Bruno Hans Bürgel
Der »Stern von Afrika«
Bruno Hans Bürgel

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6.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Standerton-Quil endlich erwachte. Er reckte seine mächtigen Glieder, gähnte laut und behaglich und richtete sich langsam auf. So gut hatte er lange nicht geschlafen. Ich werde solche Reisen mit der Granate als Heilmittel gegen Schlaflosigkeit empfehlen, sagte er gut gelaunt. Freilich eine zurzeit noch teure Medizin, aber in einem Vierteljahrhundert werden die Leute ebenso ihre Granate in der Garage stehen haben wie heute das Propellerflugzeug oder den elektrischen Schnellwagen.

Kein Zweifel, diese neue große Fahrt mit hohen Regierungsvertretern in das Eisgebiet des Nordens würde stark dazu beitragen, das neue Verkehrsmittel populär zu machen. Hawthorns Werke würden endlich nach so außergewöhnlich hohen Kosten und langwierigen Modellbauten und Versuchen Früchte reifen sehen.

Er wandte sich um nach der Uhr. Da fiel sein Blick auf den Fernsprecher. Die grüne Lampe brannte! Seit Stunden vielleicht. Man hatte angerufen. Beim Himmel, es war gleich Mittag!

Mit einem Satz war der Ingenieur aus dem Bett. Er trat an den Apparat, drückte den Knopf des Fernsprechphonographen, der statt seiner die Meldung entgegengenommen hatte. Der Mechanismus schnarrte und rief 133 mit heiserer Stimme die in die Wachswalze eingegrabenen Worte:

»Usambaranit-Werke Kapstadt riefen an 13. Juni, morgens 9 Uhr. Gegenanruf schnellstens erbeten!«

»Das hätte ich glücklich verschlafen. Was mag der alte Hawthorn wollen? Nun, wir werden es gleich haben!«

Ohne erst lange Zeit auf die Vervollständigung seiner Toilette zu verschwenden, machte sich Standerton-Quil daran, die Verbindung mit Kapstadt zu erlangen. Dann stürzte er in den Nebenraum, verschwand unter dem rauschenden Wasserschleier der Brause, prustete wie ein Walroß, rieb die stählernen Glieder, bis er einer Rothaut glich, strich mit dem Kamm durch das kurze Borstendickicht seines Haares und fuhr in die Kleider. Ujam, sein kleiner flinker Bursche, kam mit dem Morgenimbiß, und als der Ingenieur eben den ersten Schluck Tee durch die Kehle rinnen ließ, glühte die grüne Lampe wieder auf.

»Hallo!«

»Sind Sie da, Standerton?«

»Leibhaftig, Herr Hawthorn!«

»Seit zwölf Stunden bin ich auf Ihrer Spur, Mann, wo haben Sie gesteckt?!«

Der Ingenieur lachte ein dröhnendes Lachen.

»Sie wissen, daß ich die Granate mit Staatsrat Ismail Tschack nach dem Norden fuhr! Ich war todmüde. Kaum zurück, erwies sich eine neue Fahrt nach Rom nötig. Ich kam in später Abendstunde heim, habe geschlafen wie ein Toter und bin vor zehn Minuten erwacht!«

»Und ging die lange Fahrt nach dem Norden ordnungsmäßig vonstatten? Kein Versagen der Steuerung und so weiter?« 134

»Alles lief wie auf Rädern. Nur die Stöße sind noch immer etwas heftig. Es empfiehlt sich, die Explosionspillen noch kleiner zu machen und mehr Explosionen in der Sekunde zur Wirkung zu bringen, das würde die Gleichmäßigkeit des Fluges erhöhen, die Stöße vermindern.«

»Wir sprechen noch darüber! Aber nun, Standerton, hören Sie genau her. Es ist etwas im Werke von größter Tragweite. Ein Plan von unerhörter Bedeutung. Ich kann hier nicht darüber reden. Die Ausführbarkeit hängt sehr wesentlich von Ihrer Mitwirkung ab. Vor allem gilt es, hierherzukommen, den Plan zu hören, Ihr Urteil abzugeben und Ihre Mitwirkung zuzusagen, wenn Sie der Ueberzeugung sind, daß er zu verwirklichen ist. Wir müßten uns dann sofort mit der Regierung in Verbindung setzen. Also! Können Sie kommen, und wann? Je schneller, je besser!«

»Sie machen mich neugierig. Das scheint ja etwas ganz Aufregendes zu sein!«

»Sie werden staunen! Also wann kommen Sie?«

»Ich wollte freilich übermorgen vormittag der großen Sitzung des Zentralrates beiwohnen, aber wenn es so bedeutungsvoll ist . . . Ein technisches Problem ist mir noch allzeit lieber gewesen als die schönsten Parlamentsreden. Nun komme ich allerdings vor Abend hier nicht fort. Es ist mancherlei liegengeblieben in diesen Tagen. Dann schnell noch einige Augen voll Schlaf, und gegen Mitternacht würde ich aufbrechen. Nehme ich eine der kleinen Granaten, so kann ich gegen Mittag dort sein. Wir haben Mondschein, das gibt eine treffliche Fahrt über den Südzipfel unseres glorreichen Landes, und ich zweifle nicht, daß mein alter Kowenkott, der tüchtigste Maschinist, den 135 Afrikas Sonne bescheint, das eiserne Pferd mit Vergnügen aus dem Stall ziehen wird, denn ›je abenteuerlicher, je besser‹ ist sein Wahlspruch. Er ist mir sowieso böse, daß ich ihn nicht zu der Nordfahrt mitnahm.«

»Vortrefflich! So werden wir also morgen bei mir zu Mittag speisen! Richten Sie sich aber auf ein paar Tage ein, Standerton; es gibt vieles zu besprechen. Und nun will ich Sie nicht länger aufhalten. Auf Wiedersehen!«

»Auf Wiedersehen also!«

Die grüne Lampe erlosch. –

Mit dem Frühstück pflegte sich Standerton-Quil nie lange aufzuhalten, diesmal aber stürmte er schon nach der ersten Tasse Tee an dem verwundert dreinschauenden Ujam vorbei, der ihm Stock und Hut brachte. Er fuhr dem schwarzen Burschen schnell noch im Vorbeihuschen in die sorgsam frisierte Lockenfülle, warf ihm ein Päckchen Zigaretten zu und sprang in den niedergleitenden Fahrstuhl. Neue große Pläne! Das war etwas für ihn. Und groß mußten diese Pläne sein, denn Hawthorn regte sich so leicht nicht auf und ließ niemand eine Nachtreise von fast 4000 Kilometern machen, wenn es sich nicht lohnte.

