Bruno Hans Bürgel
Der »Stern von Afrika«
Bruno Hans Bürgel

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12.

Nicht immer vermag der Chronist die verwickelten Fäden der Ereignisse so klar und übersichtlich bloßzulegen wie es erwünscht wäre. Wenn wir im Buche menschlicher Geschichte blättern, fallen uns allerorten leere Seiten auf. Lebensschicksale seltsamer, interessanter, bedeutender Menschen brechen da plötzlich ab, die Geschichte von Völkern und Kulturen verliert sich plötzlich, wie die Spur des Wüstenreisenden im Sande verweht, so daß niemand den Weg zu finden vermöchte, den er weiterhin eingeschlagen. Ja, es wäre zu erwägen, ob nicht gerade diese vielen Fragezeichen im Buche menschlicher Geschichte, die vor Grabsteinen stehen, ihr den Reiz verleihen! Sehen wir nicht, wie sich noch nach Jahrhunderten gelehrte Männer in den Staub halb vermoderter Akten, Briefe, Aufzeichnungen einwühlen, um das Rätsel der »Eisernen Maske« zu lösen, Licht zu bringen in das dunkle Geheimnis jenes unglücklichen Kaspar Hauser, der aus dem Unbekannten kam und von unbekannter Hand ins Unbekannte zurückgestoßen wurde mit einem Dolchstich im Hofgarten zu Ansbach? Pochen nicht auch heute noch Fragende an die Grabsteine des Dunkelgrafen von Hildburghausen und seiner mysteriösen Begleiterin, von bedeutenderen Rätseln der Geschichte ganz zu schweigen!? 276

Wenn die Ereignisse, die hier beschrieben wurden, wenn die starken Wellen, die sie schlugen, lautlos verebben an einem unbekannten Strande, – wer möchte dem Chronisten daraus einen Vorwurf machen? – Was hinter den Dingen und Persönlichkeiten stand, wie das alles so kam und nicht anders . . . Ignorabimus! – Wir werden es nie erfahren! – – –

Elizabeth Hawthorn hatte genau fünfzig Jahre Zeit, um über all das nachzudenken. Sie starb, dreiundsiebenzig Jahre alt, eine stille freundliche, unendlich wohltuende und geachtete Greisin, als Leiterin des in jungen Jahren mit eigenen Mitteln von ihr selbst gegründeten Spitals »Zum Kreuz des Südens« in Colchester, da wo die Wellen des Indischen und des Atlantischen Ozeans die Klippen des Kaplandes umspülen.

Fünfzig Jahre hatte sie Zeit, über die Dinge nachzudenken, die sich an jenem Tage zutrugen, da sie den jungen deutschen Gelehrten zum letzten Male sah, und sie hat das Rätsel nie gelöst. Sie sah, wie ein Sarg sich über einem Lebenden schloß, sah den Mann, an dem ihr Herz hing bis zu ihrem letzten Atemzuge, in diesem Sarge plötzlich das zarte Band zerreißen, das sie beide verknüpfte, und dann entschwinden in das Unbekannte. Wenn die Welt sich jahrzehntelang erregte über das Schicksal dieser einzigartigen Expedition, wenn Hunderte von gelehrten Schriften sich mit dem Problem beschäftigten, Dichter es zum Vorwurf von Balladen nahmen – – – für sie verband sich mit diesem äußeren Umstande noch ein anderes Rätsel, und das erschien ihr größer als das andere, dem man mit gelehrten Büchern beizukommen suchte. 277

Sie grübelte fünfzig Jahre darüber und löste es nicht. Wohl ahnte sie in reiferen Jahren dies und jenes, wohl verlor sie sich in Mutmaßungen, – – – Gewißheit hat sie nie erlangt! – Bis ans Ende ihrer Tage blieb sie dem Manne treu, den ein so seltsamer Plan in ihren Gesichtskreis führte, ein so einzigartiges Geschick daraus entfernte. Als sie sich, hochbetagt, zur letzten Ruhe niederlegte, umspannte ihre Hand das winzige Metalltäfelchen, das einst, in glücklichen Tagen, fern über Wolkenhöhen die Hand mit Grüßen füllte, die sie für ein ganzes Leben zu halten hoffen durfte. Ihre Finger gaben es nicht frei, sie nahm es mit in den engen Schrein, der unser aller letzte Bettstatt ist.

Längst war ihr der Vater vorausgegangen. Er hat den tragischen Abschluß des großen Unternehmens nie verwunden. Sein Interesse an seinem Werk war dahin; mit Freuden nahm er eine günstige Gelegenheit wahr, sich zurückzuziehen. Dann kränkelte er, verlöschte langsam, wie eine Kerze. Damals gründete Hawthorns Tochter, über ein großes Vermögen verfügend, das Hospital zu Colchester, um es nicht wieder zu verlassen. – Anders als ihren Vater traf sie der schwere Schlag! Jener zermarterte das Hirn über die Ursachen, die zur Katastrophe führten, über das Ende, das seine Freunde genommen. Anders Elizabeth. Nicht das Ende des Unternehmens zerstörte ihren Sinn. Sie hatte es vom ersten Tage an vorhergesehen, und ein Wiederkehren des geliebten Mannes wäre ihr als eine besondere Gnade des Himmels erschienen. Aber dieser Mann war urplötzlich ein anderer geworden, und als die letzten eisernen Riegel seines Sarges sich schlossen, gab der 278 lebend Tote ein Zeichen, das den Faden des Glückes einer Zukunft zerschnitt, zerbrach er das Glas, aus dem sie beide den Wein des Glückes und der Freude zu trinken gehofft hatten.

Warum? – Warum?? – – Das war die Frage, mit der Hawthorns blonde Tochter sich abmühte, bis ihr Scheitel weiß geworden und der schwarze Fürst der Schatten das Rätselspiel beendete.

