Ernst von Wolzogen
Die Erbschleicherinnen. Band 1
Ernst von Wolzogen

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Achtes Kapitel.

[In welchem mancherlei zum Klappen kommt.]

Auf die Nacht voll Angst und Schrecken folgte ein trüber Tag voll banger Sorgen. Der junge Arzt, den gestern der Zufall ins Haus geführt hatte, war schon am frühen Morgen wiedergeholt worden, und später am Tage war dann auch der alte Sanitätsrat erschienen und hatte mit dem Kollegen seine Ansichten ausgetauscht. Die Herren glaubten gute Hoffnung geben zu können. Der Geheimrat war wieder bei Bewußtsein, er erkannte die Gesichter um sich herum und hatte nur die Herrschaft über die Sprache noch nicht wiedererlangt. Bei den einfachen Wünschen, die er äußerte, fehlte ihm häufig das nächstliegende Wort, und er setzte dafür nach einigen vergeblichen Anläufen, es zu finden, oft mit heftigem Nachdruck ein andres an die Stelle, das aus einer weit entfernten Begriffsreihe stammte. Die Frauen in der Umgebung des Kranken waren natürlich nicht wenig entsetzt über diese Wahrnehmung und glaubten schon, er habe den Verstand verloren. Die Aerzte erklärten jedoch übereinstimmend, daß dergleichen Erscheinungen schon bei ganz geringfügigen Gehirnblutungen häufig aufzutreten pflegten, ohne daß die geistigen Kräfte irgendwie in Mitleidenschaft gezogen würden. Es sei sehr wohl denkbar, daß dies Uebel nach einiger Zeit von selbst verschwände oder doch mindestens sich erheblich besserte. Dagegen würde sich gegen die vorhandene Lähmung der linken Körperhälfte, deren Wesen und Ausdehnung noch nicht festzustellen sei, vermutlich nicht viel ausrichten lassen. Die größte Gefahr liege in einer etwaigen Wiederholung des Schlaganfalls, und um diese abzuwenden, sei es durchaus notwendig, daß der Professor längere Zeit jeder geistigen Anstrengung und besonders jeder starken Gemütsbewegung aus dem Wege gehe, und daß seine Angehörigen mit eifriger Sorge darauf bedacht seien, ihm alle vermeidbaren Aufregungen fernzuhalten.

Die Geheimrätin war allein mit den beiden Aerzten im Studierzimmer, als sie ihr dies Ergebnis ihrer Besprechung mitteilten. »Wann meinen Sie denn, daß er seine Vorlesungen wieder wird aufnehmen können?« war die erste Frage, die sie an die Herren richtete.

»Vorlesungen! Mein Himmel, Sie denken schon wieder an Vorlesungen?« rief der kleine Sanitätsrat. Er schüttelte den dicken Kopf und kratzte sich mit breitem Lächeln hinterm Ohr. »Ich will ja die Möglichkeit gern zugeben, daß er in einem halben Jahre, vielleicht sogar schon in kürzerer Zeit wieder so weit ist, um ohne Anstoß reden oder wenigstens lesen zu können; aber besser wär's schon, wenn er sich gleich pensionieren ließe. Wenn er sich wieder mit wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigt, liegt doch die Gefahr der Ueberanstrengung immer nahe.«

»Aber wenn er sich nicht mehr wissenschaftlich beschäftigen soll . . .« jammerte Frau Ida. »Das hält er ja gar nicht aus. Er ist doch auch erst neunundfünfzig. Und geistig so frisch – was soll er doch bloß anfangen?«

Der Sanitätsrat zuckte die Achseln. »Ja, was ist da zu sagen? Jedenfalls sind Sie doch so gestellt, daß Sie die Kollegiengelder nicht unbedingt zum Leben nötig haben, hehehe! Sie haben weder Kind noch Kegel – gehen Sie doch auf Reisen! Ihre Mittel erlauben's Ihnen ja. Gehen Sie zum Beispiel den Winter nach Rom, da findet unser verehrter Professor angenehme Zerstreuung und wissenschaftliche Anregung zugleich. Im Sommer dann in irgend eine schöne Gegend im Gebirg oder am Meer, wo er seinen Körper kräftigen kann. Nicht wahr, was meinen Sie, lieber Kollege?«

Der junge Arzt hatte sinnend am Fenster gestanden. Jetzt trat er achselzuckend näher und sagte: »Es scheint mir ziemlich müßig, jetzt schon für die Zukunft Vorschriften machen zu wollen; aber wenn Ihre Mittel es Ihnen erlauben, so ist es jedenfalls sicherer, wenn der Herr Professor sich ganz von seiner öffentlichen Tätigkeit zurückzieht. Ich höre, daß die beiden jungen Damen, die Sie im Hause haben, dauernd bei Ihnen bleiben sollen. Die Nichten des Herrn Professors, nicht wahr? Nun, wenn ich mir nach so kurzer Beobachtung eine Meinung erlauben darf – ich glaube, daß unser Patient gerade jetzt keine bessere Gesellschaft finden könnte als diese jungen Damen. Das ältere Fräulein ist jedenfalls eine ausgezeichnete Pflegerin, sehr umsichtig und verständig, und das jüngere scheint mit seinem mehr heiteren Temperament . . .«

Die Geheimrätin reckte sich auf und fiel ihm etwas scharf ins Wort: »Sie scheinen zu vergessen, Herr Doktor, daß die Pflege des kranken Gatten doch wohl zunächst Sache seiner Gattin ist. Wir haben vor drei Jahren unsre silberne Hochzeit gefeiert. Mein Mann ist viel leidend gewesen – aber über Mangel an Pflege hat er sich noch nie zu beklagen gehabt. Und ob die Anwesenheit von jungen Mädchen im Hause, die selbst noch fortwährend der Aufsicht bedürfen, gerade geeignet ist, Aufregungen fernzuhalten, das – das . . .« Sie hüstelte nervös und ließ den Satz unvollendet.

