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IX.

Martha ging mit dem Vater den schneebedeckten Weg zum Hause hinauf. Das Mädchen stapfte mit den Koffern vor ihnen her. Herr Halden war ungewöhnlich aufgeräumt, er schlug mit seinem Stock Kreise in die Luft. Seine Tochter war ihm eine neue Entdeckung. Sie stand ihm jetzt nach der langen Abwesenheit als erwachsene, gleichberechtigte Persönlichkeit gegenüber. Dieses vollerblühte Mädchen mit dem ernsten Zug in dem heiteren Gesicht, war nicht mehr das Kind, das er früher aus dem Institut abgeholt halte. Er war tief innerlich stolz auf Martha, wie sie neben ihm ging als vollendetes Ebenbild seiner verstorbenen Gattin. Immer wieder mußte er sie von der Seite anschauen und mit jedem Blick wuchs seine Freude.

Martha erzählte begeistert von München. Der Takt des fahrenden Schnellzugs lag ihr noch im Ohr und trieb ihre Rede zu einer nervösen Hast an, die ihr etwas Frisches, Kühnes gab, ein Gemisch von Kindlichkeit und Weltgereiftheit. Es war weniger das, was sie sagte – nur die gewöhnlichen Grüße und Verwandtenberichte –, als vielmehr der Klang ihrer Stimme und der Tonfall der etwas angemünchnerten Sätze, was ihn so ansprach.

An der Haustreppe wartete Babette. Martha lief ihr entgegen. Die Alte drückte sie an sich und küßte sie auf die Stirne.

»Aber Kindchen, wie bist du groß und stattlich geworden! Wenn das deine Mutter – Gott hab sie selig – sähe!«

Da kam Bubi um die Hausecke angefegt. Er wußte sich nicht zu halten vor Freude. Martha standen die Tränen in den Augen. Sie neigte sich zu dem Dackel hinunter und streichelte ihn. Der Hund faßte ihren Kleidsaum, als wolle er sie voran ins Haus zerren.

Auf der Treppe blieb Martha stehen und hielt Umschau über die Hügel und Täler, die in winterlichem Abendduft dalagen. Hier und da brannten schon die Lichter in den Häusern auf und zwinkerten ihr freundlich zu, als wollten sie sagen: »Gelt, daheim ist's doch am allerschönsten! Schau wie die Häuschen sich an die Hügel schmiegen, wie Kinder an die Wange der Mutter, wie sie sich ins Tal einkuscheln, wie die Kleinen in die mollige Wiege.«

Als Martha in ihr Mädchenstübchen trat, leuchtete ihr das Feuer im Ofen traulich entgegen und auf dem Schreibtisch stand ein zierliches Myrtenbäumchen.

»Die gute Babette! Sie weiß nicht, was sie mir da hingestellt hat.« Sie streichelte das Bäumchen und die weiße Seidenschleife an seinem Stämmchen und dachte dabei an Otto. Nein, das hätte sie sich nicht träumen lassen, daß das große Opfer ihr so leicht, so leicht gemacht würde. Und wie nett und lieb Papa war! So ganz anders wie früher. Sollte er schon etwas wissen? Jedenfalls mußte sie es ihm heute abend gleich sagen; das hatte ihr Maria noch streng eingeschärft.

Beim Abendessen erzählte der Vater ihr vom Geschäft, von seinen Aussichten und Plänen zur Erweiterung der Fabrik. Er sprach wie mit seinesgleichen. Martha verstand nicht viel davon, aber sie fühlte eine große Freude über des Vaters Vertraulichkeit. Sie spürte, wie er ihr seine Liebe zeigen wollte.

Nach dem Essen – Babette hatte für Martha ihre alten Kinderlieblingsspeisen bereitet – öffnete Martha die Zwischentüre zum Musikzimmer und setzte sich an den Flügel. Sie spielte ein paar Stücke von Chopin, die sie auswendig konnte. Herr Halden lehnte sich behaglich in den Klubsessel zurück und schaute unverwandt auf das große Ölbild seiner verstorbenen Gattin, das ihm gegenüber an der Wand hing.

Martha wurde es immer heißer und heißer. Ihr Herz schlug hörbar. Sie suchte ihre ganze Aufmerksamkeit auf das Spiel zu fesseln, aber ihre Aufregung wuchs von Takt zu Takt. Plötzlich brach sie ab und klappte den Flügel zu.

