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I.

Ein Frühlingstag in Blütenschnee. So recht ein Tag, wo alles, was jung ist, ins Himmelsblau und Waldesduften hinausjauchzen möchte.

Durch den großen Garten, der Herrn Haldens Villa bei Mülhausen umgibt, stürmt, so schnell sie ihre alten Füße tragen mögen, ein Weiblein in glattem, grauem Kleid. Die hellen, gutmütigen Augen unter dem anliegenden grauen Haar flattern suchend umher.

»Wo nur das Kindchen wieder ist? – Marthe – Marthe! Wo bist du?«

Der Kies knirscht unter ihren Schritten. Ein Buchfink müht sich auf dem Apfelbaum ab, den Nachtigallenschlag nachzuahmen. Sonst Stille.

Sie biegt in den Weg zur Obstwiese ein.

»Martha – – a! Mar – – tha – a!«

Durch ihr gelbbleiches Gesicht geht ein Zug der Ungeduld. Wer die gute alte Babette kennt, der weiß, daß ihre Geduld am letzten ist, wenn sie statt Marthe den durch keine Zutraulichkeit verkosten Namen Martha ruft.

»Mar – – tha – a! Papa will dich sofort sprechen. Wo bist du?«

Ein Knistern in Baumzweigen und dann ein dumpfer Plumps im frischen Gras. Da saß ein Mädchen zu Füßen eines kalkgeweißten Apfelbaumstammes, stützte sich hinterrücks mit gespreizten Händen auf die Erde und verkniff das Gesicht einen Augenblick wie im Schmerz, lachte aber fast gleichzeitig hell auf.

Babette wandte sich erschrocken um.

»Aber, Martha! Was fängst du nun wieder an! Hab ich dir nicht schon oft gesagt, daß es sich für junge Mädchen nicht paßt, auf Bäume zu klettern? Das hast du doch nicht im Institut gelernt. Wenn das deine Mutter – Gott hab sie selig – sähe!«

Martha zog die Füße an, gab sich mit den Händen einen kräftigen Abstoß und stand aufrecht und lachte. Lachend schüttelte sie die losen braunen Haare aus Gesicht und Stirn und lachte.

»Nun schau mal, wie du wieder aussiehst. Der ganze Rock grün und grau von der Baumrinde. Und erst da die Ärmel! Gott ja, was man mit dir für eine Last hat!«

Das Mädchen klopfte den losen grünen Staub vom halblangen Rock und wischte schnell über die Ärmel.

»So, Babette, was wünschest du von mir?«

»Ich wünsche nur, daß du nicht mehr so unartig bist und mich altes Menschenkind nicht so durch den ganzen Garten auf und ab laufen läßt, dich zu suchen. Im übrigen will Papa dich sofort sprechen. Ich glaube, es ist heute morgen ein Brief gekommen. Du weißt ja, was Papa mit dir vorhat. –

Ach, Gott sei Dank, daß ich dich nun endlich los werde. Ich könnte die Verantwortung für deine dummen Streiche nicht länger mehr tragen. Gott ja, wenn ich noch daran denke, wie deine Mama – Gott hab sie selig! – noch so jung war wie du! Was war die ein ganz anderes Mädchen!«

So haspelte die alte Babette ihre Vorwürfe heraus. Auf Martha schienen sie wenig Eindruck zu machen. Sie lächelte und fuhr mit dem Ordnen ihres Anzuges fort, warf die Haare vollends hinterrücks und knipste hier und da noch ein Stückchen Rinde oder eine Blüte von Brust und Schulter. Sie kannte ihre Babette und wußte, wieviel Gold sich auf dem Grund ihrer Seele unter dem murrenden Bach ihrer Rede barg.

Sie gingen beide dem Kiesweg nach, der an Taxus- und Pfingstrosenbüschen vorbei zum Wohnhause führte, das hinter junggrünen, mit frischen Kerzen besteckten Kastanienbäumen weiß aufleuchtete.

Martha legte wie in plötzlichem Erschrecken ihre Hand auf die bedeutend rundliche Schulter der kleinen Hausjungfer und schaute sie forschend aus ihren großen braunen Augen an.

»Babette, liebe Babette, weißt du nicht, woher der Brief kommt und was Vater will? Ich will doch nicht hoffen, daß er aus München kommt von Tante Edeltraud!«

»Ich weiß gar nichts, Kindchen, rein gar nichts. Wirst es ja gleich erfahren.«

»Nein, ich will nicht nach München. Ich will hier bleiben bei meinen Blumen und Bäumen und meinem Dackel und bei dir und Papa. Pfui, die Stadt! Ich ärgere mich schon immer schrecklich, wenn ich nach Mülhausen muß zur Klavierstunde. Und München ist doch noch viel, vielmal größer als Mülhausen.«

»Und viel, vielmal schöner als Mülhausen. Sollst mal sehen, Kindchen, wie dir da das Leben aufgeht.«

»Pah! Da darf ich am Ende nicht einmal mehr auf die Bäume klettern.«

»Nein, das allerdings nicht,« lachte Babette, »da sollst du eine Dame werden, so gebildet und schön, wie deine Mutter – Gott habe sie selig! – war.«

»Eine Dame! Ich eine Dame? Ich will keine Dame werden. So dahergehen« – und sie warf den Kopf in den Nacken, zog die Mundwinkel herunter und schaute von der Seite und von oben herab auf ihre Begleiterin – »pfui, das kann Papa nicht von mir wollen. Dann heule ich, dann brenne ich durch.«

»Schäme dich, Marthe; ein Mädchen, das nun schon siebzehn Jahre alt ist, spricht nicht mehr so dummes Zeug. Deine Mama in deinem Alter ..«

»Ach, schweig mir doch von Mama. Du mußt mir nicht immer mit Mama kommen. Ja, ich möchte, ich hätte sie noch, die gute Mama. Ich habe immer im Institut die anderen Mädchen beneidet, wenn sie von ihrer Mutter sprachen, und ich hatte keine mehr. Hätte ich sie noch, dann verlebte ich eine andere Jugend. Papa versteht mich nicht; sonst würde er mich jetzt nicht in die dumme Großstadt zur Tante Edeltraud tun wollen. Aber ich gehe nicht, ich sag dir's.«

Martha schluchzte auf und zog ihr Taschentuch. Mit beiden Händen drückte sie es an die Augen und weinte.

