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IV.

Am Sonntag morgen kostete es Martha Mühe, sich zu erheben. Sie war so träge und unlustig gestimmt, beinahe fühlte sie einen Widerwillen vor sich selbst. Sie sah ein, daß sie im Begriffe stand, ganz zu veräußerlichen, daß sich in ihrem Innern eine Wandlung vorbereitete, von der sie nicht wußte, wie sie sich dazu stellen sollte. Schließlich ermannte sie sich doch, stand auf und ging in die Kirche.

Aber die geistige Öde und Trockenheit wich nicht von ihr. Vor der heiligen Kommunion hatte sie ein Bedenken, ob sie sich auch ordentlich vorbereitet habe, ob sie nicht gar unwürdig kommunizierte. Doch endlich schlug sie die Gedanken aus und empfing den Heiland und betete und flehte, er möge sie doch seine Gegenwart fühlen lassen und ihr ein klein wenig von der Süßigkeit schenken, die sie bisher immer verkostet hatte. Aber sie blieb kalt und trocken.

Beim Frühstück schalt sie Tante Edeltraud, daß sie schon so früh in der Kirche gewesen war; sie hätte doch mit ihr in die Spätmesse und Predigt in die Albanskirche gehen sollen.

»Nein, Kind, jetzt gehst du nicht noch einmal mit mir; das dulde ich nicht. Die Kirchenluft könnte dir doch schaden, wenn du sie im Übermaß genießest.«

»Aber du kannst mit mir gehen, Martha. Ich gehe heute in den Nymphenburger Park meine Sonntagsandacht halten. Da bist du noch nicht gewesen; es wird dir sehr gefallen.«

Wo ist denn da Gottesdienst?«

»O du heilige Einfalt! Überall ist da Gottesdienst. Jeder Baum und Strauch, jedes Grashälmchen, der blaue Sonnendunst, der Zwischen den Gebüschen liegt, das Plätschern der Springbrunnen, die frohen, sonntäglich gekleideten Menschen – alles, alles betet den Unendlichen an und hebt mein Herz nach oben, vieltausendmal mehr als aller Weihrauchduft und menschliche Formelkram der Kirche. Gott ist so groß wie das Universum, er läßt sich nicht in einer kleinen, von Menschen gebauten Kirche einfangen.«

»Du hast recht, Gott ist überall, aber er will nun einmal in der Kirche durch die heilige Messe verehrt sein.«

»Brav so, Kind, du hast den Katechismus gut gelernt. Aber ich bitte dich, komm mir nicht mit dieser Weisheit. Erlebe erst einmal etwas in dir, dann kannst du über all das äußerlich dir angeklebte Zeug urteilen. Jetzt bist du noch so engherzig und klein, all die tüchtigen, großen Menschen zu verdammen, die nicht nach deiner Schablone, sondern nach dem einzig für die Menschen verbindlichen Gebot ihres eigenen Gewissens leben.«

»Ich denke, dann kann ich auch nach meinem Gewissen leben und brauche mich nicht nach den Menschen zu richten, die von dem rechten Wege abgeirrt sind.«

»So ist's recht! So urteilen alle die selbstgenügsamen Pharisäer deiner Kirche. Du Naseweis hast ja gar keine Ahnung, durch welche Kämpfe sich der moderne Mensch durchringen muß, bis er zur Freiheit seines Selbst kommt. Lies doch nicht immer deine frommen, zuckersüßen Geschichten, die nur ein papierenes, verdrehtes Bild von Welt und Leben bieten. Lies doch einmal Bücher, in denen ringende Menschen sich Zum Mut der Selbstbestimmung durcharbeiten, dann lernst du Achtung haben vor diesem Mut, der auf jeden kleinen äußeren Trost verzichtet und sein Glück einzig und allein auf seine eigene Kraft aufbaut. Willst du die Welt kennen lernen und über dich selbst und das bis jetzt Angelernte urteilen, so mußt du auch kennen zu lernen suchen, was andere Leute, die Mehrzahl der Gebildeten, sagen.«

»Davon hat uns der Herr Religionslehrer manches im Unterricht gesagt.«

Ja, gewiß, aber er schaut alles nur durch seine Brille, von seinem Standpunkt aus an, den er von vornherein als den einzig richtigen erklärt. Das sind aber plumpe Vorurteile, von denen aus ein gebildeter Mensch nie und nimmer die Welt betrachtet.«

»Das ist schön gesagt, aber ich kann doch nicht alles lesen und prüfen, was heute geschrieben wird; dann käme ich ja nie an ein Ende und fände nie die Wahrheit.«

»Das ist wieder ein Satz, den du schön auswendig gelernt hast. Was verstehst du überhaupt unter Wahrheit? Die Wahrheit muß sich notwendig mit den großen Menschheitsepochen ändern. Was vor tausend Jahren brauchbar und wahr gewesen ist, darnach können wir moderne Menschen uns nicht mehr richten. So hat sich zum Beispiel das Christentum, wie es in der katholischen Kirche verkörpert ist, längst überlebt. Unsere moderne Zeit schreitet zu einer vollkommeneren Welterkenntnis und zu einer höheren, freieren Ethik voran. Die Naturwissenschaften, die empirische Psychologie und die moderne Philosophie entrollen uns ein ganz anderes Weltbild, als die Dogmen der Kirche, und unsere moderne Moral erhebt sich himmelweit über die Sklavenmoral des Christentums, die einst gut war, Barbaren in ihre Fesseln zu schlagen. – Aber jetzt voran, zieh dich an, dann gehen wir los.«

»Aber, Tante, was hältst du denn von alle dem, was, Leonore da eben gesagt hat?«

»Kind, ich bemühe mich, jeden Menschen zu verstehen und keinen zu verdammen. Die höchste Tugend, die wir üben müssen, ist die Liebe. Alles verstehen ist alles verzeihen. Leonore ist alt genug, sich ihre Überzeugung zu bilden und sie zu vertreten. Und seine Überzeugung ist das Heiligste, was der Mensch hat; sie muß man ehren und muß nicht immer darauf ausgehen, sie anzugreifen und sie zu seiner eigenen hinüberzubeugen. Das ist nicht Art und Gesinnung vornehmer Menschen.«

»Aber Leonore will mir doch ihre Überzeugung predigen.«

»Da stimm ich mit deinem Urteil überein. Ich billige es auch durchaus nicht, daß Leonore sich so aufdrängt. Aber jetzt geht, Kinder, ich muß noch mit dem Zimmermädel die Toilette für die Messe auswählen.«

 

Leonore stieg mit Martha in die Elektrische und fuhr nach Nymphenburg hinaus. Im Wagen konnten sie nicht miteinander reden wegen der anderen Fahrgäste. Martha überdachte das, was die Kusine ihr vorher gesagt hatte.

Ja, verstehen lernen wollte sie die Menschen. In dem, was sie in den wenigen Tagen gelesen hatte, waren ihr schon so viele Charaktere begegnet, die große Seeleneigenschaften verrieten; und wahrhaftig: von einer äußeren religiösen Betätigung war da nie die Rede gewesen. Sie wollte weiter und weiter lesen, um Welt und Leben immer mehr kennen zu lernen und zu verstehen. In Nymphenburg ging Martha das Herz auf. Ja, das war königliche Größe bei aller Einfachheit! Welch herrlicher Blick rechts die lange Allee hinunter, das Wasser entlang bis zu dem weißen Gebäude des Waisenhauses, und links hinauf zum königlichen Schloß mit dem weiten Halbkreis kleiner Schlösser und dem Riesenwedel des perlenden Springbrunnens. Hier war nichts klein und kleinlich, alles groß und mit majestätischer Gebärde hingeworfen. Die Mädchen traten in den Park hinter dem Schloß.

Weite Schau in lauschige Büsche und auf schweigende, himmelragende Wipfel. Sonnenglast und sich verziehende Nebel auf schwellenden Matten. Und darein das geheimnisvolle Rauschen eines fernen Wasserfalls. Einzelne Menschen und junge Paare saßen auf Marmorbänken und träumten in die Frühlingspracht hinein. Wenn man den weißen Königsbau und die schimmernden Marmorstatuen unter dem sonnigen Blau des Himmels sah, dann konnte einem wohl ein Ahnen von Griechenschönheit aufsteigen und ein Fünkchen leichter Griechenfröhlichkeit in der Seele aufglimmen.

»Nun, Martha, ist das nicht ein herrlicher Tempel Gottes, viel schöner und würdiger als die dumpfen grauen Mauern unserer Kirchen? Und die Menschen, die sich hier bewegen, beleidigen nicht das ästhetische Gefühl und alle unsere Sinne, die Gott doch auch geschaffen hat, daß sie das, was wir Seele nennen, nicht auf Schritt und Tritt von unseren gottnahen Gedanken abziehen. Bah, welche Gerüche und welche Scheußlichkeiten müssen wir in den Kirchen ausstehen! – Aber ich will dir ja nicht predigen, dir ja nicht meine Überzeugung aufdrängen, das ist ja nicht vornehm, wie Mutter sagt.«

»Ich verstehe jetzt, was du meinst; komm, laß uns die Schönheit genießen. Aber einen Ersatz für den von Gott selbst befohlenen Gottesdienst könnte dieses Erkennen Gottes in der Natur mir nicht bieten.«

»Kind, du bist noch nicht reif genug. – Doch jetzt gebiete ich Ruhe; ich will neue Kraft und Lust für eine ganze Woche schöpferischer Arbeit suchen. Wenn wir reden, kommen wir doch wieder ins Streiten. Schweig und genieße!«

Leonore suchte die einsamen moosbewachsenen Wege auf, wo die Stille fast hörbar war. Hier und da blieb sie stehen und sog die reine Luft langsam in die Lunge und breitete die Arme weit aus, als wollte sie etwas Ungreifbares erfassen.

Martha schaute den Vögeln nach und pflückte hier und da eine Blume am Wiesenrand und hatte ein unbestimmtes Gefühl, das sie nicht in Worte zu kleiden vermochte. Sie sann darüber nach und suchte die Fäden zu erhaschen, die wie fliegender Sommer durchs Sonnenland ihrer Seele einem bestimmten Ziele entgegentrieben. – Aha! Da hatte sie es: Wenn jetzt Otto bei ihr wäre! Und sie gab dem Sehnen nach und erträumte sich ihn an ihrer Seite, fühlte ihre Schulter die seinige berühren, legte ihren Arm in den seinigen ..., ließ sich mit ihm unter einem kühlen Busch am Rand des Sees nieder ... lag in seinen Armen ... und fühlte den ersten Kuß auf ihren Lippen ... Nun griff auch sie mit den Armen in die Luft und schwenkte den Sonnenschirm und war selig, berauscht von Jugendglück und Liebeslust.

O wie schön hatten es doch die Menschen, die sich liebten, in den Romanen! Wenn man doch einmal so etwas erleben könnte, nicht nur innerlich in schwärmenden Gefühlen, nein auch äußerlich in seligem Beisammensein allein. Der Dichter hatte recht: die heutige Gesellschaft zieht zu viele Schranken um den Ausdruck der Liebe, macht durch zu viele Gesetze das Schönste des Lebens und das Poetischste zu kalter, langweiliger Prosa und zur Qual, die jeden Frühlingskeim im Herzen erstickt.

