Bruno Hans Bürgel
Der »Stern von Afrika«
Bruno Hans Bürgel

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11.

In orange Schleier gehüllt versank die Sonne jenseits des Nils, merkwürdige Spiegelbilder im breiten Strom erzeugend. Von hier oben, wo sich die Hügelkette des Djebel Mokattam hinzog, sah man Kairo im gelblichen Dunst der Ebene liegen, während die Ferne sich in höchst eigenartige violette Schatten hüllte. Eine heiße, trockene Luftströmung wehte von der Libyschen Wüste herüber, von der bisher trotz aller Bemühungen nur ein kleines Stück in fruchtbares Ackerland verwandelt worden war.

Die drei Herren, die da eben aus dem wundervollen weißschimmernden Bau der Sternwarte traten, die hier oben auf dem Höhenzuge, weit außerhalb der Stadt, wie ein Zauberschloß in der untergehenden Sonne leuchtete, schritten durch den kleinen Park einer von niederem Gras bewachsenen Lichtung zu.

»Hier, mein verehrter Herr Kollege, sehen Sie nun bereits unser neues Riesenfernrohr vor sich, wohl auf lange Zeit hinaus das größte der Welt. Wir hoffen, damit dem alten Herrgott da droben die letzten Geheimnisse seiner Weltwerkstätte ablauschen zu können!«

Johannes Baumgart hielt die Hand vor die Augen und spähte über die grüne Wiesenfläche.

»Ich sehe beim besten Willen nichts, Herr Ben-Haffa, und wenn Sie Ihr Riesenfernrohr nicht gerade in die 256 Erde versenkt haben, so wüßte ich nicht, wo ich es suchen sollte!«

Ben-Haffa lachte sein merkwürdig gurgelndes Lachen.

»Wir haben es in der Tat in die Erde gesenkt! Sie stehen dicht davor. Noch einen Schritt weiter, und Sie fallen in seine einunddreißig Meter lange Röhre hinein und ertrinken unten in dem Riesenspiegel!«

Er lachte wieder, daß sein feistes Bäuchlein wippte, und schob, vergnügt darüber, dem berühmten Deutschen sein Wunderwerk zeigen zu können, seinen Arm unter den Baumgarts.

Jetzt erst erkannte dieser, was gemeint war. Man stand vor einem gewaltigen Brunnenloch, wenigstens konnte man es kaum anders bezeichnen. Eine wohl sechs Meter breite, kreisrunde und ummauerte Oeffnung war da im Erdboden. Ein winziges Gitter umgab sie und verhinderte das Hineinfallen. Seitwärts lag eine Art Schutzdach, das wohl die Beamten der Sternwarte kurz zuvor beiseite gerollt hatten.

Johannes Baumgart blickte hinein in die gähnende Tiefe des Schachtes. Da drunten verschwand alles in Dunkelheit.

»Ein merkwürdiges Fernrohr, in der Tat! Ich werde nicht recht daraus klug!«

»Unser lieber Voorthuizen ist sein Erfinder. Er soll Ihnen sein Kunstwerk auch selber erklären!«

Der Assistent Ben-Haffas trat näher herzu. Es war ein sehr großer, blasser und magerer Mann, mit einem fast erschreckend häßlichen Gesicht. Anziehend waren nur die großen, klugen Augen. 257

»Es wäre ein geradezu ungeheuerlicher Bau notwendig geworden, hätte ich das Instrument nicht einfach in die Erde gegraben. So ersparten wir Millionen! Sie müssen wissen, daß es überhaupt unmöglich ist, einen solchen Riesenspiegel wie diesen dort in der Tiefe des Schachtes aus Metall oder aus Glas zu gießen! Er hat einen Durchmesser von vier und einem halben Meter!«

»Wie ist das möglich? Sie sagten doch eben selber, daß man ein so riesiges Ding nicht gießen kann! Woraus besteht denn der Ihre?«