»Papa, jetzt wollen wir noch ein wenig miteinander plaudern. Ich habe noch etwas auf dem Herzen, was ich dir sagen muß.«

»Wenn du ein Bub wärst, würde ich jetzt auf das Eingeständnis von Schulden gefaßt sein. Da du aber ein Mädel bist, so wirst du wohl ein neues Kleid haben wollen.«

»Ach, Papa, das sind schlechte Witze aus den Fliegenden Blättern. Nein, ich habe dir wirklich etwas Ernstes zu sagen. Es muß doch einmal heraus; deshalb sage ich es am besten gleich jetzt.«

»Kind, du wirst ja feierlich.«

»Ja, Papa, es ist auch etwas Feierliches. Ich liebe einen Offizier in München und er liebt mich.«

»Und um mir das zu sagen, bist du hierher gekommen?«

»Ja und nein. Ich kam, um mich hier in aller Stille bei dir und durch die Hilfe im Haushalt auf die Ehe vorzubereiten.«

»Das sagst du so selbstverständlich und fragst mich nicht einmal, was ich dazu sage.«

»Otto Reiber ist ein herrlicher Mann. Du wirst sicher deine Zustimmung geben. Schau Papa, du willst ja mein Glück. Otto Reiber, Oberleutnant und Kompagnieführer im Münchener Leibregiment, ist mein Glück.«

»Und wann soll die Hochzeit sein?«

»Nicht so kalt, Papa! Davon ist vorläufig noch keine Rede. Wir werden noch oft davon sprechen, und du wirst dich mit Otto befreunden, wenn du ihn einmal näher kennen lernst.« Sie lehnte sich an den Vater und legte ihren Arm um seinen Nacken. »Gelt, Papa, du glaubst deiner Martha, daß sie nichts Unrechtes tut! Du bist heute schon so lieb mit mir gewesen, und ich kann dir nicht sagen, wie wohl mir das getan hat. Deshalb habe ich dich lieb, Papa, wie keinen Menschen auf der Welt. Aber meinen Otto mußt du mir auch lassen.«

»Sei ehrlich, Mädel, den Otto hast du lieber als mich.«

»Nein, Papa, du mußt nicht eifersüchtig sein,« und sie küßte ihn auf die Stirne, »ich bleibe deine Martha, wenn ich auch Otto liebe.«

»Gut, Kind, ich werde mich erkundigen. Aber das eilt ja nicht so. Jetzt geh zu Bett und schlafe dich recht schön aus. Ich danke dir für deine Offenheit.«

Da kam eine große Rührung über Martha. Ihr Vater dankte ihr für etwas Selbstverständliches! Sie war bis in ihr Innerstes erschüttert und sank in die Knie und küßte des Vaters Hände. Jetzt hatte sie zwei Menschen, vor denen ihre Seele in tiefster Verehrung und Anbetung lag. Ein solches Glück hatte sie sich nicht erwartet.

 

In den ersten Tagen duldete Babette nicht, daß Martha die Küche betrat. Sie sollte sich erst von der Reise ausruhen und sich wieder an die Stille des Hauses gewöhnen. Martha hatte noch immer das Rauschen der Großstadt im Gehör und fühlte trotz aller Liebe, die sie vom Vater erfuhr, eine Leere in ihrem Innern. Sie kam sich so kleinbürgerlich nach all dem Glanz der letzten Wochen vor, und fühlte, wie sie sich allmählich wieder nach einem anderen Leben sehnte. Otto stand fast immer vor ihrer Phantasie und so merkte sie nicht, wie sie in dem wenigen, was sie tat, der Laune nachgab, nur das tat, was ihr gerade behagte und ein Buch nach dem anderen naschend durchblätterte. Sie lebte in den Tag hinein und wußte nicht wozu.

Da kam eine Ansichtskarte von Maria. Nur ein Gruß, weiter nichts. Sie erschrak. Wozu war sie denn überhaupt hierhergekommen? Ja, sie mußte etwas tun, irgend etwas arbeiten. Sie ging durch das Haus und staubte mit einem alten seidenen Taschentuch aus Großvaters Zeiten die Bilderrahmen und Möbel ab. Als sie an einem Spiegel vorbei kam und sich so gleichgültig und gelangweilt sah, mußte sie lachen. Sie warf den Lappen in eine Ecke. Nein, mit einer Spielerei wollte sie sich doch nicht selbst betrügen.

