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Fehde.

Die Landstraße durchschnitt wohlbebaute Fruchtfelder, bis sie jenen Wald erreichte, in dem Hans von Sternberg und Beowulf den heimkehrenden Bürgermeister in gewaltthätiger Absicht erwarteten. Mächtige Eichbäume, deren bemooste Stämme über ein Jahrtausend gesehen und die noch im Boden germanischen Urwaldes wurzelten, streckten zuweilen ihre Aeste über die Straße, als wollten sie den lebhaften Verkehr hindern, der sich ihrem Dasein feindselig erwies. Tausende von ihnen waren der Reichsstraße zum Opfer gefallen, die an Stelle eines beschwerlichen Sandweges breit und kunstvoll erbaut worden, um den Handelsverkehr aus Schwaben und Franken nach dem Rhein und Main zu vermitteln. Täglich kreuzten sich hochgethürmte Lastwagen mit Kaufmannsgütern und überseeischer Fracht beladen, oder Saumpferde trugen in Päcken und Ballen die Erzeugnisse deutschen Gewerbfleißes. Als jedoch Herr Hartmann gegen Abend durch den Wald ritt, lag die Straße öde, kein Geräusch störte die Waldesstille, der Hufschlag der Pferde und das leise Rauschen der Eichen ausgenommen.

Bei einer Biegung lief die Straße in gerader Linie, und kaum waren die Reisenden in dieser Richtung eine kurze Strecke fortgeritten, als zwei Reiter aus dem Walde hervorkamen, und in geringer Entfernung die Nahenden erwarteten, – Steinberg und Beowulf.

Der Riese trug ein Panzerhemd, auf dem Kopfe einen Helm, am linken Arm einen dreieckigen Schild, in der Rechten eine Lanze von ungewöhnlich starkem Schaft, und an der Seite ein langes Schwert. Seine Rüstung war insofern unvollständig, als die Panzerkappe und die eherne Beinbekleidung fehlten.

Beowulf war in gleicher Weise gewappnet, nur trug er statt der Lanze einen Wurfspeer und an Stelle des Helmes eine Sturmhaube.

Der greise Bürgermeister von Worms sah die beiden Reiter, ohne Schlimmes zu ahnen. Als er jedoch den Sohn des Grafen erkannte, überkam ihn bange Besorgniß. Aengstlich spähte er nach Beistand gegen die etwa drohende Gewaltthat, doch nirgends eine Spur hilfebereiter Wanderer.

»Ah, willkommen im lorscher Forst!« rief ihm Beowulf entgegen. »Ihr kennt mich doch, Bürgermeister? Bin vor sechs Tagen bei Euch gewesen, hab' Fehde angesagt, und heute schon können wir Euch Haft bieten auf Starkenburg.«

Diese Ansprache, welche das Schlimmste befürchten ließ, machte Oppenheim flüchtig erbleichen; sogleich aber faßte er sich wieder.

»Ihr werdet Euch doch nicht an einem alten Mann vergreifen wollen, der im Schutze des Landfriedens reist?«

»Pah, – Landfrieden!« rief Beowulf. »Wir haben Fehde mit Worms, nicht Frieden, darum gilt auch für Euch der Landfriede nicht.«

»Ich mache Euch aufmerksam, junger Mann, daß Ihr Gefahr lauft, in Acht und Bann zu fallen, über Alle verhängt, die Gewaltthat üben auf offener Landstraße.«

»Der Kirchenbann schreckt uns nicht und die Reichsacht bedeutet nichts,« erwiederte Beowulf. »Starkenburg hat gar feste Thürme und Mauern, die nicht umfallen vor Bann und Acht, Euch jedoch sicheren Gewahrsam bieten, bis Ihr ausgelöst worden. Ich hoffe, Worms wird seinen Bürgermeister nicht gar zu lange im Verließe schmachten lassen bei Wasser und Brod, bei Ratten und Molchen.«

Diese Worte und der Gedanke an die brutale Roheit des Grafen, eröffneten dem alten Herrn eine sehr düstere, an Leiden reiche Zukunft. Aber selbst in dieser gefahrvollen Lage verrieth er keine unmännliche Schwäche, zeigte vielmehr hohen Muth und Selbstbewußtsein.