»Aus einer Flüssigkeit!«

»Ich begreife nicht!«

Voorthuizen lächelte geschmeichelt. »Je nun, es ist eine schnurrige Geschichte mit dieser Erfindung! Jahrelang grübelte ich darüber, doch vergebens. Eines Abends saß ich bei meinem Glase Tee und sann abermals über das Problem nach. Wie ich so mit dem Löffel den Tee umrühre, werde ich plötzlich aufmerksam. Durch das Rühren der Flüssigkeit kommt sie in Umdrehung, und ihre Oberfläche bildet einen Hohlspiegel, wie man das sein Leben lang beobachtet hat. Und das bringt mich auf einen Gedanken! Wenn man nun, so sage ich mir, Quecksilber in eine große runde Wanne füllt, die Wanne in Drehung versetzt, so muß die Oberfläche des Quecksilbers einen Hohlspiegel bilden, wie man ihn für ein Teleskop gebraucht. Ich mache Versuche, und sie gelingen. Die Hauptschwierigkeit besteht nur darin, eine Drehvorrichtung herzustellen, die die Quecksilberwanne vollkommen gleichmäßig in Rotation versetzt. Ich wende mich an das berühmte Motorenwerk von Parsen & Jaitschi, und endlich konstruieren dort die Ingenieure ein 258 elektromagnetisches Getriebe, das allen Anforderungen gerecht wird. Die Quecksilberwanne dreht sich mit höchster Gleichmäßigkeit in einer noch etwas größeren Oelwanne.

Nun gingen wir ans Werk. Dieser tiefe Schacht wurde ausgehoben und ausgemauert, die Wannen wurden auf seinen Grund gesenkt, die elektrischen Kabel hinabgeführt, und das Riesenfernrohr war fertig. Wir füllten dann die Wanne mit Quecksilber. Sie hat vier und einen halben Meter im Durchmesser. Sobald ich hier oben den Strom einschalte, dreht sich dort unten, einunddreißig Meter tief, die Quecksilbermasse und wird zu einem Hohlspiegel.

Hier sehen Sie am Rande des Schachtes einen kleinen Spiegel, der das Bild des Mondes oder Sternes hinabwirft. Der Riesenspiegel reflektiert es riesig vergrößert zurück, und von dem kleinen Betonhäuschen hier beobachte ich das Bild mit starken Lupen.

Sie sehen, es ist im Grunde eine ganz einfache Einrichtung, und nun schauen Sie bitte hinein in die Wunderwelt, die dieses Instrument erschließt.«

Der Deutsche trat in das Betonhäuschen. Prismen und Linsen wurden eingerichtet, dann sandte man den elektrischen Strom durch das Kabel hinunter in den Schacht. Der Planet Mars wurde ins Gesichtsfeld des Spiegels gebracht, Voorthuizen setzte eine zweitausendfache Vergrößerung ein, brachte mit Sorgfalt alles in Ordnung und trat dann zurück, um Baumgart Platz zu machen.

Der setzte sich in den Beobachtungsstuhl und schaute durch die winzige Oeffnung des Okularglases. Was er sah, erfüllte ihn mit höchster Bewunderung. Hundertmal hatte er durch moderne Riesenfernrohre die Gestirne 259 betrachtet, aber was er hier zu sehen bekam, überstieg jede Erwartung. Die rötliche Scheibe des fernen Planeten, über dessen Bewohntheit, über dessen seltsame Kanäle sich die Menschen seit zwei Jahrtausenden stritten, lag doppelt so groß wie der Mond vor ihm. Man sah im hellen Schneegebiet seines Nordpoles breite Rinnsale und dunklere Flächen, die ganz offenbar Schmelzwasserbecken waren. Die Kanäle aber lösten sich auf in ein Heer von breiten Rissen, Sprüngen, die vollkommen vereiste Landstriche durchzogen. Mächtige Eispressungen hatten riesige Mauern von zerbröckelnden Eisschollen dort erstehen lassen, deren von der Sonne geworfene Schatten man als dunkle Linien sah. Da und dort waren grünliche Flächen erkennbar an Stellen, die im Schutze sanfter Erhöhungen in flachen Kesseln und Mulden ruhten, der Sonnenwärme ausgesetzt. Offenbar kümmerliche Reste einer Vegetation: Flechten und Moose, die sich noch halten konnten an diesen geschützten Stellen, wo der befeuchtete vulkanische Staub des Untergrundes einen dürftigen Nährboden abgab. – Dann und wann sah man einen zarten Wolkenschleier über die Landschaft ziehen, die entsetzlich öde und trostlos aussah.

Kein Zweifel, auch diese Weltkugel war im Absterben begriffen, war vereist, hatte ihre Blütezeit hinter sich. Sie stand dem Alter nach zwischen Erde und Mond. Ob dort noch ein Menschengeschlecht ein kümmerliches Dasein führte, letzte Generationen auf das vollkommene Aussterben warteten? – Wer vermochte es zu sagen?

