Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Erstes Kapitel

.

Man schrieb das Jahr 1839. Im Hafen von Bombay lag die Hamburger Brigg »Hansa« segelfertig zum Auslaufen.

Es war ziemlich spät abends. Neben der Kambüse auf einem Haufen alter Taue und Segel saß einer der Decksjungen, ein hübscher, sechzehnjähriger Knabe mit offenem, sonnenbraunem Gesicht. Irgendein Gedanke schien seine Seele lebhaft zu beschäftigen. Endlich sagte er: »Steuermann, ist's erlaubt, eins der Boote loszubinden, vier Mann mitzunehmen und – vielleicht eine Stunde oder zwei auszubleiben?«

»Das schlag dir nur aus dem Sinn, Richard; der Kapitän hat strengen Befehl gegeben; heute abend darf keine Katze mehr von Bord.«

Richard schwieg. Nach einer Pause nahm der Steuermann das Gespräch wieder auf. »Was hast du denn am Lande noch zu suchen, Junge, he?«

»Ans Land will ich überhaupt nicht gehen, Steuermann. Lassen Sie mich nur allein auf eine einzige Stunde hinaus; ich muß ein gutes Werk tun.«

»Ein gutes Werk, Junge? Ich glaube, bei dir rappelt's!«

Richard stand auf und trat hart an seinen Vorgesetzten heran. »Darf ich Ihnen eine Geschichte erzählen, Steuermann? Etwas, was ich erlebt habe?«

Der andere nickte. »Schieß los!«

»Gut. Sie wissen, daß ich in letzter Zeit mehrere Male auf Urlaub an Land gewesen bin, nicht wahr? Ich bummelte dann im Hafen zwischen den Schiffen ein wenig herum, hauptsächlich da hinten, wo die chinesischen Dschonken Fahrzeuge von verschiedener Größe, mit zwei Masten und zwei Segeln aus Binsenmatten. liegen. Da hörte ich denn ganz deutlich das Wimmern einer Menschenstimme, zuweilen sogar das Geräusch von Schlägen aus dem Innern einer der unheimlichen Dschonken.«

Steuermann Peters runzelte die Stirn. »Der verdammte Heide prügelt sein Weib oder seine Leute,« sagte er, »es ist Dewitschand, der alte Fuchs, der alte Seeräuber. Laß ihn laufen. Junge, dich kümmert's ja nicht, wessen Rücken er mit dem Bambus traktiert!«

Die Augen des Knaben blitzten. »Doch vielleicht, Steuermann! Gestern abend war ich wieder da. Eines der Fenster stand ein wenig offen, so daß sich die Stimmen des Chinesen und dessen, den er mißhandelte, deutlich unterscheiden ließen. Der letztere ist jedenfalls ein Deutscher.«

»Ein Deutscher, unmöglich! Die fahren nicht auf schmutzigen chinesischen Dschonken.«

»Es ist aber doch, wie ich sage, Steuermann.«

Der Steuermann sah auf das dunkle Meer hinaus. »Schlimm, wenn's stimmt. Wir können uns aber durchaus nicht hineinmischen, zumal da unser Alter mit dem Dewitschand schon vielfache Handelsgeschäfte abgeschlossen hat. Vergiß, was du entdecktest, Richard; man muß oft im Leben weder hören noch sehen, um nur sich selber durchzuschlagen. Dies ist auch ein solcher Fall.«

Damit war die Unterredung beendet; der Steuermann ging in seine Kajüte, und Richard blieb allein zurück. Eintönig plätscherten die leichten Wellen gegen den Kiel, von fern drang das Geräusch der großen Stadt herüber und eine milde, kühle Luft fächelte nach dem heißen Tage die Stirn des Knaben. Ob es denn so ganz unmöglich war, auch ohne die Erlaubnis des Steuermannes von Bord zu kommen? Freilich, das Boot konnte er nicht lösen, aber es wimmelte ja im Hafen von Fahrzeugen aller Art, und für wenige Pfennige fand sich ein Hindu, der ihm seinen Kahn überließ, ohne lange nach dem Woher und Wohin zu fragen.

Auf dem Verdeck befand sich im Augenblick keine lebende Seele. Vorsichtig schlich Richard bis zum Fallreep, kletterte bis zum Wasserspiegel und spähte umher. Aus dem Schatten der nächsten Schiffe löste sich sofort ein kleines Boot, und die Stimme eines Eingeborenen fragte in schlechtem Englisch: »Sahib befiehlt?«

»Kannst du mir deinen Kahn auf ein paar Stunden leihen, Freund? Hier ist Geld, aber ich muß allein fahren. Bei der Landungstreppe findest du morgen den alten Kasten unversehrt wieder.«

Der Hindu ergriff begierig die Münzen. »Well, Sahib. Brahmas Augen sollen die Leuchte deines Weges sein.«

»Danke schön, mein Bester. Und jetzt trolle dich gefälligst!« Der Hindu sprang gewandt auf den nächsten, an einem Pfahle schaukelnden Kahn und war schon nach Sekunden in der Finsternis verschwunden. Richard gelangte bald bis unter den Bug des alten schwarzen Fahrzeuges und ließ seine Blicke über das Deck schweifen. Vier Gestalten waren zu sehen, von denen die eine gesenkten Hauptes am Mast stand und das deutsche Wort »Wasser« hervorstieß.

Das war zweifelsohne der Unglückliche, den Dewitschand in seiner Kajüte zu peitschen pflegte. Im ersten Augenblick wollte Richard laut aufschreien. Allein er besann sich und hob nur eins seiner Ruder hoch in die Luft. Unbedingt mußte der Deutsche dieses Zeichen bemerken.

Es blieb zweifelhaft, ob das der Fall sei. Zu seinem Schrecken bemerkte Richard auf einmal, daß der Mann mit starken Hanfstricken an den Mast gefesselt war. Das beschleunigte Richards Entschlüsse; im Nu kletterte er auf das Chinesenschiff, eilte auf den Gefesselten zu und zerschnitt mit seinem Messer dessen Bande.

»Oh, Gott, lohne dir's,« flüsterte der Fremde. –

»Still – krieche hinter mir her bis zum Fallreep.«

Glücklich erreichten beide Richards Boot. Mit raschen Ruderschlägen trieben sie es von der Dschonke fort.

»Hurra!« rief Richard. »Wir haben gesiegt!«

Der andere fiel ihm mit beiden Armen um den Hals. »Ich will dir danken, solange ich lebe!« rief er leidenschaftlich. »Bist du ein Hamburger?«

»Ja! Du auch?«

»Freilich, freilich. Ich heiße Oskar Winter!«

»Und ich Richard Wittenberg. Aber sage mir, wie kamst du als deutscher Seemann auf die Chinesendschonke? Und weshalb hat man dich wie einen Gefangenen behandelt?«

»Ach – das erzähle ich dir alles später. Es gibt doch in Bombay eine Hafenpolizei, da werde ich den Spitzbuben Dewitschand ans Messer liefern, womöglich soll er baumeln und sein Schiff, das Höllennest, in Flammen aufgehen.«

Das war im Tone wildester Rachsucht hervorgestoßen. Richard schüttelte den Kopf. »Ruhig,« versetzte er. »Vor allen Dingen müssen wir sehen, unbemerkt ans Land und in eine geschlossene Sänfte zu kommen. Bedenke, wenn uns Dewitschand zufällig in den Weg laufen sollte!«

Ein Schauder rann über Oskars Körper. »Ich wäre verloren,« keuchte er, »der Schuft würde mich morden.«

»Stehst du in den Listen als sein Untergebener?«

»Als Decksjunge, ja!«

»Dann hat er das Recht, dich verhaften zu lassen, wo du ihm begegnest. Wir müssen auf unserer Hut sein!«

Das Boot näherte sich der Hafenmauer. Man sah einzelne Gestalten auftauchen; Herren und Damen zu Pferde, Kutscher, dazwischen Hindus im weißen Gewande, Türken, eingeborene Frauen mit dem Nasenring, Parsi, Chinesen, Juden und Europäer aller Länder.

»Hier müssen wir anlegen,« meinte Richard. »Es ist die Bootstreppe. Soll ich nach dem Polizeigebäude fragen?«

Statt der Antwort berührte Oskar den Arm seines neuen Freundes. Er sah starr auf eine Gruppe von Männern, die sich eben der Treppe näherte und zum Wasser hinabzusteigen begann, sein Gesicht war totenblaß.

»Dewitschand!« flüsterte er.

