Fjodor Dostojewski
Der lebenslängliche Ehemann
Fjodor Dostojewski

 << zurück weiter >> 

V

Lisa

Pawel Pawlowitsch hatte gar nicht daran gedacht, »auszureißen«, und Gott mochte wissen, warum Weltschaninow diese Frage an ihn gerichtet hatte; gewiß war er selbst dabei nicht klar im Kopfe gewesen. Auf die erste Erkundigung in einem Kramladen in der Nähe der Kirche wies man ihm das betreffende Gasthaus nach: Es lag wenige Schritte davon in einer Seitenstraße. In dem Gasthause wurde ihm mitgeteilt, Herr Trussozki wohne jetzt auf demselben Grundstück in einem Hinterhause bei der Zimmervermieterin Marja Syssojewna. Als er auf der schmalen, sehr schmutzigen, mit Spülicht begossenen Steintreppe dieses Gebäudes zum zweiten Stockwerk hinaufstieg, wo sich die möblierten Zimmer befanden, hörte er plötzlich ein Weinen. Es schien von einem etwa sieben- oder achtjährigen Kinde herzurühren; es war ein heftiges Weinen; man hörte ein unterdrücktes, aber doch hervorbrechendes Schluchzen und zugleich damit ein Fußstampfen und das ebenfalls unterdrückte, aber wütende Schreien einer heiseren Fistelstimme, die einem schon erwachsenen Menschen angehörte. Dieser Erwachsene schien das Kind zum Schweigen bringen zu wollen und nicht zu wünschen, daß das Weinen gehört werde; aber er war dabei lauter als das Kind. Er schrie das Kind erbarmungslos an; dieses aber schien ihn um Verzeihung zu bitten. Weltschaninow betrat einen kleinen Flur, auf dessen beiden Seiten sich je zwei Türen befanden; dort begegnete er einer sehr dicken, großen Frau mit noch ungekämmtem Haar und fragte sie nach Pawel Pawlowitsch. Sie wies mit dem Finger nach der Tür, hinter der das Weinen zu hören war. Das dicke, rote Gesicht dieser etwa vierzigjährigen Frau trug den Ausdruck einer starken Entrüstung.

»Na ja, da macht er sich wieder sein gewöhnliches Vergnügen!« sagte sie halblaut mit tiefer Stimme und ging auf die Treppe hinaus. 54

Weltschaninow wollte zuerst anklopfen, besann sich dann aber eines anderen und machte die Tür zu Pawel Pawlowitsch ohne weiteres auf. In der Mitte eines kleinen Zimmers, das mit hinreichend vielen, aber ordinären, einfach angestrichenen Möbeln ausgestattet war, stand Pawel Pawlowitsch, nur halb angekleidet, ohne Rock und ohne Weste, und suchte mit zornrotem Gesichte ein kleines, etwa achtjähriges Mädchen durch Anschreien, Armbewegungen und vielleicht (so schien es dem Eintretenden) auch durch Kneifen zum Schweigen zu bringen; die Kleine war ärmlich, wiewohl in der Tracht der besseren Stände gekleidet: Sie trug ein kurzes, schwarzes Wollkleidchen. Sie schien einen richtigen Weinkrampf zu haben, schluchzte jämmerlich und streckte die Arme nach Pawel Pawlowitsch aus, als ob sie ihn um den Hals fassen, ihn anflehen und ihn um etwas bitten wollte. Aber mit einem Schlage änderte sich die ganze Szene: Beim Anblicke des Besuchers schrie das Mädchen auf und schoß wie ein Pfeil in ein winziges Nebenstübchen; Pawel Pawlowitsch aber, der einen Augenblick lang ganz verblüfft gewesen war, verzog sogleich das ganze Gesicht zu einem süßen Lächeln, genau wie in der letzten Nacht, als Weltschaninow auf einmal die Entreetür vor ihm aufgerissen hatte.

