Autorenseite

 << zurück 

Schlußwort.

Vertrauen wir denn auch auf die Zukunft von Bayreuth, und wünschen wir ihm eine gute Zukunft in das neue Jahrhundert hinein! Denn dies Bayreuth hat etwas Gutes zu bedeuten inmitten der modernen Welt, mehr noch: in aller deutschen Welt. Es war eine deutsche Meistertat, es ist ein Stück deutscher Arbeit, es ist und bleibt ein Werk- und Denkmal deutschen Geistes. Verstehen die Fremden aller Nationen darin das deutsche Wesen, so erkennen die Deutschen aller Staatsverbände sich selbst, das, was sie als eine friedliche Kulturmacht vereint – weit über alles politische Scheiden und Streiten hinaus – vereint in der Welt unseres Herzens, des innersten Menschentumes, das doch niemals nur ein Abstraktum, das doch immer auch ein Volkstum ist. Das nationale Bewußtsein hätte zur Zeit des wachsenden Kosmopolitismus und Internationalismus auch auf dem Grunde der größten politischen Tatsachen nicht sich dergestalt lebendig erhalten können, wenn nicht eine geistige Kraft, im besten Sinne »konservativ«, wie der deutsche Geist es ist, dabei geholfen hätte. Diese geistige Kraft, die wir niemals einbüßen mögen, um als Deutsche existieren zu können, hat zur Zeit ihren unverhohlensten, wirkungsvollsten, idealkünstlerischen Ausdruck gefunden in Wagner, seiner Kunst und seinem Bayreuth. In dieser reichen und lauten modernen Welt um uns her – welch ein viel beklagtes und doch nicht gemindertes Vorwalten materialistischer Denkweise, materialistischer Tendenzen! Wie feiert dagegen noch heute dort in Bayreuth ein reiner Idealismus seine Siege über das Gemüt und beweist sein unerloschenes Vorhandensein in der deutschen Innenwelt an einer Fülle großer tatsächlicher Erscheinungen! – In der Welt herrscht Macht vor Recht, wird der Nutzen allen anderen Interessen vorangestellt, wird ein alles durchfressender Egoismus kaum mit schweren Mühen immer nur ein weniges an soziale Pflichten gemahnt, zu ihrer Erfüllung oft selbst nur listig gereizt: eine rastlose Jagd nach Gold und Glück bringt würde- und heillose Unruhe in alle Lebensverhältnisse. Dort in Bayreuth flüchtet sich der Mensch aus dieser großen Unrast der Welt in einen edelen Frieden, die bösen und störenden Gewalten scheinen gebändigt im schönen Bilde der Kunst, und eine Arbeit wird geleistet, eine Sache getrieben »um ihrer selbst willen«, ohne Gedanken an Nutzen und Gewinn, eine mit keinerlei Nebenabsichten und Nebenrücksichten verwickelte, rein künstlerische Aufgabe wird gelöst, und kein anderes Glück damit erstrebt als das der erhabenen Freude am Wahren, Edelen, Großen und Schönen. – Draußen aus der Welt will das Große entschwinden; sehnsüchtig blickt der Mensch nach Erscheinungen aus, an die er freudig glauben, denen er mit Bewunderung, Begeisterung und Verehrung dienen könnte. Was uns hier allzusehr fehlt, dort in Bayreuth ist es uns voll gewährt: da sind wir in dem freien Reiche, wo das Große heimisch ist, wo die Helden leben und walten, die starken Willen, die hohen Gedanken, die edelen Gefühle, wo man dem Großen und dem Helden in Bewunderung, Begeisterung und Verehrung dienend seine Treue halten kann. – In der Welt ist die Kunst selbst herabgesunken von der Höhe genialer Weltschau in die trüben Niederungen eines kurzsichtigen, halt- und ziellosen Alltäglichkeitssinnes, und hin und her kämpfen vergebens nach sicherer Richtung, nach fester Form suchende Meinungen und Bestrebungen in wirrem Durcheinander. In Bayreuth hat eine in sich gefestete Kunst- und Weltanschauung ihren ausgeprägten, sicheren, großen Stil gefunden, ein fraglos sich selber voll und rein aussprechendes Kunstwerk bietet jedem Suchenden ein weihevolles Asyl im Reiche der Freiheit und Schönheit dar. – In der Welt führen Wissenschaft und Politik das große Wort, und sie wollen sich selbst nicht einschränken lassen durch die Forderungen eines – sentimental gescholtenen – sittlichen Bewußtseins. In Bayreuth herrscht allein die Kunst, aber in der tragischen Auffassung der Welt gibt sie mit großen und edlen Gefühlen und Gestalten, durch Leiden, Mitleiden und Ueberwinden, der sittlichen Macht im Menschengemüte wieder festen Grund und volles Bewußtsein. Draußen in der Welt will die überarbeitete Menschheit sich betäuben an einer leeren, leichtfertigen, unbefriedigenden Lustigkeit bis zur Frivolität. Hier in Bayreuth wird sie zurückgeführt auf einen tiefen Ernst, zur Tragik des Daseins, aber auch zum erlösend Heiligen im Leiden, zur religiösen Anschauung des Lebens, alles Lebens; und zugleich wird ihr eben dort und eben damit eine reine Heiterkeit gewährt, die Heiterkeit der Natur und des Volkes, wie sie aus Wald und Wiese des Siegfried und der Meistersinger beglückend zu uns dringt.

So sollen und wollen wir also beglückten Kinder des deutschen Vaterlandes in aller Not der Zeiten es nie vergessen. daß wir noch ein Bayreuth haben und was dies Bayreuth uns bedeute; – eine ideale Welt innerhalb der realen Welt, ein dem künstlerischen Sinne der abendländischen Kulturgemeinsamkeit leuchtendes Beispiel und Symbol germanischer Kunst, germanischen Geistes.

.


 << zurück