 

Tante Edeltraud kam in heller Aufregung zum Mittagstisch:

»Nein, uns aber so etwas zu bieten! Hat da heute ein neuer Herr gepredigt, den reinsten Katechismus. So fad und langweilig und geistlos! Ich wäre beinahe hinausgegangen. Als wenn wir diese Dinge nicht schon längst wüßten. Auf diese Weise verekelt man uns nur die Kirche. Man sollte wahrlich etwas mehr Rücksicht auf die Gebildeten nehmen. Wir wollen zum Erleben des Christentums in uns angeregt werden; so aber schlägt man das religiöse Gefühl in unserer Seele tot.«

»Da müßt ihr einfach eine Eingabe an das Generalvikariat machen, daß der Herr entfernt wird.«

»Ja, daran habe ich auch schon gedacht. Wir werden leicht ein Dutzend Damen finden, die mit unterschreiben. Therese werde ich gleich heute nachmittag besuchen. Ich kann mir denken, wie aufgebracht sie ist. Aber vielleicht tun wir besser daran, gleich morgen persönlich vorstellig zu werden, damit der Herr schon am nächsten Sonntag nicht mehr predigt. Machen wir die Sache schriftlich, so wird sie doch wieder verschleppt.«

»Dann nimm du heute nachmittag Martha einmal mit zu Tante Therese. Ich möchte gerne etwas schlafen und dann lesen. In der Woche komme ich doch nicht dazu. – Was treibst denn du, Richard?«

»Ich werde zunächst ein Stündchen von der Schönheit meines lieben Kusinchens Martha träumen. Dann gehe ich, ein bißchen aus.«

»Was verstehst du unter ein bißchen ausgehen?«

»Nun, ich werde wohl früh heimkommen, so etwa um elf oder zwölf Uhr. Soupieren tu ich im Odeon mit Freund Timpe.« – In Wahrheit hatte er sich wieder mit Käthe Zeisig abgesprochen.

Während die Tante ihre Siesta hielt, las Martha auf ihrem Zimmer den Schluß des Romans. Wie merkwürdig, daß eine Stelle mit dem übereinstimmte, was sie heute erlebt hatte:

»Der Zeitgeist drängt die Andacht aus der Kirche, aus den Mauern wieder in die Natur zurück. Vor der Natur, vor der Arbeit und vor einem liebenden Menschenherzen halten wir heute unsere tiefsten Andachten. Die Dreieinigkeit des neuen Lebens, das von Europa aus über alle fünf Weltteile strahlt, ist beschlossen in den dreieinigen hohen Geistern, dem Geist der Natur, dem Geist der Arbeit und dem Geist der Liebe vom Mann zum Weibe und zu allen Menschen. Im Geist der Natur ist die Liebe zu allen Wesen, zu den Pflanzen, Tieren und Dingen enthalten. Im Geist der Arbeit ist alle Liebe zum Lebenstrieb, der den Menschen zum möglichen Glied der Menschheit und der Natur macht. Im Geist der Liebe vom Manne zum Weibe liegt der Grundkeim der Liebe überhaupt, zur Eltern- und Kindesliebe, zur Liebe des Nächsten und zur Liebe zur Arbeit und zur Natur. Um den Geist der Liebe vom Mann zum Weibe kreist das ganze Weltall; diese Liebe gebiert alle Liebe und alle Kraft.«

Kaum hatte sie sich die Stelle unter ihre poetischen Perlen aufgeschrieben, da kam Tante und holte sie ab. Sie wollten langsam zu Frau Hofrat schlendern.

 

Frau Hofrat Therese Laubig hatte nach dem Tode des Herrn Gemahls und der Verheiratung ihrer letzten Tochter nur mehr die Hälfte einer Etage inne. Alle Zimmereinrichtungen und Bilder, die früher in ihren persönlichen Räumen gestanden und gehangen hatten, hatte sie behalten. Der Herr Hofrat hatte sehr guten Geschmack für alte Sachen gehabt. So nahm sich die Wohnung jetzt aus wie ein gedrängtes Museum wertvoller Möbel, Bilder, Waffen, Schilder, Kannen und Truhen. Da war kein Gegenstand, der nicht auf Kunst- und Altertumswert Anspruch machen konnte. Die Direktoren verschiedener Museen hatten schon angeklopft, um das eine oder andere Stück zur Ergänzung ihrer Sammlungen anzukaufen. Frau Hofrat hatte sie aber stets mit höflichem Bedauern entlassen. Die ganze Sammlung sollte so bleiben, wie sie von ihrem verstorbenen Gatten zusammengestellt war. Sie selbst hing auch mit zu großer Liebe an jedem Bilde. Wer nach ihrem Tode die ganze Sammlung erben sollte, wußte außer ihrem Notar und ihr selbst kein Mensch; nur das eine verriet sie, daß das Ganze als Ganzes zusammenbleiben sollte. Die Damen waren bald nach der ersten Begrüßung bei ihrem hochwichtigen Thema angelangt. Tante Therese war derselben Ansicht wie Tante Edeltraud.

»Ja, liebe Edeltraud, wir müssen unbedingt persönlich vorstellig werden. Wie ich höre, ist Herr Doktor Ameln noch nicht auf seine neue Stelle gezogen, er ist noch hier. Da läßt sich die Sache noch recht einfach erledigen.« Und zu Martha gewandt: »Liebes Kind, den Herrn müßtest du predigen hören. Nein, so schön, so schön! Jeder Gedanke und jeder Satz so fein geschliffen und die Gesten so ästhetisch abgewogen, alles aus einem Guß. Vor allem aber der Hauch der tiefen Frömmigkeit, die Gnade des Heiligen Geistes, die über die ganze Predigt ausgegossen war und in die Herzen der Zuhörer drang. Ich versichere euch, für den Herrn wäre ich durchs Feuer gegangen.«

»Wen gedenkst du noch zu unserem Bittgesuch einzuladen, Therese? Ich schlage Frau Doktor Roner und Fräulein von Steinmann vor.«

»Und vor allem Exzellenz von Lenyden nicht vergessen und das liebe gute Fräulein Thea Almond.«

»Ich gehe natürlich auch mit. Ich nehme meine violette Robe und den schwarzen Hut mit der großen Straußenfeder, weißt du.«

»Gewiß, das versteht sich von selbst. – Ich weiß ja, daß du leider nur einmal im Jahre zur heiligen Beichte gehst, und ich sähe ja gerne, daß du öfters gingest, wenigstens jeden Monat; aber die anderen Damen alle, die ich und du vorgeschlagen haben, sind Beichtkinder des früheren Herrn. Es ist unmöglich, daß wir ihn missen. Nur von ihm wird man eigentlich im religiösen Leben vorangebracht. – Ich rate dir, Martha, gehe auch zu ihm, dann bist du sicher, in unserer bösen Zeit keinen Schaden an deiner Seele zu leiden. – Aber denke dir nur, liebe Edeltraud, gestern ging ich in seinen Beichtstuhl und traf da den Prediger von heute. Der Hals war mir förmlich zugeschnürt. Ich habe ihm aber doch meine gewöhnlichen Sachen gesagt, auch daß wir manchmal über andere Leute reden müssen und so – das erfordert ja unsere Sorge um das Glück manches Menschen, besonders als Vorstandsdamen in den verschiedenen Vereinen – ach, was hat man doch da eine Sorge, nicht wahr, liebe Edeltraud? Aber du läßt dich da so selten sehen: Exzellenz sprach neulich schon ihr Bedauern darüber aus, und wir müssen doch jetzt schon die verschiedenen Vortragszyklen für den Herbst und Winter besprechen, – aber das ist jetzt Nebensache; – wo waren wir doch eben? Ah so, ja ich sagte ihm auch das, um mich zu verdemütigen, und wenn vielleicht etwas dabei vorgekommen wäre, was vielleicht nicht ganz in der Ordnung hätte sein können, und da sagte er mir einfach, ich solle auf die Liebe achten, das sei die Hauptsache, alles andere habe ohne die Liebe keinen Wert. Und der andere Herr hat mir immer einen so schönen Zuspruch gegeben, der mich wieder für eine Woche über alles Elend erhob und mich dem lieben Gott näher brachte. Aber die anderen Damen, die ich heute morgen traf, haben mir dasselbe geklagt. Fräulein Almond ist dann auch nachher noch zu einem anderen Herrn gegangen, da ihre Beichte sie so unbefriedigt gelassen hatte.«

»Ja, liebe Therese, wann sollen wir denn unseren Besuch beim Herrn Generalvikar machen?«

»Beim Herrn Generalvikar? Nein, meine Liebe, wir gehen gleich zum hochwürdigsten Herrn. Ich denke, noch heute abend anzufragen, wann wir Audienz haben können. Der hochwürdigste Herr wird uns natürlich gleich antworten, und wir werden am Dienstag vorsprechen können.«

»Aber da müssen wir unbedingt morgen nachmittag uns zusammenfinden, um die Toilettefrage zu besprechen.«

»Gut, das können wir morgen früh telephonisch abmachen. Ich bin ja bald fertig; ich nehme als Witwe mein Schwarzseidenes. – Aber jetzt, Kinder, darf ich zum Tee bitten?«

Martha war sprachlos vor Staunen über den Einfluß, den die Damen ausübten, – sogar bis in die Verwaltung der Diözese hinein, – und über das religiöse Leben, das in den Kreisen der gebildeten Damen herrschte.

Bei Tee, Zwieback und Kirschentörtchen brachte Tante Therese wie von ungefähr das Gespräch auf die kürzlich in den »Münchener Neuesten Nachrichten« angezeigte Verlobung von Meta Kellner mit Dr. Fachel.

»Nicht wahr, liebe Therese, – darf ich dir noch ein Schälchen einschenken? – nicht wahr, es ist doch ein sehr bedauerlicher Zug bei unseren jungen Mädchen, daß sie so früh, als die reinsten Kinder, ein Verhältnis anfangen und sich verloben. Ich weiß, Meta Kellner ist kaum achtzehn; nun es wird ja noch eine Zeit anstehen mit der Hochzeit; aber mit achtzehn sich verloben, nein, auf den Gedanken hätte ich in meiner Jugend kommen sollen! – Ach, Martha, verzeihe, noch ein Täßchen, nicht wahr?«

Martha wurde glutrot. Sie fühlte die Anspielung und erinnerte sich der Worte Richards von gestern nachmittag. Wie tausend Funken zuckten ihr die Gedanken durch den Kopf, die sie in den letzten Tagen gelesen hatte. Aber sie konnte keinen so vorbringen, wie er im Buche stand. So sprudelte sie denn heraus:

»Verzeihen Sie, Tante Hofrat, wenn ich dazu auch ein Wort sage. Ich finde, man soll die Liebe kommen lassen, wann sie kommt, und nicht zu den Einengungen und Gesetzen, die der Staat gemacht, auch noch immer neue aufstellen.«

Tante Therese schaute Martha von der Seite entsetzt an. Sie reckte sich empor und warf die Pelzboa, die sie immer auf der Schulter trug, weit in den Nacken zurück.

»Aber Kind, was muß ich hören? Verstehst du auch, was du da sagst?«

»Ja, ich meine, man sollte uns jungen Mädchen nicht alle Lebenslust rauben und uns versauern lassen. Die Liebe läßt sich nicht heranbefehlen und nicht totschlagen. Wen sie einmal erfaßt hat, dem soll man auch sein Glück lassen. Früher mag es so gut gewesen sein, wie es zu Ihrer Zeit war, heute ist eben die Welt anders.«

Frau Hofrat dachte: »Also hab ich doch recht; sie ist verliebt.« Laut sagte sie:

»Es ist aber ein Unterschied zwischen Liebe und Verliebtsein. Liebe ist ein heiliger Ernst und hat Aussicht, zum Ziele zu führen. Verliebtsein ist eine Laune, ein Spiel und wechselt mit der Saison.«

»Du hast recht, Therese. Ich finde auch, daß unsere jungen Mädchen zu früh den Kopf voll Liebesgedanken haben. Da muß ich meine Leonore loben; sie hat sich nie, auch nur im Geiste, an den ersten besten Herrn weggeworfen. Ihre Kunst ist ihre Liebe, und die macht sie glücklich. – Aber, liebe Therese, du wirst erlauben, daß wir uns empfehlen. Wir danken dir für die angenehme Unterhaltung; komm bald auch wieder einmal zu uns.«

»O wir werden uns ja morgen sehen, wohl am besten bei mir, ich wohne ja so ziemlich zentral hier am Rindermarkt, alle haben ungefähr gleich weiten Weg zu mir. – Also dann bis morgen. Ich danke recht sehr für den lieben Besuch. – Adieu, liebes Kind.«

In Martha kochte der Trotz. Kam man ihr so – und besonders diese alte Frömmlerin –, dann erst recht! Wie konnte aber Tante Edeltraud über Leonore so dick lügen! – Haha, eigentlich war das ganz lustig.