Sie stürmte in die Küche und streifte auf dem Wege dorthin die Ärmel bis über die Ellenbogen in die Höhe.

»Babette, jetzt fange ich an zu arbeiten.« Babette lachte laut auf; das Mädchen, das in der Ecke neben dem Herd die Kartoffeln schälte, senkte den Kopf über den Korb und schmunzelte.

Von nun an trat Martha als zweite Kraft in die Küche ein und übernahm das Haushaltungsbuch von Babette. Noch oft wurde ihr die Arbeit zuviel; dann schloß sie sich in ihr Zimmer ein und schrieb Briefe an Maria und alte Institutsfreundinnen und erzählte immer wieder die alten kleinen Erlebnisse im Haushalt und wie sie sich nach München sehne. Oft, wenn sie die Briefe fertig hatte, zerriß sie sie wieder. Nein, so dummes Zeug! Ist ja nur Laune und Zeittotschlagen! Maria schrieb ihr, sie solle alle acht Tage einmal schreiben, aber mehr nicht, sie dächte in den Briefen ja doch nur an Otto.

Allmählich entschwanden die Phantasien und unwirklichen Lebensträume aus ihrem Geist. Sie gewöhnte sich mehr und mehr daran, die Kleinigkeiten des Alltagslebens schön und lebenswert und als Bausteine für eine große, ideale Zukunft aufzufassen. Sie zwang sich, wie Maria ihr schrieb, den Geist immer fest auf das zu richten, was sie gerade tat, ob sie nun eine Beethovensonate spielte, oder Mandeln entkernte. Ihre ganze Arbeit als Haustochter vollzog sich in einem aus der Ferne schimmernden wunderbaren Licht, der Liebe, die sie einmal ganz als Persönlichkeit mit Vollbewußtsein genießen wollte, wenn sie durch die Kleinüberwindung des Alltags zu einem Charakter herangereift wäre. Manche große Worte standen ihr von der früheren Lektüre noch im Gedächtnis, jetzt gab sie ihnen nur einen neuen Inhalt. Mit jedem Tag gewann sie mehr Freude an sich selbst. Sie fürchtete nicht mehr das Alleinsein und griff auf ihrem Zimmer nicht immer gleich nach einem Buch und versenkte sich nicht mehr in ihre weichen Träume.

Als der Frühling ins Land zog, arbeitete sie im Gemüse- und Blumengarten mit dem Gärtner. Jetzt hatte sie, neben ihrer eigenen Seele, etwas zu betreuen, die kleinen Pflänzchen, die unter ihrer Hand in den Sommer, in Reife und Blütenpracht hineinwuchsen. Sie steckte immer ein Blümchen oben an den Rand ihrer Briefe an Maria und dachte dabei an Otto. O wenn er sie doch bald riefe! Aber sie mußte ihn achten und ehren und von Tag zu Tag mehr lieben, weil er sich so beherrschte. Sie fühlte, wie das Beste und Tiefste in ihr ihm ganz gehörte, aber nicht in kraft- und willenlosem Schwarm, sondern in selbstbewußtem, heiligem Sichschenken.

 

Eines Tages, es war Ende Juli, kam der Vater mit ernstem Gesicht zu Tisch.

»Papa, was hast du? Ist dir auf dem Bureau etwas Unangenehmes zugestoßen?« Und sie strich ihm mit der Hand über die Stirne.

»Hast du denn noch nichts gehört? Lebst du denn so außerhalb der Welt. Es gibt Krieg.«

»Was...? Zwischen wem ...? Wo...?«

»Krieg zwischen Deutschland und Frankreich und Rußland und weiß der Himmel mit noch wem.«

»O Otto! Otto! Dann muß Otto ja mit!« Sie schlug die Hände vors Gesicht.

