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IV.
Das Bayreuther Publikum.

So bleibt denn nur noch ein dritter Vorwurf übrig, daß in Bayreuth überhaupt das rechte Publikum fehle, daß es schließlich doch » nur für die Reichen« sei. Wohl hat Deutschland, gerade dem Ausland gegenüber, lange als das ärmere Land gegolten; heut aber beginnt es doch eher schon Neid zu erregen um seiner materiellen Fortschritte und der Hebung seines Wohlstandes willen. Jene Franzosen z. B., welche zu Fuß von Paris nach Bayreuth gewandert waren, nur um das deutsche Kunsterlebnis zu erfahren, waren gewiß keine wohlhabende Leute. Noch im letzten Jahre kam u. a. ein Amerikaner, der durchaus nicht zu den Millionären jenseits des Oceans gehörte, eigens über das Meer nach Europa, um den Parsifal zu hören, und kehrte danach sofort auf demselben Wege nach Amerika zurück. Mehr von Deutschland zu sehen, dafür reichten wohl weder seine Mittel, noch kam sein Interesse dafür dem für Bayreuth gleich. Solche Besucher nahmen eben das deutsche Festspiel nicht als ein Vergnügen unter anderen, sondern sie hatten es als ein Hauptereignis dieses Jahres vor Augen, dessen sie sich unter allen Umständen einmal versichern wollten; und dazu bedurften sie großer Reichtümer nicht. So sollten – so könnten wir in der Heimat der Bayreuther Kunst es doch gleichfalls machen.

Ja, und wir haben es auch so gemacht. Es ist gar nicht wahr, daß nur besonders Wohlhabende nach Bayreuth gekommen sind, weil nur solche dahin kommen könnten. Diese »oberen Zehntausend«, wie die beliebte Phrase lautet, finden sich vielmehr in den großen Opernhäusern diesseits und jenseits des Oceans. Für diese gibt man einen »Parsifal« in New-York – ein Broadway-Festspiel! Von jeher haben sich Menschen aus allen Lebenslagen und Gesellschaftsschichten im Bayreuther Festspielhause zusammengefunden, einzig verbunden durch das Verlangen nach einer idealen Lebenserfahrung. Haben sich dann mit der Zeit auch solche darunter gemischt, welche meinten, sie müßten Bayreuth als eine »Mode« mitmachen, so sind diese gewiß nicht wiedergekommen; denn sie hatten etwas so Ernstes und Strenges, so jeder Konnivenz gegen das Publikum Abgewandtes, mit einem Wort etwas so Unmodernes dort gefunden, wie es sich am allerwenigsten zu einer Modesache eignet. Dagegen sind die meisten Besucher der Festspiele wiedergekommen, haben wiederkommen müssen, sind durch Bayreuth zu einer Kunstgemeinschaft geworden. Da gab es dann jene schönen Beispiele und Momente des Idealismus, deren Möglichkeit allein schon die Existenz einer solchen einzigen künstlerischen Institution rechtfertigt. Da gab es diese rührenden Ersparnisse, die der Einzelne sich für die ersehnte Fahrt nach Bayreuth auferlegte, wodurch allein schon die Stellung des Menschen als Publikum zur Kunst eine ganz andere, die Kunst selbst eine Sache von bedeutsamer Wichtigkeit im Leben des Einzelnen ward. Denn da gewann erst das, was für die gewöhnlichen Theatergewohnheiten eine mehr oder minder gute Aufführung sein mochte, den eigenartigen Wert eines wahren Erlebnisses. Es ward dem Erlebenden selbst zu jenem Außerordentlichen, was es seinem Wesen nach ist.