* * *

Was zur Klärung der seltsamen Dinge noch beizutragen ist, sei hier niedergeschrieben. Gelehrte und ungelehrte Stimmen, Interessierte und Uninteressierte sollen in Aufzeichnungen und Dokumenten, in Beobachtungen und Meinungen zu Worte kommen, aber der Weg mündet in undurchdringliches Dunkel, und jeder mag versuchen, es mit eigener Fackel zu erhellen. –

In Elizabeth Hawthorns Tagebuch finden sich folgende Aufzeichnungen, die von Wert sind:

»Den 10. Oktober 3000.

Johannes ist beim Morgengrauen aus Kairo eingetroffen. Er bleibt unsichtbar. Der Vater sprach ihn einen Augenblick in seinem Zimmer. Er sagt, daß unser Freund einen verstörten Eindruck mache und von der Reise erschöpft sei. Er fühle sich nicht wohl und bäte, ihn zu entschuldigen. – Eine schreckliche Unruhe ist in mir! Morgen früh, oder gegen Mittag, soll die Reise in das grausig Unbekannte beginnen. Wenige Stunden noch, und auch sie vergehen ohne ihn – – –« 279

Aus einem Briefe Standertons an seinen Freund Vanderstraßen: »Die letzten Zeilen auf lange hinaus! Wenn der Teufel sein Spiel treibt, auf immer! Es ist doch eine eigenartige Sache! Uebrigens schien es mir heute, als ob Baumgart im letzten Moment bedenklich wurde. Er ist erst am Morgen angekommen und zog sich zurück, um mit sich allein zu sein. Gegen Abend ließ er mich rufen. Er fragte, ob alles bereit sei. Ich bedeutete ihm, daß wir nur einzusteigen brauchten, denn es fehle keine Nähnadel. Er blieb lange stumm, und plötzlich sagte er zögernd: ›Würden Sie es nicht doch vorziehen, im letzten Augenblick von dem unsicheren Vorhaben zurückzutreten?‹ Ich lachte und sagte, daß es nun zu spät sei und ich nicht Lust hätte, fünf Weltteile über mich Witze machen zu hören. Wieder sah er lange vor sich hin, dann sprang er unvermittelt auf und sagte: ›Sie haben recht! Alles kommt folgerichtig, wie es muß!‹ –

Ich weiß nicht . . . Die Unterredung berührte mich merkwürdig! Unter uns: Unser gelehrter Freund liebt Hawthorns Tochter und sie ihn. – – Ob da Gefühlsdinge mitsprechen? Es wäre nicht das erstemal, daß ein großes Unternehmen durch zarte Fingerchen zerstört wurde! Siehe zwölf Bände Weltgeschichte! . . .«

Aus Elizabeths Tagebuch:

»Den 10. Oktober um Mitternacht.

Die Nacht ist von drückender Stille. Um so größer meine Unruhe. Welch ein trefflicher Tröster, welch ein barmherziger Freund ist doch der Schlaf! Heut flieht er mich. – – Noch elf Stunden, dann ist alles geschehen. Unabsehbare Menschenmassen lagern die laue Nacht 280 draußen auf den Feldern; ganz Kapstadt und alle Orte in weitem Umkreise sind in Heerlager verwandelt. Tausende von Vergnügungsschiffen, Seglern, Dampfern liegen ringsum auf dem Wasser. – Wie hasse ich diese Armee der Neugierigen! Ob wohl unter diesen Millionen Larven auch Herzen sind, die fühlen, daß tragische Geschicke sich hier vollenden, wenn der schreckliche stählerne Vogel aufwärtssteigt?!

Der Abend vereinte noch einmal die Männer an unserm Tisch, die nun das Unerhörte wagen. Der Vater und Sir Archibald Plug hatten darauf gedrungen. Dieser hatte sich zum Schluß noch ein fröhlich-feuchtes Abschiedsfest erträumt und war ganz grimmig, als es nicht zustande kam. Er war lustig wie immer und voller Späße. Standerton-Quil blieb ruhig und kühl. Alles an ihm ist stählerne Energie. Die beiden trefflichen Maschinisten, die mit geladen waren, schienen befangen und waren still. –

Johannes kam nur auf eine flüchtige Stunde. Er war bleich und in sich gekehrt. Selten sprach er ein Wort. – Mehrfach blickte er mich mit traurigen Augen an, aber er vermied, mich anzureden. – Er ist mir ein Rätsel! Ich versuchte, ihn allein zu sprechen, doch wich er dem sichtlich aus. Ich versuche in seiner Seele zu lesen. Sind ihm Bedenken gekommen? – Aus einer Andeutung des Vaters möchte man es schließen. – Fürchtet er meine Bitten, meine Tränen? Traut er seiner Kraft nicht mehr zu, ihnen widerstehen zu können? – Stumm reichte er mir die Hand, als er hinaufstieg zu seinem Zimmer. 281

Ob er wohl gleich mir den Morgen heranwacht da drüben in dem kleinen Zimmer? – Die Fenster sind dunkel, und doch, vielleicht starrt auch er mit brennenden Augen in die Nacht. –«

»Den 11. Oktober um Mitternacht.

Alles ist vorüber. Nein, nicht vorüber . . . Wie wird das Ende sein? Rätsel über Rätsel dringen auf mich ein. Ich verstehe mich und die Welt nicht mehr. Ich will das alles niederschreiben, vielleicht kommt doch der Tag der Lösung und Erlösung.

Ganz früh schon ist es drüben an der Abfahrtsstelle lebendig. Die Arbeiter treffen die letzten Vorbereitungen. An der Tribüne des Präsidenten stehen Posten der Staatspolizei Ehrenwache. Ein unabsehbares Meer von Köpfen schimmert Meilen im Umkreise. Das Grün der Wiesen, das Braun des Bodens ist nicht mehr sichtbar; ein Ozean von weißen, dunklen, rötlichen Tupfen bedeckt alles.