»Ich geh nicht – nicht – nach München. Hff – hff – ich bleibe hier.«

Da rispelte es im Kies, und Martha spürte ein weiches Klopfen und Kratzen am Knie. Indes sie mit der Linken noch immer das Taschentuch an die Augen drückte, langte sie mit der Rechten hinunter und streichelte den Kopf eines Dackels.

»Ja, gelt Bubi, wir zwei gehen nit voneinander. Wir gehören halt zusammen. Wer soll denn mit dir spielen und rangsen, wenn ich nicht mehr da bin?«

Bubi wedelte mit seinem feinen Rütchen und schaute seine Herrin mit großen, erstaunten Augen an. Dann ließ er sich mit den Vorderfüßen wieder auf die Erde nieder und faßte mit den Zähnen Marthas Kleidsaum und zerrte knurrend daran herum. Das tat er immer, wenn er seine Gespielin weinen sah. Seinem übermütigen Hundetemperament war jede Traurigkeit verhaßt.

»Kindchen, nun laß das Weinen sein. Schau mal, Bubi ist viel vernünftiger als du. Er kann das Heulen auch nicht leiden. Komm, trockne jetzt die Tränchen. Papa darf doch nicht sehen, daß du geweint hast. Er freut sich so darauf, seinem Töchterchen eine frohe Jugend und eine feine Bildung zu geben.«

»Ja, wenn ich aber nun nicht mag! Du redest immer von Mama. Ich habe neulich, als ich aus dem Institut kam, in ihren alten Schubladen und Kästen gekramt, die noch alle so daliegen, wie sie sie gelassen hat. Da fand ich auch Photographien aus ihrer Mädchenzeit; Liebhaberbilder sind darunter, wie sie mit anderen jungen Mädchen in den Bergen herumklettert, auf Bäumen sitzt und mehr so schöne Sachen. Einmal haben sie sogar einen mächtigen Heuwagen gefunden und fahren damit im Juchhe los. Sechse ziehen und drei sitzen drin. Ich denke, was Mutter getan hat, ist doch nichts Böses. Und ich habe nun einmal keine Freude daran, das gnädige Fräulein und die Dame zu spielen.«

Martha hatte sich in Eifer geredet und das Weinen darüber vergessen. Der Dackel merkte die Stimmungsveränderung und stob über den Weg dem Hause zu, daß seine lappigen Ohren schlotterten. Dann rannte er wieder zurück und sprang an dem Mädchen empor, wie um ihr zu sagen:

»Nun komm doch und laufe mir nach! Holdio, laß das Heulen sein, die Welt ist ja so frühlingsschön. Ich laß dich nicht von hier fort. Ich beiß mich fest in dein Kleid, und dann bleibst du hier!«

Babette nahm ihr »Kindchen« bei der Hand und stieg mit ihr humpelnd die Freitreppe zum Haus hinan.

Die große Glasflügeltür, von zwei kugelig geschnittenen Lorbeerbäumen flankiert, stand weit offen. Durch den breiten Flur mit den weißgeölten Wänden und den großen, griechische Frauenköpfe darstellenden Plaketten dran, wehte ein weicher, warmer Zugwind.

»Nur Mut, Kindchen; sei recht artig gegen Papa. Er meint es gut mit dir. Du weißt ja doch nicht recht, was dir gut tut.«

»Also du weißt doch schon, was Papa will?«

»Geh nur hinein und höre selbst!«

Babette ging zur Küche im Hinterhaus. Martha klopfte leise und kurz an eine Türe an der Seite des Flures und trat ein.

»Papa, du hast mich rufen lassen.«

»Ja, Kind, setz dich mal hier in den Sessel!«

Herr Halden, ein Herr hoch in den Fünfzigen mit hoher Glatze und grauem Spitzbart, saß an seinem tiefbraunen Eichenschreibtisch. Nun setzte er seinen Kneifer auf, nahm einen Brief in die Hand und las:

»Lieber Karl! – Ich habe Deinen letzten lieben Brief erhalten. Schicke Dein liebes Töchterchen, sobald es Dir beliebt und seine Ausstattung fertig ist. Wir freuen uns alle sehr darauf. Besonders Leonore ist sehr gespannt, zu sehen, wie sich Martha seit unserem letzten Besuch bei Dir vor drei Jahren entwickelt hat. Damals war sie ja noch ein echtes Kind. Sie wird sich wohl zu einer stattlichen jungen Dame ausgewachsen haben. Das liebe Kind kann sich im Sommer hier prächtig einleben. Wir bleiben dieses Jahr hier zu Hause, weil Leonore, ehe die gesellschaftlichen Verpflichtungen des Winters sie wieder ganz in Anspruch nehmen, die Verarbeitung ihrer Skizzen und Studien von der letztjährigen Italienreise beendigen will. Im Winter werden wir dann unsere größte Freude darin finden, Martha geistig und gesellschaftlich recht zu bilden. Wie Du weißt, sehen wir in unserem Hause ja oft anregende und interessante Gesellschaft. Also benachrichtige uns umgehend, wann Dein liebes Töchterchen kommt, damit wir ihr Stübchen zeitig recht heimelig einrichten können. – Mit herzlichen Grüßen von uns allen Deine treue Schwester Edeltraud.«

Herr Halden legte den Brief auf den Tisch und ließ den Kneifer an dem goldenen Kettchen auf die Weste herabfallen.

»Nun, Mädchen, was sagst du dazu?«

Martha zuckte mit den Schultern und senkte den Kopf.

»Kind, du sollst dich freuen. Du sollst vor Vergnügen aufspringen und den ganzen Tag singen.«

»Das kann ich nicht, Papa!«

Sie sprang auf und fiel ihrem Vater weinend um den Hals.

