Felix Dahn
Sigwalt und Sigridh
Felix Dahn

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X.

Aber er konnte, er wollte nicht einschlafen! Zärtlich strich er, streichelte er den glatten Schaft des schwanenflügligen Speers: »Hier haben ihre lieben Hände gehaftet! Oh Sigridh! Was alles dank' ich dir, wie oft mein Leben! Wie getreulich schirmend schwebst du mir zu Häupten all' die Zeit, im Kampf und im Traum! Und heute! Heute hast du mich beim Namen gerufen! Und ein sichtbar Zeichen von dir halt' ich in Händen! Dank dir! Heißen Dank! Aber ach, tiefer als der Dank ist das Weh, dies verzehrende Sehnen! Hätt' ich dich doch lieber nie geschaut! Oder wär' ich gleich gestorben nach jenem ersten seligen Anblick! Dank? Nein, ich kann dir nicht danken für ein Leben, das ich als Qual dahinschleppe. Oh nur einmal noch dich schauen! Du sagtest, das werde mein Verderben? Oh willkommenes Verderben! Sigridh, Sigridh, höre mich! Komm, komm zu mir! Dann will ich gerne sterben!«

Kaum war der Widerhall der leidenschaftlichen Worte verhallt an den Wänden der Höhle, als von außen her – hoch von oben – eine liebliche Stimme erklang: »Sigwalt! Sigwalt! Ist so dein Wille? Ist das deine Wahl?« – »Ja, ja,« jubelte er, aufspringend. »Dich schauen, dich – einmal! – küssen und dann sterben!« – »Du wirst dies Wort nie bereuen?« – »Niemals! Oh komm!« – »Du willst es . . .: dir werde dein Wille. – Komm, Falka, abwärts, mein Roß!«

Wieder ein leises Wiehern – diesmal ganz nahe, vor der Höhle – und in der schmalen Öffnung des Eingangs stand die Walküre.

»Geliebte!« rief er vorspringend und beide Arme gegen sie hebend. – »Geliebter!« erwiderte sie. »Ich bin dein.« Und stürmisch warf sie sich an seine Brust.



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