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Sechstes Kapitel

Die »Sultana« ging mit Waren nach Sarawak, um dort Antimoniumerz zu laden und dieses für die persönliche Rechnung von James Brooke nach Singapur zu bringen. Sowohl Kapitän Garnet als auch die Schiffsmannschaft kannten den tapferen Engländer, dessen Name später eine weltgeschichtliche Bedeutung erlangte, aber auch Mr. Gould war ihnen keineswegs fremd, sie wußten vielmehr, daß er noch in Sarawak lebte und daß er gewissermaßen Brookes rechte Hand war.

»Wer ist eigentlich dieser Brooke?« fragte Richard den Kapitän.

»O – ein ganzer Mann, aber auch ein Pfiffikus daneben. Er will ebensowohl Vasallenstaaten für die englische Krone gewinnen, als auch selbst reich werden, daher bringt er den Handel mit Singapur durch seine eigenen Schiffe zum besseren Aufschwung. Der Sultan Hassim fürchtet ihn heimlich, weil er die Bevölkerung auf seiner Seite hat.«

»In Sarawak herrscht Aufruhr, nicht wahr?«

»Ja und nein. Die Seeräuberflotte liegt in der Nähe des Hafens, und außerdem sitzen auch aufständische Malaien in mehreren festen Plätzen um Sarawak herum, aber es wird trotzdem nicht gekämpft. Brooke ist zu klug, er will sich erst feste Versprechungen geben lassen, ich glaube sogar mit aller Bestimmtheit, er will Radscha von ganz Sarawak werden.«

Richard nickte. »Das finde ich sehr begreiflich,« sagte er.

Kapitän Garnet beugte sich näher zu ihm herüber. »Eines will ich Ihnen sagen, mein Lieber, Sie beide kommen als junge lebenskräftige Leute, als Europäer und noch obendrein als Mr. Goulds Schützlinge aus Sarawak nicht so bald wieder los, wenn Brooke erst einmal erfährt, wer Sie sind und was Sie ihm nützen können. Er hat eine ganze Anzahl kecker weißer Männer um sich versammelt, lauter Leute, die nur darauf warten, mit ihm loszuschlagen.«

Seit sie das vernommen, konnten Richard und Oskar den Tag der Landung kaum erwarten, während das Schiff die Reise um die Spitze von Sumatra herum durch die Sundastraße verfolgte.

Dann ging es durch die Sundasee vorüber an der Zinninsel Banka und hinaus in das berüchtigte Indische Meer.

Unerträgliche Hitze lastete seit längerer Zeit auf den Wassern. Es war, als entfalte die Luft flüssiges Feuer, und nachts zuckte von keinem Donnergeräusch begleiteter Blitzschein über die Wasser hin.

Mit Besorgnis betrachteten die erfahrenen Seeleute den Himmel. Ein Sturm war zu erwarten. Endlich eines Morgens brach es los mit verheerender Gewalt.

Am Himmel erschien mitten im klaren Blau eine dicke dunkle Wolke, die sich zusehends vergrößerte und mehr und mehr ins Schwarze hinüberspielte. Kapitän und Steuerleute sahen einander besorgt an.

»Der Tornado!« ging es von Mund zu Mund.

»Alle Segel bergen! Die Boote klar zum Aussetzen!«

In den Masten und an Deck entwickelte sich trotz der furchtbaren Hitze ein reges Leben. Es war die höchste Zeit. Mit einem donnerähnlichen Knall verkündete der Sturm seine schauerliche Nähe. Gleich der erste Stoß fegte alle kleineren, unbefestigten Gegenstände über Bord. Aus jeder Himmelsrichtung fuhren die empörten Luftmassen gegeneinander. Der Sturm legte in diesem Augenblick das unglückliche Schiff auf Backbord fast bis zur Wasserlinie, um dann nach Sekunden schon zur Steuerbordseite umzuspringen. Kleine Pausen völliger Stille fielen mitten hinein in das wilde Toben, Minuten, in denen die Mannschaft aufatmete, um gleich danach neuen Schrecken entgegenzugehen. Der Himmel war schwarz, und die Wolken hingen tief herab. Zu Bergen mit weißen Schaumkronen türmte der Sturm die empörten Wellen. Dann lief ein Leuchten durch die dunkeln Massen; grün- und rotschillerndes Licht. Der Donner mischte seine grollende Stimme hinein.

Kapitän Garnet seufzte. »Wenn es nur regnen wollte!« Und dann suchten seine prüfenden Blicke die beiden Boote. Es war alles bereit, um sie nötigenfalls herabzulassen.

An Deck konnte weder gesprochen, noch irgendeine Arbeit verrichtet werden. Die Mannschaft flüchtete in das Logis und in den Vorraum der Kajüte, immer des letzten Augenblickes gewärtig.

Die »Sultana« flog steuerlos, einer sturmauf kreuzenden Möwe gleich, durch den Gischt. Menschenhände konnten in dem entfesselten Wüten der Elemente nichts mehr ausrichten.

Dann folgte ein furchtbarer Blitz. Der ganze Horizont schien in Flammen zu stehen; eine Erschütterung, die alle Gegenstände durcheinander warf, ging von den Mastspitzen bis zum Kiel des Schiffes.

Der Blitz hatte in den Großmast geschlagen und das Deck zersplittert. Brandgeruch erfüllte die Kajüte, Flammen schlugen aus dem Raume hervor – die Ladung stand in loderndem Feuer.

Und als habe er nur darauf gewartet, dies Unglück mit verschulden zu helfen, so schwieg im gleichen Augenblick der Sturm.

Das ergrimmte Toben der Wellen begann sich zu legen, das Gewitter wurde schwächer, die Luft ruhiger, aber noch fiel kein Tropfen des ersehnten Regens.

Kapitän Garnet riß die Tür auf. »Beide Boote herunter!« befahl er. »Schnell, so lieb euch euer Leben ist!«

Die Flammen schlugen wie eine gewaltige Säule aus dem Innern des Schiffes herauf. Da unten lagerten Pelze, Kampfer und geschälte Bambusstäbe, es waren lauter leicht entzündbare Gegenstände, die die Glut erfaßt hatte. Man konnte sich den zertrümmerten Masten nicht einmal nähern, geschweige denn an irgendeine Löscharbeit denken.

Die Leute brachten mit fieberhafter Hast die Boote zu Wasser. Erst nach mehreren Minuten gelang es, beide aus der Nähe des brennenden Schiffes zu entfernen.

Jetzt fielen auch die ersten Regentropfen und dann fluteten wahre Ströme vom Himmel herab. Die Lage der Schiffbrüchigen wurde ernster und immer ernster, sie hatten weder Waffen noch Lebensmittel, weder einen Kompaß noch trockene Kleider, – wohin auch das Boot verschlagen werden mochte, da wartete ihrer der Tod durch Durst und Hunger.

Oskar war völlig in Stumpfsinn versunken. Zum zweiten Male sollte er dem Glücke ganz nahe gewesen sein, nur um es wieder zu verlieren, sobald er die Hand danach ausstreckte.

Anders Richard. Er suchte aus der herrschenden Windrichtung den Schluß zu ziehen, daß die Boote unaufhaltsam der Küste von Borneo entgegengetrieben wurden, und als ihm der Kapitän diese Wahrnehmung bestätigte, nickte er voll Hoffnung.

»Irgendwo wird ja eine Prau oder ein Boot uns begegnen, nicht wahr, Oskar? – Bis morgen abend ohne Essen zu bleiben, ist ein Kinderspiel; Wasser können wir leicht auffangen.«

Oskar blieb stumm. Er verstand es nicht, mit kindlich vertrauendem Herzen zu hoffen.

Die Nacht sank herab, und es wurde kühl. Das Meer und die Sterne leuchteten in ihrer wunderbaren Schöne, aber ohne die geängstigten Herzen erfreuen zu können. Pfadlos auf dem offenen Ozean – was wäre auch schrecklicher als das?

Gegen Morgen erblickte man die Küste von Borneo. »Ist diese Gegend von Wilden bewohnt?« diese Frage bedrängte jedes Herz.

»Ja. Kopfjäger hausen hier herum; die erbitterten Feinde der Malaien sowohl, als auch der Europäer.«

»So müssen wir uns bis nach Sarawak durchschlagen.«

Es war Richard, der es ausrief. »Wir werden landen,« setzte er hinzu, »und dies oder jenes finden, womit wir notdürftig unseren Hunger stillen. Mut gefaßt, jetzt ist die Erlösung nahe! Der Wind trägt uns ja geradeswegs ans Ziel – Hurra! Hurra!«

Sie ruderten mit erneuten Kräften, und schon gegen Abend lag das grüne Ufer offen vor den Blicken da. Ein breiter Strom kam durch das waldumgürtete Land aus dem Innern hervor, aber von menschlichen Wohnungen war nichts zu sehen. In nächster Nähe konnte kein Dorf stehen.

»Wir müssen stromauf rudern und womöglich an einer geschützten Stelle die Boote verbergen,« meinte der Kapitän. »Hier am Seeufer würden wir sofort entdeckt werden.«

Mit Hilfe des günstigen Windes gelang es, noch vor Nacht eine tüchtige Strecke in das Innere des Landes vorzudringen, dann wurde haltgemacht, wo tiefhängende Weiden den Fahrzeugen ein sicheres Versteck boten. Wasser gab es freilich jetzt, aber keinen Bissen Nahrung, keine Ruhe. Die Nerven aller waren überreizt bis zur Unerträglichkeit und dennoch bedurften sie der kaltblütigen Überlegung gerade jetzt so sehr.

Als die Boote befestigt waren, folgte zunächst eine Untersuchung der Gegend. Wahre Wälder von Bambus umstanden die Ufer, beinahe undurchdringliche Dickichte bildend, auch einzelne Fruchtbäume, darunter die Tamarinde, die Banane und verschiedene Zitrusarten, aber mehr als nur ein Zeichen deutete auch darauf hin, daß Menschen in der Nähe lebten. Dann und wann krähte ein Hahn oder bellte ein Hund.

»Vor allem müssen wir das Tageslicht abwarten,« sagte der Kapitän. »Es ist dann vielleicht möglich, den Weg um das nächste Dorf herum aufzufinden. Sind wir erst einmal im Gebiete der Malaien, so ist die Hauptgefahr beseitigt.«

Gegen sechs Uhr morgens erschienen die ersten Sonnenstrahlen. Niemand von den Schiffbrüchigen schlief, sie horchten alle, als plötzlich zehn bis zwölf Eingeborene aus dem Gebüsch hervortraten; alle nackt bis auf den Gürtel und in den Händen eine Keule aus Kasuarinenholz gefertigt.

»Hai! Hai!« rief einer. »Die Faringi sind hier! Vierzehn Weiße.«

Kapitän Garnet trat ihm entgegen. »Unser Schiff, die »Sultanat wurde vorgestern vom Blitz getroffen,« sagte er, »es verbrannte auf offener See und wir haben zwei Tage ohne Nahrung im Boote verbracht, dann landeten wir hier, natürlich in der Hoffnung, euer Gebiet friedlich durchwandern zu dürfen.«

Der Dajak nickte. »Nach Sarawak, zu dem Faringi James Brooke, nicht wahr?«

»Das ist unsere Absicht, ja.«

Der Wilde lächelte. »Die unsrige auch. Ihr sollt schon nach drei Tagen in Sarawak sein, darauf verlaßt euch. Ob freilich bei James Brooke oder an einem anderen Orte, das wird sich finden.«

Jetzt lächelten alle. Sie wechselten triumphierende Blicke; offenbar lebte ein fest vorgezeichneter Plan in ihnen, sie hatten sich verstanden, auch ohne Worte.

»Kommt mit uns,« begann wieder der erste Sprecher. »Wir haben einen weiten Weg zu machen.«

Die Wilden teilten sich und nahmen die Europäer in ihre Mitte. Ohne Beschleunigung, ohne irgendeinen Ausdruck von Feindseligkeit führten sie diese durch den Wald in ein Pfahldorf, von dessen Gassen man in weiter Ferne den Ozean blau herüberschimmern sah.

Über den Türen baumelten Menschenköpfe, zahllose Hunde bellten auf den Straßen, und Frauen und Kinder kamen hervor, um die Weißen zu sehen.

»Bringt Reis!« geboten die Dajaks. »Auch Fleisch und Palmwein!« Da wurden auch schon die Lebensmittel herbeigebracht, und die halbverhungerten Flüchtlinge konnten essen. Heute mundete der Reis, den sie sonst nicht mehr sehen mochten, wie ein köstlicher Leckerbissen.

Nach der Mahlzeit ging es weiter, dem Ozean entgegen.