»O Papa, laß mich hier bei dir! Ich habe keine Freude an der Stadt. Ja, lieber, lieber Papa! – Hier ist es so schön. – Und – und ich kann Leonore nicht leiden. Verzeih mir das, Papa! Aber sie ist so, ich weiß nicht, so, so ...«

»Keine Geschichten, Kind! Du wirst doch gegen deine Kusine, die Tochter meiner Schwester, keine – wie soll ich sagen? – keine Antipathien haben!«

»Ich kann ja nichts dafür, Papa. Aber bitte, bitte, laß mich hier! Schau, du hast schon seit einigen Wochen durchblicken lassen, daß du mich gerne nach München schicktest. Ich habe es wohl gemerkt. Aber seit der Zeit bin ich immer so bang.«

»Dummes Zeug. Das sind Schrullen, die dir deine Lehrerinnen im Institut in den Kopf gesetzt haben, Backfischlaunen. Du bist jetzt siebzehn Jahre alt, und ich habe die Pflicht, dich fürs Leben ausbilden zu lassen. Hier versauerst du, und es wird nicht das aus dir, was ich aus dir machen will und was ich der Ehre meines Namens schuldig bin.«

»Ich hier versauern, Papa! Ich habe hier ein Leben, wie ich es mir nicht schöner wünschen kann. Ich will ein Kind bleiben, solange es eben geht. Und das kann ich hier am besten. O hätte ich noch eine Mutter, die würde mich verstehen.«

»Das beste Kind bist du, wenn du gehorchst.

– Es ist mein unabänderlicher Entschluß, daß du nach München gehst. Du weißt, daß ich hier nicht abkommen kann wegen der Fabrik, sonst würde ich mit dir in die Stadt ziehen.«

Martha sank in die Knie und faßte des Vaters Hände.

»Papa, lieber, lieber Papa, so laß mich doch hier, wenigstens noch ein Jährchen. Dann will ich ja ganz gerne gehen.«

»Ich weiß nicht, was du hast. Andere junge Mädchen in deiner Lage und in deinem Alter würden den Tag nicht erwarten können, wo sie in ein Leben träten, wie du es jetzt beginnen kannst. – Also abgemacht. Du gehst!«

Herr Halden erhob sich und zog Martha mit sich empor. Die Tochter kannte den Vater. Jetzt war nichts mehr zu ändern. Sie stürmte zur Tür hinaus, die Treppe hinauf in ihr Mädchenstübchen.

Laut weinend warf sie sich vor dem Bett auf die Knie und schaute zum Kruzifix auf, das über dem Bett hing. Sie meinte, sie müßte vergehen vor Weh. Durch ihre Phantasie zogen bunte Gestalten und sanfte Klänge. Sie meinte der Mutter Stimme zu hören, wie sie in ihrer Einbildung lebte; sie sah ihre Gestalt vor sich, wie sie ihr auf den Photographien erschien. Sie wandelte zwischen den Bäumen und Büschen ihres Gartens, der im Gold der Frühlingssonne erstrahlte. Dann kamen die Lehrerinnen und Freundinnen aus dem Institut. Und alle sprachen sie warnend von der »bösen Welt«. Dazwischen klang die ernste, schwere Stimme des Paters, der die letzten Exerzitien gegeben, die sie im Institut mitgemacht hatte. Charakter- und Willensbildung war sein erstes und letztes Wort gewesen. – Hatte sie Charakter genug, jetzt in die Welt hinauszuziehen? – O Heiland, gib mir Kraft, steh du mir bei! Ich muß gehorchen. Geh du mit mir!

So lag sie lange auf den Knien. Stillallmählich drang Ruhe in ihre Seele, wie ein linder Frühlingsregen in den Acker sickert. Das Knien vor dem Kreuzbild war ihr eine Wohltat. Die Phantasie, die mit ihren Bildern auf das Gemüt wirkte, beruhigte sich. Was ihr vor wenigen Minuten noch als gefährlich erschienen, nahm eine gleichgültige, alltägliche Farbe an. Es schreckte sie nicht mehr. Ja, sie fand sogar den einen oder anderen Sonnenstrahl, der die Zukunft lockend beleuchtete.

Da kratzte und scharrte etwas an der Türe, und auf der Treppe wurden Schritte laut. Es klopfte.

Martha sprang auf und glättete die Bettdecke, die sie mit ihren Armen eingedrückt hatte.

Babette trat ein, vor ihr her lief Bubi, der Dackel. Er stellte sich breitbeinig vor die Herrin hin, schaute sie groß an und wedelte mit der Rute. Babette faßte das Mädchen bei der Hand.

»Nun, Kind?«

»Ich muß gehen. Aber wann?«

»Wenn deine Kleider fertig sind. Du mußt wenigstens vorläufig vier ordentliche Anzüge haben. Ein paar Blusen kannst du dir ja noch mit Tante in München kaufen. Auch die Hüte besorgst du am besten in München. Aber so ganz backfischmäßig, wie du jetzt aussiehst, kannst du nicht reisen. Die Schneiderin ist für heute nachmittag bestellt zum Maßnehmen. Sie wird einige Muster mitbringen. Du sollst dir etwas aussuchen, was dir recht gefällt.«

»Ach, es ist mir alles gleich. Warum kann ich denn nicht in meinen bisherigen Kleidern fahren? Zum Beispiel das graubraune Staubkleid, das mir so schick steht ...«

»Kindchen, das verstehst du nicht. Folge du nur Papa und suche dir was Schönes, Neues aus. Um drei Uhr ist Fräulein Winter hier. Halte dich bereit.«

 

Fräulein Winter kam und entfaltete eine bestechende Redekunst. Erst hielt sich Martha stumm und steif. Dann erwachte aber allmählich ihre Freude an den vorgelegten Mustern, und sie wählte mit der Schneiderin und Babettes Hilfe vier Kostüme, die nach Farbe und Schnitt ihr allerliebst, wie sie meinte, zu Gesicht und Wuchs standen. Als Fräulein Winter ging, war es fast Abend geworden, und Martha brachte es beim Abschiednehmen sogar zu einem recht freundlichen Lächeln. In fünf Tagen sollte die erste Probe sein. Martha wollte dazu in die Stadt kommen.

Da Papa im Klub in der Stadt zu Abend speiste, aß Martha allein. Die untergehende Sonne leuchtete durch die hohen Fenster des Eßzimmers, und die Amseln flöteten ihre traulichberuhigenden Rezitative.