»Was Ihr da sagt, von den Drangsalen des Thurmverließes, in das Ihr einen wehrlosen Mann hinabstoßen wollt, beschimpft einen christlichen Ritter ebenso, wie die Schandthat, einen altersschwachen, zum Kampfe unfähigen Wanderer zu vergewaltigen.«

Der Preuße lachte roh auf.

»Wir sind keine christlichen Ritter, bester Bürgermeister!« rief er. »Wir sind Preußen und Heiden, die sich den Teufel um das christliche Ritterthum scheeren!«

»Genug der Wortfechterei!« sagte Hans. »Ihr reitet mit uns nach Starkenburg. Der Knecht da mag seines Weges nach Worms ziehen und dort melden, daß Hartmann von Oppenheim der Haft ledig wird, wenn er so viele Pfunde reinen Silbers zahlt, als er selbst Pfunde wiegt. – Nun, spute Dich, Kerl, und mache, daß Du weiter kommst!«

»Ach, Edle und Gestrenge, ich bitte inständig, meines alten Herrn zu schonen!« flehte der Knecht. »Fast siebenzig Jahre zählt er und seine Gesundheit ist nicht fest. In wenigen Tagen würde ihn das Verließ umbringen.«

»Verkümmert er im Thurm, so tragen nicht wir die Schuld, sondern Worms, das nicht flugs die Lösung zahlen will,« entgegnete Beowulf.

»Vorwärts!« gebot Steinberg, und der Riese streckte seinen Arm aus, sich des Zügels von Hartmanns Pferd zu bemächtigen.

Der getreue Knecht sah, wie sein Herr bleich wurde und eilte zu dessen Beistand herbei, indem er sein Pferd zwischen ihn und Steinberg zu drängen suchte. Beowulf versetzte dem Knechte derbe Stöße mit dem Speerschafte, welche jedoch die Bemühungen des Getreuen nicht unterbrachen. Es gab ein Handgemenge, ein Ringen und Drängen von Pferden und Reitern. Hans fluchte, Beowulf wetterte, der Knecht schrie um Hilfe, Hartmann bemühte sich, den Gewaltgriffen Steinbergs zu entrinnen.

»Hund von einem hörigen Knecht!« brüllte Hans. »Willst Du loslassen? Beowulf, zieht Euer Schwert und haut den Schuft aus dem Sattel!«

»Das will ich, so Du nicht augenblicklich inne hältst!« drohte Beowulf. »Magst Du nicht nach Worms reiten, dann fahre zur Hölle!«

Aber keine Drohungen vermochten, die abwehrenden Versuche des Getreuen zu unterbrechen.

»Schonet doch meines gar lieben Herrn, – meines edlen Gebieters!« bat er, in beständigem Ringen mit Steinberg. »Wenn Ihr wüßtet, wie fromm und gut er ist! Habet doch Gnade, – habet Erbarmen mit seinem ehrwürdigen Alter!«

»Beowulf, – Donnerwetter, – wollt Ihr den Kerl bald zum Schweigen bringen?« schrie Hans. »Stoßt ihn vom Pferde, sag' ich!«

Der Preuße griff den Speerschaft fester und nahte mit dem Entschlusse, den Knecht rücklings zu durchbohren. Da wurde die Blutthat durch einen so kräftigen Schlag auf Beowulfs Arm verhindert, daß ihm der Speer entfiel.