»Ihr sollt nach Sarawak,« riefen die Wilden, »der verfluchte Hassim quält unsere Weiber und Kinder in dunklen Gefängnissen. Hai! Hai! Das wird vielleicht besser, erfährt er, daß die Dajaks seine Brüder gefangen genommen haben.«

»Dachte ich mir's doch,« flüsterte der Kapitän. »Die Wilden gesellen sich der Seeräuberflotte zu, die im Hafen von Sarawak liegt, und schicken dann einen Abgesandten zum Sultan, den sie durch die Rücksicht auf uns zahm zu machen hoffen!«

»Was er auch werden wird,« meinte einer der Steuerleute. »Mr. Brooke braucht nur zu hören, daß weiße Männer in dajakischer Gefangenschaft sind, und er setzt Himmel und Erde in Bewegung, um sie zu befreien.«

Der Strand war jetzt erreicht, und zwei Prauen zeigten sich. Sie lagen an starken Pfählen und schienen augenblicklich ohne Bemannung zu sein. Sie lagen in einer kleinen vollkommen geschützten Bucht, zu deren beiden Seiten sich bewaldete Gebirgszüge erhoben.

Im Schatten der Felsen rasteten die halbberauschten Dajaks; zum Teil schliefen sie ganz fest. Es schien, als wollten sie schon sehr bald unter Segel gehen.

Richard pflückte Beeren, von denen er den übrigen dann und wann einige brachte. Auch der Kapitän erhielt solche, dabei aber stellte sich unser Freund geflissentlich so, daß ihm die Dajaks nicht ins Gesicht sehen konnten. »Nun Richard, was haben Sie, mein Junge?«

»Ein Schiff!« flüsterte er. Dann ging er langsam von Strauch zu Strauch, anscheinend ganz mit Suchen nach Früchten beschäftigt, als ihn die Dajaks aber nicht mehr sehen konnten, sprang er, den günstigen Augenblick benutzend, mit Windeseile bis zum Gipfel der Anhöhe empor. Das Schiff, eine englische Fregatte, kam mit vollem Dampf etwa zweihundert Schritte weit an der Insel vorüber und befand sich jetzt in nächster Nähe der Bucht.

Richard nahm den Hut in eine, das Halstuch in die andere Hand und schwenkte beide Arme so heftig, wie es ihm möglich war. Schreien durfte er nicht, aber wenn nur ein einziger Blick zufällig die Felsspitze traf, so mußten ihn die auf dem Schiffe sehen.

Und dann, er täuschte sich nicht, an Deck wurde die Hilfsflagge aufgezogen, das rote Kreuz im weißen schwarzumsäumten Spitzfelde. Er sah es, nur für einen Augenblick freilich, aber er sah es und sprang auch ebenso schnell wieder vom Berge hinunter zu den übrigen.

»Hier sind die Beeren, Herr Kapitän!«

Fast unhörbar fügte er dann hinzu: »Sie haben uns bemerkt.«

In den Blicken des Kapitäns leuchtete es plötzlich auf. »Die Fregatte hält hierher, Richard, bei Gott, sie hält hierher!«

»Still, Sir, still! In diesem Augenblick steht alles auf dem Spiel!« Er setzte sich zu den übrigen ins Gras; die Dajaks sangen und lärmten, bis plötzlich einer der an Deck beschäftigt Gewesenen in großen Sprüngen herbeikam und den Genossen einige Worte zuflüsterte. Alle Köpfe drehten sich dem Meere zu, ein gewaltiges Erschrecken packte die ganze Bande. Sie schienen vor Verwirrung, vor Entsetzen sämtlich nüchtern geworden zu sein.

Bange Minuten vergingen. Dann erdröhnte plötzlich die Erde unter dem Donnern und Rollen eines Kanonenschusses, der über das Wasser herkam. Zugleich rief laut eine Männerstimme: »Wer ist hier?«

Ein Boot landete in der Bucht, eine größere Anzahl von Männern betrat die Ufer. Englische Befehle ertönten, ein Hornton gab denen auf dem Schiffe ein Zeichen. Die Dajaks atmeten kaum.

Ein zweites Boot landete; neue Befehle erschallten.

Die handfesten Söhne Altenglands schwärmten aus; das in eiliger Flucht zertretene Gras mochte ihnen als Wegweiser dienen, sie folgten der Spur und umgingen den Felsen, und schon nach Minuten sahen die ersten in das Versteck hinein.

»Weiße – bei Golly!«

»Adams! – Mein Gott, Adams, Sie sind es!« –

Die gefangenen Matrosen ließen sich nicht mehr halten, es entstand ein Handgemenge, bei dem ihnen die plötzlich geweckte Hoffnung neue Kräfte verlieh; von draußen und drinnen zu gleicher Zeit wurden die Dajaks angegriffen und nach kurzem Kampfe überwältigt, wobei drei von ihnen schwer verwundet auf dem Platze blieben, während einer mit durchschossener Brust in das Gras fiel.

Zwei Seeleute hatten klaffende Wunden davongetragen, dann aber waren die Gefangenen herausgehauen und der Rest der Dajaks in die Flucht geschlagen. Von der Bucht her rief eine helle Stimme einen Gruß herüber zum Kampfplatz. »Da hätten wir ja schon das Wiedersehen, meine Braven! – Wie geht es euch?«

»So wahr ich lebe, Mr. Hardington! – Es ist also der ›Violan‹, dessen Besatzung uns befreit hat.«

»Gewiß, gewiß, wie kommt ihr denn hier an diese Küste?«

»Geht das Schiff nach Sarawak?« fragte Oskar ganz erregt.

»Ja – und wir nehmen euch natürlich mit.«

Der junge Mensch fiel ohne ein Wort der Entgegnung ohnmächtig zu Boden.

Doktor Lawrence brachte ihn bald zum Bewußtsein zurück; auch den beiden Matrosen und den Dajaks, die verwundet waren, wurde ärztliche Hilfe zuteil, dann überließ man die letzteren ihren nach allen Seiten geflüchteten Landsleuten und schiffte sich ein, um so rasch wie möglich die Fregatte zu erreichen.

Der »Violan« hatte in Bombay von England aus den Befehl erhalten, schleunigst vor Sarawak zu erscheinen und zunächst durch die Macht seines Ansehens, dann aber auch im Notfall durch die Waffen gegen die Aufrührer einzuschreiten und James Brookes Rechte zu verteidigen. Infolge dieser veränderten Bestimmung steuerte das Schiff den gleichen Kurs wie die »Sultana« und konnte so zur entscheidenden Stunde die Gefangenen aus den Händen der Wilden befreien.

Laute Verwünschungen erschallten vom Lande, als die Maschine zu arbeiten begann. Haufen von Dajaks schrien und ballten die Fäuste oder schleuderten in wahnwitziger Wut ihre Keulen ziellos hinaus auf das Meer.

»Wir wollen den Dank nicht schuldig bleiben,« lächelte Mr. Bennet Hastings, der Kapitän, »lassen Sie doch die Kanonen antworten, Leutnant Barrow – natürlich ohne Kugel!«

Der Donner rollte in der Richtung der Felsenbucht über das Wasser, blauer Pulverdampf stieg auf, und als die Engländer zum Lande zurücksahen, lagen sämtliche Dajaks der Länge nach auf dem Rücken.

Ein lautes Gelächter, ein Mützenschwenken der Schiffsmannschaft war das letzte, was diesem Strande noch zuteil wurde, dann durchschnitt der Dampfer mit voller Kraft die Wellen, um so bald als möglich den Hafen von Sarawak zu erreichen.

Am anderen Tage war Kusching, die damalige Hauptstadt des Landes, erreicht. Hier lag die Seeräuberflotte, eine Anzahl von mehreren hundert Prauen, die alle auf das beste und vollständigste ausgerüstet waren und über die Leutnant Barrow den beiden Deutschen eine eingehende Auskunft gab.

»Die Malaien betrachten den Seeraub als Handwerk,« sagte er, »sie rüsten ganz offen ihre bis nach Neu-Guinea ausgedehnten Beutezüge und haben am Lande keine Wohnsitze, sondern nur Helfershelfer, bei denen die gestohlenen Güter aufgehoben werden. Die Holländer lassen diese Seeräuber ruhig gewähren, ebenso die Dajakstämme im Innern des fast unabhängigen, nur dem Sultan von Bruni zinspflichtigen Staates Sarawak. Diese letzteren überfallen von Zeit zu Zeit die friedlichen Ackerbauer, plündern sie aus und schneiden ihnen die Köpfe ab. Sultan Hassim hat in seinem eigenen Lande nichts mehr zu gebieten. Er sitzt hinter einer Verschanzung und zittert, wenn die Kunde neuer Gewalttaten zu ihm dringt. In ganz Sarawak arbeitet niemand mehr; es wird kein Handel getrieben und nichts unternommen, kein Acker bestellt und keine Prau mit Waren beladen, denn einer von beiden Räubern würde ja doch alles an sich reißen, entweder der zur See, oder der am Lande. So stehen die Dinge, und ihnen will James Brooke ein Ende machen.«

»Aber er verlangt dafür eine Belohnung!« rief Richard.

»Gewiß. Der Sultan von Bruni soll ihm ganz Sarawak für ewige Zeiten schenken; er will selbst Radscha werden, will die abendländische Gesittung den Räubervölkern des Ostens zuführen.«

Richard erinnerte nun an die Überrumpelung der »Elisabeth«, und daß das gestohlene Schiff zum Walfischfahrer bestimmt sei, aber Leutnant Barrow schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht,« sagte er. »Diese gelben trunksüchtigen Halunken sind alle faul und im tiefsten Herzen feige; sobald sie die kalte Zone kennengelernt haben, werden sie schleunigst kehrtmachen, oder die ganze Geschichte war von vornherein eine Fabel, um die Matrosen zu beschwichtigen. Das Schiff liegt aller Wahrscheinlichkeit nach noch hier in den Reihen der Seeräuberflotte.«

»Hier!« rief Richard. »Unter den Prauen? Seine Bauart müßte es ja sogleich verraten.«

Der Leutnant lächelte. »Besehen Sie sich nur erst einmal die Sache etwas näher,« antwortete er. »Es sind wenigstens fünfzig europäische Kauffahrteischiffe in der Gewalt dieser Räuber.«

Dajaken, Malaien und Chinesen, alles lebte auf der Flotte der Piraten in buntem Durcheinander. Es waren auch schon sehr viele der Ihrigen bei guter Gelegenheit ergriffen worden; diese hielt Hassim in Kusching gefangen, um gegen die Ausschreitungen der Seeräuber sichere Geiseln zu besitzen. So oft irgendein Überfall geschehen war, ließ er eine Anzahl dieser hinrichten, und das half dann für ganz kurze Zeit, bis sich der Eindruck verwischte.

Die Anker rasselten herab, ein Boot wurde ausgesetzt, und mit den Offizieren, die sich in James Brookes Haus begaben, durften auch Richard und Oskar die Stadt betreten.

»Das Haus da drüben ist es,« sagte der als Führer mitgegangene Matrose von der ›Sultana‹, »dort wohnt Mr. James Brooke.«

Oskars Herz schlug hochauf. »Du,« flüsterte er, »du, Richard, wenn mir niemand sagen kann, wo sich Mr. Gould befindet, dann sterbe ich.«

»Torheit,« rief der andere. »Wir wollen tüchtig mithelfen, daß dies schöne Land von den Räubern erlöst wird! Wir wollen kämpfen, um James Brooke als Radscha von Sarawak auf den Thron zu heben!«

»Ich auch!« bekräftigte der Matrose. »Wenn's gefällig ist, ihr Herren!«

Er öffnete die Tür und ließ die Herren eintreten. Auf dem Hausflur kam ihnen ein Diener entgegen, den Richard im Namen seines zitternden Freundes sogleich fragte, ob Mr. Gould zugegen sei.

»Ja, Sir, ich werde die Herren zu ihm führen.«

Der Diener hatte mittlerweile die Offiziere in James Brookes Zimmer geführt, und jetzt öffnete er eine andere Tür. »Mr. Gould, hier sind zwei junge Leute, die Sie zu sprechen wünschen.«

Ein älterer hochgewachsener Mann erhob sich vom Sessel und ging den Eintretenden entgegen. »Ah, sieh da, Oskar,« rief er, beide Hände ausstreckend, »also Sie sind dem Chinesen damals glücklich entkommen? Das freut mich aufrichtig.«

»Wen bringen Sie mir denn da?« setzte er hinzu, indem sein Blick Richards hübsches Gesicht plötzlich erfaßte und festhielt. »Auch einen jungen Hamburger? Wie heißen Sie?«

»Richard Wittenburg, Herr Gould. Ich habe allerdings kein Anrecht auf Ihre Güte, aber –«

»Bitte lassen Sie das. Nehmen Sie doch beide Platz!«

Er klingelte und ließ Erfrischungen bringen. »Sie wollen jedenfalls hier Dienste nehmen und die Aufrührer schlagen helfen, nicht wahr?« fuhr er fort.

»Das ist allerdings unser Wunsch.«

»Und er soll gewährt werden. Ich bin Mr. James Brookes erster Beamter, daher ist es mir erlaubt, in seinem Namen Versprechungen zu geben. Die Feindseligkeiten beginnen, sobald erst einmal der ›Violan‹ im Hafen liegt.«

»Er ist bereits eingetroffen, Sir. Wir kommen mit ihm, und der Kapitän sowohl als Leutnant Barrow befinden sich hier im Hause.«

»Meine freundlichen Beschützer!« sagte Mr. Gould. »Ich war zum Tode ermattet, als mich die brave Besatzung des ›Violan‹ in jener Nacht aus dem Meer fischte. Mein Leben muß also doch noch einen Zweck haben.«

Wieder suchten seine Blicke diejenigen Richards. »Sind Sie ein geborener Hamburger?« wiederholte er seine frühere Frage.

