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Zweites Kapitel

In aller Frühe begann am nächsten Morgen der Aufbruch. Gegen Mittag wurden die Trümmer des ehemaligen Felsentempels erreicht.

Ein dunkles Tor zeigte den Eingang zum Innern des Tempels; hoch im hellen goldigen Sonnenschein wehten die Wipfel der Palmen auf dem obersten Bergesrande. Zwischen dem Grün, den zahllosen scharlachnen und weißen Blumen ragten hier und da wie kleine Türme zerbrochene Säulen, die Überreste einst stolzer Bogen hervor, während unten und oben Plattformen sich dehnten, von tausend Blüten umrankt.

Hondin winkte den übrigen, gleich ihm abzusteigen. »Dschumbo muß vorangehen,« sagte er, »diese Ruinen sind der Lieblingsaufenthalt der Tiger.«

Richard griff nach seiner Pistole. Der Graue schritt über die Trümmer weg und hielt Umschau, sogar in das für ihn viel zu niedrige Felsentor brachte er den Rüssel, wie um die Witterung dessen, was sich etwa dort befinden möchte, zu gewinnen. Dann legte sich der Riese an den Rand des Wassers, das als ziemlich bedeutender Flußarm seine blauen Fluten durch die Ruinen trieb, und trank in vollen Zügen.

»Alles sicher!« nickte der Mahaut. »Wir können ungestört schlafen.«

An ein Mittagsessen wurde gar nicht gedacht. Richard träumte, und im Schlafe murmelte er den Namen. Waren sie wirklich schon in Madras? Hatte Tippoo Wort gehalten? Plötzlich hörte er den Elefanten trompeten. Er wachte auf und sah nun Dschumbo mit hoch erhobenem Rüssel dastehen, und vor ihm, kaum drei Schritte entfernt, lag geduckt im Gras, sprungbereit ein Tiger.

Dschumbo zeterte, er wollte offenbar den Feind herausfordern.

»Gib es ihm, mein Alter, gib es ihm! Zertritt die Katze!«

Aller Blicke waren auf den Tiger gerichtet. Mit einem furchtbaren Schlage des erhobenen Rüssels den Angreifer empfangend, schleuderte er ihn eine Strecke weit in das Gebüsch hinein. Der Tiger heulte auf, gab sich aber keineswegs verloren, sondern sprang zum zweiten Male gegen den Kopf des Elefanten vor – diesmal glücklicher als zuerst.

Seine Krallen schlugen in die mächtige Brust, er schnappte nach dem Rüssel, den Dschumbo im gleichen Augenblick soweit als möglich zurückwarf.

Hondin schrie laut, er schoß seine Pistole auf den Kopf des Tigers ab und stürzte sich über ihn her, um ihn mit der Kraft seiner Fäuste von Dschumbos Körper zu trennen.

Tippoo und Oskar hatten zugleich mit ihm geschossen. Der Tiger blutete aus mehreren schweren Wunden.

Von den Menschen wie von den Elefanten unbemerkt, hatte sich das Weibchen des Tigers hinter dem tapferen Grauen herbeigeschlichen und war auf seinen Rücken gesprungen, ehe er sich dessen versah. Die furchtbaren Zähne bissen in den Rüssel, den so sehr empfindlichen Körperteil des Elefanten; die Pranken rissen, indem sie einen festen Halt suchten, tiefe Furchen in das Fleisch desselben.

Ein Schrei, der die Herzen aller Hörer gleich sehr erschütterte, ein lauter, heftiger Schrei der höchsten Qual durchzitterte die Luft. Dschumbo hatte ihn ausgestoßen, Dschumbo sank unwillkürlich unter der Gewalt eines unerträglichen Schmerzes auf seine Knie, während die Tigerin immer tiefer ihre Zähne in den zerfleischten Rüssel vergrub und vorn das sterbende Männchen mit letzter Aufbietung aller Kräfte die Krallen in das Fleisch der Brust hineinbohrte.

Richard sah den neuen Angriff, sah die dringende Gefahr, in der das Leben des Elefanten schwebte, und zögerte deshalb nicht, für Dschumbos Rettung einzutreten. Sich der Tigerin so sehr nähernd, daß ihr heißer Atem sein Gesicht streifte, hielt er die Pistole unmittelbar an das Ohr der Bestie und gab den Schuß ab.

