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VI.
»Parsifal«

Mit seinem Parsifal hatte Wagner ein Werk geschaffen, welches nicht nur wie der Ring, für ein nationales Fest bestimmt, durch seine ungewöhnliche Form und die übermäßigen Ansprüche an die darstellenden Kräfte wie an die Empfänglichkeit des Publikums von vornherein ein »anderes Theater« verlangte und auch wirklich sich verschafft hat. Aus einem » innerlichen Grunde« schrieb Wagner an Friedrich Schoen, habe er den Parsifal zu alleiniger Aufführung in Bayreuth bestimmt, und dieser Grund beruhe in dem »durchaus unterschiedlichen Charakter dieses meines Werkes, welchem ich die Benennung eines Bühnen weihfestspieles zu geben mich veranlaßt fand«. » Den Veranlassungen, welche den Ring des Nibelungen dem Bühnenfestspielhaus in Bayreuth entführten, glaube ich für den Parsifal jede Bestimmung meiner Entschlüsse schon dadurch unmöglich gemacht zu haben, daß ich mit seiner Dichtung eine unseren Operntheatern mit Recht durchaus abgewandt bleiben sollende Sphäre beschritt.«

Den Ring hatte er an die Theater hingeben müssen, um der materiellen Not willen, in welche sein Festspielhaus geraten war infolge der ungenügenden Teilnahme der Nation an dem ersten ihr gegebenen Feste. Das Symbol der Materie, des Goldes selbst also mußte hier helfen, die Realität des Ideales zu retten. Dahingegen Parsifal, das Symbol des Ideales selbst, sollte die Idealität des verwirklichten Festtheaters retten. Dieses Werk mit seinem wesentlich religiösen Charakter verlangte nicht allein ein »anderes« Theater, sondern es »weihte« dieses nun bestehende andere Theater zu einer Stätte besonderer Andacht des künstlerischen Menschen. Galt es also eine Kunst darzubieten, welche nicht in die Welt hinaus geraten sollte, damit sie gerade von ihrer eximierten Freistatt aus rein und groß auf die Welt und auch auf die Kunst wirken könne, so ward durch den Parsifal einer solchen Kunst die denkbar größeste Sicherheit gewährt. Wagner hatte darüber schon im Jahre 1880 an den König geschrieben: »Ich habe nun alle meine, so ideal konzipierten Werke an unsere, von mir als tief unsittlich erkannte Theaterpraxis ausliefern müssen, daß ich mich nun wohl ernstlich fragen mußte, ob ich nicht wenigstens dieses letzte und heiligste vor dem gleichen Schicksale einer gemeinen Opernkarriere bewahren sollte. Eine entscheidende Nötigung hierfür habe ich endlich in dem reinen Gegenstande, dem Sujet meines »Parsifal«, nicht mehr verkennen dürfen. In der Tat, wie kann und darf eine Handlung, in welcher die erhabensten Mysterien des christlichen Glaubens in Szene gesetzt sind, auf Theatern, wie den unsrigen, vorgeführt werden? Ich würde es wirklich unseren Kirchenvorständen nicht verdenken, wenn sie gegen Schaustellungen der geweihtesten Mysterien auf denselben Brettern, auf welchen gestern und morgen die Frivolität sich behaglich ausbreitet, einen sehr berechtigten Einspruch erheben. Im ganz richtigen Gefühle hiervon betitelte ich den »Parsifal«: ein »Bühnen weihfestspiel«. So muß ich ihm denn nun eine Bühne zu weihen suchen, und dies kann nur mein einsam dastehendes Bühnenfestspielhaus in Bayreuth sein. Dort darf der Parsifal in aller Zukunft einzig und allein aufgeführt werden; nie soll der Parsifal auf irgend einem anderen Theater dem Publikum zum Amüsement dargeboten werden,« worauf der König erwiderte: »Sein Wunsch sei, daß das heilige Bühnenweihfestspiel nur in Bayreuth gegeben und auf keiner anderen größeren Bühne entweiht werde«. – Hat also Wagner durch den Parsifal sein Bayreuth gegen alle, seinem künstlerischen Lebensgedanken widersprechende Anforderungen sicher stellen wollen, so hat er andererseits auch den Parsifal durch das Bayreuther Haus vor jeder Entweihung seiner eigenen religiösen Idealität sicher gestellt.