Während des Tumultes trabte von Worms her ein Edelmann in vollständiger Kriegsrüstung. Er ritt einen feurigen Streithengst, dessen Rücken, Seiten und Hals ein Gewebe von feinen Stahlringen, und dessen Stirne eine Stahlplatte schirmte. Der Reiter selbst war vollkommen in Stahl gehüllt. Ein Panzerhemd, dessen blanke Ringe wie Silber blitzten, bedeckte den Oberkörper bis über die Hüften. Darüber trug er, als doppelte Wehr, einen Ringkragen mit einer Panzerkappe, welche Nacken und Haupt schützte, so daß vom Gesichte nur schmale Streifen der Wangen und Stirne, sowie Augen, Nase und Mund sichtbar waren. Diese unbedeckten Gesichtstheile verriethen jugendliches Alter und seltene männliche Schönheit. Ueber der sanft gebogenen Adlersnase blitzten zwei leuchtend große Augen hervor, – kühn und scharf, wie der Blick des Falken. Ueber den lebensfrischen, etwas trotzig geschürzten Lippen wuchs spärlich der Flaum angehender Mannesjahre. Seinen Stahlhelm, der als zweifache Wehr über der Panzerkappe saß, zierte ein Greif von Bronce, in Gold emailirt, die rechte Kralle zum Schlage gehoben und die Flügel schwingend. Das gleiche Wappenthier schmückte den Stahlschild von dreieckiger Form, den er am Rücken trug. Stahlschuppen, zu beweglichen Handschuhen geformt, bedeckten seine Hände und ein undurchdringliches Gewebe von Metallringen seine Beine und Füße. An der Seite trug er ein sehr langes, wuchtiges und zweischneidiges Schwert, und über seinem Haupte blitzte an hohem Schafte die Lanzenspitze. Ueber dieser vollständigen Rüstung jener Zeit trug er den gewöhnlichen Waffenrock, ein langes Gewand ohne Aermel, an beiden Seiten bis zum Gürtel aufgeschnitten, zur ungehinderten Bewegung des Reiters. Der eben geschilderten Stahlkleidung entsprach die hohe Gestalt des Trägers, dessen breitschulteriger, reckenhafter Körperbau außerordentliche Stärke verrieth.

Ihm zur Seite ritt sein Knecht, durch Brustharnisch und Sturmhaube bewehrt, ein kurzes Schwert an der Seite und in der Rechten eine Streitaxt. Sein Pferd trug zugleich einen dicken Bündel, von starkem Packtuch umwunden.

Der Gewappnete sah fast beständig nach den Bergen und zwar nach dem Punkte, wo die runden Fensterscheiben der Burg Greifenstein im Lichte der niedergehenden Sonne blutig roth flammten. Hiebei glitt zuweilen ein weicher Zug, wie Sehnsucht, über sein Gesicht, und in seinen Augen leuchtete die Wonne nahen freudigen Wiedersehens. Auch nach dem Auerberg schaute er häufig, und dann belebte eine sanfte Röthe seine Wangen und die Augen senkten sich in ernstem Sinnen. Da vernahm er plötzlich Geschrei und Hilferufe. Zu gleicher Zeit bemerkte er das Handgemenge auf der Straße, und in sein Angesicht traten die Zeichen der Ueberraschung und des Zornes.

»Beim Himmel, das ist Straßenraub!« rief er, sein Roß spornend.

Das edle Thier trug seinen Reiter in sausendem Galopp nach der Stätte des Frevels, wo er in dem Augenblicke anlangte, um durch einen Schlag mit dem Lanzenschafte auf Beowulfs Arm den Mord zu verhüten.

»Was geht hier vor? Wie, – Straßenräuber? Landfriedensbrecher?« rief er mit donnernder Stimme.

»Verdammt!« knirschte Beowulf, durch den schweren Streich schmerzlich getroffen und erbittert. »Was soll dies heißen, fahrender Schurke?«

»Ein Schurke seid Ihr, Beowulf von Starkenburg, – ehrloser Straßenräuber!« versetzte der Gewappnete.

»Ihr kennt mich? Wer seid Ihr?«

»Ich bin Sighard von Greifenstein!«

»Ah, – der Klosterschüler!« entgegnete der Preuße, mit einer höhnischen Grimasse.

Greifenstein maß mit dem Ausdrucke aufrichtiger Verachtung den Spötter.