Der Tag verging Standerton schneller als ihm lieb war. Kowenkott, den er gleich bei seinem Fortgange benachrichtigt, putzte auf dem großen Flugplatze mit liebevoller Sorgfalt das blinkende Geschoß, das wenige Stunden später im Mondschein hoch droben dahinschwirren sollte. Er untersuchte alle Maschinenteile aufs sorgfältigste, schob die langen Zinnbüchsen mit den winzigen Explosionspillen in den Automaten und säuberte die Ausschußrohre. Dann rollte er das Flugschiff in die Halle zurück, schloß bei Sonnenuntergang die Tore 136 und legte sich neben seiner geliebten Granate auf die Matratze, um noch einen kleinen Vorrat an Schlaf mitzunehmen. –

Mit dem Schlage zwölf klopfte Standerton an das Tor. Er spannte die Karte in den Fahrtanzeiger, prüfte den Kompaß, die Akkumulatoren für die Beleuchtung und rollte mit Hilfe Kowenkotts das Fahrzeug auf dem schrägaufwärts gerichteten Abfluggestell ins Freie. Zehn Minuten später ratterten sie wie ein Donnerwetter in die Luft hinaus, daß der Abflugwagen krachend in die weite Halle zurückrollte und aus den Schienen sprang.

Kopfschüttelnd sah der alte Wächter hinter dem schnell in der dunklen Höhe verschwindenden Geschoß her. Die Welt wurde immer toller! Keine zehn Pferde hätten ihn in dieses neue Ding hineingekriegt. Ihm genügte das alte gemütliche Propellerflugzeug; aber freilich, die Welt ging weiter, und das mußte ja wohl so sein. Als ein winziges Sternlein verschwand die Granate den Blicken des Alten. Brummend schloß er das Tor der Halle. –

In großer Höhe flog der seltsame Vogel dahin, einen zarten weißlichen Streif kleiner Explosionswölkchen hinter sich ziehend.

Standerton-Quil stand unbeweglich in seiner Führerkabine und schaute in die Nacht hinaus. Alles Licht war abgeblendet, die Sterne waren jetzt Wegweiser genug. Drunten lag das Land unsichtbar in tiefer Finsternis, nur da und dort kündeten schimmernde Lichtinseln die Lage großer Städte an. Im Osten verriet ein zartes Leuchten die ungeheure Fläche des Indischen Ozeans. Geradeaus, in einem Kranz von Bergen, flimmerte das langgestreckte Becken des Njassasees. 137

Ein seltsam zartes Glühen lag in der Höhe, da und dort trieben feine violette Schleier. Es waren Staubmassen, die durch Beugungen des Sonnenlichtes am Rande der Erdkugel selbst jetzt noch von den Sonnenstrahlen getroffen wurden. Die Sterne hatten einen satten grünen Ton angenommen. Sie glichen Smaragden in unerreichbaren Fernen. Dann hellte sich im Osten der Himmel am Horizont, der abnehmende Mond stieg wie ein leuchtender Kahn aus dem Nebel der Ebene. Wie Geisterreigen wallte und wogte es tief drunten. Da und dort glitzerte der Spiegel eines Sees, eines Flußlaufes. Bergzüge warfen lange Schatten, weite Wälder wuchsen schwarz aus nebligen Gründen. Gegen vier Uhr morgens wurde das breite Silberband des mächtigen Sambesi sichtbar, und das Flugschiff ratterte über den weißschäumenden Wassermassen der Viktoriafälle dahin.

Der erste Sonnenstrahl blitzte durch das Ausguckfenster der kleinen Kabine, als die Granate über die einsame Kalahari hinwegglitt. Bald darauf schaute man in das zerklüftete, von tiefen Schatten erfüllte zerwühlte Ameisennest der Diamantgruben von Kimberley, und in der Ferne stieg der mächtige Gebirgskranz auf, der wie ein ungeheurer Steinwall das Festland des riesigen Weltteiles gegen das ewig andrängende Meer verteidigt.

Fast in gerader Linie hatte Standerton-Quil sein Fahrzeug gesteuert. Der gute Kowenkott hatte nur wenig Steuerungsschüsse anbringen können. Als um Mittag die Redakteure des »African Herald« müde auf dem himmelhohen Dache ihres Zeitungspalastes hindämmerten, weckte sie das Dröhnen der Explosionen des Usambaranits, und ihre blinzelnden Augen sahen in der Ferne das 138 blinkende Geschoß daherflirren. Wenige Minuten später senkte sich Standertons Fahrzeug im Osten der Stadt, jenseits der Eisenbahn, wo der große Flugplatz der weltberühmten Werke dem Landen jede Bequemlichkeit bot. –

Hawthorn saß an seinem mit Papieren aller Art überlagerten Schreibtisch, als er das Knattern der Usambaranitgranate hörte. Kein Zweifel, das war Standerton-Quil. Der alte Bursche kam mit der Pünktlichkeit, die dieser Fleisch gewordenen Maschine eigen war. Hawthorn trat auf den Balkon, um den die Kronen der Silberbäume rauschten. Richtig, da schwirrte eines der glitzernden Dinger heran. Er erkannte am Bau, daß es der kleinere Typ »Sekundus« war. Ein befriedigtes Lächeln glitt über seine Züge. Die mühseligen jahrelangen Versuche, die gewaltigen Kosten hatten doch endlich Früchte getragen. Sein Werk hatte das Verkehrsmittel des Jahres Dreitausend geschaffen, ein Verkehrsmittel, dem die Zukunft gehörte, von dem man in der ganzen Welt sprach. Und wenn sich wirklich der Plan dieses eigenartigen Deutschen verwirklichen sollte, wenn wirklich von dieser Stelle aus zum ersten Male ein Mensch hinausfliegen sollte in die Sternenräume . . ., eine neue Epoche in der Geschichte der Menschheit brach dann an, wurde ermöglicht durch die Erfindung der Usambaranit-Granate, an der der Name Hawthorn glänzen würde bis zu den fernsten Tagen!

In diesem Augenblick kam seine Tochter mit dem interessanten Gast drüben durch die Baumallee. Hawthorn winkte hinüber. Wie die jungen Leute so einträchtig in erregtem Gespräch nebeneinander herschritten, fand er, daß sie gut zueinander paßten. Nun . . . man würde sehen! 139 Warum nicht? Beide schienen Interesse füreinander zu empfinden, und was Gott gefügt, das soll der Mensch nicht trennen!

Elizabeth schwenkte eine Zeitung. Als sie in Hörweite war, rief sie herüber: »Vater, eine peinliche Angelegenheit! Herr Baumgart hat mit dir zu sprechen!«

Der kam mit etwas mißmutigem Gesicht einen Schritt hinterher. Er zog respektvoll den Hut, aber es war unverkennbar, daß eine gewisse Zurückhaltung in seinem Wesen lag.