 

Kaum hatte Frau General die Flurtüre geöffnet, als auch schon Leonore aus ihrem Zimmer stürzte: »Aber, Mutter, du hast gestern die Zeitung schlecht gelesen. In den Kammerspielen wird ja Ibsens »Nora« gespielt. Da müssen wir doch unbedingt hin. Ich habe das Abendessen schon für elf Uhr bestellt.«

»Ach, Kind, ich habe eigentlich keine rechte Lust; ich bin zu müde. Aber deinetwegen gehe ich schon mit. Martha wird es auch gut tun. Oder hast du Nora schon gesehen?«

»Nein, Tante, ich habe nur Wilhelm Teil, die Jungfrau von Orleans, Wallenstein, Maria Stuart, Tasso und Iphigenie in Straßburg gesehen und dann haben wir einmal im Institut Racines Esther aufgeführt.«

»Alles recht romantisch, kleine Unschuld, aber nichts, was Kraft fürs Leben gibt. Komm mit, ich gebe dir meinen Ibsen, da kannst du Nora wenigstens einmal überfliegen, sonst verstehst du doch heute abend nicht viel.«

Martha nahm das Buch mit auf ihr Zimmer und überlas das Personenverzeichnis, die Szenerie und hier und da eine Seite. Alles schien ihr so prosaisch, so wenig poetisch, mehr ein Roman als ein Drama.

Als die Damen sich im Mantel und Schal auf dem Gange trafen, lüftete Leonore Marthas Mantel:

»Wie bist du denn angezogen? Ach, wieder das Backfischkleidchen!«

»Gedulde dich nur, Leonore, das Theaterkleid kommt ja dieser Tage. Heute mußt du mich schon so mitnehmen, wie ich bin. Übrigens gehe ich nicht ins Theater, um gesehen zu werden, sondern um zu sehen.«

»Aha, du willst wieder nach einem gewissen Herrn Ausschau halten.«

»Nein, liebe Kusine, heute brauchst du nicht eifersüchtig zu sein.«

 

Martha war zuerst enttäuscht. Die moderne Szenerie und das moderne Kostüm des Alltags paßte so gar nicht zu den Begriffen und Erinnerungen, die sie vom Theater hatte. Jedoch allmählich packte sie die Kraft der Ibsenschen Gedankenschraube und die verblüffende Lebenswahrheit seiner Psychologie.

Stimmte das alles nicht auch mit dem zusammen, was Maria Reiber gestern gesagt hatte? Die Achtung der Persönlichkeit der Frau, ihre Behandlung als Puppe von seiten des Mannes? Ja, Ibsen hatte die moderne Frau und ihre Not erfaßt. Da mußte man es notwendig verstehen, wenn die Frau sich vom Manne trennte. Nach den Gesetzen der Kirche war das ja nicht. Aber Ibsen will ja nur Charaktere zeigen, die aus dem reinen Menschentum hervorgehen, Charaktere, wie sie heute in der Welt leben. Und er will ihre Schäden, ihre Fehltritte aufweisen und geißeln. Ibsen will ein Apostel, ein Verbesserer der modernen Welt sein und sie da packen, wo es ihr am meisten fehlt, am Eheleben. Martha faßte ein tiefes Mitleid mit Nora. Sie hätte so gerne gesehen, wenn sie zurückgekehrt wäre; darum ließ sie der rauhe Schluß unbefriedigt. Es kämpfte etwas in ihr gegen diesen Schluß.

Auf dem Heimwege bemerkte Leonore das Unbefriedigtsein Marthas: »Du schweigst Martha, du bist so ernst. Ich weiß, das Stück hat dich gepackt, nicht wahr? Du wehrst dich aber innerlich gegen dieses Gepacktsein. Das mußt du nicht. Ibsen bietet wahre, tiefe Kunst, und die erfaßt immer den ganzen Menschen. Du handelst aber falsch, du sündigst gegen den Künstler und gegen dich selbst, wenn du alte Vorurteile von außen gegen den inneren Eindruck Sturm laufen läßt. Ich gebe dir einen Rat: Lies heute abend noch

»Baumeister Solneß«. Wenn ein Redner seine Zuhörer durch und durch überzeugen will, dann häuft er oft die Beweise. Wenn ein Künstler uns voll und ganz packen soll, dann müssen wir auch die Eindrücke, die er in uns wecken will, durch sein Gesamtwerk häufen. Wenn du »Baumeister Solneß« liest, wird der Eindruck von Nora verstärkt und vervollkommnet werden, so daß sich ihm in deiner Seele kein Hindernis mehr in den Weg stellt.

Und Martha gab sich ans Lesen. Um ein Uhr schloß sie das Buch, nicht froh, aber überzeugt, daß es mit Solneß und Hilda so kommen mußte, wie es kam. Von allem aber, was sie gelesen hatte, trug sie in ihr Buch ein: » Hilda: Herrgott, das hat man doch nicht in seiner Macht, in wen man sich verliebt! Solneß: Ach nein, – das bestimmt wohl der Dämon in unserem Innern.«

Sie machte sich zum Schlafengehen fertig, den Kopf voll Eindrücken, unbestimmten Gedanken und Gefühlen. So hatte sie die Liebe noch nie betrachtet. Wohl war sie in den paar Tagen schon zur Hauptmacht und Hauptsache ihres Innenlebens geworden, aber sie hatte noch nicht gewußt, daß sie in der Tat das Zentrum des menschlichen Lebens überhaupt war, daß sie wie eine überirdische Kraft den Menschen erfasse und sein Schicksal bestimme. Das hatte sie erst aus Ibsen herausgelesen.

Am folgenden Tage schloß sie sich fast ganz in ihr Zimmer ein und las, bis ihr der Kopf glühte: »Die Frau vom Meere«, »Die Gespenster«, »Die Wildente«.

Jetzt kannte sie das Leben und die Liebe. War die Ehe das Ende der Liebe, dann hieß es, früh sich kennen lernen und die Liebe so lange genießen, als es eben möglich war.

Martha kam sich wie eine große Kennerin des Lebens vor. Was hatte man ihr doch im Institut für naive Anschauungen beigebracht! Jetzt fiel das alles in sich zusammen. Aber mit der neuen Erkenntnis kam sie sich viel tiefer und größer und stärker vor. Sie wollte jetzt auch einmal die in ihrer Seele schlafenden Triebe und Wünsche sich ausleben lassen und dadurch sich selbst besser kennen lernen und das, was sie bis heute spielend und ahnungslos besessen, durch Kampf gewinnen. So würde das Leben auch bedeutend interessanter, so interessant, wie das ihrer Romanhelden und -heldinnen, die alle Möglichkeiten der Liebesleidenschaften und kühner Geistesfreiheit erschöpften. Aber alles in Ehren und in treuem Festhalten am religiösen Leben. Nur das Leben studieren und sich bilden!

Ehe sie zur Ruhe ging, setzte sie die elektrische Lampe an das Kopfende und nahm einen Novellenband mit ins Bett und las ihn mit Hast bis ans Ende. Sie ging ganz auf in den Heldinnen des Buches und glaubte sich selbst in ihnen wiederzuerkennen. Ja, die Anlagen zu dieser Größe und Charakterschönheit lebten auch in ihr, es brauchte nur der rechte Frühlingssonnentag zu kommen, dann blühten auch sie wie Rosen auf. Die starke, tiefe, heilige Liebe stand ja schon in voller Rosenblütenpracht. Die milde Herzensgute wollte sie in sich ausbilden.

Nur eines fehlte ihr noch: eine ganz eigene, große Charaktereigenschaft, die andere nicht verständen, deretwegen sie großes inneres Leid ertragen müsse, eine Leidenschaft, eine Liebe zu irgend etwas in ihr oder außer ihr, die sie zur stillen, unverstandenen Frau machen würde. Sie wußte noch nicht recht, was sie wählen sollte, was sie mit ihren Pflichten, mit anderen Menschen in Konflikt bringen, was sie mit einem Worte interessant machen konnte. Alle Frauen und Mädchen, von denen sie las, hatten so etwas: die eine war nun einmal zum Luxus geboren und konnte gar nicht ohne ihn sein; eine andere wurde in ihrer heißen Leidenschaft für die Kunst von ihrem nüchternen Gatten zu einem jungen Künstler getrieben; wieder eine andere war zu tief veranlagt, als daß sie sich mit der äußerlichen Religiosität der gewöhnlichen Menschen hätte abfinden können.

Über diesen Träumen schlief sie ohne Abendgebet ein.

Morgens erwachte Martha mit schwerem Kopf. Die Lampe brannte noch in den Tag hinein. Das Buch war ihr aus der Hand geglitten und lag zerblättert auf dem Teppich. Wie erschreckt sprang sie auf, knipste das Licht aus und steckte das Gesicht ins kalte Wasser. Das ließ sie zu sich kommen. Nein, heute abend wollte sie zeitig schlafen gehen, nicht mehr in die Nacht hineinlesen.

Eine ziehende Müdigkeit lag ihr in allen Gelenken. Im harten, kalten Licht des Tages zogen die Gestalten, von denen sie gelesen hatte, vor ihrem Geist vorüber, aber sie hatten nicht mehr die Wärme wie gestern abend, versetzten ihr Blut nicht mehr in Wallung. Sie verbreiteten eine Luft und Stimmung um sich, wie sie am Morgen, ehe der Tag erwacht, aus einem am Abend und in der Nacht stark besuchten Restaurant weht.

Martha ging zur Messe, fühlte sich aber so öd und kalt, daß sie nicht kommunizierte. Sie kam sich vor, als sei sie von einem warmen heimeligen Zimmer in einen kalten zugigen Regentag hinausgegangen. War das auch alles recht, was sie las und sich durch den Kopf gehen ließ? Sie schüttelte sich in innerem Frost. Da stand auf einmal ihre Lieblingslehrerin aus dem Institut vor ihr: Kind, was tust du? Du liest ja Bücher, die deine Phantasie erhitzen, die dich zur Sünde führen können, und dies ist ja schon Sünde. Fühlst du nicht, wie es sich in deiner Seele prickelnd regt, von verbotenen Früchten zu naschen? – Auf dem ganzen Heimweg zuckten diese Gedanken durch ihr Hirn. Sie war tiefunzufrieden mit sich selbst.

Als sie nach dem Frühstück auf ihrem Zimmer angelangt war, fühlte sie sich wieder frischer.

O, heute mußte sie zur Kleiderprobe! Und sie malte sich in der Phantasie ein Bild aus von ihrer Erscheinung auf dem Ball – vor Otto.

Da glomm auch schon das alte Feuer in ihrem Herzen wieder auf. Mit ein paar weitgriffigen überleitenden Akkorden landete ihre Stimmung in dem Rausch der Liebessehnsucht von gestern abend.

Jetzt nur recht bald wieder an die Lektüre. Aber sie hatte schon fast alle Bücher, die auf ihrem Zimmer standen, durchgelesen. Leonore mußte ihr neue geben. Als sie Bewegung in dem Nebenzimmer hörte, ging sie hinüber, Leonore bedauerte, nicht viel mehr zu haben, was sie interessieren werde. Aber sie solle ein Abonnement in einer Leihbibliothek nehmen, nicht weit vom Hause sei eine, wo man alles bekommen könne.

