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Viertes Kapitel

Es ging durch das Land der wilden streitbaren Khands, einer großen und tapferen Völkerschaft, die zu den wohlhabendsten von ganz Indien zählt.

In den Dörfern mit zum Teil steinernen Häusern fanden die Wanderer immer eine gastliche Aufnahme, obwohl sie alles Erhaltene bezahlen mußten und von Tippoos Heilkünsten nur sehr wenig Gebrauch gemacht wurde. Es wimmelte hier von Tempeln und Brahminen. Die Gosain, eine Art Fakire, die überall am Körper tiefe Einschnitte und Narben trugen, saßen auf jeder Landstraße mit einem kleinen Tempel aus Blech im Arm und einer Kette zwischen den Lippen im völligen Stillschweigen da, die sonderbare Bettelbüchse den Reisenden darbietend, um eine Gabe zu empfangen.

Der Himmel zeigte während der ganzen Reise durch Bengalen ein eintöniges Grau; es regnete beinahe ohne Unterlaß, und erst dicht vor den Toren von Kalkutta klärte sich das Wetter wieder auf. Eine milde Wärme beherrschte die Luft; in einer einzigen Nacht schossen Tausende von jungen Blättern und Blüten aus dem Boden hervor, Früchte begannen sich zu entwickeln, und zahllose Insektenschwärme erschienen in den goldigen Strahlen der Sonne.

Am folgenden Tage war die Eingeborenenstadt von Kalkutta erreicht. Tippoo nahm in einer Hinduherberge Quartier, und nun erst erfuhren Oskar und Richard, daß auch hier eines der Hauptfeste Indiens gefeiert werden sollte.

»Das Durga-Pudscha-Fest, das der Göttin Kali,« sagte Tippoo lächelnd; es fließt dabei viel Blut, mehr als bei irgendeinem anderen Opfer.«

»Von Menschen?« fragte Richard mit geheimem Schrecken.

»Bewahre! In Kalkutta unter der Herrschaft der Faringi kann es ja kein Menschenopfer geben. Wenigstens zweihundert schwarze Ziegen müssen ihr Leben lassen, ha, ha, ha, zweihundert Ziegen.«

Er pfiff vor sich hin; seine Stimmung schien heute die allerbeste. »Ihr könnt euch jetzt die Stadt besehen,« sagte er; »bis das Fest beginnt, sind es noch mehrere Tage, und vorher brauche ich euch nicht.«

Sie gingen.

»Frei!« rief Oskar, als beide zusammen auf der Straße standen. »Wir verschaffen uns heute ein Schiff und nehmen Reißaus. Togannah, der sich seit einigen Tagen in unserer Gruppe befindet, hat mir so manches erzählt.«

»Was zum Beispiel?«

»Hm, daß zwischen hier und Madras ein Fürstenschloß liegt, in dessen Ringmauern früher der Göttin Kali Menschenopfer gebracht worden sind.«

»Und was kümmert das uns?«

»Togannah sagt, daß die alte schreckliche Gewohnheit bis auf den heutigen Tag fortbesteht. Ganz im geheimen natürlich. Weshalb mißtrauen wir beide dem Zwerge so vollständig, Richard? – Es ist eine innere Stimme, die vor der Gefahr warnt! Vielleicht hat er uns mitgenommen, um seiner Gottheit ein Menschenopfer darzubringen.«

»Ach, Torheit!«

Aber indem er das sagte, schlug sein Herz doch schneller.

»Denke dir einmal diesen Fall,« fuhr Oskar fort, »und frage dich, ob es trotzdem unsere Pflicht ist, freiwillig in der Gewalt des Zwerges zu bleiben?«

Richard schüttelte ärgerlich den Kopf. »Sobald bessere Beweise vorliegen als nur das Geschwätz Togannahs,« sagte er, »sobald wir selbst begründeten Verdacht schöpfen, hört natürlich für uns jede Verbindlichkeit auf.«

Oskar faßte plötzlich seine Hand. »Ich bitte dich,« rief er, »laß es heute sein!«

»Das ist unmöglich.«

Der andere schwieg, und während des ganzen Weges wurde nicht mehr gesprochen; auf den Seelen beider lag eine drückende Stimmung. Sie kamen an den Mahrattenwall, die stattliche alte Festung Kalkuttas und später durch die schöne, ganz im europäischen Stil erbaute Stadt bis zum Tempel der Göttin Kali, wo die Opfertage in einer ganz besonderen, von der des Wagenfestes völlig verschiedenen Weise gefeiert wurden.

Das Innere des geräumigen Götzentempels mit dem abscheulichen Zerrbilde der Bhawani glich einer weiten Trödelbude. Zimmerleute schleppten Balken, Sägen, Äxte und Hobel zusammen, Maurer den Kalk nebst Steinen und Kelle, die Schuster ihre Böcke, ihre Pfriemen und Pechdrähte – ja die frommen Hausfrauen hatten sogar alles, was sonst die Küche schmückt, heute im Allerheiligsten aufgestapelt, Eimer und Besen, Aschenbehälter und Kochtopf. Eine Anzahl Artilleristen brachte eine riesige Kanone, und sogar Schulkinder kamen mit ihren Tafeln.

Nachdem reichlich Weihwasser über die Sachen geträufelt worden war, kniete jeder neben seinem Besitztum auf dem Steinboden und betete, dann schleppte er die Sachen wieder hinaus. Immer neue kamen hinzu, die Massen drängten sich, das Weihwasser in den Kesseln der Brahminen mußte fortwährend ersetzt werden, so sehr wurde es begehrt.

»Jeder unter diesen Gläubigen will in seinem Fache gesegnet sein,« sagte ein Mann, der neben unseren Freunden stand, »daher zeigt er dem Bilde der Bhawani das Handwerksgerät oder was es sonst ist und opfert später eine schwarze Ziege, um Erhörung zu finden.«

»Also die Opferfeste kommen erst später?«

»Am siebenten oder achten Tage.«

Sie dankten und besahen sich dann das Getriebe auch draußen. Eben traf ein eingeborener Radscha ein, der aus dem Binnenlande nach Kalkutta kam, um das Durga-Pudscha-Fest mitzufeiern.

Voran liefen vierundzwanzig weißgekleidete Diener mit brennenden, einen starken Wohlgeruch verbreitenden Fackeln, dann kam auf dem Elefanten der fürstliche Gebieter.

Von dem Rücken des mächtigen Dickhäuters herab hingen zu beiden Seiten Gestelle oder Stufen an bunten Schnüren; darauf saßen je zwei und zwei Herolde, in deren Händen die Fahne mit den fürstlichen Farben sich bei jedem Luftzug bauschend hob. Ganz oben stand der Tragsessel des Fürsten, eine Art Tempel mit Kuppeldach, den sechs schlanke Säulen trugen. Die durchbrochene Arbeit der halbhohen Wände und des geschweiften Daches war ganz weiß, ebenso die seidenen Polster und das Festgewand des Herrschers. Nur im Gürtel blitzten zahlreiche große Diamanten, sonst trug der alte Herr keinen farbigen Schmuck.

Neben ihm im Tempelbau saßen zwei Minister, während hinter dem Elefanten das Reitergefolge, in allen Schattierungen des Regenbogens glänzend, unabsehbar die Straße füllte, begleitet von den schallenden Klängen einer Musikkapelle, die unberitten war.

Vor dem Kalitempel hielten die Fackelträger und bildeten zwei Reihen. Es gewährte einen prachtvollen Anblick, die vielen vornehmen, so reich geschmückten Männer sich ansammeln und in demutvoller Haltung die Pforte überschreiten zu sehen. Oskar und Richard eilten ihnen sogleich nach, um von dieser seltsamen Feierlichkeit nichts einzubüßen.

Als alle Würdenträger des Fürsten im Schiff des Götzentempels versammelt waren, bildeten sie unter Vorantritt des Herrschers einen Zug, der sich gegen das Schreckensbild der gefürchteten und in Demut verehrten Kali langsam fortbewegte. Zwischen Eimern, Besen, Backtrögen und Kinderwiegen ging der Radscha zum Opferaltar und legte, nachdem er sich tief verneigt hatte, sein Schwert auf dessen Stufen, dann besprengte er es mit Weihwasser, neigte sich abermals und betete, indem er die Hände flach zusammenlegte. Nach ihm tat jeder einzelne Adelige seines Gefolges das gleiche.

Es war also ohne Zweifel ein Kriegszug, zu dem hier der Segen der Bhawani besonders erfleht wurde.

Richard und Oskar begaben sich wieder zur Herberge zurück.

Tippoo lächelte wohlgefällig, als er sie sah. »Setzt euch und eßt,« rief er, »ihr müßt einen Mordshunger haben. Hier ist Dal, Fleisch und verschiedene Früchte! – Nun erzählt, wie euch der Kalitempel gefiel?«

»Warst du noch nicht darinnen?« fragte Richard.