»Wo?«

»Der kleine alte Chinese da. Er hat uns bemerkt.«

»Dann bleibt uns nichts anderes übrig, als sofort umzukehren und irgendwo anders ans Land zu steigen.«

»Wohin, denkst du, daß wir flüchten?«

»Nach der Höhlenstadt Elephanta,« antwortete Richard. »Wir müssen zwar bis zum Morgen rudern, aber dafür wird uns in den unterirdischen und zerklüfteten Wegen niemand finden. Ich kenne die Höhlenstadt von früher her.«

Oskar seufzte: »Und du – du bist vielleicht ganz zufrieden, einmal einen Zug durch das Innere des Landes zu unternehmen, anstatt auf das Weltmeer.«

»Auf mich kommt es nicht an, ich bin frei wie der Vogel in der Luft, zu Hause bangt sich kein Herz mehr um mich. Aber du ... erzähle mir von deinen Schicksalen.«

»Ach, das ist keine alltägliche Geschichte. Aus der Steinstraße in Hamburg stamme ich. Mein Vater war Schreiber – sieben Kinder daheim und Hunger und Kummer alle Tage. So ging ich, als ich konfirmiert war, zur See. Mein Schiff ging nach Ceylon, aber wir erlitten bei Point de Galle Schiffbruch. Mich fischten sie mit wenigen anderen aus dem Wasser. Da ich nirgends auf englischen oder deutschen Schiffen ein Unterkommen fand, geriet ich schließlich in Dewitschands Hände. – Außer mir war in Point de Galle noch ein Mann an Bord gekommen, der sich Gould nannte, den ich trotz seines englischen Namens doch für einen Deutschen hielt. Ich erzählte ihm, daß ich bei dem Schiffbruch mein bißchen Hab und Gut verloren – da fragte er mich nach meinen Eltern und sagte zuletzt, er beabsichtige von Bombay aus nach Hamburg zu gehen. – ›Ich will dir eine gute Stellung verschaffen, Kind,‹ sagte er. ›Ich kenne viele deutsche Kapitäne. Aber laß es den Chinesen nicht hören, er läßt dich sonst nicht gutwillig von Bord.‹ – ›Aber ich habe nur bis Bombay geheuert,‹ entgegnete ich. – ›Das leugnet er ab, wenn es ihm paßt – ich wäre auch auf kein chinesisches Fahrzeug gegangen. Hätte ich nur eine andere Gelegenheit zum Fortkommen gehabt – aber verlasse dich nur auf mich.‹ Er erzählte mir vieles noch, daß er als Diamantgräber in Ceylon reich geworden sei und daran denke, in Hamburg ein großes Handelshaus zu begründen. Hätte ich Lust, Kaufmann zu werden, sollte ich zu ihm kommen, und auch für meinen Vater würde sich bei ihm ein Plätzchen finden. Ich fühlte mich sehr glücklich damals – bis unerwartet Dewitschands Verbrechen zwischen mich und meine liebsten Hoffnungen trat.«

Er schwieg eine Weile. Dann fuhr er mit einem Seufzer fort: »Es war in einer glühend heißen Nacht. Alle chinesischen Matrosen schliefen in ihren Bojen. Mr. Gould wandelte auf dem leeren Deck hin und her. Dann trat er an die Schanzkleidung und starrte, den Kopf aufstützend, ins Wasser. Da auf einmal stand jemand hinter ihm. Dewitschand war es, packte den Sinnenden mit beiden Armen und stürzte ihn über Bord ins Meer. Ehe ich mich von meiner Erstarrung erholen konnte, war der Chinese in seiner Kajüte verschwunden. Ich schrie auf, rief um Hilfe, nach einem Boot. Ich schrie so laut ich konnte. Nichts regte sich. Dewitschand ließ wohlweislich einige Minuten verstreichen, ehe er auf Deck erschien; seine Leute sollten glauben, mein Schreien habe ihn aus dem Schlafe geweckt. Als er meiner ansichtig wurde, fuhr er mich barsch an, was ich hier zu suchen habe. ›Mörder,‹ schrie ich ihm ins Gesicht, ›Mörder, Sie haben Mr. Gould über Bord gestürzt!‹ – Sein gelbes Gesicht wurde fahl. ›Ist der Junge des Teufels,‹ schrie er, ›packt ihn Leute,‹ kommandierte er, ›hinunter mit ihm in den Raum, legt ihn in Ketten.‹ Ein paar Minuten darauf lag ich an Händen und Füßen gefesselt in irgendeinem dunklen Loch. Es waren furchtbare Stunden, die ich durchlebte.

Morgen mochte es sein, als Dewitschand bei mir eintrat, in der einen Hand einen Wasserkrug in der anderen einen knotigen Strick. ›Ich möchte dich etwas fragen,‹ redete er mich an, ›bist du durstig?‹ –

Ich antwortete ihm nicht, aber meine trockenen Lippen, meine heiße Stirn mochten ihm alles sagen. Er hielt mir mit satanischem Vergnügen den Krug dicht vor das Gesicht. ›Du willst trinken, nicht wahr, Bursche? Hier ist Wasser, es ist dein, wenn du eingestehst, daß in dieser Nacht ein Traum deine Sinne verwirrte.‹

Ich sah ihn an, aber über meine Lippen kam keine Silbe. Da schlug er mich, bis das Blut herabfloß. ›Wirst du sprechen, Hund von einem Christen!‹ rief er.

Ich lachte.

Und so wiederholte sich derselbe Auftritt an jedem Morgen; aber ich blieb standhaft. Das Verlangen nach Rache, nach Genugtuung für meinen armen gemordeten Freund war stärker als alle Körperqualen. Dewitschand ging bis zur Bitte, bis zu Schmeichelworten, er wand sich wie ein Wurm – ich lachte nur.

Unterdessen kamen wir hierher nach Bombay, die Dschonke warf Anker und die beiden weißen Matrosen, die mit mir an Bord gekommen waren, wurden abgemustert. Dewitschand holte mich aus dem abscheulichen Käfig hervor, ließ mein Gesicht und meine Hände waschen und mich an den Mast binden. ›Da du wahnsinnig bist,‹ sagte er, ›so muß man sich deiner versichern. Ich werde übrigens einen Arzt an Bord bringen.‹ – Diese letzte Drohung erschreckte mich sehr. Ich mochte wohl einem Geisteskranken gleichen, nach einer so schweren Prüfungszeit konnte es kaum anders sein. Was würde dann mein Los werden? Mir graute, und ich sah während des ganzen Tages voll Sehnsucht auf das Meer hinaus, und da kamst du und befreitest mich, Richard.«

Dieser nickte zufrieden. »Laß alles fahren dahin,« sagte er, »ein Menschenleben ist mehr wert als Hab und Gut. Wir bleiben beieinander, bis uns der Weg wieder auf ein deutsches Schiff führt.«

Sie hatten sich während dieser Unterhaltung der Insel Elephanta genähert und endlich im ersten Schimmer des jungen Tages die Landungsstelle erreicht. Das ungeheure, mehr als lebensgroße, aber im Zerfall begriffene Steinbild eines Elefanten lag hart am Ufer, mehrere Boote schaukelten an Pflöcken, und lungernde Bettler und Hindu richteten sofort ihr Augenmerk auf die beiden Ankömmlinge. Zwei der Eingeborenen stiegen bis an den Gürtel ins Wasser und trugen die beiden Deutschen auf den Strand, dann erkundigte sich Richard nach den Verhältnissen der Insel. »Liegen hier immer Boote?« fragte er.

»Immer, Sahib.«

»Gut denn. So nimm ein Boot, binde das, in dem wir hierher kamen, daran und bringe es bis zur Landungstreppe in Bombay. Es gehört nicht mir, daher muß ich es rechtzeitig wieder abliefern. Wenn du zurückkommst, bezahle ich dich!«

»Dein Diener wird alles ausrichten, Sahib!«

Er knüpfte gewandt die beiden Fahrzeuge zusammen und ruderte davon, während sein Kamerad die jungen Leute in eine nahe am Ufer gelegene Hütte führte.

Gegen Mittag kehrte der Hindu zurück, und von ihm erfuhr Richard, daß die »Hansa« unter Segel gegangen war. Er gab dem Hindu Geld und machte sich, nachdem er von den Eingeborenen einige Lebensmittel gekauft hatte, mit Oskar nach dem Siwatempel auf. Die Sonne brannte glühend heiß hernieder, Moskitos stachen, jede Bewegung kostete Ströme von Schweiß. Es war ein beschwerliches Wandern. Seltsam geformte Blumen hingen ohne Stengel oder Blatt in der Luft, Tiergestalten, Vogelköpfe, Schmetterlinge, meist aus dürrem, blitzgespaltenem Stamme hervorsehend, glühend in den sattesten prachtvollsten Farben des ganzen schöngeschmückten Indiens – das Geschlecht der Orchideen, denen aus blattloser, gewundener Ranke die purpurne, weiße oder farbige Blume sprießt, geheimnisvoll wie ein Märchen, prächtig, keiner anderen der Erde entstammten Blüte gleich. Ein leiser Hauch kräuselte die sonderbaren Kelche, Insekten saßen darin wie dunkle, glänzende Augen.

Endlich erblickten sie in der Ferne den alten verwitterten Felsentempel.

»Da hinein?« fragte Oskar. »Und ohne Licht?«

»Du wirst gleich sehen, daß wir Fackeln bekommen können. Die Bettler haben und verkaufen alles.«

Einsam schien die Umgebung, still und feierlich unter dem blauen, wolkenlosen Himmel, kein Geräusch störte den Frieden rings umher; langsamen Schrittes gingen die beiden deutschen Knaben durch das Säulentor, dessen erstes Entstehen in das elfte Jahrhundert christlicher Zeitrechnung fällt. Rechts und links waren Nischen in den Stein gehauen. In diesen wurde es urplötzlich lebendig. Die religiösen Bettler, die Fakire oder Selbstpeiniger, sahen, nur mit den dürftigsten Lumpen bekleidet, aus allen Ecken und Winkeln des alten Baues hervor und streckten, Almosen heischend, ihre Hände nach den beiden Wanderern aus, die ihnen einige Geldstücke zuwarfen.

