Fjodor Dostojewski
Der lebenslängliche Ehemann
Fjodor Dostojewski

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IV

Die Frau, der Ehemann und der Liebhaber

Er schlief sehr fest und erwachte erst um halb zehn; Er richtete sich sogleich auf, setzte sich auf dem Bette hin und begann über den Tod »dieser Frau« nachzudenken.

Der erschütternde Eindruck, den die plötzliche Nachricht von diesem Todesfalle in der Nacht auf ihn gemacht hatte, hatte bei ihm eine Art von Verwirrung, ja von Schmerz zurückgelassen. Diese Verwirrung und dieser Schmerz waren bei ihm in der Nacht beim Zusammensein mit Pawel Pawlowitsch nur für einige Zeit durch einen sonderbaren Gedanken betäubt worden; aber jetzt beim Erwachen trat ihm alles, was vor neun Jahren gewesen war, plötzlich mit außerordentlicher Deutlichkeit vor die Augen.

Diese Frau, die verstorbene Natalja Wassiljewna, die Gattin dieses Trussozki, hatte er geliebt und war ihr Liebhaber gewesen, als er aus Anlaß eines Prozesses (es war ebenfalls ein Erbschaftsprozeß gewesen) sich ein ganzes Jahr lang in T. aufgehalten hatte, obgleich der Prozeß eigentlich keine so lange Dauer seiner Anwesenheit verlangte; die wahre Ursache war diese Liaison gewesen. Diese Liaison und diese Liebe beherrschten ihn damals in einem solchen Maße, daß er geradezu Natalja Wassiljewnas Sklave war und sich mit Sicherheit ohne weiteres zu irgendwelcher ganz erstaunlichen, sinnlosen Tat entschlossen haben würde, wenn das auch nur die geringste Laune dieser Frau verlangt hätte. Weder vorher noch nachher war ihm jemals etwas Ähnliches widerfahren. Am Ende des Jahres, als die Trennung unvermeidlich geworden war, befand sich Weltschaninow beim Herannahen des verhängnisvollen Augenblickes in solcher 45 Verzweiflung (obwohl damals nur eine Trennung auf ganz kurze Zeit in Aussicht genommen war), daß er Natalja Wassiljewna den Vorschlag machte, sie zu entführen, sie ihrem Manne wegzunehmen; er wolle alles im Stich lassen und mit ihr für immer ins Ausland gehn. Nur die Spöttereien und die feste Standhaftigkeit dieser Dame (die anfangs ihre volle Billigung dieses Planes ausgesprochen hatte, aber nur aus Langerweile, oder um sich darüber lustig zu machen) konnte ihn davon zurückhalten und ihn zwingen, allein abzureisen. Und was geschah? Es waren noch nicht zwei Monate nach der Trennung vergangen, als er sich in Petersburg bereits jene Frage vorlegte, die für ihn immer ein ungelöstes Rätsel blieb: Ob er diese Frau tatsächlich geliebt habe oder das alles nur ein »Sinnenrausch« gewesen sei. Und diese Frage erhob sich bei ihm ganz und gar nicht infolge von Leichtsinn oder unter dem Einflusse einer neuen, beginnenden Leidenschaft: In diesen beiden ersten Monaten in Petersburg befand er sich in einer Art von Bewußtlosigkeit und beachtete kaum eine Frau, obgleich er sogleich wieder in seinen früheren Gesellschaftskreis eintrat und Hunderte von Frauen zu sehen bekam. Übrigens wußte er sehr wohl, daß, wenn er sofort wieder nach T. hinkäme, er unverzüglich von neuem in den drückenden Zauberbann dieser Frau hineingeraten würde, trotz alles Ankämpfens dagegen. Sogar fünf Jahre darauf war er noch derselben Überzeugung, gestand es sich aber nur mit einer gewissen Entrüstung und erinnerte sich an »diese Frau« sogar mit Haß. Er schämte sich des in T. verlebten Jahres; er konnte nicht einmal begreifen, wie es möglich gewesen war, daß ein Mann wie er sich von einer so »dummen« Leidenschaft hatte hinreißen lassen! Alle Erinnerungen an diese Leidenschaft hatten sich für ihn in eine Schande verwandelt; er errötete bis zu Tränen und quälte sich mit Gewissensbissen. Nach noch einigen weiteren Jahren indessen hatte er sich bereits einigermaßen beruhigt; er bemühte sich, die ganze Sache zu vergessen, und das gelang ihm auch beinah. Und nun auf einmal, nach neun Jahren, mußte das alles so plötzlich und in so seltsamer Weise wieder vor seinem 46 geistigen Blicke auferstehen, da er in der Nacht die Nachricht von Natalja Wassiljewnas Tode erhalten hatte.

