Bruno Hans Bürgel
Der »Stern von Afrika«
Bruno Hans Bürgel

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2.

Benjamin Graachten, der berühmte Journalist und Hauptschriftleiter des»African Herald«, fuhr sich mit beiden Händen in den graulockigen Haarkranz, der das kahle Haupt umgab wie Baumgewirr einen stillen See.

In diesem Augenblick sah er ungeheuer komisch aus, denn die zerzausten Locken glichen tausend Fragezeichen, die von dem glatten Schädeldach fortstrebten. Seine Unter-Redakteure nannten ihn den Marabu, und dieser Spitzname hatte sich in ganz Südafrika, vornehmlich aber in Kapstadt, eingebürgert, wo der Riesenpalast des »African Herald«, mit seinen Redaktionen, drahtlosen Stationen, seinen Ateliers für Fernphotographie, seinen ausgedehnten Setzereien und Druckereien ein ganzes Straßenviereck einnahm.

»Um des Himmels willen, bester Freund, so geht das nicht! Sie dürfen nie außer acht lassen, daß der ›African Herald‹ die angesehenste Zeitung südlich des Aequators ist und bleiben muß. Fort mit dem langweiligen Zeug! Vorn vor allen Dingen das große Manifest des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Europa an die Völker der Erde. Dann den Bericht über die Fahrt Ismail Tschacks ins Eisgebiet. Dazu müssen wir unbedingt ein paar der Kinematographien in natürlichen Farben bringen, die die Granate während ihrer ganzen 33 Fahrt aufnahm. – So, das etwa hierher. Hier die Bilder! – Sodann eine glänzende Abhandlung über die Bedeutung der wichtigen Fragen, die übermorgen in der großen, außerordentlichen Sitzung des gesamten Staatsrates von Afrika in Sansibar wahrscheinlich besprochen werden. Dann die Unterredung Ismail Tschacks mit dem Präsidenten von Europa in Rom. Frarelli hat sie soeben aus Genua mit Fernschreiber übermittelt. Hierher Bilder von der Ankunft unserer Granate in Rom und von der Begrüßung unseres Regierungsvertreters durch Seine Hohen Ehren den Präsidenten Basinzani vor dem Regierungspalast in Rom. Sehr schöne Fernphotographien sind vor einer Stunde eingetroffen. Das wäre erledigt, und nun können Sie den andern Kram hinterher bringen, nach Ihrem Geschmack.«

»Es ist freilich etwas spät geworden für all diese Umstellungen.«

»So reißen Sie sich ein Bein aus. Es muß gehen!«

»Vor allem wird es kaum möglich sein, die farbigen Bilder noch in die Morgenausgabe zu bringen!«

»Reißen Sie sich also zwei Beine aus, und es wird bestimmt alles vortrefflich zu machen sein!«

Nunmehr war es an dem unglücklichen Unter-Redakteur, sich mit beiden Händen in die Haare zu fahren. Er raffte seine Papiere zusammen und wandte sich mit nervöser Miene zur Tür.

Benjamin Graachten, der Marabu, lachte sein versöhnendes Lachen.

»Kommen Sie, Sobel, rauchen Sie eine von diesen wunderbaren Zigaretten an, und alle Sorgen lösen sich in blaue Ringelchen auf, steigen zur Höh'! Ich kenne 34 Sie! Sie schimpfen innerlich das Blaue in handlichen Stücken vom Himmel herunter über diesen vermaledeiten Marabu, aber Sie machen es dennoch möglich!«

Die beiden Herren entzündeten ihre Zigaretten und trennten sich mit freundschaftlichem Händedruck.

Graachten wollte eben ein Ferngespräch mit seinem Korrespondenten in Kalkutta bestellen, als drüben an der Wand seines Büros die grüne Lampe aufleuchtete. Eine faustgroße Oeffnung war da in der Wand, umrahmt von einem Bronzekranz: das lautsprechende Telephon.

»Reden Sie!« rief der Chef des »African Herald«, etwas unwillig über die Störung.

Eines Unsichtbaren Stimme klang laut und deutlich durch den Raum: »Herr Wanjansa wünscht Sie zu sprechen!«

»Ich habe keine Zeit!«

»Drei Minuten nur!«

»Nicht eine!«

»Eine Sache von größter Bedeutung!«

»Sagen Sie Wanjansa, wenn er mich angelogen hat, so sieht er mein Angesicht heut zum letzten Male aus der Nähe! Er soll eintreten!«

Wenige Sekunden später öffnete sich die Tür, und Wanjansa, ein wahrer Riese von Gestalt, elegant gekleidet. trat ein. Ein tüchtiger Journalist, namentlich in allen sportlichen Angelegenheiten eine Autorität, war Wanjansa eine nicht unwichtige Kraft für den »African Herald«, nur überließ es Benjamin Graachten seinen Ressort-Redakteuren, sich mit diesen ihn weniger interessierenden Fragen zu befassen. Zudem war ihm der Mann nicht besonders angenehm. Wanjansa konnte 35 seine Abstammung von den Basutos nicht verleugnen, mit denen sich die vor grauen Zeiten eingewanderten Holländer lange Zeit herumgeschlagen hatten. Wenn auch die Kultur all diese Gegensätze überbrückt hatte, wenn auch all diese Eingeborenen als gesittete, ja zum Teil hochgebildete Menschen eingegangen waren in die große Völkerfamilie des riesenhaften afrikanischen Reiches, da und dort saßen dennoch aus Urvätertagen vererbte kleine Sympathien und Antipathien im Blut.