Tippoos verschmitztes Gesicht wurde plötzlich ernst. »Ich bringe meine Schlangen alljährlich vor das Auge der Allmutter,« sagte er, »auch Hondin hat bisher immer sein Tier einsegnen lassen.«

»Hilf Himmel, er hat den Elefanten in den Tempel geführt?«

»Ja – weshalb nicht? Die Allmutter hört jede Stimme, auch die des vernunftlosen Wesens.«

Richard nickte.

Der Mahaut hatte kein Wort gesagt; er rauchte und sah stumm vor sich hin. Als ihn Richard später fragte, ob Dschumbo in diesem Jahre wieder den Tempel besuchen werde, schüttelte er den Kopf.

Während der folgenden Tage wurden die Vorstädte besichtigt, und unter diesen besonders die schmutzige und aus erbärmlichen Lehmhütten bestehende »schwarze Stadt«. Sie eilten so schnell wie möglich hindurch und langten in Diamond Harbour an.

Blau und unendlich dehnte sich der Ozean, Schiff an Schiff blähte die Segel oder wirbelte lustig den schwarzen Dampf aus dem Schornstein empor, rot und weiß grüßte Hamburgs Flagge herüber.

Oskars Stimme zitterte vor Aufregung. »Wir könnten ein Boot nehmen,« sagte er unwillkürlich – »in wenigen Minuten wären wir an Bord.« Aber Richard wollte nichts davon wissen, und so begaben sie sich denn wieder zur Stadt zurück.

In Kalkutta waren mittlerweile die Gebetstage zu Ende gegangen, und die Volksbelustigungen nahmen ihren Anfang.

Der größte Platz der Stadt war von Zuschauern ganz gesäubert. Alles Volk stand im Umkreise auf Hausdächern und Gerüsten, die zu diesem Zwecke angefertigt waren. Alles sah gespannten Blickes auf ein Zelt, das, rings umschlossen, in der Mitte des Platzes lag. Sämtliche Straßen waren offen gehalten, und auch hier drängte sich die Menge zu beiden Seiten. Man lachte jetzt schon; das zu erwartende Schauspiel schien eine ganz besondere Zugkraft zu entwickeln.

»Was ist es?« fragte Richard Hondin, der sich an seiner Seite befand.

Der Mahaut zuckte die Achseln. »Nichts Unrechtes oder Lästerliches,« antwortete er, »aber du als Abendländer wirst es doch nicht nach deinem Geschmack finden. Bemerkst du in den Händen der Versammelten Blumen, Fahnen, Rauschgold und kleine Stöcke? – Nun wohl, die Nutzanwendung dieser Gegenstände wird dir sogleich sichtbar werden.«

»Aha!« setzte er hinzu. »Da hast du es.«

Die Tür des geheimnisvollen Zeltes wurde geöffnet, und hinaus auf den Marktplatz stürzten, offenbar von kräftigen Fäusten getrieben, zwei Ochsen mit Blumenkränzen auf den Köpfen und Gewinden von Laub und Rosen am ganzen Körper. Sie hielten die Köpfe gesenkt und hatten die Schwänze hoch erhoben. In luftigen Sprüngen taumelten sie einher, zuweilen fallend, zuweilen gegeneinanderrennend, als trügen sie Binden vor den Augen.

Ein brausendes, weithin schallendes Gelächter, tausend Zurufe und Händeklatschen von seiten der Bevölkerung empfingen die beiden Hörnerträger.

»Was ist es mit den Tieren?« fragte Richard. »Sie taumeln ja!«

»Merkst du es nicht? Der Spaß ist sehr plump; man hat diese Ochsen mit Dattelwein trunken gemacht.«

Richard schüttelte den Kopf. Der Anblick der beiden Tiere war empörend; sie stießen sich mit den Köpfen, fielen auf das Pflaster und drehten sich im Kreise, immer angefeuert von dem Jubel der Zuschauer, mehr und mehr erhitzt durch den Lärm und die bunten Fahnen, die ihnen von allen Seiten entgegen geworfen wurden. Hier knisterte Rauschgold, dort flog durch die Luft eine ganze Wolke von Rosen, Pistolenschüsse knallten, Geschrei und Zurufe tönten unaufhaltsam aus den Reihen des Volkes, so daß endlich die Munterkeit der erschreckten Ochsen in zornige Aufwallung überging.

Unter dem Torbogen eines Hauses erschien jetzt ein Reiter auf flinkem Pferde. In der Rechten hielt er eine Pistole, in der Linken ein rotes Tuch. Pfeilschnell näherte sich der Pony den kämpfenden Hörnerträgern. Der Schuß fiel, Pulverdampf umhüllte die Köpfe, und das Tuch lag auf den schnaubenden Nüstern. Ebenso schnell, wie er gekommen war, eilte der Reiter zur entgegengesetzten Seite des breiten Platzes.

Ein lautes donnerndes: Hai! Hai! der Zuschauer begleitete ihn.

Die erschreckten Ochsen fuhren auseinander. Sie warfen mit den Hörnern Steine aus dem Boden, ihr wütendes Gebrüll erschütterte weithin die Luft, das rote Tuch wurde von den beiden Kämpfern zu Fetzen zerrissen.

In diesem Augenblick kam von der anderen Seite des Platzes ein neuer Reiter, dann ein dritter und vierter. Sie schossen alle und warfen Gold und Blumen und kleine aufzischende Feuerwerkskörper neben den Tieren zu Boden.

Einer der Büffel setzte sich in Galopp. Er taumelte, schwankte, drehte sich um die eigene Achse, aber er gelangte doch in eine Seitenstraße, wo ihn sofort ein Blumenregen, Hunderte von kleinen Stöcken und Fahnen empfingen. Brüllend machte er kehrt. Ein halbes Dutzend Reiter begleitete ihn; schneller und immer schneller folgten knatternd und knisternd die Schüsse mit losem Pulver. Sinnlos jagten die Tiere hierhin und dorthin.

Das allgemeine Vergnügen erreichte den Gipfelpunkt. Aus dem Wirrwarr von Tönen, Farben und Formen trat nichts einzelnes mehr heraus.

Auf dem Marktplatze erschienen jetzt Reiter mit großen Messern und gaben den zu Tode gehetzten Tieren den Gnadenstoß. Sie wurden am Spieße gebraten, und nun gab es einen Freischmaus, bei dem der gesamte Pöbel der großen Stadt die besten Stücke an sich zu reißen suchte, während alle anständigen Eingeborenen diesem Gelage fernblieben.

Und nun war denn auch für den Zwerg und seine Begleiter die Stunde der Arbeit gekommen. Richard und Oskar trommelten, handhabten das Glockenspiel und sammelten, Togannah zeigte Taschenspielerkunststücke und Tippoo tanzte mit den Schlangen.

Das Durga-Pudscha-Fest war zu Ende, und die Reise von Kalkutta nach Madras nahm ihren Anfang.

Togannah hielt die Augen weit offen. »Hier herum liegt das Schloß, in dem Menschenopfer dargebracht werden,« flüsterte er. »Die Bhawani bekommt offen im Tempel zu Kalkutta ihre Ziegen, weil von den Faringi kein anderes Opfer mehr gestattet wird, aber man holt das Versäumte heimlich nach. Die großen Feste verbergen sich in den Kellern der Fürstenschlösser.«

Richard schüttelte ungläubig den Kopf. »Hirngespinste!« sagte er. »Das sind so die Geschichten, mit denen alte Frauen einander in Schrecken setzen. Es gibt keine Thugs mehr.«

Togannah lächelte überlegen. »Es gibt am Ganges, tief im Herzen von Bengalen noch ganze Dörfer, in denen die Würger leben, wo sich vom Vater auf den Sohn der Dienst der heiligen Phansi vererbt. Das weiß ich besser. Von hinten her legt sich die Schlinge um deinen Hals, und du behältst keine Zeit, auch nur einen Schrei auszustoßen. Wiege dich nicht voreilig in Sicherheit, Faringi!«

Damit verschwand er und ließ unseren Freund ziemlich bestürzt zurück. »Unsinn das mit den Menschenopfern,« brummte Richard, »Unsinn!«

Aber doch blieb in seiner Seele eine geheime Unruhe, die ihn beständig horchen und achtgeben ließ.

Dschumbo trug zwei Tage lang die kleine Gesellschaft durch das blühende Land, ohne daß irgendein Ereignis die Ruhe gestört hätte. Man übernachtete in den friedlichen Hütten der Bauern, und Tippoo sprach von der Ankunft in Madras.

»Dann verlaßt ihr euern alten Freund, nicht wahr, Faringi?«

Und als beide schwiegen, setzte er hinzu: »Ich möchte euch einen recht ernstgemeinten Vorschlag machen.«

Richard horchte auf. »Und der wäre?« fragte er.

Tippoo wiegte sich in den Hüften.