»Da nimm dir mal gleich was Ordentliches. Hast du schon was von Frenssen gelesen, von Kellermann, Dostojewski?«

»Nein, haben die denn schön geschrieben?«

»Das ist wieder so eine echte Backfischfrage. Schön braucht ein Künstler nicht zu schreiben, so wie du es meinst; er muß das Leben wahr darstellen und uns etwas zu sagen haben. Also bring dir mal gleich Jörn Uhl, Hilligenlei, der Tunnel und Raskolnikow mit.«

 

Je näher Martha der Leihbibliothek kam, desto eigentümlicher wurde es ihr zumute. Allerlei Schreckbilder schwebten ihr vor, allerlei Befürchtungen und Ahnungen.

Sie blieb eine Weile an den Schaufenstern des Ladens stehen und las die Titel und sah die Umschlagzeichnungen der ausgelegten Bücher. Was sollte sie von den Sachen denken? Was würde man drinnen von ihr denken, wenn sie ihre Bücher verlangen würde. Sie wußte ja gar nicht, was darin stand. »Ach was, du hast A gesagt, nun mußt du auch B sagen.«

Eine übermütige, abenteuerliche Laune überfiel sie. Die Sache konnte ja höchstens nur interessant werden. Frisch drückte sie auf die Türklinke und trat ein.

Vor dem Ladentisch stand ein junges Paar. Sie offenbar nicht älter als siebzehn, er vielleicht zwanzig. Die beiden kicherten und tuschelten und besahen sich die auf dem Tisch ausgelegten Bücher mit den pikanten Deckelzeichnungen, alle schon ziemlich abgegriffen. Nun wendeten sie sich nach Martha um und besahen sie von oben bis unten. Einen Augenblick kam niemand. Dann trat aus dem Nebenraum ein Mädchen mit einem Buch heraus, das es für die beiden Wartenden geholt hatte. An dem Mädchen war nichts Besonderes. Es war einfach gekleidet und benahm sich natürlich einfach. Die beiden nahmen das Buch in Empfang, er bezahlte, bot ihr den Arm und so gingen sie hinaus.

»Bitte, Fräulein, ich hätte gerne ein Abonnement.«

»Für ein Buch, zwei oder vier in der Woche?«

»Bitte, für vier.«

»Ihr werter Name?«

»Martha Halden.«

»Bitte hier ist der Katalog.«

»Ich danke. Ich hatte gerne Jörn Uhl und Hilligenlei von Gustav Frenssen, Der Tunnel von Kellermann und Raskolnikow von Dostojewski.«

Martha las die Titel und Namen von einem Zettel ab und faltete ihn wieder zusammen.

»Sind die Bücher vielleicht da?«

Das Mädchen suchte einige Gefächer ab, trug die Bücher auf einen großen Zettel, auf den sie eben Marthas Name geschrieben hatte, ein, und händigte sie Martha aus. –

Beim Betreten der Straße schaute Martha sich um wie das böse Gewissen, ob sie auch niemand gesehen hätte. Dann ging sie eilig mit ihren Schätzen nach Hause. Sie brannte vor Neugierde, die Lektüre zu beginnen. Aber mit welchem Buche sollte sie anfangen? »Na, gehen wir einmal nach dem Alphabet voran. Also Dostojewski!«

Sie las und las eine Seite nach der anderen.

»Mein Gott, ist das langweilig! Das geht ja gar nicht voran. Und von Liebe scheint auch nichts drin zu sein.« Klapp, war Dostojewski abgetan. Also Frenssen her! Jörn Uhl!

Hu, war das unheimlich ahnungsvoll. Aber so interessant, die Erwartung der Geburt, und die Laterne, die wie ein feuriger Vogel durch das Haus irrte, und die feierliche, salbungsvolle Sprache!

Da klopfte es. Die Tante! »Aber, Kind, du vergißt doch nicht, daß heute Dienstag ist und du zur Probe des Kleides gehen mußt.«

Martha fuhr auf und strich sich das Haar aus der Stirne. »Ja, Tante, wann müssen wir gehen?«

»Jetzt gleich, mach dich fertig. Heute nachmittag habe ich keine Zeit, da hab ich mit den Damen, – du weißt ja, – einen wichtigen Gang zu tun.«

 

Die Probe fiel glänzend aus. Martha war entzückt. Als sie vor den Spiegel trat, erschrak sie fast vor ihrer Schönheit.

Aber was würde Maria ... Otto sagen? Da vorne, war das doch nicht etwas zu arg. Sie empfand es nicht mehr so wie neulich, wo sie das Kostüm nur im Bilde gesehen hatte; da war das alles viel stärker betont. Doch ...

»Fräulein, kann man da nicht einen kleinen Einsatz anbringen, vielleicht eine Spitze oder gestickte Seide?«

»Gnädiges Fräulein werden sehen, Sie verderben dadurch die ganze blühende Wirkung der Robe; und man tut das heute nicht mehr, wir würden dadurch dem Ruf unseres Hauses schaden.«

»Hm, Kind, ich sehe auch nicht ein, was da noch zu ändern wäre. Ich beneide dich fast.«

»Aber ich sehe doch lieber, wenn Sie einen kleinen Einsatz machen.«

»Ja, wenn Sie es ausdrücklich verlangen, gnädiges Fräulein, aber wie gesagt ...«

»Also machen Sie es, ich verlange es so.«

Der Zuschneider machte noch hier und da einen Stich, einen Kreidestrich und ging. Martha schaute noch einmal in den Spiegel und drehte sich um und um. Tante Edeltraud stand wie verzückt:

»Nein, Kind, wie schön du bist! Ich bin stolz auf dich. Die jungen Damen werden vor Neid vergehen, und die Herren werden nur dich umschwärmen.«

Martha hörte nicht, was die Tante sagte; sie sah sich im Geiste auf dem Ball, umkreist von den bunten Uniformen und umrauscht von schmelzenden Melodien, am Arm Ottos, – und Leonore schoß giftige Blicke auf sie, und Maria, – ja Maria! – die war auch nur eifersüchtig. – Nein, pfui welch schmutziger Gedanke! Maria wollte ihr ja nur Gutes; sie war nur so komisch, so ganz anders in ihren Anschauungen als die anderen jungen Mädchen und die Menschen in den Büchern

 

Ausnahmsweise war Richard am Mittag zu Tisch daheim. Er hatte für heute keine Einladung und freute sich, wie er sagte, wieder einmal ein Stündchen bei der Mutter sein zu können. Als er von der Kostümprobe hörte, meinte er:

»Donnerwetter ja, da muß ich dich aber vor dem Ball einmal ein Viertelstündchen ganz für mich allein haben. Ich will nicht, daß andere deine Schönheit so quasi vor mir, deinem Vetter, bewundern. Ich habe das erste Recht auf dich. Hier genießt man überhaupt die jungen Damen nicht recht, wie man soll. Immer diese philiströse Polizeiaufsicht, die einem den ganzen Schönheitsgenuß vergällt. Überall sitzen die gnädigen Frauen Mütter herum und spießen einen mit ihren Blicken auf.«

»Richard, ich finde, du wirst roh.«

»Ich roh? Nein, die Mütter sind roh gegen uns und tyrannisch gegen ihre Töchter. Ich weiß eine Garnison, da haben die Kameraden eine ganz andere Ordnung eingeführt. Wenn sie die jungen Damen zu ihren Bällen einladen, holen sie sie im Wagen ab, und keine gnädige Frau Mutter darf mitfahren, wenn sie nicht ausdrücklich eingeladen ist. Ich meine, das sollte man auch hier in München einführen.«

»Richard, das hätte Vater hören müssen!«

»Nun, Vater war auch noch aus der alten Schule wie so manche von den alten Herren in unseren Regimentern, und es ist auch gar keine Aussicht bei unseren verfluchten bayrischen Avancementverhältnissen, daß einmal neuer Wein in die alten Schläuche kommt. – Sieh mal, Martha, bin ich nicht ein frommer und bibelfester Mann? Das gefällt dir doch?«

Martha saß und träumte. Das, was Richard da eben gesagt hatte, war zu stark. Aber es prickelte sie doch, einmal mit Otto allein im Wagen zu sitzen.

»Ach, du bist unausstehlich; ich mag nichts von dir wissen; geh nur recht bald wieder nach Landshut zurück.«

»Das tu ich auch, mein allergnädigstes Fräulein; Freitag ist wieder Reisetag, allerdings ein Unglückstag, aber ich muß halt zurück. Aber zuerst muß ich dich in deiner ganzen Schönheit sehen. Ich nehme mir dann das Bild im Geiste mit, und du wirst meine glückbringende Fee sein.«

»Ach, Richard, tu nur nicht so! Hast du denn keine andere Fee, die du im Herzen trägst?«

»Ach, Martha« – ahmte er sie nach – »wie könnte ich in deiner entzückenden Nähe denn an einen anderen Menschen denken?«

»Wenn du Martha so gerne hast wie uns, dann ist deine Liebe nicht weit her, mein Sohn. Du bist jetzt fast schon eine Woche auf Urlaub, und am Freitag gehst du wieder fort. Wann bist du aber in der Zeit einmal bei uns gewesen? Immer bist du draußen oder bei anderen Leuten.«

»Liebe Mutter, darf ich fragen, wann du einmal für mich zu Hause bist, für mich allein?«

»Nun, ich habe auch hier und da notwendige Gänge zu besorgen. Aber du gehst nur dem Vergnügen nach.«

»Ich bedaure, schon für heute nachmittag Timpe eine Tour an den Starnbergersee zugesagt zu haben. Sonst stände ich heute ganz zu deiner Verfügung. Aber Donnerstag abend gehen wir ja wohl zusammen zum Ball. Morgen muß ich auch notwendig zum Tennis; morgen abend haben wir einen gemütlichen Herrenabend bei Dr. Knopp. Aber ich weiß, wir werden uns noch einmal allein sprechen, Mutter.«

»Ja, ich weiß,« dabei schaute sie ihn von der Seite mit traurigen Augen an, »doch ich fürchte, es wird nichts geben. Ich kann mich unmöglich mehr einschränken, als ich es schon tue; ich kann mich nicht noch mehr aus der Gesellschaft zurückziehen.«

Martha verstand; es wurde ihr ungemütlich. »Tante, du gestattest, daß ich mich zurückziehe.«

Sie stand auf und ging auf ihr Zimmer. Leonore folgte ihr. Ein ungewohnter Ernst sprach aus ihren Augen, sie ließ sich auf Marthas Sessel fallen, legte ihre Stirn auf die Arme und weinte. Martha war sprachlos. War das Leonore, die harte, eitle, großtuerische Leonore?

»Kind, du glaubst nicht, welche Sorgen uns Richard macht. Er treibt uns noch in Armut und Not. Sein Vermögen hat er schon draufgetrieben, jetzt zehrt er schon von Mutters kleinem Kapital. Wenn er nur einmal Oberleutnant wäre und die Käthe Zeisig heiraten könnte, dann würde er vielleicht anders. Aber die hat auch nicht viel. Überall, wo man hinschaut, glänzendes Elend.«

Stoßweise kamen die Sätze heraus. Martha wurde weich. Sie legte der Kusine die Hand auf den Scheitel. Leonore wurde ruhiger. Plötzlich stand sie auf, trocknete die Tränen und nahm wieder ihre alte Kälte an.