»Guten Tag, gestrenger Herr!«

»Guten Tag, Herr Wanjansa! Ich habe zwei Minuten für Sie. Lassen Sie Ihren Film laufen!«

»Kennen Sie Herrn Johannes Baumgart?«

»Nein!«

»Der Mann ist Deutscher!«

»Ich hätte ihn angesichts des genannten Namens auch nicht für einen Chinesen gehalten! – Fünfundzwanzig Sekunden! Weiter!«

»Er ist vor drei Tagen hier eingetroffen.«

»Interessiert mich außerordentlich. Wahrscheinlich ist es ihm in seiner Heimat zu kalt geworden!«

»Ein hervorragender Gelehrter!«

»Was Sie nicht sagen! Vierzig Sekunden! Weiter!«

»Er will zum Monde fliegen!«

»Glückliche Reise!«

»– – – und wird sein Ziel erreichen!«

»Wahrscheinlich ebensowenig wie der Franzose Bourquin, der denselben Versuch im Jahre 2760 unternahm, um das mit eigenen Augen zu sehen, was sein Landsmann Jules Verne in seinem so berühmt gewordenen 36 Roman schilderte. Sie wissen, daß seine Flugmaschine aus achtzig Kilometern Höhe in den Atlantischen Ozean stürzte, und daß man keine Spur mehr von ihr aufgefunden hat.«

»Ich sehe, daß Sie die ganze Sache unter einem falschen Gesichtswinkel betrachten, Herr Graachten. Der Umstand, daß Ihnen Ihr sportlicher Mitarbeiter diese Nachricht bringt, die noch vollkommen unbekannt ist, verleitet Sie zu der Annahme, daß hier ein waghalsiges sportliches Unternehmen vorliegt. Hätte Ihnen ein Gelehrter die Neuigkeit mitgeteilt, Sie würden ihr ein anderes Gesicht abgewonnen haben. Dieser Herr Johannes Baumgart weiß sehr genau, was er will, ist ein stiller, ernster Mann, und eine sehr sorgsam durchgearbeitete Theorie liegt seinem Unternehmen zugrunde, für das er unsere Regierung interessieren will.«

»Wo, zum Geier, haben Sie denn diese allerneueste Neuigkeit her?«

»Ich erlauschte sie ohne meinen Willen. Hören Sie! Ich machte gestern dem Direktor der Usambaranitwerke einen Besuch, um über eine große Wettfahrt mit Usambaranit-Automobilen mit ihm zu verhandeln. Er hat Besuch. Ich verweile im Vorzimmer. Durch eine kleine Nachlässigkeit in der Telephonzentrale muß die Verbindung zwischen dem Büro des Direktors und dem Vorzimmer bestehen geblieben sein, und das lautsprechende Telephon trägt mir deutlich das ganze Gespräch der beiden Herren zu. Wenn Sie also die Neuigkeit aufnehmen im ›Herald‹, muß das auch so geschehen, daß man den Namen noch verschweigt und die Nachrichtenquelle verborgen bleibt!« 37

»Gestern hörten Sie das schon! Ja, zum Teufel, Wanjansa, warum sind Sie da nicht sofort hierher gestürzt?«

»Eine unaufschiebbare Reise nach Johannesburg verhinderte das, aber da niemand sonst davon weiß, so ist die Nachricht heut so neu wie gestern!«

»Jedenfalls hat die Sache ihre Reize!«

»Gott sei Dank, Sie tauen endlich auf!«

»Aber sagen Sie, was will dieser Baumgart auf dem Monde, wenn er wirklich dahin gelangt, was ich nicht glaube?«

»Er unternimmt diesen gefährlichen Versuch im Interesse der Menschheit, und die hereinbrechende Eiszeit ist die Triebfeder seines Planes!«

»Aber was hat der Mond mit der Eiszeit und mit der Erdenmenschheit zu tun? Ich begreife nicht!«

»Dieser Baumgart will sich auf dem Monde Rat holen, was in unserer Lage zu tun ist!«

»Ja, zum heiligen Chinchinchindra von Kalkutta, auf dem Monde leben doch aber keine Menschen, und der alte Bursche ist tot und starr wie eine ausgeglühte Gipskugel. Bei wem will der Mann sich denn da Rat holen?«

»Bei den Mondmenschen!«

»Dann ist er ein Narr! Die gibt es nicht!«

»Warten Sie doch ab, Herr Graachten! Bei den ausgestorbenen Mondmenschen will sich der Mann Rat hoben.«

»Es wird immer verwickelter!«

»Da dieser Herr Baumgart sehr eingehende astronomische Kenntnisse besitzt, die ganze Frage bis in all ihre Einzelheiten studiert hat, können wir, als Nichtfachleute, 38 unmöglich ein Urteil über den Wert oder Unwert seiner Pläne haben, verehrter Chef des ›African Herald‹!«

»Da haben Sie recht, Wanjansa, und jedenfalls ist die Sache nicht ohne Bedeutung.«

»Die zwei Minuten sind um, Herr Graachten!«

»Halt! Bleiben Sie noch, und haben Sie schönsten Dank für Ihre Mitteilungen. Aber nun weiter! Was denkt denn dieser deutsche Forscher da auf dem Monde zu finden, der doch schon Jahrmillionen ausgestorben ist?«

»Er ist der Ansicht, daß dieser der Erde nahe Weltkörper einst von uns ähnlich gearteten Geschöpfen bewohnt war, und daß die letzten Generationen der Mondmenschen ebenfalls infolge Vereisung ihrer Welt zugrundegingen. Da die Mondmenschen aber eine viel ältere Kultur hinter sich hatten als wir Erdbewohner, so nimmt er an, daß die Bewohner jenes Nachbargestirns bereits allerlei Einrichtungen getroffen hatten, um sich trotz der Kälte noch lange Zeit zu erhalten, bis andere Umstände hinzukamen und den Stern auf ewig in eine schweigende Grabeseinöde verwandelten.«

»Und diese Erfahrungen der Mondmenschen mit einer langsam erkaltenden Welt will nun jener Mann kennen lernen und sich für die Erdbewohner zunutze machen, wenn ich recht verstehe?!«