»Alexej Iwanowitsch!« rief er höchst erstaunt. »Das hatte ich in keiner Weise erwartet! . . . Aber bitte hierher, hierher! Hier auf das Sofa, oder hier auf den Lehnstuhl, und ich will sofort . . .«

Er beeilte sich, den Rock anzuziehen, vergaß aber dabei die Weste.

»Machen Sie keine Umstände; bleiben Sie doch so, wie Sie sind!«

Weltschaninow setzte sich auf einen Stuhl.

»Nein, Sie müssen mir schon erlauben, mich ein bißchen zurechtzumachen; so, jetzt sehe ich doch etwas anständiger aus. Aber warum haben Sie sich denn so in eine Ecke gesetzt? Bitte, setzen Sie sich doch hierher, auf den Lehnstuhl, an den Tisch! . . . Na, das hatte ich nicht erwartet, das hatte ich nicht erwartet!« 55

Er setzte sich ebenfalls hin, auf den Rand eines Rohrstuhles, und drehte den Stuhl so, daß er dem »unerwarteten« Gaste gegenüber saß.

»Warum haben Sie das denn nicht erwartet? Ich habe Ihnen doch in der Nacht ausdrücklich gesagt, ich würde um diese Zeit zu Ihnen kommen.«

»Ich glaubte, Sie würden nicht kommen; und als ich vorhin aufwachte und mir alle Vorgänge der Nacht vergegenwärtigte, da gab ich entschieden die Hoffnung auf, Sie wiederzusehen, Sie überhaupt jemals wiederzusehen.«

Unterdessen hatte sich Weltschaninow im Zimmer umgesehen. Das Zimmer war in Unordnung, das Bett nicht gemacht, Kleidungsstücke lagen umher; auf dem Tische standen Gläser, aus denen Kaffee getrunken war; Brotkrümel waren verstreut; auch stand ebendort eine halb ausgetrunkene Flasche Champagner, ohne Pfropfen, und daneben ein Glas. Er schielte nach dem Nachbarzimmer hin; aber dort war alles still; das kleine Mädchen hatte sich versteckt und war verstummt.

»Trinken Sie denn das wirklich um diese Tageszeit?« fragte Weltschaninow, indem er auf den Champagner wies.

»Nur ein Restchen . . .« versetzte Pawel Pawlowitsch verlegen.

»Na, haben Sie sich aber mal verändert!«

»Ja, es ist eine schlechte Angewohnheit, die sich ganz plötzlich eingefunden hat. Wahrhaftig, erst seit jener Zeit, ungelogen! Ich kann mich nicht beherrschen. Aber jetzt können Sie ganz beruhigt sein, Alexej Iwanowitsch; ich bin jetzt nicht betrunken und werde keinen solchen Unsinn schwatzen wie in der Nacht bei Ihnen; aber ich sage Ihnen der Wahrheit gemäß: Das ist alles erst seit jener Zeit! Und hätte mir jemand noch vor einem halben Jahre gesagt, daß ich auf einmal so in Unordnung kommen würde wie jetzt, und hätte er mir damals mich selbst in einem Spiegel gezeigt – ich würde es nicht geglaubt haben!«

»Also waren Sie heute nacht doch betrunken?«

»Ja, das war ich«, gestand Pawel Pawlowitsch und schlug verlegen die Augen nieder. »Oder, sehen Sie, eigentlich 56 betrunken war ich nicht mehr; ich befand mich in einem etwas späteren Stadium. Ich möchte das deswegen bemerken, weil gerade dieses spätere Stadium bei mir das schlimmste ist: Von dem Rausche selbst ist nicht mehr viel vorhanden, aber eine Art von Ingrimm und Unbesonnenheit ist zurückgeblieben, und auch den Kummer empfinde ich dann besonders stark. Der Kummer ist vielleicht auch der Grund, aus dem ich trinke. Dann bin ich imstande, tolle Streiche zu begehen, und bringe es sogar fertig, jemand in ganz dummer Weise zu beleidigen. Gewiß habe ich mich heute nacht bei Ihnen recht sonderbar benommen?«