Der junge Arzt sah sie scharf an. Er bemerkte, wie ihre schmalen Lippen vor innerer Erregung zuckten, und wie ein feindseliger Blick ihn streifte. Er wartete noch ein Weilchen, ob sie vielleicht noch etwas hinzuzufügen hätte, ehe er höflich und kühl das Wort nahm. »Pardon, gnädige Frau, ich will mich gewiß nicht in Dinge mischen, die mich nichts angehen, aber ich war heute morgen, als Sie mit Ihrer Toilette beschäftigt waren, allein mit dem Fräulein am Krankenbette und da hatte ich Gelegenheit, zu beobachten, wie Ihr Herr Gemahl ganz offenbar die Anwesenheit seiner Nichte wohltuend empfand. Er folgte ihr mit den Augen, wenn sie sich im Zimmer umherbewegte, und lächelte sie so dankbar an, wenn sie ihm eine Handreichung tat. Wenn sie sprach, war er ganz Ohr, und . . . ich muß überhaupt sagen: ihr ganzes liebenswürdiges Wesen, ihre stille, anmutige Art dem Kranken gegenüber . . .«

»Sie sind ja ganz begeistert von dem Mädchen«, unterbrach die Geheimrätin ironisch. »Es freut mich sehr, Herr Doktor. Wenn sie ihre Pflicht tut dem Onkel gegenüber, dem sie so viel verdankt, so ist das wohl nur recht und billig. Ich kann ja auch natürlich nicht immer um ihn sein. Hat Ihnen das jüngere Fräulein Nichte vielleicht gleich etwas vorgetanzt oder vorgesungen, daß Sie von der sich auch so rasch ein günstiges Urteil bilden konnten?«

»Es scheint, ich habe das Unglück, von Ihnen mißverstanden zu werden«, sagte der junge Arzt mit einer kurzen Verbeugung. Er reichte dem älteren Kollegen die Hand und wollte sich zum Gehen wenden.

Der Sanitätsrat hielt ihn fest und klopfte ihm, gemütlich lachend, auf den Arm. »Aber, Liebster, Bester, wer wird denn empfindlich sein? Uebrigens, ich weiß schon, was Sie sagen wollen. Der Herr Kollege hat ganz recht: wenn wir Mannsleute anfangen, alt und klapprig zu werden, dann ist es uns eine wahre Wohltat, frische, fröhliche Jugend um uns zu sehen – besonders weibliche, so zwischen sechzehn und zwanzig Jahren, hehehe! Ja, ja, verehrte Frau Geheimrätin, das ist nun mal nicht anders. Ich wenigstens möchte mir, wenn ich mich mal zur Ruhe setze, nichts Besseres wünschen, als mit so ein Paar hübschen, flotten Mädels gemütlich in der Welt herumzukutschieren – und Ihr Herr Gemahl wird für so was auch nicht unempfänglich sein. Wenn er seine Nichten zum Beispiel nach Rom führt – denken Sie bloß, wie schön er da dozieren kann, hehehe!«

»Sie unterschätzen meinen Mann doch wohl etwas, Herr Sanitätsrat«, versetzte die Geheimrätin mit hochmütigem Zucken der Nasenflügel.

Doch der kleine Herr verstand ihre Absicht gar nicht und fuhr laut und offenbar vergnügt fort: »Ach, Larifari, lehren Sie mich die alten Herren kennen! Mein junger Herr Kollege hat ganz recht: ein besseres Rezept können wir unserem verehrten Patienten gar nicht verschreiben als geistige Ruhe und vergnügte jugendliche, anspruchslose Gesellschaft.«

»Anspruchslos!« Frau Ida warf das Wort ihrem alten Hausarzt so scharf und spitz entgegen, daß er betroffen aufblickte. Aber sie ließ sich auf keine weitere Erklärung ein, sondern fügte nach einer kurzen Pause nur ironisch lächelnd hinzu: »Ich hätte zwar nicht geglaubt, meine Herren, daß Ihre Konsultation darauf hinauslaufen würde, daß Sie über zwei junge Mädchen in solchen Enthusiasmus geraten, die Sie kaum fünf Minuten gesehen haben; aber da die Wissenschaft in diesem Punkte einig ist, so muß ich mich natürlich fügen. Soll ich vielleicht die jungen Damen hereinrufen, damit Sie ihnen Ihre Instruktionen geben können?«

»Aber, meine liebe, beste Frau Geheimrätin,« rief der kleine Sanitätsrat erstaunt, »ich glaube gar, Sie fühlen sich – ja, wie soll ich sagen – gekränkt, oder . . .«

»Lassen Sie nur«, wehrte die beleidigte Dame ab und führte ihr Tuch an die Augen, um Tränen abzuwischen, die vorläufig allerdings noch gar nicht vorhanden waren.