Nach dem Essen ging sie in den Garten. Das war ihre geliebte Träumerstunde. Wie sie die liebe Abendherrlichkeit der Heimat vor sich liegen sah, überkam sie eine wehe Traurigkeit. Davon sollte sie scheiden! Immer wieder würde ihr das Flöten der Amseln im Gehör klingen, immer wieder der Giebel des Vaterhauses hinter den Kastanienbäumen winken. Sie liebkoste mit den Augen jeden Baum, jeden Weg, jedes lauschige Plätzchen, an dem sie gesessen, und ließ die Finger durch die Blumen gleiten, als wollte sie von jeder einzelnen Abschied nehmen. Jetzt versank die Sonne vollständig hinter den Bergen, und es ging ein Rauschen wie Engelflügelschlag durch das Tal. In den Häusern wurden Lichter wach und blinzelten durch die Dämmerung.

Da wurden ihre Augen feucht. O du liebes, liebes Heimattal! – Der Abendstern flimmerte durch den Dunst am Horizont und stieg höher und höher und wurde immer leuchtender und größer. Jetzt stand er deutlich da in den blauen Weiten wie eine goldene Kugel, zum Greifen nahe. Martha reckte die Arme, und eine Seligkeit verdrängte plötzlich alle Trauer, eine Seligkeit, deren Grund sie nicht kannte. Aber sie war da. – Und sie sang zuerst leise, leise, dann immer stärker und jubelnder das Lied, das sie an lauen Maiabenden so oft im Institutsgarten vor dem Muttergottesbilde gesungen hatten, daß die Nachtigallen im Gesträuch am Bach mit den Mädchen um die Wette sangen:

»Sei Mutter der Barmherzigkeit,
Sei Königin gegrüßet!
Du klarer Stern, der jedes Leid,
Der allen Schmerz versüßet:
Zu dir, o milde Mittlerin,
Zieht unser ganzes Sehnen hin!«

Horch, was war das? Sie war still und lauschte in den Abend hinein. Richtig! Die erste Nachtigall! Sie klagte und lockte und jubelte ganz wie Marthas Herz. Ein gutes Vorzeichen! – Sie ging in den Obstgarten hinüber. Da hing zwischen zwei starken Bäumen eine Schaukel. Hinein und los! Erst langsam und sanft sich wiegend. Dann immer wilder und kühner, daß die Haare flogen und die Äste sich auf und ab neigten. Und die Nachtigall sang immer leidenschaftlicher, und Martha stieß einen Juchzer aus vor Jugendlust. Sie meinte, die Freude wollte ihr die Brust zersprengen.

Der Mond stieg auf und schaute mit seinem pausbackigen Gesicht durch die Zweige. In der Ferne der Pfiff einer Lokomotive. Eine Fledermaus huschte dicht vor Marthas Gesicht vorüber. Sie erschrak und ließ die Schaukel ruhiger gehen. Jetzt schlug ihr die Abendkühle auf Stirn und Schultern. Als die Schaukel zur Ruhe gekommen war, sprang sie ab und lief dem Hause zu, die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Da schaute der Mond gerade durch die Gardinen, und sie wurde wieder ruhiger. Aber das Gefühl der Lust und Seligkeit verließ sie nicht, es wurde stiller und inniger und tiefer. Sollte sie das Licht anknipsen und noch etwas lesen? – Aber was? – Nein, zu ihrer Stimmung paßte nichts. – Dann lieber selbst träumen, dichten! – Sie kniete vor dem Bett nieder und betete ihr kurzes, kindliches Abendgebet. Dann ging sie gewohnheitsmäßig ans Fenster, um die Läden Zu schließen. Nein, heute nicht! Der Mondenschein im Zimmer ist zu schön.

»O selige Nacht, o Maiennacht,
Wenn uns das Glück der Liebe lacht!«

So hatte sie noch vor wenigen Tagen gesungen. Jetzt erlebte sie die Seligkeit. Der Liebe? Nein, nur Seligkeit. – Was konnte die Seligkeit der Liebe anders sein?

Sie ging zu Bett. Aber nicht hinlegen! Nein, noch ein bißchen träumen in den Mondschein hinein. Sie setzte sich aufrecht, gegen die Kissen gelehnt, die Arme um die Knie geschlungen. Die Stille lispelte und sang ihr berauschendes Nachtlied, und lockende Gestalten huschten durch den Mondschein und duftende Gärten mit goldenen, verworrenen Tempeln und Schlössern stiegen daraus empor. – Am Ende war das Leben in München doch nicht so zu verachten. Was würde man da alles sehen! Was hatten die Großstadtmädchen im Institut alles aus den Ferien erzählt! O, das Leben ist so schön und groß und wunderbar! Wie es aufwallt und schwillt im Herzen und in der Brust pocht und hinaus will und schauen und genießen und wagen! O, wie ist das Stübchen doch so klein für all das Wünschen und Sehnen, für all das Glück, das erträumte und geahnte Glück! Martha schloß die Augen, um das, was sie fühlte, ganz in ihrer Seele zu genießen. Da wurde das Klingen um sie herum immer leiser und leiser. Das Wallen der Gestalten verebbte stillallmählich und ein weites, weites Goldland dehnte sich in unabsehbare Fernen. Und von unsichtbarem Strande wehte ein kühler Hauch, der ein Lied wie gleichmäßiges Meereswogen in ihre Seele sang. Ihre Brust ging ruhig auf und nieder. Sie schlief, wie Kinder schlafen.

 

Als am anderen Morgen die Frühsonne über Marthas Scheitel strich und sie weckte, war alle Traumseligkeit verschwunden. Stahlhart und kalt blickte der Alltag sie an und sie fühlte sich so trüb und unbefriedigt. Sie streckte sich unter den Decken und hatte gar keine Lust, aufzustehen.

Was brachte ihr der neue Tag? Ahso, Vorbereitungen für die Reise! Langeweile! – Ach nur noch ein Viertelstündchen vor sich hinträumen! Den Tag konnte sie noch immer früh genug beginnen. Warum waren ihre Glieder noch so müd? Früher hatte Babette ihr gesagt, wenn sie im Frühling sich von kleinen Anstrengungen übermüdet fühlte, das käme vom Wachsen. Ach, es war so wohlig, sich auf dem weichen Lager zu dehnen. – Und aus dem Viertelstündchen wurde eine Stunde. Sie zählte die Schläge der großen Standuhr im unteren Hausgang. Hu, schon acht Uhr! Nun aber raus!