Hawthorn horchte auf.

»Was sind das für Peinlichkeiten, mein Kind?«

»Indiskretionen, Vater! Dürfen wir sofort zu dir? Die Angelegenheit bedarf einer schnellen Klärung.«

Hawthorn stutzte. Was war das? »Bitte, ich stehe Herrn Baumgart und dir sofort zur Verfügung; darf ich bitten, heraufzukommen!«

Indiskretionen? Was konnte das sein? Doch hoffentlich nicht über wichtige Dinge, die sein Werk betrafen. Aber sagte Elizabeth nicht, daß dieser Herr Baumgart . . . Er schien übrigens mißgestimmt . . . Sollte das gar mit dem Plan des Deutschen zusammenhängen? Nun, er hatte auf alle Fälle mit Indiskretionen selbst nichts zu tun. Wer konnte auftreten und einem Hawthorn auch nur die geringste Unlauterkeit vorwerfen?

Es klopfte.

»Ich bitte!«

»Guten Tag, Vater!«

»Guten Tag, mein Kind! Guten Tag, Herr Baumgart! Ich hoffe, der Spaziergang hat Ihnen Freude gemacht. Ich merke aber auch, daß Sie ein wenig verstimmt sind. 140 Bitte, setzen Sie sich. Und nun, was ist das, mein Kind, mit den Indiskretionen?«

»Hier, Vater, bitte lies!«

Hawthorn nahm seiner Tochter die Morgennummer des »African Herald« aus der Hand. In Riesenlettern stand da am Kopfe:

Sensationeller Plan eines ausländischen Gelehrten zur Errettung der Menschheit. – Die Fahrt zum Monde. – Hilfe von den Mondbewohnern. – Die Hilfe unserer Regierung erbeten! – Der Forscher in Kapstadt eingetroffen!

»Was ist das?«

Hawthorn ließ sich mit gefurchter Stirn in seinem Sessel nieder.

»Bitte, lies hier, Vater. Herr Baumgart sagt, daß die ganze geheime Unterredung, die er am Tage seines ersten Besuches mit dir hatte, hier in gekürzter Form, zwar etwas entstellt und ohne Sachkenntnis, wiedergegeben ist, aber doch deutlich erkennen läßt, daß die Quelle der Veröffentlichung unbedingt hier liegen muß!«

Hastig überflog der Direktor der Usambaranit-Werke die Ausführungen des Blattes. Die Falten auf seiner Stirn wurden immer tiefer, aber es lag auch ein stolzer, energischer Zug auf seinem Gesicht, als er das Blatt sinken ließ und zu seinem Gast trat.

»Herr Baumgart, ich stehe vor einem Rätsel. Es bedarf wohl keiner weiteren Versicherung, wenn ich Ihnen mein Wort gebe, daß ich keine Ahnung habe, wie der Plan, den Sie mir anvertrauten, in dieses Blatt kommt, und daß ich selbstverständlich mit niemandem, nicht 141 einmal mit meiner Tochter, über die Gedanken, die Sie mir mitteilten, sprach. Auch in meinem Ferngespräch mit Standerton-Quil, der übrigens soeben eingetroffen ist, habe ich die leiseste Andeutung vermieden. Das muß Ihnen genügen!«

»Das Wort eines Ehrenmannes genügt mir, Herr Hawthorn, aber Sie werden es begreiflich finden, daß mir die Tatsache der Veröffentlichung an sich und die geheimnisvollen Umstände im besonderen peinlich sind. Sie und Ihr Fräulein Tochter sind die einzigen Menschen auf diesem Erdteil, die eine Silbe von meinen Ideen wissen. Meiner beiden Freunde in Deutschland bin ich durchaus gewiß. Das Rätsel ist daher in der Tat beunruhigend, muß es auch für Sie sein, denn Ihre Wände sind undicht, und Sie sind schließlich nicht mehr sicher, daß irgendein wichtiges Fabrikationsgeheimnis Ihres Werkes nicht morgen auf den Straßen ausgeboten wird!«

»Sie haben recht! Es kann nur irgendein Lauscher sich die Sache zunutze gemacht haben, und ich werde eine scharfe Untersuchung der Angelegenheit veranlassen. Ich bedaure sehr, daß Sie in meinem Hause ein Aergernis betroffen hat, und werde das Meine tun, alle unangenehmen Folgen abzuwenden. Zunächst müssen wir versuchen, schleunigst Klarheit zu schaffen, ob wir hier vom technischen Standpunkt aus ein Gelingen Ihres Planes für möglich halten, und dann müssen Sie ohne Zögern, wenn möglich noch heut, der Regierung Ihre Vorschläge übermitteln.«

Baumgart erhob sich und schüttelte dem alten Herrn die Hand. »Ich danke Ihnen herzlich,« sagte er. »An sich ist ja durch die Veröffentlichung dem Problem kein 142 Schaden geschehen, doch muß es Ihrer Regierung als Taktlosigkeit erscheinen, wenn die Zeitungen eher von meinem Plan unterrichtet sind als sie selbst, die mir Unterstützung gewähren soll. Dann aber mag einem großen Teil des urteilsfähigen Publikums die sensationelle und oberflächliche Darstellung der Angelegenheit nicht sehr viel Vertrauen zu meinen Ideen einflößen!«

»Sehr wahr! Darin liegt eine Gefahr. Wir haben unter ähnlichen Stimmungen gelitten, als die Blätter die ersten Nachrichten über die Fluggranate brachten. Nun, mein Wort gilt immerhin einiges bei der Regierung, und wir werden dort schnell Aufklärung schaffen. Uebrigens steht Ihnen das Gesetz unseres Landes zur Seite, das gerade solche schädigende Indiskretionen unter erhebliche Strafe stellt. Aber wir dürfen auch nicht vergessen, daß der ›African Herald‹ eine große Macht bedeutet, die wir uns nicht allzusehr zum Feinde machen dürfen!«

Es klopfte an der Tür.

»Herein!«

Standerton-Quils imponierende Gestalt erschien im Türrahmen. Er erblickte Elizabeth und den fremden Herrn und machte seine Verbeugung.