»So ist es!«

»Kein schlechter Gedanke, Wanjansa!«

»Finde ich auch, Herr Graachten!«

»Nur ist mir nicht klar, daß unsere Riesenfernrohre nicht eine Spur von menschlicher Tätigkeit und menschlichen Bauwerken auf dem Monde zu entdecken vermögen!« 39

»Auch darüber äußerte sich jener Herr Baumgart, aber mitten in seinen Ausführungen rasselte es plötzlich in dem Fernsprecher, und der Apparat verstummte. Der Fehler schien behoben, jedenfalls hörte ich kein Wort mehr. Ich machte mich ungesehen davon, um Ihnen gleich all diese interessanten Flöhe ins Ohr zu setzen!«

»Woran Sie sehr recht taten. Ich sehe, Sie sind noch zu anderen Dingen zu brauchen als zu Sportschilderungen und werde das nicht vergessen!«

Herr Wanjansa verbeugte sich geschmeichelt. Ein Lob aus dem Munde Benjamin Graachtens war eine ziemliche Seltenheit, und der alte Marabu umging es, wo er nur konnte, seine Mitarbeiter seiner Zufriedenheit zu versichern. Es mache sie träge, pflegte er zu versichern. –

»Sie sind sicher, daß außer Ihnen und dem Direktor der Usambaranitwerke niemand etwas von dem Gespräch hörte?«

»Ohne Zweifel!«

»Hoffentlich wird dieser zunächst stillschweigen!«

»Ich hörte ziemlich am Anfang der Unterredung, wie der Besucher ihn bat, das Gespräch vertraulich zu betrachten, er sei nur gekommen, über die Verwendung des Usambaranits und der neuen Fluggranate Auskünfte zu holen, da diese Mittel die einzigen seien, mit denen ein Flug zum Monde gelingen könne!«

»Glänzend! Wissen Sie, was mir den Hauptspaß macht? Die erstaunten Gesichter der beiden Herren, wenn sie morgen früh in der zweiten Morgenausgabe des ›African Herald‹ bereits das ganze Projekt, natürlich ohne Nennung von Namen, lesen werden. Die Wände haben zwar seit langem Ohren bei uns, aber daß die 40 Wände unseres Hauses die Wände der entfernten Usambaranitwerke belauschen können, das wird den Leuten doch geisterhaft vorkommen und ist ein Kabinettstück moderner Zeitungskunst! Natürlich bitte ich Sie, zu schweigen.«

»Bedarf keiner Versicherung!«

»Und nun ans Werk, verehrter Wanjansa! Eilen Sie, fliegen Sie, bringen Sie sich in Schwung und Stimmung und schweißen Sie all das, was Sie mir erzählten, zu einem grandiosen, spannenden, aufpeitschenden Feuilleton zusammen. Wir nennen es: Die Erlösung der Erd-Menschheit! Hilfe aus dem Weltenraum! Ein kühner Plan zur Begegnung der von der Vereisung drohenden Gefahren!«

»Ausgezeichnet!«

»Schon am Mittag bringe ich dann ein eingehendes Interview mit unserm berühmten Rawlinson, dem Direktor der Kap-Sternwarte, über das Für und Wider!«

»Wünschen Sie, daß ich Rawlinson aufsuche?«

»Er würde Sie und tausend andere nicht empfangen, Wanjansa. Ich muß selbst zu ihm und das sofort, mitten in der Nacht. Mir schlägt er es nicht ab, denn er verdankt mir einen Teil seines Ruhmes. Mein Blatt hat ihm in schweren Kämpfen mit wissenschaftlichen Gegnern als Schlachtfeld und Festung zur Verfügung gestanden, das vergißt er mir nicht!«

»Also gut! Ich mache mich ans Werk. Um drei Uhr nachts ist das Manuskript in Ihren Händen!«

»Abgemacht! Und noch eines! Versuchen Sie morgen früh mit allen Mitteln Ihren Mann, diesen interessanten Deutschen zu greifen! Stecken Sie sich hinter das 41 Einwanderungsamt, das ja die Adresse des Mannes haben muß, belagern Sie das Usambaranitwerk, versuchen Sie es im Deutschen Klub, reißen Sie sich ein, reißen Sie sich beide Beine aus, sagen Sie dem Manne, der ›African Herald‹ nimmt ihn auf seinen Schild, bindet ihn an seinen Ballon, bringt ihn hoch, macht seine Sache zu unserer, läßt eine Armee von drei Millionen Leser aufmarschieren. Aber alle seine Pläne, Veröffentlichungen, seine Erfahrungen müssen wir allein bringen, und die erste drahtlose Depesche vom Monde erscheint in roter Schrift im ›African Herald‹! Und nun vorwärts! Verhandeln Sie alles andere mit Sobel, ich fahre die Nacht noch nach Sansibar.« –

Wanjansa ergriff seinen Hut! Ein vergnügtes Grinsen ging über sein breites Negergesicht. Er hatte einen mächtigen Stein im Brett bei diesem vielvermögenden Zeitungsmann. Kräftig drückte er die dargebotene Hand und verließ Benjamin Graachtens Arbeitszimmer. Leise pfeifend versank er im Fahrstuhlschacht. –

* * *

»Unsere Unterredung hat sich etwas lange ausgedehnt, Herr Baumgart,« sagte Edward Hawthorn, der Direktor der Usambaranitwerke, nach einem Blick auf die Uhr. »Ich kann wohl sagen, daß mich Ihre Ausführungen in hohem Maße interessierten, obgleich gerade ich, in meiner Stellung, recht viel kühne Pläne und großartige Unternehmungen vorgetragen erhalte. Sie sind fremd hier, es ist spät geworden, ich denke, es wird Ihnen zusagen, wenn ich Sie bitte, für den Rest des Abends und für die Nacht mein Gast zu sein. Ehe Sie in die Stadt 42 hineinkommen, zu Ihrem Hotel, haben Sie schon den Tee und das Abendessen auf dem Tisch, und wir plaudern noch ein wenig. Umstände bereiten Sie mir gar nicht, denn bei den vielen Besuchen, die ich von auswärts erhalte, sind stets zwei Fremdenzimmer für meine Gäste in Bereitschaft!«

Johannes Baumgart sah mit seinen merkwürdig ernsten Augen, in denen immer ein weltabgewandtes, verträumtes Sinnen lag, zu dem schnell gealterten Mann vor ihm auf.