»Haben Sie denn keine Erinnerung mehr dafür?«

»Wie sollte ich keine Erinnerung dafür haben; an alles erinnere ich mich . . .«

»Sehen Sie, Pawel Pawlowitsch, ganz ebenso habe ich mir die Sache auch gedacht und mir dadurch alles erklärt«, sagte Weltschaninow in versöhnlichem Tone. »Überdies habe ich mich selbst heute nacht mit einer gewissen Gereiztheit und . . . unangemessenen Heftigkeit gegen Sie benommen, was ich gern eingestehe. Ich fühle mich mitunter nicht recht wohl, und Ihr plötzlicher Besuch in der Nacht . . .«

»Ja, ja, in der Nacht, in der Nacht!« sagte Pawel Pawlowitsch kopfschüttelnd, wie wenn er über sein Benehmen selbst erstaunt wäre und es unschicklich fände. »Wie ich nur auf einen solchen Einfall gekommen bin! Ich wäre übrigens sicherlich nicht zu Ihnen hereingekommen, wenn Sie mir nicht selbst geöffnet hätten; ich wäre von der Tür wieder weggegangen. Ich war schon eine Woche vorher einmal zu Ihnen herangekommen, Alexej Iwanowitsch, hatte Sie aber nicht zu Hause getroffen; später wäre ich aber vielleicht überhaupt nie wieder zu Ihnen gegangen. Ich bin doch auch ein klein wenig stolz, Alexej Iwanowitsch, obgleich ich mich selbst kenne . . . in solchem Zustande. Wir sind einander auch auf der Straße begegnet, und ich dachte immer: ›Wie, wenn er dich nicht kennen will? Wenn er dir den Rücken kehrt? Neun Jahre, das ist keine Kleinigkeit!‹ und ich wagte nicht, an Sie heranzutreten. Heute nacht aber kam ich müde und matt von weither, von der Peterburgskaja, und hatte 57 ganz vergessen, was die Uhr war. Das kommt alles davon« (er zeigte auf die Flasche) »und von den Gefühlen. Dumm! Sehr dumm! Und wenn Sie nicht ein so guter Mensch wären, daß Sie sogar nach meinem nächtlichen Benehmen in Erinnerung an alte Zeiten zu mir kommen, so würde ich alle Hoffnung auf eine Erneuerung unserer Bekanntschaft aufgeben!«

Weltschaninow hörte aufmerksam zu. Dieser Mensch redete, wie es schien, aufrichtig und sogar mit einer gewissen Würde; aber doch glaubte er, gleich von dem Augenblicke an, wo er zu ihm hereingekommen war, ihm kein Wort.

»Sagen Sie mal, Pawel Pawlowitsch, Sie wohnen also hier nicht allein? Wem gehört denn das kleine Mädchen, das ich vorhin bei Ihnen vorfand?«

Pawel Pawlowitsch zog vor Erstaunen die Augenbrauen in die Höhe, sah aber Weltschaninow mit klarem, freundlichem Blicke an.

»Welche Frage! Das ist ja Lisa!« erwiderte er höflich lächelnd.

»Was für eine Lisa?« murmelte Weltschaninow und verspürte innerlich ein Zucken. Es war eine ganz plötzliche Empfindung. Als er vorhin hereingekommen war und Lisa gesehen hatte, da hatte er sich zwar gewundert, aber dabei nicht die geringste Ahnung gehabt und nichts Besonderes gedacht.

»Nun, unsere Lisa, unsere Tochter Lisa!« erwiderte Pawel Pawlowitsch lächelnd.

»Wie denn, Ihre Tochter? Haben Sie denn mit Natalja . . . mit der verstorbenen Natalja Wassiljewna Kinder gehabt?« fragte Weltschaninow ungläubig und schüchtern; er sagte das mit eigentümlich leiser Stimme.