Ein Felsengang führte in das Innere des Tempels. In weiter Ferne machte sich ein Lichtschein bemerkbar. Oskar deutete darauf hin.

»Licht – also müssen Menschen dort sein, aber zu was für Gesellen mögen wir kommen.«

»Zu Gauklern, wie ich vermute. Vielleicht ziehen wir mit ihnen nach Madras oder Kalkutta. In unserer Lage dürfen wir nicht wählerisch sein. Wer auch in diesem Felsentempel hausen mag, ärger als Dewitschand dir, wird er uns nicht mitspielen.«

Immer breiter und breiter wurde der hohe gewölbte Gang, aber auch immer finsterer, bis gegen die Mitte hin eine Anzahl Fackeln, die an den Pfeilern befestigt waren, ein ebenso seltsames als fremdartiges, phantastisches Bild beleuchteten.

Ein weiter Raum zeigte sich den Blicken. Sechsunddreißig Riesensäulen, auf viereckigen Sockeln stehend, trugen die Last der Felsendecke; sechzehn Wandpfeiler zeigten die Bildnisse altindischer Göttergestalten. Alle anderen überragend, stand in der Mitte des Gewölbes das ungeheure Standbild der obersten Gottheit, mit drei Köpfen von verschiedenem Ausdruck, Brahma, der Schöpfer, Wischnu, der Erhalter, und Siwa, der Zerstörer; dann noch ein kleineres dreiköpfiges Steinbild, das der Göttin Timurti, und zahllose andere. Fackeln steckten in Ringen an den Säulen; Rauchwolken umzogen Götter und Menschen, zuckende Lichter fielen auf seltsame Formen und bunte grelle Farben. Auf Matten lag ein Nachtessen aus Früchten und gebackenem Reis. Um die Schüsseln hatte sich eine seltsam aussehende Gesellschaft rings auf den Boden gelagert. Die Hauptperson schien ein Zwerg von der Größe eines achtjährigen Kindes mit breiten Schultern, großen Händen und einem verschmitzten häßlichen Gesicht. Tippoo, der Schlangenbändiger, war es. Neben ihm kauerten ein riesenhafter Neger am Boden, zwei Chinesen, einige Knaben und ein älterer Hindu, Hondin, der Elefantenführer. Auch einige Bajaderen befanden sich bei den Männern.

»Guten Abend, Leute,« sagte Richard nähertretend, »ist es erlaubt, hier zu rasten?«

Tippoo nickte: »Siwas Tempel hat Raum für viele. Setzt euch, Faringi.« – Nachdem er die beiden Ankömmlinge eine Weile gemustert hatte, fragte er, ob sie Seeleute seien.

»Ja. Aber im Augenblick ohne Heuer. Wir reisen nach Madras.«

Tippoo und Hondin wechselten ungesehen einen schnellen Blick. »Wir auch,« antwortete der erstere.

»Ah – gleich von hier aus? Morgen wollt ihr jedenfalls in Bombay zum Schlangenfest eure Künste zeigen?«

»Ja. Nach zwei Tagen geht es weiter ins Land hinein, nach Orissa. In der heiligen Stadt wird das Wagenfest des Dschagganath gefeiert; da fallen für arme, wandernde Spielleute aus den Händen frommer Pilger immer einige kleine Gaben ab.«

Jetzt waren es Richard und Oskar, die einander ansahen. Vielleicht fand sich hier die beste Gelegenheit, aus der Nähe von Bombay fort und in eine andere Hafenstadt zu kommen! »Soll ich den Vorschlag machen?« fragte Richard.

Tippoo hatte die beiden scharf beobachtet. Mit verschmitztem Lächeln sagte er auf einmal: »Die Faringi sind Flüchtlinge. Es hat ihnen auf den Schiffen der Engländer nicht gefallen – sie flüchteten nach Elephanta hinüber.«

Richard erfaßte im Fluge seinen Vorteil. »Will etwa der Hindu uns verraten,« sagte er, »will er den Engländern beistehen?«

Ein zischender Ton war die Antwort, ein Blick, aus dem Haß und Bosheit funkelten. »Ich will den jungen Faringi helfen,« rief Tippoo, »ich will sie nach Madras bringen. Ihre Spur soll hier auf Elephanta verlorengehen; die englische Polizei wird sie nicht finden.«

Richards Herz klopfte schneller. »Wie wolltest du das anfangen, Freund Tippoo?« fragte er.

»Die Faringi können Mitglieder meiner Truppe werden, Trommel schlagen, die Schellen klingen lassen. Sie können in Bombay schon morgen Geld verdienen und der Polizei ins Gesicht lachen!«

»Hm, das wollen wir uns erst überlegen. Glaube übrigens nicht, mein Bester, daß einer von uns irgendein Verbrechen begangen hätte; darin würdest du irren.«

Tippoo zuckte die Achseln. »Ich will euch helfen – und den Engländern soviel als möglich schaden,« versetzte er. »Weiter bekümmere ich mich um nichts.«

Die Fackeln begannen herabzubrennen, das Mahl war verzehrt, und der riesige Neger schnarchte schon wie ein Bär. Hinter dem Schatten der Pfeiler bereiteten sich die Tänzerinnen ihr Lager aus Matten – es schien alles schlafen zu wollen.

Nur Richards und Oskars Augen floh der Schlummer. »Willst du mit Tippoo abschließen?« flüsterte Oskar dem Genossen zu.

»Für den Augenblick, ja. Hier können wir uns unmöglich lange verborgen halten; Dewitschands Dschonke aber bleibt vielleicht noch Wochen und Monate im Hafen liegen.«

Am anderen Morgen bot Tippoo den beiden jungen Leuten die Überreste des Abendessens als Frühstück. »Wir haben unser großes Boot in einer versteckten Bai liegen,« sagte er. »Wollen die Faringi hinüber nach Bombay, so können sie mit uns fahren.«

Richard schüttelte den Kopf. »Zur Stadt zurück möchten wir nicht,« gestand er.

»Nur der Polizei wegen? Es kostet mich fünf Minuten, und die Faringi sind in Hinduknaben verwandelt. Die Gesichter der Naga gleichen denen der Weißen, es wird niemand eine Täuschung entdecken oder auch nur vermuten.«

Er zog aus dem Winkel zwischen den zusammengerollten Decken hervor eine kleine Bambusbüchse mit einem feinen Haarpinsel. »Soll ich das Kunststück versuchen, Faringi? Was wollt ihr beiden allein auf der Insel? Die Polizisten kommen auch hierher. In der Gesellschaft wandernder Künstler seid ihr sicherer als zwischen den Felsen.«

Der letzte Grund schien stichhaltig. »Versuche es, Tippoo,« antwortete Richard, »wir werden dann ja sehen, was deine Kunst vermag.«

Der Pinsel glitt über das hübsche Gesicht des jungen Seemanns, über Hals und Hände. Zwei Bogen, über jedem Auge gewölbt und an der Nasenwurzel zusammenlaufend, zogen sich hinab bis auf die Oberlippe, bildeten bei jedem Ohre einen spitzen Winkel und auf der Nase einen breiten Sattel, alles von vierfachen Pinselstrichen höchst sauber und regelrecht ausgeführt.

Tippoo zog aus dem unerschöpflichen Turban einen kleinen Taschenspiegel hervor. »Schau hinein, Faringi! Erkennst du dein Antlitz?«

»Wahrhaftig nicht!« gestand Richard. »Würdest du mich erkennen, Oskar?«

»Ebensowenig. Das ist seltsam.«

»Gut also,« entschied Richard. »Für den Besuch in Bombay gelten wir als Naga.«

»Auf denn!« mahnte Tippoo jetzt. »Wir haben keine Zeit zu verlieren.«

»Wo ist Hondin?« fragte Richard. »Ich sehe ihn nicht.«

»Hondin wird schon wieder zu uns stoßen.«

Der Bescheid war ziemlich kurz, so daß Richard nicht weiter fragte. Man brach auf. Tippoo wählte den kürzesten Weg bis zur Bucht, wo das Boot mit ungeheuerem Segel und verschließbarer Kajüte zwischen den Binsen lag. Die Tänzerinnen nahmen den überdachten Raum, der Neger und Richard setzten sich auf die Ruhebänke, und Tippoo steuerte. Wie eine Möwe glitt das Boot über die blaue Flut dahin.

Der Zwerg beobachtete die beiden jungen Leute unausgesetzt, und dicht vor der Bootstreppe gab er ihnen noch eine eindringliche Lehre mit auf den Weg. »Vergeßt nicht, daß ihr kein Erstaunen, keine Neugier zeigen dürft! Was ihr seht, muß euch vollkommen bekannt scheinen.«

Hondin, der den anderen voraufgeeilt war, stand am Ufer, Tippoo eine Meldung erstattend, die diesen sehr zu befriedigen schien.

Dann wurden die Tänzerinnen in eine rings mit Vorhängen versehene Sänfte gepackt und der Weg nach der Stadt der Eingeborenen angetreten.