Unser Freund errötete stark. »Ich bin wenigstens dort erzogen, Sir.«

»So, so. Sie beide lernten sich erst kürzlich kennen?«

»Vor Jahr und Tag,« schaltete Oskar ein. Dann erzählte er, wie ihn Dewitschand behandelt hatte, und daß Richards kecke Tat ihn vor dem sichern Tod bewahrte. »Ihm verdanke ich das Leben,« setzte er hinzu, »daher möchte ich mich auch von ihm nicht eher wieder trennen, bis wir in Hamburg sind. Meine Eltern müssen den kennenlernen, der ihnen ihren Sohn rettete.«

Mr. Gould ergriff Richards beide Hände. »Ich bin auch ein Deutscher,« sagte er, zum ersten Male von seiner Vergangenheit sprechend, »es freut mich daher immer, einem jungen Landsmann zu begegnen. Es war hübsch von Ihnen, daß das landsmannschaftliche Gefühl Sie trieb, den Deutschen zu retten, gleichviel wer er sei.«

»Sie hoffen dem Chinesen wieder zu begegnen und ihn zur Herausgabe Ihres Kästchens zu zwingen, nicht wahr?«

Mr. Gould schüttelte wehmütig lächelnd den Kopf. »Der kleine Kasten enthielt nur Briefe.«

»Weiter nichts?« rief Oskar.

Ein ruhiger Blick traf den seinen. »Sie waren mein teuerstes Gut auf Erden,« versetzte Mr. Gould.

In diesem Augenblick erschien ein Diener und meldete, daß Mr. Brooke die beiden jungen Leute zu sehen wünsche. Mr. Gould führte sie daher in das Empfangszimmer, wo ihnen ein noch junger, vornehm aussehender Mann auf das leutseligste entgegenkam. »In den nächsten Tagen beginnt der Feldzug gegen die verschanzten Empörer,« sagte er, »ich heiße Sie beide daher als Teilnehmer desselben herzlich willkommen.«

Dann erkundigte er sich nach den Verhältnissen der jungen Deutschen, versprach, sie nach glücklich beendetem Kriege auf dem kürzesten Wege in die Heimat befördern zu lassen, und übergab beide der Fürsorge eines Unteroffiziers, der ihnen Wohnung und Kleidung anwies, sie mit Waffen und Lebensmitteln versorgte, kurz, die früheren Seeleute in Soldaten verwandelte.

Mr. Gould klopfte Richards Schulter. »Ich begleite Sie,« sagte er. »Das Ganze wird mehr ein Siegesmarsch als ein Kampf. Die Aufrührer können sich gegen die Feuerwaffen und die Mannszucht der Weißen natürlich nicht halten.«

»Sind die befestigten Dörfer weit von hier?« fragte Richard.

»Einige Tagereisen. Da sitzen Malaien und Dajaks, Chinesen und alles mögliche andere Raubgesindel hinter hohen Wällen, um zu plündern, was in ihre Hände gerät; Sultan Hassim kann weder Steuern erlangen, noch die zerfahrenen Banden zur Heeresfolge zwingen. Dem wollen wir abhelfen.« Die beiden Knaben waren damit entlassen und begaben sich wieder zu ihrem Schiffe zurück.

Am Nachmittag wurde auf der Barkasse des »Violan« eine Stromfahrt unternommen und folgenden Tages die Ladung des Dampfers »Royalist« ausgeschifft.

Alles, was Augen hatte, riß sie weit auf, aller Hälse reckten sich. Der ganze Bauch des Dampfers war mit Kugelbüchsen und Säbeln dicht gefüllt. Wie ein Wort lief es von Mund zu Mund: »Jetzt geht's los!«

Am vierten Tage nach der Ankunft des »Violan« erfolgte der Auszug des Befreiungsheeres. Etwa vierhundert Männer, mit Schießbedarf und Lebensmitteln reichlich versehen, bildeten Mr. Brookes ganze Armee.

Die Weißen, auch unsere Freunde, trugen die englisch-indische Infanterieuniform, die Malaien ihre türkischen Überwürfe und Turbane, die Dajaks ihre Gürtel und Federbüsche, aber alle hatten Feuerwaffen und hohe Lederstiefel zum Schutze gegen Schlangen und giftige Insekten.

Die ganze Schar der Eingesperrten hatte sich an den Fensterlöchern und dem Eingang versammelt, ein Chor von kläglichen Stimmen rief den Männern zu, auch der armen Gefangenen eingedenk zu bleiben. »Rettet uns,« schrien die unglücklichen Geschöpfe, »rettet uns, wir müssen hier sterben!«

James Brooke schwenkte den Degen. »Auch für euch ziehen wir in den Kampf,« rief er laut und ermutigend. »Seid getrost, ihr bleibt unvergessen!«

Von Hassims Feste sahen Hunderte den Abziehenden nach. Ein mageres gelbes Gesicht zeigte sich einen Augenblick an einem der oberen Fenster, dann verschwand es wieder.

»Das war der Sultan selbst,« sagte Mr. Gould. »Aus seinen vorderen Zimmern sieht er die Flagge des ›Violan‹, und von hier die Musketen, die dem Räuberunwesen ein Ende machen sollen. Jetzt zittert er doppelt.«

»Und binnen wenigen Wochen wird er für immer von hier vertrieben sein,« setzte James Brooke hinzu.

Schon lag die Stadt Kusching weit hinter den Ausziehenden. Tief ins Land hinein ging es, und das Ziel waren drei Räuberdörfer, die Schlupfwinkel der mit den Dajaks verbündeten Piraten.

Neben Richard marschierte ein älterer Dajak. »Bist du ein Eingeborener, und wie ist dein Name?« fragte Richard ihn.

»Toldi!« versetzte in tiefen Tönen der Dajak. »Da in einem der Dörfer, die wir nun zerstören wollen, hat mich meine Mutter im Korbe getragen.«

Richard sah ihn verwundert an. »Und doch ziehst du gegen deine Freunde ins Feld, Häuptling?«

»Es wohnen da keine Freunde von mir, weißer Knabe! Jetzt nicht mehr. Toldi ist alt. Er hat alle begraben sehen, die mit ihm jung waren, nur einen einzigen Bruder besitzt er noch, viel, viel jünger als Toldi! Aber er ist kein guter Mann,« setzte er nach einer Pause hinzu. »Er arbeitet nicht, opfert nicht, er ist ein Räuber. Toldi hatte seine Hütte, seine Felder und Bäume, aber Moharra kam mit noch ein paar anderen und nahm ihm alles weg – zweimal, weißer Knabe, zweimal! – Da kehrte Toldi mit Weib und Kind dem Stamme den Rücken und wanderte nach Kusching zu Sahib Brooke, dem Vater der Armen und Unglücklichen. Hai! der Mann hat ein Herz von Wachs und eins von Eisen. Wenn ein Bittender vor ihm steht, braucht er das erste, dem Schuldigen gegenüber das zweite. Er hat dem alten Toldi versprochen, daß Moharras Leben geschont werden soll – und er hält Wort. Mr. Gould weiß es auch.«

»Diesen lieben die Leute sehr, nicht wahr?« fragte Richard mit einer eigentümlichen Teilnahme an der Person des ernsten, gewinnenden Mannes.

»Sehr!« nickte der Dajak. »Mr. Gould ist Sahib Brookes Auge, seine Hand, sein Kopf, alles zugleich. Er hat viel Geld und stillt die Tränen der Armen, wo er sie fließen sieht.«

Eine halbe Stunde später näherte sich Mr. Gould unserem Freunde Richard. »Wie gefällt Ihnen das Soldatenleben?« fragte er scherzend. »Drückt die Muskete?«

»Durchaus nicht, Sir. Ich hoffe von dieser Reise die angenehmsten und reichsten Erinnerungen mit nach Hause zu nehmen!«

»Nach Hamburg?«

»Ja, Sir.«

»Vielleicht begleite ich Sie und Oskar dahin!«

»Wollen Sie mir eine Frage erlauben,« setzte er dann hinzu. »Ja? – Nun, dann sagen Sie mir, bitte, gleichen Sie äußerlich, was die Gesichtszüge betrifft, Ihrer verstorbenen Mutter?«

Richard fühlte, wie er erblaßte. »Ich weiß es nicht, Sir. Meine Mutter starb, als ich wenige Wochen zählte. Ein Bild von ihr besitze ich leider auch nicht. Ich bin ein Findling und im Waisenhaus erzogen.«

Mr. Gould schwankte, als habe ihn ein Keulenschlag getroffen.

»Mein Gott,« stammelte er, »mein Gott, erzählen Sie mir mehr von der Sache!«

Richard berichtete nun, was er von den Vorgängen bei der Auffindung seiner toten Mutter im Postwagen selbst wußte, und Mr. Gould hörte zu, wie jemand, dem man ein Urteil verkündet, das über Tod und Leben entscheiden soll.

Dann, als Richard schwieg, blickte er auf, und einen Augenblick schien es, als wolle er den jungen Mann mit beiden Armen umfassen, aber ebenso schnell und unvermittelt wandte er sich ab, nur einige Worte murmelnd, die jener kaum verstand. »Gute Wacht, ich habe Eile!«

Richard und Toldi marschierten wieder Seite an Seite. Neben ihnen Oskar und der Künstler. Die Soldaten sangen und plauderten.

»Hören Sie, mein werter Häuptling,« sagte Mr. Hardington, gibt es denn hier nicht Gelegenheit zu einer frohen Jagd?«

»Doch, doch,« entgegnete der Alte. »Vielleicht können Sie hier einen Elefanten jagen. Warten Sie nur bis zur Nacht, heute bekommen wir keinen Mondschein.«

Ein paar wilde Karabauen waren im Laufe des Tages schon geschossen und gleich an Ort und Stelle ausgeweidet worden, es gab also für das ganze Heer frisches Fleisch, das einige im Kupfergefäß brieten, andere am Spieß und wieder andere in der heißen Asche auf Steinen. Die Wache wurde eingerichtet, die beiden Feuer entzündet, und als tiefe Finsternis alles ringsumher bedeckte, der Feldzug gegen die Elefanten ins Werk gesetzt.

Mr. Gould schlief nicht. Er ging langsamen Schrittes durch die Reihen, und Toldi redete ihn an. »Erlaubst du, daß ich mich ein wenig vom Lager entferne, Sahib? Wir möchten einen Elefanten stechen, die beiden Weißen aus Deutschland, der Bildermacher und ich.«

Mr. Gould wandte den Kopf. »Wer will dich begleiten, Toldi?«

Der Dajak bezeichnete seine Jagdgenossen. »Diese da, Sahib!«

»Aber du wirst an ihnen keinerlei Beistand haben, Häuptling, sie verstehen ja nichts von der Elefantenjagd.«

Der Dajak lächelte behaglich. »Toldi kann es allein,« versetzte er.

»Nun, dann in Gottes Namen! Aber seien Sie sehr vorsichtig,« fügte er mit einem schnellen Blick auf Richard hinzu, »nehmen Sie Ihre Stellung so, daß der verwundete Elefant nicht zu ihnen gelangen kann, sonst ist es um ihr Leben geschehen.«

»Ich klettere auf einen Baum,« rief Mr. Hardington.

»Und ich richte mich genau nach dem, was mir Toldi sagen wird,« warf Richard ein.

Sie gingen in die Dunkelheit hinaus, aber schon nach kaum zwanzig Schritten erklang hinter ihnen Mr. Goulds Stimme. »Toldi!«

»Ja, Sahib!«

»Du haftest mir für die jungen Leute!«

»Gewiß, Sahib! Hai! Hai! Toldi bringt dir die Knaben sicher zurück.«

»Dorthin geht der Weg,« flüsterte Toldi. »An dieser Bracke trinken die Elefanten.«

Jenseits eines Tümpels, auf den es zuging, lag ein starker zu Boden geworfener Stamm, den man mit vereinten Kräften herbeischleppte. Die oberen Äste bildeten auf dem Wurzelwerk der Palmen einen Halt, das untere Ende lag am Lande, und so war die Brücke fertig. Toldi betrat sie zuerst, er ging sicheren Schrittes hinüber. »Das Holz trägt,« sagte er.

Die drei Weißen kletterten in die höchsten der umherstehenden Palmen, während Toldi, eine Lanze in der Hand, drüben an den Stamm trat und sich im Schatten vollständig verbarg.

Es mochte gegen Mitternacht sein. Plötzlich erschütterte ein Dröhnen den Erdboden, Stimmen wie Trompetenschall klangen durch die Nacht, plumpe Füße stampften. Eine Elefantenherde donnerte heran. Jetzt konnten unsere Freunde in der herrschenden Finsternis schon genug sehen, um die Anzahl der riesenhaften Tiere richtig zu schätzen; es mochten etwa fünfzehn bis zwanzig Elefanten sein, darunter mehrere große Männchen, deren ungeheure Stoßzähne eine reiche Beute versprachen. Sie näherten sich der Bracke und tauchten die langen Rüssel in das Salzwasser, um behaglich zu lecken.