»Aber gewiß doch! Ach, mein Gott, aber wirklich, woher sollten Sie es denn aber auch wissen? Was mache ich nur! Dieses Kind hat uns Gott ja erst nach Ihrer Zeit geschenkt!«

Pawel Pawlowitsch sprang sogar in einer gewissen Erregung ein wenig von seinem Stuhle in die Höhe; übrigens schien diese Erregung ebenfalls freundlicher Art zu sein. 58

»Ich habe nichts davon gehört«, sagte Weltschaninow, der ganz blaß geworden war.

»In der Tat, in der Tat, von wem hätten Sie es denn auch erfahren können?« sagte Pawel Pawlowitsch noch einmal mit einer vor Rührung schwachen Stimme. »Ich und die Verstorbene hatten ja schon alle Hoffnung aufgegeben (Sie erinnern sich wohl selbst), und da auf einmal segnete uns Gott; was ich damals empfand, das weiß nur Er allein! Ich glaube, es war gerade ein Jahr nach Ihrer Abreise! Oder nein, nicht ein Jahr danach, lange nicht soviel, warten Sie mal: Sie fuhren ja von uns damals, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, im Oktober oder gar erst im November fort?«

»Ich bin von T. Anfang September abgereist, am zwölften September; ich erinnere mich genau . . .«

»Wirklich im September? Hm! . . . was mache ich nur!« erwiderte Pawel Pawlowitsch höchlichst erstaunt. »Nun, wenn es so ist, dann erlauben Sie mal: Sie sind am zwölften September abgereist, und Lisa ist am achten Mai geboren; das ist also, September, Oktober, November, Dezember, Januar, Februar, März, April, das ist also nicht ganz acht Monate nachher; so kommt es heraus! Und wenn Sie nur wüßten, wie die Verstorbene . . .«

»Lassen Sie sie mich sehen . . . rufen Sie sie her . . .« stammelte Weltschaninow mit fast versagender Stimme.

»Gewiß!« versetzte Pawel Pawlowitsch eifrig und schnitt damit sogleich das, was der andere etwa noch sagen wollte, als ganz unnötig ab. »Sofort werde ich sie Ihnen vorstellen, sofort!«

Und er begab sich eilig zu Lisa in das kleine Zimmerchen.

Es vergingen vielleicht volle drei oder vier Minuten; in dem Zimmerchen wurde schnell und eifrig geflüstert, und dazwischen waren Laute von Lisas Stimme ganz schwach vernehmbar. »Sie bittet ihn, er möchte sie nicht herbringen«, dachte Weltschaninow. Endlich traten sie beide herein.

»Da ist sie; sie ist ganz verlegen«, sagte Pawel Pawlowitsch. »Sie ist so verschämt und so stolz . . . sie artet ganz nach der Verstorbenen!« 59

Lisa weinte nicht mehr, als sie hereintrat, hielt aber die Augen niedergeschlagen; der Vater führte sie an der Hand. Sie war ein ziemlich hochgewachsenes, schlankes, sehr hübsches Mädchen. Sie hob ihre großen, blauen Augen schnell zu dem Gaste in die Höhe, musterte ihn mit einem forschenden, aber finsteren Blicke und schlug die Augen gleich wieder zu Boden. In ihrem Blicke lag jener kindliche Ernst, den Kinder zu zeigen pflegen, wenn sie mit einem Unbekannten allein geblieben sind, in eine Ecke gehen und von dort aus den neuen, noch nie gesehenen Gast mißtrauisch betrachten; aber es lag vielleicht auch noch ein anderer, anscheinend nicht mehr kindlicher Gedanke darin; so schien es wenigstens Weltschaninow. Der Vater führte sie ganz nahe zu ihm heran.

»Hier, dieser Onkel hat Mama früher gekannt; er war unser Freund; fürchte dich nicht vor ihm; gib ihm die Hand!«

Das Kind machte eine leichte Verbeugung und streckte ihm schüchtern die Hand hin.

»Natalja Wassiljewna hat sie, ihrem Geschmacke entsprechend, gelehrt, bei der Begrüßung nicht einen Knicks, sondern so in englischer Manier eine leichte Verbeugung zu machen und dem Gaste die Hand zu reichen«, fügte er zur Erklärung für Weltschaninow hinzu, indem er diesen unverwandt beobachtete.