Ein Schlag mit dem Kolben stieß das verendende Raubtier an der entgegengesetzten Seite des Elefanten zu Boden. Noch ein paarmal zuckten die geschmeidigen Glieder, die Krallen griffen wild ins Leere, und dann brach der Tod das schillernde tückische Auge. Aber auch Dschumbo war arg zugerichtet, das Blut rann stromweise von seinem Kopfe herab, er brüllte vor Schmerz, er schien selbst dem Verderben anheimgefallen.

Zwei weitere Pistolenkugeln hatten dem männlichen Tiger den Garaus gemacht. Vorsichtig löste Hondin die Krallen aus der Brust des Elefanten, und dann wandte er sich dem Retter seines Lieblings zu. »Faringi,« sagte er, »du hast dem armen Mahaut das Letzte erhalten, was er auf Erden liebt – ach, es gibt keine Worte, um dir zu danken.«

Richard reichte ihm freundlich die Hand. »Verbinde nur dein Tier,« sagte er. »Sieh, wie Dschumbo blutet, der arme Kerl!«

Hondin glättete mit sanfter Hand die zerrissenen Hautstücke. »Tippoo« bat er beinahe weinend, »Tippoo, kannst du helfen? Oh, welch ein Unglück!«

Der Zwerg nickte. »Ich will dir gleich ein Kräuterkissen schaffen,« versetzte er. »Nimm nur erst einmal Wasser und wasche die Wunden rein aus, halte auch sorgfältig alle Insekten fern; darauf kommt es am meisten an.«

Dann wurde das Polster auf Dschumbos Wunden gelegt und alles so gut als möglich befestigt. Heute konnte doch die Reise nicht mehr weiter gehen, der Elefant mußte Ruhe haben, vielleicht sogar mehrere Tage lang.

Tippoo zog inzwischen die beiden Tiger ab und bereitete kunstgerecht ihre schönen streifigen Felle.

Als der Tag sich neigte, winkte der Mahaut dem jungen Seemann und zog ihn mit sich in den Schatten einer halbverfallenen Höhle. Eine kühle Luft herrschte hier, weiches dichtes Moos lud zum Sitzen. Leise legte der Inder die Hand auf den Arm des jungen Deutschen.

»Faringi,« sagte er, »laß dir erzählen von einer Sitte, die der Hindu für heilig hält, die in allen Kasten und unter allen Stämmen gleichen Wert besitzt. Willst du mich anhören?«

»Gewiß!« lächelte Richard. »Sage mir alles, Hondin!«

»Wir Hindu haben eine heilig gehaltene Einrichtung, nach welcher der, dem ein nie zu vergeltender, nie zu schätzender Dienst geleistet wurde, statt aller Zahlung sich selbst gibt, seine Zeit und seine Kraft, was er ist und was er besitzt, Seele und Leib zugleich. So will ich dir heute mein Dasein schenken!«

Richard nickte gerührt. »Sei mir ein väterlicher Freund, Hondin,« antwortete er. »Mehr als das beanspruche ich nicht.«

Das edle Antlitz des Elefantenführers war sehr ernst geworden. »Laß mich gewähren, Faringi,« sagte er. »Das Land, über das dein Fuß dahingeht, ist für dich eine unbekannte, geheimnisvolle Welt. Du weißt nicht, welche Gefahren es birgt, aber ich will dein Führer sein, ich trage dich und halte dich, wenn dir eine Untiefe droht – ich bin von dieser Stunde an dein Mayardar.«

Richard fühlte, daß hier weit mehr zugrunde lag, als ihm der Mahaut offen sagte. »Was ist das, ein Mayardar?« fragte er.

