie stehen dort in guter Erinnerung, Sie stehen dort in guter Erinnerung«, fiel Pawel Pawlowitsch erfreut ein. »Die Familie konnten Sie damals bei Ihren Besuchen allerdings nicht zu sehen bekommen; aber er selbst hat Sie in guter Erinnerung und schätzt Sie sehr hoch. Ich habe zu allen dort sehr respektvoll von Ihnen gesprochen.«

»Aber wie können Sie denn heiraten, wenn Sie doch erst seit drei Monaten Witwer sind?«

»Die Hochzeit soll ja nicht gleich stattfinden, sondern erst in neun bis zehn Monaten, wenn das Trauerjahr ganz vorüber ist. Sie können mir glauben, daß alles in bester Ordnung ist. Erstens kennt mich Fedossej Petrowitsch schon von klein auf; er hat auch meine verstorbene Frau gekannt und weiß, auf welchem Fuße ich gelebt habe, und wie ich bei meinen Vorgesetzten angeschrieben bin; und schließlich besitze ich auch Vermögen und bekomme jetzt eine Stelle mit höherem Gehalt – das fällt doch alles ins Gewicht.«

»Also Ihre Braut ist eine Tochter von ihm?«

»Ich werde Ihnen alles ausführlich erzählen«, sagte Pawel Pawlowitsch und krümmte sich vor Vergnügen ordentlich zusammen. »Gestatten Sie nur, daß ich mir eine Zigarette anzünde. Überdies werden Sie ja heute alles selbst sehen. Erstens werden zwar solche geistigen Arbeiter wie Fedossej Petrowitsch hier in Petersburg von den Behörden sehr hoch geschätzt, wenn es ihnen gelingt, deren Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Aber außer dem Gehalte und, was wesentlicher ist, den Zulagen, Gratifikationen, Ergänzungszuschüssen, Tafelgeldern und einmaligen Beihilfen haben sie keine Einnahmen, das heißt keine erheblichen, aus denen sich ein Kapital bilden ließe. Sie leben auf anständigem Fuße; aber etwas zurückzulegen, dazu ist schlechterdings keine Möglichkeit, wenn Familie da ist. Überlegen Sie sich das selbst: Fedossej Petrowitsch hat acht Töchter und einen noch recht kleinen Sohn. Wenn der Vater jetzt stürbe, so hätten die Hinterbliebenen nur die winzige Pension. Und die acht Mädchen – nein, stellen Sie sich das nur einmal selbst vor, stellen Sie sich das nur einmal selbst vor: Wenn jede ein Paar Schuhe braucht, was da für eine Summe herauskommt! Von 120 den acht Mädchen sind fünf schon heiratsfähig; die älteste ist vierundzwanzig Jahre alt (ein ganz reizendes Mädchen; Sie werden sie ja selbst sehen), und die sechste ist fünfzehn Jahre alt und besucht noch das Gymnasium. Für die fünf ältesten Mädchen müssen nun Männer gesucht werden, und zwar muß das möglichst schnell geschehen; da muß der Vater sie also in Gesellschaften führen – was kostet das, frage ich Sie? Und da erscheine nun auf einmal ich als der erste Bewerber in der Familie, und ich bin ihnen bereits hinreichend bekannt, das heißt, sie wissen, daß ich tatsächlich ein vermögender Mann bin. Na, weiter ist da nichts zu sagen.«

Pawel Pawlowitsch befand sich, während er dies alles mitteilte, in einer Art von Freudenrausch.

»Sie haben um die älteste Tochter angehalten?«

»N-nein, ich . . . nicht um die älteste; sehen Sie, ich habe um die sechste angehalten, um die, die noch aufs Gymnasium geht.«

»Wie?« fragte Weltschaninow mit einem unwillkürlichen Lächeln; »aber Sie sagten ja doch, daß sie erst fünfzehn Jahre alt sei!«

»Jetzt ist sie fünfzehn Jahre alt; aber in neun Monaten wird sie sechzehn sein, sechzehn Jahre und drei Monate; also warum denn nicht? Und da die ganze Sache jetzt noch unschicklich ist, so wird vorläufig noch nicht darüber laut gesprochen, sondern es ist nur mit den Eltern verabredet. Sie können mir glauben, daß alles in bester Ordnung ist!«