Jetzt, wo er auf seinem Bette saß und trübe Gedanken sich unordentlich in seinem Kopfe herumdrängten, hatte er nur von der einen Tatsache ein klares Gefühl und Bewußtsein, daß trotz des »erschütternden Eindrucks«, den diese Nachricht in der Nacht auf ihn gemacht hatte, er doch in bezug auf ihren Tod sehr ruhig war. »Bedaure ich sie denn wirklich nicht einmal?« fragte er sich. Allerdings empfand er jetzt keinen Haß mehr gegen sie und vermochte leidenschaftsloser und gerechter über sie zu urteilen. Nach seiner Meinung, die er sich übrigens schon längst im Laufe dieser neunjährigen Trennung zurechtgelegt hatte, war Natalja Wassiljewna eine der ganz gewöhnlichen Provinzlerinnen aus der »guten« Gesellschaft der Provinz gewesen; »wer weiß«, dachte er, »vielleicht war es wirklich so, und nur ich habe mir aus ihr ein solches Phantasiebild geschaffen.« Übrigens hatte er dennoch immer geargwöhnt, daß in dieser Meinung möglicherweise ein Fehler stecke; dieses Gefühl hatte er auch jetzt. Ja, auch Tatsachen sprachen gegen diese Meinung: Dieser Bagautow hatte ebenfalls mehrere Jahre lang eine Liaison mit ihr gehabt und hatte, wie es schien, ebenfalls ganz »in ihrem Zauberbann« gestanden. Bagautow war tatsächlich ein junger Mann aus der besten Petersburger Gesellschaft, und da er ein »hohler Kopf« war (so urteilte Weltschaninow über ihn), so konnte er nur in Petersburg Karriere machen. Nun hatte er aber doch Petersburg den Rücken gekehrt, das heißt auf seinen größten Vorteil verzichtet und fünf Jahre in T. verloren, lediglich um dieser Frau willen! Und wenn er schließlich nach Petersburg zurückgekehrt war, so hatte er das vielleicht nur deshalb getan, weil sie auch ihn, »wie einen alten abgenutzten Schuh« beiseite geworfen hatte. Also mußte doch in dieser Frau etwas Ungewöhnliches gesteckt haben, eine Gabe, Männer anzuziehen, zu ihren Sklaven zu machen und zu beherrschen!

Und dabei hätte man meinen können, daß sie gar nicht einmal die Mittel dazu besaß, einen Mann anzuziehen und zu ihrem Sklaven zu machen; »in ihrer äußeren Erscheinung 47 war sie nicht einmal schön, sondern vielleicht sogar geradezu unschön.« Als Weltschaninow sie kennen lernte, war sie schon achtundzwanzig Jahre alt. Ihr keineswegs hübsches Gesicht konnte sich manchmal in angenehmer Weise beleben; aber ihre Augen waren unschön: Es lag in ihrem Blicke eine übermäßige Festigkeit. Sie war sehr mager. Mit ihrer geistigen Bildung war es nur schwach bestellt; sie besaß unstreitig einen scharfen Verstand, der sich aber fast immer nur einseitig betätigte. Sie hatte die Manieren einer besseren Provinzdame und außerdem allerdings viel Taktgefühl; auch besaß sie einen feinen Geschmack, bekundete ihn aber vorzugsweise nur in der Art, wie sie sich kleidete. Ihr Charakter war ein entschiedener, herrschsüchtiger; Kompromisse mit ihr waren ein Ding der Unmöglichkeit; bei ihr hieß es: entweder alles oder nichts. In schwierigen Lagen bewies sie eine erstaunliche Festigkeit und Beharrlichkeit. Es fehlte ihr nicht an Großherzigkeit; aber damit war fast immer eine maßlose Ungerechtigkeit verbunden. Mit dieser Dame zu disputieren war unmöglich: Den Satz, daß zweimal zwei vier sei, erkannte sie nicht als richtig an. Nie und in keinem Punkte gab sie zu, daß sie im Unrecht gewesen sei oder irgendwelche Schuld trage. Dadurch, daß sie ihren Gatten fortwährend und unzählige Male betrog, fühlte sie sich in ihrem Gewissen nicht im geringsten beschwert. Weltschaninow selbst verglich sie mit einer verzückten Geißlerin, die felsenfest davon überzeugt ist, daß sie tatsächlich die Mutter Gottes sei; so glaubte auch Natalja Wassiljewna unerschütterlich an die Rechtmäßigkeit aller ihrer Handlungen. Dem Liebhaber war sie treu, jedoch nur so lange, bis sie seiner überdrüssig wurde. Sie quälte den Liebhaber gern; aber sie liebte es auch, ihn zu belohnen. Leidenschaftlichkeit, Grausamkeit und Sinnlichkeit waren bei ihr hervorstechende Charakterzüge. Sie haßte die Immoralität, verurteilte sie mit unglaublicher Strenge und – war selbst unmoralisch. Keine Tatsachen hätten sie jemals zu der Erkenntnis ihrer eigenen Immoralität bringen können. »Sie weiß offenbar wirklich nichts davon«, so urteilte Weltschaninow über sie, als er noch in T. war 48 (beiläufig bemerkt: Er selbst beteiligte sich an ihrer Immoralität). »Sie ist eine von den Frauen«, dachte er, »die gewissermaßen dazu geboren werden, treulose Gattinnen zu sein. Diese Frauen kommen niemals in ihrer Mädchenzeit zu Fall; es ist ein in ihrer Natur liegendes Gesetz, daß sie dazu verheiratet sein müssen. Der Ehemann ist ihr erster Liebhaber, aber erst nach der Hochzeit. Kein Mädchen kommt geschickter und leichter unter die Haube als sie. An dem ersten Liebhaber trägt immer der Ehemann die Schuld. Und alles vollzieht sich mit der im höchsten Grade aufrichtigen Überzeugung, daß es so ganz in der Ordnung sei; sie haben bis zum Schlusse durchaus die Empfindung, vollkommen im Rechte und selbstverständlich vollkommen schuldlos zu sein.«