Aber dies ist nicht die einzige Bestimmung des Parsifal gewesen. Er ist nicht nur inhaltlich ein religiöses, er ist seinem Ausdruck nach ein künstlerisches Werk, dessen Ausführung, nach Wagners Worten, die »allergrößte Korrektheit« verlangt. Bei einem Parsifal läßt sich nicht durch leidenschaftliche Momente und Attituden oder durch glänzende Bilder und strahlende Einzelleistungen über eine mangelhafte Wiedergabe hinwegtäuschen. Ein bloßes Simile genügt nicht; jedes künstlerische Manko stört alsbald auch die weihevolle Stimmung, reißt heraus, nicht nur aus dem Drama, sondern aus der ganzen idealen Welt, deren Symbol es ist. Wagner selbst hat die letzten Kräfte seines Alters aufgeboten, um eben in diesem Bayreuther Parsifal das Muster in möglichster Vollkommenheit festzusetzen für korrekte Aufführungen im Stile seines Kunstwerkes überhaupt, und dies mit dem Erfolge, daß der Parsifal von 1882 in der Tat als Darstellung weit auch über dem Ring von 1876 stand.

Schon zwei Jahre zuvor hatte Wagner öffentlich erklärt: »Um die Möglichkeit mir zu wahren, noch während meines Lebens vollkommen stilgerechte Aufführungen meiner sämtlichen Werke mit der nötigen Deutlichkeit und nachhaltigen Eindringlichkeit vorzuführen, habe ich mich dazu entschlossen, zunächst meine neueste Arbeit ausschließlich und einzig für Aufführungen in dem Bühnenfestspielhause zu Bayreuth und zwar in der Weise zu bestimmen, daß sie hier dem allgemeinen Publikum dargeboten sei, – wobei dann darauf gerechnet wird, daß außerordentliche Einnahmen nicht nur die Kosten dieser erstjährigen Aufführungen vollkommen decken, sondern auch die Mittel zur Fortsetzung der Festspiele im darauffolgenden Jahre verschaffen werden, in welchem – wie überhaupt zukünftig – nur in Bayreuth der Parsifal zur Darstellung gebracht werden soll.« Jetzt, 1882, knüpfte er in seinem offenen Briefe an mich das Weitere an: »In welcher Weise die einzigen Aufführungen des Parsifal in Bayreuth den Hoffnungen dienen können, welche ich wohlwollenden Freunden erweckt habe und die nun von diesen sorglichst festgehalten werden dürften (nämlich die Hoffnungen auf die Begründung einer » Schule«) wird sich aus dem Charakter dieser Aufführungen und der Umstände, unter denen sie stattfinden, leicht ergeben.« Und ferner: »Ich halte alljährliche Wiederholungen des Parsifal für vorzüglich geeignet, der jetzigen Künstlergeneration als Schule für den von mir begründeten Stil zu dienen, und dieses vielleicht schon aus dem Grunde, weil mit dem Studium desselben ein nicht bereits durch übele Angewohnheiten verdorbener Boden betreten wird, wie dies bei meinen älteren Werken der Fall ist, deren Aufführungsmodus bereits den Bedürfnissen unserer gemeinen Opernroutine unterworfen ward.«

So sehen wir denn, wie Parsifal allerdings zu einem Lebensquell für Bayreuth geworden ist, aber in einem ganz anderen Sinne als jenem materiellen, den unsere allzu materiell gestimmte Zeit damit zu verbinden pflegt. Man denkt sich da die Sache so, daß der Parsifal nur deshalb Bayreuth vorbehalten bleiben solle, weil dieses ohne ihn materiell nicht existieren könne. Dabei ist aber noch gar die Auffassung maßgebend, daß Bayreuth überhaupt eine »Einnahmequelle« sei, welche seine Verwalter nicht verlieren wollten. Man traut also denjenigen, welche ein ideales Werk und eine ideale Stätte mit selbstloser Aufopferung ihrer Kräfte im Geist ihres Schöpfers bisher erhalten haben und von denen man nichts anderes als diese sichere Tatsache weiß, ohne weiteres die davon grundverschiedene Gesinnung zu, daß sie, um selber vom Parsifal zu »leben«, ihn der »Welt« entzogen wissen wollen. Wahrhaftig, das hätten sie leichter haben können, als durch einen viertelhundertjährigen Kampf des Idealismus gegen alle falschen Anschauungen und Ansprüche des Zeitgeistes! Warum hat man in Bayreuth dann nicht mit Freuden zugegriffen, als wiederholt für den Parsifal solche Summen geboten wurden, die das Festspieltheater auf immer sicher gestellt haben würden? Oder – warum hat man nicht lieber längst schon von allen Theatern für den Parsifal sich hohe Tantièmen zahlen lassen, anstatt daß man, wie seit zwanzig Jahren, noch zwölf Jahre länger – unbegreiflich für die Welt! – »gar keinen Gewinn daraus zieht«? So hätte man Bayreuth erhalten und obendrein »ein Geschäft gemacht«. Nur eben den Parsifal hätte man hergeben müssen; – warum hat man ihn nicht hergegeben? Nicht weil Bayreuth des Parsifal bedarf, sondern der Parsifal – Bayreuths!

