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V.
Das Außerordentliche.

Aber ist nicht am Ende jedes Außerordentliche, jedes in seiner Art einzige so etwas wie »Zukunftsmusik«, sobald man ihm zumutet, auf gegenwärtige Verhältnisse und bestehende Gewohnheiten reformatorisch einzuwirken? Jedenfalls steht ihm, einfach weil es ist, wie es ist, von Anfang an eine maßlose Macht von Gewöhnlichkeit und Gewohnheit schroff und zäh entgegen. Wenn aber etwas überhaupt die Kraft hat, dies zu überwinden, so ist es eben das Außerordentliche, es muß nur bleiben, was es ist, darf nicht auch erst zum Gewöhnlichen, zur Gewohnheit werden. Oder vielmehr – wenn man sich wirklich da hineingewöhnt, so ist das gewiß eine ganz andere Gewohnheit, kein Zeichen des Erschlafftseins, sondern des Aufschwungs, kein Zurückbleiben auf der Fläche, der »Platitude«, sondern ein Emporsteigen auf eine Höhe. Ja, wenn etwas als Fortschritt begrüßt werden darf, so ist es eben dieser kräftige Erwerb anderer Gewohnheiten auf den Hochgebieten des Außergewöhnlichen: »Wir müssen die Kraft haben, uns andere Gewohnheiten anzubilden,« sagt Wagner (1879) und fügt hinzu: »Nur ein sehr ernstliches, durch große Geduld und Ausdauer gekräftigtes Bemühen kann aber solche Gewohnheiten unter uns zu einem wirklichen Nerv des Lebens ausbilden. Aus einem starken inneren Müssen heraus kann uns einzig die Notwendigkeit zum Handeln erwachsen; ohne solche Notwendigkeit kann nichts Echtes und Wahres begründet werden.«

Nun sollte man doch meinen, gerade für unsere Zeit könnte die Gewöhnung an das Außergewöhnliche, das ganz Neue, keine so gar fremde Sache mehr sein. Wieviel hat sich doch im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts an allen Gewohnheiten der Menschen verändert! Die Kinder dieses merkwürdigen Jahrhunderts haben solche Neuigkeiten erlebt wie die Eisenbahn, den Telegraphen und alle Fortschritte der Elektrizität. Wir Deutsche insbesondere sind aus einer Winkel- in die Weltpolitik geraten; wir finden uns über Nacht als Kolonialvolk wieder, und heute schon liegt nicht mehr unsere Zukunft auf dem Wasser: wir schwimmen schon ganz rüstig und munter darauf herum, mit Handels- und Kriegsflotten bis nach China und Venezuela. Man reist heutzutage nach Amerika und Japan, wie vor hundert Jahren in der Postkutsche von Weimar nach Jena. Warum soll ein so beweglich gewordenes Volk nicht auch nach Bayreuth reisen? Will man denn in geistiger Beziehung soweit zurückbleiben hinter den technischen Fortschritten seiner Zeit? Will man sich gerade auf diesem Gebiete, das doch schon innerhalb der Natur etwas Außerordentliches, nämlich das Menschliche, zu bedeuten hat, so gar nicht vom Neuen imponieren lassen, sich gar nicht den Gesetzen fügen, durch deren Befolgung man selbst zum Außerordentlichen sich erhebt? Auf die Höhe der Jungfrau wird bald jeder Philister kutschieren – er braucht sich nur den Gesetzen der Schweizer Bahngesellschaft zu fügen. Ja, warum verlangt man nicht lieber auch – was so viel bequemer wäre –, die Jungfrau solle zu jedem Philister kommen? Man verlangt es doch von solcher geistigen Höhe, wie Bayreuth. Oder: warum soll denn eine solche geistige Höhe erst dann eine Daseinsberechtigung haben, wenn es möglich ist, daß alle Welt dahin kommt? Ist denn »alle Welt«, die auf die Jungfrau fährt, nun auch wirklich droben? Ach nein, sie ist nur wieder mitten »in aller Welt«, nicht aber in der hohen Bergeinsamkeit! Das Außerordentliche ist ausgelöscht. Der Schwamm der Allgemeinheit ist darüber gekommen. Es bleibt nur noch ein Triumph der Technik. Eben dies aber haben wir nun bei einer geistigen Außerordentlichkeit, wie es eine große Kunstschöpfung ist, noch in der Hand: sie vor solchem Auslöschen, vor solchem Platt- und Glattmachen zu bewahren. So wenig wir es uns einfallen lassen, die Sixtinische Madonna in einem Turnus berühmter Gemälde auf Reisen zu schicken, um sie in allen Städten Deutschlands und der angrenzenden Kulturländer zum Vergnügen des großen Publikums auszustellen, weil ja doch ohne eine solche allgemeine Kenntnisnahme ihr Wert als Kunstwerk noch nicht »voll und ganz« bestätigt wäre – oder: so wenig wir die Peterskirche auf Rollen setzen und zur Abwechslung einmal auf die Rehberge bei Berlin karren, damit man im Zentrum deutscher Bildung davon Notiz nehmen könne und Michelangelo doch endlich auch in den Kreisen Teltow und Barnim populär werde – und endlich: so wenig wir es wünschen, daß Oberammergau seine Passionsspiele etwa ein Jahr in München, das nächste in Leipzig, dann in Frankfurt u. s. f. bis Hamburg und Königsberg aufführe, damit die armen Deutschen nicht bis in die bayerischen Berge zu reisen brauchen, um zu erfahren, was eigentlich daran sei: ebensowenig sollte man verlangen und mit eben so geringem Rechte darf man es verlangen, daß eine so eigenartige Erscheinung wie Bayreuth ihre Außerordentlichkeit, ihre Einmaligkeit preisgäbe, etwas anderes, etwas Gewohntes, etwas Allgemeines werde und für jedermann und überall bequem zu haben sei.