Vor Sonnenaufgang schon ist Johannes herübergegangen zum Platz. Der alte Brown sagte es mir. Von dem nahm er Abschied und überreichte ihm ein wertvolles Andenken. – – Er weicht mir aus, wie gestern! Ich werde ihn kaum eine Sekunde allein sehen inmitten dieses großen Schauspiels.

Warum? Warum??

Gegen neun Uhr hatte der seltsame Mann eine längere Unterredung mit dem Vater. Der sagt, er wäre von rührender Dankbarkeit gewesen für alle Hilfe, für die Monate in diesem Hause.

Und ich – – –? Warum flieht er meine Nähe? – 282

Soll ich hier verzeichnen, wie drüben auf dem Platze sich alles abwickelte? Berge von Zeitungen berichten es bis in alle Einzelheiten. Wie bleich sah Johannes aus, als der Präsident mit ihm sprach, ihm lange und herzlich die Hand schüttelte. Dann schritt der Greis an seiner Seite zu der Steuerfläche des Fahrzeuges, knüpfte die seidene Fahne des Landes mit eigener Hand an die blinkenden Streben.

Und dann kam der Augenblick, da mir das Herz schlug zum Zerspringen. Der Präsident trat zurück in sein Zelt. Johannes wendete sich um und suchte mich mit den Augen. Ringsum plauderten die Gruppen. Absichtlich stand ich einige Schritte abseits.

Langsam schritt er auf mich zu.

Ein tiefer Ernst lag auf seinem stillen Gesicht! Seine Augen blickten traurig und senkten sich vor meinem Blick. Er reichte mir die Hand.

›Dank!‹ sagte er, ›Dank für alles, alles! Nichts gibt es an Schönem und Gutem, das ich nicht für Sie erbitten möchte von der Zukunft! Leben Sie wohl!‹

Und als ich ihm erwidern will, hebt er müde die schmale Hand und bittet ernst und eindringlich:

›Gewähren Sie mir in Ihrer großen Güte noch einen Wunsch, den letzten: Lassen Sie uns schweigend scheiden! Das Wort zerstört!‹ –

Das waren die letzten Laute, die ich von Johannes Baumgart hörte. Ich drückte noch einmal seine Hand, reichte ihm die volle Rose, die ich für ihn geschnitten.

Einen Augenblick schien es mir, als wolle er sie übersehen, aber nun, da sich mehrere Herren uns näherten, 283 nahm er sie an sich, und ein Schatten glitt über sein Gesicht. – Warum? Warum?? – –

Dann wendete er sich ab und schritt dem Fahrzeug zu.

Um elf Uhr kommen Standerton-Quil und der drollige Sir Plug, um sich von mir zu verabschieden. Der Ingenieur ist wie immer. Kühl und ruhig. Auf seinen Zügen liegt eiserne Entschlossenheit. Er macht wenig Worte, aber man fühlt, daß sie von Herzen kommen. – Sir Plug hat einen seltsamen, elegischen Zug um den Mund. Er macht noch ein paar Späßchen zum Abschied, aber sie klingen nicht mehr so frisch wie früher. Der Ernst des Augenblicks wirkt doch stark auf ihn ein.

Um elf Uhr fünfzehn Minuten verschwinden die Herren durch das Einsteigfenster im Innern des ›Sterns von Afrika‹. Der Vater übernimmt das Kommando am Platz. Die weiße Sandfläche ist plötzlich leer. Das Fahrzeug glänzt in der Sonne, die seidene Fahne mit dem Kreuz und dem Halbmond weht knatternd. In der Nähe ist es ganz still, aber aus der Ferne dringt das seltsame Rauschen und Brausen der Unzählbaren herüber.

Der Vater tritt noch einmal an das Fenster, drückt noch einmal den Männern die Hände. Jetzt wird die dicke Glasplatte vorgeschraubt. Der Vater geht hinter dem Schiff herum, auf die andere Seite, wo die Arbeiter an der Winde des Abfahrgestelles arbeiten. Langsam hebt sich die Spitze der Granate.

Noch drei Minuten! Ich bin wie im Fieber! Alle meine Gedanken verwirren sich. Aber einmal noch, noch einmal will ich Johannes sehen! Wohl zum letzten Male in diesem Leben. Unzählige Augen sind auf das Schiff 284 gerichtet! Was tut es, was ist mir in diesem Augenblick das Denken und die Meinung der Welt!

Ich schreite von der niederen Seil-Barriere in wenigen Schritten herüber. Johannes steht am Fenster, noch einmal strecke ich meine Hand nach ihm aus.

Und nun kommt Sonderbares, Rätselvolles! Jede Bewegung des Mannes, der da in dem stählernen Sarge eingeschlossen ist, wird mir bis zum letzten Atemzuge in der Erinnerung bleiben!

Johannes schaut mit qualvollem Blick zu mir heraus. Dann schüttelt er traurig den Kopf. Und plötzlich greift er hinter sich auf den Tisch, wirft ein paar Worte auf das Papier und preßt es gegen die Scheibe. Ein Wort von Goethe:

›Nah war der Freund, nun ist er weit.
Zerrissen liegt der Kranz, die Blumen verstreut.‹

Er nimmt die Rose vom Tisch und zerblättert sie. – Wie Blutstropfen sehe ich die roten Flocken niederfallen. –

Da wird mir plötzlich dunkel vor den Augen, und ich sinke! – –«

Aus einem Briefe Sir Colimans, des Regierungsvertreters des Kaplandes, an Ismail Tschack:

»Punkt elf Uhr dreißig Minuten stieg der Stern von Afrika‹ knatternd in die Lüfte, begleitet von den brausenden Rufen einer Menschenmenge, die unübersehbar war. Sir Plug hat mir noch Grüße an Sie aufgetragen. Er schien bewegt und verbarg das unter einem Feuerwerk von Scherzen. Der deutsche Forscher war marmorbleich und blieb fast unsichtbar. Hawthorns 285 Tochter brach wenige Sekunden vor Abfahrt des Flugschiffes bei einer letzten Begrüßung am Fenster zusammen. – Man sagt, der Deutsche und sie seien sich näher getreten. Begreiflich genug, daß sie also diese Reise, deren Verlauf niemand voraussagen kann, in stärkster Weise erregt. Ihre Mitteilungen über die neuen schweren Ernährungs-Unruhen in Nordamerika habe ich heute morgen erhalten, aber noch nicht näher angesehen. Hierüber später!«