Tippoo mahnte zur Eile. »Schnell, schnell, das Fest beginnt erst, wenn sich meine Truppe den Leuten zeigt.«

Überall in den engen, winkeligen Gassen standen lungernde Männer und Knaben umher.

»Tippoo kommt,« ging es plötzlich von Mund zu Mund, »Tippoo und Hondin! Jetzt werden wir den alten Dschumbo zu sehen bekommen.«

Und: »Dschumbo! Dschumbo!« riefen alle Gaffer auf einmal.

Hondin lächelte wie jemand, dessen Ohr den Klang eines geliebten Namens hört; er ging durch die offene Tür eines Hauses in ein Hintergebäude, das offenbar als Stall diente. Ein heller, trompetenartig klingender Schrei, der etwa einem Jubellaute glich, empfing ihn sofort.

»Dschumbo!« rief jetzt auch er.

Die Tür öffnete sich, und ein Neger trat heraus, zugleich erschien ein Elefantenrüssel, der wie suchend in der Luft herumtastete. Hondin liebkoste ihn mit dem Rücken seiner Hand; er hatte eine Näscherei bereit, die das Tier sofort erhielt.

Jetzt entwickelte sich ein buntes Treiben. Die Mohren und Chinesen holten ihre Gauklergeräte aus der Tiefe des halbverfallenen Schuppens hervor, man schminkte sich, man verteilte kleine Schellen, Musikinstrumente, Flitterputz aller Art, man bereitete Rauchfässer, die an langen Stangen geschwungen werden sollten, und während endlich in einem besonderen Verschlage die Tänzerinnen ihre buntfarbigen prunkenden Gewänder anlegten, zog Hondin den Elefanten hervor, um ihn aufzuschirren. Die Neger brachten den mit Rot und Gold reich verzierten Tragesessel herbei. Als er befestigt war, erschienen im Schmucke bunter Blumen und wallender Schleier die Tänzerinnen. Hondin hob sie hinauf, während er selbst zwischen den Ohren des gewaltigen Elefanten Platz nahm.

Tippoo selbst eröffnete den Zug mit einer hölzernen Pfeife in der Hand.

»Musik!« befahl er, die Pfeife wie einen Feldherrnstab schwingend, »Musik, ihr Jungen!«

Die Hinduknaben klingelten mit den Schellen, einer von ihnen spielte etwas wie eine Ziehharmonika, und unsere Freunde wirbelten tapfer mit den Trommelstöcken dazwischen. Es war eine Musik, die Steine hätte erweichen können.

So ging der Zug durch mehrere Straßen bis zu einem Platze, dessen Mitte für die beginnenden Schaustellungen frei geblieben war. Eine undurchdringliche Menschenmasse umstand den Elefanten, die Neger mit ihren Körben und den Schlangenbändiger, dessen Wink jetzt das Fest eröffnete. Die beiden Mohren brachten ihm die Körbe, er stellte sich dazwischen und setzte seine Pfeife an die Lippen. Ein einziger gellender Ton drang daraus hervor. Auf dies Zeichen hin schwieg plötzlich die ohrenzerreißende Musik der Hinduknaben und unserer Freunde, alles lauschte gespannt, alles stellte sich auf die Fußspitzen, um von dem Schauspiel, das jetzt folgen würde, keine noch so geringe Einzelheit zu verlieren.

Ebenso lautlos hatte Hondin die Tänzerinnen von dem Rücken des Elefanten gehoben. In ihrem Goldputz, mit wallenden Schleiern, Kronen auf den Köpfen und Blumenketten um ihre schlanken Körper, lächelnd, hüpfend, so erfaßten sie sich gegenseitig an den Händen und begannen zu tanzen.

Tippoo hatte die Deckel von den Körben genommen.

Jetzt begann er eine leise, fast klagende Melodie, erst kaum vernehmbar, dann höher anschwellend, in langgezogenen Tönen, und als sie die Luft durchzitterten, begann es sich in den Körben zu regen, begannen sich Schlangenleiber aus ihnen herauszuheben.

Jetzt warf Tippoo die Flöte beiseite und rief: »Kommt, meine Lieblinge, kommt her.«

Diesen Ruf schienen die Schlangen erwartet zu haben, sie kamen vollends aus ihren Körben hervor, krochen zu dem Zwerge hin und umwanden seinen Körper mit ihren schuppigen Leibern.

Atemlos schauten die Untenstehenden auf das seltsame Schauspiel, schweigend, bis auf ein Wort des Bändigers sich die Schlangen von seinen Gliedern lösten und in ihre Behälter zurückkrochen.

Jetzt brach ein lauter Beifallssturm los; Rufe ertönten, Silber- und Kupfermünzen warf man dem sich lächelnd verneigenden Tippoo zu.

Hondin, der mit verschränkten Armen bisher neben seinem Elefanten gestanden hatte, schien auf einmal aus seiner Erstarrung zu erwachen, und auch der Elefant gab Zeichen von Unruhe. Er wußte offenbar, daß seine Stunde jetzt gekommen sei.

Die ausgesuchtesten Früchte fielen vor dem Dickhäuter zu Boden, aber er verschlang keine, sondern reichte alle einzeln seinem Führer. »Dschumbo,« rief eine Kinderstimme aus der Menge, »darfst du deine Bananen und Apfel jetzt nicht verzehren?«

Der Koloß schüttelte den Kopf.

»Mußt sie dir wohl erst verdienen?«

Dschumbo nickte würdevoll.

Ein allgemeines Lachen begleitete die kurze Unterhaltung. Hondin trat zu seinem Liebling und streichelte dessen Rüssel. »Zeige uns, was du verstehst, mein Freund,« sagte er. »Hebe einmal einen recht schweren Herrn empor.«

Dschumbo spitzte die Ohren. Langsam gehend suchte er in der dichten Reihe von Zuschauern den, dem er die begehrte Auszeichnung zuteil werden lassen wollte. Endlich griff er in die dritte Reihe der Zuschauer, holte sich mit dem gewaltigen Rüssel einen kleinen, aber wohlbeleibten Mann hervor und hob ihn so hoch in die Luft, als er zu reichen vermochte.

Der Dicke schrie, als habe ihn ein Spieß durchbohrt. Die Zuschauer lachten, daß ihnen die Tränen über das Gesicht liefen.

»Es ist genug, Dschumbo,« sagte Hondin, »setze den Herrn wieder zu Boden!«

Der Elefant gehorchte, und während der Dicke pustend und scheltend das Weite suchte, errang sich der Graue neue Lorbeeren.

Dschumbo,« fragte Hondin, »kannst du der Gesellschaft sagen, wie alt du bist?«

Der Elefant nickte.

»Aber weißt du es auch ganz gewiß?« fuhr der Mahaut (Führer) fort. »Wie alt warst du am Tage des vorjährigen Schlangenfestes?«

Dschumbo hob den mächtigen Vorderfuß und setzte ihn zwölfmal auf den Fußboden.

»Gut, also zwölf Jahre. Und wie alt bist du demnach heute?«

Wieder bewegte sich der gewaltige Fuß. Alles lauschte gespannt – würde das Tier wirklich auch diese Aufgabe lösen?

Zehn – elf – zwölf – richtig, der dreizehnte Schlag erfolgte pünktlich nach dem zwölften. »Hurra für Dschumbo, der alte Kerl wird mit jedem Jahre klüger!«

Als alles, was die Truppe des Zwerges zu bieten vermochte, an diesem Punkte der Stadt gezeigt war, zog man weiter und begann das Spiel von neuem.

Zuletzt kamen die religiösen Gaukler, Eingeborene aus Zentralindien, dunkel von Farbe, völlig unbekleidet, mit Gesichtern, aus denen der Wahnsinn sprach. Sie waren Fakire und hatten das Gelübde getan, sich niemals zu waschen oder zu kämmen; ihre Haare standen, zu einer Art unentwirrbarer Decke zusammengefilzt, in Strängen oder Klumpen wild nach allen Seiten; ihre Hände hielten ein Werkzeug, das etwa einem Krebse glich. Die Fakire drückten es sich an allen möglichen Stellen in den nackten Körper, und je mehr Blut floß, desto freudiger wurde ihr Aussehen, bis sie sich zuletzt in völliger Raserei am Boden wälzten, dabei jedoch keinen Augenblick ihren Vorteil vergessend, nie müde, ein kupfernes Gefäß, das sie in der Hand hielten, jedem Zuschauer vorzuhalten.

Alle Anwesenden gaben, aber kein Laut des Beifalles wurde hörbar. Nachdem diese Vorstellung beendet war, drängte sich der Zwerg in den Vordergrund, indem er die beiden schweren Körbe mitten auf das Pflaster setzen ließ. »Tippoo ist da!« rief er, »Tippoo, der Schlangenkönig!«

Auch hier wurde ihm der gleiche rauschende Beifall zuteil wie an noch mehreren anderen Punkten der Stadt. Als abends die Herberge wieder erreicht war, sanken Menschen und Tiere ermattet auf ihr Lager, nur der Zwerg wachte und zählte voll heimlicher Wonne das erbeutete Geld.

Nach Mitternacht wurde Oskar durch ein Geräusch in seiner Nähe erweckt. Er fuhr auf und sah die Hindu sich vorsichtig aus dem Stalle schleichen. Tippoo schloß leise die Tür, dann wurde alles still.