Der jüngere Arzt empfahl sich nun schweigend, und auch der Sanitätsrat zog sich nach einigen vergeblichen Versuchen, die Geheimrätin versöhnlich zu stimmen, ein wenig ärgerlich zurück. Er war durch die Schilderung seines Kollegen und durch die eifersüchtige Verstimmung der Geheimrätin auf die jungen Mädchen, die er vorher nur flüchtig begrüßt hatte, erst recht neugierig geworden und benutzte die Gelegenheit, während Frau Ida grollend in den vorderen Zimmern blieb, um die Nichten am Krankenbett zu finden.

Sie gefielen auch ihm ausnehmend gut, und nachdem er ihnen seine Verhaltungsmaßregeln gegeben hatte, nahm er die Kathi beiseite – der Kranke war wieder eingeschlafen und hörte nichts – und ermahnte sie mit freundlichen Worten, getreulich auszuhalten, auch wenn die Eifersucht der Tante ihr vielleicht manchmal das Pflegeamt ein wenig schwer machen sollte. – –

Die Geheimrätin aber war, sobald die beiden Aerzte das Zimmer verlassen hatten, aufgeregt in den Salon getreten, wo Herr Emmerich Vogel bereits ihrer harrte.

»Ich weiß schon,« rief er ihr mit einem etwas schadenfrohen Lächeln entgegen, »die Tür war ja nur angelehnt – habe das meiste hören können. Die beiden Mädels scheinen eine besondere Anziehungskraft für Mediziner zu besitzen, hehe! Vorgestern war der schwarze Polack, oder was er ist, gleich hin in die Lizzi, und heute der andere Jünger Aeskulaps in die Kathi – das ist doch mal klar!«

Frau Ida ging mit großen Schritten auf und nieder und zerrte ihr Taschentuch zwischen beiden Händen umher. »Das geht nicht so weiter«, murmelte sie halblaut vor sich hin. »Die Mädchen müssen aus dem Hause – und zwar so bald wie möglich!«

Herr Emmerich riß erstaunt die Augen auf: »I, was tausend – du wirst doch nicht jetzt deinen Mann mit solchen Geschichten aufregen!«

»Was hat ihn denn so aufgeregt, daß ihn der Schlag traf?« rief die Schwester, dicht vor ihn hintretend, mit zornfunkelnden Blicken. »Sie haben ihn gegen mich aufgehetzt, sie haben jede Gelegenheit benutzt, um sich durch ihr Getue und Gehabe bei ihm einzuschmeicheln, die undankbaren, hinterlistigen, heuchlerischen Frauenzimmer, die! Wenn ich bloß wüßte, was sie gestern hier hinter meinem Rücken mit dem armen Manne angestellt haben!«

»Na, na!« grinste Herr Vogel. »Du gehst entschieden zu weit, Schwesterchen! Was werden sie getan haben? – Sie werden gesagt haben: »Lieber Onkel, sei doch so gut und bedenk uns in deinem Testamente, für den Fall, daß dich heute nachmittag der Schlag rühren sollte.«

Frau Ida trat mit einer unwilligen Gebärde von ihm fort. »Ich finde deine Scherze sehr geschmacklos«, sagte sie verächtlich. Und dann auf der Lehne des Stuhles trommelnd: »Du solltest mir lieber einen guten Rat geben, wie ich die gefährlichen Geschöpfe los werde auf gute Art. Wohin damit?«

»Hab' ich auch schon dran gedacht«, versetzte der Bruder, indem er sich listig lächelnd die Ohren rieb. »Laß sie ruhig im Hause und den alten Herrn seine Freude an ihnen haben. Vielleicht macht er wirklich noch ein Testament zu ihren Gunsten – dann heirate ich die Kathi und Brüderchen Adalbert, der große Künstler, läßt sich scheiden und heiratet die Lizzi – ganz einfach.«

»Ich glaube, du bist verrückt!« rief die Geheimrätin und schritt rasch auf die Tür des Berliner Zimmers zu.

»Kann ich gar nicht finden!« lachte er. »Damit wäre uns doch allen geholfen.«

Sie verließ das Zimmer, ohne ihn einer Antwort zu würdigen.