Aus den Papieren des Ministeriums für Wissenschaft und Technik:

»Der ›Stern von Afrika‹ stieg pünktlich elf Uhr dreißig Minuten auf. Von den Ueberwachungsstellen liegen folgende Meldungen vor:

Sternwarte zu Kapstadt: Das Flugschiff entschwand dem freien Auge in wenigen Minuten. Mit dem Fernrohr konnte es zwanzig Minuten lang gesehen werden, dann wurde es durch heraufziehende Wolken verdeckt. Bei fünfhundertfacher Vergrößerung war es am Schluß der Beobachtung ein glänzender länglicher Fleck, der sich ruhig und stetig fortbewegte und sehr schnell kleiner wurde. Einzelheiten waren nicht mehr erkennbar.

Sternwarte zu Madras: Das Flugschiff ›Stern von Afrika‹ wurde elf Uhr vierzig Minuten von hier aus im Kometensucher als leuchtender Punkt aufgefunden. Zu seiner weiteren Beobachtung wurden dann zwei starke Fernrohre angesetzt. Beide konnten das Fahrzeug in immer gleichbleibender Richtung verfolgen, bis nach Sonnenuntergang. Zuletzt war es am dunklen Nachthimmel als ein sich ziemlich schnell bewegender 286 Stern sichtbar, bis die betreffende Himmelsgegend unter den Horizont sank. – Versuche, den ›Stern von Afrika‹ am folgenden Tage wiederzufinden, waren erfolglos.

Drahtlose Station zu Bagamojo: Zwei Stunden nach Abfahrt des ›Sterns von Afrika‹, um ein Uhr dreißig, fingen wir folgenden Funkspruch auf: ›Stern von Afrika an Regierung Sansibar. Befinden uns rund tausend Kilometer hoch über Lufthülle der Erde. Alles in Ordnung.‹

Ein zweiter Funkspruch wurde abends um fünf Uhr aufgenommen, doch war er nur teilweise zu entziffern, da die Entfernung für die schwachen Instrumente des Fahrzeuges schon zu groß geworden war. Sicher entziffert sind die Worte: ›Stern, Sansibar, Dreitausend, Keine.‹

Am 15. Oktober wurde der Regierung der erste Nachrichtenzylinder übersandt. Er war am Abend des zwölften bei Lalipur in Indien mit stark leuchtender Magnesiumflamme niedergegangen. Es zeigte sich, daß ihm bereits zwei andere voraufgegangen waren, die aber nie gefunden worden sind. Das Platinkärtchen enthielt folgende Aufzeichnungen:

›Nachricht 3. Abgeworfen den 12. Oktober abends. Wir sind um genau einen Erddurchmesser von dem Planeten entfernt. Er liegt als mächtige Scheibe, vom Nordpol bis zum Südpol überblickbar, unter uns. Ein Dreißigstel der Fahrt ist zurückgelegt. – Es zeigen sich bei allen Teilnehmern eigenartige Anfälle von Benommenheit. Wir hoffen sie, als eine Art Seekrankheit des Universums, zu überwinden. Sonst keine Besonderheiten!‹ 287

Am 19. Oktober lief eine Meldung des Kapitäns Braganza vom Dampfer ›Sospir del Mare‹ ein. Das Schiff hatte am 17. nachts ein langsam niedergleitendes starkes Licht westlich der Azoren im Atlantischen Ozean beobachtet. Für ein Meteor war der Flug zu langsam. Der Kapitän und der erste Offizier sind überzeugt, einen Nachrichtenzylinder des ›Sterns von Afrika‹ vor sich gesehen zu haben. Sie hielten auf die Meeresstelle zu, konnten aber den Körper nicht entdecken.

Am 23. Oktober fiel bei Saratow in Rußland ein Nachrichtenzylinder nieder. Der zweite und letzte, der in die Hände der Regierung gelangte. Er trug die Nummer 14 und war vom Abend des gleichen Tages datiert. Nach den Berechnungen ist der ›Stern von Afrika‹ jetzt so weit entfernt, daß die abgeworfenen Botschaften, entsprechend den Fallgesetzen, etwa eine halbe Stunde brauchen, um hier anzulangen. Wäre es möglich, einen Gegenstand vom Monde zur Erde niederfallen zu lassen, so würde er hier nach zwei Stunden 27½ Minuten eintreffen.

Das Platinblatt enthält die Worte.

›Wir haben fast die Hälfte der Strecke hinter uns. Die Erde schwebt als riesiger Mond in der Ferne. Sie ist von dichten Schleiern umzogen, die nur nahe dem Aequator lichter sind. Wir befinden uns alle nicht ganz so, wie wir es wünschten. Sir Plug und Samha fühlen sich äußerst matt und müssen viel ruhen. Gestern durchschlug ein nußgroßer Meteorstein die Wände des Fahrzeuges und tötete um ein Haar Standerton. – Wir leiden unter der Kälte. Baumgart mußte sich vor einer Stunde niederlegen. Wenn Beschwerden zunehmen, ist 288 Rückkehr vor Erreichung des Zieles beabsichtigt, trotz Widerspruchs Baumgarts.‹«

Eine weitere Meldung hat die Regierung nie erhalten. Diese immerhin nicht unbedenklichen Worte blieben die letzten, die die Menschheit von jenen Männern vernahm. Alles andere versinkt in Dunkelheit und bleibt Mutmaßung.