Sie sprang ans Fenster und riß es auf. Aus dem Garten strömte duftschwere Morgenluft herein, und die Amseln, Buchfinken und Meisen vollführten ein tolles Konzert, jede in eigener Tonart und eigenem Takt. Da spitzte sie den Mund, pfiff einen regelrechten Starenpfiff, – den hatte sie schon ein ganzes Jahr lang geübt –, und platzte in ein helles Lachen aus. Jetzt war der Bann der trüben Stimmung gebrochen. Vor sich hinträllernd, wusch sie sich und kleidete sich an.

Schon hatte sie die Türklinke in der Hand, da fiel ihr ein, daß sie das Morgengebet vergessen hatte. Schnell kehrte sie um und kniete vor dem Bett nieder und betete. Dann hinunter zum Frühstückstisch unter der Veranda am Hinterhaus.

Papa saß schon bei der Morgenzeitung, umströmt vom Duft einer Echten. Er ließ die Zeitung sinken, und Martha gab ihm den Morgenkuß. »Nun, Kind, hast du dich mit deiner Reise ausgesöhnt?«.

Warum fragt er das nun wieder? So konnte sie ihm doch nicht sagen, daß sie jetzt eigentlich recht froh über ihre Zukunft dachte. Sich besiegt erklären, nein, das gab's nicht.

»Ach, Papa, ich denke vorläufig mal nicht dran. Es ist ja noch Zeit genug, wenn die Kleider fertig sind.«

»Dann gewöhne dich aber wenigstens schon an eine andere Frisur. So mit den losen Haaren kannst du doch nicht nach München gehen. Was werden die Leute von dir denken?«

»Du hast recht, Papa, ich muß ja eine Dame werden. Ich will heute morgen einmal fleißig studieren, welche Frisur mir am besten steht.«

Martha lachte spöttisch. »Ich glaube, ich muß mir auch einiges andere angewöhnen, wenn ich eine Dame werden will. Ein Korsett, nicht wahr, und recht spitze Schuhe und ein bißchen Puder und ...«

»Laß mich mit dem dummen Zeug in Ruhe. Davon verstehe ich nichts. Tante Edeltraud wird dich schon zurecht setzen, wenn etwas an dir fehlt.« Damit vergrub er sich wieder in seine Zeitung.

Martha pfiff. Der Vater schaute sie über die Zeitung und den Kneifer hinweg warnend an. Martha lachte, und der Dackel kam angewatschelt, stellte seine Vorderfüße auf des Mädchens Knie und empfing mit Behagen seinen gewohnten Morgenleckerbissen, ein Stück Zucker.

Sie klatschte in die Hände, schaute auf die Uhr, sprang empor, hinaus und griff fast im Laufen den einfachen weißen, großrandigen Institutsstrohhut und das Gebetbuch aus dem Kasten unter dem Kleiderständerspiegel. Wollte sie noch zeitig zur Neunuhrmesse kommen, dann mußte sie sich schon sputen. – –

In der Kirche kniete sie in einer der ersten Reihen in der gemieteten Bank nieder und betete in fromm andächtiger Haltung, wie sie es im Institut gelernt, und wie ihr kindliches Herz sie drängte, aus dem Buche. Hier und da huschte doch ein kurzer Angstschauer wie ein Fieberfrösteln durch ihr Gemüt. Was würde aus ihr werden? Würde sie auch in München täglich in die heilige Messe und dreimal wöchentlich zur heiligen Kommunion gehen können? Tante Edeltraud war doch so ganz anders wie sie, und erst recht Kusine Leonore. Als sie vor drei Jahren zuletzt hier zu Besuch waren, – ja, sie erinnerte sich gut – war Tante nur mit Not dazu zu bewegen gewesen, Sonntags die Elfuhrmesse zu besuchen. Und da war sie noch Zu spät gekommen, weil sie bis zehn Uhr geschlafen hatte und nachher nicht mit der Toilette zu Ende gekommen war. Und erst Leonore! Die hatte gesagt, sie halte ihren Gottesdienst in der freien Natur, sie lasse sich nicht von Menschen vorschreiben, wo sie Gott verehren solle. – O lieber Heiland, steh mir bei, liebe Mutter Gottes, sei mein Schutz und Schirm!

Und bin ich nicht doch ein recht leichtsinniges Ding? Ach Gott, ich weiß ja nicht, ob das böse ist! Aber ich kann doch nicht anders sein, als ich nun einmal bin. Babette sagt immer, ich solle nicht auf die Bäume klettern, das passe sich nicht für ein junges Mädchen. Aber wenn ich doch nun einmal muß! Du lieber Gott, was ist denn dabei? Tollen denn die Jungen allein ein Vergnügen haben. Und daß ich mit Bubi herumzottele! Anni gibt ihrem Fritzi jeden Tag tausend Küsse. Bah, das tue ich nicht. Ach, ich möchte, ich hätte einen Bruder, so einen recht wilden Jungen, dann brauchte ich nicht mit dem Dackel herumzutollen. Lieber Gott, warum hast du mich nicht zu einem Buben gemacht? Ein Bub ist doch viel schöner als so ein dummes Mädchen, das nur immer artig sein soll. Donnerwetter – halt! lieber Gott, verzeih; das sagt man ja nicht – ich möchte, ich wär ein Bub. Ich will das Papa sagen, er soll mich ein Bub sein lassen und mich zu Hause behalten. Meinetwegen will ich ihm dann jeden Tag ein paar Stunden auf dem Bureau helfen. Ich kann ja schnell Buchführung lernen. Aber zwischendurch will ich tollen können und nicht die Dame spielen. – O du lieber Gott, jetzt habe ich wieder die halbe Messe mit Zerstreuungen zugebracht. Was bin ich für ein unnützes Ding!

Auf dem Heimweg begegnete ihr Hugo Rat, der Sohn eines anderen Großfabrikanten der Stadt. Er fixierte sie schon von ferne und grüßte tief und »schneidig«. Martha lächelte spöttisch und schaute halb auf die andere Straßenseite. »Was der dumme Kerl doch will?« Innerlich lachte sie hell auf. Am liebsten wäre sie einmal bei einer Gesellschaft mit ihm zusammengekommen, um ihn gründlich abfahren zu lassen.