»Ich werde alt, Faringi,« sagte er nach einer Pause. »Die Füße verlangen nach dem bequemen Polster, Auge und Ohr stumpfen ab, die Hand erlahmt. Ich habe kein Weib, Faringi, keinen Sohn. Bleibt ganz bei mir, meine Jungen, das ist besser als das Seelenleben. Ihr verdient gut, seid eure eigenen Herren, lernt die Welt kennen und erfahrt manches Geheimnis, von dem ihr euch jetzt noch nichts träumen laßt! – Natürlich gibt es vom ersten Tage an eine anständige Bezahlung, das brauche ich kaum hinzuzufügen. Kommt, Kinder, schlagt ein – wollt ihr?«

Oskar lächelte nur, er sprach keine Silbe.

Richard dagegen schüttelte den Kopf. »Nein, Tippoo,« sagte er, »das ist unmöglich. Ich danke dir für die gute Absicht, aber annehmen kann ich den Vorschlag nicht.«

In den tiefliegenden Augen des Zwerges blitzte es auf. »Weshalb nicht?« fragte er rasch.

»Weil ich mein Vaterland, mein Volk nicht aufgeben will, Tippoo. Ich bin ein Deutscher, wie könnte ich also zum indischen Schlangenbeschwörer werden?«

»Warum nicht? Man wird das, was gute Einnahmen verspricht.«

Richard lächelte. »Schenke dein Wohlwollen einem anderen, Tippoo, einem Inder, wie du es selbst bist, und er wird dir aufrichtig danken. Togannah zum Beispiel!«

Tippoo zerbiß die Pfeifenspitze. »Du willst es wirklich nicht?« fragte er nach einer Pause. »Besinne dich – der Mensch steht oft an einem Scheidewege, ohne es zu wissen.«

»Das mag sein, und ich muß mein Los auf mich nehmen, falle es, wie es wolle. In Madras geht unser Vertrag zu Ende, Tippoo.«

»Gut,« nickte der Zwerg, »gut. In Madras, jawohl, in Madras.«

»Unser Dank bleibt dir indessen ungeschmälert,« fuhr Richard fort. »Du hast uns einen großen Dienst geleistet, Oskar und mir, das werden wir dir nie vergessen.«

Am Abend des dritten Tages erschien im Zwielicht zur Seite der Straße ein hoher, alleinliegender Berg, auf dessen oberer Fläche ein Schloß mit Mauern und Zinnen zum Himmel emporragte.

Mehrere große Kanonen streckten ihre Mündungen der Straße entgegen; hoch oben lief durch die Luft von Eckturm zu Eckturm eine schwebende Brücke.

»Hier bleiben wir zur Nacht,« sagte Tippoo. »Die Dienerschaft ist angewiesen, allen Reisenden Obdach zu geben. Vielleicht bedarf auch der eine oder andere meiner Hilfe. Siehe da, es kommen noch mehr Leute, die auch ein Unterkommen suchen!«

Von der entgegengesetzten Seite des Weges her nahte ein Reiterzug von wenigstens zwanzig oder dreißig Männern, die mehrere schwerbeladene Kamele mit sich führten. Sie hatten die Gesichter mehr als halb verhüllt und trugen am Gürtel und in den Händen die verschiedensten Waffen. Als der Anführer einen Seitenweg einschlug, um auf den Schloßhof zu gelangen, vollführte er mit der Rechten eine seltsame Bewegung. Es sah aus, als habe er einen Gegenstand ergriffen und drehe ihn jetzt mit der vollen gekrümmten Hand plötzlich um. Schnell wiederholte der Zwerg die Bewegung, dann ritten alle, ohne sich weiter um einander zu bekümmern, den Weg hinauf.

Richards und Oskars Blicke begegneten sich, aber doch wurde kein Wort gewechselt. Ein Zeichen, ein Gruß zwischen Bundesgenossen – sie dachten es beide.

Ein breiter Weg führte fast um die Hälfte des Berges herum und dann, schmäler werdend, hinauf zur Höhe.

Der weite Hof war erleuchtet und mit der ganzen verschwenderischen Fülle indischen Reichtums ausgestattet. Als Dschumbo stillstand, erschien ein Diener mit einer Fackel, die er hoch empor hielt und den Ankommenden scharf in das Gesicht sah.

»Du bist es, Tippoo!« sagte er.

»Ich selbst, Sen-Sen, mein Lieber. Ist der Fürst zu Hause?«

»Ja, er befindet sich hier.«

»Ach, gut, dann bitte ihn, daß wir diese Nacht hierbleiben können!«

Der Diener nickte. »Es ist schon gut,« versetzte er, »Ihr könnt bleiben. Mein Gebieter, der allergnädigste Radscha Keschub Agarri weist keinen Wanderer von seiner Tür. Führe deinen Elefanten nur in den Stall, Mahaut!«

Er ging voran, und Hondin lenkte das Tier über eine weite freie Fläche zum Hintergebäude. So viele Spuren auch der Weg gezeigt hatte, so viele Pferde und Kamele auch den Reisenden vor dem Schloßtore begegnet waren, hier fand sich weder Mensch noch Tier, es schien alles wie ausgestorben.

Tippoo stieg als erster von der Leiter, aber er blieb neben dem Elefanten stehen, bis ihm die übrigen in das Schloß folgten. Eine geräumige Kammer wurde der kleinen Gesellschaft als Wohnraum angewiesen. Der Diener brachte Wolldecken und ein reichliches Nachtessen, zündete auch eine Lampe an und trug frisches Wasser herbei, dann wünschte er gute Nacht und ging fort.

Tippoo aß hastig wie jemand, der eine bestimmte Zeit zu verfehlen fürchtet. »Ich muß den Fürsten noch sprechen,« sagte er endlich, »meistens gibt mir Keschub Agarri nach Madras diese oder jene Bestellung mit, wobei ich immer ein hübsches Stück Geld verdiene. Legt euch nur schlafen, Kinder!«

Dann ging er hinaus und bald nach ihm auch der Mahaut, so daß die drei jungen Leute allein blieben. Richard horchte angestrengt. Alles war totenstill, es regte sich weit und breit nicht das mindeste, es erklang kein Geräusch irgendeiner Art.

Togannah lehnte am Fenster. Jetzt öffnete er es und ein Sprung brachte ihn hinaus auf den Hof. Er sah umher, er spähte und horchte, dann trat er wieder zurück in den Lichtkreis der engen Fensteröffnung. Sein Blick suchte denjenigen Richards, sein Finger legte sich auf die Lippen.

»Komm!« sagten die lebhaften blitzenden Augen.

»Nein!« antwortete eine stumme Gebärde.

Togannah bewegte die Hand zum Abschiedsgruß. Noch ein letztes Winken, ein Lebewohl, dann war er verschwunden.

Hitze und Kälte wechselten in Richards Adern. Togannah würde nicht zurückkommen, er wußte es. Weshalb flüchtete der Inder und weshalb war alles um sie her so unnatürlich still und menschenleer?

Draußen vor dem offenen Fenster bewegte sich ein Schatten. Hondins hohe Gestalt, sein schönes, ernstes Antlitz wurden sichtbar. Er winkte dem jungen Deutschen.

Richard sprang hinaus an die Seite des Elefantenführers. »Nun, Hondin, was gibt es? Droht uns eine Gefahr?«

Der Mahaut führte ihn schweigend zum Stalle. Da standen die beiden Körbe mit den Schlangen und neben diesen lag gehäuft auf dem Fußboden alles, was dem Zauberer gehörte, seine Kräuter, Arzneiflaschen und Kleidungsstücke, sogar sein bares Geld; der Sattel aber war auf Dschumbos Rücken befestigt und die Leiter angelegt. Hondins Hand streichelte das Tier.

»Richard,« sagte er mit eigentümlich veränderter Stimme, »du weißt, daß das Reittier jedes Asiaten sein besonderes Geheimnis besitzt. Auch mein Elefant hat sein Geheimnis! Ich will es dir heute abend um eines sehr ernsten Zweckes willen anvertrauen, – du und Oskar, ihr müßt flüchten, jetzt gleich – rufe ihn, dann führe ich den Grauen bis zum Wege und flüstere dir das Wort ins Ohr. Ehe Minuten vergehen, seid ihr in völliger Sicherheit. Den in vollem Laufe galoppierenden Elefanten holt kein lebendes Geschöpf ein.«

Richard erschrak nicht.