Weltschaninow war davon überzeugt, daß es tatsächlich einen solchen Typus von Ehefrauen gebe; aber andererseits war er auch von der Existenz eines diesen Ehefrauen entsprechenden Typus von Ehemännern überzeugt, deren einziger Beruf nur darin besteht, diesem Typus von Ehefrauen zu entsprechen. Seiner Meinung nach bestand das Wesen dieser Ehemänner darin, sozusagen »lebenslängliche Ehemänner« zu sein oder, besser gesagt, immer nur Ehemänner zu sein und weiter nichts. »Ein solcher Mensch«, reflektierte Weltschaninow, »wird geboren und wächst heran einzig und allein, um zu heiraten und nach der Verheiratung sofort ein Anhängsel seiner Frau zu werden, sogar im Falle, daß er zufällig einen eigenen, ausgesprochenen Charakter besitzt. Das Hauptkennzeichen eines solchen Ehemannes ist der bekannte Kopfschmuck. Er kann nicht anders als Hörner tragen, ebenso wie die Sonne nicht anders kann als leuchten; aber er weiß das nicht nur niemals, sondern kann es einem Naturgesetze zufolge sogar niemals wissen.« Weltschaninow glaubte mit aller Bestimmtheit daran, daß es diese beide Typen gebe, und daß Pawel Pawlowitsch Trussozki in T. der echte Repräsentant des einen derselben sei. Derjenige Pawel Pawlowitsch, der jetzt in der Nacht zu ihm gekommen war, war selbstverständlich nicht jener Pawel Pawlowitsch, den er in T. kennengelernt 49 hatte. Er fand, daß er sich in einer unglaublichen Weise verändert hatte; aber Weltschaninow wußte, daß diese Veränderung etwas ganz Natürliches und schlechthin Notwendiges war; Herr Trussozki konnte alles das, was er früher gewesen war, nur bei Lebzeiten seiner Frau sein; jetzt aber war er nur ein plötzlich freigelassener Teil eines Ganzen, das heißt etwas Wunderliches und ganz Absonderliches.