»Herzlich willkommen, alter Standerton! Hier, verehrter Herr Baumgart, stelle ich Ihnen den Mann vor, von dem ich bereits zu Ihnen sprach. Von ihm hängt ein gut Stück des Gelingens Ihrer großen Idee ab. Er ist der Mitkonstrukteur des Granat-Flugschiffes und einer der hervorragendsten Ingenieure dieses Landes, zurzeit im Dienste der Regierung bei Erschließung der unterirdischen Wärmequellen.« 143

Johannes Baumgart schaute in das kühle, energische Gesicht des Mannes, der da stark wie ein Eichenstamm vor ihm stand. Dieses klare, scharfe Auge, dieser feste, entschlossene Zug um den Mund, die energische senkrechte Falte an der Nasenwurzel, die ruhigen, überlegten Bewegungen zeigten den Mann der Tat, der ohne jedes Sentiment die Dinge von der realen Seite prüfte, sie ruhig und entschlossen durchführte, wenn sie durchführbar waren, und sie ebenso ruhig und bestimmt ablehnte, wenn nichts mit ihnen anzufangen war. Und dieser Eindruck erfreute ihn. So mußte der Mann beschaffen sein, der die technischen Mittel für seinen Plan bereitstellte. Ein Schwärmer, ein Enthusiast wäre vom Uebel gewesen. Sein Plan war zwar nach allgemeinem Urteil phantastisch, aber um so kühler und sachlicher mußten die Männer sein, die das scheinbar übermenschliche Werk zur Ausführung brachten.

Die Männer reichten sich die Hände. Jeder suchte in des anderen Zügen Charakter und Können zu lesen.

»In Herrn Johannes Baumgart, der vor einigen Tagen aus Deutschland, der bekannten großen Landschaft in Nordeuropa, hier eingetroffen ist, sehen Sie den Mann vor sich, lieber Standerton, dessen kühne Idee uns nun einige Tage, vielleicht aber unser ganzes Leben beschäftigen wird. Einstweilen mag Ihnen genügen, daß Sie einen Gelehrten von großem Ruf vor sich haben, der sich besonders mit astronomischen, mit kosmischen Problemen beschäftigt. Seit zwei Tagen studiere ich sein großes Werk und die Denkschrift, die er unserer Regierung überreichen will, und Sie werden nachher Gelegenheit haben, das selbst zu tun, um sich ein Bild zu machen von dem, was hier 144 geschehen soll. Zunächst aber, denke ich, wird Elizabeth für unseren leiblichen Menschen sorgen. Der gute Standerton kutschiert seit Tagen da oben im Blauen herum und kommt nur ganz gelegentlich dazu, den festen Erdboden unter sich zu haben. Dieser seltene Moment muß gefeiert werden!«

Elizabeth reichte dem Riesen unbefangen ihre kleine, zarte Hand. Sie waren gute Bekannte, denn Standerton-Quil hatte viele Monate in dem Werk des Vaters gearbeitet, als die ersten Granaten im Bau waren. Er war fast täglich in diesem Hause zu Gast gewesen, aber es verband sie kein Interesse mit diesem Manne, dessen Hirn ein technisches Laboratorium war, dessen Herz seinen Maschinen und Modellen gehörte. Unwillkürlich verglich sie die beiden Männer, die da nebeneinander standen. So wie sie äußerlich Gegensätze bildeten, führten auch keine Brücken von Geist zu Geist. Aber sie begriff, daß der beängstigende Plan des Johannes Baumgart, dessen schreckliches Ende ihr die Vision auf dem Morgenspaziergange so grausam vorgespiegelt, wohl nur gelingen konnte, wenn das technische Können und die eisige Ruhe des hünenhaften Ingenieurs die Maschine zu bauen und zu führen vermochte, mit der diese unerhörte Reise ins Ungewisse unternommen werden sollte. Einen Augenblick schoß es ihr durch den Kopf, ihn zu bestürmen, ihn heimlich zu überreden, seine Hand nicht zu diesem Wagnis zu bieten, das einem Menschen von höchstem Wert ein Ikarus-Schicksal bereiten würde. Dann aber sah sie ein, daß es Wahnsinn gewesen wäre, einem Standerton-Quil mit ihren Mädchenängsten zu kommen. Er hätte sie nie verstanden, und nutzlos hätte sie dem Manne einen 145 Blick in geheimste und tiefste Regungen ihres Herzens geöffnet. –

Sie ging still hinaus, um den Tisch zu bereiten. – –

* * *

Ein schweres Unwetter stand über dem Kap. Der Sturmwind heulte vom Meere her über die Stadt, die Wolken hingen tief und blauschwarz nieder, und am frühen Nachmittag mußte überall das künstliche Licht des Himmels Helle ersetzen. Dann und wann rollte der Donner über die Erde hin, bis endlich ein rauschender Regen von großer Heftigkeit einsetzte und ankündigte, daß vorläufig die schönen Tage vorüber seien. Diese langanhaltenden schweren Regengüsse, denen beträchtliche Staubmassen beigemischt waren, kamen in letzter Zeit immer häufiger. Im nördlichen Europa waren sie an der Tagesordnung, und es war kein Zweifel, daß auch hier die kosmische Staubwolke, in der man dahintrieb, die Grundursache abgab.

Edward Hawthorn erschien im Zimmer des Hausmeisters.

»Lieber Brown, ich habe heute eine sehr wichtige Besprechung, die sich bis in die Nacht hinziehen wird. Ich bin für niemand zu sprechen, wer es auch sei. Ferner werden alle Fernleitungen ausgeschaltet. Notieren Sie die Anrufer, doch lehnen Sie jede Verbindung ab. Bringen Sie Herrn Kowenkott, den Maschinisten, gut unter, und sorgen Sie dafür, daß er jede Bequemlichkeit und Zerstreuung hat. Morgen will ich mich selber noch mit ihm unterhalten. Für heut muß er mich und Herrn Standerton entschuldigen.« 146

Der alte Brown nickte stumm. Er pflegte die Wünsche seines vortrefflichen Chefs mit unbedingter Pünktlichkeit auszuführen. Hawthorn stieg empor in sein großes Büro. Draußen rauschte der Regen, bog der Sturm die Bäume. Er schaltete das Licht ein, stellte Zigaretten und ein paar gute Flaschen bereit, rückte die tiefen Klubsessel um den großen runden Tisch und überflog dann noch einige eingelaufene Briefe.

Baumgart und Standerton traten Punkt vier gemeinsam ein. Der Ingenieur hatte die Denkschrift des Deutschen unter dem Arm. Er hatte sie – umwallt von den dichten Wolken seiner geliebten Pfeife – auf seinem Ruhebett mit wachsendem Interesse vom ersten bis zum letzten Buchstaben gelesen. In der Tat, das war ein verwegener, ein unerhörter Plan. Ihn durchführen hieß höchsten Ruhm ernten, das Spiel verlieren hieß das Leben verlieren. Es galt tausend Schwierigkeiten zu überwinden, die noch niemand vorher überwunden hatte, es galt alle, auch die scheinbar nebensächlichsten Faktoren mit kühlstem Blick zehnmal, hundertmal zu durchdenken. Was die Leute Mut nannten, war für Standerton-Quil eine Selbstverständlichkeit, aber leichtfertiger Uebermut war ihm verhaßt, denn er ist der Feind jeder großen Tat. Er mußte erst einmal alle näheren Umstände sorgsam in dieser kommenden Unterredung kennenzulernen suchen.