»Was mich betrifft, so gehe ich ohne dich auf keinen Fall, Hondin. Komm, – wir bleiben beieinander, es geschehe, was da wolle.«

Der Mahaut legte plötzlich beide Arme um Richards Nacken. »Glaube mir doch,« bat er eindringlich, »glaube mir, Kind, ihr müßt ohne mich flüchten, ich sage: ihr müßt! Man wird sich nicht eben sonderlich bemühen, euch allein wieder einzuholen, mich dagegen verfolgt man bis an das Ende der Welt – ich gefährde euer Leben, wenn wir beieinander gesehen werden.«

Richard nickte. »Ich dachte es mir,« antwortete er. »Du bleibst, um unsere Flucht zu decken. Und gerade das ist es, was ich nicht will.«

Hondins blasses Gesicht färbte sich mit schnell verschwindender Röte. »Du ahnst nicht, wie viele Widersacher hier versammelt sind,« flüsterte er. »In den Tiefen des Berges befinden sich augenblicklich mehr als zweitausend Männer, die alle –«

»Thugs sind, ich weiß es, und sie feiern in den Kellern dieses Schlosses das eigentliche Fest der Göttin Kali, indem sie ihr Menschenopfer bringen, – du bist Mitglied des Bundes –«

Hondin schüttelte den Kopf. »Nein!« stammelte er.

»Ich glaube es dennoch. Hondin, lieber guter Hondin, sage dich los von dem Greuel der finstersten schrecklichsten Verirrung, – fliehe mit mir, ich bitte dich. Das entsetzliche Bild der Bhawani, die Spitzaxt, die Schale und die Schlinge, ich habe es alles in deinen Händen gesehen, damals in der Eingeborenenstadt von Bombay, als ihr opfertet; du –«

»Richard – das hättest du gesehen?«

»Ja. Ich schlich euch nach, um mich zu überzeugen, wohin ihr ginget.« Der Inder rang die Hände. »Laß es,« sagte er, »laß es, ich darf davon nicht sprechen. Geh und denke an mich wie an einen Gestorbenen.«

»Und du wolltest zu den Thugs zurückkehren, wolltest ihre Blutfeste mitfeiern?«

»Nimmer! – Nimmer! Das gelobe ich dir. Alles Böse in meinem Herzen, aller Haß und Groll waren bis zum äußersten gereizt, als mir die Faringi meine armen kleinen Kinder raubten und sie den wilden Tieren preisgaben, – ich wollte das Leid, welches ich erlitten, vergelten mit zehntausendfältigem Leide, ich wollte für jede Träne Millionen Tränen erpressen, als Opfer an den unbekannten Gräbern der Meinen. Da tratest du in mein Leben, da sagtest du: ›Hondin, wäre ich zugegen gewesen, ich hätte deine Kinder verteidigt!‹ – das warf mich zu Boden, um dieses Wort liebte ich dich, Richard. Sieh, nun weißt du alles, Kind, du siehst in die Tiefen eines armen zertretenen Lebens. Denke, ich sei dein unbekannter Vater, Richard, und ich bäte dich, fliehe! fliehe! dann wirst du es mir nicht abschlagen können!«

Unser Freund schüttelte den Kopf. »Hondin, wir fliehen miteinander und fallen miteinander, wenn es sein muß, aber ich lasse dich nicht in den Händen dieser lebendigen Teufel. Du bist mein Mayardar, du mußt mir folgen, wenn ich es befehle, – nun wohl, ich will es jetzt.«

In diesem Augenblick erschien auf dem Hofe ein einzelner Reiter, ein hochgewachsener vermummter Mann, dem ein Tiger in lustigen Sprüngen folgte. Hondin zuckte zusammen; schnell wie der Gedanke zog er den jungen Deutschen durch eine Tür im Hintergrunde des Stalles hinaus ins Freie und winkte dann mit der Hand, ihm nicht zu folgen. Im nächsten Augenblick war er zwischen den Rosengebüschen verschwunden.

Richard zauderte. Was sollte er beginnen? Er horchte beinahe atemlos.

Über den Hof ging der Mann, dem das Raubtier leise knurrend, gesenkten Hauptes folgte. Auf ein bestimmtes Klopfen öffnete sich die Tür der vorderen, hell erleuchteten Halle; er trat ein und ebenso geheimnisvoll schloß sich hinter ihm die Pforte. Das frühere Dunkel umgab die Rückseite des Schloßhofes.

Richard war im Begriff, das Zimmer, in dem sich Oskar aufhielt, wieder zu betreten; er sehnte sich nach dem Klange einer menschlichen Stimme, nach Licht und der Nähe anderer. Da tauchte plötzlich vor seinen Blicken die Gestalt des Elefantenführers für einen Augenblick aus den Rosengebüschen auf. Hondin spähte umher, als wolle er sich überzeugen, daß ihn kein Auge sehe.

Dann öffnete er blitzschnell die Tür eines kleinen Lusthauses, trat ein, und schloß ebenso rasch hinter sich wieder ab.

Ein Strom von Hitze rann durch Richards Adern. Ehe er überlegen konnte, hatten sich seine Füße schon in Bewegung gesetzt. Unter der grünen Hecke kriechend, erreichte er das kleine Bauwerk und versuchte die Tür.

Wenige Augenblicke später stand er drinnen. Heller Lichtglanz von außen warf über die Umgebung innerhalb dieser vier Wände ein ungewisses Halbdunkel, bei dessen Schimmer sich im Hintergründe eine zweite Tür erkennen ließ. Richard tastete. Es führte eine schmale Treppe nach unten. Hondin konnte keinen anderen Weg als nur diesen gewählt haben.

Richard folgte ihm kurz entschlossen nach. Der Mahaut kehrte nicht zu den Blutfesten der Thugs zurück, das wußte er, es ließ sich vielmehr annehmen, daß er diese heimlich beobachten wollte, und bei diesem Vorhaben sollte er lieber nicht allein bleiben.

Je weiter Richard in die Tiefen des Berges hinabkletterte, desto mehr wuchs sein Erstaunen. Der Gang erweiterte sich, die Stufen hörten auf, und ein hohes Gewölbe lag vor seinen Blicken. An den Wänden standen Särge, hier der eines Mannes, dort der eines Kindes, dann ein hoher, geschmückter Sockel mit silberner Urne. Steinerne Rosen, wunderbar gemeißelt, umflochten die Urne, Götterbilder und Tierfiguren schmückten alle Wände.

Die Halle war durchschritten. Wieder ging es eine Treppe hinab, in den unheimlichen Schoß der Erde. Hunderte von Stufen lagen schon hinter dem jungen Deutschen, er mußte die ganze Tiefe des Berges bereits durchmessen haben. Jetzt umgab ihn dichte Finsternis von allen Seiten.

Richard tastete sich vorwärts. Er war nicht der Mann, auf halbem Wege stehenzubleiben oder gar kleinmütigem Verzagen Raum zu geben.

Da schimmerte vor ihm wieder ein Licht. Ein ungewisser Schein spiegelte sich an den Wänden. Ein Flämmchen brannte in einer Laterne, die jemand trug.

Richards Herz schlug schneller. Sollte es Hondin sein?

Er war es. Der Inder schlich bis in eine enge Nische, wo er stehenblieb. Richard glitt lautlos durch die Finsternis, ihm nach.

Hondin hatte seine kleine Lampe hinter einem Pfeiler verborgen. Jetzt näherte er sich einem breiten, eisernen Gitter, das den Gang von jener Grotte, die die Helligkeit ausstrahlte, vollständig abschied. Er faßte vorsichtig einen schweren Bolzen, hob ihn empor und stieß ihn in einen Ring am Pfosten des Gitters. Jetzt war der Zugang versperrt; aus dem beleuchteten Raume konnte niemand hierhergelangen.

Sobald Hondin dies Werk vollbracht hatte, ergriff er die Lampe und wollte auf demselben Wege, den er gekommen, zur Oberwelt zurückkehren. Als ihm dabei der junge Deutsche so unerwartet entgegentrat, blieb er, wie vom Blitz getroffen, stehen.

»Du hier?« rang es sich kaum verständlich von seinen Lippen.

Richard kreuzte ruhig die Arme. »Ich sagte dir ja, Hondin, wir bleiben beieinander. Was geht übrigens da drüben vor?« setzte er hinzu.

»Das brauchst du nicht zu sehen, Kind. Oh, ich möchte deiner schuldlosen Jugend eine entsetzliche Erinnerung ersparen! – Komm, komm, wir müssen eilen!«

Aber Richard winkte ihm ein Nein. Er war einmal hier und wollte nun auch die Geheimnisse der Felsenburg gründlich kennenlernen.

In dem gewaltigen Rund da hinten befanden sich Tausende. Auf einem Sockel von schwarzem Marmor stand das über zehn Fuß hohe Bild der furchtbaren Göttin Kali. Das Steinbild trug echte Wolfszähne und als Geschmeide zwei ausgestopfte Schlangen, sowie Schnüre von Menschenschädeln. Im Haar kauerten Eidechsen, über den ganzen Körper waren Blutflecke verbreitet.