Hondin zog ein kleines Amulett aus Stein und Silber hervor, das küßte er. »Höre mich an, Faringi, jedes Wort ist ein Schwur für Zeit und Ewigkeit.«

»Wohin du gehst, will auch ich gehen; was du befiehlst, will ich ausführen; wo dir Gefahr droht, da will ich dich beschützen; wo du leidest, da will ich mit dir leiden; wo du stirbst, da will ich an deiner Seite sterben. Ich bin dein Mayardar!«

»Wie danke ich dir, Hondin,« rief Richard, den Inder lebhaft umarmend, »du bist ein guter Mensch, aber von allem, was du mir schenken willst, nehme ich doch nur eins an – deine Liebe. Um etwas anderes dagegen bitte ich dich! Willst du mir eine Frage beantworten?«

»Sprich!« entgegnete einfach der Mahaut.

»Wohl, so sage mir, ob es deine Absicht ist, auch meinen Freund Oskar in jedem Falle in Schutz zu nehmen?«

Der Inder nickte. »Auch ihn, sobald du es befiehlst.«

Richard dankte gerührt, und sie legten sich, nachdem Dschumbos Wunden nochmals einer genauen Untersuchung unterzogen waren, zur Ruhe. Am anderen Morgen ging es weiter.

»Noch einen Tag und eine Nacht!« sagte Tippoo am anderen Morgen, »dann erreichen wir ein Fürstenschloß. Wir können in den Höfen des Radscha Bazin-Emu sicher wohnen und von allen unseren Anstrengungen nach Bedarf ausruhen.« Gegen Abend erreichten sie eine geräumige Höhle, in der sie übernachteten, um am anderen Morgen die Reise fortzusetzen. Als sie aber mit dem ersten Strahl der Sonne erwachten und vor die Höhle traten, sahen sie sich von einer riesigen Anakonda belagert.

Der Körper des Tieres war gelb, auf dem Rücken grün und überall von purpurfleckigen Schuppen bedeckt; die handgroßen grünschillernden Augen funkelten boshaft, und aus dem Rachen mit der weit hervorgestreckten spitzen Zunge quoll der heiße Atem wie aus einem kochenden Gefäße.

Die Schlange blinzelte fortwährend. Bei dem Anblick der Menschen schien sich ihre Wut zu steigern. Sie zog die Haut um die Augen herum fortwährend auseinander und wieder zusammen, sie schüttelte den Baum, um den sie sich geringelt hatte, daß es aussah, als werde er vom Sturm gepeitscht.

»Brahma stehe uns bei,« rief Tippoo, »wir sind verloren!«

Ein lähmendes Schweigen folgte diesen Worten. Dschumbo, der vor der Höhle stand, beobachtete unterdessen die Anakonda ebenso unausgesetzt wie sie ihn. Die beiden Riesen der Wildnis kannten einander ganz genau, wußten, was sie von ihren gegenseitigen Kräften zu halten hatten und daß nur eine plötzliche Überrumpelung dem einen oder anderen zum Siege verhelfen konnte.

Die Stimmung der vier Belagerten wurde von Augenblick zu Augenblick trüber; Tippoo seufzte ärgerlich und unruhig zugleich. Wenn die Riesenschlange ihre Belagerung wirklich fortsetzte, so konnte das Schlimmste geschehen; die Eingeschlossenen besaßen ja keinerlei Nahrung.

Stunden verflossen unter ängstlichem Harren. Die kurze Dämmerung ging über in dunkle, sternenlose Nacht, und als der Morgen anbrach, beleuchteten seine Strahlen das Bild des letzten Abends in unveränderter Furchtbarkeit. Die Schlange lag zusammengeringelt vor dem Baume, während ihre Zunge in dem halbgeöffneten Rachen hin und her fuhr und der heiße Atem wie eine Wolke in die Luft emporquoll. Dschumbo stand neben dem Eingang. Er wich nicht vom Platze, aber seine Augen verrieten, daß er litt. Die Verbände waren während der Nacht herabgerutscht, zahllose Fliegen und Moskitos umlagerten die frischen Wunden, stellenweise träufelte das Blut von dem grauen Fell herab auf den Boden. Alles erreichbare Gras, alle Zweige und Blumen hatte der lange Rüssel abgeweidet. Der arme Dschumbo ließ die Ohren hängen und sah sehr traurig aus.