Ein unnötiges Wort wurde nicht gewechselt. Man nahm Platz, zündete sein Rauchkraut an, trank einen Schluck Wein, und ohne Umschweife kam Hawthorn zur Sache:

»Sie haben die Denkschrift unseres Gastes gelesen, Standerton?« 147

»Mit größter Aufmerksamkeit. Gestatten Sie mir, gleich eine Vorbemerkung zu machen, Herr Baumgart, die die Frage klärt, soweit ich in Frage komme. Ich bin ein Mann der Praxis. Ingenieur, sonst nichts! Alle Ihre Gedankengänge fasse ich nur aus diesem engen Winkel. Ob Ihre Theorie richtig ist, ob Ihre Spekulationen hinsichtlich der Dinge, die Sie auf dem Monde zu finden hoffen, richtig sind, ob die Menschheit wirklich einen Nutzen haben wird, wenn Sie Ihr Ziel erreichen, darüber habe ich kein Urteil, und manches davon interessiert mich auch sehr wenig. Für mich existiert nur die rein technische Seite der Angelegenheit. Wollten Sie nur ein Paket Nähnadeln auf dem Monde niederlegen, so würde ich meine Kraft genau so gut in den Dienst der Sache stellen, weil mich das technische Problem reizt, ob es möglich ist, mit unserem neuen Usambaranit-Fahrzeug diese Nachbarwelt zu erreichen. Selbstverständlich wird der Erfolg um so größer sein, je mehr die Menschheit von unserem Unternehmen profitiert, aber die technische Frage bleibt naturgemäß die gleiche!«

Baumgart lächelte. Der Mann sprach genau so, wie er es erwartet hatte.

»Ich danke Ihnen für die Klarstellung Ihrer Auffassung der Sache, Herr Standerton, und füge hinzu, daß ich mir nichts Besseres wünschen kann. Jeder muß in dieser schwierigen Angelegenheit das Seine tun, und ein technischer Leiter, der sich in astronomische oder philosophische Theoreme verlieren wollte, die er doch nur dilettantisch behandeln könnte, wäre nicht der Mann, den wir brauchen. Bauen Sie das Flugschiff mit Hilfe und Unterstützung des Herrn Hawthorn, führen Sie die 148 Maschine zu dem fernen Ziel, und überlassen Sie mir das andere.«

»Sehr schön! Aber nun gestatten Sie zunächst einmal eine Frage! Es ist überhaupt die Frage aller Fragen in dieser Angelegenheit: Wir wissen doch alle, daß der Weltenraum vollkommen luftleer ist, folglich auch kein Flugschiff zu tragen vermag. Sie sind sich doch wohl nicht im Zweifel darüber, daß das auch für unsere Granate zutrifft, wenn sie auch statt der saugenden Wirkung des Propellers mit der Kraft des Explosivstoffes dahinschießt. Die Tragflächen kann sie nicht entbehren, und diese müssen auf den Luftmassen wie auf Wellen dahingleiten. Der Weltenraum aber ermangelt dieser Luft.«

Johannes Baumgart lächelte. »Ich wußte, daß das Ihre erste Frage sein würde, aber Sie werden gleich sehen, daß wir trotz dieser Luftleere vorankommen werden!«

Hawthorn mischte sich in die Unterhaltung:

»Das ist natürlich auch in all diesen Tagen meine immer wiederkehrende stumme Frage gewesen. Wie wollen Sie das anstellen? Wollen Sie sich etwa mit der gewaltigen Sprengkraft des Usambaranits aus einer Kanone zum Monde schießen?«

»Keineswegs! Wir müßten diesem Geschoß eine Geschwindigkeit von etwa 10 000 Metern in der Sekunde erteilen, was auch heute noch nicht möglich ist. Aber selbst wenn es möglich wäre, wir Insassen der Kugel würden dabei zugrunde gehen, würden als Leichen in einem stählernen Sarge in den Raum hinausfliegen. Nein, nein, die Lösung des Problems liegt in anderer Richtung und ist so einfach, daß Sie sagen werden, wir 149 hätten selbst auf den Gedanken kommen müssen, wenn wir uns näher mit der Frage beschäftigt hätten.«

Standerton-Quil machte eine ungeduldige Bewegung: »So bitten wir also um die Lösung des Rätsels!«

»In einer Minute werden Sie es wissen! Wohl ist der Weltenraum luftleer und müssen wir darauf die größte Rücksicht nehmen bei unserer Expedition, aber wir bedürfen der Luft nicht, um diesen unbekannten Ozean zu durchfliegen. Die Reise, die wir vorhaben, ist nur in unserer Zeit möglich, sie war es vordem nicht und wird es nach Ablauf von etwa zwei Jahrtausenden wiederum nicht mehr sein, nämlich dann, wenn unser Sonnensystem aus der Nebelwolke ausgetreten ist. Diese den ganzen Weltenraum um uns her erfüllende Wolke von Gasen und Staubmassen ersetzt uns die tragende Luft, bietet den stählernen Tragflächen Ihrer Granate Halt und Widerstand. Zum ersten und vielleicht zum letzten Male hat der Bewohner der Erde Gelegenheit, einen Flug in den Raum hinaus zu unternehmen!«

Hawthorn und Standerton sahen sich an. Sie waren überrascht. In der Tat, hier war ein Weg, war eine Möglichkeit. Dieser Gedanke war ihnen allerdings nicht gekommen.