Kommen wir Deutschen wirklich schwerer dazu, uns ein solches außerordentliches Erlebnis zu verschaffen, so liegt dies meist viel mehr an den Berufs- als an den Vermögensverhältnissen. Wer überhaupt in den Wochen des Juli und August auch nur ein paar Tage zu einer Ferienreise erübrigen kann, und wem dann Bayreuth ernstlich so viel oder gar mehr Wert hat, wie das Riesengebirge oder die Zugspitze, der bedarf bei den billigen Reise-Einrichtungen unserer Zeit und bei bescheidenen Ansprüchen noch lange nicht so viel für das ganze Erlebnis von Bayreuth und des Parsifal. Wären 50 oder 60 Mark denn wirklich heutzutage für die Mehrzahl derjenigen Deutschen, welche überhaupt geistig befähigt sind, das Publikum für eine solche Kunst zu bilden, eine so unerschwingliche Summe, daß sie garnicht imstande wären, sie durch Vermeidung anderer Ausgaben für Dinge, welche ihnen doch weniger am Herzen liegen dürften, zu diesem einen Zwecke, während einiger Jahre, sich heranzusparen? Wenn man diese einfache Rechnung nur einmal mit gutem Willen in Betracht zieht und nicht nur nachredet, was man allzuoft hören und lesen mußte: daß Bayreuth zu teuer sei – nämlich nach dem Maßstabe eines »Theaterbesuchs«, nicht eines Erlebnisses –, so sollte man doch wohl soviel zugestehen müssen, daß es zum mindesten nicht »nur für die Reichen« da zu sein braucht.

Gewiß, es könnten ja noch viel mehr nach Bayreuth kommen, wenn sie wollten, und wirklich wollen es noch viele und können es doch nicht, besonders von den jungen Leuten, bei denen die großen Eindrücke nicht nur die lebhaftesten, sondern auch die entscheidenden sind. Wenn dem aber so ist, so fragt es sich doch vor allem: ja, warum haben denn diejenigen, welche jetzt Bayreuth daraus einen Vorwurf machen, nicht bei Zeiten dafür gesorgt, daß es anders werde? Sind sie denn niemals dazu aufgefordert worden? Hat sie denn Bayreuth nur zu künstlerischen Genüssen eingeladen und nicht auch zu moralischen Handlungen? Warum hat man Bayreuth nicht längst derart sicher zu stellen gesucht, daß es aus der tatsächlich recht übeln Lage herauskam, in der es von Anfang bis heute sich befinden mußte: nämlich ganz gegen Wagners ursprünglichen Plan, zur Deckung seiner Kosten überhaupt »Entrée« nehmen zu müssen. Ein täglich spielendes Theater, mit reichhaltig wechselndem Repertoire, in einer großen Stadt, bei hohen fürstlichen Unterstützungen, das freilich – das macht auch noch Defizits! Und Bayreuth mit seinen seltenen, nur vierwochenlangen Sommerfestspielen, wozu man aus aller Welt Enden kommen muß, nicht nur das Publikum, vor allem auch die Künstler – und es soll welche darunter geben, die nicht eben billig zu haben sind –; dazu diese unvergleichliche Peinlichkeit in der künstlerischen Arbeit; diese außergewöhnliche Masse von Arbeitskräften, um wiederum das Außergewöhnliche zu ermöglichen: das Alles erfordert schon Ausgaben, deren wirkliche Höhe man sich kaum vorstellt, die aber in der Tat nur eben durch die Einnahmen aus ganz und stets gefüllten Häusern erst im zweiten Jahre einer Neueinstudierung gedeckt werden, obwohl doch an die Veranstalter der Festspiele selbst, welche die ganze Verantwortung tragen, niemals ein Pfennig »Tantieme« oder Entschädigung oder irgend etwas dergleichen, was wie ein Lohn für ihre Arbeit aussehen könnte, ausgezahlt worden ist.

Wäre Wagners ursprünglicher Gedanke durchführbar gewesen, so stünde es anders. Er hatte sich gedacht, sein Bayreuther Werk solle nicht für die Reichen, wohl aber von den Reichen geschaffen werden, so geschaffen, daß es alsdann für alle, die danach ernstlich verlangen, sich völlig frei darbieten könne. Die Unentgeltlichkeit der Vorstellungen war ihm von Anfang an, also etwa von 1850, mit der Idee des Idealtheaters verbunden gewesen. Auch die Besucher des geplanten Münchener Festtheaters waren nur als Gäste des Königs gedacht. Erst im Jahre 1880 hat er davon absehen müssen, um bei seinen Lebzeiten noch wenigstens den Parsifal zu verwirklichen. Aber im Prinzip und als Ziel ist dieser Gedanke bestehen geblieben, und was davon auch unter den jetzigen Verhältnissen sich konnte erreichen lassen, das war die Ermöglichung und Erleichterung des Besuches für Minderbemittelte durch die Einrichtung einer Stipendienstiftung.