Was aber Pawel Pawlowitsch anlangte, wie er früher in T. gewesen war, so hatte ihn Weltschaninow jetzt folgendermaßen in der Erinnerung:

Pawel Pawlowitsch war in T. allerdings nur Ehemann gewesen und weiter nichts. Wenn er zum Beispiel außerdem auch noch Beamter war, so war er das nur, weil für ihn auch der Dienst sich sozusagen in eine seiner ehelichen Pflichten verwandelte; er bekleidete sein Amt um seiner Frau willen, um ihr eine gesellschaftliche Position in T. zu schaffen, wiewohl er auch an und für sich ein sehr eifriger Beamter war. Er stand damals im Alter von fünfunddreißig Jahren und besaß einiges Vermögen, das sogar nicht ganz klein war. Im Dienste legte er keine besonderen Fähigkeiten an den Tag, zeigte aber auch keine besonderen Mängel. Er hatte mit den angesehensten Einwohnern der Gouvernementsstadt Verkehr und stand sich dem Vernehmen nach mit allen vortrefflich. Natalja Wassiljewna erfreute sich in T. allgemeiner Achtung; sie legte übrigens darauf keinen großen Wert, sondern nahm es wie einen schuldigen Tribut entgegen; aber in ihrem eigenen Hause Gäste aufzunehmen verstand sie vorzüglich und hatte auch ihren Mann so geschult, daß er sich auch beim Empfange der höchsten Spitzen des Gouvernements vortrefflich zu benehmen wußte. Vielleicht (so meinte Weltschaninow) besaß er auch Verstand; aber da Natalja Wassiljewna es nicht gern sah, wenn ihr Mann viel redete, so war sein Verstand nicht sehr zu bemerken. Vielleicht besaß er auch sonst noch viele angeborene gute und schlechte Eigenschaften. Aber seine guten Eigenschaften steckten gleichsam in Möbelüberzügen, und seine schlechten Eigenschaften waren fast vollständig erstickt worden. Weltschaninow erinnerte sich zum 50 Beispiel, daß Herr Trussozki mitunter die Neigung gezeigt hatte, sich über seinen Nächsten lustig zu machen; aber das war ihm streng verboten. Auch liebte er es, manchmal eine Erzählung vorzutragen; aber auch das wurde überwacht: Nur unbedeutende, kurze Geschichtchen zu erzählen war ihm gestattet. Er neigte zu freundschaftlichen Zusammenkünften außerhalb des Hauses und trank sogar gern einmal mit einem Freunde ein Glas Wein; aber die letztere Neigung war sogar mit Stumpf und Stiel ausgerottet worden. Aber dabei war etwas Eigentümliches: Kein Außenstehender hätte sagen können, daß dieser Ehemann unter dem Pantoffel stehe; Natalja Wassiljewna machte durchaus den Eindruck einer gehorsamen Gattin und war sogar vielleicht selbst davon überzeugt, daß sie eine solche sei. Möglich, daß Pawel Pawlowitsch seine Frau sinnlos liebte; aber wahrnehmen konnte das niemand, und diese Unmöglichkeit beruhte wahrscheinlich ebenfalls auf einer eigenen Anordnung Natalja Wassiljewnas. Mehrere Male im Laufe seines Aufenthaltes in T. fragte sich Weltschaninow, ob dieser Ehemann nicht doch eine leise Ahnung von seinen Beziehungen zu Natalja Wassiljewna habe. Mehrere Male fragte er die letztere ernsthaft danach und erhielt immer die in etwas ärgerlichem Tone gegebene Antwort, ihr Mann wisse nichts und könne nie etwas davon erfahren; die ganze Sache gehe diesen gar nichts an. Noch ein charakeristischer Zug von ihrer Seite: Sie machte sich über Pawel Pawlowitsch niemals lustig, fand ihn in keiner Hinsicht lächerlich oder schlecht und hätte ihn sogar verteidigt, wenn jemand gewagt hätte, sich gegen ihn respektlos zu benehmen. Da sie keine Kinder hatte, so mußte sie sich natürlich vorwiegend in eine Salondame verwandeln; aber auch ihre Häuslichkeit war ihr unentbehrlich. Die gesellschaftlichen Vergnügungen nahmen sie nie vollständig in Beschlag, und sie liebte es sehr, sich zu Hause mit der Wirtschaft und mit Handarbeiten zu beschäftigen. Pawel Pawlowitsch hatte in der Nacht die Leseabende erwähnt, die sie in T. zu dreien veranstaltet hatten; dabei war es so zugegangen: Es las bald Weltschaninow, bald Pawel Pawlowitsch vor, wobei der letztere sich zu 51 Weltschaninows Erstaunen als ein sehr guter Vorleser erwies. Natalja Wassiljewna war dabei mit einer Stickerei beschäftigt und hörte dem Vorlesen immer ruhig und gleichmütig zu. Sie lasen Dickenssche Romane, dies und das aus russischen Journalen, manchmal auch etwas »Ernsteres«. Natalja Wassiljewna schätzte Weltschaninows Bildung hoch, machte aber darüber keine Worte, sondern behandelte es als eine abgemachte, feststehende Tatsache, über die nicht weiter zu reden sei; im allgemeinen verhielt sie sich gegen alles Bücherwesen und gelehrte Wissen gleichgültig wie gegen etwas vollständig Nebensächliches, wenn auch vielleicht Nützliches, Pawel Pawlowitsch dagegen schwärmte manchmal geradezu dafür.