Am Abend desselben Tages mußte Herr Emmerich Vogel abreisen und zwar in recht gedrückter Stimmung, da er das Darlehen, um dessentwillen er gekommen war, nicht hatte erhalten können. Sein letzter Versuch, die Schwester zu überreden, ihm auf ihre eigene Verantwortung das Geld zu geben, war mißglückt. Hätte er sie nicht durch seinen schlechten Scherz, wie sie es nannte, so sehr gekränkt, so würde sie sich vielleicht haben verleiten lassen, ihm wenigstens zu geben, was ihr an flüssigen Mitteln zu Gebote stand; so aber wandte sie mit Recht ein, daß sie ja nicht wissen könne, wann der Kranke wieder imstande sein würde, selbst geschäftliche Anordnungen zu treffen, und daß sie bis dahin jedenfalls mit ihrem baren Gelde sorgfältig haushalten müsse, denn ihre Unterschrift genügte nicht, um etwa Geld aus der Bank zu ziehen. Sie hatte ihn überhaupt mit großer Entschiedenheit darauf aufmerksam gemacht, daß er sich daran werde gewöhnen müssen, fortan ohne die Hilfe des Schwagers durchzukommen; denn wenn der Professor, was ja sehr wahrscheinlich war, genötigt wäre, sein Amt niederzulegen und dadurch einen beträchtlichen Teil seines Einkommens einzubüßen, so würden sie den Rest wohl selbst aufbrauchen, zumal wenn seine Gesundheit einen längeren Aufenthalt im Auslande erfordern sollte. Und dazu noch die Sorge für die beiden armen Nichten, die er sich auf den Hals geladen – nein, nein, es könne von der Hilfe in dem bisherigen großen Maßstabe nicht mehr die Rede sein. Wenn er sich anders nicht zu helfen wisse, dann solle er nur das Geschäft aufgeben.

»Das heißt einen Dummen finden oder Bankrott erklären!« war der Bruder wütend aufgefahren.

Frau Ida hatte nur die Achseln gezuckt und sich durch gute just so wenig wie durch böse Worte von ihrem entschiedenen Nein abbringen lassen.

Er hatte weder den Schwager noch die beiden Mädchen noch einmal zu Gesicht bekommen, und die Abschiedswünsche, mit welchen er die drei bedachte, mochten nicht eben die freundlichsten gewesen sein. – –

Für die beiden Schwestern hatte der Streit zwischen Tante Ida und ihrem Bruder das Gute im Gefolge, daß er den eifersüchtigen Groll der Tante wenigstens für den Augenblick von ihnen ablenkte. Kathis Hilfe bei der Pflege des Gatten war ihr sogar angenehm, denn der Schreck und der Aerger der letzten vierundzwanzig Stunden hatten ihr ein heftiges Kopfweh eingetragen, so daß sie beim besten Willen nicht imstande gewesen wäre, viel für den Patienten zu tun. So schaltete denn zunächst Kathi fast allein im Krankenzimmer, nur am Nachmittag, während einiger Stunden, von Lizzi abgelöst. – –

Aber das war nur eine Stille vor dem Sturm. Am nächsten Tage schon brach das Verhängnis herein. Es war etwa um die Mittagsstunde. Die Geheimrätin war bei ihrem Gatten, Kathi hatte sich ein wenig niedergelegt und Lizzi saß, in einem Buche blätternd, in des Onkels Studierzimmer, als draußen ein kurzes Klingeln ertönte und fast gleichzeitig ein Geräusch aus dem an der Innenseite der Flurtür angebrachten Blechkasten anzeigte, daß der Briefträger etwas hineingeworfen habe.

Noch ehe das Mädchen durch den langen Gang von der Küche her nach vorn kommen konnte, war Lizzi draußen, um zu sehen, was es gebe. Der Schlüssel zum Briefkasten steckte im Schloß, wie gewöhnlich, und Lizzi nahm den Inhalt heraus und betrat damit rasch wieder das Studierzimmer. Es kam ihr plötzlich der Gedanke, daß vielleicht ihr feuriger Liebhaber an sie geschrieben haben könnte, und sie überflog hastig die Aufschriften der verschiedenen Briefe und Drucksachen. Nein, es war nichts für sie dabei, und sie wollte eben die Sachen auf den Schreibtisch legen, als ihr Blick von dem aufgedruckten Stempel des obersten Briefes gefesselt wurde: »Justizrat Kugler, Rechtsanwalt und Notar«.

»Jesses!« entschlüpfte es ihr unwillkürlich, und sie führte die Hand nach dem Herzen, das plötzlich rasch und heftig zu klopfen begann. Sie überlegte einige Augenblicke, und dann, als sie draußen auf dem Flur eine Tür gehen und rasche Schritte sich nähern hörte, griff sie nach dem Brief und verbarg ihn in ihrer Tasche. Unmittelbar darauf trat die Minna ins Zimmer.

»Des hat doch jeklingelt? Haben Sie vielleicht aufjemacht, Freilein?«

»'s war bloß der Briefträger«, erwiderte Lizzi, vom Schreibtisch zurücktretend und nach dem Fenster zuschreitend, damit das Mädchen ihr nicht ins Gesicht sehen sollte, denn sie fühlte, daß sie rot wurde.

Die Minna trat näher und griff nach den Postsachen, indem sie fragte, ob sie sie nicht gleich mit nach hinten nehmen sollte.

»Nein, nein, lassen Sie's nur da liegen«, versetzte Lizzi, sich rasch umwendend.

»Aber die Jnädige hat doch befohlen, daß ick ihr die Postsachen immer jleich bringen soll.«

»Net ins Krankenzimmer, 's könnt am End doch den Onkel aufregen.« Und damit nahm sie dem Mädchen die Sachen aus der Hand und legte sie auf den Schreibtisch zurück.

»Na, wie Se meenen«, erwiderte Minna, mit einem neugierigen Blick zu Lizzi emporschauend. Sie bemerkte offenbar ihre Verlegenheit und machte sich ihre Gedanken darüber. Mit einem dreisten Grinsen trollte sie sich hinaus.