»Richard!« flüsterte Oskar, »wach' auf!«

Der andere öffnete die Augen. »Was gibt es?« fragte er unruhig.

»Die beiden Vögel sind ausgeflogen. Was sollten wir beginnen, wenn es geschehen wäre, um uns der Polizei oder gar dem Chinesen zu verraten?«

Richard hatte sich schon erhoben. »Ich gehe ihnen nach,« flüsterte er. »Wenn irgendeine Gefahr droht, so gebe ich dir ein Zeichen.« Und fort war er.

Stunden auf Stunden vergingen. Oskar wurde unruhig. Wo mochte der Freund weilen ... War ihm etwas zugestoßen? Die Sorge des Einsamen wuchs und wuchs. Endlich, der Morgen graute schon, erschallte draußen ein eiliger Schritt. Die Tür ging auf. Oskar schnellte empor. Richard war es. »Du,« rief er wie erlöst, »wo warst du – was ... was ist ...« Ihm war auf einmal, als sei der Freund einer furchtbaren Gefahr entronnen.

Richard streckte sich neben ihn. »Seltsames habe ich gesehen und erlebt. Einen Götzendienst, ein Götzenopfer –«

Oskar fuhr auf. »Ein Opfer – Menschen ...?«

Bild: Karl Mühlmeister

»Nein, das nicht. Nur ein schrecklicher Götze wurde auf einen Stein gehoben, die Beter wälzten sich vor ihm in leidenschaftlichen Bewegungen und stießen wilde Rufe aus, zogen Messer hervor und verwundeten sich – es war so fremdartig, so seltsam, daß mich das Grauen erfaßte und ich entfloh. Ich dankte dem Himmel, daß niemand mich entdeckte, denn ich fürchtete ...« Er schwieg plötzlich, wie aufgeregt.

»Und Tippoo und Hondin?«

»Auch sie waren da – ja, sie streuten Geld und Blumen, gruben dann ein Loch in die Erde und warfen Münzen hinein. Ich weiß nicht, was alles das bedeutete. Nichts ist mir geschehen und doch wirbelt mir von allem Gesehenem der Kopf, und doch ist mir, als hätte ich eine große Gefahr hinter mir.«

Richard fühlte sich am nächsten Morgen etwas unsicher, als er Tippoo und Hondin gegenübertrat. Ihm war beinahe zumute, als mußten sie ihm ansehen, daß er ein Geheimnis belauscht habe, das zu entdecken er nicht berufen gewesen.

Allein seine Sorge schien grundlos zu sein. Nichts ereignete sich, was ihn hätte beunruhigen können.

Die Tragsessel wurden auf Dschumbos Rücken geschnallt, alles zur Weiterreise vorbereitet, und bald setzte sich der Zug in Bewegung.

Man verließ die Stadt, wanderte und wanderte, und endlich wurde das Gebiet der Dschungeln erreicht. Bäume von ungeheurer Ausdehnung standen vereinzelt und in Gruppen, Ochsenfuhrwerke begegneten den Reisenden, die Bungalows oder Gehöfte der Rajoten (Bauern) tauchten auf aus dem umgebenden Grün, dann folgten wieder einsame Strecken, in denen rote Schlangen von den Zweigen herabhingen.

»Jetzt beginnt ein neuer Zweig unserer Tätigkeit,« lächelte Tippoo. »Wir können nicht wie die großen Herren müßig durch das Land ziehen und in den Herbergen unser Geld verzehren, das begreift ihr wohl.«

Richard horchte auf. »Gewiß,« antwortete er, »aber was betreibt man denn mitten im einsamen Walde?«

»Man sammelt Kräuter, kocht Salben und Getränke für alle Gebrechen der Menschen und ihrer Haustiere. Alljährlich ziehe ich durch ganz Vorderindien, von Bombay nach Haiderabad, nach Orissa, nach Kalkutta ...«

»Dorthin, dann könntest du uns dort ein Schiff suchen lassen, Tippoo.« Der Alte schüttelte den Kopf. »Ich kann es nicht. Die Vorstellungen in den Städten erfordern geübte Kräfte. Bis Madras müßt ihr uns noch begleiten. Freilich, die Farben der Naga sind jetzt nicht mehr nötig. Heute abend in der Herberge wasche ich sie euch ab.«

Das war eine unwillkommene Mitteilung, aber was half es, die Freunde mußten sich fügen. Morgen sollte mit dem Kräutersammeln begonnen werden.

Am Abend erreichte man eine strohgedeckte Hütte, deren Bewohner die Wanderer freundlich aufnahmen. Nur für Dschumbo fand sich kein Platz und so mußte er im Freien rasten. Hondin ließ sich neben seinem Kopfe nieder, den Arm um den Nacken des Kolosses legend.

»Du liebst den Elefanten wohl sehr,« fragte Richard.

Hondin nickte. »Er ist mein alles, was mir auf Erden geblieben. Alles andere haben die Faringi mir genommen. Mein Weib, meine Kinder gemordet, meine Hütte verbrannt. Mich ins Gefängnis geworfen und gepeitscht. Als ich herauskam, wurde ich gewahr, daß man mir alles geraubt. Seitdem bin ich ein heimatloser Wanderer.«

Ergriffen reichte Richard ihm die Hand. »Laß uns Freunde werden, Hondin. Mein Schicksal war dem deinen ähnlich. Ein Kind bin ich, das man an seiner toten Mutter Brust im Postwagen fand, das man auf den erstbesten Namen taufte. Im Waisenhause wuchs ich auf ... bis ... bis ich Schiffsjunge wurde. Auch ich stehe ganz allein.«

Der Hindu reichte ihm mit abgewandtem Gesicht die Hand. »Schweres hast auch du erduldet – aber du bist doch glücklicher als ich.«

Dann wandte er das Haupt. Richard sah, daß Tränen in seinen Augen standen.

*

Früh am nächsten Morgen wurde die Reise fortgesetzt.

Je tiefer man in das Land eindrang, desto verzweigter und geheimnisvoller wurden Tippoos verschiedenen Berufsarten. Er fing junge Affen, die er lebend den Leuten als Schutzgeister verkaufte, tötete Vögel und Wölfe, um mit den Haaren oder Federn derselben einen vorteilhaften Handel zu treiben, und war endlich auch Geistertänzer.

Eines Abends, bei hellem Mondlicht, überraschten ihn die beiden Deutschen, wie er sich in aller Stille für eine solche Vorstellung einübte.

Dschumbo lag vor der Hütte, in der das Nachtquartier aufgeschlagen worden war, die Bewohner schliefen, und Richard und Oskar saßen noch unter dem Schatten eines alten Baumes beisammen, um die kühle Nachtluft zu genießen, da sahen sie die beiden Inder heimlich fortschleichen. Sie gingen hinter ihnen her und beobachteten beide. Mitten auf einer Wiese blieb Tippoo stehen. Er tanzte langsam im Kreise herum, wiegte den unförmlichen Kopf, hob jählings den rechten, dann den linken Fuß, stieß die Arme von sich und begann zu seufzen, erst leise, dann immer stärker, bis die breite Brust ächzte, als müsse sie springen. Die Schultern gerieten in krampfhafte Bewegungen, der ganze Körper krümmte sich wie unter dem Drucke unerträglicher Schmerzen. Hondin schaute zu.

»Ob das ein Gottesdienst ist?« flüsterte Richard.

»Irgendein Zauber natürlich.«

Tippoo warf sich jetzt zu Boden, rollte gleich einem Mehlsack von einer Stelle zur anderen und ächzte und heulte. Plötzlich aber sprang er auf und zog aus dem Gewand ein Fläschchen hervor und verschlang dessen Inhalt; dann begann er seine koboldartigen Sprünge, seine Gliederverrenkungen und Tänze von neuem, diesmal mit besserem Erfolge. Seine Augen glänzten und schienen aus ihren Höhlen hervortreten zu wollen, die Nasenflügel bebten, die Hände griffen wild in die Luft und in das feuchte Gras; dabei schien der Zauberer immerwährend eine eingebildete Person im Mittelpunkt des von ihm umschriebenen Kreises zu beobachten, zu fragen, ihrer Stimme zu lauschen, ihr kleine Gegenstände hinzuwerfen, bis endlich Ströme von Schweiß über seine Stirn herabliefen. Schwächer und schwächer wurden die ungestümen Verdrehungen, matter der funkelnde Blick und das Ächzen aus gepreßter Brust. Noch ein Wirbel, ein Fallen und Ringen, dann stürzte der Körper schwer, wie verendend zu Boden und blieb liegen.

Richard und Oskar sahen einander an. »Begreifst du das?« fragten ihre Blicke.

»Er hat irgendeinen Saft getrunken,« flüsterte Richard, »der seine Sinne bis zur Tollheit aufregte – weshalb? Das wird sich schon zeigen.«

Die beiden Inder blieben in dieser Nacht draußen; es war zu warm, um hinter geschlossenen Wänden schlafen zu können. Auch unsere Freunde teilten das gemeinsame Mattenlager, bis der Morgen anbrach und die Reise fortgesetzt wurde.

