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4. Kapitel.

Sokrates zeigt dem Nikomachides, Nicht weiter bekannt. daß dem, welcher sein Haus gut verwalten könne, es im allgemeinen auch nicht in den zum Feldherrnamt nöthigen Eigenschaften fehle.

1. Als er einmal den Nikomachides aus der Wahlversammlung zurückkommen sah, sagte er: Was für Feldherren sind gewählt worden? – Und jener antwortete: ist das nicht ganz die Art der Athener, daß sie mich nicht wählten, der ich, seitdem mein Name in der Stammrolle steht, dem Staate als Soldat diene, der ich als Hauptmann und Oberst erprobt und (dabei entblößte er sich und zeigte die Narben seiner Wunden) von den Feinden mit Wunden bedeckt bin, dem Antisthenes Ebenfalls unbekannt. aber, der niemals als Schwerbewaffneter gedient und nie als Reiter sich durch irgend eine That hervorgethan hat und nichts anderes versteht als Geld zu sammeln, dem ihre Stimme gegeben haben? –

2. Ist denn aber, sagte Sokrates, das nicht gut, wenn er im Stande sein wird, den Soldaten das Nöthige zu verschaffen? – Auch die Kaufleute, antwortete Nikomachides, verstehen Geld zu sammeln, aber sie dürften deshalb noch nicht zu Feldherren tauglich sein. –

3. Und Sokrates entgegnete: Antisthenes ist auch ehrgeizig, was eine gute Eigenschaft für einen Feldherrn ist. Siehst du nicht, daß er noch immer, so oft er einen Chor ausgestattet hat, Der Chorege hatte zu den Festspielen für seinen Stamm (Phyle), der sich auch den Sieg zurechnete, einen Chor mit allem Nöthigen auszustatten und für seine Einübung zu sorgen. Es war dies eine der Liturgien oder Staatsleistungen, die nur die reichsten Bürger traf. S. Hermann, Staatsalterth. § 161. mit allen seinen Chören den Preis davon getragen hat? – Aber es ist doch nicht einerlei, beim Zeus, sagte Nikomachides, Anführer eines Heeres und eines Chores zu sein! –

4. Und doch war, versetzte Sokrates, Antisthenes ebensowenig im Gesang oder in der Einübung der Chöre erfahren und war trotzdem im Stande, die Tüchtigsten in diesen Künsten auszufinden. – Und so wird er auch als Feldherr, antwortete Nikomachides, andere finden, die statt seiner das Heer ordnen, und andere, die statt seiner kämpfen sollen. –

5. Und sollte er denn nicht, sagte Sokrates, wenn er im Kriegswesen wie im Chorgesang die Tüchtigsten herausfindet und auswählt, mit Recht auch hierin den Sieg davontragen, und kann man nicht annehmen, daß er eher geneigt sein werde, für den Sieg mit dem ganzen Staate im Kriege, als für den mit seinem Stamme im Chorgesang Aufwand zu machen? –

6. Meinst du also wirklich, Sokrates, daß es ein und dasselbe sei, ein guter Chorführer und ein guter Feldherr zu sein? – Das wenigstens meine ich, daß einer, was er auch zu leiten haben möge, ein guter Leiter ist, wenn er nur versteht, das, was nöthig ist, herbeizuschaffen, wobei es ganz gleichgültig ist, ob er an der Spitze eines Chores, eines Hauswesens, einer Stadt oder eines Heeres steht. –

7. In der That, Sokrates, ich hätte niemals geglaubt, von dir zu hören, daß gute Hauswirthe auch gute Feldherren sein könnten. – Wohlan denn, laß uns die Geschäfte beider prüfen, damit wir erfahren, ob es dieselben sind, oder sich in etwas unterscheiden! – Ganz recht, sagte Nikomachides. –

8. Ist es nicht, sagte Sokrates, die Aufgabe beider, sich ihre Untergebenen gehorsam und willig zu machen? – Gewiß, sagte jener. – Und jedes gerade dem aufzutragen, der dazu geschickt ist? – Desgleichen, sagte jener. – Und auch das ist beider Sache, die Schlechten zu bestrafen und die Guten zu belohnen. – Ja wohl. –

9. Sollte es nicht auch beiden anstehen, sich die Liebe ihrer Untergebenen zu erwerben? – Auch dieses. – Und scheint es dir ferner beiden von Nutzen zu sein oder nicht, sich Bundesgenossen und Gehilfen zu erwerben? – Allerdings. – Müssen auch nicht beide es verstehen, diejenigen, welche sie haben, sich zu erhalten? – Gewiß! – Und müssen auch nicht beide sorgsam und fleißig in ihren Geschäften sein? –

10. Das bisherige freilich kommt beiden auf gleiche Weise zu, das Kämpfen aber nicht mehr. –

Aber Feinde doch wenigstens haben beide? – Nun ja, freilich wohl! – Also werden sich wohl beide müssen angelegen sein lassen, diese zu überwinden? –

11. Allerdings! aber das läßt du bei Seite, was denn die Wirthschaftskunst nützen soll, wenn es zum Kämpfen kommt. – Hier doch wohl, sagte Sokrates, am allermeisten, denn der gute Hauswirth, welcher weiß, daß nichts so vortheilhaft und gewinnbringend ist, als im Kampfe über die Feinde zu siegen, und nichts so nachtheilig und schadenbringend, als eine Niederlage zu erleiden, wird bereitwillig das zum Siege Dienliche aufsuchen und herbeischaffen, sorgfältig aber das, was zur Niederlage führt, erforschen und sich davor hüten. Und wenn er sieht, daß alles zum Siege vorbereitet ist, wird er unverdrossen kämpfen; sollte er aber noch nicht gerüstet sein, so wird er sich hüten, einen Kampf zu beginnen.

12. Ja, Nikomachides, verachte mir nicht die Männer, welche sich auf die Hauswirthschaft verstehen! Denn die Verwaltung des eigenen Herdes unterscheidet sich nur dem Umfange nach von der Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten; in allem übrigen sind sie sich gleich. Die Hauptsache aber ist, daß weder ohne Menschen eine von beiden besorgt wird, noch durch andere Menschen die Angelegenheiten des eigenen Hauswesens betrieben werden können, und wieder durch andere die öffentlichen. Denn die, welche die öffentlichen Angelegenheiten besorgen, bedienen sich durchaus keiner anderen Menschen, als die, deren sich die Hauswirthe bedienen. Und der, welcher mit diesen gut umzugehen versteht, wird sein eigenes wie das Staatswesen zur Blüte bringen; wer es aber nicht versteht, wird in beiden Fehler machen.


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