Lizzi war ganz verwirrt. Jetzt ging das Mädchen jedenfalls hin und meldete seiner Herrin, daß der Postbote etwas gebracht habe. Vielleicht machte es gar eine boshafte Bemerkung, denn es bildete sich wahrscheinlich ein, daß das Fräulein sich einen Liebesbrief herausgesucht habe oder so etwas. Sollte sie nun hier mit diesem Brief in der Tasche ruhig sitzen bleiben und abwarten, bis die gestrenge Tante hereinkam, um den Einlauf durchzusehen? Sollte sie etwa gar ihre Fragen über sich ergehen lassen, während ihre brennenden Wangen ihr böses Gewissen verrieten? Dieses verwünschte Erröten! Ganz heiß war ihr! Nein, so durfte sie der Tante nicht unter die Augen kommen! Und sie huschte eilenden Schrittes auf den Zehen nach ihrem Schlafzimmer. – –

Kathi lag halb angekleidet in festem Schlaf auf ihrem Bette. Zwei Nächte hindurch hatte sie nur wenige Stunden geschlafen – sie hatte die Ruhe so nötig! Aber Lizzi war zu aufgeregt, sie wußte sich allein keinen Rat. Sie mußte die Schwester wecken – und sie berührte ihre Schulter und rief ihr leise ihren Namen ins Ohr.

Sofort fuhr Kathi auf, öffnete mit Anstrengung die Augen und lallte schlaftrunken: »Gleich, gleich, i komm schon.«

»Ich bin's, Kathi, sei net bös!« flüsterte Lizzi, indem sie sich aufs Bett setzte und ihre Arme um die Schulter schlang. »I hab so Angst – i muß dich wecken.« Und dann erzählte sie mit fliegenden Worten, was sie getan hatte.

Kathi verstand nicht gleich. Es währte eine geraume Weile, ehe sie begriff, worum es sich handle. Dann aber riß sie die Augen weit auf und rief fast laut: »Lizzi, um Gottes willen, was hast da ang'stellt! Glei trägst den Brief wieder hin. Du bringst uns ja ins Unglück.«

»Aber naa, sei doch nur g'scheit!« beharrte Lizzi und schüttelte in ihrem Eifer die Schwester bei den Schultern. »Denk doch nur, was die Tante anfangt, wann der Notar in dem Brief was vom Testament machen g'schrieben hat! Da wär's aus mit uns, net wahr? Was soll denn auch sonst drinstehn?«

»Aber, Lizzi, dees wenn aufkommt – nachher haben mir an Brief unterschlag'n!«

»A geh zu, wie soll denn dees aufkommen? Wir schreib'n an den Herrn Justizrat, daß den Onkel der Schlag g'rührt hat und daß er kein Brief net lesen darf. Er möcht warten, bis er wieder g'sund is. Sixt es – da is der Brief. Geh, sei stad, sperr'n du in dei' Schatulln nei'. Geh, sag ja! Hast den Schlüssel net im Sack?« Damit sprang sie auf und wollte die Tasche von Kathis Rock untersuchen, der an einem Haken an der Tür hing.

»Lizzi, nein – i mag net – dees is net recht!« rief ihr die Schwester nach, indem sie die Bettdecke zurückwarf und sich anschickte, aufzustehen.

In diesem Augenblick ging die Tür auf. Die Geheimrätin stand auf der Schwelle, nur einen Schritt von Lizzi entfernt, die in ihrem tödlichen Schreck leise aufschrie und den Brief, den sie noch in der Hand hielt, auf dem Rücken zu verbergen suchte.

Es was zu spät. Die Tante hatte auf den ersten Blick den Brief in ihrer Hand wahrgenommen. Sie trat herein, drückte die Tür hinter sich ins Schloß und packte Lizzi fest am Arm.

»Was ist das? Was hast du da vor mir zu verstecken?« sagte sie streng, und ihre stahlblauen Augen blitzten die Schuldbewußte drohend an.

»Nix, gar nix«, erwiderte Lizzi tonlos und schaute hilfeflehend nach der Schwester um, während sie, trotz des festen Griffs der Tante, den Brief in ihre Kleidertasche zu stecken suchte, die sich aber unglücklicherweise auf der andern Seite befand.

»Aha!« stieß die Tante voller Entrüstung hervor. »Es ist also wirklich wahr! Kaum acht Tage bist du im Hause, und schon fängst du hinter meinem Rücken heimliche Korrespondenzen an. Die Minna meldet mir, daß Briefe da seien, ich will hin und danach sehen, höre Stimmen in eurem Zimmer – und muß nun eine solche Entdeckung machen! So eine bist du also! O, ich habe dich gleich durchschaut, trotz deiner gekränkten Unschuldsmiene! Der Brief ist von einem Herrn.«

Lizzi zuckte die Achseln.

»Von dem Studenten jedenfalls, von dem du dir schon hast die Visitenkarte geben lassen.«

»Nein!«

»Du lügst, ich sehe es dir an!«

»Ich lüg' net!«

»Warum gibst du ihn mir dann nicht?«

Lizzi preßte die Lippen fest aufeinander, ohne zu antworten.