Rings um dies scheußliche Wesen her zog sich am Boden ein breites Halbrund von Blumen, auf denen die Abzeichen der Verbrüderung lagen, Schlinge, Seidentuch, Messer und Spitzaxt; dann folgte ein zweiter Kreis, in dem Fruchtkörbe standen, Schalen mit Backwerk und große Krüge voll Dattelwein. In einer Vertiefung brannte das heilige Feuer, bei dem zwei Männer Wache hielten. Von Zeit zu Zeit gossen diese eine helle Flüssigkeit in die Flammen, worauf sich jedesmal ein starker, beinahe betäubender Geruch entwickelte.

Alle Anwesende trugen den Kopf vermummt. Die Priester weiß, die übrigen schwarz. So viel Richard sehen konnte, befand sich Tippoo nicht unter den Versammelten.

Jetzt brachten mehrere Männer auf ihren Schultern eine mächtige Schale aus reinem Golde, bestimmt, zu den Füßen der Göttin stehend das Blut aus den Adern der Opfer aufzunehmen. Andere trugen in Körben die Kostbarkeiten herbei, die während des Jahres zusammengeraubt und denen entzogen waren, die man im ganzen Lande, unter den verschiedensten äußeren Umständen erwürgt hatte.

Als der letzte der Thugs seine Gaben dargebracht hatte, erhob sich aus der Menge eine hohe, schlanke Männergestalt und trat dicht vor den Altar zu Füßen des Bildes. Augenblicklich verstummte das Murmeln ringsumher.

Der Mann streckte beide Arme zu der Göttin empor. »O Kali!« rief er, »große Göttin Bhawani – gib uns jetzt das Zeichen zum Anfang!«

Mehrere Männer, an deren Verhüllungen breite Goldbänder blitzten, die Obergurus oder vornehmsten Tempeldiener trugen eine schwarze Ziege herbei, schnitten ihr den Hals ab und steckten den linken Vorderfuß in das zuckende Maul. Dann beobachteten sie die unsicheren, schwankenden Bewegungen dieses hin und her geworfenen kleinen Gliedes.

Zuletzt fiel es, gegen die Seite des Götzenbildes gewendet, zu Boden. Der Oberguru sprach mit lauter Stimme die Worte: »Das Zeichen ist günstig. Kali blickt in Gnaden auf ihre Anhänger!«

Lautes Freudengeheul antwortete. Hier und da flog eine Verhüllung zu Boden. Junge und alte Köpfe kamen zum Vorschein, Gesichter, die ebensowohl den höchsten als den niedrigsten Ständen angehörten.

Als erst einmal verschiedene Kappen und Überwürfe gefallen waren, da packte die Tollheit einzelne unter den Versammelten dermaßen, daß sie alle Kleider vom Leibe rissen und in diesem Zustande hin und her durch das Feuer sprangen, wobei sich natürlich entsetzliche Brandwunden bildeten, die aber weder beachtet noch verbunden wurden, im Gegenteil den Stolz der wahnwitzigen Menschen zu erregen schienen. Andere bohrten spitze Nägel durch ihre Wangen, Lippen und Zunge, schnitten hier und da in den Körper hinein, daß das Blut hoch emporspritzte, oder liefen mit flammendem Haar und Bart umher, während sich besonders eifrige von ihren Freunden einen starken eisernen Haken in die Seite bohren ließen und dann an langer Kette über dem Feuer hin und her schwenkten.

Aus der Tiefe des Hintergrundes tönte halblauter, unheimlicher Gesang. Die Versammlung beharrte in vollständigstem Schweigen, die singenden Männer kamen näher und immer näher, ihre Stimmen erhoben sich lauter, bis sie brausend anschwollen –dann erschien ein seltsamer schauerlicher Zug.

Die Menge trat ehrerbietig auseinander, alle Stirnen senkten sich.

Voraus gingen sechs vom Kopf bis zu den Füßen weißgekleidete Chams, dann kamen sechs Beckenträger, die mit ihren Instrumenten das feierliche, zum Lobe der Göttin Kali vorgetragene Lied begleiteten, und hinter diesen vier schwarzvermummte Männer, auf deren Schultern eine Bahre lag.

Vor dem Altar der Bhawani wurde sie zu Boden gesetzt. Die Gesänge verstummten, die Decke wurde herabgezogen, und auf der Bahre zeigten sich die an Händen und Füßen mit Stricken umschnürten frischen Leichname zweier Männer. Es waren Parsi und ältere Leute, sehr reich, wie man an ihrer Kleidung sah, und sehr vornehm.

Zwei Männer ergriffen die Leichen an den Schultern, zwei andere an den Füßen; so wurden sie auf die Marmorplatte über der Opferschale gelegt. Als man ihnen die Kleider vom Leibe schnitt, zeigte sich die seidene Schnur, die dem heiligen Gebrauche der Thugs gemäß das Opfer ohne Blutvergießen tötet.

Der Oberguru tauchte den Zeigefinger in die goldene Schale, auf deren Grunde sich etwas Blut befand, und zog damit über die Stirnen der beiden Toten einen Streifen, dann winkte er seinen Gehilfen. Die Schlinge wurde entfernt und ein dreieckiges spitzes Messer in die Halsader der Erdrosselten gebohrt – ein heller Blutstrom rann in das Opfergefäß. Dann folgten den beiden ersten Opfern zwei weitere und so fort, bis zehn Leichen ihres Blutes beraubt worden waren.

Jetzt war die Schale gefüllt bis zum Rand.

Der Oberguru winkte, die Körper der Geopferten fortzutragen, dann gab er ein Zeichen mit der Hand, worauf plötzlich alle Vermummungen fielen. Einer nach dem anderen traten die Thugs an das goldene Gefäß und erhielten von dem Oberpriester das Zeichen der Weihe, nämlich eine Berührung mit dem noch warmen Blute schuldlos hingemordeter Mitmenschen.

Als der letzte der Versammelten die schreckliche Weihe erhalten hatte, bildete sich vom Altäre bis zum Hintergründe des Raumes eine breite Gasse, und nun erschien im Lichtkreise ein Mann, der dem suchenden Blicke Richards bisher gefehlt hatte, Tippoo, der Zauberzwerg.

Seine Schlangen umwanden ihn von allen Seiten. Sie züngelten und richteten sich steil an den Schultern ihres Meisters empor, sie zischten laut beim Anblick so vieler Menschen. Man erkannte unschwer, daß die Tiere seit mehreren Tagen keine Speise erhalten hatten.

Langsam tanzte Tippoo siebenmal um den Altar der Bhawani herum, immer die Flöte blasend und den Kopf nach dem Takte wiegend, dann stand er endlich vor der goldenen Schale still.

Die Schlangen zischten immer lauter.

Der Oberguru trocknete seine blutüberströmten Hände. »Jetzt kommen die weißen Gefangenen der Göttin,« sagte er, »Tippoo, sind die heiligen Schlangen des Tempels bereit, das Opfer in Empfang zu nehmen?«

Der Zwerg nickte. »Zwei schöne kräftige Knaben harren des Augenblickes, wo ich sie rufen und hierherführen werde,« versetzte er. »Die Schlangen haben seit vorgestern nichts gefressen. Befiehl, o Guru, und das Opfer kann beginnen.«

»Noch nicht,« versetzte der Priester, »es ist ein anderer Weißer da, den ich selbst brachte, ein Faringi aus den Reihen unserer Bedrücker. Er soll zuerst mit den Zähnen der heiligen Schlangen Bekanntschaft machen.«

Ein Murmeln der Befriedigung erhob sich rings im Kreise. Der Guru winkte. Sechs Chams brachten einen englischen, an Händen und Füßen gefesselten Offizier herbei. Im Munde des Unglücklichen steckte ein Knebel; jeder seiner verzweifelten Versuche, sich zu befreien, scheiterte an den unzerreißbaren Fesseln.

Ein kaltes Grauen rann durch Richards Adern. Unwillkürlich trat er etwas näher an das Gitter heran. Es war ihm, als müsse er die Pistole aus der Tasche reißen und hineinschießen in den Haufen der gottvergessenen Mörder, die da das Leben eines weißen Mannes bedrohten.

Man legte den Körper des völlig gefesselten Offiziers auf den Boden, Tippoo kniete daneben. Züngelnd und zischend schossen die Schlangen herab auf das zuckende, von Entsetzen verzerrte Gesicht des Wehrlosen.

Die Menge begann wieder zu singen. Richard war einer Ohnmacht nahe. In diesem Augenblick ergriffen ihn kräftige Arme. »Der Gang ist frei,« flüsterte Hondin, »komm rasch, wir haben keine Minute zu verlieren!«

Richard ließ sich ohne Widerstreben fortziehen, seine Kraft war gelähmt.

»Ich war oben,« berichtete Hondin, »es ist alles zur Flucht bereit, Oskar führt meinen Elefanten bis an den Weg und ihr flieht. Ich brauche Gewalt, wenn du dich weigerst.«

Er zog eiligst den Knaben mit sich fort durch die langen öden Gänge, dennoch aber vergingen zehn Minuten, ehe sie die Oberwelt erreichten.