»Du bist mir eine hübsche Soldatenbraut! Meinst du, die Uniform sei nur dazu da, euch Mädels Freude zu machen?«

»O sprich nicht so, Papa! Nein, so denke ich nicht. Aber ...«

»Aber... Aber ... wir müssen überlegen, was im Ernstfalle zu tun ist. Ich bleibe jedenfalls hier bei meiner Fabrik. Du kannst gleich nach München fahren, solange die Bahn noch frei ist.«

»Nein, Papa, wo du bleibst, da bleibe auch ich. Aber es wird gar nicht so weit kommen, das kann ja gar nicht sein. Denke dir: Krieg, Krieg! Wie schrecklich!«

Und das Schreckliche kam doch. Herrn Haldens Arbeiter mußten fast ohne Ausnahme einrücken. Jetzt entschloß er sich erst recht, in Mülhausen zu bleiben.

Eine große Bangigkeit lag über der Erde, aber auch etwas Großes, Neues, das Martha nicht greifen konnte und doch sah. So viel ehrliche Begeisterung, so viel Menschengröße stieg auf einmal vor ihr auf, wie sie sich nie hätte träumen lassen. Frauen sah sie, die trockenen Auges, wie selbstverständlich, ihre Männer von ihrer und der Kinder Seite weg in den Krieg, in den fast gewissen Tod ziehen ließen. Sie meinte, jeder der herrlichen Krieger sei mit einem Lichtschimmer umgeben, der ihn wie einen Heiligen verkläre. Die ganze Welt kam ihr anders vor wie früher, wie in eine höhere, himmlische Sphäre erhoben. Wo hatte sie denn früher gelebt, das; sie das Herrliche ihres deutschen Vaterlandes nicht geahnt hatte, daß sie es jetzt neu entdecken mußte?

In der Ferne rollten die Züge durch die Nacht, und das Rollen klang ganz anders wie früher, es klang wie das Nahen einer großen, heiligen Zeit. Es bereitete sich irgend etwas nie Gesehenes in der Atmosphäre, im Universum vor, und die kleine Erde war die Trägerin, die Mutter des gewaltigen Wunders.

Wer hatte diese Männer, die da in die Nacht hinaus die Wacht am Rhein sangen, zu dem gemacht, was sie waren? Hatten sie, die Bauern und Arbeiter, die Handwerker und Studenten sich auch an Nietzsche und Tolstoi und Turgenjew und wie ihre früheren Propheten alle hießen, gebildet? Am liebsten hätte sie sich vor jedem Feldgrauen verkrochen; sie meinte, jeder müsse ihr noch das papierene Ästhetentum und ihre weltfremde Lebensweisheit des letzten Jahres von der Stirne ablesen. Noch einmal reckten sich ihre früheren Hirngespinste riesengroß vor ihr auf, um aber im nächsten Augenblick prasselnd in sich zusammenzusinken. Sich im Gedanken an die mutigen Söhne des Volkes, die mit natürlicher Selbstverständlichkeit dem Tode entgegengingen, feige zu zeigen, mit dem alten ästhetischen und philosophischen Blaustrumpfdusel noch irgendwie zu paktieren, erschien ihr in diesen großen Tagen als eine Erbärmlichkeit und Gemeinheit.

Sie wurde von dem Hochsinn, der plötzlich in dem deutschen Volke aufflammte, mitgerissen und sie fühlte sich stolz, daß auch sie einen lieben Menschen dem Vaterlande opfern durfte. Sie weinte ja, wenn sie an Otto dachte, aber sie hätte am liebsten jeder Frau aus dem Volke, die ihren Mann hatte ziehen lassen, die Hand gedrückt wie einer gleichleidenden und gleichgemuten Schwester.

Da brachte ihr die Post einen Brief. Die Adresse war mit Bleistift geschrieben. Eine kräftige Männerhand. Zitternd riß sie den Umschlag auf. Sie fühlte, von wem das Blatt kam.

»Liebe Martha!

Noch in dieser Nacht ziehen wir ins Feld, ob zum Leben oder Tod, das ist gleich. Jedenfalls zum Sieg. Du kennst meine Gesinnung für Dich durch Maria. Auch Deine Kriegsparole soll sein: Sieg, daß Du wirst eine echt deutsche Frau für

Deinen Otto.«

Sie drückte den Brief an die Brust und küßte ihn, wieder und wieder. Das erste geschriebene Wort von ihm! »Liebe Martha« – »Dein Otto«!