»Ich danke Ihnen« – sagte er mit der ihm eigenen, leisen Stimme, die das Englische eigentümlich weich wiedergab – »ich danke Ihnen. Es ist mir sehr angenehm!«

Nichts an diesem Manne hätte einen Psychologen und Physiognomiker auf den Gedanken bringen können, daß er sich mit einem Plan von überraschender Kühnheit und Großartigkeit trug, die dazu angetan war, die ganze Menschheit zu leidenschaftlichem Für und Wider zu reizen. Ein schlanker, feingliedriger Mann stand da in dem Büro Edward Hawthorns, und in seinem ganzen Wesen lag nicht eine Spur jener stählernen Energie, die das Volk des großen Afrikanderreiches im Jahre 3000 auszeichnete. Das Gesicht war ein wenig mager und bleich, eine widerspenstige Strähne des dunklen Haares fiel über die hohe Stirn, die die feinnervige Hand mit einer zur Gewohnheit gewordenen ruhigen Bewegung alle paar Minuten zurückstrich. Die dunklen Augen blickten versonnen, fast verträumt durch eine Brille mit ungefaßten Gläsern, und alle Bewegungen dieses Johannes Baumgart waren ruhig, leidenschaftslos. 43

Wenn man sich mit ihm unterhielt, hatte man zuweilen das Gefühl, als höre er überhaupt nicht zu. Nichts in seinen stillen Zügen verriet erregte Anteilnahme, und die Augen blickten ins Leere, als sei ihr Besitzer weitab vom Ort, grüble Dingen nach, die außerhalb des normalen Gedankenkreises der Menschen liegen.

Ganz plötzlich aber warf er dann eine Frage in das Gespräch, eine Bemerkung, die das zur Diskussion stehende Thema im tiefsten Punkt erfaßte, den Kern eines Problems traf und überraschte, um so mehr, je stärker man davon überzeugt gewesen war, daß der Mann überhaupt nicht bei der Sache sei.

Eigenartig war der Eindruck, den dieser Mann auf Frauen machte! Da unten am Rande des Schwarzwaldes hatte er sich zehn Jahre lang in dem kleinen Landhäuschen vergraben, das ihm die Mutter hinterlassen. Hier, umrauscht von den Bäumen des etwas verwilderten Gartens, hatte er zwischen seinen Büchern und Instrumenten als ein Einsiedler gehaust, während draußen das Leben in bunten Farben flutete. Die Welt und die Menschen waren ihm, dem kaum Zweiunddreißigjährigen, dem Manne von so weitgreifendem Wissen, fremd. Das Weib hatte in seinem Leben nie eine Rolle gespielt, und er wurde befangen, unruhig, verfiel in Schweigsamkeit, wenn es ihm gegenübertrat.

Kein Wunder, daß ihn Frauen, die an lustige Gesellschafter gewöhnt waren, an gewandte Plauderer, die tausend Farben spielen ließen, die gleich Seiltänzern zwischen harmloser und bedenklicher Salonplauderei auf schmaler Kante voltigierten, still und altmodisch fanden. Und dennoch reizte sie etwas an dem Manne, der, so 44 jung noch, durch sein großes Werk, an dem er fünf Jahre geschaffen, mit einem Schlage zu einer Berühmtheit geworden war. Das Kindliche in seinem Wesen, die Schüchternheit, dieses zarte, fast knabenhafte Gesicht mit den versonnenen Augen war anders, ganz anders als das all der gewandten Herren, die so wohlgefällig den Bart strichen, so vielsagend zu schmunzeln wußten und liebenswürdige Unliebenswürdigkeiten sagten, sonst aber nicht eben viel zu geben hatten.

Man suchte ihn in die Gesellschaft zu locken. Er aber bat, ihn zu entschuldigen, blieb ein Einsamer, und nur dann und wann zeugten neue, gedankentiefe Bücher von seinem Tun. –

Sein großes Werk »Das Gesetz des Werdens und Vergehens« hatte die gelehrte Welt und die Oeffentlichkeit in Bewegung gebracht, leidenschaftliches Für und Wider geweckt. Sein Schöpfer aber schwieg. Er zeigte in diesem mehrbändigen Werk, daß alles im Weltall, Blumen und Menschen, Sonnen und Erden, Völker und Kulturen, einem unerbittlichen Gesetz gehorche, dem des Werdens und Vergehens. Er bewies, wie auf diese Weise die Sonne im Weltenraum, die Blume auf der Heide verwandt seien, und warum es so sein müsse. Aber noch weiter bewies er, daß auf allen Sternen die Entwicklung denselben Weg gehen muß, überall einmal das Leben einsetzt und wahrscheinlich überall auch eine Art Menschheit seine Krönung ist. Daß aber auch Völker, Staaten, Kulturen mit all ihren Religionen, Künsten, Wissenschaften und Sitten wie Blumen aufblühen und absterben, hier und auf anderen Sternen, wo vielleicht weitaus fortgeschrittenere Geschlechter leben, wies er 45 überzeugend nach. »Wir müssen« – so schloß er – »uns die Erfahrungen auf fernen Erden nutzbar machen, sobald die mit kühnen Schritten fortschreitende Technik es erlaubt, den Flug in den Raum hinaus zu wagen. Nicht um eine phantastische Sternenreise zu machen, sondern um einem großen Gesetz der Entwicklung zu gehorchen. War einst jedes Dorf, jede Stadt für sich abgeschlossen, so bildeten die Menschen später Staaten, bis sie es lernten, ganze Erdteile unter einen Hut zu bringen. Heut sind wir so weit, daß wir darangehen, auf der ganzen Erde ein Reich zu bilden, den Riesenstaat ›Erde‹. Das nächste Jahrhundert wird diese Pläne verwirklichen, zu denen die Vorarbeiten in allen Erdteilen gemacht sind. Es wird die Zeit kommen, wo wir einen noch größeren Gesichtskreis haben werden. Dachten die Menschen einst nach Ortschaften, dann nach Landschaften, dann nach Staaten, dann nach Erdteilen, so werden sie, wenn alle Kräfte dieses Sternes in einer Zentralgewalt zusammengefaßt sind, nach Planeten denken!« – – – – – – – – –