Inzwischen war Kathi aus dem Bett gestiegen. Mit gefalteten Händen trat sie einen Schritt auf die Schwester zu und sagte leise: »Geh, Lizzi, gib doch den Brief her. Es ist doch kein Unrecht . . .«

Sie wollte noch etwas hinzufügen, aber Lizzi kam ihr zuvor, indem sie sich mit einem heftigen Ruck von dem Griff der Tante losmachte und in den schmalen Gang zwischen den beiden Betten sprang. Sie zog den nächsten Stuhl herbei, wie um sich dahinter zu verschanzen, und dann stieß sie trotzig hervor: »Gib dir kei Müh, Kathi, i hab doch g'log'n. Der Brief is vom Herrn Krajesovich von Nemes-Pann – und dees is mei Brief, und den brauch i net herz'geben.« Und damit zerknüllte sie das Schreiben in ihrer Hand und suchte mit zitternden Fingern nach der Tasche auf der Rückseite ihres Kleides.

Die Geheimrätin atmete laut. Sie umklammerte mit beiden Händen die Lehne des Stuhles, der zwischen ihr und dem trotzig blickenden Mädchen stand und konnte sich nicht enthalten, ihn in ihrer Wut stark gegen den Boden zu stoßen. Sie erschrak über ihre eigene Heftigkeit, indem sie des Kranken nebenan gedachte, und zwang sich zu einem verächtlichen Lächeln.

»Also auf diese Weise lohnst du unsere Wohltaten, undankbares Mädchen! Nicht nur leichtsinnig, kokett, intrigant, auch noch trotzig und verlogen bist du! Schön, behalte deinen Brief; aber das sage ich dir: in meinem Hause bist du am längsten gewesen! Ich werde Mittel und Wege finden, dich anderswo unter strenger Aufsicht unterzubringen.«

Da vermochte Kathi nicht länger an sich zu halten. Sie trat hinter die Tante, legte ihr eine Hand auf die Schulter und rief, ohne sich durch Lizzis abwehrende Blicke beirren zu lassen: »Glaub's doch net, 's is ja alles net wahr. Der Brief is ja vom Herrn Justizrat Kugler.«

Aufs äußerste überrascht, wandte Frau Ida ihr zornrotes Antlitz Kathi zu.

»Was in aller Welt habt denn ihr mit dem Justizrat Kugler zu schaffen?«

»Der Brief is ja net an uns«, antwortete Kathi stockend. »Die Lizzi hat g'meint, weil doch der Onkel so krank is – daß er sich net aufreg'n soll – 's wär am End besser, du tät'st den Brief gar net erst lesen, weil's doch der Onkel net hat haben wollen, daß du was wissen sollst . . .«

»Was soll ich nicht wissen?« brauste die Geheimrätin auf. »Jetzt will und muß ich den Brief sehen. Eine Verschwörung mit meinem Mann hinter meinem Rücken!« Der Zorn erstickte ihr fast die Stimme, sie vermochte nur noch die Hand gebieterisch gegen Lizzi auszustrecken.

Die holte das zerknüllte Schreiben aus der Tasche und warf es auf ihr Bett. Sie schien jetzt ganz ruhig und gefaßt zu sein, ja sie vermochte sogar zu lächeln, indem sie zu Kathi hinübersprach: »Na, weißt, du bist a rechts Kamel, Katherl; hätt'st mi doch allein in der Patsch'n sitz'n lassen, wär g'scheiter g'wesen. Jetzt derf'n m'r alle zwei unsre sieb'n Zwetschgen z'sammenpacken.«

Während Lizzi sich so mit Galgenhumor von ihrer Angst zu befreien suchte, hatte die Tante den Brief erhascht, geglättet und den Umschlag aufgerissen. Jetzt faltete sie das Blatt auseinander und las, in der Aufregung unwillkürlich halblaut vor sich hin murmelnd:

»Hochverehrter Herr Geheimrat!

Vergebens habe ich Sie gestern zu der von Ihnen bestimmten Stunde erwartet und vermute daher, daß Sie sich nicht wohl befinden. Sollte Ihnen an der raschen Erledigung der Sache gelegen sein und es Ihnen Unbequemlichkeiten machen, mich während meiner Büreaustunden aufzusuchen, so bin ich gern erbötig, die Beurkundung Ihres letzten Willens in Ihrer Wohnung aufzunehmen.«

Hier brach die Geheimrätin ab. Ihre Brust wogte heftig. Ihre Nasenflügel bebten. Die Hand mit dem Schreiben sank in ihren Schoß und zitterte dermaßen, daß man in dem tiefen Schweigen, das für ein Weilchen in dem Zimmer herrschte, das Papier knittern hörte. Endlich hatte sie sich soweit gefaßt, um wieder Worte zu finden. Leise und heiser vor Zorn begann sie: »Es ist also wirklich wahr! Mein Bruder hat recht gehabt. Es gibt keine Schändlichkeit, die man euch nicht zutrauen könnte! Die Kränklichkeit eures Onkels macht euch bange, und da konntet ihr euch nicht genug beeilen, euren erbschleicherischen Plan zur Ausführung zu bringen. Die nächste beste Stunde, wo ihr mit dem kranken, schwachen Mann zusammen seid, der so weichherzig und harmlos ist wie ein Kind, die benutzt ihr, um ihn zu überreden, ein neues Testament zu euren Gunsten zu machen! Deshalb hattest du es so eilig, den Brief selbst in den Kasten zu stecken – ohne Stiefel, ohne Hut auf die Straße zu laufen – der Brief war an den Justizrat gerichtet. Deshalb mußtest du« – sie wandte sich von Lizzi an Kathi – »mit solchem aufopfernden Eifer dich zur Pflege drängen.«