»Allerdings,« – sprach er jetzt, »besuchte ich viele Jahre die Schule frommer, hochgebildeter Männer, denen Ihr die Schuhriemen aufzulösen nicht werth seid. Welche Schule Ihr dagegen besucht, und was Ihr darin gelernt habt, beweist Euer gegenwärtiges schmachvolles Beginnen, friedfertige Reisende räuberisch anzufallen. Wäret Ihr ein Deutscher, schämen müßte man sich der Stammesverwandtschaft. Da Ihr jedoch nur ein Preuße seid, dem bekanntlich Habgier, Raubsucht und Bedrückung Schwacher im Blute liegen, so bemüht Euch wenigstens, in einem christlichen Lande christliche Sitten anzunehmen, oder strenger Züchtigung gewärtig zu sein.«

Diese Worte begleitete ein so scharfer Blick der blitzenden Augen, daß Beowulf betreten die falschen Katzenaugen senkte.

Hans von Steinberg, keineswegs betroffen oder auch nur ärgerlich wegen der jählings unterbrochenen Gewaltthat, hatte den greisen Hartmann aus seiner Faust entlassen und Greifenstein mit höchstem Interesse gemustert.

»Ein herrlicher Degen!« murmelte er, mit steigender Bewunderung die eherne Hünengestalt Sighards betrachtend. »Ein Speerrennen mit ihm wäre noch ergötzlicher, als das Lösegeld des Bürgermeisters.«

Oppenheim zog den Hut und nahte ehrfurchtsvoll dem stattlichen Recken.

»Gott sei gepriesen, dessen allgütige Fürsehung mir in schwerer Noth einen starken Helfer gesandt!« sprach er. »Unsere Mannen, die aus Böhmen heimkehrten, sind des Rühmens voll über den gar streitbaren Helden Sighard von Greifenstein. Wie Euer gewaltiges Schwert im Heere der Böhmen Todeswunden gehauen, wie Euer Schild den bedrohten Kaiser geschirmt, haben sie erzählt, und auch, wie Herr Rudolph von Habsburg Euch hoch geehrt, mit Kleinodien reich beschenkt und zur verdienten Ehre des Ritterthums erhoben.«

»Unterlaßt dies, ehrwürdiger Freund!« unterbrach ihn Sighard. »Es mag einem Ritter, den sein Gelübde zur Bescheidenheit verpflichtet, nicht wohl anstehen, Solches zu hören. – Dagegen möchte ich vernehmen, wer Ihr seid, und welcher Umstand geborene Edelleute bestimmen konnte, ihren Wappenschild mit Straßenraub und Landfriedensbruch zu beflecken.«

Bei den letzten Worten machte Steinberg abwehrende Handbewegungen und brummte Unverständliches in den Bart.

»Ich bin Hartmann von Oppenheim, Oberbürgermeister in Worms! Heute ritt ich nach Lorsch, in Angelegenheiten unserer Stadt und wurde auf der Heimkehr allhier überfallen, wie Ihr gesehen, edler Herr! Ueberfallen in der Absicht, mich alten Mann nach Starkenburg zu schleppen und dort im Thurmverließe schmachten zu lassen, bis das Lösegeld bezahlt worden.«

»Nichts da! So verhält sich der Handel durchaus nicht!« rief Steinberg. »Schämt Euch, alter Fant, uns hinzustellen, als gemeine Straßenräuber! Wisset demnach, Herr Sighard, daß Graf Bertolf vor sechs Tagen Worms Fehde ansagte in gerechter Sache. Wären nicht sechs, sondern nur drei Tage seit der Ansage verlaufen, so hätten wir nach dem Fehdegesetze Kaiser Friedrichs, des Rothbartes, mit Fug und Recht den Alten aufheben dürfen. Sohin handeln wir dermalen nicht wie Straßenräuber, sondern nach ritterlichem Brauche.«

»Was Ihr da sagt, hinkt sehr,« entgegnete Greifenstein. »Der von Euch angezogene Spruch Barbarossas betrifft nur Fälle, in denen vor dem ordentlichen Richter das Recht nicht zu erlangen ist. Dagegen besagt der deutsche Landfriede Folgendes: ›Nothwehr ausgenommen, soll Jeder sein Recht vor dem Richter suchen, bei Verlust aller eigenen Ansprüche und doppeltem Schadenersatze Landfriede zu Mainz v. 1235, VI..‹ – Hat demzufolge Graf Bertolf vor dem kaiserlichen Landrichter in Worms Recht gesucht?«