Hondin streichelte ihn. »Hast du noch Blätter, Tippoo?« fragte er. »Sieh doch die Insekten, sie quälen den armen Dschumbo zu Tode.«

Der Zwerg machte sich seufzend daran, die eingesammelten Heilkräuter zu quetschen und dann auf den zerfetzten Hals des Elefanten zu legen. Richard und Oskar füllten aus der Lache im Innern des Tempels ihre Mützen und ließen den Grauen trinken. – Eßbares fand sich weder für die Menschen noch für das Tier.

Die Anakonda reckte den Hals, so oft einer der Männer am Eingang erschien; sie zischte und begann sich um den Stamm der Palme zu winden.

So verging der Tag. Es wurde wieder Nacht, und eine ganze Rotte von Schakalen heulte um den Tempel herum. Die Gefangenen horchten. An Schlaf war nicht zu denken; alle Sinne hatten sich unter dem Eindruck der entsetzlichen Aufregung bis zum äußersten geschärft.

»Nicht sterben,« jammerte ununterbrochen der Zwerg, »nicht sterben! Ich will das Leben jetzt erst beginnen, ich bin noch jung, kaum vierzig Jahre alt.« Und dann wälzte er sich auf dem Steinboden, riß sich die Haare aus, bis eine bleierne Ermattung ihn zwang, die Augen zu schließen und alles über sich ergehen zu lassen.

Der neue Morgen fand die Schlange immer noch auf ihrem Platze, die Belagerten dagegen in kläglichem Zustande. Sie sahen einander an mit hohlen, umrandeten Augen, sie empfanden eine Art Betäubung, die über alle Gedanken und Vorstellungen einen Schleier warf. Gesprochen wurde nichts.

Endlich erhob sich Hondin kopfschüttelnd vom Sitz. »So kann es nicht weiter gehen,« sagte er mit der Ruhe eines bestimmten Entschlusses.

Der Zwerg sah auf. »Das hat mir Harit-Zeb geschickt,« grollte er, »Harit-Zeb, der Boshafte, Schlechte, der, den seine Bauern haßten. Weil er von einem Tiger zerrissen wurde, will er, daß ich in der Umschlingung der Anakonda sterbe.«

Da erklang plötzlich ein Ton, der Menschen und Tiere aufhorchen ließ.

Was war das?

»Ein Tiger?« flüsterte Richard.

»Nein! – Halt, da ist es wieder!«

»Eine Trompete!« riefen jetzt beide zugleich.

Tippoo stürzte bis an den Eingang. »Ich will es hören!« rief er. »Laßt mich doch! Laßt mich doch! Ach, wenn es die Jagdgesellschaft des Radscha wäre!«

Das Horn klang jetzt näher, mehrere andere mischten sich hinein – die Gefangenen jubelten laut. »Wenn wir doch eine Antwort geben könnten!« rief Richard.

»Das ist leicht! – Dschumbo, wie spricht mein gutes Tier?«

Ein schmetterndes Brüllen klang durch die Morgenluft. Der Elefant selbst schien zu fühlen, daß jetzt menschliche Hilfe nahe, er hob herausfordernd gegen die Schlange den Rüssel, was diese mit einem erbitterten Zischen beantwortete.

Dann horchten wieder alle. Kein Ton mehr! – Sollten sich die Jäger in entgegengesetzter Richtung entfernt haben?

»Nochmals, Dschumbo, nochmals – wie spricht mein Tier?«

Ein zweites Brüllen erklang. Kein Ton kam zurück, wohl aber zeigte sich zwischen den Stämmen der Kopf eines Pferdes und halb verborgen das dunkle Gesicht eines Reiters.

Der Mahaut schwenkte ein Tuch, um den Kommenden zu zeigen, daß hier bedrängte Menschen ihrer Hilfe warteten, zugleich aber auch, um rechtzeitig die Gegenwart der Schlange zu verraten.

Letzteres schien überflüssig. Die Pferde schnauften, witterten und schüttelten heftig ihre Köpfe, sie hatten den Feind bemerkt und sträubten sich, weiter vorzudringen. Über die Hälse gebeugt, spähend, die Büchsen schußgerecht, warteten die dunkeln Söhne der Wildnis auf das, was folgen würde.

Ein Zeichen Hondins lenkte ihre Blicke auf die von der Schlange in Besitz genommene Palme. – Die Reiter nickten. Sie hatten alles verstanden.