Das war der Mann Johannes Baumgart, das war sein Werk und seine Art, das Weltganze zu sehen! Sein stilles, bescheidenes, fast schüchternes Wesen stand im tiefsten Gegensatz zu der Fülle seines Wissens, der Größe seiner Gedanken und Pläne! Und dennoch gab es eine gemeinsame Wurzel: Es war die Herzensgüte und Menschenfreundlichkeit dieses Mannes, der seinen Wissensschatz vor allen Dingen in den Dienst der Menschheit stellen wollte, der nach seinen Forschungen in einer späteren Zeit schwere Katastrophen drohten. – 46

Nun schritt er an der Seite Edward Hawthorns die kurze Parkstraße herunter, die die Direktionsgebäude der Sprengstoffwerke mit dem Wohnhause des Direktors verband. Wenige Minuten später traten sie in das sehr hübsch zwischen alten Bäumen gelegene, stattliche, aber keineswegs protzige Haus ein.

»Herr Baumgart ist mein Gast für diese Nacht« – verständigte Hawthorn seinen Hausmeister. »Wollen Sie ihn, bitte, in eines der Fremdenzimmer geleiten.«

Und zu dem Deutschen gewendet: »Entschuldigen Sie mich für ein paar Augenblicke, Herr Baumgart. In zehn Minuten treffen Sie mich und meine Tochter im Speisezimmer. Unser vortrefflicher Brown wird Sie geleiten.«

Die Herren trennten sich. Baumgart schritt hinter dem Hausmeister die Treppen hinauf.

Als sie den breiten, mit schönen Teppichen belegten Korridor der ersten Etage durchschritten, ertönte aus einem der Zimmer wundervoller Gesang. Eine Arie wurde, offenbar von einer ersten Künstlerin, gesungen. Leise summte die Begleitmusik.

Es war das Zimmer der einzigen Tochter Hawthorns. Elizabeth lag in tiefer Dunkelheit in einem weichen Sessel vergraben und hörte mittels des Operntelephons die herrliche Arie der Zadika aus der neuen Oper »Der tote Wald« von Ibn Ben-Harsah, dem Lieblingskomponisten der Zeit und des Landes.

Diese Suhalma Mirr-Eddin sang wie ein Cherub, und wie ein Elfenwesen flatterte sie über die herrliche Szenerie. Ein kreisrunder Spiegel, oder doch eine Fläche, die so aussah, wie ein Spiegel, einen Meter etwa im 47 Durchmesser, stand zwischen Zimmerpflanzen in einer Nische auf dunkler Säule. Das ganze bunte, belebte Bühnenbild der Großen Oper von Kapstadt, der wichtigsten Handelsstadt des afrikanischen Südens, spiegelte sich in diesem Wunderschirm. Gab das lautsprechende Telephon mit aller Deutlichkeit den Gesang der Künstler, das Spiel des Orchesters wieder, hier sah man in reizvoller Verkleinerung in Licht und Farbe alle Vorgänge auf der Bühne.

Eben trat die Mirr-Eddin ab, verschwand als bunter Schmetterling in dem grünen Blätterdach des Bühnenwaldes, man hörte das Rauschen des Beifalles im Publikum. – Es klopfte an der Tür.

»Bitte!«

Der Kopf des Vaters wurde im Türspalt sichtbar.

»Aha! Man schwelgt in Tönen! War das nicht die Suhalma Mirr-Eddin in der Schmetterlingsarie? Man hörte es sehr deutlich bis draußen. Aber nun komm zu Tisch, Kind, ich habe noch einen Gast mitgebracht!«

»Ach, bester aller Väter! Wie schade, da werde ich wenig von dir haben und endlose Gespräche über technische Dinge und tausend Geschäftsbedingungen mitanhören müssen. Du weißt, wie ungern ich dabei sitze, und hattest mir feierlich versprochen, daß ich verschont bleiben sollte von solchen Zusammenkünften!«

»Ganz recht, kleine Träumerin! Ich will dich auch nur aus deiner stillen Klause hervorholen, weil es diesmal denn doch anders ist! Eine sehr interessante Persönlichkeit, dieser Herr. Ein deutscher Gelehrter, mit dem ich heute abend ein paar der anregendsten Stunden verbracht habe, die mir in meinem Leben beschieden 48 waren. Ein Mann, der nicht von technischen Erfindungen, von neuen Maschinen, Bohrungen, Flugzeugen spricht, sondern ein geradezu fabelhaftes Wissen besitzt und einen Plan von überwältigender Kühnheit in seinem Hirn wälzt. Er wird in wenigen Wochen der bekannteste Mann der Welt sein. Zudem ein Mann von eigenartig anziehendem Wesen, zuweilen fast mädchenhaft schüchtern!«

»Ein junger Mann noch?«

»Aha! Die Tochter der Eva wird neugierig! Nein, steinalt, fast siebenzig. Alle Liebeskünste sind vergebens!«

»Oh, was bist du für ein schlechter, bösartiger Vater! Indessen, ich komme.«

Lachend verschwand der graue Kopf mit dem wallenden grauen Barte aus dem Türspalt. Edward Hawthorn schritt dem Speisezimmer zu Baumgart erhob sich aus seinem Sessel.