An Hondins Seite ging Richard, er suchte und fand den Blick des Inders. »Du bist traurig, Mahaut,« sagte er leise, »und ich weiß warum. Du denkst an deine toten Familienglieder.«

Der Elefantenführer sah zur Seite. »Bist du ein Zauberer?« fragte er, »kannst du die geheime Schrift in den Herzen der Menschen lesen, Faringi?«

»Bei dir liegt die Sache nahe genug, Hondin. Glaube mir, ich hätte deine Lieblinge verteidigt, wenn ich zugegen gewesen wäre!«

»Sprich nicht davon, Knabe! Sie sind gerächt, siebenfach, zehnfach gerächt. Auf ihren Gräbern wurden Opfer ohne Zahl geschlachtet.«

Tippoo wandte den Kopf. »Was flüstert ihr beide?« fragte er mißtrauisch. »Noch immer ist nicht Kraut genug gefunden!«

»Wir suchen,« entgegnete gelassen der Mahaut. »Da hinaus, Richard, zwischen den Binsen findest du es.«

Von fern kräuselten Rauchwölkchen zum Abendhimmel empor, die Tiere des Feldes hatten sich zur Ruhe begeben, und auch das Pflanzensammeln war für heute vorüber. Es fand sich, daß Richard die meisten grünen Stengel entdeckt hatte; Tippoos listiges Gesicht lachte vor Vergnügen, aber der Geiz behielt trotzdem die Oberhand.

»Ich gebe dir nächstens die versprochene Rupie,« sagte er. »Wirklich, ich muß sie im Dorfe selbst erst verdienen.«

»Und dann lege sie getrost zu den anderen,« lächelte Richard. »Ich brauche kein Geld.«

Sie kamen zu einer Anzahl Strohhütten, die im weiten Kreise vor dem eigentlichen Dorfe lagen und dann auf den freien Platz in der Mitte des letzteren.

Sobald Tippoo den Fuß in das Dorf gesetzt hatte, nahm er aus dem Turban seine Pfeife hervor und begann zu spielen. Die gewünschte Wirkung blieb nicht aus; hinter jedem Mattenvorhang, hinter jeder Häuserecke erschienen braune Gesichter, Kinder liefen in Scharen herbei. Bekannte grüßten den Zauberer, es wurden Lebensmittel gebracht und dem Elefanten Früchte gespendet.

Hondin und die Knaben lagerten neben Dschumbos Riesengestalt im Heu. Der Tragsessel war abgeschnallt, die Körbe mit den Schlangen wohlverschlossen in einen Winkel gestellt und das Abendessen verzehrt. Jetzt kam für den Zauberer die Stunde des eigentlichen Geschäftes. Er hatte die Ärmel aufgeschlagen und stand am Feuer. Vor ihm drängten sich die Hilfesuchenden. Zwei junge Männer brachten in ihren Armen einen weißhaarigen Greis, dessen Tage gezählt schienen.

»Gib mir von deinem stärksten Trunke, Tippoo, gib mir neues Leben,« ächzte er, »und ich schenke dir hundert Ziegen!«

»Tippoo, lieber, guter Tippoo, laß ein Tröpfchen übrig für mein armes Kind! Es wird von Krämpfen gekrümmt; sieh, wie es leidet! – Tippoo, gib dem Kleinen ein Tröpfchen, und die dunkeläugige Göttin wird dich belohnen!«

Der Zwerg wandte den Kopf. »Kannst du bezahlen?«

Die Inderin schluchzte. »Ich habe nichts zu geben,« jammerte sie. »Mein Mann ist gestorben, die letzte Ziege holten Wölfe – sei barmherzig, Sahib!«

Tippoo zuckte die Achseln. »Ich kann dir nicht helfen, Aurunga,« versetzte er. »Die Tropfen sind teuer, und ich bin selbst arm.«

Andere Bittsteller verdrängten die weinende Frau.

Tippoo horchte nach allen Seiten. Saft nach Saft, Salbe nach Salbe ging aus seinen Töpfen und Kesseln hervor, es regnete Geld in den Turban, Lebensmittel und Früchte wurden massenweise herbeigeschleppt, aber auch viele bittere Tränen geweint, viele Flüche gehört.

Auf einmal trat ein Mann in den Kreis des Feuerscheines, dem alle ehrerbietig auswichen, es war Harit-Zeb, der Sohn des reichen Grundherrn des Dorfes. Er trat nahe zu dem Zwerge hin und flüsterte dem Zwerge etwas zu, was keiner der anderen verstehen konnte. Tippoo blinzelte, bewegte die Hände, schien etwas zu versprechen und verneigte sich untertänig, als Harit-Zeb mit kurzem Gruße davonging.

»Der Narr,« kicherte der Zwerg, sich zu unseren Freunden wendend, »Bowand, der Adlige, sein Vater liegt im Sterben. Er glaubt, böse Geister hausen in dessen Leibe. Es ist das Wasser, weiter nichts. Er wird noch heute Nacht sterben, meine Kunst sagt es mir. Komm, Richard, begleite mich. Nimm diese Schnüre und dies Gefäß und sprich kein Wort. Vor Sonnenaufgang haben wir ein schönes Stück Geld verdient.«

Sie gingen. Sie traten in das Haus des reichen Grundherrn ein. Auf dem Bette lag der schwerkranke Mann. Neben ihm auf dem Boden hockten seine Söhne Harit-Zeb und Au-Gond. Es waren Zwillingsbrüder, die sich fast auf ein Haar glichen, aber sie waren Todfeinde, weil der ältere des Vaters alleiniger Erbe sein und dem Bruder keinen Batzen gönnen wollte.

Beide redeten auf den sterbenden Vater ein. »Entscheide, Vater,« drängte Au-Gond, »wem gehört dein Vermögen?«

»Ich mag keinen bevorzugen. Teilt brüderlich!«

Und dann schlossen sich seine Augen, seine Hände tasteten. »Tippoo! Wo bist du, Tippoo? – Hilf mir!«

»Ich helfe dir, Sahib,« antwortete der Gaukler, füllte aus einer großen Flasche einen Löffel und reichte dem Kranken die Arznei und sprang dann über das von der Wand abgeschobene Bett, zugleich etwas Asche auf einen steinernen Schlangenkopf werfend. Nachdem er den Sprung mehrere Male wiederholt hatte, erklärte Tippoo der Kranke sei unrettbar verloren, da der Schlangenhausgott keine Fürbitte bei Siwa, dem Zerstörer, einlegen wolle.

Der Kranke röchelte schwer. Der Todesschweiß begann auf seine Stirn zu treten. Tippoo entwickelte eine fieberhafte Tätigkeit, kannte er doch genau die Wünsche seiner Kundschaft.

Er verscheuchte mit einem Federbesen die in dem Gemache umherschwirrenden Fliegen, damit sie den Sterbenden nicht berührten und seine Seele in das Reich der Finsternis trügen. Er befahl den Verröchelnden, sich zu entkleiden und auf einen Stuhl zu setzen; er flößte ihm erneut Tropfen ein, er ließ ihn mit warmem Wasser begießen, er ließ von zwei Dienern den Haushund halten, damit sein Schatten nicht auf den Sterbenden falle und seine Seele darum den Weg in den Himmel verfehle – und doch trotz aller dieser Zeremonien war das Unvermeidliche nicht aufzuhalten. Wenige Minuten noch, und der reiche Bowand hatte aufgehört zu leben.

Jetzt schlich sich Tippoo aus dem Zimmer. Ganz verwirrt durch alles soeben Erlebte folgte ihm Richard. Er atmete erst wieder freier auf, als sie beide ihre Hütte erreichten, in der Hondin Wache hielt.

Tief im Gewirr der Dschungel erhob sich auf einem Hügel ein kreisrunder fensterloser Turm ohne Spitze, aber mit einer vielfach durchbrochenen Steinplatte bedeckt. Der Turm des Schweigens war es, der Bestattungsort der Parsen. Oben auf dem Rande der Plattform sowie in einem hohen neben dem Turme stehenden Baume saßen zahllose Geier.

»Die Sonne war aufgegangen. Vom Parsischlosse her kam ein Diener, einen Korb mit Blumen tragend, die er schweigend auf den Weg und auf die zu dem Turm emporführenden Steinstufen streute. Als die letzte Blume aus seinem Korbe niedergefallen war, warf er sich auf die Knie, wandte mit geschlossenen Augen das Antlitz zur Sonne empor, erhob die Arme und begann zu beten: »Du heiliges Licht, Auge des Weltgeistes, sieh gnädig auf meinen hohen Herrn, laß ihn den Weg zur Ewigkeit finden.«

Von unten her nahte ein seltsamer Zug. Vier Diener trugen auf blumenbedeckter Bahre den Leichnam Bowands, dann folgten dessen beide Söhne, die Deutschen, Tippoo und Hondin. Ein seltsames Grabgeleite und eine seltsame Bestattung fürwahr!

»Weshalb wird der Körper nicht beerdigt?« flüsterte Richard.

»Weil die Verwesung nach dem Parsiglauben gleich wäre mit Verunreinigung. Er darf auch nicht verbrannt werden, dadurch würde das heilige Feuer entweiht.«

»Aber still jetzt. Da unter dem Baume steht das ›Dakhma‹ – der Turm des Schweigens.«

Hoch auf flogen und flatterten die Geier. Was da die vier Männer trugen – war es für sie?