»Nimm mir diese Dummheit nicht übel, Martha, aber meine angestrengte Arbeit macht mich nervös. Vergiß, was ich dir gesagt habe. Es ist auch nicht so schlimm. Richard ist halt noch jung. Wenn er einmal avanciert, wird alles besser. Ich kann ja auch noch arbeiten und hoffe, bald einmal ein Bild zu verkaufen. Aber schlag du dir Otto Reiber aus dem Kopf. Merkst du denn nicht, daß Mutter mich so gern mit ihm zusammen sähe?«

Da verschwand wieder alle Weichheit aus Marthas Herzen. »Ich weiß nicht, was ihr immer mit Otto Reiber wollt. Wenn ich mich in ihn verlieben wollte, wäre das doch meine eigene Angelegenheit, gegen die ich selbst nichts machen könnte; und wenn er Gefallen an mir fände, wer wollte es ihm verwehren? Liebe läßt sich doch nicht kommandieren.«

»Ich sehe, daß du ein eingebildetes Ding bist; ich schäme mich vor mir selbst, daß ich mich eben vor dir so gehen ließ. Guten Tag!«

Leonore schlug die Türe hinter sich zu. Martha war doch nicht so ruhig, wie sie sich gestellt hatte.

Sollte sie nicht lieber wieder nach Hause fahren? Hier half sie ja doch nur die inneren Sorgen vermehren. Wenn das alles, was rings um sie lebte, nur Schein war, dann mußte dieser Schein eines Tages einer grausamen Wirklichkeit weichen.

Aber nein, Leonore war nur nervös erregt. Und Otto? Konnte sie von ihm gehen. Niemals, das würde sie nicht mehr über sich bringen. Ihr Vater bezahlte ja alle Auslagen, die Tante Edeltraud für sie machte.

So setzte sie sich an ihren Jörn Uhl und las den ganzen Nachmittag durch bis zum Abend. Bei mancher Seite wurde sie von heißer Neugier gepackt und eine innere Glut peitschte sie voran, so daß ihr das Bewußtsein zu schwinden schien und sie in einer üppigen Phantasiewelt lebte.

Als sie zum Abendessen ging – den Tee hatte sie vergessen –, dauerte es eine Weile, bis sie sich in der Wirklichkeit zurechtfand. Zwischen ihr und Tante und Leonore und den Gegenständen des Zimmers schwebte es wie eine glühende Nebelwand, die erst allmählich verschwand und die Personen und die Zimmereinrichtung kalt und hart hervortreten ließ.

Die Frau General war aufgeregt und schweigsam. Sie aß fast nichts. Leonore lächelte vor sich hin wie in stillem Triumph. Martha wagte nicht, das Schweigen zu unterbrechen. Endlich fragte Leonore ganz unbefangen und nur so obenhin: »Was hast du den ganzen Nachmittag getan, Martha?«

»Ich habe gelesen, Jörn Uhl, fast aus.« »Was? Und da hast du Mutter allein gelassen?« »Wie kannst du aber so einfältig fragen, Leonore? Du weiht doch, daß wir heute nachmittag beim Erzbischof waren.«

»Ach so, richtig! Nun, was habt ihr denn ausgerichtet? Alles ist doch glänzend gegangen, nicht?«

»Ganz so, wie mir geahnt hat. Die geistliche Behörde hat durchaus kein Verständnis für die Wünsche der Gebildeten und des besseren Teiles der katholischen Bevölkerung. Man ist nicht auf unsere Bitte betreffs des Predigers eingegangen. Er ist heute morgen schon in seine neue Stelle abgereist.«

»Das nenne ich unverschämt.«

»Ist es auch. Die einfache Folgerung, die ich und einige andere Damen daraus ziehen werden, ist, daß wir nicht mehr in den Gottesdienst gehen. Gott will, daß wir uns dort erbauen. Wenn diese Erbauung nicht zustande kommt, fällt für mich natürlich der Zwang des Kirchenbesuches weg. Ich suche mir die religiöse Erbauung da, wo ich sie finde, und zu der Zeit, wann sie sich mir bietet. Daß ich Sonntags früh in eine Messe gehe, wird von mir bei meinen gesellschaftlichen Verpflichtungen niemand verlangen. Sie allein befriedigt mich auch nicht. Der Sonntag ist übrigens der gottesdienstliche Tag für das Volk, das in der Woche der Arbeit nachgehen muß. Ich kann aber auch an Werktagen dahin gehen, wo ich innere Erhebung finde.«

»Ich meine aber, Tante, Gott hat ein Recht, unseren besonderen Dienst an einem bestimmten Tage und durch eine bestimmte Form zu verlangen.«

»Bitte, wo verlangt Gott das? Das ist ja alles nur Menschenkram, dazu gemacht, gewissen Leuten Gewalt über die Massen zu geben.«

Martha suchte in ihrem Gedächtnis nach einer Erwiderung, fand aber keine und schwieg.

»Du willst mich doch nicht zu einem schlechteren Menschen stempeln als die Frömmler, die immer zur Kirche laufen, nebenbei aber allen möglichen kleinen Liebhabereien nachgehen, die sie dann zu Ostern beichten, um nach der Beichte sofort wieder das alte Leben zu beginnen.«

»Davon verstehe ich nichts, Tante, und es geht mich auch schließlich nichts an, was du tust.«

»Da hast du ganz recht. Lerne erst einmal die Menschen tiefer kennen und schau einmal hinter die Heuchelei und das Getue der sogenannten Kirchlichen, und du wirst keine Zweifel mehr an meiner Rechtlichkeit hegen.«

»Aber was sagt denn Tante Therese dazu?«

»Tante Therese? Die geht das gar nichts an. Die wird bald wieder einen Beichtvater gefunden haben, der ihr das sagt, was sie gerne hört. Ich glaube auch sicher, daß sie dem früheren Herrn schreiben wird, um sich von ihm trösten zu lassen. Nach einiger Zeit hat sie ihn vergessen, und dann schwärmt sie für einen anderen. – Aber jetzt muß ich aufstehen, Kinder. Ich habe noch einige Briefe zu schreiben. Unterhaltet euch nur noch etwas.«

»Gute Nacht, Mutter.«

»Gute Nacht, Tante.«

»Schlaft wohl, Kinder.« – –

»Siehst du wohl, Martha, ich habe es ja immer gesagt, daß es so kommen mußte, Mutter wollte es nur nicht glauben.«

»Ich verstehe euch beide nicht recht, Leonore.«

»Du bist eben kein einheitlicher Charakter. Du willst das Leben und die Menschen nehmen, wie sie sind, möchtest auch selbst wohl ein ganzer Mensch sein, der alle seine Fähigkeiten sich ausleben läßt; aber du willst nicht von einem anderen Moment lassen, das in diesem Leben ein Fremdkörper ist. Willst du ein moderner Mensch werden, dann mußt du auch deine religiöse Betätigung aus dem modernen, freien, konsequenten Geist herausfließen lassen. Sonst wirst du nie und nimmer zufrieden sein, weil dir die Einheitlichkeit fehlt. Die gebundenen religiösen Anschauungen, die du jetzt hast, werden auf Schritt und Tritt gegen dein inneres und äußeres Leben aufstehen und dieses wird immer wieder auf Vorurteile stoßen, die dir schließlich das Leben unerträglich machen. Mehr ehrlich wissenschaftlicher Geist täte dir not, mehr Kritik, mehr prüfende Zurückhaltung gegenüber allem, was da ohne wissenschaftliche Beweisführung behauptet wird.«

»Bitte, was wird denn auf unserer Seite ohne Beweisführung behauptet? Da ist doch alles hieb- und stichfest.«

»Na, Kind, ich sehe, daß du noch nicht über deinen Katechismus hinausgeschaut hast. Überlege dir nur Zum Beispiel einmal vernünftig: Kann der gütige und barmherzige Gott denn Menschen schaffen, um sie zu verdammen? Ihr wollt beweisen, daß auf der Welt alles so wundervoll und ordnungsgemäß eingerichtet ist, und daraus den Schluß ziehen, daß es einen Gott geben muß. Da tragen eure Geistlichen möglichst unwissenschaftlich so ein paar Paradestücke wie den Sternenhimmel, das menschliche Auge und so weiter zusammen und verschließen ihre Sinne gegen all das Elend und Leid, all die Dinge, die gar keinen Zweck haben. Fang nur einmal an zu studieren, und du wirst schon sehen.«

»Wenn ich keinen anderen Beweis für die Wahrheit unserer Religion hätte, als die Gottheit Christi – und die ist doch erwiesen – dann wäre ich zufrieden. Ich kann nicht alles lesen, was die Wissenschaft gegen das Christentum geschrieben hat.«

»Aber über die landläufigsten Forschungsergebnisse mußt du doch etwas wissen, sonst blamierst du dich in Gesellschaft auf Schritt und Tritt. Die Gebildeten hier haben alle ihre eigene Auffassung über religiöse Dinge, die sie sich selbst erarbeitet haben. Und dann, was du da von Christus sagst! Hast du einmal etwas von Buddhismus und Mithrasdienst gehört?«

»Ja, in der Religionsstunde hat uns der Herr Rektor einmal gesagt, und wir haben das auch in der Apologetik gelernt, daß man heutzutage sage, das Christentum habe sich aus Buddhismus und Mithrasdienst entwickelt, Christus selbst sei nur eine Mythe. Aber man hat uns das auch widerlegt.«

»Wieviel Stunden hat euch denn der Herr darüber gelesen?«

»O, ich meine doch eine ganze Stunde. Es war sehr interessant, und die Theorie der modernen ungläubigen Gelehrten kam uns so dumm vor.«

»Ja natürlich, wenn man so eben einmal daran nippt und der geistliche Herr dann noch seine Witze darüber macht, nicht wahr! Aber du solltest einmal ein Semester Kolleg darüber hören hier an der Universität oder wenigstens in ein paar Vorträge gehen, wie sie von Gelehrten und Professoren hier oft vor einem größeren Publikum gehalten werden. Da sprüht der Geist nur so, und man wird in die tiefsten Forschungen der vergleichenden Religionsgeschichte spielend hineingeführt. Ehe man aburteilt, muß man wenigstens auch einmal die Gegenseite hören, sonst kommt man mit Recht in den Ruf eines ungebildeten, unwissenschaftlichen Menschen. Ich begreife überhaupt nicht, – um gleich einmal das Wurzelübel deiner naiven Weltanschauung anzupacken, – wie ein geistig hochstehender Mensch noch an so urzuständlicher, uneinheitlicher Weltbetrachtung festhalten kann wie die dualistische.«

»Was ist das: Dualistische Weltbetrachtung? Ich verstehe nicht.«

»Das ist eben deine Weltanschauung: daß es eine Welt und einen außerweltlichen Gott gibt, der diese Welt erschaffen hat.«

»Na, soll es denn keinen Gott geben?«

»Hu, da schlägst du wohl beinahe ein Kreuz vor mir, der Ungläubigen, der gottverlassenen Atheistin. Nein, Kind, die Welt, das All ist eben Gott. Schau mal zurück in die Geschichte des Menschengeschlechtes: Zuerst verehrten die Menschen im Urzustand Tausende von Göttern. Alles, was ihnen gefiel, was ihnen guttat, und auch alles, was ihnen Furcht einflößte, war ein Gott oder eine Göttin. Dann beschränkten sie sich immer mehr auf einige wenige Götter, bis schließlich nur mehr zwei übrig blieben: der gute liebe Gott und der Teufel. Mit dieser Anschauung von Gott kam die Menschheit ziemlich weit. Das Christentum schaffte auch den Teufel als Gott ab. Da blieb nur mehr Gott und die Welt als die beiden großen Dinge übrig, die geheimnisvoll dem Menschen gegenüberstehen. Aus der Erde erhielt der Mensch den Leib, von Gott die Seele. Jetzt aber geht die Wissenschaft noch weiter in der Vereinheitlichung und findet, daß Gott und Welt und die Menschen eins und dasselbe ist. Das ist doch sein und geistvoll erdacht, nicht wahr?«