»Teufel« – sagte Standerton und sah mit unverhohlener Hochachtung in das Gesicht des Deutschen – »das ist eine glänzende Idee! Mein Kompliment und die Versicherung, daß ich mir ziemlich eselhaft vorkomme! Das hätte man sich freilich auch überlegen können!« 150

»Herr Baumgart, ich bin überrascht! Ihre Lösung ist ungeheuer einfach, und was Sie sagen, wirkt überzeugend!«

Der winkte fast verlegen ab. »Sie dürfen nicht übersehen, meine Herren, daß ich mich seit Jahren mit dem Gedanken beschäftige. Ich mußte wohl auf diese Lösung verfallen!«

»Nun ist ja allerdings die Materie dieser kosmischen Wolke wesentlich dünner als die Luft in den sonst von Flugzeugen befahrenen Höhen. Sind Sie sicher, daß ihre Dichte ausreicht?«

»Darüber liegen sehr sorgfältige Arbeiten vor, Herr Standerton. Wohl ist die Wolke weitaus dünner, und ein gewöhnliches Flugzeug fände zu geringen Widerstand, aber die Granate mit 500 Stunden-Kilometern Schnelligkeit kann sich in diesem Medium vorwärtsarbeiten. Sie allein kann es, und dieser Umstand führte mich zu Ihnen. Außerdem nimmt neuerdings die Dichte der Wolke zu. Wir nähern uns ihren Mittelpartien. Sie sehen das an der immer mehr zunehmenden Trübe der Luft, an dem immer stärker werdenden Purpurrot des Himmels nach Sonnenuntergang, an dem schwachen Leuchten des nächtlichen Firmamentes, dem Schleier, der um die Sterne zieht. In den letzten Monaten verschleierte sich die Sonne immer mehr, die sonnigen Tage wurden seltener, die Regenmengen nahmen zu. Im Norden und Süden schneit es fast ohne Unterbrechung, weil der Staubgehalt der Lufthülle gestiegen ist.«

»Nun, auf alle Fälle werden wir vor Antritt der eigentlichen Expedition eine Probereise machen, weit hinaus über den Luftkreis der Erde. Das ist kein großes 151 Risiko! Wir merken ja sofort, wenn die Tragflächen, die Flügel unserer stählernen Biene, keinen Halt mehr finden, und können uns wieder niedergleiten lassen.«

»Ganz meine Meinung! Eine solche Sicherheitsprobe ist unbedingt nötig. Glauben Sie nun, daß sich die Reise ermöglichen läßt?«

»Bevor ich mich ausspreche, ob das möglich sein wird, bitte ich um eine Reihe Details, die die Wegstrecke, die Zeit, die wir brauchen, und so weiter klarstellen. Erst dann kann ich die technischen Möglichkeiten übersehen. Sie gestatten, daß ich mir die Zahlen, die Sie angeben werden, aufschreibe, um sie in Ruhe nachher noch zu überrechnen und zu kontrollieren, um jeden Irrtum und Fehler auszuschließen, der verhängnisvoll werden könnte.«

Baumgart zog sein Notizbuch hervor, das in enger Schrift gefüllt war mit mathematischen Formeln, Tabellen, Zahlen, Aufzeichnungen. Er trank einen Schluck Wein, legte seine Zigarette in den Aschbecher und begann:

»Es ist Ihnen bekannt, daß der Mond der der Erde nächste Weltkörper ist. Die Entfernung ist eine verhältnismäßig geringe. Wir wissen heute, daß der Mond ein Stück der Erde ist, ein Sohn der Erde. Die Masse, die ihn bildete, löste sich vor unausdenkbaren Zeiten, als die Erde noch ein glühendflüssiger Ball war, infolge der schnellen Rotation des Erdballes um seine Achse los, wurde abgeschleudert.«

»Wir wissen also, daß der Mond aus demselben Stoff besteht wie die Erde selbst, wenn ich recht verstanden habe!«

»So ist es, Herr Hawthorn! Die Entfernung des Mondes von der Erde ist nun sehr genau bekannt. Sie 152 beträgt 384 435 Kilometer, und wir sind ganz sicher, daß sie höchstens 50 Kilometer größer oder kleiner sein kann, was für unser Problem keine Rolle spielt.«

»Dreihundertvierundachtzigtausend und vierhundertfünfunddreißig Kilometer!« sagte Standerton-Quil und notierte die Zahl in seinem Notizbuche.

»Richtig! Diese Strecke ist verhältnismäßig gering! Dreißig nebeneinander gelegte Erdkugeln füllen bereits den Raum zwischen Mond und Erde aus. Die Kugel eines Jagdgewehres würde bereits in neun Tagen diese Strecke durchflogen haben, fast alle unsere Schiffskapitäne haben in ihrem Leben schon größere Strecken auf den Meeren zurückgelegt. Es ist nur das uns nun einmal angeborene Gefühl, daß es sich hier um einen Körper außerhalb des Erdkreises handelt, der die Menschen immer wieder zu der Empfindung führt, als trennten unüberbrückbare Räume Erde und Mond!«

»Gestatten Sie mir, hier eine kleine Ueberschlagsrechnung einzuschalten. Die Geschwindigkeit der großen Usambaranit-Granate beträgt 500 Kilometer in der Stunde. Sie würde also 769 Stunden brauchen, um von hier zum Monde zu gelangen. Das sind genau 32 Tage.«

»Richtig! Nun dürfte aber die Geschwindigkeit der Granate im Weltenraum eine größere sein als im Luftmeer der Erde, denn die Materie der kosmischen Wolke ist dünner, und es fällt ein Teil des Widerstandes fort, der die Geschwindigkeit hemmt.«

»Zweifellos, aber wir wollen all unsere Zahlen auf dem ungünstigsten Fall aufbauen, um so sicherer werden wir sein, keine Schwierigkeiten zu übersehen!« 153

»Das ist zweifellos ein durchaus richtiger Grundsatz. Aber die absolute Luftleere des Weltenraumes, ferner die Abwesenheit von Luft auf dem Monde werden bei allen unseren Vorbereitungen eine sehr wichtige Rolle spielen müssen. Wir sind während der ganzen Reise auf mitgeführte Luft angewiesen, wie der Taucher, der auf dem Meeresgrunde arbeitet. Ich hielt es daher für richtig, gleich anfangs diese Bemerkung einzuwerfen.«

»Ueber diese Schwierigkeiten« – sagte Hawthorn – »werden uns die vorzüglichen Apparate der Gesellschaft für Tiefseearbeiten zu Bombay hinweghelfen. Die Taucher können mit einem einzigen Lufttornister und der Atemmaske vierundzwanzig Stunden unter Wasser bleiben. Der Aufenthalt in luftleeren Räumen macht ja heute keine Schwierigkeiten mehr, und es wird unsere Aufgabe sein, eine Maske herstellen zu lassen, die möglichst wenig hinderlich und unbequem ist, denn länger als zwei Monate damit herumzulaufen ist kein Vergnügen!«

»Das alles muß schon wochenlang vor unserm Abflug bis ins kleinste erprobt werden, geübt werden,« fiel der Ingenieur ein. »Wir müssen uns tagelang in eine luftleere Versuchskammer einschließen, wie es auf den Taucherschulen gemacht wird, und endlich eine Woche lang. Wer das nicht aushält, kann unmöglich diese Reise mitmachen. Aber nun habe ich zunächst noch eine andere Frage! Sagen Sie, Herr Baumgart, wie verhält es sich mit der Schwere der Gegenstände auf dem Monde? Soviel ich weiß, ist der Mond wesentlich kleiner als unser Planet, und folglich sind auch alle Gegenstände dort erheblich leichter. Das ist natürlich wichtig für die 154 Wiederabfahrt vom Monde, und ich muß diese Punkte genau wissen, um meine Berechnungen anstellen zu können.«