Die Liaison in T. wurde ganz plötzlich abgebrochen, als sie auf Weltschaninows Seite bis zum höchsten Grade, ja beinah bis zum Wahnsinn gelangt war. Natalja Wassiljewna jagte ihn ganz einfach auf einmal fort, obgleich alles so arrangiert wurde, daß er abreiste, ohne überhaupt zu ahnen, daß er bereits »wie ein alter abgenutzter Schuh« beiseite geworfen war. Dort in T. war etwa anderthalb Monate vor seiner Abreise ein junger, soeben erst aus dem Kadettenkorps entlassener Artillerieoffizier erschienen und hatte bei Trussozkis zu verkehren angefangen; aus dem Dreiblatt war so ein Vierblatt geworden. Natalja Wassiljewna empfing den jungen Menschen wohlwollend, behandelte ihn aber wie einen Knaben. Weltschaninow schöpfte nicht den geringsten Verdacht, und es kam ihm selbst da nichts Schlimmes in den Sinn, als ihm Natalja Wassiljewna auf einmal erklärte, sich von ihm trennen zu müssen. Einer der hundert Gründe, die sie für die unbedingte Notwendigkeit seiner schleunigen Abreise vorbrachte, war auch der: Sie glaube schwanger zu sein; daher müsse er natürlich sofort wenigstens auf drei oder vier Monate verschwinden, damit es nach neun Monaten für ihren Mann schwerer wäre, etwas zu argwöhnen, wenn nachher wirklich ein Klatsch entstehen sollte. Das Argument war sehr gekünstelt. Weltschaninow machte ihr zunächst den stürmischen Vorschlag, sie solle mit ihm nach Paris oder nach Amerika entfliehen, und fuhr 52 dann allein nach Petersburg, »natürlich nur auf ganz kurze Zeit«, das heißt auf nicht mehr als drei Monate; sonst wäre er um keinen Preis weggefahren, trotz aller Gründe und Argumente. Zwei Monate darauf empfing er in Petersburg von Natalja Wassiljewna einen Brief, in welchem sie ihn ersuchte, nie wiederzukommen, da sie bereits einen andern liebe; in betreff ihrer Schwangerschaft teilte sie ihm mit, daß sie sich geirrt habe. Diese Mitteilung über den Irrtum erschien ihm überflüssig; es war ihm so schon alles klar: Er erinnerte sich an den jungen Offizier. Damit war die Sache für immer zu Ende. Er hörte dann später, erst eine ganze Reihe von Jahren darauf, daß Bagautow sich dort volle fünf Jahre aufgehalten habe. Eine so auffallend lange Dauer dieser Liaison erklärte er sich unter anderem damit, daß Natalja Wassiljewna gewiß schon stark gealtert und dadurch zugleich anhänglicher geworden sei.

Er hatte fast eine Stunde lang auf seinem Bette gesessen; endlich raffte er sich auf und klingelte, damit Mawra ihm den Kaffe brächte. Nachdem er diesen schnell getrunken hatte, zog er sich an und begab sich um elf Uhr nach der Kirche zu Mariä Fürbitte, um den betreffenden Gasthof zu suchen. Über diesen Besuch im Gasthofe hatte er sich jetzt am Morgen eine besondere Anschauung zurechtgemacht. Unter anderem schämte er sich sogar einigermaßen über die Art, wie er Pawel Pawlowitsch in der Nacht behandelt hatte, und wollte das wieder gutmachen.

Die ganze seltsame nächtliche Geschichte mit dem Türschloß erklärte er sich durch eine Zufälligkeit, durch Pawel Pawlowitschs Betrunkenheit und vielleicht sonst noch durch dies und das; im Grunde aber wußte er gar nicht, warum er jetzt eigentlich hinging, um irgendwelche neuen Beziehungen mit dem früheren Ehemanne anzuknüpfen, nachdem doch zwischen ihnen alles in so natürlicher Weise ganz von selbst sein Ende genommen hatte. Aber es zog ihn etwas hin; er hatte so eine besondere Empfindung, und infolge dieser Empfindung zog es ihn hin . . . 53

 


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