Die Stimme Ben-Haffas weckte Johannes Baumgart aus seinem Sinnen. 260

»Nun, was sagen Sie zu diesem Eindruck?«

»Ich bin überwältigt! Wer hätte je gedacht, daß wir einmal solche Einblicke tun könnten in eine Welt, die achtzig Millionen Kilometer jenseits der Erde kreist!«

»Lassen Sie uns nun einen Blick auf den Mond werfen. Sie werden hier noch größere Wunder schauen. Sie sehen ihn bei viertausendfacher Vergrößerung. Da er über dreihundertundvierundachtzigtausend Kilometer von uns entfernt ist, erschauen Sie ihn also so, als wäre er nur etwa hundert Kilometer fern. Sie werden also noch Gegenstände von etwa zwanzig Metern Länge auf unsrer Nachbarwelt erblicken. Ich sagte Ihnen damals nicht zuviel, wenn ich bemerkte, daß wir unter günstigen Umständen Ihren ›Stern von Afrika‹ als ein winziges Sternlein nahe dem Monde erblicken müssen, wenn Sie dort angelangt sind. Ja, wenn Sie sich auf die Mondfläche niederlassen, so kann es sein, daß wir zwar nicht Ihr Fahrzeug, wohl aber den langen Schatten sehen, den dann die Sonne von ihm werfen wird.«

Die Dunkelheit war schnell hereingebrochen, wie immer in diesen Breiten. Droben von der Spitze des Hügels leuchteten die weißen Tempelbauten der Sternwarte. Des Mondes Wächterhorn schwamm in einem unbeschreiblich silbrig-grünlichen Luftozean, und ganz hoch oben flimmerten noch ein paar zarte Wölkchen aus Staubmassen, die rosenrot im grünen Himmelsfelde standen.

Voorthuizen drehte den kleinen Spiegel an der Säule. Jetzt blinkte des Mondes Sichel in ihm und fand drunten im Grund des finsteren Schachtes in der rotierenden Quecksilberwanne ihr Gegenbild. 261

Ben-Haffa schraubte an den Prismen, änderte die Okulare. Nun berührte er leise des Deutschen Schulter.

»Schauen Sie hinein, ein wundervoller Anblick!«

Johannes Baumgart legte das Auge an das Glas. – Die beiden Männer an seiner Seite standen schweigend daneben. Der Deutsche rührte sich nicht, kein Ausruf der Verwunderung oder des Entzückens kam von seinen Lippen, und Ben-Haffa wie Voorthuizen fühlten, daß das mehr war als irgendein rasches Wort.

Der Mann, der da unbeweglich in der lauen Sommernacht an diesem Riesen-Instrument saß, konnte sich nicht losreißen von dem wunderbaren Bilde. Zum Greifen nahe lag die erstorbene Welt vor seinen Augen. Die hohen Spitzen des riesigen Gebirgszuges der Mondapenninen blinkten da vor ihm im Sonnenlicht wie flüssiges Silber. Es war, als seien sie mit Reif und Eis bedeckt, auf dem die Sonne leuchtete. Der Blick ging in zerklüftete Quertäler, verlor sich in einem unentwirrbaren Chaos von Licht und Schatten, senkte sich in Abgründe, kletterte an himmelhohen Bergkegeln empor.

Die Sonne war für diese Landschaft des Mondes noch nicht lange aufgegangen, und so warfen die Bergmassen lange spitze Schatten weit hinein in die graue Ebene des »Mare Imbrium«, des »Regen-Meeres«.

Wie mochte das einst hier ausgesehen haben, als dieser flache mächtige Kessel wirklich noch ein Meer war, in dem die Wassermassen rauschten! Als dieser gigantische Gebirgszug der Apenninen mit seinen über fünftausend Meter hohen Gipfeln schroff aus diesem Ozean aufstieg, als sich die Wassermassen schäumend emporschleuderten an den ragenden Felsenwänden! Lagen hier am Fuße 262 dieser Bergmassen, dieser unzähligen Klippen vielleicht Hunderte von gestrandeten Schiffen, die nun schon seit unausdenklichen Zeiten wieder zutage traten, da das Meer versiegt war, in dem sie einst versanken? Wer konnte es wissen? Und doch! Er, er würde es wissen; in wenigen Tagen mit eigenen Augen schauen!