Den drei Weißen schlug das Herz, dachten sie daran, daß Toldi, nur mit dem Eisenspieße in der Hand, den grauen Riesen entgegengehen wollte.

Jetzt bewegte sich's unten am Stamm, als blitze durch das Dunkel einen Augenblick ein hellerer Schein, der größte Elefant riß seinen Rüssel aus dem Wasser, daß die drei jungen Leute wie von einem plötzlichen Sprühregen übergossen wurden, ein gellender, erschütternder Schrei zerriß weithin die stille Nachtluft, und im Nu ergriff die ganze Herde die Flucht.

Nur der Verwundete blieb. Schon während er so ungestüm das Wasser aus dem Rüssel schleuderte, war Toldi schnell wie der Blitz an seiner Palme emporgeklettert, und als der Elefant den unerwarteten Angreifer suchte, längst aus dessen Bereich. Sein schmetterndes Siegesgeschrei nahm den Bann von den Herzen der Weißen, sein lautes jubelndes »Hai! Hai!« ließ sie mit einstimmen, als habe auch ihre Wiege in den Wäldern gestanden.

»Endlich darf man sprechen!« rief Mr. Hardington.

»Hast du den Grauen getötet?« rief Richard.

»Oho! Oho! Das geht nicht so schnell, wie der Geier fliegt und das Reh läuft. Erst tobt der Dicke noch ein wenig, dann macht er sich auf die Sohlen, seinen Freunden nach und morgen können wir ihm den Genickfang geben.«

Der Elefant hatte zuerst versucht, den Stamm, auf dem Toldi saß, mit dem Rüssel niederzureißen, und als ihm das mißlang, kehrte sich seine rachsüchtige Wut gegen alles, was nur irgend im Bereich seiner Kräfte lag. Er schleuderte Wasserstrahlen von Armesdicke in die Luft, zertrat das Gras und knickte jeden Zweig, den er fassen konnte, zuletzt erprobte er seine Kräfte an dem als Brücke dienenden Stamme, hob ihn auf, und ließ ihn wieder fallen, als sei er ein schwacher Halm.

Der Elefant brüllte vor Schmerz und Wut, nochmals packte er den Stamm und schleuderte ihn weit hinaus in das sumpfige Wasser, dann trabte er davon, so schnell es die tiefe Bauchwunde gestattete. Man hörte ihn im Dunkel der Nacht über das Feld eilen.

Toldi glitt wie eine Katze vom Baum. »Hai! Hai!« rief er, »der Dicke hat die Hälfte seines Blutes hergeben müssen! Der läuft keine Stunde mehr!«

Aber plötzlich tönte von seinen Lippen ein Schreckenslaut – »Oh! Oh! – Die Brücke!«

»Ist sie fort?« riefen alle drei Weißen wie aus einem Munde.

»Schwimmt zwischen den Stämmen!« war die Antwort. »Was fangen wir nun an?«

»Wir schwimmen selbst!« rief Richard. »Auf ein kaltes Bad darf es nicht ankommen.«

Der Dajak erschrak so heftig, daß er in die Luft sprang und mit beiden Händen auf seine Knie schlug. »Nicht in das Wasser,« rief er, »es wäre euer Tod! Eine kleine Spanne tief beginnt das Geflecht von Wurzeln und Schlingpflanzen, ihr würdet festgehalten und müßtet ertrinken wie die Katzen.«

»O Alter, das ist wohl übertrieben, wir werden es doch erst einmal versuchen!«

»Nein, Sahib, nein! Toldi will Steine hineinwerfen, – vielleicht treibt der Stamm ans Ufer!«

Gesagt, getan, die Wurfgeschosse flogen, aber das stehende Wasser war viel zu träge, um Wellen zu schlagen, der Baum schaukelte, ohne dem sumpfigen Ufer näher zu kommen.

Toldi schüttelte den Kopf; ganz wie vorher der Elefant warf er in ungebändigter Leidenschaft alles, was er finden konnte, in die Bracke hinein. »Es geht nicht!« rief er, »es geht nicht!«

»Dann bleiben wir hier oben sitzen, bis du Hilfe herbeigeholt hast, Häuptling. Bitte Mr. Gould um ein paar lange Stangen, er wird sie dir besorgen lassen!«

Der Dajak suchte etwas, das unter seinen Kleidern verborgen war. »Toldi hat sein Wort gegeben,« sagte er, »das darf nicht gebrochen werden. Toldi bleibt bei euch!«

Er zog die Hand wieder hervor. Die Weißen sahen eine kleine metallene Pfeife und hörten gleich darauf einen gellenden durchdringenden Ton, den der Alte zweimal wiederholte. »So,« sagte er, »wenn kein anderes Ohr den Ruf verstanden hat, – Mr. Gould weiß jetzt, daß der alte Toldi Hilfe braucht.«

Seine Worte waren noch nicht verklungen, da schrillte schon von der Seite des Lagers die Antwort herüber.

Nach kaum fünf Minuten erschien im Dunkel die Gestalt eines Mannes, der sich laufend näherte. Es war wirklich Mr. Gould, der jetzt mit wenigen Sprüngen an der Seite des Häuptlings stand.

»Nun, Toldi, es ist doch nichts geschehen? – Wo sind – wo ist Richard?«

»Hai! Sahib, sie sitzen alle drei unversehrt in den Bäumen. Der Elefant hat uns die Brücke weggeschleppt.«

Gould trat an den Rand der Bracke und untersuchte die Entfernung, dann warf er schweigend seine Kleider ab.

»Sahib,« rief der Alte, »was machst du da? – Laß mich es tun!«

Mr. Gould schüttelte den Kopf. »Nein, Toldi du bist zu alt, deine Arme reichen auch nicht so weit wie die meinigen. So, jetzt gib mir die Hand und halte fest!«

»Mr. Gould,« rief Oskar, »Mr. Gould, Sie werden sich auf das äußerste erkälten!«

»Meinen Sie, junger Freund? Ich denke nicht. Wer einmal achtzehn Jahre lang wie ein Halbwilder lebte, der ist über dergleichen hinaus. Aufgepaßt, Toldi! Lege deinen anderen Arm um den Baum!«

»Hai! Hai! – Verlasse dich auf den Häuptling, Sahib!«

Gould setzte vorsichtig den Fuß in die Bracke. Gurgelnd kamen schillernde bläuliche Blasen zum Vorschein, ganz langsam versank der Körper bis zur Hälfte, aber indem sich Mr. Gould, von Toldis Hand gehalten, soweit als nur möglich hinausbeugte, gelang es ihm doch, den treibenden Baumstamm zu erfassen und heranzuziehen. Die Anstrengung war so stark, daß Toldi ein halblautes: »Sahib, sei vorsichtig!« nicht unterdrücken konnte; sie erreichte jedoch ihren Zweck. Der Stamm lag mit dem Wurzelende am Lande.

Nach vielen Mühen und Gefahren gelangten die Jäger über die gefahrvolle schwankende Brücke.

»Gott sei gelobt!« rief Mr. Gould, als alle wieder auf dem festen Boden standen. »Ah!« rief er, »das war ein Vergnügen ganz besonderer Art! Ich kenne einen, der sich künftig vor mitternächtlichen Elefantenjagden weislich hüten wird.« Damit drückte er Richard herzhaft die Hand und schaute ihm lächelnd in die Augen. Dann ging es der Spur des Elefanten nach. Als sei ein Lastwagen über das hohe Gras gefahren, so war alles zertreten und zermalmt. Etwa tausend Schritte weit hatte sich das verwundete Tier noch hingeschleppt, dann war es zusammengebrochen.

»Tot!« sagte der Dajak, nachdem er vorsichtig nähertretend die Augen untersucht hatte. »Tot! Hai! Hai! Das ist ein prächtiges Stück Elfenbein!«

Auch die übrigen traten hinzu, und nun wurden beide Stoßzähne des riesenhaften Tieres gelöst. Mr. Gould verfuhr dabei so geschickt wie der Häuptling selbst, er mußte diese Arbeit schon mehr als einmal vollbracht haben. »Eine gute Jagd, Toldi,« sagte er, »die Haut werden wir diesmal liegenlassen; es ist schon spät und etwas Schlaf unentbehrlich.«

Der Dajak schien den Verlust des grauen Panzers heimlich zu bedauern, aber trotzdem wagte er keine Gegenrede, sondern beeilte sich nur, das kostbare Elfenbein in Sicherheit zu bringen. Als die Wanderer im Lager anlangten, war es fast drei Uhr morgens.

Von nun an mußte alles Umherstreifen, jeder Gedanke an Jagd oder Vergnügen für den Augenblick dem eigentlichen Zwecke der Unternehmung untergeordnet werden.

In geschlossenen Reihen ging es am nächsten Morgen weiter durch den dichten Wald. Noch eine Nacht und ein Tag, dann brachten die vorausgeschickten Späher den Bescheid, daß die drei verschanzten Dörfer wie ausgestorben dalägen. Dennoch aber konnten sie von ihren Bewohnern keinesfalls verlassen sein, im Gegenteil, die Empörer wußten, daß ein Angriff bevorstehe und hatten schleunigst ihre Maßregeln getroffen.

Vor den Dörfern war ein Teil des Waldes gelichtet, so daß der äußere Umkreis der Verschanzungen ganz offen und schutzlos dalag. Wer hinaustrat, konnte gesehen und aus dem Hinterhalt mit leichter Mühe erschossen werden.

»Ich dachte es mir,« sagte Mr. James Brooke. »Wir müssen Feuer hineinwerfen.«

Das Heer rückte in aller Stille vor bis an die Grenze des Waldes. Sobald die Dunkelheit herabgesunken war, wurde von nahezu vierhundert Männern in aller Stille ein Graben aufgeworfen, breit genug, um das Lager zu decken und tief genug um hinter dem entstehenden Erdwall den Leuten Schutz zu gewähren.

Als die Sonne vom Himmel schien, befand sich eine Verschanzung der anderen gegenüber; dazwischen lag die freie Fläche.

Jetzt kam aus dem Gepäckkarren ein schwerer Kasten hervor, ein Behälter, den vier Männer mit der größten Behutsamkeit trugen und der lauter brennbare Stoffe enthielt, Schwefel, Pech, Teer und Öl. Andere hatten unterdessen Pfähle geschnitten. Es wurden Fackeln hergestellt und an die einzelnen Leute verteilt, und diese auf ihre Posten gestellt. »Du nimmst dort Platz, du dort – sobald ihr mittels Zündschwamm die Fackeln in Brand gesetzt habt, zieht ihr euch unter Deckung zurück und kommt auf Umwegen wieder hierher. Den, der ein Wort sprechen oder dem Feinde ein Zeichen geben sollte, trifft die Kugel von meiner Hand.«

»Jetzt geht!« setzte er hinzu.

»Mr. Gould,« rief Richard, »darf ich nicht die Leute begleiten?«

»Nein!«

»Aber ich möchte es gern, ich –«

»Still! Es wird zu dieser Unternehmung überhaupt kein Weißer verwendet.«

Er hielt das geladene Gewehr in der Hand und spähte hinüber, selbst durch einen Baumstamm vollständig gedeckt. »Sehen Sie hinaus, Richard, Sie werden keinen dieser Wilden bemerken – die Leute kriechen heran wie Schlangen.«

Der freie Platz lag in einer Breite von etwa zwanzig oder dreißig Schritten vollkommen dunkel und verlassen da. Mit geladenen Büchsen, durch Bäume und Erdwälle gedeckt, standen die Weißen. Wenn drüben die Verschanzungen zu brennen begannen, so würden sich einzelne der Eingeschlossenen hervorwagen, um womöglich die Flammen zu löschen, dann konnte man sie aufs Korn nehmen und durch das sichere Blei töten.

Noch war alles dunkel, alles totenstill.

Ein plötzliches Aufblitzen unterbrach die leise gesprochenen Worte. Im nächsten Augenblick standen die Verschanzungen der beiden vorderen Dörfer in hellen Flammen, von den Fackeln rieselte das verderbenbringende Element herab in den gehäuften Brennstoff der Bambusstäbe und gefällten Bäume, überall zugleich mischte sich gellender Schreckensschrei in das Aufjubeln der Sieger.

»Hai! Hai!« – –

Sie frohlockten rechts und links, aber zu sehen waren sie nirgends. Ein paar ihnen aufs Geratewohl nachgesandte Schüsse wurden mit neuem Hohngelächter beantwortet.

Dann erschienen drüben lange Stäbe, mit denen die Eingeschlossenen das Feuer auszulöschen suchten, es aber nur immer höher anfachten. Das brennende Pech träufelte fort und fort herab, die Funken stoben, die festen Stützen der Wälle standen da wie Feuersäulen.

Die entschlossensten unter den Aufrührern sprangen mitten hinein in den Funkenregen, um die Fackeln aus dem Flechtwerk zu reißen.