Weltschaninow wußte, daß er beobachtet wurde, gab sich aber gar keine Mühe mehr, seine Aufregung zu verbergen; er saß ohne sich zu rühren auf seinem Stuhle, hielt Lisas Hand in der seinigen und schaute das Kind prüfend an. Aber Lisa schien von irgendwelcher großen Sorge erfüllt zu sein; sie hatte ganz vergessen, daß ihre Hand in der des Gastes lag, und verwandte kein Auge von ihrem Vater. Sie horchte ängstlich auf alles, was er sagte. Weltschaninow erkannte sofort diese großen, blauen Augen; aber am meisten frappierten ihn ihr erstaunlich zarter, weißer Teint und ihre Haarfarbe; diese Merkmale erschienen ihm überaus bedeutsam. Dagegen erinnerte ihn die äußere Form des Gesichtes und der Schnitt des Mundes entschieden an Natalja Wassiljewna. Pawel Pawlowitsch hatte unterdes schon lange 60 angefangen, etwas zu erzählen, wie es schien, mit großer Wärme und Empfindung; aber Weltschaninow hörte gar nicht danach hin. Nur die letzten Sätze kamen ihm zum Verständnis.

». . . so daß Sie, Alexej Iwanowitsch, sich unsere Freude über diese Gabe Gottes gar nicht vorstellen können! Dieses Kind bildete mein ganzes Glück, und ich habe oft gedacht: Wenn ich nach Gottes Ratschluß einmal meine liebe Frau verlieren sollte, dann wird mir doch Lisa bleiben; sehen Sie, wenigstens das wußte ich bestimmt!«

»Und Natalja Wassiljewna?« fragte Weltschaninow.

»Natalja Wassiljewna?« erwiderte Pawel Pawlowitsch, den Mund schief ziehend. »Sie haben sie ja gekannt und erinnern sich: Sie liebte es nicht, viel von Gefühlen zu sprechen; aber doch, wie nahm sie von ihr auf dem Totenbette Abschied! Da sprach sie alles aus, was sie innerlich bewegte! Ich brauchte soeben den Ausdruck ›auf dem Totenbette‹; aber noch einen Tag vor dem Tode regte sie sich auf und wurde ganz ärgerlich und sagte, wir wollten sie mit Arzneien zu Tode bringen; sie habe nur ein gewöhnliches Fieber, und unsere beiden Ärzte verständen nichts, und wenn nur erst Koch zurückgekehrt wäre (Sie erinnern sich: unser alter Stabsarzt), dann werde sie in vierzehn Tagen das Bett verlassen können! Ja noch mehr: Noch fünf Stunden vor ihrem Hinscheiden sagte sie, in drei Wochen wolle sie jedenfalls ihrer Tante, Lisas Patin, auf deren Gute einen Besuch machen, um ihr zum Namenstage Glück zu wünschen . . .«

Weltschaninow stand auf einmal von seinem Stuhle auf, immer noch ohne Lisas Händchen loszulassen. Es schien ihm unter anderen, daß in dem heißen Blicke der Kleinen, den sie auf ihren Vater gerichtet hielt, ein gewisser Vorwurf lag.

»Sie ist doch nicht krank?« fragte er hastig in eigentümlichem Tone.

»Ich glaube, nicht; aber . . . unsere Verhältnisse haben sich hier so ungünstig gestaltet«, versetzte Pawel Pawlowitsch betrübt und sorgenvoll; »sie ist auch so schon ein 61 sonderbares Kind, sehr nervös; nach dem Tode der Mutter ist sie zwei Wochen lang krank gewesen; sie ist hysterisch. Wie hat sie vorhin geweint, als Sie gerade hereinkamen (hörst du wohl, Lisa, hörst du wohl?). Und was war der Grund? Einzig und allein, daß ich manchmal fortgehe und sie allein lasse; sie sagt, ich hätte sie nicht mehr so lieb wie zu Mamas Lebzeiten; das ist's, was sie mir vorwirft. Wie kann nur einem so kleinen Kinde, das sich nur mit seinem Spielzeuge abgeben sollte, ein so verdrehter Gedanke in den Kopf kommen? Aber sie hat hier auch niemand, mit dem sie spielen könnte.«