Hondin öffnete die Tür. »Schnell!« flüsterte er. »Hast du jetzt genug gesehen, um die Gefahr zu begreifen?«

Der Mahaut trat hinaus in das Rosengebüsch. »Folge mir,« flüsterte er, »es ist niemand da.« Dann liefen beide über den Hof bis hinab zum Wege, wo Dschumbo ruhig wartend stand. Die Leiter lehnte bereits an seiner stattlichen Seite, aus dem Schatten hinter ihm schlich sich Oskar zögernd hervor.

»Was gab es eben?« fragte er.

»Verrat,« drängte der Elefantenführer, »schnell! schnell!«

»Du willst uns also begleiten? – Ah, das ist gut.«

Im Fluge hatte er den Sattel bestiegen, Richard folgte nach und nun setzte auch Hondin den Fuß auf die Leiter – da nahte das Verhängnis.

Die Haupttür des Schlosses wurde von innen geöffnet, eine größere Anzahl Männer stürzte auf den Hofplatz hinaus und krachend zerriß der Donner eines Büchsenschusses die Luft. Wie Schatten, lautlos, aber in voller Hast näherten sich die vordersten dem Elefanten.

Bild: Karl Mühlmeister

Ein Zucken, das den Körper des Inders plötzlich durchlief, ein halberstickter Schrei von seinen Lippen hatten den beiden jungen Deutschen bewiesen, daß ihr Freund getroffen sei. Zugleich wie auf Verabredung seine Arme ergreifend, zogen sie ihn zu sich empor in den Sattel, als schon die Widersacher mehr als den halben Hofplatz durchlaufen hatten. »Hondin,« flüsterte Richard, »um Gottes willen, Hondin, wie heißt das Geheimnis deines Elefanten?«

Und die Lippen an das Ohr des Grauen legend, hauchte der Mahaut zwei Silben, leise, aber mit eindringlichem Tone: »Eloh!« –

Dschumbo hob den Rüssel, die gewaltige Masse setzte sich in Bewegung und noch einmal, noch dringender raunte ihm Richard das Wort ins Ohr.

»Eloh!«

Als schon die gierigen Hände der Verfolger sich an seinen Körper legten, stürzte Dschumbo den Weg hinab, daß die Erde dröhnte und rechts und links erschreckte Vögel aus ihren Nestern aufflogen. Richard hörte noch, wie eine Stimme rief: »Den Tiger heraus! Ihnen nach! ihnen nach!« – dann hatte der Elefant das Schloß weit hinter sich gelassen und stürmte vorwärts.

»Eloh! Eloh!« wiederholte Richard.

Auf der offenen Straße zu bleiben, wäre gefährlich gewesen; ein leiser Zug der Hand lenkte daher das gutgeschulte Tier hinein in den Wald, über die Ebene mit fußhohem Gras, durch Gebüsch und Felder, vorwärts, immer vorwärts wie die Windsbraut.

Die Feinde brachten jetzt den Tiger auf Dschumbos Spur. Es galt nun, einen Vorsprung zu gewinnen.

Richard sah im Geiste alles, was hinter ihm vorging, er sah die Augen der Widersacher funkeln und hörte das blutgierige Knurren der Raubkatze. Wenn Dschumbo stürzte – welch ein grauenvolles Schicksal war dann seinen Freunden und ihm selbst gewiß. Aber der Tiger kam nicht.

Richard und Oskar sprachen keine Silbe, aber sie waren beide bemüht, den bewußtlosen Inder so sanft als nur möglich zu betten. Die Kugel hatte ihn in die Brust getroffen, und Richard stillte unaufhörlich mit seinen Kleidern, die er in Stücke zerriß, daß fließende Blut. Vielleicht, wenn Dschumbo ermattet zusammenbrach, im Angesichte der Rettung war Hondins Leben entflohen.

Richard spähte und spähte, er dachte nur ein einziges: »Großer Gott, der du alles vermagst, laß Hondins Leben gerettet werden!«

Wie endlos sich die Stunden dehnten! Im Osten erschienen helle Streifen; das Gebrüll eines Panthers klang aus den Dschungeln herüber. Keine menschliche Wohnung war weit und breit zu entdecken. Es konnte unmöglich die Richtung nach Kalkutta sein, die Dschumbo verfolgte; bei diesem rasenden Laufe wäre die Stadt längst erreicht gewesen. Wohin ging die tolle Fahrt? Wo würde sie enden?

»Wasser!« murmelte Hondin, »Wasser!«

In Richards Seele bildete sich langsam eine schreckliche Vorstellung. Wenn der Elefant seine Kräfte verbraucht hatte – und einmal mußte das doch jedenfalls geschehen! – dann war es nicht mehr möglich, die Flucht noch weiter fortzusetzen.«

»Eloh!« rief Richard, dem das Herz zum Zerspringen klopfte. »Eloh!«

Dschumbo hob den Rüssel, ein heiserer Ton antwortete dem jungen Deutschen. Es klang, als wollte er sagen: »Du verlangst unmögliches!«

Und Richard schwieg. Was verschlug denn auch eine Viertelstunde mehr oder weniger? Es war weit und breit keine menschliche Wohnstätte zu entdecken – der nahe Tod sah über die Schultern der Flüchtlinge; in dieser oder jener Gestalt würde er kommen, ehe die andere Nacht zu Ende ging.

Der Panther im Dickicht brüllte immer noch. Ob er den Schritten des ermüdeten Elefanten folgte, ob er schon jetzt die Zähne fletschte im Gedanken an das leckere Mahl?

Dschumbo taumelte, er fiel in Schritt und lehnte endlich den schweren Körper gegen einen Baum. Allmählich zusammensinkend blieb das gewaltige Tier liegen.

Ein Schauder ging durch Richards Adern. Jetzt gab es kein Entrinnen mehr; die offene meilenweite Wildnis umschloß fester als Riegel und Mauern ihre Gefangenen.

Leise den Arm unter Hondins Körper hervorziehend, stand Richard auf und versuchte zu gehen. Ein einziger Gedanke beherrschte ihn, Wasser für den verwundeten Freund zu beschaffen.

Er lief und lief. Endlich gelangte er an ein Hindudorf, zwischen dessen Hütten ein größeres Haus und eine Holzkirche aufragten. Eine Missionsstation! Kaum daß Richard sich dessen bewußt geworden, eilte er auf das Pfarrhaus zu und stand wenige Minuten darauf vor dem Geistlichen. Mit fliegenden Worten erstattete er Bericht und von dem Zustande, in dem Hondin sich befand.

»Kannst du das mir eben Erzählte beweisen?« fragte der Missionar.

»Vollständig.«

»Gut, dann begleite ich dich.«

Vorwärts ging es. Der Missionar hatte Wein und Verbandzeug mitgenommen. Männer mit einer Tragbahre folgten ihm. So erreichte man die Stelle, wo Dschumbo zusammengebrochen war.

Als Oskar, der bei Hondin zurückgeblieben war, die Retter herannahen sah, brach ein Freudenschrei über seine Lippen.

Der Prediger begrüßte ihn freundlich und erquickte ihn mit Speise und Trank. Dann wandte er sich dem schweratmenden Hondin zu, untersuchte seine Wunden und befahl, ihn auf die Bahre zu legen.

Auch Dschumbo erfuhr liebevollste Pflege. Mehrere Eingeborene, selbst Elefantenführer, blieben bei ihm, um durch Futter und Liebkosungen den Riesen zunächst wieder auf die Beine zu bringen.

Dann bewegte sich der Zug mit der Bahre des Verwundeten langsam dem Missionshause zu.

Drinnen bettete man den Leidenden vorsichtig auf ein Lager, während man Richard und Oskar ein reichliches Mahl vorsetzte. Kaum daß sie sich erquickt, erschien der Missionar und berichtete, Hondin habe das Bewußtsein wiedererlangt, sei aber noch außerordentlich schwach. Er werde sogleich einen Arzt aus Kalkutta herbeiholen lassen und zugleich eine Anzeige gegen die Thugs erstatten.

Der Missionar brachte darauf die Schilderungen des Abenteuers, das die beiden Freunde erlebt hatten zu Papier und ließ es sie unterzeichnen, worauf zwei bis an die Zähne bewaffnete Eingeborene forteilten, um es nach Kalkutta zu bringen.

Richard und Oskar eilten jetzt auf kurze Zeit an das Bett ihres kranken Freundes, um stumm seine Hand zu drücken. Der Inder lächelte matt, aber wenn sie ihm von Dschumbos Heldenleistung erzählten, dann überflog wärmere Färbung das blasse Gesicht.