»Also ist es doch noch nicht festgemacht?«

»Doch, es ist festgemacht, es ist alles festgemacht. Sie können mir glauben, daß alles in bester Ordnung ist!«

»Und weiß sie es?«

»Das heißt, es wird anstandshalber so getan, als ob nichts wäre; es wird nicht davon gesprochen; aber wie sollte sie es nicht wissen?« erwiderte Pawel Pawlowitsch, vergnügt die Augen zusammenkneifend. »Nun also, werden Sie mir die Freude machen, Alexej Iwanowitsch?« schloß er in überaus schüchternem Tone.

»Aber was soll ich denn da? Übrigens«, fügte er schnell 121 hinzu, »da ich in keinem Falle mitfahren werde, so führen Sie mir, bitte, nicht erst noch Gründe an!«

»Alexej Iwanowitsch . . .«

»Aber meinen Sie denn wirklich, daß ich mich neben Sie in den Wagen setzen und mit Ihnen hinfahren werde? Denken Sie doch nur einen Augenblick nach!«

Nachdem ihn Pawel Pawlowitschs Geschwätz über seine Braut ein Weilchen zerstreut hatte, kehrte bei ihm die Empfindung des Widerwillens und der Feindschaft wieder zurück. Noch ein Augenblick, und es schien, daß er ihn vollständig hinausjagen werde. Er ärgerte sich sogar über sich selbst, ohne recht zu wissen warum.

»Setzen Sie sich nur neben mich in den Wagen, und Sie werden es nicht bereuen!« bat Pawel Pawlowitsch in flehendem, eindringlichem Tone. »Nein, nein, nein!« rief er, als er Weltschaninows ungeduldig abwehrende Bewegung wahrnahm, und suchte ihn mit beiden Armen zu beschwichtigen. »Alexej Iwanowitsch, Alexej Iwanowitsch, warten Sie noch mit Ihrer Entscheidung! Ich sehe, daß Sie mich vielleicht mißverstanden haben: Ich begreife ja durchaus, daß weder Sie mein Freund sein können noch ich der Ihrige; ich bin ja doch nicht so einfältig, daß ich das nicht begreifen sollte. Und was die jetzige Gefälligkeit anlangt, um die ich Sie bitte, so verpflichtet Sie die für die Zukunft zu nichts. Auch werde ich selbst übermorgen ganz wegfahren, vollständig wegfahren; es ist dann also, als wäre überhaupt nichts geschehen. Lassen Sie diesen Tag einen vereinzelten Fall sein! Als ich zu Ihnen kam, setzte ich meine Hoffnung auf den besonderen Edelmut der Gefühle Ihres Herzens, Alexej Iwanowitsch, eben auf die Gefühle, die in der letzten Zeit in Ihrem Herzen rege geworden sein mögen . . . Ich glaube, ich drücke mich deutlich aus, oder ist das nicht der Fall?«

Pawel Pawlowitschs Aufregung war bis zu einem außerordentlich hohen Grade gestiegen. Weltschaninow sah ihn befremdet an.

»Sie bitten mich um eine Gefälligkeit«, sagte er nachdenklich, »und bestehen so eifrig darauf – das kommt mir verdächtig vor; ich möchte mehr darüber wissen.« 122

»Die ganze Gefälligkeit soll nur darin bestehen, daß Sie mit mir fahren. Nachher aber, wenn wir zurückfahren, will ich Ihnen alles klarlegen wie in der Beichte. Schenken Sie mir Vertrauen, Alexej Iwanowitsch!«

Aber Weltschaninow sträubte sich noch immer, und zwar um so hartnäckiger, da er einen gewissen boshaften Gedanken in sich verspürte. Dieser boshafte Gedanke war schon lange in ihm rege geworden, schon von Anfang an, als Pawel Pawlowitsch ihm die Mitteilungen über seine Braut gemacht hatte: Ob es nun einfache Neugier war oder ein noch ganz unklares Verlangen, jedenfalls trieb es ihn dazu, einzuwilligen. Und je mehr es ihn dazu trieb, um so mehr kämpfte er dagegen. Er saß, auf den Ellbogen gestützt, da und überlegte. Pawel Pawlowitsch scherwenzelte um ihn herum und erschöpfte sich mit Bitten.