Drei weitere Nachrichtenzylinder wurden gesehen, aber nicht gefunden. Der eine sank nahe Hawai ins Meer, der andere ging inmitten des Felsengewirres der Alpen nieder, und der dritte verschwand spurlos in den Eismassen der Tschuktschen-Halbinsel. Obgleich die hohe Belohnung in allen Fällen längeres Suchen veranlaßte, blieben sie verschollen. –

Gesehen wurde das Flugschiff zum letzten Male am 27. Oktober im Riesenspiegel der Sternwarte zu Kairo, von den Herren Ben-Haffa, Voorthuizen und Gragrano. Da es in gerader Linie auf den Stern Delta im Steinbock zufliegen sollte, da ferner seine ungefähre Entfernung von der Erde bekannt war, mußte sich der Ort, den es am Himmel einnahm, wie der eines Kometen berechnen lassen. Zehn Tage lang konnte man in Kairo des ungünstigen Wetters wegen nicht beobachten. Am 27. konnte man endlich den Spiegel auf jene Himmelsstelle richten. In der Tat war es nach einigem Suchen gelungen, einen sich langsam fortbewegenden leuchtenden Punkt im Sternbilde des Wassermannes zu finden. Nach Ansicht aller Herren konnte es sich nur um den »Stern von Afrika« handeln. Das ist später von Sir Rawlinson bestritten worden, der nachweisen konnte, daß ein kleiner Planet um diese Zeit an jener Himmelsstelle verweilte. 289

Man wurde um so mehr unsicher, als die Sternwarte zu Melbourne das Flugschiff einen Tag später so weit von diesem Ort entfernt zu erblicken glaubte, daß eine der Beobachtungen sicher falsch war. Da die Fachleute sich nicht darüber einigen konnten, konnte es die Oeffentlichkeit schon gar nicht. Das Unglück wollte es, daß nun mehrere Wochen ungünstiges Wetter herrschte. Kaum Sonne und Mond, geschweige denn Sterne durchdrangen das Gewölk. Trotz aller Bemühungen war es nicht möglich, den schwachen Lichtpunkt wiederzufinden. Das Dunkel nahm zu! –

Die Zeitungen und gelehrten Gesellschaften der ganzen Welt beschäftigten sich mit der Frage nach dem Ausgange des denkwürdigen Unternehmens, ja, man kann sagen, daß die ganze Menschheit siebzig Tage lang nichts anderes tat, als auf den »Stern von Afrika« zu warten. Jede, auch die kleinste Nachricht wurde mit größtem Interesse aufgegriffen.

So erregte es ungeheures Aufsehen, als am 4. November folgende Mitteilung durch alle Blätter der Welt lief:

Der Kapitän und die Offiziere des am 3. November in Bahia eingelaufeuen Schiffes »Lizard« machten im Hafenamt folgende aufsehenerregende dienstliche Meldung. »Am 1. November um neun Uhr abends hörten wir nahe der Insel Trinidad, unter 29 Grad 10 Minuten westl. Länge und 20 Grad 4 Minuten südl. Breite, plötzlich ein starkes zunehmendes Rauschen in der Luft, nicht unähnlich dem einer sehr starken Rakete. Aufblickend sahen wir in einer Entfernung von ungefähr sechs Kilometern eine dunkle Masse von beträchtlicher 290 Größe niederstürzen, von der einzelne glühende Funken und Splitter absprangen. Der Gegenstand stürzte in die See. Wir hielten auf die Stelle zu, konnten aber nichts entdecken, als ein weißliches Pulver, das in ziemlich großem Umkreise auf dem sehr ruhigen Wasser schwamm. Die Größe des Gegenstandes wird von uns allen auf wenigstens hundert Kubikmeter geschätzt. Frederic Paterson, Kapitän der ›Lizard‹, Smith, Glazier, Oversmann, Offiziere.«

Der Leuchtturmwächter von Trinidad hat die Erscheinung gleichfalls wahrgenommen. Er meint, der niedersausende Gegenstand habe in der Entfernung so groß ausgesehen wie die »Lizard«, die gleichzeitig in seinem Gesichtsfelde war. Er behauptet, daß ein beträchtlich großes Stück der Masse in einem Funkenregen etwas früher und abseits niederging. –

Es lag sehr nahe, diese Beobachtung dahin zu deuten, daß hier der »Stern von Afrika« abgestürzt sei. Andernfalls konnte es sich nur noch um ein riesenhaftes Meteor handeln. Dem stand gegenüber, daß erstens einmal solche mächtigen Meteore äußerst selten sind, die Weltgeschichte nur drei oder vier Exemplare kennt, und daß niemand das Knattern und Donnern vernommen hatte, das für solche Erscheinungen charakteristisch ist.

Auf der Gegenseite wurde vornehmlich von Hawthorn und anderen Ingenieuren betont, daß bei einer Katastrophe, wie der hier vermuteten, der »Stern von Afrika« niemals als ganzer Körper niedergehen könnte. Wie die Meteore und Sternschnuppen beim Eindringen in die Erdatmosphäre bis zur Glut erhitzt werden, so müßte auch das Flugschiff eine so enorme Temperaturerhöhung 291 erfahren, daß die mitgeführten Usambaranit-Massen explodieren würden. Die Sprengstoffmenge reichte hin, um den ganzen großen Stahlkörper in einer Sekunde zu Staub zu zerpulvern. Man würde also, wenn dieser schreckliche Fall einträte, nur in großer Höhe eine gewaltige Explosion wahrnehmen können, ein blitzartiges Aufleuchten, und dann nur ganz vereinzelte kleine Trümmerchen niedergleiten sehen. In der Hauptsache wäre das Schiff mit all seinem Inhalt in Staub und Asche verwandelt, die unsichtbar und von Winden zerstreut langsam verwehte. –

Dem hielt man entgegen, daß die Reisenden wohl im letzten Augenblick den gefährlichen Sprengstoff hinauswerfen würden, um eben gerade diesem Ende zu entgehen.

Meinung stand abermals gegen Meinung.