»Wie können Sie denn . . . hausen Sie denn hier ganz allein mit ihr?«

»Ganz allein; es kommt höchstens die Magd her, einmal am Tage.«

»Und wenn Sie fortgehen, dann lassen Sie sie so ganz allein?«

»Allerdings. Als ich gestern fortging, habe ich sie sogar eingeschlossen, dort in jenem Zimmerchen; darum weinte sie auch vorhin so. Aber sagen Sie selbst: Was sollte ich machen? Vorgestern ging sie in meiner Abwesenheit nach unten, und ein Junge warf ihr auf der Straße einen Stein an den Kopf. Oder sie fängt auch an zu weinen und fragt alle Leute auf der Straße, wo ich hingegangen sei. Und das ist doch nicht schön. Ich bin freilich auch der Richtige: Ich gehe auf eine Stunde weg und komme erst am Morgen des folgenden Tages wieder, wie es auch heute früh der Fall war. Es war noch gut, daß die Wirtin ihr aufgemacht hat; sie hat den Schlosser gerufen und das Schloß öffnen lassen; es ist geradezu eine Schande; ich komme mir wirklich selbst wie ein Ungeheuer vor. Das kommt alles von meiner geistigen Verdunkelung her. Ja, davon kommt das alles her . . .«

»Papachen!« flüsterte das Mädchen schüchtern und unruhig.

»Na, fängst du schon wieder an? Immer wieder die alte Geschichte! Was habe ich dir vorhin gesagt?«

»Ich werde es nicht wieder tun, ich werde es nicht wieder tun!« sagte Lisa eilig und faltete vor ihm die Hände. 62

»So kann das bei Ihnen nicht weitergehen, mit einer solchen Wirtschaft!« erklärte Weltschaninow auf einmal ungeduldig in gebieterischem Tone. »Sie sind ja doch . . . Sie sind ja doch ein vermögender Mann; wie können Sie nur so hausen, erstens in diesem Hinterhause und zweitens mit einer solchen Wirtschaft?«

»Im Hinterhause? Aber wir werden vielleicht schon in einer Woche wieder abreisen, und Geld haben wir sowieso schon eine Menge ausgegeben, wenn ich auch ein ›vermögender Mann‹ bin . . .«

»Nun genug, genug!« unterbrach ihn Weltschaninow mit immer stärker werdender Ungeduld; er sagte gewissermaßen deutlich: »Sie brauchen gar nichts weiter zu sagen; ich weiß alles, was Sie sagen wollen, und weiß, in welcher Absicht Sie reden!« »Hören Sie, ich will Ihnen einen Vorschlag machen: Sie sagten soeben, Sie würden noch eine Woche hier bleiben; nun, am Ende bleiben Sie auch zwei. Ich kenne hier eine Familie, in der ich ganz wie zu Hause bin, schon seit zwanzig Jahren. Es ist die Familie Pogorelzew. Der Hausherr, Alexander Pawlowitsch Pogorelzew, ist Geheimrat; er kann Ihnen vielleicht sogar in Ihrer Stellenangelegenheit nützlich sein. Die Familie ist jetzt in der Sommerfrische; sie haben eine eigene, prächtige Villa. Klawdija Petrowna Pogorelzewa ist mir so freundlich gesinnt wie eine Schwester oder wie eine Mutter. Sie haben acht Kinder. Wenn es Ihnen recht ist, will ich Lisa sofort zu ihnen hinbringen . . . ich möchte es sofort tun, damit keine Zeit verloren geht. Man wird sie mit Freuden für die ganze Zeit aufnehmen und sie hegen und pflegen wie ein eigenes Kind, ja, wie ein eigenes Kind!«

Er befand sich in starker Erregung und verbarg das nicht.