»Achtung!« ertönte James Brookes Stimme. »Feuer!«

Die Schüsse fielen, und sich überschlagend stürzten die kecken Räuber tödlich getroffen in das Flammenmeer. Andere suchten sie herauszureißen und wurden selbst erschossen, das Klagegeheul erschallte aus beiden Dörfern immer stärker und stärker.

Jetzt war an kein Löschen mehr zu denken. Bis auf die unteren Erdwälle brannte alles herab, und niemand erhob die Hand, um dem Wüten des gefräßigen Elementes Einhalt zu tun; nur das dritte halb rückwärts gelegene Dorf beschützten die Empörer, indem sie ihre Verschanzungen unter Wasser setzten. Sobald die Flammen hinüberspielten, erloschen sie prasselnd und zischend.

»Wir behalten den Sieg,« sagte Mr. Gould. »Diese beiden Dörfer sind unhaltbar, das dritte nehmen wir übermorgen.«

Richard schauderte unwillkürlich. »Es mögen schon vierzig oder fünfzig von den unglücklichen Menschen erschossen sein,« sagte er.

Mr. Gould nickte. »Aber auf jeden dieser Räuber kommen mehrere Mordtaten,« sagte er, »geraubte Schiffe und geplünderte Kaufmannshäuser. Das erheischt Strafe.«

Ein scharfer Rauch- und Brandgeruch erfüllte die Luft. Allmählich hatte der Schlaf die meisten Soldaten, Weiße und Farbige, in seine sanften Arme genommen. Sie lagen kreuz und quer auf den mitgebrachten Decken, den Arm als Kissen unter dem Kopf, die Büchse auf der Brust, um sogleich in voller Kriegsbereitschaft dazustehen, wenn die ausgestellten Wachen einen Ausfall melden sollten.

Es geschah aber nichts dergleichen. Die Nacht verging, und am Himmel zeigten sich die ersten Strahlen des Tages, an dem so viel Blut fließen sollte.

Mr. Brooke musterte die Reihen der Seinen. »Antreten!« befahl er. »Gewährt keine Gnade, Kameraden, und nehmt keine! Die Rotte muß vom Boden vertilgt werden.«

»Vorwärts denn! – Drauf mit Gott!«

Wie das wilde Heer stürzten sich die Leute über den Erdwall, um mit dem Schwert in der Faust die Reste der niedergebrannten Verschanzungen zu nehmen. Ein erschütterndes Schreien und Jauchzen durchbebte die Luft, gellende Kampfesrufe mischten sich in den Klang der Hörner, Messer und Säbel blitzten im Sonnenglanz, Schuß folgte auf Schuß, hinüber wie herüber.

Die Belagerten waren nicht müßig gewesen. Ein Hagel von Pfeilen und Kugeln empfing das Heer der Angreifer. Allen voraus war Toldi über die verkohlten Umfassungswälle gesprungen. »Moharra!« rief er mit lauter Stimme, »Moharra, mein Bruder!«

Ein Dajak mit dem scharlachnen Mantel auf der Schulter, dem Abzeichen der verbündeten Räuber, ein hochgewachsener junger Dajak schwang den Kris, daß Funken im Sonnenlicht zu sprühen schienen. »Verräter,« rief er, »elender Sklave der Weißen – hier bin ich!«

»Ergib dich, Moharra, ergib dich!«

»Ha, ha, ha! – Glaubst du, ich hätte deine Stimme nicht erkannt? – Du wolltest den Sohn deines Vaters ins Verderben, in die schmähliche Gefangenschaft locken – Fluch über dich!«

»Moharra, Moharra, – ich wollte dich retten!«

»Ha, ha, ha – – –«

Sie standen einander gegenüber, beide mit erhobenem Arm, der jüngere Bruder voll rasenden Zornes, der ältere bemüht, ihn ruhiger zu stimmen. Die Augen funkelten, die Lippen bebten; die Entscheidung über Tod oder Leben schwebte zwischen diesen beiden Söhnen einer Mutter.

Toldi hielt die Büchse im Anschlag. Er wollte den Bruder retten, aber auch das eigene Leben teuer verkaufen. »Ergib dich, Moharra, du kannst arbeiten, du – –«

»Sei verflucht, grauer Verräter, der sein eigenes Volk den weißen Unterdrückern in die Hände liefern möchte!«

Der Dajak holte aus, und im nächsten Augenblick würde Toldis Kopf von der Wucht des Schlages zerschmettert worden sein, wenn nicht zu gleicher Zeit ein Schuß gefallen wäre. Ein Malaie hatte ihn abgefeuert und mit wildem Frohlocken sah er den Mann im roten Mantel stürzen. »Das kam von mir, Moharra, ich war es dir lange schuldig! – Weißt du noch, wie mein Gehöft brannte und meine Karabauen weggetrieben wurden? Damals schwor ich dir Rache!«

Der Dajak konnte nicht mehr sprechen, aber in seinen Augen loderte ein rasender Groll. Er raufte das Gras aus dem Boden und versuchte in ohnmächtiger Wut zu werfen. Der Malaie lachte. »Hai! Hai! – ich will dich sterben sehen. Verfluchter! Ich lebe und du bist tot, ich sehe die Sonne und erwerbe Geld, viel Geld – du liegst im Grabe.«

Toldi brachte Wasser und hielt es an die Lippen seines tödlich getroffenen Bruders. »Trinke,« sagte er sanft, »soll ich dir den Kopf aufheben, Moharra?«

Der jüngere Dajak atmete immer schwerer, er preßte mit letzter Kraft den Mund zusammen, – das Wasser lief auf den Boden, er verschmähte das Labsal, weil es aus Toldis Hand kam. Der Blick voll Haß, voll Zorn suchte den seines Bruders. Dann streckte sich der Körper, und die Augen waren gebrochen. Moharra starb.

Toldi nahm mit beiden Armen den toten Körper und trug ihn hinter die Gefechtslinie.

Nun ging es gegen das dritte Dorf.

»Da ist Soliman!« rief Mr. Brooke. »Wenn wir diesen Burschen in unsere Gewalt bekommen, dann hat die Räuberflotte ihren Admiral verloren! Fangt ihn, meine Jungen, tot oder lebendig, aber fangt ihn!«

Die Angreifer drangen weiter vor. Bald hatte die Schlacht ihren Höhepunkt erreicht. Brust an Brust kämpften erbitterte Männer, das Messer gab hüben und drüben den Ausschlag.

Soliman spornte seine Leute zur äußersten Kraftanstrengung. »Vernichtet sie!« rief er, »vernichtet sie, und wir ziehen nach Kusching, um es zu plündern!«

Wie Öl in das Feuer fielen diese lockenden Versprechungen in die Seelen der Räuber. Sie verdoppelten ihre Kräfte, sie erfüllten die Luft mit dem Geschrei eines wahnsinnigen Beute- und Rachegelüstes.

Mr. Gould führte eine kleine Schar von Dajaks, die ihm besonders zugetan waren, auch Richard und Oskar hielten sich hart an seiner Seite. Das ganze Ufer hatten diese Tapferen in Besitz genommen, die Verstecke unter den Klippen, den Weg zum Wasser. Vor ihnen stand jetzt Soliman inmitten seiner Getreuen. Dieser Punkt bildete mit drei Pfahlbauten den letzten Rest der Verschanzung, diejenige Stelle, an deren Besitz das Schicksal des Tages hing.

»Wer mir Solimans Kopf bringt, dem zahle ich in Kusching tausend Rupien! Auf ihn, meine Jungen, auf ihn!« So lautete Mr. Brookes Versprechen.

»Hai! Hai! Tausend Rupien!«

Ein Hohngeschrei aus den Reihen der Empörer antwortete, ein Pfeilhagel zischte durch die Luft. Von mehreren Seiten zugleich wurde Mr. Goulds kleine Schar bedroht und in die Enge getrieben.

»Hierher, Brooke! Zur Hilfe! Zur Hilfe!«

»Hai! Hai! Ihr wolltet ja Solimans Kopf nehmen, – jetzt nimmt er dafür die eurigen. Auf, auf, meine Dajaks, holt euch Feindesschädel!«

Mit erneuter Kampflust ging es weiter, und bald darauf hatte Mr. Brooke den Rest der Empörer in das dritte Dorf getrieben, wo sie wenige Stunden später vollständig besiegt wurden.

Es war ein heißer Tag gewesen, die Walstatt triefte von Blut, schon schaufelten draußen emsige Hände das Massengrab, das die Opfer aufnehmen sollte, Weiße und Farbige, Freund und Feind, alles in einer Reihe, alles so, wie die Pfeile und Kugeln das Herz getroffen hatten, um seinen Schlägen für immer ein Ziel zu setzen. Auch Moharra war darunter.

Als das Massengrab hergestellt war, legten die Soldaten ihre gefallenen Kameraden hinein und bedeckten deren Gesichter mit Blumen. James Brooke sprach einige Worte zu Ehren der Gefallenen, die Weißen unter dem stark zusammengeschmolzenen Heere sangen einen Choral. Die übrigen hörten schweigend, voll Andacht zu, und noch ehe der Mond sein mildes Licht auf die zerstampfte Erde herabsandte, waren mehr als vierzig, die den Morgen dieses Tages voll Hoffnung und Lebenskraft begrüßten, hinabgesenkt in die kühle Gruft.

Man kehrte zu dem Lagerplatz zurück, unterwegs gelegentlich Jagdbeute machend. Als man fast schon am Ziel war, hob Mr. Gould plötzlich den Kopf: »Hörst du nichts, Brooke!«

»Nein,« erwiderte dieser.

»Da war es wieder! – Geschrei! – Geschrei vom Lager her!«

»Hilf Himmel, es ist so!«

»Ich höre es auch!« rief Mr. Hardington.

Brooke eilte voraus, alle übrigen ihm nach.

Das Schreien von dorther klang näher und näher. Es schien, als ob sich Menschen gegen die Richtung der Jäger vorwärts bewegten. Atemlos horchten alle.

Dann schrillte durch den Lärm ein Wort, das die Mutigsten erbleichen ließ, ein Wort, dessen schreckliche Bedeutung das Blut in den Adern der Männer stocken ließ.

»Amok! – Amok!«

»Das ist Soliman!« rief Mr. Brooke. »Auf! Auf! Wir müssen ihn unschädlich machen!«

Der Schreck lähmte jede Zunge. Sie wußten alle, was es bedeutet, wenn ein Malaie mit dem Ruf »Amok! Amok!« den Kris oder den Spieß schwingt und auf das Geratewohl vorwärts stürzt, um alles zu morden, was ihm in den Weg kommt.

»Amok! – Amok!«

Und dann kam nach atemlosen Laufe, dicht vor dem Lagerplatz eine wilde Jagd den Weißen entgegen. Voraus stürzte im Scharlachmantel der Malaie Soliman, den Kris in der hocherhobenen Hand, das Haar zerzaust, die Lippen schäumend, die Augen rollend wie im Irrsinn. Seiner Kehle entquollen Laute, die nicht mehr menschlich klangen, er hieb in jeden Baum, er riß jede Ranke, die er ergreifen konnte, von den Zweigen.

Kaum zehn Schritte hinter ihm, in eben so rasendem Laufe wie er selbst, folgten etwa fünfzig von den Soldaten Brookes alle ohne Schießwaffen, nur mit dem Kris oder der Keule, einige sogar ganz ohne Verteidigungsmittel. Sie waren aufgesprungen und hatten den tollen Malaien verfolgt wie sie gingen und standen. Das sah man.

»Keinen Schuß!« rief Brooke. »Um des Himmels willen keinen Schuß! Wir treffen sonst einen der Unsrigen!«

Soliman horchte auf, jetzt erst sah er die Jäger. Mit einem gellenden Schrei kehrtmachend, sprang der Rasende unter seine Verfolger und schlug mehrere derselben zu Boden, ehe ihm jemand in den Arm fallen konnte. Dann brachten ihn die flinken Füße zwischen dichtstehende Bäume und von da ins Dorf zurück.

Allen voraus stürmte Mr. Gould. Zwei Schüsse aus seiner Kugelbüchse trafen den Malaien, und fast gleichzeitig bohrten sich zehn Spieße von vorn in seine Brust. Die Messer und Spieße der Soldaten zerfleischten buchstäblich den Körper. Er wurde in Stücke zerhackt, der verhaßte, berüchtigte Scharlachmantel zerfasert und in alle Winde geworfen. Als Brooke und seine Begleiter hinzutraten, sahen sie nur noch die Blutlache, die die Stelle des vollzogenen Strafgerichtes bezeichnete. Und nun ging's gegen die Seeräuberflotte, die bis dahin die drei Dörfer mit Lebensmitteln, Waffen und Kriegern unterstützt hatte.

Über halsbrechende Wege ging es tief in die Klippen hinein.

Riesige Felsblöcke lagen oben, nacktes Gestein, das den Raubvögeln als Schlupfwinkel diente. Ein geschickter Kletterer konnte gefahrlos bis zum äußersten Rande des Klippenzuges vordringen; hohe Bäume, aus den Spalten emporwachsend, beschatteten den ohnehin ziemlich lichtlosen Ort, den jetzt die Dajaks, einer nach dem anderen, erreichten. Ihnen nach schlichen die Weißen.