Wer diesen Gedanken versteht, der weiß damit auch, was der Gedanke von Bayreuth ist. Denn aus diesem Gedanken heraus konnte einst Wagner dem Könige sagen, daß die dem Parsifal zu gewährende Bühne einzig nur sein Bühnenfestspielhaus sein könne. Aeußerlich betrachtet, von dem Gesichtspunkte der Aufführbarkeit aus, meint wohl heut noch manch ein Nachkomme derer, welche vor noch nicht so ferner Zeit jedes neue Werk Wagners für »unaufführbar« erklärten: der Parsifal lasse sich doch am Ende auf jedem »anständigen« Theater zur Aufführung bringen. Eine solche Aufführung werde doch gewiß immer mit einem ganz besonderen Ernste vorbereitet werden und mit einer eigenen Feierlichkeit von statten gehen. Dagegen blieben freilich für den, welcher einigermaßen allein von der Arbeit in Bayreuth eine Ahnung hat, mindestens noch sehr starke Zweifel übrig, ob die Sache überhaupt auch nur mit der von Wagner geforderten »Korrektheit« durchgeführt und, wenn selbst dies einmal gelungen wäre, auf die Dauer derart erhalten bleiben könnte. An die Theaterleitungen und die Künstlerkräfte werden da viel zu viel andere Ansprüche gestellt, um eine solche Konzentration auf ein Werk überhaupt zu ermöglichen; und wenn man sieht, wie es an den besten Bühnen heute noch den anderen Werken Wagners oft genug ergehen muß und wie es da vor allem gerade an der einfachen »Korrektheit« zu mangeln pflegt: so kann man für dies schwierigste, weil eigenartigste und gegen Störungen der Stimmung empfindlichste Werk doch wahrlich keine großen Hoffnungen auf ein plötzliches sich Emporschwingen zu Bayreuther Leistungen hegen sollen.

Nun wäre aber mit der ernsten künstlerischen Korrektheit der Aufführung noch lange nicht jenes eigentümliche Kunstwerk wirklich und völlig ins Leben gerufen. In Bayreuth gilt es ja überhaupt gar nicht einzelnen Aufführungen, und selbst wenn die jeweilige Vorstellung dort an wesentlichen Zügen einmal etwas vermissen ließe, so hätte man doch immer noch das Wesentliche des Werkes in der Art seiner Gesamtauffassung und demnach Gesamterscheinung erhalten. Dazu gehört vornehmlich jene ganz besondere Stimmung, welche sich unmittelbar aus dem Bewußtsein erzeugt, in dem von Wagner selbst für sein Werk geschaffenen Hause, gewissermaßen gegenüber dem Lebenswerke des Meisters selbst – im Original – sich zu befinden und zu diesem Zwecke allein aus der Ferne an diese in der Welt einzige Stätte gekommen zu sein, wo man dann wirklich auch allein die Möglichkeit hat, frei von den vielen unkünstlerischen Umständen des gewöhnlichen Lebens in einem ungestörten Frieden für geraume Zeit sich dem Erleben einer wahrhaftigen Idealität ausschließlich zu widmen. In unseren Großstädten, deren Theater doch die einzigen wären, sich an den Parsifal zu wagen, bedeutete auch die beste Aufführung immer nur eine schöne Abwechslung nach der Arbeit des Tages und vor der Ruhe des Schlafes. Sie wäre ein Moment im Leben, in einer ihr fremden Welt, aber sie stellte keine eigene Welt für sich dar, worin der Mensch sich als in ein höheres und reineres Element des Daseins ganz eintauchen könnte. Es wäre sozusagen: ein Parsifal ohne Gralsgebiet.