»Er that es nicht, edler Herr!« antwortete Oppenheim. »Recht könnte ihm auch dort nicht werden, weil er gesetzlich im Unrecht ist.«

»Wir nehmen kein Recht von irgend einem Richter,« rief Bertolf trotzig. »Freie Männer schaffen sich selber Recht.«

»Mit der Faust,« ergänzte Sighard. »Also Faustrecht, – gebannt von der Kirche, geächtet vom Reiche.«

»Reichsacht und Kirchenbann kümmern uns wenig,« bemerkte Beowulf im Tone der Geringschätzung.

»Dagegen entspricht gewiß das Faustrecht dem Geschmack heidnisch gesinnter Preußen,« ergänzte abermals Greifenstein.

Beowulf kniff grimmig die Lippen zusammen und schoß wüthende Blicke nach dem Gewappneten.

»Da nun die Gewaltthat klar vor Augen und der Landfriedensbruch offen liegt, so flehe ich um Euren Beistand, edler Herr!« bat der Greis. »Verzeiht, wenn ich Euch an die Pflichten des Ritterthums erinnere, Schwache und Wehrlose gegen Vergewaltigung zu schützen. Schwach bin ich und wehrlos, – darum flüchte ich vertrauensvoll unter Euren starken Schild.«

Dieser Hinweis auf die Pflicht des Ritterthums, Wittwen, Waisen, Schwachen, jedem Unrecht Leidenden Schutz angedeihen zu lassen, war so herkömmlich und zeitgemäß, daß weder Steinberg noch Beowulf hiegegen Widerspruch erhoben. Jeder Edle mußte vor Empfang des Ritterschlages diese Pflicht eidlich geloben, – gewiß eine wohlthätige Sitte für eine Zeit, in der es keine verzweigte Polizeiorgane gab, und die gesellschaftliche Ordnung lediglich auf der allgemein herrschenden christlichen Gesinnung beruhte. Im Zeitalter des religiösen Unglaubens, der seichten Aufklärung und modernen Bildung, denke man sich den Schutz der allgegenwärtigen Polizei, mit ihrem Heere von Gensdarmen und Schutzleuten hinweg, und man wird einem Chaos von Raub, Mord und Anarchie begegnen.

»Ihr habt ein Recht, meinen Beistand anzurufen, und ich habe die Pflicht, Euch Schutz zu gewähren,« erwiederte Greifenstein. »Demzufolge ersuche ich Euch, den Patrizier und Bürgermeister von Worms in Frieden ziehen zu lassen.«

»Warum nicht gar!« rief Steinberg. »Haltet Ihr uns etwa für feige Memmen, die sich eine gute Waffenbeute durch leere Drohungen entreißen lassen? Wollt Ihr den edlen Ritter spielen, so leget die Lanze ein gegen mich. Ihr reitet einen prächtigen Hengst, tragt fürstliche Waffen und Wehr, nach beiden gelüstet mich. Werfe ich Euch aus dem Sattel, so wandert der Alte nach Starkenburg in Haft, und Ihr lasset mir Roß und Rüstung, wie's Brauch ist. Sieget dagegen Ihr, was ich jedoch verhindern will, so mag der Alte heimreiten, und meine Rüstung sammt Roß sind Euch verfallen.«

»Und wer seid Ihr, der mich zum Kampfe fordert?«

»Ich bin Hans von Steinberg,« antwortete nach einigem Zögern der Riese.

»Doch nicht jener Steinberg, der wegen Straßenraubes aus der Ritterschaft gestoßen wurde?«

»Genau derselbe!« erwiederte Hans mit gezwungenem Lächeln. »Ihr sollt erfahren, daß mein Arm nicht schwächer geworden durch den Ausschluß.«

Sighard blickte sinnend nieder, wie Jemand, der eine wichtige Frage ernstlich prüft.