Die Regierung der Vereinigten Staaten von Südamerika sandte sofort nach Eintreffen der Nachricht zwei Schiffe mit Hebezeugen und Tauchvorrichtungen gen Trinidad. Sie tat es mehr, um ihren guten Willen zu zeigen, denn die Admiralität hatte keinen Zweifel, daß an eine Hebung des gefallenen Körpers nicht zu denken sei, weil die See an der betreffenden Stelle mehr als 4900 Meter tief ist. In der Tat konnte man keinerlei Spuren des niedergegangenen Körpers entdecken. An drei Stellen versenkte man Apparate für Tiefseephotographie, doch enthielten die so gewonnenen Platten keine Besonderheiten.

Der alte Leuchtturmwächter auf Trinidad traf in seiner Einfachheit das Richtige, wenn er sagte: »Das Meer ist weit und tief. Man fände eher eine Nähnadel auf einem Acker als jenen Körper, den die See verschluckt!« 292

Es war geglückt, auf dem Spiegel der zufälligerweise sehr ruhigen See noch Spuren des grauen, blättrigen Staubes zu finden, von dem die Offiziere der »Lizard« gesprochen hatten. Die Untersuchung ergab, daß man es mit einer Metallegierung zu tun hatte, die bei großer Hitze zustande gekommen war. – Das schien doch wieder mehr auf Reste vom »Stern von Afrika« hinzudeuten.

Die Oeffentlichkeit verfolgte all diese Dinge mit größter Spannung. Die Erwartung steigerte sich, ob die kühnen Reisenden ihr Ziel erreichen, ob sie wiederkehren würden.

Längst mußten sie nun im Anziehungsbereich des Mondes sein, wenn sie nicht abgestürzt waren zur Erde. Geschah jetzt ein Unfall, so fielen sie auf die Mondkugel.

Der 10. November kam. Da droben stand der alte treue Erdbegleiter am vorausberechneten Platz; er lief in seiner stillen Bahn ruhig und gleichmäßig wie seit Jahrhunderttausenden. Gleichmütig sah sein bleiches Gesicht hernieder auf dieses Erdenrund, dessen törichte Menschlein in einer Anwandlung von altem Größenwahn sich hinausgewagt in das Reich des Unbegreiflichen. Ameisen, die in eine Zinnbüchse eingeschlossen waren und durch die Sternenräume flogen!

Ben-Haffa und seine Assistenten starrten mit ihrem Riesenspiegel seit zwei Tagen unablässig hinauf zu der mählich wachsenden Sichel da droben. Nun war der Tag heran. Der Mond stand im ersten Viertel. Um acht Uhr abends ging er dicht über den Stern Delta im Steinbock hinweg, jenen Wegweiser der Reisenden auf ihrer Fahrt durch das Meer des leeren Raumes. Dort, wo Tag und Nacht auf dem Monde sich schieden, 293 der gerade Rand der Sichel in das Dunkel überging, zu dem noch kein Sonnenstrahl drang, sah man wieder die Fläche des Mare Imbrium sich dehnen, leuchteten wieder die silbrigen Zinken des Gebirgszuges der Mondapenninen.

Abwechselnd spähten Ben-Haffa und Voorthuizen rings um den Mondrand herum, aber der Tag verging, ohne daß sich eine Spur des Fahrzeuges gezeigt hätte.

Am andern Abend stürzte Voorthuizen nach stundenlanger Beobachtung in das Zimmer Ben-Haffas.

»Der ›Stern von Afrika‹ ist da! Sie sind da! Kommen Sie, eilen Sie!« Der Holländer stob wieder hinaus, Ben-Haffa eilte, wie er ging und stand, hinterdrein. Ganz außer Atem kam man am tiefen Schacht des Riesenspiegels an.

»Es ist fort, man sieht das winzige Lichtstäubchen nicht mehr!« sagte Voorthuizen und trat, noch immer wie ein Blasebalg schnaufend, vom Beobachtungsstuhl zurück. Und nun erzählte er, was ihm die Beharrlichkeit seines Suchens eingetragen. Ein ganz zartes Lichtstäubchen sei plötzlich außerhalb des Mondes, nahe der Nachtseite, sichtbar geworden. Nur mit größter Anstrengung habe man es sehen können, und es wäre ohne allen Zweifel der Aufmerksamkeit entgangen, wenn es sich nicht ganz, ganz langsam weiterbewegt hätte. Dann sei das hauchzarte Stäubchen allmählich über die Nachtseite des Mondes herübergeflogen, pendelte aber nach ein paar Minuten wieder zurück. Er sei gelaufen, um Ben-Haffa zum Zeugen des Gesehenen zu machen.

Der starrte unverwandt auf die Nachtseite der Mondoberfläche, und plötzlich ergriff er, fast erschreckt, 294 Voorthuizens Arm. – Ja, da sah man in der Tat ein unendlich zartes Lichtkörperchen in dem Riesenfernrohr schweben. Ganz langsam steuerte es hinüber zur beleuchteten Fläche des Mondes, ging dort in dem grellen Licht dem Auge verloren. Die ganze Nacht hindurch beobachteten die beiden Sternforscher weiter, doch blieb das Objekt verschwunden. – – –

Ben-Haffa und sein Assistent haben ihr Leben lang mit unerschütterlicher Ueberzeugung daran festgehalten, daß sie damals den »Stern von Afrika« kurz vor seinem Niedergleiten zur Mondoberfläche in ihrem scharfen Glase sahen. Wer wollte es wagen, den beiden hochachtbaren Gelehrten das Gegenteil zu beweisen! Dennoch fehlte es nicht an Stimmen, die davor warnten, auf diese eine Beobachtung die Ansicht zu gründen, daß die Reisenden das Nachbargestirn wirklich erreicht hatten. Diesmal schloß sich den Ausführungen des alten und erfahrenen Rawlinson ein großer Kreis von Astronomen an, als er auseinandersetzte, daß zu der Zeit, wo die Wiesenblumen abblühen, sehr feine Samen, die gleich winzigen Fallschirmen durch die Luft segeln, durch Luftströmungen und Stürme bis in die höchsten Höhen der Atmosphäre emporgetragen werden. Die weißen, glänzenden Schwebekörper leuchten dann im Sonnenlicht und können von einem mächtigen Fernrohr unter Umständen noch erblickt werden. Ein solches Körperchen habe vielleicht die Kollegen der Sternwarte zu Kairo getäuscht. Das sei um so wahrscheinlicher, als gerade in diesen Tagen die jüngeren Astronomen der Kap-Sternwarte mehrfach solche zarten, schwebenden Lichtstäubchen erwähnt hätten. 295

Wieder verlief eine Spur im Sande!