»Sie sind schon da? Vortrefflich. Lassen Sie uns gleich am Tisch niedersitzen. Es wird sofort aufgetragen. Meine Tochter erscheint in einer Minute.«

»Hoffentlich läßt sich die Dame durch mich nicht aus ihrer Bequemlichkeit aufscheuchen. Nichts ist mir peinlicher, als einem Mitmenschen in seiner eigenen Häuslichkeit seine Ruhe zu rauben!«

»Wir leben sehr zurückgezogen, Herr Baumgart, und sind in dieser Beziehung eigentlich recht unmoderne Menschen. Ich habe nur dieses eine Kind; vor zwei Jahren verlor ich meine Frau durch einen Unfall, die beste Gattin und zärtlichste Mutter, und ich sowohl wie meine Tochter können den Schlag nicht recht überwinden. Da sitzen wir denn des Abends meist daheim, benutzen 49 fleißig den Opern-Fernhörer und sehen oder lesen uns abwechselnd etwas vor. Auch ein Farben- oder Ton-Kaleidoskop-Spielchen vertreibt uns die Zeit. Für geschäftliche Dinge interessiert sich meine Tochter gar nicht, und auch die technischen Erörterungen, die ich sonst wohl mit meinen Gästen führen muß, behagen ihr nicht, um so mehr wird sie sich freuen, einmal den Ausführungen eines Philosophen Ihrer Art beiwohnen zu können!«

»Ich bin ein schlechter Gesellschafter, Herr Hawthorn, eher einsilbig als gesprächig. Ich bin ein Feind aller Salonkonversation, denn sie ist – wenigstens in meinem Heimatlande – eine ganz ähnliche Uebung, wie das Anziehen eines besseren Rockes zu diesen Stunden oder das Anstecken des Schmuckes bei den Damen. Es ist eine Art geistiger Drapierung, oft eine ärmliche Kulisse. Selten geht es tiefer, verbirgt sich hinter geistreichem Brillantfeuerwerk tieferes Wissen und Können. Alle Gesellschaft verflacht, wenn sie nicht auf einen sehr kleinen, gut gewählten Kreis beschränkt bleibt. Darum bin ich der ungeselligste Mensch der Welt.«

»Aehnliches empfinden auch wir, vor allem war es der Standpunkt meiner Frau, und er hat sich auf meine Tochter übertragen. Das scheint etwas im deutschen Wesen zu liegen, denn . . .«

In diesem Augenblick betrat Elizabeth Hawthorn das Zimmer. Man begrüßte sich. Eine leise Welle der Verlegenheit ging durch die beiden Menschen. Elizabeth hatte in der Tat einen greisen Gelehrten, nach Art der Deutschen mit wallendem weißem Bart, erwartet, und Johannes Baumgart, den die Anwesenheit von Damen immer ein wenig unsicher machte, weil ihm der leichte, 50 tändelnde Gesprächston mangelte, hatte – dem Alter des Vaters entsprechend – kein junges Mädchen mehr in der Tochter seines Gastgebers vermutet.

Er nannte seinen Namen, machte eine leichte Verbeugung, strich sich die widerspenstige Locke aus der Stirn und versank in Schweigen.

Irgendetwas an Elizabeth Hawthorn zog ihn an. Ein frisches, rundes Gesicht ohne besondere Schönheit, in dem nur ein paar nußbraune Augen durch ihren Glanz auffielen; eine volle blonde Haarkrone über einem keineswegs zarten Nacken. Ein enganliegendes graues Samtkleid mit weißem steifem Kragen und Manschetten, ohne allen Schmuck, so präsentierte sich Hawthorns Tochter dem gelehrten Gast. Das alles war nichts Besonderes, und doch war hier irgend etwas, das einen Kontakt schuf. Schon die nächsten Worte Hawthorns lösten das Rätsel.

»Sie können sich mit meiner Tochter deutsch unterhalten, Herr Baumgart. Die Eltern meiner Frau stammten aus Deutschland, und das Deutsche wurde da sehr gepflegt. Der Mann war Mediziner und zum Studium einer besonderen Krankheit nach hier gekommen. Er verheiratete sich hier in Kapstadt mit der Tochter eines deutschen Großkaufmannes, wurde dann Arzt der deutschen Kolonie, und ich, Edward Hawthorn, Abkömmling einer seit Jahrhunderten stockenglischen Familie, entführte ihm seine einzige Tochter. Elizabeth ist ihr getreues Ebenbild. Oft bin ich überrascht davon. Die Verstorbene entsteht mir hier aufs neue in ihrer Jugendzeit, da ich sie zum ersten Male auf einer Vergnügungsfahrt 51 draußen auf der See kennen lernte! Ach ja, glückliche, verklungene Zeiten!«

»Mit dem Sprechen ist es nicht ganz so gut bestellt, wie Vater es meint, Herr Baumgart. Er fühlt das nur nicht so recht, da er nur einige Brocken meiner Mutter zuliebe erlernte, aber ich lese viel deutsche Werke älterer Zeit, vor allem den Lieblingsdichter meiner Mutter, Ihren unsterblichen Goethe.«

»Ei, Fräulein Hawthorn, Ihr Deutsch klingt so vortrefflich und lautgetreu, daß ich sogar zu erkennen glaube, Ihre gute Mutter oder vielmehr deren Eltern seien Süddeutsche gewesen. Ihre Aussprache erinnert an badische oder württembergische Volksstämme!«

»Ich muß Ihnen zu meiner Schande gestehen, daß ich keine Ahnung habe von der Geographie Ihres Heimatlandes,« sagte ein wenig verlegen und mit bedauerndem Achselzucken Elizabeths Vater. »Ich weiß nur, daß Deutschland eine Provinz der Vereinigten Staaten von Europa ist und zwischen dem Nordmeer und den Alpen liegt. Dann weiß ich noch von meiner Frau, die alte deutsche Lieder singen konnte, daß da ein großer Fluß ist, den sie den Rhein nennen. Auch den Namen der Stadt, aus der ihre Mutter stammte, habe ich oft nennen hören: Karsruh, Kalsruh oder so ähnlich!«