Kathi erblaßte und rief: »Nein, dees ist zu arg, dees is . . .«

»Und jetzt begeht ihr gar noch eine Unterschlagung!« rief die Wütende, ohne auf Kathi zu hören. »Man sollte euch sofort den Gerichten übergeben. Ich möchte nur wissen, wie ihr bei eurer Jugend dazu kommt, in dieser raffinierten Art und Weise . . . Hat eure Mutter euch vielleicht noch vorgebildet für eure edle Lebensaufgabe?«

Kathi stieß einen unterdrückten Schrei der Empörung aus, und Lizzi trat gar einen raschen Schritt vor und erfaßte mit beiden Händen den Stuhl, als wollte sie ihn der Verleumderin ins Gesicht schleudern. Die große, starke Dame wich ängstlich zurück und stammelte: »Wollt ihr euch etwa noch tätlich an mir vergreifen? Ihr solltet doch wenigstens bedenken, daß nebenan ein Todkranker liegt.«

»Ja freili, dees sollten Sie bedenken, Frau Geheimrätin!« rief Kathi, gleichfalls einen Schritt auf sie zutretend, mit flammendem Antlitz.

Frau Ida öffnete rasch die Tür und trat auf den Korridor hinaus. Dabei stieß der Türflügel unsanft gegen Minna, so daß das Mädchen erschrocken zurückprallte und nun, sich die Stirn haltend, die eine Beule wegbekommen hatte, gerade vor seiner wutschnaubenden Herrin stand.

»Sie haben gehorcht!« zischelte die Geheimrätin das ganz verdutzte Mädchen an, und dann versetzte sie ihm eine rasche, kräftige Ohrfeige und schritt, ohne sich um sein Gejammer und Geschimpf weiter zu bekümmern, nach den Vorderzimmern. Lizzi und Kathi folgten ihr auf dem Fuße, letztere wie sie ging und stand, im Unterrock und gestrickter wollener Jacke.

Sobald sie im Salon angekommen waren, warf die Geheimrätin sich in einen Sessel und betupfte mit dem Taschentuch ihr erhitztes Gesicht. Kathi, die Augen voll Tränen, zog Lizzi am Arm hinter sich her und trat mit ihr dicht vor sie hin. Jetzt konnte sie die Sprecherin machen. In ihrer gerechten Entrüstung vergaß sie all ihre Schüchternheit.

»Wir lassen unser Mutter net beschimpfen!« rief sie, die geballte kleine Faust gegen ihr wildklopfendes Herz drückend. »Kei Wort is wahr von allem, was S' g'sagt hab'n. Ganz von selber is der Onkel draufkommen, a neues Testament z'machen, weil er's endlich amal müd g'worden is, sich von Ihnen und Ihrem Bruder um a Geld plagen z'lassn. So, jetzt wissen Sie's!«

Frau Ida war für einen Moment ganz blaß. Wie ein Blitz mochte vor ihrer Seele die Erkenntnis aufleuchten, daß dies die Stimme der Wahrheit sei. Aber gerade, wenn dies die Wahrheit war, durfte sie sich ihr am allerwenigsten beugen. Das fühlte sie instinktiv. Wenn sie auch nur das geringste zugab, wenn sie sich einschüchtern ließ von dem Zorn dieser Mädchen, dann war's geschehen um ihre Machtstellung über ihren Gatten. Sie lachte höhnisch auf und rief gebieterisch: »Kein Wort weiter. Ich weiß jetzt, was ich von euch zu halten habe. Spielt ihr nur noch die Gekränkten! – Ich glaube euch kein Wort. Mein Mann sollte freiwillig . . . ha, lächerliche Idee!«

Sie erhob sich rasch und ging einigemal im Zimmer auf und nieder. Dann blieb sie stehen, wandte sich den Schwestern zu und sagte, verhältnismäßig ruhig: »Es versteht sich wohl von selbst, daß ihr jetzt nicht mehr im Hause bleiben könnt. Ich werde sofort an einen Verwandten schreiben, der Gymnasiallehrer in einer kleinen Stadt in Pommern ist. Dem werde ich für euch eine entsprechende Pension zahlen, und dann mag er sehen, ob er mit euch fertig wird. In die Großstadt und gar in die gute Gesellschaft der geistigen Aristokratie gehört ihr nicht. Lernt etwas Tüchtiges, daß ihr euch selbst durchs Leben helfen könnt. Von meinem Manne habt ihr nichts mehr zu erwarten. Darauf könnt ihr euch heilig verlassen!«

Kathi starrte die Tante entsetzt an. Ihre schreckliche Hilflosigkeit kam ihr plötzlich zum Bewußtsein. Sie hatten ja keinen Ort in der Welt, wo sie mit irgendwelchem Recht eine Zufluchtsstätte beanspruchen durften. Kein Geld, um auf eigene Hand davonzugehen und sich irgendwelche, wenn auch noch so bescheidene Unterkunft zu suchen. Die paar hundert Mark, die ihnen als einziges mütterliches Erbteil aus dem Verkauf der Möbel geblieben waren, hatte der Onkel in Verwahrung genommen, und die Tante brauchte sie nicht herauszugeben, wenn sie nicht wollte. Sie mußten also über sich verfügen lassen, wie man über einen Hund verfügt, der einem lästig wird. Die Tränen stiegen ihr auf, und sie schaute ratlos der Schwester in die Augen.