Auch dieser Gedanke findet sich schon in den Anfängen der Nibelungenarbeit. Festere Gestalt erhielt er alsbald, nachdem es sich 1876 gezeigt hatte, daß die freiwilligen Spenden der begeisterten Freunde durchaus nicht in genügendem Maße eingegangen waren, um je das Theater aus einem solchen »Patronatsfonds« allein zu erhalten. Da äußerte Wagner zuerst um Neujahr 1877 in einem Schreiben an die Wagnervereine die Ansicht, daß das Theater, welches bisher von Reich und Nation gleich unbeachtet gelassen worden war, eigentlich erst dadurch recht »nationalisiert« werden könnte, wenn durch einen jährlichen Zuschuß des Reiches die Einräumung einer großen Anzahl von Freiplätzen für minderbemittelte Deutsche ermöglicht würde. Diese Anregung verhallte wieder ohne jedes Echo. Und so begründete er denn wiederum selbst allein, 1882, durch seinen offenen Brief an einen der seltensten Reichen, die etwas Erkleckliches für Bayreuth getan hatten, an Friedrich Schoen, die Richard Wagner-Stipendienstiftung mit der Bestimmung: »gänzlich freien Zutritt, ja nötigenfalls auch die Kosten der Reise und des Aufenthaltes solchen zu gewähren denen mit der Dürftigkeit das Los der meisten und oft tüchtigsten unter Germaniens Söhnen zugefallen ist.«

Diese Stiftung ist da, besteht nun schon seit zwanzig Jahren, hat für jedes Festspieljahr, soviel sie konnte, Minderbemittelten aller Stände und Berufsarten, besonders jungen Leuten, Studierenden und Volkslehrern, die Möglichkeit verschafft, Bayreuth zu erleben, es sind zuletzt gegen zehntausend Mark in einem Jahre dafür ausgezahlt worden: das ist gewiß sehr schön und erfreulich. Aber wenn man bedenkt: zwanzig Jahre lang – während Bayreuth künstlerisch stetig wuchs und auch immer mehr Achtung sich errang – und immer noch ist diese Stiftung so unbekannt, so wenig beachtet, so gering bedacht, daß der Vorwurf »Bayreuth ist nur für Reiche« sich behaupten konnte bis auf den heutigen Tag – das ist doch wiederum niederschlagend. Wieviel mehr hätte in dieser Hinsicht geschehen sollen – hätte geschehen können, wenn hier das Reich, anstatt den Gedanken zu vertreten »die Kunst für alle«, d. h. anstatt sie jedem zum Erwerbszweig zu überlassen, lieber nach dem allgemein anerkannten Grundsatze »Jedem das Seine« handeln wollte. Der Kunst das Ihre geben – heißt das wirklich: ein Ausnahmegesetz geben? Aber siehe da: aus Furcht vor einem Ausnahmegesetz gibt man ja gerade ein solches! Man stellt die Autorenrechte unter das krasse Ausnahmegesetz, daß sie, als Besitzrecht aufgefaßt, nach der kurzen Frist eines Menschenalters einfach ausgelöscht werden, was für keinen anderen Erwerbszweig gilt oder nur zu denken wäre. Nun handelt es sich hier aber garnicht um Besitzrechte. Es handelt sich beim Kunstwerk um ein geistiges Recht, wozu vor allem der Geist und Wille des Künstlers gehört, der es geschaffen hat. Wäre man die Vertretung eines künstlerischen Volkes, man könnte es sich garnicht beikommen lassen, die Kunst überhaupt unter ein ihr fremdes Recht zu zwingen, sondern nach dem Beispiel, welches gerade die »Besitzer«, die Erben und Verwalter der Wagnerschen Kunst in Bayreuth geben, dem Beispiel der pietätvollen Selbstlosigkeit, würde man die Kunst um ihrer selbst willen auf dem Boden sicher stellen, wo sie gewachsen ist und wo sie, entzogen jeder Not um die Materie, einzig nach ihrer Eigenart gedeihen kann.