»Nun gut, ich werde mitfahren!« willigte er auf einmal nicht ohne eine gewisse Unruhe, ja Besorgnis, ein und erhob sich von seinem Platze.

Pawel Pawlowitsch war ganz närrisch vor Freude.

»Nein, aber jetzt müssen Sie sich gleich fein machen, Alexej Iwanowitsch!« tänzelte er vergnügt um Weltschaninow herum, der anfing sich umzukleiden. »Ziehen Sie sich nur recht schön an; Sie verstehen das ja!«

»Was er nur dabei im Schilde führen mag, der sonderbare Mensch?« dachte Weltschaninow im stillen.

»Aber das ist nicht die einzige Gefälligkeit, die ich von Ihnen erwarte, Alexej Iwanowitsch. Da Sie nun einmal eingewilligt haben mitzufahren, so seien Sie auch mein Ratgeber!«

»Worin denn zum Beispiel?«

»Zum Beispiel in einer wichtigen Frage: Wie soll ich es mit dem Trauerflor halten? Was ist schicklicher: ihn abzunehmen oder ihn daran zu lassen?«

»Das können Sie machen, wie Sie wollen.«

»Nicht doch, ich möchte gern Ihr Urteil darüber hören, wie Sie selbst sich verhalten würden, ich meine, wenn Sie einen Trauerflor trügen. Meine eigene Meinung war, wenn ich ihn daran behielte, so zeuge das von der Dauerbarkeit meiner Gefühle und sei also für mich eine gute Empfehlung.« 123

»Selbstverständlich müssen Sie ihn abnehmen.«

»Ist das wirklich selbstverständlich?« Pawel Pawlowitsch überlegte. »Nein, ich möchte ihn doch lieber daran behalten.«

»Wie Sie wollen«, erwiderte Weltschaninow, und im stillen dachte er: »Er verläßt sich doch nicht so recht auf mich; das ist ganz gut.« Sie verließen das Zimmer.

Pawel Pawlowitsch betrachtete wohlgefällig Weltschaninows elegante Erscheinung; es schien sogar, als ob sich auf seinem Gesichte ein höherer Grad von Respekt und von würdigem Ernste ausprägte! Weltschaninow wunderte sich über ihn und noch mehr über sich selbst. Vor dem Tore stand eine feine Equipage, die auf sie wartete.

»Sie hatten schon einen Wagen in Bereitschaft? Also waren Sie fest überzeugt, daß ich mitfahren würde?«

»Den Wagen hatte ich für mich genommen; aber ich war ziemlich fest überzeugt, daß Sie einwilligen würden mitzufahren«, antwortete Pawel Pawlowitsch mit der Miene eines vollkommen glücklichen Menschen.

»Ei, ei, Pawel Pawlowitsch«, bemerkte Weltschaninow, etwas gereizt auflachend, als sie bereits im Wagen Platz genommen hatten und die Pferde anzogen, »haben Sie auch nicht ein zu großes Vertrauen auf mich gesetzt?«

»Aber Sie, Sie, Alexej Iwanowitsch, können mich doch deswegen nicht einen Dummkopf nennen?« antwortete Pawel Pawlowitsch in festem Tone, dem aber eine gewisse Ergriffenheit anzuhören war.

»Aber Lisa?« dachte Weltschaninow, ließ aber diesen Gedanken sogleich wieder fallen, wie wenn er damit eine Art von Entweihung zu begehen fürchtete. Und auf einmal kam er sich selbst in diesem Augenblick so klein und nichtig vor, und der Gedanke, der ihn verführt hatte, erschien ihm so kleinlich und häßlich . . . und er hätte am liebsten wieder die ganze Geschichte aufgegeben und wäre sofort aus dem Wagen ausgestiegen, selbst wenn er zu diesem Zwecke erst hätte Pawel Pawlowitsch durchprügeln müssen. Aber da fing dieser an zu reden, und die Verführung gewann wieder Macht über sein Herz. 124