So ist es denn auch sehr zweifelhaft, ob das Publikum jener Orte überhaupt mit dem richtigen Verlangen und im rechten Sinne dem Werke gegenüber treten würde. Jedenfalls würde der Parsifal, den das Publikum dort zu sehen bekäme, bei diesem von vornherein auf ein ganz anderes Maß von Eindrucksfähigkeit treffen. Zu der edlen Ruhe, welche den Stil dieses Werkes bestimmt, steht die Unruhe der Zeit im denkbar krassesten Gegensatz. Es bedurfte schon der allerstärksten und seltensten Kunstmittel, um dem Werke und seinen Hörern innerhalb dieser Zeit die Möglichkeit dennoch zu verschaffen, zu einer solchen Ruhe einmal völlig einzukehren. Dazu mußte eben erst die ganz absonderliche und einzige Schöpfung eines außerweltlichen Kunstasyles stattfinden, wie Bayreuth. Vieles, wenn nicht das meiste, was in Bayreuth, in jenem besonderen idealen Rahmen, überzeugend, stimmungsvoll, ergreifend und entrückend wirkt, weil es dem dort herrschenden feierlichen Tone, den eigenen großen Maßen des Außerordentlichen und des Weihevollen entspricht, das würde inmitten einer Lebenssphäre, die von ihren Bewohnern tagaus tagein den Geschwindschritt der modernen Tätigkeit erfordert und wo sich das alte »deutsche Andante« längst in ein undeutsch hastiges Allegro vivace verkehrt hat, allein schon durch den Tempounterschied fremdartig, abspannend, geradezu »langweilig« und deshalb unerträglich wirken. Davon empfindet etwas wohl schon jeder, der sich törichterweise etwa direkt mit dem Eilzuge aus durchhetzten Arbeitswochen zum Festspielhause dahin reißen läßt: er muß sich seine Ergriffenheit erst mühsam erkämpfen aus dem Eindruck übermäßiger Breite der Vorführung heraus. Um Parsifal dem Opernpublikum auf die Dauer erträglich zu machen, müßte er also vor allem sein Tempo wechseln, und damit wäre aus dem Gralsritter schon ein Schnellläufer geworden. Aber auch im besten Falle würde er dem großen Publikum gegenüber nur eben als »Novität« sich geben und rein als solche »interessant« erscheinen; diese aber würde an solcher Stelle und unter diesen Umständen sich bald genug als leidlich »effektlos« erweisen, und das Ende wäre, daß das Werk wohl eine Zeitlang an den Opernbühnen abgespielt – nach König Ludwigs Wort »entweiht« – worden wäre, um dann zuletzt doch wieder an sein eigentliches Asyl wie zu seiner Reinigung zurückzukehren.

Der erste, besonders schmähliche Versuch, unter völliger Nichtachtung des letzten Willens eines deutschen Meisters, obendrein mit Hilfe von Bayreuther Künstlern, die man gut honorieren konnte, das Weihefestspiel von Bayreuth auf amerikanischem Boden zu einem Saisonzugstück für 40 Dollar-Zahler und Kassenstück für einen sicherlich besonders spekulativ veranlagten Direktor zu verwerten, gibt allen Voraussagen über Charakter und Wirkung von Außer-Bayreuther Aufführungen des Werkes vollkommen recht. Es war viel getan worden, die Sache anders – natürlich besser – als in Bayreuth zu machen, wenn man auch dieselben Kräfte dazu gebrauchte; aber man konnte weder die amerikanischen Sitten umwandeln, noch den amerikanischen Geschmack täuschen. Dazu hatte das amerikanische Publikum dem deutschen Werke gegenüber die unbestreitbare Berechtigung. Es durfte es »interessant« finden, daß der Parsifal gegeben ward, und »ennuyant«, ihn anhören zu müssen. Diese Ehrlichkeit, welche selbst aus der amerikanischen Presse, allem Goldzauber zum Trotz, deutlich genug sich verlauten ließ, war viel mehr wert als alles künstlerische Vorgeben, der »Welt« – und noch dazu der »neuen« – das in Bayreuth gefangene Werk Wagners in Freiheit vorzuführen. Wäre selbst ein Vexierbild gelungen, nie kann es in der Sphäre des Broadway seinen Frieden und Bestand haben, über den Moment hinaus als ideale Kunst lebendig wirken, als Lebenselement die religiöse Weihe ausströmen, die mit dem Willen seines Meisters so fest und heilig verbunden ist, wie mit dem Werke dieses Willens: Bayreuth. Wozu Bayreuth Jahrzehnte brauchte und woran es fort und fort arbeitet, das bringt selbst New-York nicht in einigen Wochen fertig.

Auf diesen ganzen Prozeß der Verweltlichung des Parsifal läßt sich recht wohl der Ausspruch des bekannten Heidelberger Theologen Hausrath über die Pläne der Schloßrenovierung anwenden: »Um zu erhalten, zerstören sie, und sie erhalten, was mit dem, was die Welt entzückte, nur noch geringe Aehnlichkeit hat. Um zu schaffen, was an vielen Orten vorhanden ist, opfert ihr hin, was von allen Menschen ihr allein besitzt!« – So kann, so wird Bayreuth niemals tun. Denn hier spricht nicht nur der Theologe für ein historisches Denkmal, sondern der Künstler für ein religiöses Werk.


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