»Das dürfte doch wohl nicht möglich sein«, erwiderte Pawel Pawlowitsch mit einer Grimasse und blickte seinem Gaste, wie es diesem vorkam, listig in die Augen.

»Warum? Warum soll es unmöglich sein?«

»Aber wie kann ich denn das Kind so von mir geben, und so plötzlich . . . allerdings mit einem so aufrichtigen Freunde wie Sie, darüber sage ich nichts, aber doch in ein 63 unbekanntes Haus, zu Leuten aus den höchsten Gesellschaftskreisen, und ich weiß doch noch nicht, wie sie sie aufnehmen werden.«

»Aber ich habe Ihnen ja schon gesagt, daß ich da wie ein Glied der Familie bin!« rief Weltschaninow beinah zornig. »Wenn ich nur ein Wort sage, wird Klawdija Petrowna sich glücklich schätzen, mir einen Gefallen tun zu können. Als wenn Lisa meine Tochter wäre . . . Aber hol's der Teufel. Sie wissen ja selbst, daß Sie nur reden, um zu reden . . . was ist da noch weiter zu sagen!«

Es stampfte sogar mit dem Fuße auf den Boden.

»Ich meine nur: Wird es nicht doch recht sonderbar herauskommen? Ich müßte mich doch auch ein- oder ein paarmal nach Lisa umsehen; so ganz ohne den Vater geht das denn doch nicht. He-he . . . und noch dazu in ein so vornehmes Haus soll sie!«

»Aber es ist ein ganz einfaches Haus, durchaus nicht vornehm!« rief Weltschaninow. »Ich sage Ihnen, es sind viele Kinder da. Sie wird da wieder aufleben; das ist der Zweck . . . Und was Sie anlangt, so will ich selbst Sie gleich morgen vorstellen, wenn Sie wollen. Und es wird ja auch unbedingt nötig sein, daß Sie hinfahren, um sich zu bedanken; wir können alle Tage hinfahren, wenn Sie wollen . . .«

»Es ist doch alles so eigentümlich . . .«

»Unsinn! Und vor allen Dingen wissen Sie selbst, daß es Unsinn ist! Hören Sie mal, kommen Sie heute abend zu mir, und übernachten Sie meinetwegen bei mir; dann wollen wir morgen recht früh abfahren, damit wir um zwölf Uhr da sind.«

»Sie sind mein Wohltäter! Sogar übernachten soll ich bei Ihnen . . .« erwiderte Pawel Pawlowitsch, das Anerbieten gerührt annehmend. »Sie erweisen mir wirklich eine Wohltat . . . Aber wo liegt denn das Landhaus der Herrschaften?«

»Das Landhaus liegt in Lesnoje.«

»Aber wie sollen wir es denn mit Lisas Garderobe machen? Denn wenn sie in ein so vornehmes Haus kommt, und noch 64 dazu in der Sommerfrische, da werden Sie sich selbst sagen . . . Das Vaterherz . . .«

»Was reden Sie denn von Garderobe? Sie trägt doch Trauer. Kann sie dann etwa noch andere Kleider tragen? Das ist die anständigste Tracht, die man sich nur denken kann! Nur sollte die Wäsche sauberer sein; das Halstüchelchen . . .«

Das Halstüchelchen, und was von der Wäsche hervorschaute, war tatsächlich sehr schmutzig.

»Sie soll sofort reine Wäsche anziehen, unbedingt«, versetzte Pawel Pawlowitsch eifrig; »und die übrige notwendige Wäsche wollen wir ebenfalls sofort für sie einpacken; Marja Syssojewna hat sie zum Waschen.«

»Dann könnten wir also eine Droschke holen lassen«, unterbrach ihn Weltschaninow, »und wenn es möglich ist, recht schnell.«

Aber es stellte sich ein Hindernis heraus: Lisa widersetzte sich entschieden: Die ganze Zeit über hatte sie voller Angst zugehört, und wenn Weltschaninow, der damit zu tun hatte, Pawel Pawlowitsch zu überreden, Zeit gehabt hätte, sie aufmerksam anzusehen, so würde er auf ihrem Gesichtchen den Ausdruck vollständiger Verzweiflung wahrgenommen haben.