»Karlsruhe! Sehen Sie, es stimmt, das ist die Hauptstadt der Landschaft Baden und liegt dem Rhein nahe. Wissen Sie wohl, mein verehrtes Fräulein, daß wir beinahe Landsleute sind! Freiburg in der gleichen Landschaft ist meine Vaterstadt. Von ihren Höhen sieht man in der Ferne den Rheinstrom glänzen, und jahrelang hielt ich mich in Karlsruhe auf, der Heimat Ihrer Großmutter!« 52

»Doppelt willkommen also in meinem Hause, Herr Baumgart! Gestatten Sie mir, Ihr Glas zu füllen. So, bitte: Auf Ihre und unserer Verstorbenen Heimat!«

Die Gläser der drei klangen leise und harmonisch aneinander.

»Sie müssen uns das morgen auf der Erdkarte zeigen, Herr Baumgart. Auch Weimar und andere Stätten Goethes. Das wird ihn mir noch näherbringen!«

»Recht gern, Fräulein Hawthorn. Auch ich teile, was ja begreiflich ist, Ihre Vorliebe für unseren Dichterphilosophen!«

»Ist es nicht eigenartig, daß einige aus dem ungeheuren Heer der Menschen, das in den Jahrtausenden über die Erde schritt, unsterblich blieben, was auch immer nach ihnen kam?«

»Ja, Fräulein Hawthorn, es ist etwas Großes um diese Unsterblichkeit. Diese wenigen Menschen aus den großen Kulturepochen der Chinesen, Inder, Chaldäer, Aegypter, Griechen und Römer, Araber, Abendländer, aus der Kultur des Riesenslawenreiches, das nach dem Abwirtschaften Europas kam, und aus der neuen Kultur, die sich in Indien entwickelt – diese wenigen Menschen, sage ich, sind Berggipfeln zu vergleichen. Kaum fünfzig Namen kommen zusammen, wenn wir sie aufzählen, und doch sind sich all diese Großen, obwohl durch viele Jahrhunderte und Jahrtausende getrennt, gleich, sind eines Geistes. Der eine Berggipfel besteht aus Granit, der andere ans Diabas, der dritte aus Basalt, jeder hat seine Eigenart, und doch haben sie alle ein Gemeinsames, und Goethe stand Plato, der zwei Jahrtausende vor ihm lebte, unendlich viel näher als Millionen seiner 53 Zeitgenossen. Wir anderen sind Sand und Geröll in der Ebene, froh, wenn es uns vergönnt ist, wenigstens im Schatten jener hohen Gipfel zu leben!«

Elizabeth antwortete nicht. Der Mann da vor ihr hatte eine bezwingende Art, die Dinge zu sehen und zu beurteilen. Ein anderer Geist sprach hier zu ihr als der der kalten Sachmenschen, die sonst dieses Haus besuchten. Sein ausdrucksvolles Auge, seine tiefe, anheimelnde Stimme bezwang den Zuhörer.

Hawthorn unterbrach das Schweigen:

»Ich habe kürzlich den riesigen photographischen Erdatlas der internationalen Geographischen Gesellschaft gekauft! Ein Ungetüm! Fünf dicke Bände, jeder fast einen Quadratmeter groß! Er liegt in der Bibliothek. Jede Landstraße und jeder Wald, jedes Dorf tritt deutlich hervor. Da können Sie morgen miteinander durch ganz Deutschland reisen!«

»Freilich nur mit Augen und Fingern, aber es wird uns Freude machen.«

»Das genügt einstweilen, Fräulein Hawthorn, aber ich hoffe, Sie und Ihr Vater werden noch einmal meine Heimat aufsuchen und dann meine Gäste sein. Die Welt ist ja so klein geworden heute! Ich hätte es mir niemals träumen lassen, daß ich heute abend an der Südspitze Afrikas im Hause des Direktors der Usambaranitwerke eine halb und halb deutsche Atmosphäre antreffen und deutsch über deutsche Landschaften und Goethe reden würde!«

»Ja, Herr Baumgart, das ist ein Vorrecht von Euch Europäern. Wir hier in Afrika kennen dergleichen nicht, sind ein großes Reich, Bewohner eines Weltteils. Aber 54 darin beruht unser Fortschritt und unsere Stärke, daß wir nie landschaftliche Eigenheiten, Rasseeigentümlichkeiten unterdrückten und die besonderen Begabungen aller Menschen dieses Landes voll zur Wirkung kommen ließen. Die alten Holländerabkömmlinge gaben vortreffliche Staatsmänner und Landwirte ab, die alten Söhne Englands entwickelten ihr technisches Gehirn, ihre kaufmännische Tüchtigkeit, die eingeborenen Söhne Nordafrikas stellen unsere besten Seeleute und Diplomaten. Die Bewohner der Nilländer zeichnen sich durch hervorragende Künstler und Aerzte aus, die Eingeborenenvölker des Ostens stellen die trefflichen Berg- und Hüttenleute, das Kongoland, das Sambesigebiet, die Somalhalbinsel liefert uns den unübertrefflichen Ackerbauer und Viehzüchter, und alle leben in Eintracht unter dem schwarzweißen Banner mit weißem Kreuz und rotem Halbmond, alle gleichberechtigt zur Leitung der Staatsgeschäfte, wenn Kenntnisse und persönliches Ansehen sie dazu befähigen.«

»Auch in Europa steht es jetzt ähnlich, wenn auch alte Rivalitäten da und dort noch immer aufkommen. Europa nimmt nun einmal eine Sonderstellung ein, es ist das alte Land der Einzelstaaten, der überspannten Nationalitätsgefühle, die jahrhundertelang gegeneinander wüteten, und es bedarf noch einiger Generationen, bis die letzten Spuren davon aus den Gehirnen getilgt sind. Das große Unglück, das jetzt über die nördliche Erde, speziell über Europa hereinbricht, wird dazu beitragen, das Gemeinsamkeitsgefühl zu stärken.«