Da unten in der blauen Flut lag das Seeräuberschiff. Federbüsche und scharlachne Wimpel flatterten von den Masten, Scharlachtuch bildete die Kleidung der Männer, die da auf dem offenen Deck so emsig schafften, lautlos gleich denen, die sie beobachteten.

»Dreiundsechzig!« zählte Mr. Brooke. »Das ist eine schlimme Entdeckung.«

Toldi lächelte. »Das ist ein Spaß, Sahib. Siehst du die Kanonen und die Wasserschläuche? – Alle Wetter, davon hätten die Kerle tagelang trinken können.« – Mr. Gould sah ihn fragend an. »Und wie wolltest du das verhindern, Toldi?«

»Gib acht, Sahib, du sollst es gleich sehen!«

Die Malaien da unten füllten geschäftig lederne Schläuche mit Wasser und zerlegten zwei blanke Kanonen in ihre einzelnen Bestandteile. Sie ahnten nicht, welches Schicksal ihnen über dem Kopfe hing.

Toldi hatte die Hand auf einen der losen Steinblöcke gelegt, seine Blicke suchten siegesfroh die der übrigen Dajaks. Nackte Arme streckten sich aus, stählerne Muskeln vereinten in einem einzigen Augenblick, einem einzigen Ruck alle ihre Kräfte, und ehe noch die Weißen mit Bestimmtheit wußten, um welche Absicht des Häuptlings es sich im Grunde handelte, war das Werk schon ausgeführt.

Der viele Zentner schwere Felsblock stürzte hinab auf das unglückliche Schiff. Ein Schrei aus der Tiefe mischte sich mit dem in der Höhe, ein Donnergepolter übertönte das Brausen und Zischen des Wassers, hoch hinauf über Fels und Baum schlugen die Wogen, dann folgte dem erschütternden Ereignis eine unheimliche Stille.

»Gräßlich!« flüsterte mit aschbleichem Gesicht der Künstler.

Das Siegesgeheul der Dajaks verschlang seine Worte. Blitzschnell rissen die Wilden ihre Gewehre von den Schultern und legten an. Wo da unten, mit den Strudeln kämpfend, ein Malaie an der Oberfläche erschien, da traf ihn die Kugel und lähmte jeden ferneren Rettungsversuch.

»Mr. Brooke,« rief Hardington, »ist das wirklich noch Krieg zu nennen?«

Brooke nickte finster. »In diesem Falle, ja, Sir! Wir müssen mit den Seeräubern ihre eigene Sprache sprechen, wir müssen ihnen in ihrer Münze zurückzahlen, was sie getan haben. Ihnen geschieht recht, vertilgt man sie wie reißende Tiere.«

Die Dajaks jubelten immer noch. »Blutrache!« rief Toldi, »Blutrache! Der Haß erlischt nie. Was die Malaien meinem armen Volke von jeher getan haben, das will ich vergelten – Hai! Hai! – es sind ihrer jetzt so viel weniger auf der Erde.«

Unten im Strome verrauschten die Wogen, in deren Schoß dreiundsechzig Menschen ihr Dasein geendet. Es wurde still. Die Fische hielten ein Festmahl.

Mr. Gould erhob sich. »Es gibt nichts Furchtbareres als den Bürgerkrieg,« sagte er schaudernd. »Und doch stehen wir erst am Anfang desselben.«

»Vorläufig am Ende,« rief Brooke siegesfroh. »Hier fließt kein Tropfen Blut mehr.«

Sie kehrten sämtlich zum Lager zurück. Hier war es sehr still. Die Feinde mochten das Getöse und das darauffolgende Siegesgeheul der Dajaks gehört haben; sie ahnten den Verlauf der Dinge und blieben ruhig bis auf die Frauen und Kinder, welche fortwährend jammerten. Die Nacht verging ohne Störung, dann, am folgenden Morgen öffnete sich die Verschanzung und Mann nach Mann trat hervor; sie legten sämtlich die Waffen, ohne zu sprechen, auf den Fußboden.

»Gott sei gelobt!« rief aufatmend Brooke. »Jetzt können wir das Lager abbrechen.«

Er ließ den Besiegten Wasser reichen und gab Frauen und Kinder frei. Wie ein entfesselter Strom drangen die unglücklichen Geschöpfe aus der Verschanzung hervor, so verfallen und elend, daß sie teilweise kaum aufrecht zu gehen vermochten.

Den Männern wurden die Hände gebunden, im übrigen teilten sie die Lebensweise der Soldaten, aßen Reis und Früchte und hatten als Getränk nur Wasser.

Mr. Brooke schickte die Hälfte seiner Soldaten mit den Gefangenen durch den Wald nach Kusching zurück, er selbst und die andere aus den erprobtesten Anhängern bestehende Hälfte nahm den Weg am Strome, um zu beobachten, ob und in welcher Zahl noch Räuberschiffe vorhanden seien; aber es waren keine mehr zu sehen.

»Morgen um diese Zeit sind wir in Kusching, Brooke,« sagte Mr. Gould. »Ob die Empörer schon Nachricht erhielten?«

»Das glaube ich, sonst müßten wir Schiffe bemerken. Aber von den Malaien auf der untergegangenen Prau haben sich jedenfalls einige gerettet.«

»Dann machen wir ihnen noch nachträglich den Garaus. Ich wollte, ich könnte das alles vor Abend besorgen – ich habe den Bürgerkrieg satt!«

»Da sind die Schiffe!« rief plötzlich Oskar. »Ich sehe ihre Segel!«

»Sucht Deckung!« rief mit lauter Stimme der General.

Die Soldaten zogen sich sogleich in das Innere der Klippen zurück, nur Toldi kroch auf allen vieren über das Gestein, um einen Ausguck zu erspähen.

»Fünf Schiffe,« sagte er leise. »Sie arbeiten an den Segeln, die Hunde, – was wollen sie machen?«

»Laß sehen!« flüsterte Richard, dem Alten nachkriechend. »Sie wenden, – sie beabsichtigen keinen Angriff.«

»Wissen Sie das ganz gewiß, Richard?«

»Ganz gewiß. So verschieden können ihre Segelstellungen von den unsrigen nicht sein! – Aha, die Prauen drehen sich schon!«

Ein gellendes Kampfgeschrei klang vom Wasser herüber, ein Hagel von Büchsenkugeln schlug in die Felswände, dann glitt das Geschwader stromab, während sämtliche Farbige des kleinen Heeres aus Leibeskräften brüllten, um ja denen auf den Schiffen nichts schuldig zu bleiben. Der bevorstehende Kampf auf den Wassern war dadurch in aller Form angekündigt.

Mr. Brooke atmete tiefer. »Wir schlagen die Schlacht so rasch wie möglich,« sagte er. »Dieser Zustand muß ein Ende nehmen.«

Die Stimmung aller war durch das Erscheinen der Räuberschiffe stark beeinträchtigt, gleichsam der Ernst ihrer äußeren Lage deutlicher zum Bewußtsein gekommen. Man nahm die Verwundeten und Kranken in die Mitte, ließ Bewaffnete dem Zuge vorangehen und marschierte überhaupt so schnell wie nur möglich, um Kusching baldigst zu erreichen. Noch eine Nacht am Lagerfeuer verging ungestört, noch ein Morgen im taufrischen Walde entzückte die Herzen der Weißen, dann kamen von fernher die Dächer der Stadt in Sicht.

»Werden wir jetzt frei, Sahib« riefen die Frauen und Kinder im Gefängnis. »O komm, komm, laß uns heraus!«

Mr. Brooke winkte mit dem Degen. »Bald,« rief er, »bald!«

Und dann schritten die Sieger durch die Stadt, um dort auseinander zu gehen. Brooke sagte den Leuten, daß er erwarte, sie auf den ersten Trompetenton hin bereit zu finden, dann zahlte Mr. Gould als Rechnungsführer den rückständigen Sold, und die Kämpfer eilten zu Frau und Kindern.

Ganz Kusching war auf den Beinen, jubelte, lachte, schrie und tobte, daß die Wände bebten. Zu lange und zu schrecklich hatte das Räuberunwesen auf dem Lande gelastet, als daß nicht jetzt, wo die Erlösung winkte, jeder einzelne vor Freude fast närrisch geworden wäre. Ein einziger nur stimmte nicht in den allgemeinen Jubel mit ein, Sultan Hassim. Mit umwölkter Stirn saß er in seinem Palast, denn er fühlte, daß es mit seiner Herrschaft und Herrlichkeit zu Ende sei. Man verachtete, man übersah ihn. James Brooke, der kecke tatkräftige Befehlshaber, war von allen geliebt.

Richard und Oskar beabsichtigten am Nachmittage an Bord der »Violan« zu gehen, um Mr. Barrow einen Besuch abzustatten.

Als sie auf dem Wege zum Hafen waren, erschreckte sie auf einmal lautes Geschrei: »Zu Hilfe, zu Hilfe! Mr. Brookes Haus brennt.«

Wie angedonnert standen sie eine Weile da. Dann machten sie kehrt und eilten im Sturmschritt der Brandstätte zu.

Ein dichter Kreis von Rotmänteln hielt das Haus umlagert. Bald mußte es zusammenstürzen. Dann war der Gegner besiegt und die Kette der Besseren im Lande gesprengt. Darauf warteten die Räuber.

Ein Offizier trat an der Spitze von wenigstens dreihundert bewaffneten und erbitterten Parteigängern den Feinden offen entgegen. »Gebt Raum,« rief er, »was sucht ihr hier, Leute?«

»Was suchst du selbst hier, Weißer? Hüte deine Zunge!«

Statt aller Antwort wandte der Offizier den Kopf. »Feuer!« rief er. Im nächsten Augenblick krachten hundert Büchsenschüsse zugleich. Reihenweise fielen die Rotmäntel, die an einen derartigen plötzlichen Angriff nicht gedacht hatten. Den ersten Augenblick allgemeiner Bestürzung wahrnehmend, drangen Mr. Hardington, Toldi und die beiden Deutschen durch den Haufen bis zum Eingang.

Sie hatten sich in den Häusern befreundeter Eingeborenen schon vorher Beile zu verschaffen gewußt und schlugen jetzt mit dem Aufgebot aller Kraft gegen die verrammelte Tür. Schon nach wenigen Minuten wich das Holzwerk – sie standen auf dem Flur.

Totenstille in dem brennenden Hause. Man hörte keinen Ton.

»Mr. Gould!« riefen Richard und Oskar zugleich. »Mr. Gould!«

Der Rauch hinderte am Atmen und Sehen.

Draußen wütete ein kurzer erbitterter Kampf. Schüsse krachten, das Kriegsgeschrei der Wilden mischte sich in das Ächzen Sterbender. – Die Rotmäntel schlugen mit ihren Keulen wie rasend auf die Köpfe der Gegner los und wurden dann geworfen, nachdem auf Straßen und Plätzen das Blut rauchte und die Leichen der Gefallenen unter die Füße getreten waren. Wenigstens zwanzig Tote hatte die kurze Viertelstunde gefordert.

Mehrere junge Leute eilten die Treppe hinauf, andere gossen Ströme von Wasser in die Gluten. Ein gewöhnliches Bambushaus wäre längst in Asche gefallen, hier aber leisteten die starken Steinwände erheblichen Widerstand, obwohl freilich der Einsturz des Daches und damit die Verschüttung aller im Gebäude Anwesenden bedrohlich nahe schien.

Ein Donnern und Poltern wie von Elefantentritten durchbebte alle Wände. Aus den Fenstern schleuderten die Befreier ganze Barrikaden von Stühlen, Schränken und Tischen, die vor Brookes Zimmer aufgehäuft waren, dann zerschlugen sie eine Tür und drangen in das Gemach, wo Brooke und Mr. Gould halb leblos auf dem Sofa lagen.

Jedenfalls war Matteo, der malaiische Diener mit den Rotmänteln im Einverständnis gewesen. Jetzt sah ihn natürlich kein Auge mehr.

Die Befreier trugen schleunigst ihre beiden Geretteten hinaus auf die Straße und gossen ihnen etwas Branntwein zwischen die Lippen. Der frische Nachtwind brachte schon im Verlaufe weniger Minuten das halbentflohene Bewußtsein zurück. Ein Seufzer kündete das wiederkehrende Leben.

»Mr. Gould!« rief Oskar, »Mr. Gould, Sie sind doch unverletzt?«

Ein Kopfnicken war die Antwort. Trotz der zerschlagenen Fenster hatten Rauch und Funken doch beinahe erstickend gewirkt. Brooke erholte sich zuerst wieder.