»Dschumbo wird mich vermissen!« flüsterte er. »Mein armes Tier!« Richard hütete sich, die Worte zu verstehen. »Du trennst dich ja nicht von ihm, Hondin,« sagte er tröstend. »Wir sind hier alle sicher geborgen, und sobald deine Wunde geheilt ist, begleitest du uns nach Europa. Ich will Dschumbo noch in Hamburg sehen, da soll er dir ein Vermögen erwerben.«

Hondin schüttelte nur leise den Kopf, ohne zu sprechen. Der Geistliche winkte auch schon den jungen Leuten; sie durften ihn nicht aufregen.

Am nächsten Morgen schien sich Hondin besser zu fühlen, die Wunde brannte nicht mehr so sehr und auch der Kopf war etwas freier. Er hatte mit dem Geistlichen eine lange Unterredung, deren Inhalt zwar niemand erfuhr, aber den doch alle ungefähr erraten konnten. Bruder Körner unterrichtete den armen Sterbenden auf seinem Schmerzenslager in den Heilswahrheiten der christlichen Religion und fand an ihm einen eifrigen, lernbegierigen Schüler.

Der Arzt kam aus Kalkutta. Die Kugel konnte nach seinem Bescheide aus Hondins Körper nicht entfernt werden; er ließ Vorschriften und Arzneien zurück, versprach auch, wiederzukommen, aber er gab dem Geistlichen nur wenig Hoffnung.

»Das Stück Blei sitzt dem Herzen sehr nahe, Bruder Körner,« sagte er, »wenn es sinkt, so ...«

Eine Handbewegung vollendete den Satz. – Der Missionar nickte nur stumm. Die beiden jungen Deutschen würden ihres treuen Beschützers schon sehr bald beraubt sein.

Einige Tage vergingen, ohne daß die Ruhe der einsamen Niederlassung gestört wurde. Dschumbo war ganz wiederhergestellt, er erkannte die Stimme seines geliebten Herrn und streckte den langen Rüssel durchs Fenster hinein, um ihn von der Hand des Kranken streicheln zu lassen, aber er hatte sich auch mit Thumal, Körners Diener, ziemlich gut befreundet.

Zwei Tage später tönte durch die Morgenluft das klingende Spiel einer Militärmusik. Die Leute aus dem Dorfe liefen zusammen. Die Kinder jubelten, feste taktmäßige Schritte näherten sich dem Missionsgebäude, und ein Regiment Infanterie lagerte am Wege, um einige Stunden zu rasten.

Während die Soldaten ihr Mittagsessen bereiteten, erschien Oberst Gordon, der Befehlshaber, mit noch zwei anderen höheren Offizieren im Missionshause und legte den Befehl des Gouverneurs von Bengalen vor, nach dem ihm in den verdächtigen Gegenden der Oberbefehl ohne bestimmte Vorschriften übertragen worden war. Er konnte verfügen, und alle Untertanen der englischen Krone mußten ihm blindlings gehorchen.

Zunächst ließ er sich die beiden Deutschen vorführen.

Oberst Gordon ließ sich die Geschichte jener Nacht in Keschub Agarris Felsenschloß nochmals auf das genaueste wiederholen. Als Richard dazu gelangte, von dem letzten Opfer der Würger, dem jungen englischen Offizier zu sprechen, da trommelten seine Finger in fieberhafter Hast auf die Tischplatte.

»Beschreibe mir das Äußere des Unglücklichen, mein Sohn,« sagte er.

»Er war groß und schlank mit braunem, lockigem Haar, die Augen grau und das Gesicht länglich. Seine Hände erschienen zart wie die einer Dame.«

»Wellesley!« riefen in diesem Augenblick wie aus einem Munde die Offiziere. »Es war George Wellesley, der Unglückliche!«

»Welche Uniform trug der Offizier, den die Thugs ermordeten, mein lieber Junge?«

»Das wollte ich vorhin schon beifügen, Herr Oberst. Es war diejenige, die Sie selbst im Augenblick tragen. Über seine Stirn lief schräg herab eine alte Narbe.«

Der Oberst sah starr auf einen Punkt, er schwieg lange.

»Meine Herren,« sagte dann mit unsicherer Stimme der alte Kriegsmann, »meine Herren, ich habe George Wellesley, als er mit der großen Summe königlicher Gelder in der Tasche so unerwartet verschwand, einen leichtsinnigen, möglicherweise sogar ehrlosen Menschen genannt. Dafür bitte ich ihn jetzt um Verzeihung. Möchte es seiner Seele vergönnt sein, diese Worte zu hören!«

Nach einer Pause sagte der Oberst, indem er seine Mütze ergriff und sich zum Fortgehen wandte: »Du mußt uns begleiten, mein Junge; ich werde dir auf dem Gepäckwagen einen Platz anweisen und dich später wieder hierher zurückbringen lassen.

Dann erhielt Richard einen neuen leinenen Anzug nebst Stiefeln und Wäsche und von dem Geistlichen einen Strohhut. So ausgerüstet sollte er den Truppen als Führer dienen.

Sein Abschied von dem Verwundeten war kurz und herzlich.

»Ihr findet keine Seele,« sagte er. »Das Schloß ist leer von oben bis unten, die Mitglieder des Bundes sind längst in Sicherheit. Sie tragen ihre gewöhnlichen Vermummungen nicht zwecklos. Keiner kennt den anderen.«

Richard hielt die beiden fieberheißen Hände zwischen den seinigen. »Bist du mir böse, Hondin?« fragte er bittend wie ein Kind, »ich gehe ja nur mit den Soldaten, weil ich muß. Sie zwingen mich.«

Der Mahaut schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte er schaudernd, »nein, mein lieber Junge. Möge Keschub Agarris Haus dem Boden gleich gemacht werden, ich wünsche es jetzt selbst. Die Irrtümer, denen sich mein armes Volk hingibt, sind zu furchtbar.«

Er schloß matt die Augen, und Richard küßte ihn, ehe er ging.

Das Regiment bewegte sich nur langsam und mit großen Unterbrechungen vorwärts.

Am fünften Tage lag der Eingang zum Felsenschlosse, wie er ihn in jener Mondnacht gesehen, wieder vor Richards Blicken. Die Soldaten teilten sich in verschiedene Züge, schwärmten aus und umzingelten den ganzen Besitz, so daß, wenn überhaupt Menschen zugegen waren, diese wenigstens nicht heimlich entfliehen konnten.

»Untersucht zuerst das Haus!« befahl der Oberst. »Mir nach, Kinder!«

Er ging mit gezogenem Säbel voran, die Offiziere folgten ihm, und den Schluß bildeten etwa fünfzig Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett; Richard blieb hart an der Seite des Führers.

Die Tür war unverschlossen, und in der Halle stand Sen-Sen, jener Diener, der damals die Reisenden zuerst begrüßt hatte. Kaltblütig fragte er nach dem Begehr der Fremden.

»Ist dein Herr anwesend, Bursche?«

»Nein. Sahib Agarri hat sich auf die Reise begeben.«

»Geh und öffne alle Türen, ich habe den Befehl, dies Haus zu durchsuchen!«

Sen-Sen zog ein großes Schlüsselbund aus einem Kasten hervor und öffnete die Türen.

»Du kannst alles sehen, Sahib Faringi,« sagte er, »mein Gebieter hat keine Geheimnisse.«

»Wo ist der Eingang zu den Kellern?« fragte der Oberst.

»Im Hofe.«

Die Mannschaften verteilten sich in alle Räume, von draußen kamen noch fünfzig Mann mehr herbei, aber dennoch verging eine Viertelstunde nach der anderen, ohne daß auch nur eine Spur entdeckt worden wäre, bis endlich der Oberst selbst in einem Zimmer mit golddurchwirkter Seidentür musternd stillstand. Er nahm den Degen und spaltete rücksichtslos das kostbare Gewebe. Die Soldaten, erbittert durch den Mord an einem sehr beliebten Vorgesetzten, rissen mit beiden Händen den Stoff herab und siehe da – eine Tür lag vor aller Blicken.

»Hurra!« rief der Oberst, »ich dachte es mir!«

Seine Augen suchten den Diener, aber Sen-Sen war verschwunden, als habe ihn die Erde in ihren Schoß ausgenommen.

Wieder ging der Oberst voran, und eine Anzahl von Soldaten folgte ihm. Richard sah die weitgedehnte Halle, die als Versammlungssaal der Thugs diente, im roten Lichte zahlreicher Fackeln; auch der marmorne Sockel des Götzenbildes war da, aber das letztere selbst fehlte, ebenso Schale, Spitzaxt und Schlingen.