Ein Krächzen und Pfeifen, ein Aufruhr in den Zweigen, daß Blätter und Federn windgetragen herabfielen, dann ein Spähen, Horchen.

Langsam erstiegen die Träger den Turm bis zum oberen Roste, feierlich legten sie die Leiche ihres Gebieters auf das Steinwerk. Einer nahm das Bahrtuch und zeigte es, im Morgenwind flatternd, den beiden Söhnen des Verstorbenen.

Harit-Zeb und Au-Gond senkten die Köpfe. Kein Laut der Trauer klang von ihren Lippen, aber die flach gefalteten Hände hoben sich zur Sonne.

»Wischnu und Siwa,« flüsterte Hondin, »teilt das Opfer, das euch zuteil wurde. Du, Siwa, zerstöre den Leib, du, Wischnu, erhalte die Seele!«

Richard und Oskar hatten ihre Hüte abgenommen.

Als der letzte Parse die Steintreppe verlassen hatte, stürzten sich die Geier herab auf den Turm.

Von Schauern geschüttelt, schlichen Richard und Oskar nach der Hütte zurück. Tippoo zeigte keine Erregung, er hatte keine Zeit, sich mit Gefühlen und Empfindungen aufzuhalten, er hatte anderes zu tun.

Er stellte sich an den Herd und begann, ein Elixir zu brauen, dessen er bei einer wichtigen Zeremonie bedurfte, bei einer Geisterbeschwörung, die er noch am selbigen Abend vorzunehmen hatte. Der Geist des Ortes, der in den Wipfeln einer Palme hauste, vor der ein Götzenbild stand, sollte angerufen werden, um zu entscheiden, wer Herr des Dorfes sein solle.

Tippoo traf mancherlei Vorbereitungen. Legte Gewänder zurecht, zog aus seinem Kram ein Schwert hervor, ergriff einen Hahn und fesselte ihn, denn er benötigte bei seinen Gaukeleien das Blut dieses Tieres.

»Tut was ihr wollt,« sagte er, als es dämmerte, zu den Fremden, »und schlaft oder geht umher, nur meidet den Platz vor dem Götzenbilde – es findet dort heute eine Feier statt; aber die sich zu ihr Versammelten lieben es nicht, von Fremden beobachtet zu werden.« – Lachend ging er davon.

Richard und Oskar sahen sich an. Was bedeutete das? Eine Weile schwiegen sie, dann aber äußerte Richard, sie wollten auf jeden Fall Augenzeugen des geheimnisvollen Spukes sein. Sie eilten daher zu der Palme und verbargen sich in dem Wipfel.

Fackelträger erschienen vom Dorfe her. In ihrer Mitte schritt seltsam gekleidet der Zwerg.

Alsbald füllte sich der Platz. Festlich gekleidete Männer und Frauen erschienen, Fackelträger, ein Mann mit einem riesigen mit Glöckchen behängten Metallbogen, ein anderer, der eine riesige Metallschüssel trug. Schellenträger und Tamtamschläger. Alle stellten sich neben dem unter der Palme befindlichen Götzenbilde und dem Altar auf. Die Schüssel wurde unter den Baum gestellt und der Bogen in sie hineingelegt.

Jetzt erschien auch Tippoo. Er machte einige seltsame Bewegungen mit den Armen, rief dann die beiden Parsi zu sich heran und sagte mit dumpfer Stimme. »Der Geist des Baumes möge durch seinen, des Geweihten, Mund sprechen, welcher der Söhne Bowands Herr des Dorfes sein soll.«

Schweigend neigten die beiden Brüder die Häupter. Tippoo ergriff nunmehr eine Phiole und leerte die in ihr enthaltene Flüssigkeit, worauf er leise gegen den Bogen schlug. Ein anderer berührte die Metallschüssel. Die Glöckchen erklangen leise, aus der Schüssel klang ein eigenartiger Ton auf. Mit großem Geräusch fielen die Musikinstrumente ein.

Tippoo begann unruhig zu werden, zerrte an seinen Kleidern, hob die Augen zu der Palme empor und rief plötzlich, wie außer sich geratend: »Es kommt, es kommt.«

Atemlos lauschten die Umstehenden diesen Worten.

Auf einmal begann Tippoo zu tanzen, seine Augen rollten, er stieß wilde Schreie aus. Immer heftiger wurden seine Bewegungen. Plötzlich riß er den Ärmel zurück und hielt den Arm in die Glut der Fackeln. Ein brenzliger Geruch erfüllte die Luft. Der Zwerg tanzte in immer tolleren Sprüngen. Auf einmal bückte er sich, als ob er etwas suche. Hundert Hände, jede ein langes Messer haltend, streckten sich ihm entgegen. Er ergriff eins der Messer, schwang es wie ein Feuerrad über seinen Kopf und fuhr auf einmal blitzschnell mit der einen Hand über sein Gesicht. Blutstropfen rieselten auf sein Gewand nieder, ein gellender Laut entrang sich seiner Kehle.

Richard und Oskar schauderten bei dem scheußlichen Anblick. Auf einmal sahen sie, daß Tippoo den Hahn in den Händen hielt. Mit wilder Gebärde riß er ihm den Kopf ab, schleuderte ihn weit von sich, dann trank er das wie aus einem Quell hervorsprudelnde warme Blut, während er abwechselnd einige Hände voll Tropfen auf das Götzenbild spritzte.

Sein Aussehen, so rot und glitzernd von Nässe, war geradezu entsetzlich. Auf einmal sank er in sich zusammen, die Zähne klapperten, die Brust röchelte. »Ja,« murmelte er, »ja – ich höre.«

»Der Geist spricht!« flüsterten schauernd die Eingeborenen. »Wird es Harit-Zeb sein oder Au-Gond, den er zu unserem Gebieter bestimmt?«

Der Zwerg nickte. Dann horchte er. »Harit-Zeb! – Harit-Zeb! – er soll es sein,« kam es wie ein Hauch über seine Lippen.

Ein Murmeln des Bedauerns durchlief die Menge.

Als Au-Gond sich erhob und schweigend davonging, eilten sie ihm nach, um seine Kleider zu küssen.

In der ersten Minute des neuerworbenen Herrschertums mußte Harit-Zeb erkennen, wie unwillkommen er sei. Niemand hatte ihn begrüßt, niemand sich um ihn bekümmert, er stand allein, die Blicke fest auf seinen Verbündeten, den Zwerg, gerichtet, als wolle er sagen: »Du hast es gut gemacht, dein versprochener Lohn soll dir werden!«

Aber Tippoo sah und hörte nichts. Mit beiden Armen das Götzenbild umklammernd, war er bewußtlos zusammengebrochen.

Tippoo lag in seiner Hütte. Feuchte Tücher bedeckten seinen Kopf. Richard befand sich bei ihm, Hondin ebenfalls. Der Abend kam, viele Besucher nahten, den Kranken zu sehen, auch der Dorfälteste und mehrere Rajoten erschienen. Aber kaum hatten sie den schlafenden Kranken erblickt, flohen sie an allen Gliedern zitternd aus dem Bannkreise des Hauses. – Der Geist war am letzten Abend zu mächtig gewesen. Hatte er den Tänzer erwürgt oder ihm den Verstand geraubt. Dennoch wünschten sie, er möge noch einmal das Spiel wiederholen. Sie boten doppelte und dreifache Bezahlung, sie flehten geradezu um den Beistand des Elefantenführers, erhielten aber keine befriedigende Antwort.

Schon war die Sonne hinab, als Harit-Zeb in die Hütte trat. Niemand war in diesem Augenblick bei dem Zauberer.

»Also du tanzest nicht zum zweiten Male?« fragte der Parse.

»Ich könnte es nicht Sahib, selbst wenn ich wollte.«

»Gut – hier dein Lohn,« dabei legte Harit-Zeb Hände voll Goldstücke auf die Decke des Kranken. »Bist du zufrieden.«

»Ich danke dir, Sahib.«

Der Mann mit dem finsteren Gesicht entfernte sich. Tippoo schnitt eine höhnische Fratze hinter ihm her, und dann warf er das erbeutete Gold in den Schlangenkorb, wo giftgeschwollene Rachen den Schatz vor jeder fremden Hand sicherer bewahrten als Festungswälle und geladene Kanonen.

Harit-Zeb ging unterdessen nach Hause, und tiefer und immer tiefer sank die Nacht herab. Auf dem Platze um den Geisteraltar herum hatten sich Hunderte versammelt. Richard und Hondin befanden sich unter ihnen. Als der Parse vorüberging, mußte er förmlich Spießruten laufen.

Im Blätterdunkel des Hintergrundes, halb vom bleichen Mondlicht übergossen, die funkelnden Augen fest auf die Menge gerichtet, erschien der braunstreifige Kopf eines Tigers. Das große Tier stand unbeweglich, nur der buschige Schweif peitschte den Erdboden, und die breite Brust hob sich unter einem Brummen oder Knurren, das die höchste Gereiztheit der Bestie bekundete.

Es war niemand in der ganzen Versammlung, der nicht das Raubtier gesehen hätte, aber trotzdem schien keiner von allen erschrocken, keiner auf Gegenwehr bedacht; sie drängten sich fester aneinander, sie flüsterten.