»Ich kann nicht leugnen, daß dieser Gedanke sehr schön und ästhetisch ist. Aber sollte er wahr sein?«

»Nun, darüber kannst du dich beruhigen. Wenn unsere größten Geister und bedeutendsten Gelehrten ihm huldigen, dann ist er echt.«

»Wie wird er denn bewiesen?«

»Bewiesen? Bewiesen? Das muß man erleben, fühlen, intuitiv schauen. Als ich zum ersten Male von Monismus hörte, da strahlte es wie ein flammendes Licht in meiner Seele auf, und ich war berauscht von der Schönheit des Gedankens. Gerade uns Frauen sagt der Gedanke so ungemein zu, weil wir die Wahrheit mehr ahnen, mehr mit unserem ganzen Wesen erfassen, als nur mit dem Verstände errechnen. Wir fühlen den Lebenswert einer Wahrheit in uns und sind uns mit seinem Instinkte bewußt, nichts Falsches und Unedles zu umfassen. Die Einheitlichkeit, die wir in der ganzen Weltanschauung haben, kehrt hier in ihrer Erfassung wieder: Nicht nur der Verstand wird befriedigt, nein, der ganze Mensch ist ein jauchzender Jubelschrei inneren Erlebens der Wahrheit. Auch das Christentum will den Verstand erfassen mit sophistischen Klügeleien, es will auch das Gemüt packen, aber das tut es wieder mit anderen Einflüssen, wie zum Beispiel mit pomphaftem Gottesdienst, rührseligen Gesängen und so weiter, aber es ist nicht imstande, mit einer Idee den ganzen Menschen einheitlich zu erfassen.«

»Das sind ganz interessante Ideen, die du da vorträgst, Leonore. Ich hätte wirklich nicht gedacht, daß du so gelehrt bist.«

»Pah, gelehrt! Das sind Binsenwahrheiten, die du hier täglich hörst, Selbstverständlichkeiten, über die man nicht mehr streitet. Du solltest einmal Bergson lesen, da ginge dir das Herz auf. Er ist der Philosoph der Frau, weil er der Philosoph der Intuition ist. Übrigens, wenn ich nicht irre, hält dieser Tage Professor Klausen einen Vortrag über Bergson; da wollen mir hingehen. Das Wichtigste wirst du dort hören.«

Martha schwärmte schon im stillen für den Philosophen der Intuition. »Ja, das will ich mir einmal anhören. Es muß doch sehr interessant sein, einen Universitätsprofessor sprechen zu hören.«

»Ach, bist du naiv! Das kannst du hier fast jeden Tag haben, besonders im Winter, da strömt die geistige Anregung fast in Wolkenbrüchen auf uns nieder. Das muß ich sagen: man fühlt sich hier wirklich als gebildeten Menschen, man lebt das Ringen seiner Zeit mit.«

»Dann muß man aber, meine ich, das ganze Leben nehmen, auch wie es sich in der Kunst äußert.«

»Ah, du willst überleiten! Ja, ich habe dir versprochen, dich durch unsere Ausstellungen zu führen. Das wollten wir ja mit Maria Reiber tun. Dann fangen wir morgen früh an, wenn es dir recht ist, aber nicht mit der Alten Pinakothek, da siehst du nichts vom modernen Geist. Wir gehen zunächst einmal in die Sezession, den Glaspalast und die Neue Sezession. Ich will doch gleich einmal Maria antelephonieren; sie sitzt sicher zu Hause über ihren Büchern.«

Leonore stand auf und ging hinaus. Martha hörte von drinnen ihre Stimme am Telephon: »Guten Abend, Maria! Sag mal, kannst du morgen um zehn Uhr mitgehen in die Sezession?« – – »Gewiß, ich weiß jetzt wieder, wir hatten den Dienstag ausgemacht, aber ich hatte ganz darauf vergessen. – – Ja, ja. Martha ginge lieber zuerst in die Sezession, weil da mehr der moderne Geist vertreten ist. – – Ja, ja, sie hat sich schon gut eingelebt. – – Schön, dann treffen wir uns also morgen früh punkt zehn Uhr auf dem Königsplatz. Guten Abend, Maria, – halt, einen Augenblick, Martha will dich eben begrüßen.«

Martha war aufgestanden und hinausgegangen und griff nach dem Hörrohr.

»Guten Abend, Maria! Wie geht es dir? – Hör mal, das, was Leonore eben sagte, ist gel...« Sie bekam einen Puff auf den Arm. – – »Ist nicht wahr. Leonore hat mir klargemacht, daß es besser sei, mit der Sezession zu beginnen, als mit der Alten Pinakothek, und da hab ich denn zugestimmt. Ich wollte dir das nur eben sagen. Aber du wirst ja wohl schon die Alte Pinakothek genug kennen, so daß du ganz gern in die Sezession gehst. – – Ja, recht so, danke schön, gut Nacht!«

»Gelt, Martha, du wolltest nur eben einmal in das Haus Ottos hineinsprechen, wenn auch an der anderen Seite nur seine Schwester stand?«

»Da sieht man, wie verliebt du selber bist, daß du von dir immer auf andere schließen mußt!«

Leonore faßte Martha bei den Armen und begann mit ihr wie im Scherz zu balgen. Unter Lachen gab es Püffe hin und her.

Plötzlich kniff Leonore Martha in den Arm, daß sie laut aufschrie und ihr mit der Faust aufs Handgelenk schlug.

»O bitte, Martha, verzeih! Hab ich dir wehgetan? Nein, das wollte ich nicht; ich wollte dich nur am Ärmel zupfen.«

»Ach was, jetzt geh ich zu Bett, mit dir kann man nicht spielen, du nimmst alles gleich ernst, das tat mein Bubi in Mülhausen nicht einmal.«

»Nun sei doch wieder gut, Martha, ich hab es ja wirklich nicht gewollt.«

Martha rieb sich den Oberarm und ging auf ihr Zimmer. Leonore lächelte vor sich hin, ihr Kopf war puterrot. Der Gedanke war ihr so plötzlich und mit elementarer Gewalt gekommen, Martha zu kneifen. Mit einem blauen Flecken konnte sie dann übermorgen nicht auf den Ball gehen.

Martha machte sich weiter keine Gedanken, sie rieb den Arm noch ein wenig und ging dann ans Lesen. Es waren ihr noch etwa hundert Seiten Jörn Uhl vom Nachmittag her geblieben. Die las sie fertig und legte sich mit Hilligenlei zu Bett.

Zuerst war sie wohl ein wenig müde, aber bald verzog sich die Mattigkeit und sie las mit Hast und Gier. Ah! das war andere Kost. Hier war eigentlich mehr Geist als in Jörn Uhl. Es handelte sich um eine neue, tiefe Christusidee, die uns Menschen näherkommt. Und welche Begeisterung hat der Schreiber für seinen Christus!

Nein, das kann ja nicht schlecht und verderblich sein. Der Heiland, der dort im Hintergrunde der Handlung steht, packt den Menschen mit geheimnisvoller Kraft, und doch ist er so natürlich, so lieb und menschenfreundlich. Er erfaßt das Gemüt mit ganzer Macht und geht in Fleisch und Blut über. Da war etwas von dem Geist, von dem Leonore und auch Tante gesprochen hatten.

Allmählich begannen Martha die Augen zu schmerzen, sie sah die Buchstaben verschwommen. Die Lider wollten ihr zufallen. Da richtete sie sich auf und setzte sich unbequem ins Bett, um nicht einzuschlafen. Dann stand sie auf und rieb die Augen mit dem nassen Schwamm. Aber allmählich fiel die Müdigkeit wie Blei in ihre Glieder, sie streckte sich aus und schlief.

Am Morgen erwachte sie mit Kopfschmerzen; ihre Schultern und Knie taten ihr noch weh vor Müdigkeit. Sie schaute auf die Uhr. Schon neun! Die Natur hatte ihr Recht, das Martha ihr gekürzt, selbst genommen. Ah, jetzt konnte sie noch ein halbes Stündchen liegen bleiben. Zur Messe war es ja doch zu spät.

Sie dehnte sich behaglich und suchte im Gedächtnis nach dem gestern abend und in der Nacht Gelesenen. Jetzt aber schnell heraus, damit sie gleich weiterlesen kann! O weh, daraus wird ja nichts. Sie muß ja mit Leonore in die Sezession. Das ist ärgerlich.

Verstimmt macht sie Toilette und sieht zufällig ein kleines blaues Fleckchen auf dem linken Arm. Sie streicht ein paarmal darüber. Wenn das nur morgen abend fort ist; der Tüllbehang reicht wohl von der Schulter herab nicht so weit. Sie versucht es mit etwas Puder. O, das geht schon! – –

 

Vor dem Ausstellungsgebäude trafen Leonore und Martha mit Maria Zusammen.

»Du, Maria, ich habe in den letzten Tagen über das, was du neulich sagtest, viel nachgedacht und habe dazu noch vieles gelesen. Ich kann dir doch nicht in allem recht geben. Ich glaube wirklich, du siehst zu schwarz.«

»Liebe Kinder, heute wird nicht gestritten. Heute wird die Kunst genossen.«

Man stieg die Treppen des griechischen Tempelbaues hinauf und betrat den ersten Saal.

Da war so vieles, was Martha befremdete. Sie hatte eigentlich erst wenig gemalte Originalbilder gesehen, nur Reproduktionen in Zeitschriften und in den Schaufenstern der Kunsthandlungen. Die Bilder, die ihr am besten gefallen hatten, waren Landschaften, Blumenstücke und dann besonders solche, auf denen etwas geschah. Aber hier geschah eigentlich nirgendwo etwas. Fast nur bunte Farbflecke, die von nahe besehen überhaupt nichts vorstellten, aus der Ferne allerdings meist blendende Licht- und Farbenreize ausübten. Aber was sollte das sein? Was sollte sie sich dabei denken? Und dann die vielen nackten Frauen- und Mädchengestalten! Ja, wenn die noch wenigstens sauber gezeichnet gewesen waren; aber die waren auch so klecksig wie die Wälder und Wiesen und Vögel und Blumen. Da lagen sogar zwei auf dem Rasen voller grüner, blauer und roter Flecken und Striche, als seien sie in einen Farbtons gefallen. Leonore merkte Marthas Erstaunen und lächelte.

»Ja, Kind, hier mußt du dich erst an das richtige Sehen gewöhnen. Die moderne Malerei hat endlich erkannt, daß nicht der gemalte Gegenstand die Hauptsache auf einem Bilde ist, sondern das Licht und die Farbe und die Wirkungen des Lichtes auf einen Gegenstand, besonders auf das Inkarnat. Ob ich jetzt da einen Menschen nehme, der hübsch im landläufigen Sinn ist, oder ob ich eine Person wähle, die der Ungebildete häßlich nennt, das ist ganz gleichgültig, wenn ich nur male, das heißt mit Licht- und Farbenwirkungen arbeite und so eine Stimmung im Beschauer wachrufe.«

Maria war vertieft in eine norddeutsche Heidelandschaft, die auch, wie die anderen Bilder, in kräftigen Strichen und Farbflächen an- und aufgesetzt war. In einiger Entfernung machte sie einen tiefen Eindruck, sie packte den Beschauer förmlich und riß seine Seele in eine wehmütige, ruhige Sehnsucht hinein. Durch keinerlei kleine Nebensächlichkeiten war der große Haupteindruck gestört.