»Die Verhältnisse liegen folgendermaßen, Herr Standerton: Der Erdbegleiter spielt neben der Erde keine größere Rolle als die Kirsche neben dem Apfel. Sein Durchmesser ist rund viermal geringer, und man könnte neunundvierzig Monde aus der Erde machen. Die Gegenstände sind daher auch wesentlich leichter auf jener Welt, weil der kleinere Weltkörper sie nicht so stark anzieht. Ein Gewicht von sechs Kilogramm entspricht auf dem Monde einem Gewicht von einem Kilogramm.«

»Da auch der Luftwiderstand fortfällt, würde es also der Granate wesentlich leichter sein, vom Monde abzufliegen als von der Erde, ebenso wie man eine Stahlfeder von einem kleinen Magneten leichter losreißen kann als von einem großen!«

»Genau so wie Sie sagen!«

»Angenommen nun, wir erreichen jene Nachbarwelt, wie lange müßten wir dort verweilen?«

»Dem sind sehr enge Grenzen gesetzt, da wir von Hitze wie von Kälte gleichermaßen bedroht sind. Wie Sie wissen, hat jeder Punkt der Mondoberfläche vierzehn Tage Tag und Sonnenschein und dann vierzehn Tage Nacht und größte Kälte. Da diese Welt keinen schützenden und ausgleichenden Luftmantel hat, sengt die Sonne unbarmherzig nieder auf das tote Gestein, so daß die Hitze wohl bis zu 150 Grad steigen kann. Während der Mondnacht strahlt dieses Gestein sehr schnell seine Glut in den kalten Weltenraum hinaus und ist nun der Kälte des Universums ausgesetzt, die bekanntlich etwa 273 Grad beträgt. 155 Wir dürfen uns weder dem einen noch dem andern Extrem aussetzen!«

»Nun,« sagte Hawthorn, »da bin ich gespannt, wie Sie das anzustellen gedenken!«

»Verhältnismäßig einfach. Wir müssen uns dort auf dem Monde niedergleiten lassen, wo Tag und Nacht sich scheiden, also dort, wo die Sonne eben untergeht, und haben dann einige erträgliche Stunden vor uns. Wir müssen fort und eine neue Landung an der neuen Sonnenuntergangsstelle versuchen, wenn die Kälte unerträglich wird. Vielleicht genügt aber auch schon die erste Landung, um zu sehen, was ich zu finden hoffe.«

»Jedenfalls aber wird sich unser Aufenthalt dort keineswegs über mehr als zwei- bis dreimal vierundzwanzig Stunden ausdehnen?«

»Keinesfalls!«

»Gut! Und nun noch eine besonders wichtige Angelegenheit! Sie wissen, daß wir zum Kühlen der Explosionskammern und Ausschußrohre, die ja sonst in kurzer Zeit weißglühend werden würden, flüssiges Helium verwenden müssen. Ich fürchte, daß wir nicht genügend Raum haben werden, um so erhebliche Mengen für die lange Reise mitzunehmen!«

»Sie brauchen keine einzige Flasche des Kühlgases! Bedenken Sie, der Weltenraum hat eine Temperatur von 273 Grad Kälte. Wir fahren in einem ungeheuren Kühlraum dahin, der kälter ist als Ihr verflüssigtes Helium, das ja nur 268 Grad unter dem Nullpunkt ergibt. Wir werden die Wärme, die sich in den Explosionskammern entwickelt, dringend 156 zur Erwärmung unseres stählernen Gefängnisses gebrauchen!«

»Vortrefflich! Sie haben an alles gedacht. Und nun erlauben Sie, daß ich einen Augenblick meine Rechnung überschaue!«

Standerton-Quil bedeckte seine Notizblätter mit Formeln und Zahlen. Seine Gefährten sahen ihm schweigend zu. Endlich legte er die Bleifeder hin.

»Hören Sie also, wie sich die Dinge vom technischen Standpunkt aus ansehen! Die Fahrt zum Monde dauert 32 Tage, der Aufenthalt dort drei Tage, die Rückreise abermals 32 Tage, macht zusammen 67 Tage. Nehmen wir der Sicherheit halber 70 Tage an. Es ist ganz selbstverständlich, daß wir eine doppelte Besetzung der Führer- und Maschinistenposten haben müssen. Das macht vier Personen. Sie selbst bleiben außerhalb der Berechnung und sind die fünfte Person. Aber auch Sie müssen, wie jeder Mitreisende, sowohl als Flugschifführer wie als Maschinist ausgebildet werden, um im Notfalle einspringen zu können. Ich habe hier niedergeschrieben, was diese fünf Menschen an Lebensmitteln, Kleidern, Decken, Ausrüstungsgegenständen, an komprimierter Luft in Stahlflaschen und so weiter bedürfen, und das Gesamtgewicht berechnet. Es kommen Ruhebetten hinzu, die ja sonst fortfallen. Ferner sehen Sie hier die Aufrechnung der mitzuführenden Explosionsmengen. Hier endlich das Gesamtgewicht der Dinge. Das übersteigt ganz erheblich den Fassungsraum und die Tragfähigkeit unserer größten Granate. Schon aus diesem Grunde ist der Bau eines größeren Fahrzeuges nötig. Es wird sich aber auch empfehlen, die Tragflächen zu vergrößern, ferner muß ein 157 Wärmeleitungssystem eingebaut werden, das die Wärme der Explosionskammer den anderen Räumen der Granate zuführt. Kurz, der Bau eines besonderen Flugschiffes ist erstes Erfordernis.«

»Ich habe es mir gedacht« – sagte Hawthorn – »und das alles ist nur zu machen, wenn die Regierung die sehr erheblichen Summen zur Verfügung stellt. Ich zweifle nicht daran, daß sie es tun wird, wenn sie sich von der Durchführbarkeit Ihrer Pläne, von der Möglichkeit, daß Ihre Theorie über die Vergangenheit des Mondes richtig ist, überzeugen läßt. Das ist nun Ihre Aufgabe, und wir werden Sie dabei nach Kräften unterstützen!«

»So glauben Sie also, meine Herren, daß die Fahrt gelingen könnte?«

»Jedenfalls sollte man es versuchen!«

Standerton-Quil schwieg. Johannes Baumgart sah in sein energisches Gesicht, dessen Züge im Augenblick undurchdringlich waren. Er wußte, es kam im Augenblick alles darauf an, was dieser Mann für einen Entschluß faßte. Der sah hart und scharf ins Leere. Dann machte er plötzlich eine rasche Bewegung.