Aber da hat man gleich noch ein anderes Schlagwort zur Hand, das allem ins Gesicht schlägt, was Wagner selbst von der Kunst gefordert: daß sie aus einem tiefen, menschlichen Lebenstriebe, aus dem Seelenbedürfnisse nach dem Schönen und Edelen der großen Lebenssymbole hervorgegangen, niemals nur einer egoistischen Befriedigung des Schönheitssinnes einzelner dienen solle. Dagegen sagt man nun: »Bayreuth ist doch nur eine Luxuskunst« – mit dem Hintergedanken: es ist Luxus, daß man etwas dafür leiste. – Ist dies wahr? Was ist denn an der Bayreuther Kunst das Luxuriöse? Der große Aufwand, den das Drama zu seiner lebensvollen Gesamterscheinung verlangt? Aber eben das Drama verlangt ihn, und für dieses Drama ist es kein Aufwand, sondern Ausdruck, notwendiger, – ja am Stile gemessen – maßvoller Ausdruck eines Edelen, Ernsten, Echten, das an sich gewiß zu nichts weniger als zum Luxus gehört. Ist die Einheitlichkeit aller Ausdrucksmittel im Bayreuther Kunstwerk etwa eine unkünstlerische Forderung? Und ist vielleicht das Bayreuther Orchester, die Musik des Kunstwerkes, wegen der reichen »Besetzung« nur ein Luxus? Nicht viel mehr reiner Ausdruck der innerlichsten Welt, die es gibt und die nur so ihre ganze Tiefe, ihren ganzen Reichtum auszusprechen vermag? Und diese Tonwelt fordert eine ihr entsprechende Lichtwelt. Eine Shakespeare-Bühne paßt nicht zum Bayreuther Orchester; und nur dieses wiederum paßt zu der erhabenen Welt der Götter und Helden auf der Szene. Alles dies ist schließlich eine Notwendigkeit des Bayreuther Geistes, der idealen Kunst. Der geistige Gehalt, den die Bayreuther Kunst darbietet, ist sicherlich kein Luxus; und die Form, in welcher er sich darbietet, wäre Luxus, wenn sie geistlos wäre; ist es aber nicht, sondern das Gegenteil, weil sie eben nur jene geistige Welt zum entsprechenden Ausdruck, zur künstlerischen Erscheinung bringt. Nennt man dies Luxus so ist es alle Kunst, alles, was über das Gewöhnliche, das nur Nützliche sich erhebt. Der Idealismus selbst, alle Größe, jedes Genie ist dann ein sündhafter Luxus, und Luxus alles, was sie getan und was dafür getan wird, ohne Selbstsucht und Gewinn.

Der Vorwurf der »Luxuskunst« – oder des Kunstluxus – scheint tief und ernstlich an das Herz der ganzen Kulturerscheinung zu greifen, die heute unter dem Namen von Bayreuth begriffen wird; und doch läuft er genau besehen nur wieder auf das alte, ganz äußerliche Urteil hinaus, das sich in das Allerweltswort: »zu teuer!« zusammenfaßte, und wogegen, wie nicht genug wiederholt werden kann, Wagners eigner letzter, seinem Volke hinterlassener Wunsch der Förderung des Stipendien-Gedankens, wenn er nur wirklich erfüllt wird, die ausschlaggebende Widerlegung bereits enthält. »Wir können nicht alle nach Bayreuth kommen, darum komme das Bayreuther Kunstwerk zu uns,« sagt das große Publikum. »Das Bayreuther Kunstwerk ist nur in und mit Bayreuth vorhanden, darum kommt alle nach Bayreuth!« sagt der Meister. »Aller Welt gehört die Kunst, darum gehe sie hin in alle Welt,« sagt – alle Welt. »Verlangt alle Welt nach der Kunst, so komme alle Welt zu ihr nach Bayreuth«, sagt der Meister. Und er wußte wohl, was er sich unter »aller Welt« dabei zu denken hatte! – Den Weg hat er ihr jedenfalls gewiesen.

Doch, wenn irgend etwas, so ist dies bei dem »Kunstwerk der Zukunft«, das heute schon unter uns so gegenwärtig zu leben scheint, noch »Zukunftsmusik«!


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