Während so die Menschen durch Bewegungen und Gebärden miteinander sprachen, war die Schlange ihrerseits nicht müßig geblieben. Sie hatte, die Gefahr witternd, den Kopf derartig versteckt, daß kein Auge ihn unter dem Blätterdach entdeckt haben würde, auch der Körper war nur wenig sichtbar. Aufgerollt lag die ganze schillernde Masse in dem oberen Geäst des Baumes.

Jäger und Wild kannten einander auf das genaueste; die Maßnahmen beider zeigten es deutlich.

Pferdekopf nach Pferdekopf erschien zwischen den Bäumen, in der Lichtung und im Gebüsch, auch Kamele waren darunter, ledige und beladene – die Anakonda wurde kunstgerecht umzingelt.

»Schießt ihr den Kopf entzwei, Freunde,« rief Tippoo, »mordet sie!« Die Söhne des Waldes lächelten. »Du lebst in den Städten, Zauberer,« sagten sie, »du kennst nicht die furchtbare Kraft und die Geschwindigkeit der Anakonda, sonst würdest du anders sprechen. Man schießt sie nicht und noch weniger kann man sie erstechen; aber dennoch wollen wir euch aus ihrer Gefangenschaft befreien, indem wir einen Jagdhund opfern.«

Damit verschwand einer der Reiter, und die vier Eingeschlossenen beobachteten aus allen Spalten der Höhle, was nun folgen würde.

Als der Reiter bei seinen Genossen erschien, wurden die Hunde gemustert und endlich der wertloseste herausgesucht, dem man am Halse einen starken, langen Lederriemen befestigte. In das andere Ende desselben knüpfte der Reiter einen Stein oder eine Bleikugel, dann rollte er den Riemen auf besondere Art zusammen und trieb den widerstrebenden Hund näher an den Baum heran.

Die Anakonda löste, bereit sich hinabzuschnellen, ihre geringelten Glieder, der Führer die Schlinge, die er vorhin geknüpft hatte, und dann fielen beide aus. Der Lederriemen zischte durch die Luft und schlang sich, von der schweren Bleikugel gezogen, drei oder viermal mit unwiderstehlicher Kraft um den Baumstamm. Im gleichen Augenblick aber schoß auch die Schlange herab, den Rachen weit offen, mit einer Behendigkeit, einer Gewalt der Muskeln, die unter allen Geschöpfen ihresgleichen sucht. Sie hatte den Kopf des unglücklichen Hundes gepackt, während kaum einen Schritt weit von ihrer spitzen Zunge entfernt der Inder zurücksprang und im Augenblick das Weite suchte.

Er wußte, daß die Anakonda ihr erstes Opfer festhalten würde, anstatt ihn zu verfolgen; darauf beruhte das kühne Wagnis.

Der Hund riß mit der Kraft der Verzweiflung an dem Lederriemen, der ihn festhielt, aber umsonst, die Schlange hielt nicht allein ihr Opfer fest, sondern sie zog es, sich rückwärts bewegend, langsam an der Kehle zum Baume und begann nun in aller Ruhe das Werk der Zerstörung. Sich langstreckend umwickelte sie den Stamm und den Körper des verblutenden Tieres zugleich mit ihren schuppigen Gliedern, bis auch die Füße eingeschnürt waren, dann preßte sie aus allen Kräften die Muskeln zusammen. Ein Knacken und Krachen drang bis zu den Eingeschlossenen im Tempel. Das arme Opfer hatte längst ausgelitten, als die Schlange seine letzten Knochen zerbrach; nur ein unförmlicher Klumpen, eine Masse von Blut und Haaren war es, die aus den tödlichen Umschlingungen zu Boden fiel.

Richard wandte sich schaudernd ab. Die Schlange überzog ihr Opfer mit dem Geifer, den der weitoffene Rachen reichlich herausfließen ließ, dann machte sie sich daran, es ruckweise ohne Kauen oder Beißen zu verschlingen.

Die Reiter näherten sich von allen Seiten, der glückliche Sieger wurde mit Beifallsrufen überschüttet und auch den vier Gefangenen angekündigt, daß sie jetzt ohne die mindeste Furcht den Tempel verlassen könnten.