Ja, sie würde weiter kämpfen und siegen, bis auch der letzte verborgene Rest des alten haltlosen Mädchentums in ihr vernichtet sei: – Aber wohin er nur fuhr mit seinem Regiment? Davon hatte er gar nichts geschrieben. Ob er vielleicht doch durch Mülhausen kam? Ein Drängen kam über sie, ihn zu sehen, ihn zu suchen. Ein Gerücht ging um, die Bayern würden nach Lothringen geworfen.

Sie lief in die Stadt, die fliegenden Gerüchte aufzufangen, an den Bahnhof, ihn bei der Durchfahrt vielleicht zu sehen. Die Straßen waren grau von Soldaten. Sie spähte und spähte. Jetzt brauchte man ja keine Rücksichten zu nehmen. Sie dachte auch gar nicht daran. Ein schwerer Ernst lag über den Truppen, die, Gewehr bei Fuß, wartend standen. Auf dem Bahnhofsplatz parlierte eine unübersehbare Menge feldgrauer Autos. Geschütze wurden ausgeladen. Ein Poltern und Prasseln und dazwischen laute Kommandorufe und Abrücken kleinerer Truppenteile. Und einen Tag nach dem anderen dasselbe zielbewußte Durcheinander. Aber von Otto keine Spur. Sie schaute auf die Achselstücke der Regimenter, aber die waren aufgerollt, oder ganz weggenommen. Gardelitzen waren nicht zu sehen.

Einquartierung wurde angesagt. Alle nur eben brauchbaren Räume des Hauses wurden mit Matratzen und Strohsäcken belegt. In der Küche herrschte ein Leben wie in einer Jahrmarktskantine. Martha faßte frisch mit an, so daß der Major, als er sich bei der Dame des Hauses vorstellen wollte, zu ihr in die Küche kommen mußte. Am Abend erhob sich auf einmal ein Trommeln und Blasen. Ein kurzes Durcheinanderrennen und dann war alles fort. Das Haus lag wieder still in der Augustnacht da. Aber aus der Ferne kam Gewehrgeknatter und Geschützgebrüll herüber.

Martha lag angekleidet auf ihrem Bett. Hier und da wurde ihr Zimmer von Leuchtkugeln erhellt, die zum Himmel aufstiegen. Ein Scheinwerfer tastete die Berge ab wie ein bleicher Riesenfinger.

Gegen Morgen ließ das Schießen nach, und als der Tag heraufgestiegen war, kam Musik heran, bald starker tönend, bald in den Tälern halb verklingend. O Gott, das war kein deutscher Militärmarsch! Sie sprang auf und eilte hinunter.

»Papa, was ist das?«

»Die Franzosen kommen. Heute werden wir andere Einquartierung haben.«

Aber es kam niemand. Mit klingendem Spiel zogen mehrere französische Regimenter in die Stadt ein, Infanterie, schmucke Jäger und rasselnde Artillerie. Vom Rebberg aus drohten die Mündungen der französischen Geschütze auf die Stadt hinunter.

Den ganzen Tag trug der Wind die Musik und das Johlen der siegestrunkenen Franzosen zur Villa Halden hinauf. Martha kam nicht zur Ruhe. Sie zitterte vor Angst, nicht weil sie von der französischen Einquartierung etwas gefürchtet hätte, nein, weil sie an Otto dachte, der jetzt vielleicht todeswund und einsam auf dem Schlachtfelde lag. Da fiel es ihr schwer, tapfer zu sein und keine Tränen auf ihre Arbeit rinnen zu lassen.

Wie atmete sie auf, als die Musik plötzlich abbrach und die Kanonen ihre Geschosse über ihr Haus hinwegwarfen. Sie zuckte bei keinem Schuß zusammen. Ha, da war wieder der Kampf aufgeflammt. Die Deutschen kamen wieder. Ein Höllenkonzert war in donnerndem Crescendo begriffen. Vor sich hin singend, eilte sie von Zimmer zu Zimmer und lachte die weinende Babette aus. Bubi begrüßte jeden Schuß mit seinem Gebell. Er hatte heute den ganzen Tag noch nichts gefressen, er wich nicht von Marthas Seite.