 

War das, was er meinte, war das die Liebe? Nein, die Liebe, von der sie heimlich im Institut gelesen und gesprochen hatten und bei deren Erwähnung sie immer ein seliger, wonniger Schauer durchrieselt hatte, die Liebe, mußte ganz anders sein. Die Liebe war ein Ruhen an der Brust eines großen, blonden, herrlichen, starken Mannes, eines großen Gelehrten, eines Dichters, eines geistreichen Diplomaten, eines tatenfrohen Offiziers. Liebe, echte Liebe war kein Spiel, sie war ein Aufgehen in Seligkeit, o sie war, sie war – ein Lispeln, ein Augenleuchten, ein Erröten, ein Hoffen und Sehnen und Träumen und Heimlichtun. Die Liebe war etwas Verbotenes und darum so süß und lockend.

O vielleicht käme in München die Liebe über sie! Ja, in München, da wird sie kommen, eine Königin in der Königsstadt.

Martha betrat ihr Zimmer. Herrschaft, was für eine Bescherung! Da stand in der Mitte ein mächtiger brauner Koffer, eine klotzige Arche Noahs, und sperrte sein leeres Maul auf, gierig wie ein Nilpferd. Daneben Babette, die Hände behäbig in die runden Hüften gestemmt.

»Siehst du, Kindchen, da steht das Ding.«

»Was für ein Ding?«

»Na, das Ding, dein Koffer. Da pack mal bald deine Wäsche hinein und was du sonst mitnehmen willst, Bücher und Bilder und so was. Die neuen Kleider kommen dann oben auf.«

»Und mitten hinein packe ich dann dich, Babette, und den Dackel, damit's den anderen schönen Sachen nicht langweilig wird. Herrschaft, wird das 'ne Reise!

»Kindchen, mit dir ist aber auch rein gar nichts anzufangen. Wenn das deine Mutter, – Gott hab sie selig – mitansehen müßte! Ich geh wieder hinunter. Schau du selbst, was du hineinpacken willst.«

Damit ging die gute Babette, und Martha stellte sich jetzt ihrerseits mit eingestemmten Armen vor den Abgrund des Koffers und lachte. Dann schwang sie sich auf einem Absatz herum und setzte sich an ihren Schreibtisch. Das Kramen war von jeher eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen gewesen. Das wollte sie sich nun einmal recht gemütlich machen; sie hatte ja tagelang Zeit dazu, So zog sie denn eine Schublade nach der anderen auf und stapelte die Papiere, Briefe und Bilder daraus zu Bergen auf den Tisch und zwei Stühlen.

Dann fing sie an. Sie las jeden Brief, jede Menukarte, jedes Reklameheftchen eines Hotels, in dem sie einmal mit Vater gewesen war, langsam durch. Zwischenhinein flog wohl einmal ein Lächeln über ihr Gesicht, oder sie ruhte aus und schaute träumend in den Frühlingsglanz des Gartens.

So brachte sie mehrere Tage zu und ließ ihre Seele von einem Heimatstraum in den anderen gleiten. Abends saß sie im Bett und fuhr in dem Nachen der Phantasie über mondbeglänzte Seen, bis sie an den Gestaden des Schlummers landete.

Im Koffer schichteten sich die Briefe und Bilder, in saubere Bündelchen gebunden, zu beträchtlicher Höhe. Obenauf kamen die Tagebücher aus der Institutszeit und das dicke, braunledern gebundene Stammbuch mit den zahllosen Namen von Mädchen, die sie einst Freundinnen genannt, und die ihr ewige Treue geschworen hatten. Stumm sinnend liebkoste sie alle diese Dinge mit den Augen und im Gemüt. Nenn ihr je trübe Stunden kommen sollten, so wollte sie sich an all den tausend lieben Kleinigkeiten erquicken.

Zwischen den Papieren hatte sie eine breite Lücke gelassen wie ein tiefes Bett. Da sollte ihr Liebstes hinein, das sie noch aus der Kindheit Tagen gerettet und von dem sie sich nicht trennen konnte: ihre große Puppe.

Wie hatte sie Erna doch vergessen können die zwei Tage seit Vaters Entscheid? Sie öffnete ihren Schrank und nahm aus dem tiefsten Hintergrund Erna hervor, glättete ihr rosafarbenes Kleid, strich liebkosend über ihre blonden Haare und drückte ihre Lippen auf das Wachsgesicht.

»Gelt, Erna, wenn mir's mal weh ums Herz ist, dann komm ich zu dir. Dann nehm ich dich auf den Arm. Wir zwei verstehen uns gut. Wir dürfen uns nicht trennen. Mußt nicht weinen, Erna! Nein, du gehst mit mir. In München, weißt, da ist's wunderschön. Da nehm ich dich mit mir ins Bett und zeig dir vorher durchs offene Fenster die Stadt mit all den tausend Lichtern. O, wird das schön! Weißt, Erna, am Tag mußt du schön in der Ecke im Schrank schlafen. Da darf dich niemand sehen, sonst lachen uns beide die dummen, großen Menschen aus. Ich will dir ein schönes Bettchen machen, hinten in meinem Schrank bei der Tante in München. Jetzt mußt du nur ein bißchen schlafen hier in dem großen Kasten. Schau, hier sollst du liegen zwischen allem, was mir lieb ist. Und oben drauf leg ich dann eine feine seidene Schürze und dann meine Wäsche. So, leg dich mal dahin. Schön die Äuglein schließen! Brav so. Und nicht schreien, sonst machen die bösen Männer die Kiste auf und dann nehmen sie dich heraus, und dann zeigen sie dich herum und dann sagen sie: Schau mal da, das große verrückte Frauenzimmer, das dahinten in zweiter Klasse sitzt und dem der Koffer gehört, spielt noch mit einer Puppe. – So, Erna! Schlaf, Kindchen, schlaf!« –

So vergingen die Tage in halb trauriger, halb seliger Erwartung. Jeden Morgen ging Martha jetzt zur heiligen Kommunion. Ihr Gemüt drängte sie dazu. Sie fühlte sich so glücklich dabei. Wenn sie genug geplant und gekramt hatte, tollte sie im Garten mit dem Dackel, schwang sich in die Schaukel oder pfiff hoch oben in einem Baum wie ein Starmatz.