Johannes Baumgart drehte langsam die Schlüsselschraube des Spiegels, und am Rande des Gebirgszuges schob sich nun das ungeheure Kraterrund des Ringgebirges »Eratosthenes« in das Gesichtsfeld des Instrumentes. Gleich einem hohlen Backenzahn von abenteuerlichen Dimensionen nahm sich das mächtige kreisrunde Kraterloch aus. Noch füllten undurchdringliche, tiefschwarze Schatten die Höhlung, und nur die Umwallung des Ringes leuchtete aus der Nacht hervor. In Terrassen senkte sich die zerklüftete Umwallung des hohlen Zahnes zur Ebene nieder. Ungeheures Geröll füllte weithin die Gegend, mächtige Risse und Schrunden, in denen wohl vor unvorstellbaren Zeiten Gletscherbäche niederbrausten von den hohen Spitzen, zerrissen die mehr als dreitausend Meter emporsteigenden steinernen Kränze des Kraterringes, der mehr als sechzig Kilometer breit war.

Und jetzt flimmerten plötzlich drei Sterne im Zentrum des von der Nacht erfüllten Kessels! Die Sonne war eben über die Umwallung herübergestiegen, und ihre Strahlen trafen nun die äußersten Spitzen der drei Bergkegel, die da im Innern des Kraters Eratosthenes gleich gigantischen Säulen standen.

Schatten krochen langsam über Ebenen hin, Licht fiel in die Nacht tiefer Abgründe, silberne Zinken blitzten auf in geheimnisreichen Finsternissen, Risse im Gestein 263 wurden erkennbar, in tausend Einzelheiten drang der Blick, die kein Mondatlas der Welt wiederzugeben vermochte. Aber wie auch immer Licht und Schatten sich ablösten, aufhoben, ineinanderkrochen, tot, tot, entsetzlich trostlos und öde blieben diese Landschaften. Man sah in das unbewegliche, ewig gleiche, knöcherne Antlitz eines Totenschädels, den im tiefen Gewölbe eines uralten Klostergrabes ein Sonnenstrahl trifft, der sich durch vom Bohrwurm zerfressene Bretter drängt. – –

Der Deutsche lehnte sich zurück und legte die Hand über die Augen, geblendet vom Sonnenlicht, das eine ferne Welt durchflutete.

»Nun, haben wir Ihnen zuviel versprochen?!«

»Ich sah nie Großartigeres! Man glaubt mit einem Luftschiff über der Mondwelt dahinzuschweben, so greifbar deutlich liegen die stillen Landschaften vor Augen!«

»Gestatten Sie mir nun, Ihnen nur eine von den Stellen zu zeigen, die den Eindruck machen, als liegen hier zerfallene Reste einstiger großer Bauwerke vor uns! – Einen Augenblick nur, wenige Handgriffe und eine kleine Neigung des spiegelnden Prismas genügen, um uns jene Gegend in das Gesichtsfeld des Instrumentes zu bringen! – – Schon sind wir am Ziel!

Schauen Sie hierher! Sie blicken in die tiefe Senke des ›Mare Nubium‹, des ›Wolkenmeeres‹. Hier dieser Krater, halb mit Schatten erfüllt, ist Nicollet, und nun sehen Sie hier wenige Kilometer nördlich ein seltsames, gleichmäßig geformtes Dreieck, das sich, wie aus weißen Gesteinen erbaut, aus der Ebene erhebt. Es sind ganz niedrige Wände, kaum dreißig Meter hoch. Sehen Sie dieses Dreieck?« 264

»Mit größter Deutlichkeit!«

»Gut! So blicken Sie auf seine Ecken! In allen Ecken erheben sich turmartige Aufbauten, vollkommen regelmäßig. Man kann kaum glauben, daß es ein Werk der Natur ist. – Wenn Sie nun aber die südliche Mauer genau betrachten oder ihren Schatten, so erkennen Sie, daß da ganz gleichmäßige Zacken sind. Das Ganze macht den Eindruck einer mächtigen steinernen Treppe. Aber nördlich dieser Treppe liegt in dem großen Dreieck ein kleineres, und quer durch das Ganze führt ein ummauerter Weg da hinein, an den sich ein genaues Viereck anschließt, das den Eindruck macht, als sei es die Umwallung eines Hofes, oder als seien dort die Grundmauern eines in Schutt gefallenen hohen Gebäudes sichtbar. Daneben erkennen Sie wieder eine gezackte Treppe, und wieder führen zwei Wege schnurgerade darauf zu, die alles miteinander auf kürzestem und bequemstem Wege verbinden.«

»In der Tat, ein merkwürdiger Anblick! Das sieht wie eine planvolle Anlage aus. Kein Zweifel!«