»Nur Matteo kann die Tür verrammelt haben!« flüsterte er. »Ein Verräter in meinem eigenen Hause, das ist sehr schmerzlich.«

»Jedenfalls ist der Bursche den Verlockungen seiner Landsleute während Ihrer Abwesenheit erlegen, Sir! – Vergessen Sie ihn!«

Brooke schüttelte den Kopf. »Er muß gefunden und standrechtlich erschossen werden, damit dem Gesetze volles Genüge geschehe. Es ist bei diesen Malaien und Dajaks mit der Nachsicht nichts getan, nur die Kugel und das Schwert verschaffen uns Achtung.«

Trommelwirbel und Hörnerklang verschlangen die letzten Worte. Brooke ließ alle seine Leute antreten, Wachen aufziehen und die Posten vor dem Gefängnis der aus dem Inneren mitgebrachten Gefangenen verdoppeln; dann wurde die ganze Stadt nach dem verschwundenen Malaien durchforscht. Auf einmal drang ein Siegesgeheul, wie es nur der Wilde kennt, durch die stille Umgebung. »Hai! Hai! – – Uh! – Hu! – Hu! –«

»Das ist Toldi!« rief der General. »Er wird den Malaien gegriffen haben.«

Toldis furchtbarer Kriegsruf näherte sich inzwischen dem auf dem Marktplatz der Stadt errichteten Hauptquartier. Noch zwei andere Stimmen fielen ein, und dann erschien der Zug, der den bebenden todbleichen Gefangenen seinem Richter überantwortete.

»Uh! – Hu! – Hu! – –«

Toldis Häuptlingsschmuck war arg zerzaust und das Gewand durchlöchert, aber das braune Gesicht glänzte in wilder Siegesfreude.

»Da ist Matteo, Sahib!«

Brooke versammelte alle Offiziere, Farbige und Weiße, dann ließ er den Schuldigen vorführen. Matteo wagte nicht, aufzusehen, seine Glieder zitterten wie welkes Laub.

Rings um die Offiziere und den Angeklagten scharte sich das Heer. Von den Schiffen der Räuber sahen offen und heimlich Hunderte hinüber zum offenen Markt- und Hafenplatz, wo sich das Gericht vollzog.

»Gestehst du, Matteo, mein eigenes Zimmer verschlossen und verrammelt zu haben, ebenso die Haustür? Gestehst du, diese Verbrechen verübt zu haben, während draußen die Mordgesellen das Gebäude in Brand steckten?« fragte Brooke.

Die matten Augen des Verräters blickten scheu zu Boden. »Ich wurde gezwungen, Sahib, Gnade! – Gnade!«

»Du räumst also das Verbrechen ein?«

»Ich mußte gehorchen! – Man drohte mir.«

»Und du fürchtetest mehr die Mordbanden, gegen deren Anschläge dir mein Schutz gewiß war, als den feigen Verrat mir gegenüber? – Meine Freunde, wie wird der Verräter in Kriegszeiten bestraft?«

»Mit dem Tode!« antworteten einstimmig die Umstehenden.

»Gnade! Gnade!« heulte der Malaie. »Ich bereue alles!«

»Das kann dir jetzt nichts mehr helfen. Bindet den Verurteilten an jenen Baum, Leute! – Es bleiben ihm fünf Minuten, um zu beten.«

Der Befehl wurde vollzogen. Mehr tot als lebend hing der Verbrecher in seinen Fesseln.

Neun der besten Schützen wurden ausgewählt, alles Dajaks, die Todfeinde des Malaienvolkes.

»Feuer!« ertönte der Befehl.

Die neun Schüsse krachten zugleich, und Matteo sank blutüberströmt zusammen.

Von den Schiffen klang wildes Geschrei und das Getöse des Gong. Sie beobachteten alles, sie wollten die Weißen herausfordern, und Brooke nahm auch den Handschuh auf. »Sei es,« sagte er, »möge dieser Morgen die Entscheidung bringen.«

Das Boot von der Fregatte erschien auf einen Wink Brookes am Ufer, und nun begann die Einschiffung. Hunderte blieben zurück, um dafür auf Booten und Prauen oder vom Lande aus zu kämpfen. Sämtliche Weißen gingen an Bord des »Violan«.

Wie auf ein gegebenes Zeichen zog sich die Räuberflotte langsam auf den Sarawakstrom zurück. Im tieferen freieren Fahrwasser konnten sich die Dampfschiffe besser bewegen. Das wußten die Piraten. Der Gong und das Muschelhorn heulten um die Wette, vom Bord des »Violan« erklang brausende Militärmusik in den hellen Sonnenschein hinaus.

Die neue Schlacht nahm ihren Anfang. Auf der Kommandobrücke der Fregatte stand Kapitän Hastings und führte den Oberbefehl. Zwischen den drei Schiffen des Geschwaders waren Zeichen vereinbart und die betreffenden Flaggen ausgetauscht worden. Während die Seeräuberflotte langsam gegen Wind und Wellen den Sarawakstrom hinaufging, folgten die Dampfschiffe etwas schneller, bis an einem günstigen Punkte plötzlich der Befehl: »Vollen Dampf auf!« durch die Räume des Maschinisten scholl und mittels der Flaggen auch dem »Swift« und dem »Royalist« zuging.

Im gleichen Augenblick vollführte der »Violan« eine schnelle Seitenbewegung. Der eiserne Hagel schlug in die unbewehrten Prauen, und sofort begann der große Rumpf der Fregatte die kleinen hölzernen Fahrzeuge in den Grund zu bohren.

Wie Mücken umschwärmten diese die drei Dampfer. Auf beiden Seiten wurde voll Erbitterung gekämpft. Am Ausgang dieser Schlacht hing die Herrschaft über das Land.

Der englische Oberbefehlshaber beobachtete alles. Vor ihm eine unübersehbare Masse von Prauen und Booten mit einer verwegenen, keine Gewalt des Himmels und der Erde fürchtenden Bemannung, hinter ihm das Seeräuberschiff Bord an Bord mit dem kleinen »Swift« – im Augenblick war die Lage der Weißen keinesweges günstig.

»Drauf!« rief Brooke, »drauf, oder der Swift wird geentert!«

»Das weiß ich, Sir, aber – wie viele größere Dschonken sind vielleicht hinter den Segeln der Prauen noch versteckt! Oh! Oh!« setzte er hinzu, – »sie werfen schon die Enterhaken!«

Wie eine Schwalbe drehte sich die Fregatte auf dem Wasserspiegel. Eine glatte Lage schlug in die Breitseite der Dschonke, köpflings stürzten ein Dutzend Chinesen in das Wasser, während andere die Enterbeile fallen ließen und mit ihrem Blute das Deck färbten.

Eine zweite Lage folgte der ersten; mit dem geschwungenen Säbel in der Faust spornte der Seeräuberkapitän seine Leute, die unter dem sausenden Kugelregen todesverachtend gegen den Dampfer vordrangen und in die Schanzkleidung desselben ihre Beile hineinzuschlagen versuchten. »Um Tod und Leben!« – der Kampfruf stand lesbar auf allen Gesichtern.

Mr. Gould hatte schon mehrere Minuten lang das Piratenschiff beobachtet, jetzt suchten seine Blicke im Getümmel der Kämpfenden ein bestimmtes Ziel. »Oskar,« rief er, »sehen Sie doch einmal hierher! Erkennen Sie das Schiff?«

Rauchgeschwärzt näherte sich der junge Deutsche. »Was sagten Sie, Sir?«

»Sehen Sie dort hinüber, Oskar! Das ist Dewitschands Dschonke!«

Das Gewehr in seiner Hand richtete sich Oskar gegen den Anführer der Chinesen, aber ebenso schnell ließ er es auch wieder sinken. »Nein, nein, ich muß ihn lebendig fangen!«

Die Kugeln flogen ununterbrochen aus nächster Nähe in das Schiff des Chinesen hinein. So viele Leute aber auch der Tod hinwegraffte, ebenso viele und noch mehr kletterten von der anderen Seite wieder hinein.

Der Kapitän und Brooke sahen kopfschüttelnd einander an. »Es gibt nur ein Mittel,« sagte fortwährend beobachtend der erstere.

»Die Bombenkanone!« Sie wurde gerichtet, und die Bombe fiel auf das Mitteldeck des feindlichen Schiffes.

Die Zerstörung war furchtbar. Wie niedergemähte Halme lagen auf den Planken die Chinesen, bedeckt von Trümmern und Splittern, von losgerissenen Holzstücken und gehacktem Blei. Lustig züngelnd, erst klein, dann immer größer und größer, erhob sich in den Segeln eine Flamme. Die Dschonke brannte lichterloh.

Auch an Deck des »Swift« waren Menschenleben verlorengegangen und Schiffsteile beschädigt, aber dennoch gab das mörderische Geschoß dem Kampfe eine glückliche Wendung. Die Prauen hielten sofort von dem Chinesen ab, und niemand schien geneigt, sein Deck freiwillig zu erklettern; der kleine Dampfer dagegen blieb ruhig liegen, alle zur Piratenflotte gehörenden Fahrzeuge hatten schleunigst von ihm abgelassen.

»Die Spritzen hervor!« tönte vom Deck des »Swift« der Befehl. »Löscht, meine Jungen, wir entern die Dschonke!«

»Hurra! Hurra für Altengland!«

Ein Wasserstrahl fuhr in das brennende Leinen – mit erhobenen Beilen kletterten Brookes Parteigänger hinüber auf das Deck des Chinesen. Dewitschand war unverletzt geblieben. Er focht wie ein Löwe, aber dennoch mußte er der Übermacht weichen. Ein Schlag mit dem Büchsenkolben streckte ihn nieder; über seinen bewußtlosen Körper hinweg stiegen die Weißen in die Kajüte, verschlossen alle Räume, warfen über Bord was noch atmete, und hißten am Mast die englische Flagge empor. Als der Pirat zu sich kam, lag er gebunden an Deck seines eigenen Schiffes, dessen Anker im Hafen den sicheren Grund gefunden hatten. Nur zwei Weiße bewachten ihn, die übrigen kämpften unter dem Gebrüll der Kanonen weiter.

Mit einem schrecklichen Fluch schloß der Chinese die Augen und drehte den Kopf gegen die Wand. Sein Spiel war verloren.

Die Prauen, soweit sie nicht mit dem »Swift« und dem »Royalist« handgemein waren oder schon auf dem Grunde des Stromes lagen, die sämtlichen Prauen der Seeräuber hielten den »Violan« umzingelt, während das größere Schiff dicht vor seinem Vorderteil lag. Auf den Planken dieses letzteren stand kein Name, es war nur das Bild eines Krokodils daran angebracht.

»Drauf meine Jungen!« überschrie in diesem Augenblick an Bord des »Krokodils« eine Stentorstimme in englischer Sprache das Getöse ringsumher. »Drauf auf die Halunken!«

Ein wilder Lärm, Schießen und Schreien tönte herüber. Der Angriff gegen die Fregatte hörte plötzlich auf, einzelne Malaien fielen schwer herab aus den Masten, – offenbar hatte sich unten auf dem Verdeck ein Handgemenge entsponnen, aber mit wem? Freund gegen Freund?

»Gebt es ihnen,« schrie die Stimme von vorhin. »Auf sie! Auf sie! Das sind wir unserem armen Kapitän schuldig! Keine Gnade den Schuften!«

»Dick Poggins!« rief Richard, »so wahr ich lebe, er ist es!«

Und beide Hände an den Mund haltend, schrie er so laut es ihm möglich war: »Dick Poggins – ahoi!«

»Ahoi!« klang es zurück. »Das bist du, Richard! Und dies ist unser altes braves Schiff – die ›Elisabeth‹!« – –

»Das Krokodil!« schrie Radscha Karoldi, »das Krokodil! Wer etwas anderes behauptet, dem schlage ich den Schädel ein!«

»Bluthund, du hast lange genug gelebt! Deine Stunde ist da!«

Das Schießen schwieg gänzlich; die englischen Fäuste wirbelten auf den Köpfen der Malaien so furchtbar, daß diese sich nicht halten konnten und im ersten Anprall weichen mußten.

In wenigen Minuten war das Schiff erobert.

Die englischen Matrosen der »Elisabeth« machten mit dem Piratenkapitän kurzen Prozeß, sie legten ihm die Schlinge um den Hals und hißten den Körper am Mast empor. »Wo ist Palo, der Verräter, dessen Niedertracht uns ins Verderben brachte?« rief Dick Poggins.

Palo wurde gesucht und endlich aus einem schwer zugänglichen Versteck hervorgezogen, leichenblaß, bebend an allen Gliedern.

»Komm, Bursche, du mußt deinem Kapitän Gesellschaft leisten! Ihr könnt euch mit den Geiern unterhalten, wenn sie eure Schädel zerhacken. Frisch vorwärts, – hoi, hoi, du wiegst nicht schwer, Geselle!«

Keiner der Malaien entging dem Tode durch den Strick, sie wurden sämtlich nach altem Seemannsbrauch an die Rahen des gestohlenen Schiffes gehängt und die ganze Seeräuberflotte zerstört.

Als sich der Abend herabsenkte, nahm Mr. Gould ein Boot und fuhr ganz allein hinüber zu der Dschonke, wo Dewitschand, abgesondert von den Genossen seiner Verbrechen noch immer regungslos mit dem Gesicht nach unten in der Kajüte lag.