»Weine nicht, Babette, arbeite! Wir müssen alles fertig machen für unsere Soldaten, morgen kommen sie wieder, wenn sie die Franzosen aus der Stadt und vom Rebberg geworfen haben.« Aber sie dachte weiter: »Und vielleicht ist Otto dabei!«

Die ganze Nacht hindurch rasselte und zischte und dröhnte und heulte die Luft. Es war, als seien die Berge ringsum erloschene Vulkane, die mit einem Male wieder mit Urgewalt losbrachen. Von einzelnen Gehöften stiegen Feuergarben zum Himmel und Brandschein leuchtete in die Täler hinein. In der Stadt glühten auch einige Brände auf. Herr Halden stand mit den Mägden und dem Knecht bei der Brandspritze, um auf alle Fälle gerüstet zu sein. Der Morgen dämmerte mit grünem Licht herauf.

Plötzlich ein Surren hoch in den Lüften. Alles schaute empor. Noch nichts zu sehen. Martha stand am offenen Fenster. Sie suchte den ganzen Horizont ab. Da im Westen ein schwarzes Pünktchen, das immer deutlicher aus dem Dunst und Nebel hervorkam.

»Papa, ein Flieger! Zwei, drei! Aufgepaßt, sie kommen gerade auf unser Haus zu.«

Jetzt waren die Eindecker deutlich zu erkennen. Unten nahm der Kampflärm zu. Einzelne Schrapnelle platzten schon um die Flugzeuge herum. Ein Rasseln die Straße herauf. Hü hott! Ein Fluchen und Hurra! Ein Geschütz stand auf dem Gartenweg und richtete seinen Mund keck gegen Himmel.

»Papa, sie werfen Bomben!«

Ein Krachen unten im Tal, Rauchsäulen puffen auf. Krack, feuert das Geschütz auf der Wiese. Ein Schrapnellwölkchen dicht vor dem ersten Flugzeug. Da fällt etwas Schwarzes aus der Höhe.

»Gott im Himmel, verschone uns!«

Ein furchtbarer Donnerschlag, ein Krachen, und Erde und Kies und Äste fliegen in einer dicken, schwarzen Wolke in die Luft.

»Das hat uns gegolten!«

Martha kommt die Freitreppe heruntergestürzt, bleich wie der Tod.

Das Geschütz im Garten feuert wieder. Ein Schrei des Entsetzens, das Flugzeug schwankt, und eine Flamme schlägt lichterloh aus ihm empor und es stürzt senkrecht in die Tiefe. Äste krachen, ein schwerer, polternder Fall und ein Rennen und Hurra nach der Stelle hin, wo noch immer die Flamme lodert.

Martha läßt sich mitreißen. Ein Wust von Ästen, Metallteilen, Rohrgestänge und verkohlter Leinwand, und daraus ein herzzerreißendes Wimmern.

Die Soldaten reißen den brennenden Plunder weg, ein paar Mann haben die Spritze geholt. Der Benzinbehälter brennt. Der Wasserstrahl fegt hinein. Alles in Dampf und Zischen.

»Zum Donnerwetter, reißt doch mal die Kerle aus der Karosserie!«

Zwei Mann treten in das glimmende Gestänge. Sie ziehen eine Leiche hervor, die Kleider fallen ihr als Zunder vom Leibe, Fleischfetzen hängen herum. Martha stößt einen markerschütternden Schrei aus und sinkt in die Arme des Vaters.

»Zum Donnerwetter, die Bomben weg, die da noch herumhängen, sonst explodieren uns die Luder noch. Und dann den anderen Kerl heraus:

Die Soldaten arbeiteten, daß sie schwitzten. Endlich zogen sie den zweiten Insassen des Flugzeuges hervor. Er lebte noch und wimmerte leise. Schnell stellten Soldaten aus Baumästen eine Tragbahre her und legten den Franzosen darauf. Er stöhnte und ächzte. – Martha lag im Rasen, der Vater kniete neben ihr. Das Krachen der Geschütze, das Fluchen der Soldaten um sie her und der Anblick des halbverbrannten Menschen schufen eine flammende Hölle in ihrem Hirn. Als der sterbende Flieger an ihr vorbeigetragen wurde, durchschossen sich ihre Gedanken und Phantasien wie zuckende Blitze. Sie sah in dem Sterbenden Otto. Und dann versank alles in purpurner Finsternis und sie mußte nichts mehr. –

 

Am Abend erwachte sie in ihrem Bett. Der Vater und Babette standen neben ihr. Ein Herr in deutscher Uniform hielt ihren Puls. Der Oberstabsarzt. Beim Zurückkehren des Bewußtseins hörte sie eben noch, wie er sagte:

»Wird eine lange Geschichte werden, Herr Halden. Hier hat sich offenbar eine Nervenzerrüttung seit Monaten vorbereitet.«

»Wo bin ich denn? Wo ist Otto? ... Otto!... O Gott, was ist geschehen?«

»Alles ist gut, gnädiges Fräulein, die Franzosen sind aus Mülhausen hinausgefegt, die Unsrigen sitzen jetzt auf dem Rebberg statt der Franzmänner. Der Heeringen hat ihnen den Appetit auf das Elsaß gründlich verdorben. Jetzt müssen Sie aber schlafen. Die deutschen Soldaten werden bei Ihnen Wache halten, daß Sie bald wieder aufstehen und uns helfen können.«

Der Arzt entfernte sich. Babette nahm ihre Hand und küßte sie: »Kind, liebe Martha, wenn das deine liebe Mutter, – Gott hab sie selig – sähe!«

Martha nahm die Hand der Alten und legte sie auf ihre Stirne. Ah, das war so kühl! Da drinnen im Kopf war es so heiß und wild und schmerzte sie wütend.

Von unten herauf klang Pfeifen und Singen und Pferdegetrappel. Plötzlich eine scharfe Stimme dazwischen:

»Heiliges Kanonenrohr! Kerls, wenn ihr euch jetzt nicht ruhiger benehmt! Oben liegt das gnädige Fräulein todkrank und ihr macht hier einen Lärm wie die leibhaftigen Satane.«

»Ah, Babette, geh und sage dem Herrn Leutnant, er solle die Soldaten ruhig weiter singen und pfeifen lassen. Je mehr sie sich freuen, desto lieber ist es mir und desto eher werde ich wieder aufstehen können.«

»Nein, Kindchen, das tu ich nicht. Der Herr Doktor hat es streng verboten.«

»Aber ich will morgen wieder aufstehen und helfen, sonst arbeitest du dich noch zu Tode.«

 

Acht Tage rasten die heißen Fieberphantasien durch Marthas Hirn. Der Arzt schwankte zwischen Furcht und Hoffnung. Endlich, am neunten Tage, fiel sie in einen ruhigen Schlaf und erwachte daraus mit lächelndem Gesicht.

»O Babette, ich habe so schön geträumt, wenn du wüßtest! Morgen schreibe ich einen langen Brief an eine liebe Freundin in München; denn ich fühle, ich bin wieder gesund. Wie steht's mit dem Krieg?«

»O gut, herrlich, Kindchen. Die Bayern sind die Franzosen kräftig am verhauen. Wo, weiß ich noch nicht genau. Ich glaub aber bei Metz. Der bayrische Kronprinz ist da, und wo der ist, da kann kein Franzos nit mehr leben.«

»Die Bayern sind da? Ist Otto dabei? Dann muß ich erst recht nach München schreiben. Morgen steh ich auf und schreibe.«

Der Arzt, der mittlerweile den Oberstabsarzt abgelöst hatte, da die Einquartierung abgegangen war, erlaubte ihr zwar nicht, aufzustehen, doch sie durfte mit Bleistift im Bett ein kleines Brieflein schreiben. Aber sie schrieb einen langen Brief an Fräulein Maria Reiber in München, Giselastraße. Darin stand alles, was ihr Herz bewegte, und zum Schluß eine innige, ernste Abbitte für alle Dummheiten, die sie ihr früher gesagt hatte.

Am dritten Tage erlaubte ihr der Arzt aufzustehen. Die Jugendkraft setzte sich mit Macht durch.

Zwei Tage später durfte sie schon im Garten sitzen, wo Bubi nicht von ihr wich. Da brachte Babette einen mit Doppelporto beklebten schweren Brief aus München. Vier Bogen lagen darin, einer von Tante Edeltraud und Leonore und drei von – – » Maria Sorbing, geborene Reiber, kriegsgetraut«.