»Alexej Iwanowitsch, verstehen Sie sich auf Pretiosen?«

»Auf was für Pretiosen?«

» Auf Brillanten.«

»O ja.«

»Ich möchte gern ein kleines Geschenk mitbringen. Geben Sie mir einen Rat: Ist das angemessen oder nicht?«

»Meines Erachtens ist es nicht angemessen.«

»Aber ich würde es doch so gern tun«, wandte Pawel Pawlowitsch ein; »es ist bloß die Frage: Was soll ich kaufen? Eine ganze Garnitur, das heißt, eine Brosche, Ohrringe und ein Armband, oder nur ein einzelnes Stück?«

»Wieviel Geld wollen Sie denn daranwenden?«

»Nun, so etwa vierhundert bis fünfhundert Rubel.«

»Donnerwetter!«

»Das scheint Ihnen wohl viel, wie?« fragte Pawel Pawlowitsch zusammenfahrend.

»Kaufen Sie nur ein Armband für hundert Rubel!«

Pawel Pawlowitsch fühlte sich ordentlich gekränkt. Er hatte die größte Lust, recht viel Geld auszugeben und eine ganze Garnitur zu kaufen. Dabei verblieb er hartnäckig. Sie fuhren zu einem Juwelier. Die Sache endete jedoch damit, daß Pawel Pawlowitsch nur ein Armband kaufte, und zwar nicht das, welches er selbst wollte, sondern das, welches ihm Weltschaninow empfahl. Er hätte am liebsten alle beide genommen. Als der Juwelier, der ursprünglich hundertfünfundsiebzig Rubel für das Armband verlangt hatte, es für hundertundfünfzig ließ, da ärgerte er sich ordentlich darüber; hätte mit Freuden auch zweihundert bezahlt, wenn ihm dieser Preis abgefordert worden wäre, solche Lust hatte er, recht viel Geld auszugeben.

»Das schadet nichts, daß ich es mit dem Schenken so eilig habe«, schüttete er in seinem Freudenrausche sein Herz aus, sobald sie wieder fuhren; »es geht dort nicht so steif zu wie in den höchsten Gesellschaftskreisen, sondern ganz einfach. Die Unschuld liebt kleine Geschenke«, fügte er mit schlauvergnügtem Schmunzeln hinzu. »Sie lächelten vorhin darüber, Alexej Iwanowitsch, daß sie erst fünfzehn Jahre alt ist; aber gerade das hat es mir angetan, gerade daß sie noch ins 125 Gymnasium geht, mit der Mappe am Arm und mit den Heften und Federn darin, he‑he! Die kleine Mappe hat alle meine Gedanken gefangen genommen! Ich liebe das Mädchen speziell wegen seiner Unschuld, Alexej Iwanowitsch. Die Hauptsache ist mir nicht sowohl ein schönes Gesicht als vielmehr gerade das. Neulich einmal kicherte sie mit einer Freundin zusammen in einer Ecke, und wie lachten die beiden, o du mein Gott! Und worüber? Der Grund ihres Gelächters war bloß, daß ein Kätzchen von der Kommode aufs Bett gesprungen war und sich da wie ein Knäuel zusammengerollt hatte . . . Es ist, als wenn man frische Äpfel riecht! Soll ich nicht doch den Trauerflor abnehmen?«

»Wie Sie wollen!«

»Ich nehme ihn ab!«

Er nahm den Hut ab, riß den Flor herunter und warf ihn hinaus auf den Weg. Weltschaninow sah, daß auf seinem Gesicht eine helle Hoffnung aufleuchtete, als er den Hut wieder auf seinen kahlen Kopf setzte.

»Ob er wirklich so ist, wie er sich jetzt gibt?« dachte er, jetzt von wirklichem Ingrimm erfüllt. »Ob da keine Tücke dahintersteckt, daß er mich zum Mitfahren eingeladen hat? Rechnet er wirklich auf meinen Edelmut?« fuhr er fort und fühlte sich durch diese letztere Annahme beinah beleidigt. »Was ist er denn eigentlich: ein Narr, ein Dummkopf oder ein ›lebenslänglicher Ehemann‹? Es ist doch gar nicht aus ihm klug zu werden! . . .«

 


 << zurück weiter >>