Es blieb nichts anderes übrig, als abzuwarten.

Mit größter Spannung sah man der Dezembermitte entgegen. Am 13., spätestens am 16. dieses Monats mußten die Reisenden zurück sein. Doch zeigte sich keine Spur von ihnen. Immer noch konnte man hoffen! Die Gesellschaft, die die Verproviantierung der Expedition übernommen hatte, gab bekannt, daß bei sparsamem Verbrauch der mitgenommene Vorrat wohl zehn, selbst vierzehn Tage länger reichen könne. Die Gesellschaft für Tiefseearbeiten in Bombay erklärte, daß die komprimierte Atmungsluft etwa sechs Tage länger reiche, als die Reisedauer von siebzig Tagen verlange. Bis zum 26. Dezember konnten die Männer atmen, bis zum 3. Januar konnten sie sich ernähren!

Beide Termine verstrichen. Vom »Stern von Afrika« zeigte sich keine Spur. Mitte Januar mußte man ihn für verschollen erklären, denn jede Möglichkeit war geschwunden, länger an die Erhaltung des Lebens der kühnen Männer zu glauben.

Das Ministerium für Wissenschaft und Technik berief unter dem Vorsitz des Herrn Albarnell eine Kommission ein, der unter anderm auch Rawlinson, Ben-Haffa und Hawthorn angehörten. Die Regierung veröffentlichte auf Grund der Beratungen am 20. Januar folgenden Bericht über das Ende des bedeutsamen Unternehmens:

»Der ›Stern von Afrika‹ und seine mutige Besatzung muß als verloren betrachtet werden. Das letzte Lebenszeichen stammt vom 23. Oktober. Gesehen wurde das Flugschiff zum letzten Male am 27. Oktober im Riesenspiegel zu Kairo. Es mußte damals bereits die Hälfte 296 seines Weges bis zum Monde zurückgelegt haben. Eine spätere Beobachtung der Astronomen zu Kairo, die darzutun sucht, daß das Raumschiff am 11. November beim Ziel angelangt war, muß als nicht völlig sicher vorsichtig bewertet werden. – Jedenfalls aber hat sich die Theorie des Herrn Johannes Baumgart insofern als richtig erwiesen, als das Fahrzeug den Raum zu durchqueren vermochte. Welchen Umständen sein Untergang zuzuschreiben ist und wo es zugrunde ging, wird ewig verborgen bleiben. Folgende Fälle sind möglich:

Der letzte Nachrichtenzylinder bringt die Mitteilung, daß die Reisenden sich wenig wohl fühlen. Selbst der Gedanke der Umkehr wird erwogen. Es ist möglich, daß alle Teilnehmer der Expedition unfähig wurden, die Maschine zu bedienen, das Fahrzeug also direktionslos wurde und stürzte.

Es ist möglich, daß große Meteorsteine es zertrümmerten oder wichtige Teile zerstörten. In beiden Fällen mußte es fallen.

Es ist möglich, daß sich das Usambaranit entzündete und der ›Stern von Afrika‹ zersprengt wurde.

Befand sich das Fahrzeug bereits im Anziehungsbereich des Mondes, so mußte es auf diesen niederfallen und zerschellen. Ereilte es sein Geschick noch innerhalb des Anziehungsbereiches der Erde, so stürzte es zu dieser ab.

Da weite Gebiete der Erde vom Meer, von unbewohnten Wüsteneien, von einsamen Gebirgen und Urwäldern bedeckt sind, kann das Raumschiff sehr wohl den Augen entgangen sein, um so mehr, als nur wenige Gebiete des Planeten wolkenfrei sind. Vielleicht sahen die Offiziere 297 der ›Lizard‹ es in der Tat am 1. November bei Trinidad in den Ozean stürzen. Es muß der verbesserten Tauchertechnik kommender Zeiten vorbehalten bleiben, die Frage zu lösen. Möglicherweise finden sich später einmal Reste des ›Sterns von Afrika‹ in irgendeiner Wüstenei.

Endlich ist es aber auch nicht unwahrscheinlich, daß die Expedition ihr Ziel erreichte und beim Niedergehen auf die Mondoberfläche Unglück hatte. Das Fahrzeug kann zertrümmert worden sein, oder es vermochte sich nicht wieder zu erheben und zurückzufliegen. Dann mußten die tapferen Männer in kurzer Zeit dort zugrunde gehen.

Der Regierung der Vereinigten Staaten von Afrika bleibt nur die traurige Ehrenpflicht, für ein würdiges Denkmal der im Dienste für die Interessen der leidenden Menschheit Gefallenen zu sorgen und ihren Angehörigen den Ehrensold zu entrichten.«


Es ist unnötig, zu sagen, daß der unglückliche Ausgang des kühnen Planes in der ganzen Welt lebhafteste Anteilnahme erweckte und in langen Zeitungsberichten ein Echo fand. Monate lang, länger als ein Jahr, wurden immer wieder tausend Möglichkeiten, tausend phantastische Nachrichten, Beobachtungen, Gedanken in die Oeffentlichkeit geworfen, dann aber flaute das Interesse ab, da sich neue Ereignisse gleich Schleiern vor die alten Bilder legten. Im Norden Amerikas spitzten sich die Verhältnisse immer mehr zu. Die Hungersnot, die ungenügenden Maßnahmen der Regierung zu Kanada zwangen die Massen zur Selbsthilfe. 298 Blutige Kämpfe fanden statt, halb verhungerte Horden strömten dem Süden zu, fanden dort Widerstand. Wahre Schlachten wurden geschlagen, die Menschheit schien wieder zurückzusinken in die Zeiten der Barbarei und des Faustrechtes!