»Komm, sei stad, Kathi«, sagte Lizzi, indem sie die Schwester mit sich aus dem Zimmer zu ziehen suchte. »Mir packen augenblicklich unsre Koffer. Net eine Stund länger bleib'n m'r da! Dees lassen mir uns net gefallen und wenn m'r betteln gehn müßten! I bitt schön, Frau Tante, geb'n S' uns unser Geld 'raus.«

»Das werde ich nicht tun!« versetzte die Geheimrätin scharf. »Euer Onkel hat gewissermaßen doch die moralische Verantwortlichkeit für euch übernommen. Ich werde euch nicht die Mittel dazu geben, um damit durchzubrennen, wer weiß wohin, und vielleicht gänzlich zugrunde zu gehen!«

»Schön, 's ist recht. Dann geh'n m'r ohne Geld!« rief Lizzi scheinbar ganz gleichgültig und zog Kathi mit sich aus dem Zimmer. Sie hatte schon ihren Plan fertig, und sobald sie in ihrer Schlafstube waren, riegelte sie die Tür hinter sich ab und entwickelte ihn der weinenden Kathi. Sie wollten sofort ihre Sachen packen, nach dem Bahnhof fahren, sie dort in Verwahrung geben und dann an die Frau Konsul Thormälen in Hamburg telegraphieren, ob sie kommen dürften. Bis die Antwort postlagernd eintraf, wollten sie spazierengehen und sich bei dem schönen Wetter – es war heute der erste klare Tag, seit sie in Berlin waren – auf eigne Hand ein wenig in der Reichshauptstadt umsehen. Wenn die Frau Konsul sie haben wollte, dann würde ihr Geld ja wohl ausreichen, um nach Hamburg zu gelangen, schlimmstenfalls vierter Klasse. Sie hatte noch die zehn Mark, die sie zum Geburtstag geschenkt erhalten, und außerdem war ihnen von dem Reisegeld noch etwas übriggeblieben. Sie verfügten zusammen über dreiundzwanzig Mark zweiundsiebzig Pfennige. Sollte Frau Thormälen ihnen abtelegraphieren, dann wollten sie die gute Majorin von Goldacker ersuchen, ihnen das Reisegeld bis München vorzustrecken. Wenn sie erst einmal wieder daheim waren, dann würden ihnen ihre Freundinnen schon durchhelfen, bis sie irgend eine Stellung gefunden hätten, als Ladnerinnen oder selbst als Kellnerinnen, wenn's sein müßte.

Die gute Kathi war ganz kleinlaut geworden. Sie drückte ihre Bewunderung für Lizzis Energie aus, aber sie fand nicht den Mut, einen solchen raschen, entscheidenden Entschluß zu fassen. Sie hielt es für ihre vornehmste Pflicht, jetzt zunächst trotz aller Widerwärtigkeiten bei dem kranken Onkel auszuhalten, und bis er außer Gefahr war, getreulich die Aufgabe zu erfüllen, die der Arzt ihr vorgeschrieben hatte. Soviel sich auch Lizzi bemühte, sie anderen Sinnes zu machen, all ihr Bitten, Schelten, ihre Tränen selbst blieben ohne Erfolg. Aber auch Lizzi beharrte fest auf ihrem Entschluß, und schließlich blieb Kathi nichts weiter übrig, als ihr beim Einpacken behilflich zu sein.

Nach kaum einer Stunde hielt bereits die Droschke vor der Tür, welche die Kühne nach dem Lehrter Bahnhof bringen sollte. Sie schleppte selbst mit Minna, die sich gleichfalls verschworen hatte, noch heute das Haus zu verlassen, ihren Koffer die Treppe hinunter, und Kathi folgte mit dem Handgepäck nach. Auf der Straße fielen sie sich noch einmal um den Hals und sagten sich mit einem innigen Kusse Lebewohl. Und als Lizzi schon im Wagen saß und zum letztenmal der Schwester die Hand drückte, lächelte sie noch unter Tränen und sagte: »Sei stad, Katherl, i geh jetzt amal Quartier machen. Wenn 's Nestl warm herg'richt is, dann schreib ich, und du kommst nach. Gel, Herzl? Vielleicht is gar 's Krajesovicherl so freundlich, mich gleich zu entführen. Weißt, der is ganz nah bei die Türken z' Haus, da schaff'n m'r für unser Katherl an Pascha mit drei Roßschweifen an. Also lustig, alt's Katherl, allweil fidel! – Kutscher, fahren S' zu!«


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