»Ich billige die Ideen und die Technik deiner Modernen vollkommen, Leonore, in solchen Bildern wie diese Heide da. Aber in so vielen anderen versagt die Technik und auch das Wollen vollständig. Wenn ich einen Menschen malen will, dann muß ich keine schmierigen Farbkleckse hinsetzen, sondern muß wirklich einen Menschen malen, bei dem die Linien des Körpers und des Antlitzes doch die Hauptsache sind.«

»Bitte, Maria, dann mußt du einen Menschen zeichnen und dann kolorieren, das wirst du aber im Ernst nicht malen nennen wollen.«

»Ja, für wen malen denn die Maler? Für sich selbst oder für uns, das Volk?«

»Aus Freude am Schaffen und um das Volk zu bilden, es zu sich emporzuziehen.«

»Da ist aber ihre Lehrmethode, wie mir scheint, etwas zu schroff. Ich sehe keinen gemeinsamen Boden mehr, auf dem die sogenannten Künstler und das genießende Volk stehen könnten. Auch was die dargestellten Ideen angeht, scheint unseren Malern der Zusammenhang mit dem Geistesleben des eigentlichen Volkes gänzlich verloren gegangen zu sein. Schau dir nur zum Beispiel da einmal das Waldbild an mit dem nackten, Flöte blasenden Buben und dem lauschenden Mädchen. Das ist doch kein reines Stimmungsbild, auch keine Schäferszene mehr, das ist doch – ich kann das natürlich nicht Strich für Strich beweisen, aber wer etwas von den modernen Ideen kennt, fühlt es auf den ersten Blick –, das ist doch der reinste Pantheismus oder wie ihr heute sagt: Monismus. Die beiden Menschen da sind nicht mehr selbständige Persönlichkeiten, sie sind Teile des dargestellten Ganzen – ich meine nicht nur Bildteile, sondern wirklich Glieder des großen vielgliedrigen Wesens, das durch das Bild ausgedrückt ist. Ja, ich möchte sagen, das ganze Bild, die Bäume, der Rasen, die Quelle, die Menschen sind nur ein Klang, der Klang, den der Knabe seiner Hirtenflöte entlockt. Und so kannst du es in tausend Bildern beobachten.«

»Du hast vollkommen recht, Maria. Aber darf sich denn die moderne Philosophie und religiöse Anschauung nicht in der Kunst ausdrücken, wie es die ägyptische, griechisch-römische und christliche getan hat?«

»Es kommt aber darauf an, liebe Leonore, welche Anschauung die Wahrheit ist.«

»Also hat die Kunst dieselbe Aufgabe wie die Wissenschaft: Die Wahrheit zu verkünden, zu lehren und zu beweisen?«

»Nein, aber sie darf der Wahrheit nicht widersprechen. Ihre Wirkung kann viel verderblicher sein als die eines wissenschaftlichen Buches, weil sie den Verstand zurückdrängt und nur zum Gemüt spricht und so mehr den unüberlegten sinnlichen Menschen gefangen nimmt.«

»Maria, lassen wir ruhig die Weltanschauungen gegeneinander kämpfen mit den Mitteln, die ihnen zu Gebote stehen und lassen wir dann die Menschen wählen. Diejenigen Ideen, die für uns heute Lebenswert haben, werden sich auch ohne uns zwei durchsetzen.« Leonore lächelte zu ihrem Scherz und ging weiter.

Martha überschaute noch einmal den Saal und betrat den zweiten.

Hier wieder im allgemeinen derselbe Eindruck. Ebenso in den anderen Sälen. Sie sann und sann. Hatte Maria recht oder Leonore und Käthe? Überall Bilder von Frauen und Mädchen, reizende und freche, bescheidene und roh sinnliche. Aber immer wieder das Weib, das Weib.

Waren diese Bilder nur ein Zeugnis von der Überzeugung des Mannes, daß das Weib wirklich wegen seiner Schönheit der würdigste Gegenstand der Malerei ist, oder aber bewiesen sie nur, daß das Weib als Puppe des Mannes, als Lockmittel zum Kauf des Bildes mißbraucht wird?

Von einigen Bildern wandte sie sich voll Abscheu weg. Ja, die waren wirklich gemein; in ihnen brannte eine düstere Glut, die tiefste Erniedrigung ahnen ließ. Doch andere Bilder wieder stellten das Weib wie eine Göttin dar, als Meisterwerk des Schöpfers. Die Bilder dieses Charakters waren viel zahlreicher als die anderen.

Nun, man durfte doch nicht überall das Schlimme annehmen. Einige Künstler haben sich mit ihren Ideen verirrt, aber die meisten haben eine tiefe Verehrung zum Weibe und drücken sie in ihren Bildern aus. Martha befiel eine jubelnde Freude, Weib zu sein und teilzuhaben an der weltweiten Verehrung, die der Mann ihrem Geschlechte darbringt. Auch die Kunst beweist die Weltherrschaft der Liebe.

 

Als die drei Freundinnen die Treppe zum Königsplatz hinunterstiegen, fragte Maria: »Was haben wir nun Erhebendes gesehen? Ich meine, die Kunst sollte doch erheben, uns aus dem grauen Alltag herausziehen. Nicht einmal die religiösen Bilder, ja die am wenigsten, tragen eine höhere Weihe.«

»Liebe Maria, du verlangst von der Kunst etwas, das sie nicht geben kann, ja nicht geben darf, wenn sie ihrem Beruf nicht untreu werden will. Die Kunst soll nicht das leisten, was sich der Prediger zur Aufgabe stellt oder überhaupt nur der begeisternde Redner. Die Kunst findet in sich selbst allein ihr Genügen, sie will nichts außer sich, will nicht in irgend einer Richtung bestimmend auf den Menschen einwirken.«

»Dann hat sie also auch gar keinen Zweck.«

»Hat sie auch nicht in dem Sinne, wie du den Zweck verstehst.« –

»Nun, ich verstehe unter Zweck auch nicht Tendenz. Ein bloßer Tendenzzweck läßt auch in mir keinen Kunstgenuß aufkommen.«

»Ich will auch nicht sagen, daß mir gerade alles so ausgezeichnet gefallen hat, aber ich gehe in eine Ausstellung, um den Geist einer ganzen Kunstrichtung kennen zu lernen, das ehrliche Wollen jedes einzelnen Künstlers zu verstehen und so meine Menschenkenntnis zu erweitern. Zudem interessiert es mich ungemein, zu sehen, wie die moderne Philosophie und Weltanschauung sich in der Kunst ausspricht. Ich glaube, daß die Kunst einen großen Teil der Mission übernehmen kann, die Errungenschaften der modernen Philosophie, besonders des religiösen Gefühls, in die Massen zu tragen und sie für die neue Zeit, vor deren Toren wir stehen, wach und bereit zu machen.«

»Ich muß sagen, daß sich mir der Kreis der Anschauungen, die ich in diesen Tagen kennen gelernt habe, heute geschlossen hat. Alles verstehe ich ja noch nicht; im Gegenteil, es ist sehr wenig, was mir dämmert. Aber das frohe Gefühl des Einsseins mit der ganzen Welt und die Gewißheit, daß die Liebe die größte Kraft im Leben der Menschen ist, senken sich mir immer tiefer in die Seele. Ich finde, daß im Lichte dieser Gedanken Welt und Leben viel poetischer werden.«

»Es kommt aber leider, liebe Martha, im Leben nicht darauf an, ob etwas poetisch, sondern ob es wahr ist.«

»Ach, vorläufig will ich die Welt einmal durch die poetische Brille anschauen. Zum Grübeln bleibt mir später noch immer Zeit genug.«

»Ich meinte aber, du wolltest das Leben kennen lernen, wie es ist. Sagtest du nicht dieser Tage so etwas, als du den Wunsch aussprachst, lebenswahre Lektüre zu treiben?«

»Ganz recht, aber das Leben stellt sich mir in Wahrheit als eine große Poesie dar, zwar nicht mehr so romantisch und verzerrt wie in den Gedichten und Backfischbüchern, die ich früher las, aber viel tiefer poetisch, mit einer Poesie, die des Menschenherzens Tiefen bloßlegt und mich in geheimnisvolle Abgründe schauen läßt. Dieses Grauen, diese heilige Neugierde, immer mehr zu wissen und zu sehen, ist auch hochpoetisch.«

»Es kommt mir so vor, als seiest du auf dem besten Wege, das Interessante und Pikante mit dem Poetischen oder dem Schönen zu verwechseln.«

»Da hat Martha ja in gewissem Sinne recht. In der Porträtkunst ist das Interessante ja das Schöne. Wenn sie nun unsere Kunst, Literatur und Philosophie als einzelne Striche im großen Porträt unseres modernen Lebens auffaßt, dann wird für sie das Interessante gleich dem Schönen. Je getreuer Kunst, Literatur und Philosophie das heutige Denken und die moderne Weltanschauung wiedergeben, um so mehr wird auch das Schöne gleich dem Wahren.«

»Das ist richtig, wenn du dabei an die wahrheitsgetreue Wiedergabe dessen, was ist, denkst, und vergißt, was sein sollte

»Und darunter, was sein sollte, verstehst du deine Weltanschauung. Aber die mußt du gerade beweisen.«

»Ganz richtig, aber mit Vernunftgründen kann ich dir doch nicht beikommen. Dafür bin ich nicht Philosophin genug. Das Leben muß und wird die Wahrheit und Echtheit meiner Weltanschauung beweisen, wenn einmal der ganze moderne Schwindel zusammenbricht, entweder an einem großen Tag im Leben des Einzelmenschen oder unseres ganzes Volkes.«

»Bravo, Maria, das ist gut prophezeit. Eh der große Tag kommt, wollen wir aber rüstig weiterstreben und unser Innen- und Außenleben immer mehr der verfeinerten geistigen Kultur näherbringen, die eine notwendige Folge unserer großzügigen Weltanschauung ist.«

»Leider müssen wir uns trennen. Es ist bald Mittag, sonst würde ich noch ein bißchen mit euch gehen und weiter disputieren. – Also bis morgen abend auf dem Ball.«

»Leb wohl, Maria, ja bis morgen abend. Und bleib recht brav.« ...

 

Als Maria gegangen war, fiel Leonore sofort in einen anderen Ton:

»Ach, Martha, ich sehe, welch prächtiges Mädel du bist; es tut mir so leid, daß ich dir gestern abend so weh getan habe. Es hat doch hoffentlich keinen blauen Flecken gegeben? Ich habe nachher noch geweint über meine Tölpelhaftigkeit.«

»Laß das, Leonore, davon reden wir nicht. Allerdings hat es einen kleinen Schönheitsflecken gegeben, aber der wird jetzt schon verschwunden sein.«

»Da sieh aber recht ordentlich nach, ehe du zum Ball gehst; es wäre doch sehr genant, wenn noch etwas sichtbar wäre.«

Leonore ärgerte sich innerlich über Marthas Gleichgültigkeit und daß ihr der Versuch mißglückt sein sollte, sie vom Ball fernzuhalten.

»O, an dem Rosenband, das von der Brust über die Schulter zum Rücken geht, ist ja so ein Perlen- und Tüllgehänge, das wird das kleine Fleckchen, wenn es noch da ist, schon genug verdecken. Ich spreche dich also los von allen deinen Sünden.« – –

Nach dem Essen hielten Tante und Leonore ein Mittagsschläfchen, um etwas auf Vorrat zu schlafen, wie sie sagten. Martha versagte sich den Schlummer, um womöglich Hilligenlei fertig zu lesen.

Hier und da kam es ihr vor, als stimme das nicht alles mit dem überein, was sie vom Heiland gelernt hatte. Aber war das nicht auch recht fromm und schön? Ah, und wieviel Auflagen hatte das Buch, wie viele Leser hatte es schon gefunden! Da mußte man es doch auch gelesen haben. Wenn nun mal einer darnach fragte, und man kannte es nicht! Welche Beschämung! Ob das, was man ihr in der Schule vorgetragen, alles so echt war, wie man tat? Vielleicht war es nur dem jugendlichen Geist angepaßt. Hier aber waren offenbar die neueren Forschungsergebnisse benützt. Und von denen mußte man doch auch etwas wissen.