Die Kleider saßen bei der ersten Probe gleich gut. Es brauchte keine zweite. Nach drei Tagen kamen zwei Laufmädchen mit einer riesigen Schachtel und brachten die ganze Herrlichkeit auf Marthas Zimmer.

Als die Mädchen fort waren, hielt es Martha nicht mehr aus. Sie legte ihr Backfischkleidchen ab, wurstelte ihr langes Haar zu einem phantastischen Knoten und zog eines der neuen Kostüme an. Aber als sie vor den großen Spiegel in der Kleiderschranktüre trat, erschrak sie vor sich selbst.

War das die Martha, die sie nun schon siebzehn Jahre kannte? Nein, das war ein fremdes Mädchen, eine fremde Dame. Sie beschaute sich von oben bis unten, drehte sich von links nach rechts und tat einen prüfenden Blick über die Schulter ihres Spiegelbildes. Da sah sie die lange Linie des Kleides, das fast den Boden berührte, und es stieg ihr etwas in die Augen wie ein Brennen.

Sie wußte nicht, wie es kam, aber sie warf sich auf den Stuhl und legte das Gesicht in die Arme und weinte. Sie fühlte den weichen Saum des Kleides auf ihren Füßen liegen und weinte wie ein Kind, dem zum ersten Male die Erkenntnis eines großen Leides gekommen.

Warum weinte sie denn? Ja, den Grund konnte sie selbst nicht in Worte kleiden. Aber sie mußte weinen, weinen. Sie kam sich plötzlich beim Anblick des langen Kleides vor wie ein anderer Mensch. Das Paradies der Kindheit versank vor ihren Blicken, und eine graue, grausam kalte Welt lag vor ihr. Sie soll Lebewohl sagen allem, was sie bis jetzt geliebt hatte. Jetzt soll's ins Leben hineingehen. Und was wird es bringen, nun, da sie groß ist?

Mit einem Ruck erhob sie sich. Die Tränen rannen in Strömen. Sie riß die Haken und Knöpfe auf und warf das neue Kleid aufs Bett und zog wieder, leidenschaftlich aufschluchzend, ihr altes an, riß die Haare los und warf sie in den Rücken hinab. Ohne die Tränen zu trocknen, stürzte sie sich auf den Koffer, wühlte unter der Wäsche die Puppe hervor und preßte sie mit beiden Armen an die Brust und überhastete sie mit Küssen.

Da erschrak sie vor sich selber. Noch immer die Puppe auf dem Arm, setzte sie sich auf den Bettrand. Sie fühlte, wie sie rot wurde. Tiefe Scham überkam sie. Was war sie doch für ein tolles Mädchen! Sich so von einem Gefühl überrumpeln lassen! Und doch ...!

O, wenn Mutter noch lebte! Da könnte sie sich doch wenigstens einmal aussprechen. Papa? Nein, vor dem hatte sie immer eine heilige Scheu gehabt. Der ist immer in seinen Geschäftssorgen vergraben. Und abends, wenn sie wohl am leichtesten zur Offenheit aufgelegt wäre, ist er fast immer im Klub. – Babette? Ach, Babette! Die würde lachen und sie erst recht nicht verstehen. Wer gibt ihr einen Menschen, nur einen, der sie verstände, dem sie alles sagen könnte, wie's ihr ums Herz ist, alles, auch das, was andere dumm nennen würden, was sogar sie selbst in ruhigen Stunden das dümmste Zeug nennt.

Da klopft es. Der Vater.

»So, Martha, ich höre, deine Sachen sind da. Wann willst du denn jetzt fahren? Ich denke übermorgen. Es fährt morgens um 9 Uhr ein guter Zug von Straßburg. Den kannst du nehmen. Dann bist du abends um sechs in München. Gerade noch Zeit genug, um Tante zu benachrichtigen. Ich denke, du bist einverstanden!«

»O Papa, laß mich, laß mich noch ein paar Tage hier!«

Die Tränen rannen ihr wieder aus den Augen. Sie stand auf und drückte hinterrücks die Puppe unter die Bettkissen, daß der Vater sie nicht sähe, und ging einen Schritt auf ihn zu. Es drängte und schwoll ihr etwas vom Herzen zu den Lippen. Jetzt mußte es heraus, das Wort, das ihr ganzes innerstes Wesen dem Vater verständlich machen sollte.

»Nein, Kind, wir wollen nicht das Aufschieben beginnen. Morgen, morgen, nur nicht heute, so sprechen alle faulen Leute. Du fährst übermorgen. Du hast so noch Zeit genug, dich fertig zu machen. Heute abend muß ich in den Klub. Morgen abend essen wir dann zusammen. Ich führe gerne mit dir, aber ich kann's leider nicht machen. Gestern ist an einer Maschine ein wichtiger Teil zerbrochen. Ich habe ihn telegraphisch von Leipzig her bestellt. Übermorgen muß er kommen. Wenn er eingesetzt wird, muß ich notwendig dabei sein, da man sich auf die Angestellten doch nicht verlassen kann. – Jetzt laß das Weinen sein. Du weißt, daß ich das nicht ausstehen kann. Guten Abend!«

Martha sank auf den Stuhl vor dem Schreibtisch und stierte die leeren Fächer und Aufsätze an. Nein, mit dem Vater hatte sie jetzt innerlich abgerechnet, mit ihm war sie fertig. Der verstand sie nie und nimmer. Würde überhaupt einmal einer sie verstehen, sie, das ganz einzigartige Mädchen? Alle anderen waren doch ganz anders. Oder nicht? Nein, sie war ein ganz eigenartiger Charakter. Sie zu verstehen, dazu gehörte sich etwas. Hatten sie ihre Lehrerinnen im Institut verstanden? Ihr Religionslehrer? ihre Freundinnen?

Sie träumte und träumte, bis sie in ihrem erträumten Schmerz eine wohlige Selbstzufriedenheit, ein warmes Behagen fand.

Der letzte Tag zu Hause verging mit Briefschreiben und Abschiednehmen an allen lieben Plätzchen des Gartens. Bubi war eingesperrt. Sie wollte ihn nicht mehr sehen, um sich die Trennung nicht noch schwerer zu machen. Er heulte und kläffte den ganzen Tag.