»Morgen früh wird man in den Zeitungen das Manifest Ihres Präsidenten Basinzani lesen, und am fünfzehnten früh tritt der große Staatsrat von Afrika 55 zusammen. Wichtige Beschlüsse stehen bevor zur Rettung Europas aus Hungersnot.«

»Das alles ist Notbehelf, Herr Hawthorn. Die Eiszeit macht sich zwar im Norden und Süden der Erdkugel besonders stark bemerkbar, aber wir dürfen nicht vergessen, daß die Eiszeit die ganze Erdkugel einbezieht, und daß auch in den dem Aequator näherliegenden Gegenden langsam die Temperatur zurückgehen wird, die Ernteerträgnisse sinken.«

»Zunächst sind ja die Ernten im Aequatorgebiet der ganzen Erde infolge der stärkeren Niederschläge und des Nachlassens der Hitze in den heißesten Monaten noch günstiger geworden!«

»Gewiß, das ist eine ganz natürliche Folge, aber wir stehen erst am Beginn der Eiszeit, und für unsere Nachkommen wird das ganze Bild anders aussehen. Finden wir keine Mittel, dem zu begegnen, so sinkt die Kultur der Erdbewohner in den nächsten Jahrhunderten zurück auf das Niveau des Jägervölker, die vor mehreren Zehntausenden von Jahren auf der Erde lebten und den vor dem Eise fliehenden Herden der Tiere nachzogen, weil sie allein Nahrung bedeuteten und Kleidung!«

»Es ist nicht auszudenken, daß diese ganze hohe Kultur wieder zum Tiefpunkt heruntergleiten wird,« sagte Elizabeth und sah erschreckt in die ernsten, klaren Augen des Deutschen.

»Und doch wird es so sein! Unser Erschrecken, unser Bedauern, unser Anklammern an die Hoffnung, daß irgendein Wunder geschehen muß, um uns zu retten, zeigt nur, wie wenig wir unsere Stellung im Naturganzen begreifen! Ueberlegen Sie: Das Weltall, soweit 56 wir es sehen, enthält nach den neuesten Forschungen rund 250 Millionen Sonnensysteme gleich dem unsrigen. Geben wir jeder Sonne rund zehn Planeten, so haben wir zweieinhalb Milliarden Erden in dem uns sichtbaren Teil des Universums. Wieviele davon bewohnt sind, das wissen wir nicht, aber sicherlich viele Millionen. Aepfel, von Bakterien besiedelt! Sowenig es uns irgendwie interessiert, ob in einer riesigen kalifornischen Apfelplantage da oder dort ein Apfel infolge der Kälte zugrundegeht, seine Bakterien aussterben auf der schrumpfenden Schale, so wenig stört es die Kreise, die ewigen Gesetze der Allmutter Natur, wenn einer ihrer Millionen bewohnter Erdbälle der Vereisung anheimfällt.«

»Ich fühle, Sie haben recht, Herr Baumgart, fühle, daß Sie die Verhältnisse von der richtigen Perspektive aus sehen! Mein Gott, wie klein ist man doch und wie töricht, sich hier auf diesem Sternlein für wichtig zu halten!«

»So ist es, Fräulein Hawthorn! Und doch gibt es vielleicht Möglichkeiten, der Menschheit beizuspringen! – Es ist spät geworden, und ich will Sie heute abend nicht mehr mit den komplizierten Gedankengängen verwirren, die mich bewegen, aber Ihr Herr Vater wird Ihnen vielleicht morgen einiges von meinen Plänen erzählen!«

»Wenn Sie erlauben, sehr gern! Und nun lassen Sie uns noch eine kleine Flasche zur Nacht leeren, Herr Baumgart!«

Elizabeth erhob sich. Sie wußte, daß der Vater gern noch die letzte Stunde bei einer guten Zigarre und einem Glase Wein mit seinen Gästen allein war. Sie streichelte die Hand des alten Herrn und wünschte ihm gute Nacht. Als sie Baumgart die Rechte reichte, sah sie in seine Augen, die im Augenblick mit verträumtem Blick ins Leere 57 gingen. Und wieder schieden beide in einer leichten Befangenheit. – –

Eine Stunde später betrat der Deutsche sein Zimmer. Ein paar Kleinigkeiten hatten sich geändert. Dort, wo vordem ein Pastell des Tafelberges gehangen, blickte der wunderbare Kopf des alten Goethe aus dunklem Rahmen, und auf dem Tisch lag eine deutsche Ausgabe des »Faust«.

Draußen rauschten die Bäume, das Kreuz des Südens flimmerte zwischen den Zweigen hindurch. Johannes Baumgart blickte auf zu den dem Nordländer fremden Sternen. Wie weit war die Heimat, und doch wie nahe ihr großer Geist. Seine Hand strich über den braunen Ledereinband des alten, vergilbten Buches. »Anna Luise Lindner, Karlsruhe, den 3. Mai 1931, zur Erinnerung an einen Besuch in Weimar« stand in etwas verblaßten Zügen auf dem Vorsatzblatt. Sicher aus dem Nachlaß der Großmutter Elizabeths. Von ungefähr schlug er das Buch auf und las die erste Zeile, die ihm zu Gesicht kam:

»Neige, neige,
Du Ohnegleiche,
Du Strahlenreiche,
Dein Antlitz gnädig meinem Glück!
Der früh Geliebte,
Nicht mehr Getrübte,
Er kommt zurück. – – –

Zur gleichen Zeit stand Elizabeth Hawthorn vor dem großen Spiegel ihres Schlafzimmers und musterte zum ersten Male in ihrem Leben aufmerksam ihre eigenen Züge und das Ebenmaß ihrer Gestalt. – 58

 


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