In Afrika verursachte die Einwanderung von zwanzig Millionen Europäern große Umstellungen, viel Sorgen und Reibereien. Im März fanden ungeheure Aschenfälle statt. Ueber drei Wochen blieb auf der ganzen Erde die Sonne fast unsichtbar. Den Tag bezeichnete ein rötliches, trübes Dämmerlicht. Schwere Regengüsse gingen nieder, der Norden und Süden vereiste mehr und mehr. Die Gletscher der Alpen stiegen herunter bis zum Bodensee und bis zur Linie Mailand, Verona, Venedig. Auch in Südaustralien brachen Revolten aus. Die Seeschiffahrt war vierzehn Tage lahmgelegt, und das vermehrte die Lebensmittelschwierigkeiten. Das Meer wimmelte von Eisbergen und war bei der herrschenden Dunkelheit fast unbefahrbar. Der »Stern von Afrika« fiel der Vergessenheit anheim! –

Da und dort aber gab es doch Menschen, die ruhelos dem Problem nachgrübelten. Monate, Jahre lang starrte der schnell alternde Ben-Haffa mit seinem Riesenspiegel in das flimmernde Berg-Labyrinth der Mondwelt. Immer stärkere Gläser setzte er an, immer wieder glaubte er da und dort den Körper des zertrümmerten Flugschiffes zu erkennen. Seine Freunde fürchteten für sein Augenlicht, sie warnten und baten, abzulassen, er aber starrte und starrte empor zu der glänzenden Scheibe und suchte die Spuren der entschwundenen Freunde. 299

Inmitten tausend andrer Sorgen erregte es doch in ganz Afrika großes Bedauern, als Ende Januar der Tod der bekannten Staatsrätin und Abgeordneten der Nilländer, Madame Effrem-Latour, gemeldet wurde. Sie war einem Herzschlage erlegen; man sagte, infolge der Aufregung, die der Tod ihrer betagten Mutter verursacht. – In Kairo selbst ging ein Gerücht, das dem widersprach. Die schöne und geistvolle Frau sollte freiwillig aus dem Leben geschieden sein. Das fand wenig Glauben, denn welche Gründe konnte die umworbene und gefeierte Frau haben, diese Welt zu verlassen?! Seltsam war es freilich, daß sie kurz zuvor eine letztwillige Verfügung getroffen hatte, die bestimmte, daß sie im Falle ihres Ablebens an jener Stelle des alten, stillen Haines von Zadphe bestattet zu werden wünschte, wo die kleine Laube stand, in der sie so gern geweilt.

Es geschah nach ihrem Wunsch, und auf dem einfachen Stein konnte man die Worte lesen, die sie selbst für diesen Zweck vorgesehen:

»Das Glück ist eine flüchtige Welle. Wer sich von ihr emportragen läßt, weiß, daß hinter ihr das Tal liegt!«

Niemand wußte, woher der Ausspruch stammte. Aber der Wille eines Toten ist heilig. –


Da droben zieht der alte Mond in seiner stillen Bahn und schaut durch Wolkenlücken nieder auf die lebensvolle Welt der Erde, wo noch immer tausend Blumen blühen, Flammen sprühen, Herzen glühen und die Schalen der Wage, Glück und Unglück Lust und Sorge auf- und niedersteigen. 300

Für ihn ist das alles längst vorbei, vorbei!

In dunkle Felsenschluchten fällt sein Strahl und dringt durchs Blätterdach schweigender Wälder. In stillen Seen spiegelt sich sein Bild und verblaßt im gleißenden Licht vom Lärm durchtobter Riesenstädte, wo die Herzen schneller pochen in Haß und Liebe, Arbeit und Genuß!

Weithin reichen seine milden Strahlenarme. Sie kriechen empor an der weißen Mauer des verträumten Haines von Zadphe, wo hohe, dunkle Bäume ernst und düster aufragen, sie werfen lange Schatten über die schmalen Kieswege, über die nun nie mehr der zierliche Fuß einer schönen Frau hinwegschreitet, sie tasten wie spielend über die schiefen, von Moos bewachsenen Grabsteine der zehn Frauen des Kalifen Selim und streicheln um Mitternacht, wenn wieder die Nachtigall auf Rosenhecken singt, leise das neue Grabmal, das da inmitten duftender Büsche aufragt.

Weit greifen sie, die Strahlen des bleichen Nachtgestirns. Sie spiegeln sich in den langen Fensterreihen des Seemanns-Hospitals zu Colchester, und unter ihrem bleichen Schein leuchtet das milde, stille Gesicht der gütigen Greisin auf, die da, das Haupt mit der weißen Haube der hilfreichen Schwestern bedeckt, in der schweigenden Nacht am Fenster lehnt und mit Augen, die voll stummer Fragen sind, hinaufschaut zu dem klaren Gestirn der Nacht. – Zu gleicher Zeit umzittern seine Strahlen da unten am Kap die hohe Säule des Obelisken, der inmitten eines sandigen Platzes sich spitz aufreckt, vor einem seltsamen Gestell mit Schienen und 301 Rädern, das schräg zum Himmel sich hebt, verwittert und verrostet.

Der schwarze Obelisk leuchtet auf, umbordet sich mit silbernen Kanten. Im Mondenschimmer sieht man auf seinem Sockel eine sich entblätternde goldene Rose, und darunter flimmert's in flammender Schrift:

»Es fürchte die Götter das Menschengeschlecht.
Der fürchte sie doppelt, den je sie erhoben!«

 


 


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