»Ich erkläre, daß ich Ihren Plan unterstütze. Was Sie auf dem Monde finden werden, ist mir fast gleichgültig, aber ich stelle mich Ihnen zur Verfügung, weil mich das Technische des Problems reizt. Hier gilt es eine Tat, die eine vollkommen neue Periode menschlichen Tuns einleitet. Eine Kopernikus-Arbeit! Eine Kolumbus-Tat. Standerton-Quil hat nicht viel hier unten zu verlieren. Er wird das Raumschiff selber führen. Hier meine Hand darauf!« 158

Die Männer standen auf und schüttelten sich die Hände. Der Ingenieur blieb kühl und ruhig, über Baumgarts geistvolles Gesicht aber zog ein zartes Rot der Freude.

»Fürwahr, meine Herren« – sagte sichtlich erregt Edward Hawthorn – »das ist ein bedeutungsvoller Moment! Ein bedeutsamer Augenblick der Menschheitsgeschichte spielt sich in meinem bescheidenen Hause ab. Lassen Sie uns daraufhin noch ein gutes Glas miteinander trinken! Im Wein liegt Kraft und Geist, und beide gehören zu dem großen Unternehmen!«

Er füllte die Gläser, sie klangen gut aneinander.

»Es sind noch tausend technische Einzelheiten zu durchdenken, zu erproben,« meinte Standerton, »vieles will sorgfältig überlegt sein, und ich werde mit schärfster Gewissenhaftigkeit vorgehen müssen, wenn nicht zum Schluß noch irgendeine, vielleicht belanglos lächerlich erscheinende Kleinigkeit das Unternehmen zum Scheitern bringen soll. Stimmt die Regierung zu, so muß ich meines bisherigen Amtes enthoben werden, um mich mit voller Kraft der großen Aufgabe widmen zu können!«

»Auch ich habe natürlich noch viele Einzelheiten mit Ihnen zu besprechen, Herr Standerton. Wir müssen die einzelnen Phasen der Reise und die Bedingungen und Schwierigkeiten einzeln durchgehen. Da ist zunächst der Abflug von der Erde, dann die Reise bis zu jenem Punkt, wo wir in das Kraftgebiet des Mondes eindringen, die Wirkung der Erdanziehung für uns aufhört und die Anziehung des Mondes beginnt. Von diesem Moment an ändert sich mancherlei, denn bis dahin brauchten wir Kraft, um uns von der Erde, dem größten 159 der beiden Magneten, zu entfernen, und alsdann zieht uns der kleinere Magnet, der Mond, zu sich nieder, so daß wir mit immer größerer Geschwindigkeit seiner Oberfläche zuzufallen beginnen.«

»Ganz recht! Von diesem Augenblick an müssen wir das Flugzeug wenden, die Spitze der Granate wieder der Erde zukehren und durch verzögernde Abschüsse den Fall verlangsamen. All das will sorgfältig erwogen werden, und die Inneneinrichtung der Granate muß dementsprechend ausgestaltet werden.«

»Es kommt dann das Landen auf dem Monde, ein Moment großer Gefahr, bei dem unsere Maschine keinen Schaden leiden darf. Dann später der Abflug, dann die Reise bis zu dem Punkte, wo wir wieder in das Anziehungsfeld der Erde eintreten, und endlich die Landung auf unserem Planeten nach glücklich bestandenen Gefahren!«

»Immerhin tun wir gut, unsere Rechnung auf Erden vorher zu begleichen, indessen, das dritte Jahrtausend soll nicht weniger entschlußfähige und opferwillige Männer in uns finden, als sie vergangene Zeiten hervorbrachten, die kühne Reisende, mutige Bekenner, den Tod verachtende Soldaten sahen!«

»Vortrefflich gesprochen, Herr Standerton! So sei es. Und wenn es Ihnen recht ist, zeige ich Ihnen jetzt die wichtigsten Berechnungen, die ich bisher über all diese Probleme zusammengestellt!«

Die Herren setzten sich nieder. Pläne und Karten, Zeichnungen und mathematische Formeln bedeckten den Tisch, tausend Einzelheiten wurden in Rede und Gegenrede erwogen. 160

Bis tief in die Nacht hinein saßen die drei Männer. Draußen rauschte ohne Unterbrechung der Regen. Fern über Baumreihen hinweg sah man das mächtige neue Leuchtfeuer am Hafendamm alle zwei Sekunden herüberblitzen. – – – –

Als Hawthorn nach Mitternacht seinem Schlafzimmer zuschritt, sah er noch Licht aus den Wohnräumen seiner Tochter auf den mit dicken Teppichen belegten Vorflur herausdringen. Leise klopfte er an. Elizabeth öffnete.

Sie sah in das erregte, lebhaft gerötete Gesicht des Vaters. Er trat ein, legte seine Arme um ihre schlanke Gestalt.

»Du bist noch auf, mein Kind!«

Sie deutete auf das Buch, das aufgeschlagen neben ihrem Sessel lag. Es war der erste Band von Baumgarts »Gesetz des Werdens und Vergehens«.

»Vater, welch ein Mann! Ein Riesengeist! Ich möchte bis zum Morgen hier sitzen und durch seine Gedankenwelt wandern!«

»Kind, ein großer Plan reift, reift in unserm Hause! Noch fassen wir seine Größe kaum. Standerton-Quil hält diese wunderbare Reise für möglich, er selbst wird das Flugschiff zum Monde steuern!«

Elizabeth senkte den Kopf. So sollte Wahrheit werden, was ihr unfaßlich schien. Eine große Traurigkeit ergriff sie. Das visionäre Bild stand wieder vor ihr. Sie stand allein auf weitem Feld, ein feuriger Körper sauste niederwärts, eine Stimme klang in wilder Todesangst aus der dunklen Höhe, rief ihren Namen, und ein verkohlter Körper schmetterte dicht neben ihr nieder auf das Gestein. – 161

Da sanken ihre Arme schlaff hernieder, ein Zittern ging durch ihren Körper, und Tränen traten in ihre Augen. Sie lehnte den Kopf an die breite Brust des Vaters.

Da wurde der alte Mann plötzlich sehend. Er fühlte undeutlich, was in seinem Kinde vorging, und ein Schatten fiel auf seine Freude.

Wortlos strich er über das Haar seiner Tochter. Sie raffte sich auf, drückte stumm seine Hand, und leise auftretend verließ Hawthorn den Raum. 162

 


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