»Ich fahre nicht weg!« sagte sie leise, aber mit fester Stimme.

»Da sehen Sie es, da sehen Sie es, sie ist ganz wie die Mama!«

»Ich bin nicht wie die Mama, ich bin nicht wie die Mama!« rief Lisa und rang verzweifelt die kleinen Hände, als wolle sie sich vor ihrem Vater gegen den schrecklichen Vorwurf wehren, daß sie ganz wie die Mama sei. »Papachen, Papachen, wenn Sie mich verlassen . . .«

Plötzlich stürzte sie auf den erschrockenen Weltschaninow zu.

»Wenn Sie mich mitnehmen, dann werde ich . . .«

Aber sie konnte nicht zu Ende sprechen; denn Pawel Pawlowitsch packte sie am Arme, ja fast am Kragen, und zog sie mit unverhohlenem Ärger in das kleine Zimmerchen. Dort wurde nun wieder mehrere Minuten lang geflüstert; 65 man hörte unterdrücktes Weinen. Weltschaninow wollte schon selbst hineingehen; aber in diesem Augenblicke kam Pawel Pawlowitsch wieder zu ihm heraus und teilte ihm mit einem schiefen Lächeln mit, sie werde sofort kommen. Weltschaninow gab sich Mühe, ihn nicht anzusehen, und blickte zur Seite.

Auch Marja Syssojewna erschien, eben jene Frau, die er kurz vorher, als er kam, auf dem Flur getroffen hatte, und packte Lisas Wäsche, die sie mitbrachte, in eine kleine hübsche Reisetasche, die dieser gehörte.

»Sie wollen das Mädchen fortbringen, lieber Herr?« wandte sie sich an Weltschaninow. »Sie haben wohl selbst Familie? Da tun Sie ein gutes Werk, lieber Herr; es ist ein artiges Kind; bringen Sie es aus dieser unanständigen Wirtschaft heraus!«

»Aber Marja Syssojewna, Marja Syssojewna . . .« murmelte Pawel Pawlowitsch.

»Ach was, ›Marja Syssojewna‹! So nennen mich alle Leute. Ist etwa bei Ihnen nicht eine unanständige Wirtschaft? Schickt sich das, daß ein Kind, das doch schon Verständnis hat, solche Schande mit ansieht? Ein Wagen ist für Sie geholt worden, lieber Herr; Sie wollen nach Lesnoje, nicht wahr?«

»Ja, ja.«

»Nun, dann fahren Sie mit Gott!«

Lisa kam herein, blaß und mit niedergeschlagenen Augen, und nahm ihre Reisetasche. Keinen Blick warf sie nach Weltschaninow hin; sie bezwang sich und eilte auch nicht auf den Vater zu, wie kurz vorher, um ihn zu umarmen, selbst nicht beim Abschiede; sie vermied es sogar offenbar, ihn anzusehen. Der Vater küßte sie mit Anstand auf den Kopf und strich ihr über das Haar; dabei verzogen sich ihre Lippen, und das Kinn fing ihr an zu zittern; aber sie schlug die Augen doch nicht zum Vater auf. Pawel Pawlowitsch schien blaß zu sein, und die Hände zitterten ihm; das bemerkte Weltschaninow deutlich, obgleich er sich die größte Mühe gab, ihn nicht anzusehen. Er wollte nur eins: so schnell wie möglich wegfahren. 66

»Was trage ich dabei für Schuld?« dachte er. »Es mußte eben so kommen.«

Sie gingen nach unten; hier küßten einander Lisa und Marja Syssojewna, und erst als Lisa schon im Wagen saß, blickte sie zu ihrem Vater auf. Da schlug sie plötzlich die Hände zusammen und schrie auf; noch ein Augenblick, und sie wäre aus dem Wagen herausgesprungen und zu ihm hingestürzt; aber die Pferde zogen schon an.

 


 << zurück weiter >>