 

Am Abend aß Herr Halden mit der Tochter. Martha war sehr schweigsam. Sie wollte dem Vater um keinen Preis den kleinen Zug der Freude verraten, der durch ihre Seele ging. Ihre Antworten auf die Fragen und Anreden des Vaters waren einsilbig und unfreundlich. Wenn Papa sie doch nicht verstand, wozu sich dann noch viel mit ihm einlassen?

Als sie auf ihr Zimmer kam, legte sie hastig die Kleider ab und ging zu Bett. Möglichst schnell ganz allein, in sich und ihre Stimmung zurückgezogen sein! Sie kuschelte sich unter die Decke, wie Kinder tun.

Jetzt war sie ganz für sich allein. Hier konnte ihr der Vater und die ganze Welt nichts anhaben. Die paar Stunden der Nacht gehörten ihr noch ganz. Was morgen kam, war gleichgültig. Nur den Augenblick genießen ohne viel Gedanken, ohne Phantasien, einzig und allein im heimlichen Gefühl wohligen Geborgenseins.

Es dünkte ihr, sie sei noch ein Kind, und ringsherum draußen rappelten die Winterstürme an den Fenstern und in den Dachschindeln. Da kannte sie sich oft nicht aus vor Seligkeit, wenn sie in ihrem Himmelbett warm geborgen lag und vom Nikolaus und Christkind in heiligen Schauern träumte. O, wer doch noch einmal Kind sein könnte! Sie warf sich herum und stierte ins Dunkle, da wollte ihr das Weinen wieder kommen. Sie hörte das Blut in ihren Adern singen und fühlte das Bett sich unter ihrem Herzschlag bewegen. Sie lauschte und lauschte, und ihr eigen Blut sang sie in den Schlaf.

Die Morgendämmerung hatte sich noch nicht zum Tag gelichtet, da pochte es schon an Marthas Tür.

»Kindchen, geschwind auf, es ist die höchste Zeit!«

Martha rieb sich die Augen und schaute zum Fenster hin. Was ist denn? Ach ja, Reisetag!

Langsam erhob sie sich und machte die erste Toilette. Es war ihr so dumpf im Kopf. Dann schloß sie die Tür auf, und Babette kam herein.

»Heute muß ich dir beim Anziehen helfen, Kindchen.«

»Ach was, das Reisekleid sitzt schon leicht ordentlich. Und wenn's nicht sitzt, macht's auch nichts. Ich tu ja doch den Reisemantel darüber.«

»Ich will dir's offen sagen, Kindchen, das mit dem Anziehen ist nur so ein Schwindel gewesen. Ich will nur noch solange wie möglich bei dir sein. So hab ich's auch immer bei deiner Mutter gemacht – Gott hab sie selig –, wenn sie auf längere Zeit verreiste, weißt du, als sie noch ein Mädchen war wie du.«

»Babette, du bist recht lieb. Setz dich nur da hin. Ich bin bald fertig.«

»Nein, wie hübsch du bist, Kindchen, mit deinen roten Backen. Und wie nett du die Haare aufgesteckt hast. Wie nennen sie denn die Frisur drüben in Paris?«

»Red nicht so dummes Zeug. Die Frisur ist ganz meine Erfindung. Aber wenn ich in München abends allein auf mein Zimmer komm, mache ich die Haare wieder los und laß sie hängen wie bisher.«

»Ei, warum nit gar! Aber ich glaub, du wirst in München nit viel Zeit haben zum Alleinsitzen auf der Stube.«

»Das werde ich mir aber hübsch ausbitten. Pah, ich soll nicht mehr allein träumen dürfen von dir und Bubi und unserem Garten und Mutter und ...«

»Na, wirst bald in München auch noch von anderen träumen. Wart nur mal den ersten Ball ab.«

»Quassel nicht, Babette, mach mir lieber hier hinten einmal den Haken zu. – So, jetzt bin ich fertig.«

»Papa wartet schon am Frühstückstisch. – Aber erst noch eins, Kindchen. Ich habe deine Mutter mit aufgezogen – Gott hab sie selig! – ich habe dich fast ganz allein in die Höhe gebracht, als du noch klein warst. Jetzt gehst du fort, und wer weiß, wann du wiederkommst. Ob ich dann überhaupt noch lebe.«

Sie begann zu schluchzen.

»Na, Babette, wer redet denn so dummes Zeug! Wir beide werden noch recht alte Leutchen. Und ich hoffe, dich bald einmal hier wiederzusehen. Oder du kommst einmal nach München – nicht, Babette, das wird ein Hauptspaß!«

»Nein, nein, das ist nichts für mich altes Eisen, – Nein, Kindchen, gib mir einen Kuß, wie es deine Mutter – Gott hab sie selig – tat, wenn sie auf lange fort ging. Du hast es noch nie getan.«

»Da, Babette« – und sie drückte ihr einen kräftigen Kuß auf die Wange – »hast du einen recht herzlichen. Jetzt gib mir auch einen wieder.«

Die Alte küßte das Mädchen mitten auf den Mund und umklammerte dann Marthas Hände und weinte wie eine Mutter beim Abschied der Tochter.

Martha riß sich los und lief die Treppe hinunter. Sie kam sich selbst merkwürdig vor, daß sie sich in diesem Augenblick so leicht beherrschen konnte. Der Gefühle, die sie bestimmten, waren so viele, daß keines so recht die Oberhand bekommen konnte, und so war ihr Auftreten ein alltägliches, gar nichts Außergewöhnliches. Wie oft hatte ihr vor den Augenblicken des Abschiedes gebangt. Nun wo sie da waren, fühlte sie so eigentlich gar nichts.

Mit dem Vater sprach sie über gleichgültige Dinge, den Fahrplan und die Verwandten in München. Daß sie doch innerlich tief erregt war, merkte sie nur daraus, daß sie mit Mühe und Not nur eine Semmel hinunterwürgen konnte und die Eier und den Aufschnitt unberührt ließ.

Der Wagen fuhr vor. Der schwere Koffer wurde neben den Kutscher auf den Bock gehoben. Vater und Tochter stiegen ein. Die Köchin und das Zimmermädchen kamen die Treppe heruntergesprungen und reichten mit Lächeln die Hand zum Abschied. Babette ließ sich nicht mehr sehen. Der Dackel heulte und bellte zum Erbarmen in seinem Gefängnis. Der Wagen rollte davon.


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