»Der Ritterstand hat mich geschieden von seiner Waffenbrüderschaft,« fuhr Steinberg fort, »ob mit Recht oder Unrecht, mag dahingestellt bleiben. Das Ritterthum wird gar zu fromm, hält es sogar für Frevel und Schande, nichtsnutzigen Juden etwas von dem Gute abzunehmen, um das sie gute Christen betrogen haben. Meinethalben! Fand andere Waffenbrüderschaft, die nicht kämpft und reitet nach fast mönchischen Regeln.«

Greifenstein erwiederte nichts, kaum vernahm er die Rede, so lebhaft beschäftigte seinen Geist die Untersuchung.

»Ah, – ich merke, Ihr späht nach einem glimpflichen Auswege, dem Speerrennen zu entgehen!« rief Hans im Tone der Geringschätzung. »Mit einem Ausgestoßenen rennt kein christlich frommer Ritter, – eine bequeme Hinterthüre für Memmen und Feiglinge.«

»Gemach, Hans von Steinberg!« erwiederte Sighard. »Allerdings erwog ich, ob ein Kampf mit Euch gestattet sei, sintemal dem Ritter nur ein ebenbürtiger Waffengang erlaubt ist. Bei Turnieren dürft Ihr nicht rennen, das wißt Ihr. Gleicherweise seid Ihr unfähig zu jedem Dienste des Ritterthums, sowie zur Genugthuung bei Beleidigungen. Dagegen verbieten die Satzungen nicht, wider den Straßenräuber Schwert und Lanze zu gebrauchen, weßhalb ich, unbeschadet meiner Ehre, den angebotenen Kampf annehmen darf.«

»Wohl gesprochen, – so gefallt Ihr mir, Herr Sighard!« rief froh der Riese. »Auch ich vernahm zu Starkenburg von heimreitenden Edeln Euren Heldenruhm und es ergötzt mich gar weidlich, einen Waffengang mit einem so hochgefeierten Degen machen zu können. Wohlan, – rennen wir!«

Greifenstein erfreute der Zweikampf nicht minder; denn gefährliche und kühne Thaten lagen zu sehr in dem kriegerischen und abentheuerlichen Geiste jener Zeit. Auch für das Hochgefühl war Sighard nicht unempfänglich, durch die Stärke seines Armes dem Bedrängten Hilfe zu gewähren und dessen Freiheit zu erstreiten. An die Möglichkeit, einem so riesig gestalteten und tapferen Feinde gegenüber zu unterliegen, dachte er nicht.

In Kürze wurden die Kampfesbedingungen besprochen und die Rennbahn bestimmt. Eine Strecke von hundert Speerlängen wurde abgemessen, an beiden Enden durch Striche bezeichnet, ebenso der Mittelpunkt, wo Beowulf Stellung nahm, durch Zuruf das Zeichen zum Kampfe zu geben.

Die beiden Kämpen ritten jetzt nach ihren Standpunkten. Den Schild am linken Arm, die langschaftige Lanze zum Rennen bereit, hielten sie unbeweglich, wie zwei eherne Standbilder. Namentlich bot Greifenstein, vom Haupte bis zu den Füßen in Stahl gehüllt und auf dem geharnischten Streithengste sitzend, einen überaus stolzen und kriegerischen Anblick, während Steinberg, weniger gut beritten und bewehrt, durch seine herkulischen Körperformen sich auszeichnete.

Der greise Hartmann war vom Pferde gestiegen und kniete am Saume des Waldes unter einer Eiche, die Hände flehend zum Himmel gehoben. Inbrünstig bat er um Sieg für seinen Helfer; denn jene gläubige Zeit fand das Eingreifen der Allmacht, im Interesse einer guten und gerechten Sache, selbstverständlich und ganz natürlich. Die Bitten des alten Herrn waren um so dringender, je gewisser ihm schwere Tage bevorstanden, im Falle Greifenstein unterlag.