»Und wenn Sie nun scharf hinblicken, dann wird Ihnen auffallen, daß das alles wie von einer Glasscheibe überdeckt ist. Man sieht diese ganze Anlage durch irgendein fast durchsichtiges Medium hindurchscheinen. Zuweilen spiegelt sich die Sonne einen Augenblick darin. Nun, ich behaupte, daß diese Anlage, oder was es nun ist, unter einer dünnen, durchsichtigen Eisdecke liegt, daß es sehr wohl noch Wasser auf dem Monde gibt, wenn auch infolge der großen Kälte gefroren. Wenn die Sonne über diesen und anderen Landschaften aufgeht, wird ein feiner Nebel sichtbar, den die Sonnenwärme hier 265 erzeugt, und wenn das Tagesgestirn sinkt, glaubt man, ein schwaches Wölkchen über der blinkenden Fläche schweben zu sehen!

Ich habe Ihnen eine ganze Mappe solcher verdächtigen Mondorte zusammengestellt. Da oder dort werden Sie finden, was Sie zu finden hoffen auf dieser Welt, die wir so gut zu kennen glauben, und die dennoch voller Fragezeichen ist!«

Baumgart erhob sich. Er drückte den Herren die Hände:

»Ein unvergeßlicher Augenblick! Ich danke Ihnen. Sie haben Großes hier geleistet, und man wird erst jetzt anfangen, wirklich Einzelheiten unserer Nachbarwelt kennenzulernen. Was wir bisher sahen, waren die großen Umrisse!«

Die drei Männer wanderten zurück, stiegen den Hügelweg aufwärts, den Gebäuden der Sternwarte zu.

»Wann werden Sie nun abfahren?«

»In vier Tagen. Heute wird Standerton-Quil mit den Umbauten fertig. Ich will zur Zeit des ersten Viertels auf dem Monde eintreffen, wo die Licht- und Schattengrenze durch mehrere dieser Landschaften geht, die auch nach Ihrer Ansicht am ehesten Spuren früherer menschlicher Tätigkeit erkennen lassen. Wir werden also am 11. Oktober mittags abfahren. Der Regierung ist dieser Termin bereits mitgeteilt. Seine Hohen Ehren der Präsident und das ganze Staatsministerium werden zugegen sein. Ich hätte gewünscht, alles ginge in tiefster Stille am frühen Morgen vor sich, ohne Aufsehen, ohne Lärm und Feierlichkeit, doch muß ich mich wohl fügen.« 266

»Sie werden dreißig bis einunddreißig Tage unterwegs sein?« fragte Voorthuizen.

»Ganz recht! Am 10. oder 11. November werden wir bei dem freundlichen Gestirn der Nacht eintreffen. Der Mond zeigt dann das erste Viertel und steht bei dem Stern Delta im Sternbilde des Steinbocks. Auf dieses leuchtende Ziel werden wir unverwandt zusteuern, es wird das Leuchtfeuer sein, dem unser Raumschiff entgegenstrebt, um nach dreißig Tagen dort mit dem Monde zusammenzutreffen.«

»Wir haben alle Vorbereitungen getroffen, um Ihren Flug zu verfolgen,« sagte Ben-Haffa. »Solange Sie außerhalb des Schattens der Erdkugel bleiben, können Sie uns nicht entgehen. Auch Ihre Nachrichtenzylinder wird ein ständiger Ueberwachungsdienst kaum übersehen. Vorausgesetzt, daß Sie die originellen Briefposten pünktlich abwerfen, läßt sich ja ihr Eintreffen bis auf wenige Minuten vorausberechnen!«

»Meine Herren, ich muß scheiden! Die Zeit ist um. Auf einen Augenblick muß ich Madame Effrem-Latour die Hand zum Abschied geben, wie ich versprochen. Fast fürchte ich, es ist zu spät geworden. Schneller als ich vermutet, brach die Dunkelheit herein!«

»Oh, es ist keineswegs spät für Besuche nach unseren landesüblichen Begriffen, mein Freund! Sie müssen bedenken, daß hier die frühen Morgenstunden und die Stunden bis Mitternacht die schönsten sind. Zur Zeit der Mittagshitze ruhen wir und genießen Morgen und Abend! Madame würde sehr böse sein, wenn Sie an ihrem reizenden Häuschen, tief versteckt im Hain von Zadphe, vorübergingen. In wenigen Minuten sind Sie 267 dort. Da drüben, wo die Straße abzweigt, sehen Sie den dunklen Hügel, und hinter ihm liegt der Hain. Mein Schnellwagen bringt Sie in einer Viertelstunde an Ihr Ziel! Ebenso schnell gelangen Sie von dort wieder mit dem Wagen der Madame zum Flughafen und können kurz vor Mitternacht mit dem schnellen Luftsegler der Kairo–Chartum–Sansibar-Linie abfahren.«