Eben wollten die Offiziere den engen unterirdischen Weg betreten, als von draußen her eine Meldung an den Obersten eintraf. »Die Gräber sind gefunden,« hieß es. »Wir haben das des Herrn Leutnant schon geöffnet!«

»Wo? – Ich bitte euch, wo?«

Der alte Soldat bebte. »Ich bitte euch, Kinder, ist denn die Leiche unversehrt?«

Der Adjutant schauderte. »Es sind nur Überreste vorhanden,« antwortete er, »blutige Knochen, ein zernagter Schädel, aber das ganze ist in die Uniform des Ermordeten gewickelt. Wir fanden das Taschentuch unseres armen Kameraden, seine Börse, seine Brieftasche!«

»Also doch! – Doch!«

Er ging schnellen Schrittes die Treppe hinauf, während eine Abteilung Soldaten den Gang durchsuchte. Diesen letzteren folgte Richard, blieb aber etwas zurück, da es ihm schien, als glänzten aus jener Ecke, die ihm damals als Versteck gedient, plötzlich ein Paar Augen hervor.

Schon wollte er den Soldaten eine Warnung zurufen, als plötzlich aus dem Dunkel hervor zwei Hände sich gegen ihn erhoben. »Richard,« sagte eine leise Stimme, »Richard, um der Götter willen, verrate mich nicht!«

Es war Tippoo. Das Gesicht des Zwerges schien geisterhaft blaß, seine Hände bebten. »Gnade, Faringi,« flehte er, »Gnade!«

Richard wandte den Blick. »Lauf!« sagte er mit tiefem Atemzug.

Der ganze Vorgang hatte kaum eine halbe Minute gedauert, Richard konnte den Soldaten nachspringen, ehe sie seine Abwesenheit überhaupt bemerkten.

Trommelwirbel rief draußen die Soldaten zusammen. Der Oberst hatte alle Besitztümer des gemordeten Offiziers als Beweisstücke an sich genommen und dann die traurigen Überreste in einen Soldatenmantel wickeln lassen, um sie im grünen Walde der Erde zu überliefern. Ein Grab wurde gegraben und die Leiche hineingelegt, dann hielt der Geistliche des Regimentes eine ergreifende Rede, bei der Oberst Gordon das Taschentuch vor die Augen hielt und weinte.

Einige Soldaten zimmerten gleich an Ort und Stelle ein Kreuz, das sie auf der Gruft anbrachten, später sollte es durch einen Stein, den die Kameraden dem armen Leutnant zu widmen gedachten, ersetzt werden.

»Das Schloß ist eingezogen im Namen der Königin!« erklärte Oberst Gordon. »Eine Kompanie bleibt hier, bis vom Gouverneur weitere Bestimmungen eingehen, vorerst müssen wir nun den schurkischen Diener einfangen. Wer hat ihn gesehen?«

Es meldete sich niemand. Durch ein geheimes Seitenpförtchen war Sen-Sen entschlüpft – – –

Ein schnell beschafftes Mahl wurde im Freien eingenommen, dann ging es zum Rückmarsch.

Es ging zu der Missionsstation zurück.

Wie eine heimliche Stille lag es auf dessen Umgebung. Die Fenster waren verhüllt, der Weg vom Pfarrhause bis zur Kirche war mit Blumen und abgeschnittenen Zweigen bestreut.

Richards Herz schlug heftiger. Das konnte nur eines bedeuten, daß Hondin in den Tagen seiner Abwesenheit gestorben war.

Er bat den zugführenden Unteroffizier, ihm zu gestatten, vorauseilen zu dürfen, und nun schlich er zu dem Gotteshause hin.

Mit verhaltenem Atem trat er ein. Er sah einen offenen Sarg und neben diesem Oskar. Unter Blumen gebettet, die Hände über der Brust gefaltet, vor dem Altar aufgebahrt, lag Hondin auf seinem letzten Lager.

»Er starb als Christ,« flüsterte Oskar dem Freunde ins Ohr. »Bruder Körner hat ihn getauft. Niemals werde ich den Eindruck dieser Stunde vergessen.«

Richard beugte sich über den Toten und küßte die erstarrten Lippen, während heiße Tränen aus seinen Augen fielen.

»Armer Dschumbo,« flüsterte er nach einer Weile, »was wird aus ihm?«

»Hondin hat ihn dir vermacht.«

Richards Herz schlug hoch auf. Er verstand, was der Heimgegangene dadurch hatte zum Ausdruck bringen wollen.

Am Nachmittage war das Begräbnis. Alles, was zu der kleinen Christengemeinde gehörte, jung und alt, Männer und Weiber, gaben dem Gestorbenen das letzte Geleit. –

Der andere Tag zog herauf, und das Leben machte seine Forderungen wieder geltend. Längere Zeit hier zu verweilen, war für Richard und Oskar untunlich. Bruder Körner riet, sie sollten versuchen, in Kalkutta sich Schiffsdienste zu besorgen, um nach Europa zurückzukehren. Da sie damit einverstanden waren, sandte er einen Brief an einen Amtsbruder nach Kalkutta, mit der Bitte, das Nötige in die Wege zu leiten.

Nach vierzehn Tagen kam die Antwort. Nur ein einziger englischer Kapitän suche Leute, dieser aber gehe nach Sumatra und von dort mit Kaffee nach Liverpool.

Richard nickte. »Einerlei – so nehmen wir dieses Schiff. Morgen reisen wir ab.«

Zum zweiten Male trug Dschumbo auf seinem stattlichen Rücken die beiden jungen Deutschen hinein durch Kalkuttas Tore, wenn auch jetzt sofort zur »weißen Stadt«. Bruder Körner hatte seine Schützlinge dem bewußten Amtsgenossen brieflich empfohlen, und so zogen sie denn bis zu jenem Marktplatz, auf dem bei Gelegenheit des Durga-Pudscha-Festes die betrunkenen Ochsen umhergetaumelt waren.

»Hallo!« rief plötzlich aus einer Seitengasse hervor eine Stimme, »Hallo, Dschumbo! Woher kommst du alter Junge? – Richard, Oskar, da seid ihr ja! Guten Tag! Guten Tag!«

Ein junger Wasserträger, den gefüllten Schlauch auf der Schulter, näherte sich im Laufschritt, und erst als er ganz dicht neben ihnen stand, erkannten die Freunde Togannahs gutmütiges Gesicht. Sie streckten ihm beide zugleich die Hände entgegen. »Guten Tag, du Ausreißer! Wußtest du damals schon, daß Keschub Agarris Schloß als Opferstätte für die Würger diente?«

»Ich wußte es,« gestand er, »in unserem Dorfe wohnten auch Thugs, und man munkelte allerlei. Dir gab ich ja ein Zeichen, Richard.«

»Allerdings,« nickte dieser, »nur konnte ich von deiner Warnung keinen Gebrauch machen, mein guter Togannah!«

»Wie lebst du übrigens hier?« setzte er hinzu. »Was betreibst du?«

»Hm, ich verdiene als Wasserträger mein bescheidenes Auskommen, aber ich bin zufrieden. – Ihr wollt natürlich jetzt wieder Schiffsdienste nehmen?«

»Ja. Es soll in Diamond Harbour ein Engländer liegen, der von hier auf Sumatra geht und von dort auf Liverpool – er sucht Leute.«

Togannah nickte. »Kennt ihr den Mann?« fragte er.

»Nein, leider nicht. Aber es bleibt uns im Augenblick keine Wahl, wir müssen die Katze im Sacke kaufen.«

Togannah schüttelte den Kopf. »Das sollt ihr nicht,« rief er entschieden. »Ich wandere noch heute hinaus nach Diamond Harbour und bringe euch über das Schiff und seinen Führer ganz genaue Nachrichten; ein Eingeborener erfährt dergleichen immer mehr als ihr.«

Sie dankten ihm beide und nahmen Wohnung in einer Herberge. Am Nachmittag dieses Tages folgte dann eine schwere Stunde, die der Trennung von dem Elefanten. Thumal hatte Befehl, so rasch wie möglich zurückzukehren, er durfte daher nicht säumen, sondern ließ den Grauen nur einige Stunden ausruhen und führte ihn später vor das Hoftor, um die Heimreise anzutreten.

Thumal bot ihnen die Hand. »Soll ich alle grüßen, auch die alten Frauen und die Kinder?«

»Alle! Alle! – Leb' wohl, Dschumbo, hab Dank für deine Treue! Leb' wohl, alter Kerl, leb' wohl!«

Der Inder grüßte nochmals, und dann setzte sich das Tier in Bewegung. Richard und Oskar sahen ihm nach, bis eine Biegung der Straße alles verhüllte, den Reiter und den Elefanten.

Am späten Abend kam Togannah. Wie ein Freudenschimmer fiel der Blick aus seinen schlauen Augen auf den Weg der jungen Deutschen, besonders als er sagte, daß die Bark »Elisabeth« ein schönes schnellsegelndes Schiff sei und Mr. Vaughan, ihr Kapitän, ein tüchtiger, überall gern gesehener Mann. An Bord hatte die Cholera gewütet, das ganze Fahrzeug war gereinigt worden, und nun suchte sein Führer eine neue Bemannung; es galt also, sich möglichst rasch zu melden, da ja in jeder größeren Hafenstadt immer Seeleute im Überfluß zu erlangen sind.


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