Solche Gedanken blitzten ihr manchmal durch den Kopf, aber sie las weiter und weiter, bis zur letzten Zeile. Nun saß sie da und träumte und kam sich vor, als seien die Gedanken Frenssens ihre eigenen, die sie selbst gefunden. Sie fühlte sich so unendlich hoch und erhaben über all das Kleinliche, das sie bisher gedacht, so großzügig gegenüber der Einseitigkeit, die ihr angehaftet hatte. Nein, an ihrem Glauben hielt sie fest; aber sie verstand doch jetzt auch die anderen Menschen, wußte, daß auch sie das Gute wollten und erstrebten.

Eine große Liebe zu den Menschen stieg in ihrer Seele auf. Sie hatten doch alle den Einen gemeinsam, den Heiland Jesus Christus, und sie faßten ihn alle auch als Heiland auf. War es denn nicht auch recht und auch von Gott gewollt, daß die einzelnen Völker und Nationen das Christentum und den Heiland in manchem anders betrachteten und erlebten? Wie vieles war doch bei den Romanen so unverständlich, ja direkt ärgerniserregend für den Deutschen. Die Romanen waren nach allem, was sie gehört hatte, so schrecklich oberflächlich, aber der Deutsche ist tief und wissenschaftlich.

Sie strich sich über die Stirne und meinte, sie sei lichter und höher als früher. Vor ihre Phantasie trat ein Mädchen, das wohl im allgemeinen ihre Züge hatte, aber das Auge größer und ernster, ein wenig müde vom Lesen und Studieren, die Haltung stolzer, die Hände feiner. Und dann sah sie rings um sich Herren und Damen in ernsten, wichtigen Gesprächen, und sie legte ihre Gedanken dar. Sie hörte ihre Stimme klar und bestimmt und fühlte, wie ihr Selbstbewußtsein sich hob in der Rolle der geistreichen Frau. Manchmal meinte sie, ihre Gedanken fassen und niederschreiben zu können, aber dann war es ihr wieder wie einem Menschen, der im Traume eine wunderschöne Sonate komponiert und spielt, beim Erwachen auch noch den Klang im Ohre hat, aber keinen, auch noch so kleinen Melodiesatz zu Papier bringen kann. Doch sie fühlte sich glücklich und überselig in diesem phantastischen Zustand.

So stand sie auf und trat vor den Spiegel. Da mußte sie lachen, wie sie das hübsche, übermütige, aber durchaus nicht geistreiche und gelehrte Gesicht sah.

Da klopfte es. Tante.

»Um Gottes willen, Kind, ist deine Robe noch nicht gekommen? Ach, wie konnte sie die vergessen!«

»Nein, Tante, es ist noch nichts gekommen.«

»Aber dann schnell telephoniert, es ist ja schon fünf Uhr. Um sieben spätestens mußt du mit der Toilette beginnen.«

Die Tante ging ans Telephon und kam zurück. »Der Bursche ist schon unterwegs. Er wird gleich hier sein.«

Da schellte es auch schon, und ein mächtiger Kasten wurde zu Martha hereingebracht. Das Mädchen kam und half auspacken. Marthas Herz schlug schneller vor Spannung und Aufregung.

Als der Bursche fort war und das Mädchen wieder hinausgegangen war, betastete sie die Seide und nahm die Röschen, die die Ärmel vertraten, in die Hand.

»Kind, du wirft die Königin des Abends sein.« Dabei dachte Tante Edeltraud: und so wird sie von allen umschwärmt und kann sich nicht soviel mit Otto Reiber allein abgeben, den werde ich schon an Leonore anhäkeln.

»Nun sieh doch mal, Tante, da haben sie den Einsatz doch nicht gemacht. Das ist doch unverschämt! So gehe ich nicht auf den Ball.« –

»Kinderei, Martha! Tausend andere junge Mädchen würden nicht wissen, was sie vor Freude tun sollten, dürften sie deine Robe tragen. Kleinstädtische Kinkerlitzchen! Zieh erst das Kleid einmal an, und du wirst ganz anders denken. Wenn du durchaus willst, kannst du ja auch eine Rose dahinstecken. Ich muß jetzt gehen. Bald wird die Friseuse kommen. Fang du auch lieber eine halbe Stunde früher als später an. Das Mädchen wird schon zur Zeit zu dir herüberkommen.«

 

Martha war fertig. Das Mädchen hatte sich zurückgezogen. Nun stand sie allein vor dem Spiegel.

Das Blut wallte ihr heiß. Ein neues, wunderliches Gefühl durchschauerte ihren ganzen Körper. Nun sollte sie sich zum ersten Male in ihrer ganzen Schönheit der Öffentlichkeit zeigen. – Der Öffentlichkeit! O, daran hatte sie noch gar nicht gedacht. Ja, allein vor dem Spiegel hatte sie sich ihrer neuentdeckten Schönheit gefreut, hatte sie beinahe aufgejubelt über sich selbst. Auch an Otto hatte sie gedacht. Aber nun so, alle Blicke fremder Herren auf sich zu lenken! Nein, das ist doch schrecklich. Es fror sie, und sie zog die Schultern hoch, als sei sie in den Wintersturm hinausgepeitscht worden. Sie trat zur Türe und öffnete sie ein wenig und lauschte. Dann lehnte sie den Oberkörper hinaus und trat einen Schritt in den Flur. Da befiel sie das Gefühl der Kälte und Beschämung noch mehr. O, an den dummen blauen Fleck hatte sie gar nicht mehr gedacht. Schnell wieder ins Zimmer. Nein, es war nichts mehr zu sehen. Nur wer es wußte, konnte mit Mühe etwas entdecken, aber er war noch durch das Ärmelgehänge verhüllt.

Ach was, dummes Zeug, lassen wir jetzt alle Grillen fahren. Gehen wir einmal in den Salon hinüber, vielleicht ist Tante oder Leonore schon fertig.

Sie ging mit schnellen Schritten über den Gang. Die Seide knisterte und rauschte lockend und prickelnd. Ah, im Salon brannte der Kronleuchter, Leonore stand am Flügel und suchte in den Noten. Sie war ähnlich gekleidet wie Martha, nur alles ein wenig mehr unterstrichen.

»Komm Martha, wir wollen uns ein bißchen in Stimmung spielen. Mutter ist doch noch nicht fertig.«

Martha fand sich jetzt mit sich selbst zurecht. Ihr Kostüm kam ihr nicht mehr seltsam vor in Leonorens Gesellschaft, und sie stieß sich nicht an Leonore, weil sie selbst ebenso gekleidet war wie die Kusine.

Leonore setzte sich und spielte einen Walzer von Chopin. Kaum hatte sie einige Takte angeschlagen, da ging die Tür weit auf. Richard in funkelnagelneuer Uniform.

»Ah, Donnerwetter! Mein goldenes Kusinchen!« Mit großen Schritten ging er auf Martha zu. Die wollte hinter einen Stuhl fliehen, aber er faßte sie von hinten her und küßte sie auf den Scheitel.

»Das ist zu reizend von dir, Martha, daß du dich für mich so geschmückt hast. Oder ist es nicht so? Aber so einen Vetter wie ich hat auch nicht jedes junge Mädchen.« Dabei faßte er ihre Hand und küßte sie auf den Arm. Martha riß sich los. Ihre Augen flammten Blitze, sie wurde bleich vor Zorn.

»Richard, bedenke, wen du vor dir hast. Ich rufe sofort deine Mutter.«

Damit ging sie auf die Türe zu und griff schon nach der Portiere. Richard trat ihr in den Weg.

»Martha, nun faß doch einen kleinen Scherz nicht so tragisch auf. Es täte mir leid, wenn du dir dadurch die Laune für den Abend verderben ließest. Wenn ich deine Schönheit sehe, kann ich mich nicht mehr halten, es geht mir, wie es heute abend allen Herren gehen wird. Aber ich weiß nicht, ob ich heute noch an dich herankommen werde, da du ja mit Vorliebe anderen, fremden Menschen mehr Recht über dich einräumst als deinem armen Vetter.«

Martha war von ihm weggetreten und hatte sich auf ein Sofa gesetzt, so daß der Tisch sie von Richards Zudringlichkeiten trennte.

Der Leutnant setzte sich ihr gegenüber und schlug einen unbefangenen Ton an, fixierte sie aber während des Gespräches immer scharf und verschlang ihre Gestalt mit gierigen Blicken.

»Was hast du denn heute gelesen, Martha?« – Er rückte um den Tisch herum etwas näher an sie heran, weil Leonorens Spiel den Klang seiner Stimme halb verschlang.

»Was ich gelesen habe, hm, das geht dich eigentlich gar nichts an.«

»Siehst du wohl, da kommt wieder deine alte Liebenswürdigkeit gegen deinen Vetter zum Vorschein.«

»Ich habe gelesen Rosa von Tannenburg und die Beatushöhle.«

»Ganz allerliebste Sachen, die so recht für dich passen. Aber wenn du mich zum Narren halten willst, so werde ich ernstlich böse.«

Martha wurde übermütig; jetzt hatte sie ihn regelrecht am Bändel.

»Nein, Scherz beiseite, Richard, mit einem so ernsten Mann wie du bist, darf man nicht scherzen. Ich habe heute gelesen: Aus meiner Leutnantszeit von Egon von Kalbshof, ganz interessantes Büchlein; ich hätte mir nie träumen lassen, daß es so nette Dinge im Leben gäbe.«

»Siehst du, da hast du einmal etwas Vernünftiges gelesen, nicht wieder so ein dummes Backfischzeug. Egon von Kalbshof schreibt ganz brillant.«

Martha wurde puterrot; sie wäre beinahe ausgeplatzt über die Unverfrorenheit Richards. Oder hatte er gemerkt, daß sie ihn zum besten hielt und setzte er nun das Spiel fort? Nein, er gab sich zu sehr ein geistreiches Aussehen. Er wollte offenbar durch Belesenheit imponieren. Da konnte man ja noch einen Wurf wagen.

»Soeben habe ich ein anderes Buch begonnen, wurde aber leider durch die Toilette in der Lektüre gestört. Du hast gewiß schon Hilligenlei von Anton Bahr gelesen, nicht wahr? Was sagst du zu dem Schicksal der armen Hilligenlei? Mich dauert das unglückliche Mädchen recht tief.«

»Ganz recht, hat mich auch ungeheuer gepackt. Als ich das Buch las, nahm ich mir fest vor, nur ein Mädchen zu heiraten, das auch Hilligenlei heißt, so etwas Zartes, Inniges, Gemütvolles, echt Deutsches.«

Diesmal wäre Martha nun doch beinahe ausgeplatzt. Sie mußte einen plötzlichen Hustenanfall heucheln. Zum Glück kam aber Frau General herein, und so fand die peinliche Situation ein willkommenes Ende. Aber Martha fühlte innerlich eine unbändige Freude. Sollte Richard ihr gegenüber noch einmal unverschämt werden, dann verfügte sie über eine kostbare Waffe.

Tante Edeltraud, in dunkelroter Seide, Gesicht, Schultern und Arme sorgfältig gepudert, setzte sich in einen Sessel und lauschte dem Spiel Leonorens. Martha beobachtete sie.

Sie schien nicht ganz bei der Sache und nicht so unbefangen zu sein, wie sie wohl scheinen mochte. Um ihre Augen lag ein Zug von Trauer und Besorgnis. Martha glaubte zu sehen, wie sie von Zeit zu Zeit verstohlen nach Richard hinübersah. Da tönte die elektrische Schelle. Das Mädchen meldete, daß das Auto vorgefahren sei.

Man nahm Abendmantel und Schal und ging schweigend hinunter. Marthas Herz klopfte wieder aufgeregt. Jetzt sollte die größte Stunde ihres bisherigen Lebens kommen. Was würde sie wohl bringen? – –


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