»So leben Sie wohl, Herr Ben-Haffa! Wenn wir uns wiedersehen, werden wir Tage und Nächte zu plaudern haben von Dingen, die bisher niemand sah!«

Ben-Haffa trat auf den Deutschen zu. Er ergriff seine schmale Hand und hielt sie lange. – Der Mann hatte sein Herz gewonnen. Vieles zog ihn zu diesem stillen, sympathischen Menschen mit seiner rührenden Bescheidenheit. Und plötzlich überkam ihn eine Art Rührung, und sein heißes Blut ging mit ihm durch. Er legte seine Arme um den schlanken Mann und sagte mit ernster Stimme:

»Die Wege der Welt sind dunkel, mein Freund! Meine heißen Segenswünsche sind bei Ihrem Werk, aber es ist ein Wagnis kühnster Art! Wir sind Männer und sollen das Sorgen und Klagen den Weibern überlassen! Dennoch! Seien Sie versichert, daß hier ein Freund Ihrer harrt und um Sie sorgt! Und nun, unser aller Herr sei mit Ihnen!«

Er gab Johannes Baumgart frei. Der sagte kein Wort, aber er drückte die Hand des vortrefflichen Mannes stark und herzlich.

Voorthuizen geleitete ihn bis zum Ausgang, wo der Schnellwagen bereitstand. Wenige Minuten später fuhr der Deutsche durch den lauen Abend dahin auf 268 schweigender Landstraße, die kreidig im hellen Licht des Mondes leuchtete.

In der Ferne schimmerten die Lichter der Stadt. Vor ihm wuchsen sanfte Hügelketten empor, aus Büschen am Wege dufteten balsamisch Nachtgewächse. Dann und wann flog ein Vogel erschreckt empor, verschwand mit seltsamen Lauten in den dunklen Feldern.

Die Straße ging an den Steinbrüchen von Turra vorbei, kam hier den ruhigen Wassern des Nils bis auf wenige hundert Meter nahe. Im Mondenschimmer leuchtete der Fluß, an dessen Ufern seit Jahrtausenden alte Kulturvölker aufblühten und versanken. – Bei den Hügeln von Massarah bog der Wagen ab. In der Ferne sah man die dunklen Baumgruppen des Hains von Zadphe.

Ein merkwürdig beklemmendes Gefühl, von dem er sich selber keine Rechenschaft zu geben vermochte, stieg in dem deutschen Forscher auf. War es die eigenartige Landschaft am Nil, war es die mondbeglänzte Nacht, die Einsamkeit ringsum? . . . Er wußte es nicht.

In seiner Brusttasche fühlte er den Brief der schönen Chadija. Hunderte von Glückwünschen waren nach der so trefflich gelungenen Probefahrt für ihn im Hause Hawthorns eingelaufen . . . Chadija Effrem-Latour hatte ein ganz kleines Kärtchen gesandt, in einem schmalen Briefumschlag von seltsamer Zeichnung, dem ein fremdartiger, zarter Duft entströmte. Nur wenige Zeilen enthielt das Blatt:

»Mein Freund!

Soll ich tote Buchstaben aneinander reihen, um Ihnen zu sagen, wie froh ich bin, daß all Ihre Erwartungen sich 269 erfüllten?! Geschriebene Worte sind vertrocknete Blumen! – Ich werde Sie sehen, wie Sie es versprachen, und erwarte Sie. Nein, mehr als das: Ich warte auf Sie! – –

Chadija Effrem-Latour.«

Nur ungern hatte er sich zu dieser Reise entschlossen. Nur ungern ließ man ihn ziehen im Hause Hawthorn. Wenige Tage nur verblieben bis zum Antritt der Fahrt ins Land der tausend Möglichkeiten. Hawthorn versuchte, ihn zurückzuhalten. In Elizabeths traurigen Augen sah er die Enttäuschung, aber sie schwieg, schwieg in dem Gefühl, daß diese letzten Tage dem Manne nach eigenem Entschluß gehören mußten. –

Er konnte nicht bleiben! Die Besprechung mit den Herren der Sternwarte zu Kairo erschien Johannes Baumgart von großer Wichtigkeit und noch wichtiger die Betrachtung jener für seine Reise richtunggebenden Landschaften des Mondes, in denen die Männer dort mit ihrem Riesenspiegel merkwürdige Besonderheiten erkannt hatten. – Ein kurzer Besuch bei der Frau, die so temperamentvoll in seine Pläne eingegriffen, ließ sich dabei nicht umgehen.