»Sieh mich an, Dewitschand!« sagte er. »Kennst du mich nicht mehr von jener Nebelnacht her, als du mich vom Bord deiner Dschonke ins Meer stürztest?«

Der Räuber zuckte die Achseln. »Du träumst,« versetzte er; »du bist damals über Bord gefallen. Ich entsinne mich der Sache noch ganz genau.«

»Wo ist mein kleines Kästchen, Dewitschand?«

»Das weiß ich nicht so genau, Fremder. Als du am Morgen nach jener Nacht fehltest, habe ich in deiner Kajüte ein eisernes Kästchen gesehen und es aufgehoben. Mein Eigentum war es ja nicht. Vielleicht findest du es noch in jenem Schranke dort.«

Ohne ein Wort der Erwiderung begann Mr. Gould zu suchen und fand auch das Kästchen unter Seide und Juwelen verborgen, zwar mit zerbrochenem Schloß, aber im übrigen unversehrt. Sofort öffnete er es. Eine Anzahl von Briefen war darin und ein gemaltes Frauenbildnis. Gottlob, es fehlte nichts.

Dewitschand beobachtete ihn, er sah, daß der Augenblick günstig sei. »Laß mich fliehen. Fremder,« murmelte er. »Gefallen gegen Gefallen!«

Mr. Gould verbarg seine Schätze, dann näherte er sich dem gefesselten Chinesen. »Du hast nichts zu befürchten,« sagte er. »General Brooke vertauscht seine Gefangenen gegen diejenigen Hassims – vielleicht schon morgen.«

Der Chinese knirschte. »Dann bin ich ein Bettler,« rief er.

»Besser als ein Räuber.«

Und Mr. Gould ging schleunigst fort, um später in seiner Kajüte vor dem kleinen Bilde zu sitzen und es mit gestütztem Kopfe immer wieder und wieder anzusehen. Bald verhüllte er den Oberteil des Gesichtes, bald den Unterteil, dann holte er ein Vergrößerungsglas herbei und besah durch dasselbe die Züge des Bildes. Jetzt erschien auf seinem Antlitz ein Ausdruck hoher Freude. »Ja,« murmelte er, »ja – ich glaube es gewiß!«

Am anderen Tage begab sich Mr. Hardington noch einmal auf den Sarawakstrom. Er wollte das herrliche Landschaftsbild zeichnen, um es dann in England seinen Freunden zu zeigen.

Vier Matrosen ruderten das Boot, in dem der Künstler, Toldi, Richard und Oskar Platz genommen hatten, alle bewaffnet und fröhlich in der Hoffnung, die geliebte Heimat wiederzusehen.

Das Boot lag etwa zwanzig Schritte von den der Stadt Kusching entgegengesetzten Klippen entfernt völlig ruhig auf dem mondbeschienenen Wasser.

Toldi beobachtete unausgesetzt die Klippen zur Rechten. Plötzlich winkte er. »Seht dorthin weiße Männer – ein Gesicht!«

Und nun bemerkten es alle. Ein menschliches Antlitz sah von den Klippen herab, ein Kopf kam zum Vorschein, dann, als sich der Unbekannte entdeckt wußte, verschwand er leise zwischen den Felsen.

Auf einen Wink des Künstlers trieben die Matrosen das Boot ans Ufer, einer von ihnen blieb zurück und die ganze übrige Gesellschaft kletterte unter Toldis Führung in die Felsen hinein. Der Dajak kannte jeden Zugang, jede Schlucht, er stellte an einigen Stellen Wachen aus, Leute mit geladenen Gewehren und scharfen Säbeln, dann machten er und die beiden Deutschen sich daran, das abgesperrte Gebiet zu durchsuchen.

Richard sprang auf einen Block und sah hinein in das zerklüftete Gestein. Da sah er etwas, was sein höchstes Staunen erregte.

Zusammengekauert, zitternd lag zwischen den Steinen eine kleine Gestalt. Eisgraues Haar, spärlich und zerzaust, umgab ein totenblasses runzeliges Gesicht mit vergrämten Augen, und Hände wie die eines zehnjährigen Kindes hoben sich bittend empor: »Gnade! Gnade!«

»Tippoo!« rief in maßlosem Staunen der junge Deutsche, »Tippoo, du bist es! Wie kommst du hierher, Mann? Warst du auf den Schiffen der Seeräuber?«

Der Zwerg wand sich vor Furcht. »Was kann ein Krüppel wie ich, wohl ausrichten?« ächzte er. »Nichts! Nichts!«

Allmählich waren alle Weißen näher getreten, und Fragen und Antworten jagten einander; Richard mußte erklären, wie er vordem die Bekanntschaft des Zwerges gemacht hatte, er mußte zugeben, daß dieser Mann der Schlangenbändiger sei, von dem er früher schon berichtet, aber dennoch wußte er den ganz Verlassenen zu schonen. Das weiße Haar und der Blick voll Verzweiflung rührten sein gutes Herz.

»Du willst ihn nicht zur Strafe ziehen?« flüsterte Oskar.

»Nein. – Tippoo,« setzte er hinzu, »was willst du denn jetzt beginnen? Zurück nach Indien?«

Der Zwerg schüttelte den Kopf. »Wie könnte ich?« ächzte er. »Mich hat die Natur gezeichnet. Wo man den Krüppel sähe, da würde es sogleich heißen: ›Das ist der Zauberer, der Bundesbruder der Thugs! – Schlagt ihn tot! Schlagt ihn tot!‹«

»Ach,« setzte er hinzu, »ach, es ist alles verloren! Keschub Agarri hält sich in Birma versteckt, sein Schloß ist eingezogen worden, mich selbst suchen die Behörden wie eine Stecknadel, ich mußte flüchten, ärmer als ein Bettler – ich habe nichts, nichts gerettet!«

Mr. Hardington griff verstohlen in die Tasche. »Da hast du etwas Geld,« sagte er. »Es wird sich ja Arbeit für dich finden, du seltsamer Kauz!«

Auch Richard legte in den Schoß des grauen Sünders das wenige, was er besaß. »Bitte Gott, daß er dir helfe, Tippoo! Ich vergebe dir von ganzem Herzen.«

Der Zwerg umkrallte das Geld, er sah wie wahnwitzig hinaus ins Leere.

In Kusching hatten sich inzwischen die politischen Verhältnisse sehr zugunsten Mr. Brookes geändert. Sultan Hassim sah sich besiegt und hatte, wenn auch schweren Herzens, seine Herrschaft an Mr. Brooke abgetreten und dies sogar durch einen schriftlichen Rücktrittsvertrag besiegelt. James Brooke war also von jetzt ab Radscha von Sarawak.

Mit klingendem Spiel rückten seine Leute in die Stadt. Hassims Fort wurde geschleift und er selber des Landes verwiesen. »Ich reise sofort ab,« stammelte er, »macht mit meinem Hause, was ihr wollt.«

Stürmischer Jubel erhob sich überall, als die Bevölkerung vernahm, wer ihr neuer Herr sei. Auch die Unglücklichsten aller Unglücklichen, die eingesperrten Frauen und Kinder hörten das Jubeln. Ob ihnen jetzt endlich die Erlösung zuteil wurde?

Mr. Gould hatte ihrer schon gedacht. »Brooke,« sagte er, »wir wollten die beiderseitigen Gefangenen austauschen, nicht wahr?«

»Gewiß, gewiß!«

Sie wandten sich zu dem Hofe des Palastes, und unterwegs berührte Oskar Mr. Goulds Arm. »Sir,« flüsterte er, »wie steht es mit dem Chinesen Dewitschand?«

»Er wird jetzt, nachdem wir alle unsere Zwecke erreicht haben, gleich den übrigen Gefangenen in Freiheit gesetzt!«

Der Zug war jetzt bei dem Gefängnis der Frauen und Kinder angelangt. Die Armen sahen aus allen Spalten des Gebäudes hervor, sie schrien und lärmten, die einen aus Furcht, die anderen vor Freude.

Mr. Gould klatschte. »Ihr seid frei, ganz frei. Sahib Brooke, der neue Radscha von Sarawak, verspricht euch Brot und Kleider, und wird dafür sorgen, daß ihr Arbeit bekommt.«

Während ihn laute Freudenrufe umbrausten, wandte Brooke den Blick zum Hafen, wo die schwarze, zersplitterte Dschonke, von Soldaten bewacht, vor Anker lag. »Das Schiff wird auf alle Fälle gesprengt oder besser noch, auf Grund gesetzt,« sagte er. »Führt mir den Chinesen vor!«

Mehrere Soldaten gingen hinaus zum Schiffe und brachten dann zwischen sich den gefesselten Gefangenen. Dewitschands Kopf war verbunden, sein Gang schwankend, sein Gesicht ohne Farbe.

Sowohl Richard als Mr. Gould suchten Oskars Auge – er sah ihnen trotzig entgegen, er wollte nicht vergeben und sie sollten es wissen.

Der General betrachtete mitleidig die Jammergestalt des Chinesen.

»Wie heißt du?« fragte er in fast freundlichem Tone den Chinesen.

Ein bitteres Lächeln kräuselte die Lippen des Piraten. »Ich habe keinen Namen mehr,« antwortete er, – »laß deine Henkersknechte nicht zögern, mir den Kopf abzuschlagen.«

Der General legte ihm die Hand auf die Schulter. »Hast du zu Hause in China Frau und Kinder, Alter? ein Haus, ein Geschäft?«

Dewitschand lachte bitter. »Es liegt alles auf dem Grunde deines Stromes, Sahib, – alles, mein Weib, meine Söhne, meine ganze Habe, – schlag zu, der Kopf hängt nur noch an einem schwachen Faden!«

Und die Binde herabreißend, zeigte er eine schwere Wunde, die von der Stirn bis zum Nacken ging. »Das haben deine Leute getan, Sahib! Laß es vollenden!«

Der General wandte sich ab. »Du gehst ins Lazarett, Alter,« versetzte er, »und kannst nach erfolgter Heilung entweder in meinen Diensten bleiben oder mit dem nächsten Schiff nach deiner Heimat zurückkehren – von dieser Stunde an bist du frei.«

Dewitschands Gesicht wurde bald blaß, bald rot, er suchte tastend mit der Rechten eine Stütze. »Frei?« wiederholten die bebenden Lippen.

Mr. Gould bewegte die Hand. »Oskar,« sagte er, »Sie hatten in betreff dieses Mannes noch eine Anklage vorzubringen, nicht wahr?«

Der junge Deutsche zuckte zusammen, während Dewitschand zum ersten Male den Blick erhob, um bei der unerwarteten Nennung dieses Namens die Umstehenden zu mustern. Seine und Oskars Augen begegneten sich, der Chinese zuckte zusammen. Auch Oskar schwieg; ihm war es, als halte eine Eisenfaust seine Kehle umkrallt. »Nun?« fragte voll Erstaunen der General.

Da raffte sich Oskar auf; alles Blut schoß plötzlich in sein Gesicht. »Ich irrte vorhin,« stammelte er, »dies ist nicht der Mann, den ich zu sehen glaubte.«

Dewitschand schwankte, dann fiel er plötzlich lang auf den Boden. Die gewaltige Nervenaufregung hatte ihm eine Ohnmacht zugezogen.

»Bravo!« sagte mit lauter Stimme Mr. Gould.

Man trug den Schwerverwundeten in die Krankenabteilung und beauftragte Toldi, das Schiff an passender Stelle auf Grund zu setzen, dann kehrten alle in die Stadt zurück, um hier ein Volks- und Friedensfest mit den Einwohnern zu feiern.

Richard drückte Oskars Hand. »Du konntest es doch nicht über das Herz bringen,« sagte er lächelnd. »Der arme Kerl, er sah schrecklich aus.«

Oskar blieb die Antwort schuldig.

In der Stadt hatten sämtliche Häuser ein Festgewand angelegt, allerdings ein sonderbares. Was jede Familie Buntes, in die Augen Fallendes besaß, prangte über der Tür, auf dem Balkon, auf dem Dache, hing zum Fenster hinaus oder baumelte von langen Stangen herab – Pelze, Frauenkleider, Blumen, Fahnen, Federbüsche und selbst ganze ausgestopfte Vögel.

Der neue Radscha ließ ein paar Ochsen schlachten und seinerseits die Schiffe im Hafen beleuchten; es gab heute abend, als alle diese leicht entzündlichen Kinder des Südens ihrem neuen Herrscher huldigten, eine Menge schwankende Gestalten und auch mehr als nur einen Raufhandel, aber die Rotmäntel blieben doch ganz ruhig; sie wußten, daß keine noch so verzweifelte Anstrengung ihnen wieder zum Sieg verhelfen konnte.

Schon nach wenigen Tagen hatte sich das Leben im Hafen von Kusching gegen früher sehr vorteilhaft verändert. Die Prauen der Eingeborenen wurden mit Handelsgütern beladen, geschäftige Menschen eilten hin und her, und fremde Schiffe von Bombay und Madras lagen vor Anker. Die Chinesen kauften und verkauften wieder ihre kleinen Spielereien, kurz, die Zufriedenheit, der Wohlstand schienen neu erstanden, seit es weder in den Wäldern, noch auf den Strömen plündernde Räuberbanden mehr gab, die dem friedlichen Arbeiter die Früchte seiner Tätigkeit entrissen.


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