»Bowand! – Es ist Bowand!« flüsterte es.

»Kein Zweifel, er will nicht, daß sein jüngerer Sohn verstoßen werde!«

»Aber weshalb sprach dann gestern abend der Geist in Bowands Namen für den älteren Sohn?«

»Das hat sicherlich der Zwerg falsch verstanden; der Geist war zu mächtig, Tippoo konnte es nicht ertragen, vor seinem Antlitz zu stehen.«

Jeder sprach, jeder gab seinen Vermutungen flüsternd Ausdruck; die Menge glich einem Bienenschwarm, in den man plötzlich einen Stein warf. Hunderte von Stimmen redeten zugleich.

Während dieser allgemeinen, aufs äußerste gesteigerten Erregung verhielt sich das Raubtier vollkommen ruhig. Es schien zu beobachten.

Richard legte die Hand auf den Arm des Elefantenführers. »Hondin,« sagte er, »was haben diese Leute? Sind sie samt und sonders wahnsinnig geworden? Was ist es mit dem Tiger?«

Der Mahaut schien nur ungern zu sprechen. »Meine Landsleute glauben, daß Verstorbene, die auf Erden eine wichtige Angelegenheit unerledigt zurücklassen mußten, nach ihrem Tode in Tiergestalt wiederkehren und an dem Orte, wo sie lebten, dem Kreise ihrer Bekannten erscheinen,« sagte er endlich. »Um ganz Fremde bekümmern sie sich nicht, wer aber bei der Sache beteiligt ist, muß sich ihnen persönlich und allein gegenüberstellen, um entweder seine Strafe zu erhalten oder, indem ihn der Tiger verschont, dadurch freigesprochen zu werden.«

Richard schüttelte den Kopf.

Harit-Zeb und Au-Gond hatten durch den Dorfältesten schon die Nachricht von dem Erscheinen ihres verstorbenen Vaters erhalten und waren aufgefordert worden, sich dem in Tiergestalt Auftretenden zu stellen. Während Au-Gond sein Kommen sofort zusagte, geriet Harit-Zeb in leidenschaftlichen Zorn. »Die Frage sei erledigt,« antwortete er, »der Geist habe gesprochen.«

In Haufen versammelte sich die Dorfbewohnerschaft vor dem düsteren Steinschlosse und ließ durch mehrere Abgesandte den Grundherrn nochmals auffordern, pünktlich bei Einbruch der Nacht am Geisteraltar zu erscheinen. Jetzt mußte er wohl oder übel einwilligen; eine Weigerung hätte ihn in die Acht erklärt, ihn aus seiner Kaste verstoßen.

Aber sein Ja klang wie ein Fluch; er knirschte vor Wut.

Langsam schlichen die Stunden. Ob der Tiger wiederkommen würde? Das war die Frage, die jedermann im Dorfe stellte.

Gegen Abend schlich sich Richard heimlich zum Opferplatz.

Die Menge beachtete ihn nicht; denn eine fieberhafte Aufregung beherrschte alle Gemüter. »Wird der Tiger wiederkommen?« Das war es, was einer den anderen fragte, was jeder unter diesen Hunderten sprach und dachte.

Gestern abend habe er sich nur gezeigt, um geräuschlos wieder zu verschwinden. Was würde heute geschehen?

Richard sah die hohe Gestalt des Elefantenführers unfern von sich, aber er zog es vor, unentdeckt zu bleiben.

Wieder wie am Abend des Geistertanzes waren die beiden Parsen unter den Versammelten. Harit-Zeb und Au-Gond lehnten an Bäumen, beide stumm und äußerlich ruhig, obgleich wohl in ihren Seelen der Sturm noch viel ärger tobte als in denen der Zuschauer. Sie hielten, wie alle Versammelten, die Blicke fest auf den Opferaltar gerichtet.

In diesem Augenblick ging durch die Versammlung ein unterdrückter Laut. Drüben, unmittelbar hinter dem Geisteraltar, stand der Tiger.

Im brausenden Ansturm wandten sich die Dorfbewohner den beiden Parsen zu. Alle sprachen, alle deuteten nach dem Tier, jede Stimme verlangte die Ausführung des seltsamen gebräuchlichen Gottesurteils.

»Harit-Zeb muß vorausgehen! – Er ist der ältere, er muß den Anfang machen.«

Der Parse wurde aschfahl. Ein halberstickter Ausruf des Entsetzens kam aus der trockenen Kehle hervor.

Der Tiger wedelte, leckte das Maul und knurrte halblaut.

»Vorwärts, Harit-Zeb, vorwärts!«

Da löste sich Au-Gonds schlanke Gestalt von dem Baume, an dessen Stamm er lehnte. Der junge Mann ging festen Schrittes, die Arme verschränkt und den Kopf erhoben, auf den freien Platz hinaus, bis unmittelbar an den Opferstein. Hier, etwa einen Meter von dem lauernden Tiger entfernt, blieb er stehen und sah der Bestie ruhig ins Auge.

Jetzt hätte man das Summen einer Fliege hören können. Keiner von allen diesen Hunderten wagte es, laut zu atmen. In jedem Augenblick konnte die Entscheidung fallen, konnte der tolldreiste junge Mann das Wagnis mit dem Leben bezahlen.

Nach wenigen Sekunden warf sich der Tiger plötzlich zu Boden und heulte.

Ein Jubelschrei aus hundert Kehlen erfüllte die Luft. Au-Gond trat so gelassen, wie er gekommen war, zu seinem Platze zurück, während der Tiger sich plötzlich sprungbereit aufrichtete.

»Jetzt ist Harit-Zeb an der Reihe!«

Der Parse mochte erkennen, daß längeres Zögern hier so viel hieß, als ehrlos werden. Er raffte sich auf und trat langsamen Schrittes vor. Immer näher kam ihm die unheimliche Gestalt des Tigers, immer näher die lechzende Zunge und der glühende Blick. Ein Beben durchrieselte Harit-Zebs Leib. Er schloß beide Augen.

Wild, mit allen Zeichen heftigster Wut stürzte sich der Tiger auf den wehrlosen Mann, Krallen und Zähne zugleich packten sein zuckendes Fleisch. Ein gellender Schrei des Entsetzens erfüllte die Luft.

Richard riß die Pistole aus der Tasche. Der Schuß krachte, und der Tiger sprang mit allen vier Füßen zugleich vom Boden empor, dann aber packte er aufs neue das blutende, schon regungslose Opfer und schleppte es in den Schutz der Gebüsche.

Ein Tumult sondergleichen erhob sich, als der Schuß fiel. Zwei Gestalten, Richard und Au-Gond, sprangen im selben Augenblick über den freien Platz, um den zu Boden geworfenen Harit-Zeb aus den Krallen der Bestie zu befreien – hinter ihnen stürzten Hunderte zum Opferstein, wütend, außer sich, daß irgendein Mensch es gewagt, die Ausführung des Gottesurteils zu verhindern.

»Verfluchter Faringi, in was mischest du dich? Haben die Leute deiner Farbe noch nicht Unglück genug über die armen, friedlichen Hindu gebracht?«

»Werft ihn ins Wasser!«

»Laßt uns ihn der Göttin opfern!«

Vielleicht hätten die erbitterten Männer schon im nächsten Augenblick ihre Drohungen ausgeführt, wenn nicht Hondin dazwischen getreten wäre. Mit beiden Armen die Nächststehenden beiseite schiebend, ergriff er Richards Hand und zog ihn zu sich.

»Dieser Knabe tat unrecht, Leute,« sagte er mit fester Stimme, »aber ohne es zu wissen oder zu wollen. Er ist ein Fremder, der nichts anderes glaubte, als daß ein Raubtier uns alle bedrohte.«

»Gib ihn heraus, Hondin, oder es ist dein Unglück!«

Die Pistole des Elefantenführers kam zum Vorschein, er erhob sie schußgerecht. »Platz da, ihr Leute! Wer mich oder den Knaben berührt, erhält eine Kugel!«

Das wirkte. Keiner der harmlosen Rajoten besaß eine Feuerwaffe, alle aber kannten sie deren verheerende Wirkung; es bildete sich um Hondin und Richard ein freier Raum, der ihnen gestattete, sich ungehindert zu bewegen.

»Komm!« flüsterte der Mahaut. »Wir müssen den ersten Schrecken benutzen, um uns durchzuschlagen.«

Er ging, die Pistole in erhobener Hand haltend, langsam vorwärts, und Richard folgte ihm ebenso.

Wilde Verwünschungen hallten den beiden nach.

Die Hütte war bald erreicht. Oskar stand schon in der Tür und wartete ungeduldig. »Gottlob, daß ihr kommt,« rief er, »du lieber Gott, wie habe ich mich geängstigt! Weshalb entstand denn plötzlich der Höllenlärm?«

Sie erzählten ihm alles, auch Tippoo erwachte und versuchte zu gehen. Er befand sich viel besser; das Abenteuer am Opferstein schien ihm keine großen Sorgen zu verursachen.

»Morgen reisen wir,« sagte er. »Also Harit-Zeb ist tot? – Ist tot? – Hm, sonderbare Welt!«


 << zurück weiter >>