Und dennoch fühlte er eine sich steigernde Erregung bei dem Gedanken, der eigenartigen Frau in ihrem Besitztum gegenüberzutreten. Eine fast törichte Nervosität, gegen die er vergebens ankämpfte, überfiel ihn. Kurz vor dem Ziel hätte er beinahe den Lenker des Wagens gebeten, umzukehren. Aber schon verlangsamte der die Fahrt. Die Straße bog hier ab in einen kleinen Seitenweg, den hohe dunkle Bäume in tiefen Schatten setzten. 270 Eine langgestreckte weiße Mauer wurde im Mondlicht sichtbar, hinter der fast schwarz ein dichtes Baumgewirr in das grünliche Blau des nächtlichen Himmels ragte.

Der Wagen hielt.

»Sie sind am Ziel, mein Herr« – sagte der Lenker. »Diese Mauer umschließt den Hain Zadphe. Die Pforte muß kaum hundert Schritt von hier zur Linken liegen!«

Baumgart dankte und schritt voraus. Der Wagen wendete, brauste davon. Eine Weile noch hörte man ihn in der Ferne summen, dann war es still, und der Deutsche schritt über den leise rieselnden weichen Sand längs der kreidig leuchtenden Mauer dahin. Irgendwo sang eine Nachtigall. Dann und wann rauschte ein Windzug in den Wipfeln, und das geschwätzige Flüstern eines nahen Baches wurde vernehmbar.

Ganz plötzlich trat aus dem Dunkel des Baumganges eine weiße Gestalt. Unhörbar schritt sie auf dem weichen Sande daher.

Der Deutsche blieb stehen.

»Sind Sie es, mein Freund?«

»Madame Effrem!!«

Zwei Hände streckten sich ihm entgegen, und eine gedämpfte Stimme sagte in tiefer, zurückgedrängter freudiger Erregung:

»Willkommen, oh willkommen im Hain Zadphe! Ben-Haffa kündigte mir Ihren Besuch vor zehn Minuten an. Ich wußte, daß Sie kommen würden, und wartete auf Sie hier an der Pforte, bis ich den Wagen summen hörte! Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind! – Nein, lassen Sie uns zurückgehen bis zu der kleinen Tür, die mitten hineinführt in dieses stille, weltabgeschiedene 271 Heim. Geben Sie mir Ihren Arm, ich führe Sie durch dieses dunkle Gewirr. Hören Sie das kleine Bächlein uns zur Seite? Gleiten Sie nicht aus; eine schmale Holzbrücke führt uns hinüber!«

Fast unhörbar wandelten beide durch die Finsternis. Nun trommelte der Schritt dumpf auf den Bohlen des kleinen Bachsteiges. Im Mondenschimmer wurde eine Oeffnung in der weißen Mauer sichtbar. Chadija schritt voran, ihren Besucher an einer Hand hinter sich herführend. Der Hain von Zadphe nahm sie in seine dunklen Baumgänge.

Zur Seite flüsterte das Bächlein. Ein fremdartiger Duft stieg aus den Büschen. Leise rauschte das Kleid der schönen Frau, und noch immer sang unweit die Nachtigall ihr Lied.

Die Bäume standen still und hoch. Droben war nur ein schmaler Streif des nächtlichen Himmels sichtbar; ein paar Sternlein blinkerten aus der reinen Höhe nieder. Nun sah man links und rechts zwischen den Bäumen undeutlich uralte, seltsam geformte Grabsteine aufleuchten. Wenige nur standen noch, viele lagen zertrümmert übereinander, vom Moos bewachsen.