Martha konnte nicht an sich halten. Sie las Marias Brief zuerst. Maria schrieb, wie sie sich freue, daß Martha wieder gesund sei. Sie hoffe, sie bald wiederzusehen. Otto sei Hauptmann geworden und vor acht Tagen in der großen Bayernschlacht bei Metz von einem Granatsplitter verwundet worden. Den linken Arm habe man ihm über dem Ellbogen abnehmen müssen, aber er sei sofort nach München gebracht worden und käme in einigen Tagen schon in Pflege nach Hause. Da seine Lunge auch stark angegriffen sei, würde er wohl bald auf einige Wochen nach Reichenhall gehen. Er freue sich unendlich, daß sie wieder auf der Besserung sei und spreche viel von ihr. Er hoffe, daß sie bald nach München komme, da es doch in Mülhausen noch immer nicht ganz sicher sei. Nur sei er ihr noch ein wenig böse, daß sie sich im Gedanken an ihn krank gemacht habe. Sie selbst, Maria, habe es nicht mehr ansehen können, daß Doktor Sorbings Kinder, da der Vater als Reserveoffizier ins Feld mußte, ganz elternlos blieben. Schon lange hätte sie sich mit dem Doktor gefunden, und so sei es eben gekommen, daß sie sich jetzt Frau Sorbing nenne. Eigentliche Kriegsarbeit tue sie nicht, sie denke aber, es sei genug getan, wenn sie für die Erziehung der vier Kinder sorge und sich selbst auf die Mutterwürde vorbereite.

Martha lächelte still vergnügt vor sich hin. Also auch die wissenschaftliche Maria! –

Sie legte den Brief vor sich hin. Otto, Otto dachte noch an sie! Welche Seligkeit! Er vertraute ihr, daß sie an sich gearbeitet hatte! Sonst hätte er doch nicht so durch Maria schreiben lassen. Nur die dumme Geschichte mit dem Flieger! Was würde er, der Held, von ihr denken? Aber konnte sie so ihre Liebe niederringen? Sie lebte und stand zu groß in ihrer Seele.

Die Tränen rannen ihr in dicken Perlen aus den Augen und tropften auf Marias Brief. Doch bald gingen ihre Gedanken wieder ganz in Otto auf. Sie schloß die Augen und lehnte sich in den Sessel zurück und legte den Kopf an das Kissen. So meinte sie, ihre Wange an seine Schulter zu schmiegen, ihm Abbitte zu tun und für immer sich an seine Seite zu stellen. O der Arme! Nun war er ein Krüppel und bedurfte doch sicher des liebenden Mitleids.

Ja, sobald der Arzt es ihr erlaubte, wollte sie nach München fahren, vor ihm niederknien, als erste, starke deutsche Frau und ihm ihre heilige Liebe gestehen, ihre Verehrung und tiefe, tiefe Anbetung.

Da warf der Wind ein Blatt von ihrem Schoß. Sie schrak auf und bückte sich. Ah, da war ja noch der Brief Tante Edeltrauds!

Sie schrieb nicht viel. Auch sie drückte ihre Freude über Marthas Genesung aus und lud sie ein, recht bald nach München zu kommen. Sie sei so einsam. Leonore tue viel in Verwundetenpflege und da könnte sie nur ihrem tiefsten Leid nachgehen, daß ihr Sohn, ihr Richard, jetzt nicht auch dabei wäre. Immer müsse sie sich schämen, wenn sie auf der Straße einem Offizier mit dem Eisernen Kreuz und dem Arm in der Binde begegne. Martha soll doch bald kommen, sie in ihrer Einsamkeit zu trösten, mit Leonore verstehe sie sich nicht mehr. Martha verstand die Trauer der guten Tante und nahm sich vor, ihrer Bitte so bald wie möglich zu willfahren.

Leonore schrieb mit ihren gekünstelten steilen Zügen nur ein paar Zeilen. Es sei wirklich reizend, sich in den Lazaretten bei den Offizieren zu betätigen. Otto Reiber benötige nicht mehr viel der Pflege, er sei auch sehr undankbar gegen sie in seiner geistigen Engherzigkeit und Verschrobenheit. Sie gehe in den Lazaretten herum und lese den Offizieren vor. An den Abenden halte sie Lichtbildervorträge über einzelne Maler. Augenblicklich arbeite sie an einem Vortrag über Marés. Die Kusine solle doch kommen, sie könne da noch viel lernen. – Martha lachte hell auf. Dieses gesunde, befreiende Lachen tat ihr wohl. Der letzte Rest der Kopfschmerzen verschwand.

Da lebte Leonore wahrhaftig noch in ihren alten, verrückten Ideen. So wenig hatte sie vom Leben gelernt!


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