»Ja aber,« höre ich da: »die bildende Kunst und auch die religiöse Kunst in allen Ehren – mit dem Theater ist's doch etwas anderes. Das hat doch eben den immensen Vorteil, daß es überall sein Brettergerüst aufschlagen kann, daß überall auf ihm die größten dramatischen Kunstwerke aller Zeiten dem Publikum allabendlich und alle nebeneinander dargeboten werden können!«

»So ist der Deutsche«, entgegnet Wagner selbst, »sobald von Kunst oder gar vom Theater die Rede ist, auf welchem Felde er seinen so berühmt gewordenen, gediegenen Ernst gerade nicht bewährt! Ueberredet ihn – überzeugt ihn durch Taten – ja – erschüttert ihn! Er ist noch tapferer als seine Soldaten, diese fallen, wenn sie erschossen sind, ihn muß man aber, wie den russischen Soldaten, erst noch umstoßen?«

Nun, Wagner hatte gewiß zeitlebens genug überredet, durch Taten überzeugt, erschüttert. Er hatte sich der Welt immer deutlich gezeigt als der, der er war: diejenige künstlerische Persönlichkeit, welche ganz eines war mit ihrer künstlerischen Idee und ihrem Werke. Und ebenso hatte er zeitlebens in immer wiederholten gleichen Erfahrungen und vergeblichen Versuchen, sich davon überzeugt, daß die bestehenden Theater ihrem Wesen und ihren Aufgaben nach zu dieser seiner Idee und seinem Werke einen unvereinbaren Gegensatz bildeten. Was half ihm das? Er hatte selbst Werke geschaffen, die eben den theatralischen Vorzug, vor allen erscheinen zu können, aufgeben mußten und durften gegen den künstlerischen Wert, nicht für alle zu sein! Das alles sollte nichts gelten. Der Künstler sollte nun einmal kein Recht auf das Außerordentliche haben, nur das Publikum sein Recht aufs Gewöhnliche; und wenn es etwas Ungewöhnliches haben wollte, so kam doch nur eine gewisse Steigerung des Gewöhnlichen dabei heraus. »Wir wollen uns,« sagte Wagner in den sechziger Jahren, »zur Charakterisierung dieser Außerordentlichkeit nicht mit der Kritik der erfolglosen Versuche aufhalten, nur erwähnen wir, daß alle sogenannten Mustervorstellungen bisher nie den Boden des alltäglichen Theaters verließen und sich eigentlich nur als durch Anhäufung und Nebeneinanderstellung gesteigerte Virtuosenleistungen zu erkennen gaben«; und später, schon im Anblick seines Theaters, mit einem letzten Blick auf die anderen draußen: »Werke, welche ihrer Originalität wegen die höchste Korrektheit zu ihrer Ausführung erfordern, würden unserem Theater dadurch förderlich werden, daß sie außerhalb dessen gestellt und seiner verderblichen Wirksamkeit entzogen, in vollster Korrektheit und ungetrübter Reinheit ihm als zuvor unverständliche, jetzt aber allseitig klar verstandene Vorbilder entgegengehalten würden.«