»Was ist das Leben, mein Freund! Was ist Glück? – Dieses Besitztum hat mir mein Vater hinterlassen. Hier sehen Sie überall die Spuren der Vergangenheit, und durch die alten Baumgruppen seufzt die Erinnerung an vergangene Liebe und vergangenes Leid. In diesem Hain stand einst der entzückende kleine Sommerpalast des Kalifen Selim. Noch können Sie unter dem Efeugerank die Trümmer sehen. Hier wohnten die zehn Lieblingsfrauen des großen Fürsten und Kriegers, die ihn liebten, 272 wie die Blumen das Licht. Er zog ins Feld und ward erschlagen. Als die Diener die Nachricht brachten, überfiel Verzweiflung die Frauen. Sie töteten sich am selben Tage bei Sonnenuntergang, und jene Grabsteine ringsum stehen auf ihren Gräbern. Nun singt die Nachtigall da in den alten Bäumen von Liebe, die blutig endete!«

»Das Glück, Madame, ist eine flüchtige Welle. Wer sich von ihr emportragen läßt, weiß, daß hinter ihr das Tal liegt, in das sie münden muß. Ist nicht die ganze Erde ein einziger Grabstein, mit ihrer Jahrhunderttausende alten Geschichte?!«

»Lassen Sie uns eintreten in diese kleine Laube. Ich habe Ihnen hier Erfrischungen hergestellt und bitte Sie, mir die wenigen Stunden zu schenken, die Ihnen noch bleiben. – – Mein Freund! Eine Stunde, die nie wiederkehrt, ist kostbar in diesem kurzen Sein! Einmal nur im Jahr singt auf Rosenhecken die Nachtigall! Fühlen Sie die stille Schönheit dieser Mondnacht . . . trinken Sie all das in durstigen Zügen in sich hinein, denn . . . niemals, niemals kehrt es zurück. Hinter Ihnen versinkt die Welt! – –«

»Sie sind melancholisch, Madame Effrem, sind bedrückt!«

»Oh, nichts davon, mein Freund! Lassen Sie uns nicht sprechen von dem, was in all diesen Wochen in mir vorgeht! Es ist zu spät! Zu spät! Ein furchtbares Wort! Nur dieses eine kleine, kurze Leben zu haben, zu wissen, daß dahinter die lange Nacht kommt, und erkennen zu müssen, daß man am Scheidewege falsch beraten war, – vielleicht auch andere falsch beraten hat . . .« 273

»Wir tun, was wir müssen! Nichts ist Zufall in der Welt und alles verknüpft durch unsichtbare Fäden, zart und fein, die wir dennoch nicht zerreißen können! – Sie sind in Sorgen, in Aengsten . . . ich wünschte sehr, Ihnen helfen zu können!«

»Sie könnten es und können es doch nicht! Ein großer Entschluß wäre nötig, ein Opfer . . . das Opfer, sich nicht zu opfern!«

»Ich suche vergebens den Sinn Ihrer Worte zu deuten!«

»Lassen wir es ruhen, mein Freund! Deuten Sie nicht! Vergessen wir das Morgen. Und nun reichen Sie mir Ihre Hand, daß ich sie halte, denn es ist das letztemal!«

»Ich denke, wir werden uns noch oft sehen in der Zukunft!«

»Nie mehr! Wenn die Pforte dieses Haines sich hinter Ihnen geschlossen haben wird, betrauere ich einen Toten!«

Chadija Effrem-Latour erhob sich, trat dicht an die Seite des vor ihr sitzenden Mannes. Ein Mondstrahl fiel über ihr Gesicht. Er sah die großen, glänzenden Augen auf sich gerichtet, ein geisterhafter Zug lag in dem nun blassen Gesicht, als die schöne Frau mit tiefer Bewegung und feierlichem Ernst sagte:

»Es gibt Stunden im Leben, da wir sehend werden und einen Augenblick den Schleier heben dürfen von Bildern der Zukunft. Ist es grausam, mein Freund, wenn ich Ihnen sage: Schließen Sie ab mit dem Tagebuche Ihres Seins! Lauschen Sie noch einmal auf den Sang der Nachtigall, atmen Sie noch einmal diesen 274 balsamischen Duft der zaubervollen Nacht und trinken Sie den Becher, der ein einziges Mal nur noch gefüllt mit goldenem Wein vor Ihren Lippen funkelt, denn dahinter« . . . sie machte eine müde Bewegung mit ihrer weißen Hand – »dahinter liegt die lange Nacht!« – –

Der Mond glitt über die alten Leichensteine dahin. Lange Schatten krochen über den weißen Sand der engen Gartenwege, und eine tiefe Stille lastete über dem Hain von Zadphe. – – –


Um Mitternacht hörte man hoch droben in der Luft ein melodisches Summen. Das große Passagierflugzeug der Kairo–Chartum–Sansibar-Linie rauschte gen Süden. Einer der vorausbestellten Plätze war leer. – 275

 


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