Tippoo sprang zuerst hinaus. All sein Mut war zurückgekehrt, nachdem andere den Feind überwältigt hatten.

»Rasch, ihr Leute,« sagte er, »schlagt die Schlange tot, wir wollen ihr Fleisch braten, und auch meine Kobras sind hungrig. Fangt ihnen ein paar lebende Vögel und Ratten, tummelt euch, Kinder, der Radscha erwartet den Zauberdoktor; ich habe Eile.«

»Der Radscha wird sehr bald hier sein,« antworteten die Reiter. »Wir befanden uns auf der Antilopenjagd und sind jetzt auf dem Wege zum Fürstenschloß.«

Während er nach seinen Schlangen sah, hatten sich die übrigen ebenfalls aus dem steinernen Gefängnis hervorgemacht, Hondin, um den Elefanten zu liebkosen und ihn an den Fluß zu führen; die beiden Knaben, um nach Herzenslust die Riesenschlange aus der Nähe zu besehen. Das weniger fette Fleisch bekamen Tippoos ausgehungerte Kobras, das bessere wurde in den mitgebrachten Blechpfannen der Jäger über einem großen hellodernden Feuer gebraten, und Freund Tippoo hatte bereits den saftigsten Bissen als denjenigen bezeichnet, der notwendig gerade ihm zufallen müsse. Er saß auf einem Stein und befahl frischweg, als seien alle diese flinken, jungen Burschen seine Diener und er ihr Herr und Gebieter.

»Der Radscha kommt!« rief in diesem Augenblick eine Stimme.

Die Reiter eilten zu den Pferden, die Kameltreiber sahen nach ihren Tieren und den großen festverschlossenen Holzkasten, die diese auf den Rücken trugen. Hörnerklang belebte die Stille des Waldes, und zwischen dem Grün erschien ein Zug von morgenländischer Pracht, eine Reiterschar, wie es die des streitbaren, prunksüchtigen Altertums gewesen sein mögen, glitzernd und blendend in allen Farben, in Gold und Edelsteinen, die an den Gewändern, an den Geschirren der Pferde und selbst an den tief herabhängenden Schabracken der Jagdelefanten funkelten.

Allen voran ritt der Radscha, ein hoher, gebieterisch blickender Mann von etwa fünfzig Jahren, auf einem ganz weißen, fleckenlosen Hengst, dessen schöner Kopf übermütig schaukelnd sich bewegte. Die Kinnkette des Tieres, der Zügel, der Mähnenschmuck und die Steigbügel, alles war von feinem purpurroten Leder geflochten und mit kleinen Diamanten besät. Ebenso prachtvoll wie die Ausrüstung des Pferdes war auch die des Reiters.

Hinter ihm folgten, zumeist auf Elefanten, alle reich geschmückt, noch etwa zwanzig vornehme Inder, die wohl seine Gäste waren und mit ihm das Jagdvergnügen geteilt hatten. Dahinter folgten die Diener mit dem erlegten Wild.

»Jetzt kommt eine Zeit des Ausruhens,« blinzelte Tippoo. »Wir werden gut essen und trinken und, so es die Götter wollen, auch ein schönes Stück Geld verdienen.«

»Habt ihr Kranke im Schlosse, mein Freund?« fragte er einen neben Dschumbos stattlicher Person auf einem Pferde des Weges reitenden Diener. »Gibt es Arbeit für mich?«

»Viel!« nickte der junge Mensch. »Tukallah hat das böse Fieber, und der alte Zebo, der Kuhhirt, ist ganz blind.«

Tippoo rieb sich die Hände. »Schön, schön,« murmelte er, »sehr schön. Sind auch viele Fremde im Schlosse?«

»Sehr viele. Manche, die zu den heiligen Waschungen nach Benares ziehen, andere, die nur mit dem Radscha in Freundschaft stehen, auch mehrere Brahminen.«

Tippoo und Hondin wechselten einen ihrer schnellen Blicke, Richard sah es und erschrak heimlich. Irgend etwas verschwiegen die beiden doch.

Richard suchte die Gedanken darüber zu vergessen; er wurde auch von ihnen abgezogen, als daß Schloß des Fürsten erreicht war und soviel Pracht, soviel nie Gesehenes seinen Blicken begegnete.