Man mag daraus tröstlicher Weise entnehmen, daß die strenge Sonderstellung von Bayreuth in Wagners Sinne durchaus keine absolute Verwerfung der anderen Theater bedeuten sollte. Was lebt, soll leben, nur soll es in seiner eigenen Art tüchtig leben und seinerseits mitwirken zum Leben des Schönen und Edlen. Jedes Theater verdient kräftig erhalten zu werden, das seine künstlerischen Pflichten erfüllt, auf welchem Gebiete der Dramatik es auch sei. Daraus kann sich manches sehr Gute ergeben, selbst für die Wagnerischen Werke, besonders aber für die jungen Produktionen, welche ganz auf den guten Willen und die guten Leistungen dieser Theater angewiesen sind. Was zur Verbreitung auch solcher idealen Werke, wie der Wagnerischen, dienen kann, bleibt der Pflichttreue dieser Theater überlassen. Nur dürfte sich keines, das auf dem Boden der Allgemeinheit, des Verkehrs zwischen dem großen Publikum und des Direktionsgeschäftes, oder gar der Spekulation steht, die Würde eines Idealtheaters, eines Bayreuth beilegen, ohne gegen des Meisters eigensten Willen und Lebensgedanken zu verstoßen. Denn sein Lebensgedanke und Lebenswerk – ein eben so selbständiges und unantastbares Werk wie etwa sein Lohengrin oder sein Tristan – ist es eben gewesen, gegenüber dem Theater für alles und jedermann, gegenüber den Stätten der Verbreitung und Verallgemeinerung, jenes eine große Beispiel zu geben, daß auch das Theater, daß auch das Drama etwas Einzigartiges, etwas Einmaliges, und dadurch gerade etwas Weihevolles sein könne, ganz so, wie sonst ein Werk bildender Kunst oder eine künstlerisch-religiöse Feier. Daß so etwas bisher noch nicht bei uns dagewesen, sollte am Ende doch dem Stolze darauf, daß es nun einmal da ist, und daß es ein deutsches Werk ist, keinen Eintrag tun? Der Deutsche ist stolz darauf, daß der Kölner Dom fertig dasteht, auch wenn er ihn nie zu sehen bekommt, er freut sich seiner schönen Flotte, auch wenn er nie zur See geht. Freuen wir uns also doch des Außerordentlichen auch in diesem Falle, und lassen wir uns die Freude daran nicht stören!

Aber freilich, wie sollte man sich daran erfreuen, wenn man es garnicht verlangt? Wenn man wohl ein »Bayreuth« verlangt, aber anders als Wagner es schuf, und den Parsifal, aber anders als er ihn gewollt? Die Ideale sind nun einmal nichts beliebiges, nicht etwas, wovon man nur eben sagen könnte: »Hier ist es und dort ist es!« »Nur einem edlen Bedürfnisse,« sagt Wagner, »kann das Weihevolle sich darbieten, und nichts kann die schöne Erscheinung fördern, als die Stärkung der Sehnsucht nach ihr.«

Das rechte Bayreuther Publikum wären also die nach dem Weihevollen Sehnsüchtigen, und eben einer solchen Sehnsucht bot Wagner zuletzt sein Bühnenweihfestspiel dar: den Parsifal. Darum bestimmte er dieses Werk so ganz ausdrücklich und feierlich für Bayreuth allein. Dies war der letzte Schritt Wagners zu dem Ziele seines Lebens hin, und erst damit hat er es wirklich erreicht. Sollte nach seinem Tode die große Spur dieses Schrittes ausgelöscht werden, so würde damit Wagners Lebenswerk ausgelöscht. Wieder blieben von ihm nur die einzelnen, einer gegensätzlich gearteten Oeffentlichkeit hingegebenen Werke übrig. Das einzige Beispiel der idealen Kunst in Wagners Sinne wäre vernichtet. Es wäre damit etwas Aehnliches getan, als wenn man das deutsche Reich wieder in dreißig Kleinstaaten zerlegen wollte und in jeden ein Bismarck-Denkmal stellte! Wo wäre Bismarcks Werk geblieben?!


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