Beowulf stand im Mittelpunkte der Rennlinie und schickte sich an, das Zeichen zu geben. Nochmals spähte er nach den beiden Kämpen, – jetzt schwang er den Speer und rief mit lauter Stimme: »Halloh, – los!«

Sofort sprengten die Gegner, die Lanzen eingelegt, mit rasender Furie gegen einander. Ein Sachverständiger würde hiebei die Wahrnehmung gemacht haben, daß Sighards junges und gut geschultes Streitroß mit größerer Schnelligkeit den Raum überwand und für seine Stärke die Last des gewappneten Recken ohne Bedeutung schien. Wie ein Pfeil schoß es dahin, mit unwiderstehlicher Gewalt jedes entgegenstrebende Hinderniß zermalmend. Steinbergs Pferd hingegen, obwohl kräftig gebaut und geeignet zum Tragen des riesig gestalteten Reiters, nahm einen mehr schwerfälligen Lauf. So kam es, daß Greifenstein den Mittelpunkt um einige Speerlängen überholte. Und jetzt verkündete ein schmetterndes Krachen das Zusammentreffen der beiden Geharnischten. In vielen Splittern flog Sighards Lanzenschaft umher, indeß Steinbergs Lanze ihr Ziel verfehlte. Er hatte nämlich, im Vertrauen auf seine Uebung in Führung der Waffe, Greifensteins Haupt als Ziel genommen, eine schwierige Wahl, die jedoch, wenn sie gelang, des Erfolges gewöhnlich sicher war. Nun aber streifte die Lanzenspitze kaum den Helm des Gegners. Sighard hingegen richtete seine Waffe nach der Brust Steinbergs, durchbohrte dessen Schild, zerriß das Panzerhemd und schleuderte den Feind aus dem Sattel. So gewaltig war der Stoß, daß sich Steinbergs Pferd hoch aufbäumte und fast über den Reiter hingestürzt wäre.

Nun lag Herr Hans langgestreckt und regungslos am Boden. Beowulf eilte herbei und löste den Helm des Gefallenen, der schmerzlich stöhnte und mit der Hand nach der Seite griff. Auch Greifenstein stieg aus dem Sattel und nahte helfend dem überwundenen Feinde. Die Untersuchung ergab, daß Steinberg, in Folge des Sturzes, eine Rippe zerbrochen habe, mithin zu weiterem Kampfe unfähig sei. Er richtete sich mühevoll auf und stand, knirschend vor Schmerz und auch vor Zorn über seine Niederlage, unsicher auf den Füßen.

»Der Sieg ist Euer, Ritter von Greifenstein, – jedoch nur für heute!« sprach er, den Schmerz verbeißend. »Ist die zerbrochene Rippe wieder ganz, so hoffe ich, die Scharte auszuwetzen. Roß und Rüstung sollt Ihr morgen haben, – wenn Ihr keine Auslösung in Geld vorzieht.«

»Ich verzichte auf Beides,« entgegnete Sighard. »Traget Eure Rüstung künftig in Ehren.«

»Jawohl, in Ehren!« entgegnete Hans. »Und meine höchste Ehre soll darin liegen, Euch im Kampfe siegreich zu bestehen.«

Während Steinberg, mit Hilfe Beowulfs, sein Pferd bestieg und Beide ohne Gruß davon ritten, nahte Oppenheim seinem Retter.

»Wie kann ich Euch vergelten, adeligster Herr, was Ihr an mir gethan? Empfanget vorläufig meinen innigsten Dank, bis mir gestattet ist, denselben durch die That zu bewähren.«

»Ich that nur meine Pflicht, ehrwürdiger Herr!« entgegnete der junge Held. »Preisen wir Gott, der Alles zum Besten gelenkt. Reitet in Frieden heim und wahret Euch gegen künftige Raubanfälle.«

Er drückte dem bewegten Greise warm die Hand und schwang sich in den Sattel.

»Gott sei mit Euch auf allen Lebenswegen, edler junger Mann!« rief ihm Oppenheim zu. »Auf Wiedersehen, – auf baldiges Wiedersehen!«

Er blickte Greifenstein nach, bis eine Krümmung der Straße ihn seinen Blicken entzog. Dann stieg auch er zu Pferde und setzte die gewaltsam unterbrochene Heimkehr fort.


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