Der Radscha hatte die vier Wanderer gastlich aufgenommen, sie dem Schutz seiner hohen Gemahlin empfohlen und sie neu einkleiden lassen. Auch ein hohes kühles Zimmer hatte er ihnen anweisen lassen. O wie wohlig ruhte es sich in den großen breiten Betten, wie herrlich ließ es sich träumen von der Pracht des Schlosses und von den Gärten.

Richard und Oskar schliefen schon ganz fest, als sich Tippoo leise vom Lager erhob und seine Kleider überwarf. »Hondin!« flüsterte er, »es ist Zeit.«

Der Mahaut nickte. »Geh nur, ich komme gleich.«

»Weshalb willst du nicht mit mir gehen?«

»So laß mich doch – ich komme.«

Das war etwas ärgerlich gesprochen; der Zwerg zuckte die Achseln und stahl sich hinaus, ohne weiter ein Wort hinzuzufügen. Jetzt erst hob der Mahaut den Kopf vom Kissen. Sein Gesicht war aschfahl, sein Auge düster und unruhig, er sah in Richards hübsches ruhiges Antlitz, und ein tiefer Seufzer hob die Brust, in der es so heftig stürmte.

»Nie,« murmelte er, »und sollte es mein Leben kosten, nie.«

Es schien, als habe ein unerschütterlicher Entschluß ihm die gewohnte Ruhe zurückgegeben, er vollendete seinen Anzug und glitt hinaus. Schnellen Schrittes durchmaß er den äußeren Schloßhof und ging dann durch das große Tor bis an die Gebüsche, die in geringer Entfernung einen kleinen versteckten Platz umsäumten.

Hier bot sich ihm ein seltsames Schauspiel.

Mehrere Männer saßen und standen rings umher, während auf einem Feuer inmitten der Erdsenkung ein Kessel mit Wasser seinen Platz gefunden hatte. Dämpfe stiegen empor, aber noch war die Flüssigkeit nicht zum Kochen gekommen. Ein neben den glühenden Kohlen stehender Priester beobachtete gespannten Blickes alle Vorgänge innerhalb des Gefäßes.

Tippoo kauerte auf dem Boden und vergrub zuweilen die Hand tief in das faltige Fell eines halbschlafenden, leise knurrenden, zahmen Tigers, dessen Herr an einem Baume lehnte. Niemand sprach.

Hondin grüßte den Herrn des Tigers, wie man eine höherstehende Person grüßt. Der Dank war kurz und flüchtig.

In diesem Augenblick fing das Wasser im Kessel an, überzukochen. Der Brahmine beugte sich herab bis auf die Kohlen, um das Zischen und Verschwinden jedes einzelnen Tropfens zu beobachten. Erst als alles, was die schweigenden Bewegungen der Flut aus dem Gefäße herauszuwerfen vermochten, völlig vom Feuer verzehrt war, erhob er den Kopf.

»Die Zeichen sind günstig,« sagte er. »Der neue Bruder kann heute abend in unseren heiligen Bund aufgenommen werden.«

Der Blick des Fremden am Baume traf den Mahaut.

Tippoo spielte unbekümmert in dem Fell des Tigers.

»Tretet vor, Lehrer und Schüler!« sagte der Brahmine, indem er gebieterisch die Hand erhob.

Der Zwerg stand auf, auch Hondin näherte sich dem Priester seines Landes. »Erlaube mir zu sprechen, mein Vater,« sagte er.

Der Brahmine schüttelte den Kopf. »Nicht jetzt!« war die im befehlenden Tone gegebene Antwort. »Tritt dorthin!«

Und sich zu dem Herrn des Tigers wendend, fuhr er fort: »Weiser Anführer der Thugs, hier steht ein Mann, der mich vor Jahren, als die Faringi über sein Leben ein großes, unvergeßbares Leid brachten, beinahe fußfällig bat, in unseren heiligen Bund aufgenommen zu werden. Ich mußte sein Gesuch abschlagen, da er keinen Lehrer gehabt hatte und nicht Schüler gewesen war; ich sagte ihm, daß er seine Geschicklichkeit als ›Erdrosseler‹ erst beweisen solle, ehe ihm die heilige Schlinge anvertraut werden dürfe, und riet ihm, sich zunächst einen Lehrer zu suchen. Das tat er; Tippoo, unser langjähriger bewährter Bundesbruder, hat ihn mehrere Male gelehrt, die Schlinge zu führen. Hondin, ist es so? Du hast gebeten, in unseren Bund treten zu dürfen.«

»Vor Jahren stellte ich allerdings einen solchen Antrag.«

»Und du wiederholst ihn heute?«

»Nein. Ich habe nichts dergleichen ausgesprochen. Auch möchte ich nicht schwören.«

Der Brahmine fuhr auf: »Du bist ein Verräter und sollst den Lohn dafür finden!«

Der Mahaut lächelte. »Berührt mich nicht,« sagte er, »oder es wäre euer Verderben! Ein Zeichen von mir, und mein Elefant tritt euch unter die Füße!«

»Ah! – Du hast also weislich vorher die Tür seines Stalles geöffnet?«

»Weislich – ja!«

»Du willst nicht schwören, weil ein verräterischer Plan deinen Geist beschäftigt,« stieß er hervor. »Du bist bezahlt, die Brüderschaft der Thugs den Faringi auszuliefern.«

Ein bitteres Lachen trennte Hondins Lippen. »Den Faringi?« wiederholte er. »Fürchte nichts, Dschematar. Da du selbst glaubst, daß mir der Eid heilig ist, so will ich gern schwören, gegen den Bund nie etwas zu unternehmen, ihn nie den Weißen zu verraten, mich um seine Angelegenheiten niemals zu bekümmern.«

Der Dschematar nickte. »Wohl,« sagte er, »du wirst schwören.«

Das Feuer wurde gelöscht, so daß die ganze Umgebung im Halbdunkel dalag. Der Brahmine legte ein großes, weißes Tuch auf den Boden, stellte das silberne Bildnis der Bhawani, die Axt und die Schale auf den mittleren Raum und nahm neben diesen Abzeichen der blutigen Göttin Platz. Ein Wink gebot dem Elefantenführer, neben ihn zu treten.

Hondin gehorchte.

»Sprich mir nach,« gebot der Brahmine. »Möge mich Brahmas und Kalis Gunst verlassen, möge Siwa meine Seele verderben und meinen Leib dem Tode weihen, wenn ich beabsichtige oder künftig jemals beabsichtigen sollte, etwas gegen den Bund der Thugs zu unternehmen.«

Der Mahaut sprach ruhig und langsam die Worte des Priesters nach. Dann sprach der Dschematar: »Du kannst jetzt gehen!« Hondin neigte sich und verschwand ohne ein weiteres Wort.

Tippoo rieb sich die Hände, als der Brahmine und der Dschematar im Dunkel verschwanden. »Hondin,« dachte er, »Hondin, ich werde dich dahin bringen, deinen Elefanten mir gehorsam zu machen! Der große Dschumbo soll auf meine Stimme hören, meine Blicke verstehen, und dann – dann mögen sie dir die Phansi um den Hals legen nach Belieben. Diese Stunde hat dich in meine Hand geliefert.«

Während so über seine Zukunft verfügt wurde, streckte sich der Mahaut an Richards Seite auf das Lager. Eine kleine Lampe beleuchtete mit schwachem Schimmer das große Gemach. Ruhig atmend, gesund und rosig, lag Richard im glücklichen sorglosen Schlafe der Jugend. Unverwandt sah Hondin in sein Gesicht.

Leise glitt die Hand des Inders über Richards blühende Wange. Was er schon einmal an diesem Tage gelobt, das wiederholte jetzt sein innerstes Herz. »Nie, nie, und sollte es mein Leben kosten!«

Am nächsten Morgen schlug die Abschiedsstunde, und jedem scheidenden Gaste, auch unseren Freunden, wurde von den Dienern des Radscha das Wasser aus dem heiligen Strome nachgespritzt, sobald sie den äußeren Schloßhof passiert hatten. Es war das ein Segenswunsch, der mit auf die Reise gegeben wurde – ein letztes »Gott befohlen!«


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