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VI.

Und Martha las und las. Wo ihr ein neuer Schriftstellername aufstieß, da griff sie zu seinen Werken. Oft las sie morgens Bölsche und abends Gustav Freytag, dazwischen wieder Frenssen und Eichendorff.

Bald wußte sie in der gesamten modernen Philosophie Bescheid. Ihre Salonzeitschriften brachten ja ganz herrliche Essays über alle philosophischen Richtungen von Schopenhauer bis auf Kuno Fischer und Bergson. Mit Tante und Leonore ging sie fleißig in die geistreichen philosophischen, sozialen und religiösen Vorträge. Auf ihrem Schreibtisch stand eine Photographie eines von der Damenwelt Münchens am meisten umschwärmten Geisteshelden.

Otto war längst in aller Stille nach Berlin an die Kriegsakademie gezogen. – –

Maria begegnete ihr immer seltener. Sie stand dicht vor dem Examen und hatte viel zu arbeiten. Nur Sonntags morgens kam sie regelmäßig gegen 10 Uhr. Dann hatte sie Zeit, wie sie sagte, einen kleinen Spaziergang zu machen. Sie hatte schon lange gemerkt, wie es um Martha stand. Mit Disputieren war da nichts zu erreichen; sie mußte einmal die Hörner gehörig anrennen. Nur ein wenig beobachten wollte sie die Freundin, die ihr leid tat, und dafür sorgen, daß sie wenigstens Sonntags nicht die heilige Messe versäumte. Martha wagte denn auch Maria nicht zu widersprechen, wenn sie mit ihr, wie selbstverständlich, zur Frauenkirche einbog und sie in die Elfuhrmesse führte. Tante Edeltraud schlief lange in den Sonntag hinein, dann machte sie mit Leonore eine kleine Promenade oder ging auch einmal in die freireligiöse Sonntagsfeier.

An einem Sonntag, Mitte Juli, begrüßte Maria die Freundin:

»So, Kind, heute komme ich zum letztenmal. Morgen beginne ich mein Examen, und dann gehen wir gleich, Papa, Mama und ich, in die Berge. Übrigens solltest du auch ein bißchen aus der Stadt hinausgehen, du wirst mit jedem Tag bleicher und nervöser. Laß mal deinen ganzen Blaustrumpfplunder ein paar Wochen liegen. Leonore soll ihren Malkasten nur ruhig mit hinausnehmen. Ihretwegen sollst du dich doch nicht um eine nötige Erholung bringen. – Übrigens – Otto läßt dir seine höfliche Empfehlung sagen. Es scheint, daß er dich noch nicht vergessen hat.«

Martha erschrak und kramte auf ihrem Schreibtisch herum. O weh! Sie hatte Otto fast vergessen. Nun stand plötzlich sein Bild wieder vor ihrer Seele, und es kochte in ihren Adern wie ein Strom heißen Weines. Sie schämte sich, Maria anzusehen, und sagte mit erkünstelter Unbefangenheit:

»Bitte, deinem Bruder gelegentlich zu danken und ihm seine Empfehlung zu erwidern.«

Aber auf dem ganzen Spaziergang und in der Kirche war sie zerstreut. Es war ihr peinlich, mit der Schwester des Mannes zu gehen, dem sie ihre ersten jungen Mädchengefühle im ersten Liebesüberschwang geradezu hingeworfen hatte. Und jetzt dachte sie ganz anders über die Liebe. Jetzt wußte sie, was es heißt, die Liebe ganz auswerten, ganz auskosten, sich bewußt ihren feinsten Nervenreizen hingeben. Das hatte sie an ihren Romanhelden und -Heldinnen gesehen. O, wenn sie doch auch einmal so etwas erleben könnte! Jetzt war ihre Seele befreit von allen kindischen Vorurteilen, ihre Nerven waren fein genug, die pikantesten Reize aufzunehmen.

Manchmal kam es ihr vor, als dränge sie eine unheimliche Gewalt zu einem kühnen Streich, als müßte sie sich einen weiten Mantel umwerfen und durch die nächtlichen Straßen sich in eine Künstlerkneipe stürzen. Sie wußte nur nicht, was sie von der Tat zurückhielt. War sie zu feige, oder war der ganze Drang nur eine Krankheit? Dann wieder war es ihr sonnenklar, daß sie zur Bühne berufen war.

Stundenlang stand sie abends mit aufgelöstem Haar vor dem Spiegel ihres Schlafzimmers und bewunderte ihre Figur. Am anderen Morgen war sie sich dann immer selbst zum Ekel. Sie riß das Fenster auf, als wollte sie einen fauligen, widerwärtigen Dunst aus dem Zimmer treiben. Aber sie las weiter und weiter und kam sich groß und geistreich vor. Wenn ihr die Augen zufallen wollten und der Kopf schmerzte, war es ihr erst recht wohl zumute; sie meinte gearbeitet zu haben und fühlte sich verwandt mit den bohrenden modernen Geistern, die ihr Hirn in niedagewesene Gedanken hetzten.

Und nun auf einmal die Erinnerung an Otto Reiber! Um ihm Achtung abzugewinnen, hatte sie zu studieren begonnen.

War das wahr? Belog sie sich da nicht selbst?

Wenn er sie jetzt sehen würde? Nein, vor dem geraden, gesund denkenden Mann konnte sie nicht bestehen. Wollte sie auch nicht! Sie biß sich auf die Zähne. Nein, wollte sie auch nicht! Erst die Jugend ausleben, das Leben in allen seinen Möglichkeiten verkosten, innerlich groß und stark werden – ja, das wollte sie. Die Größe, die sie sich bis jetzt angelesen hatte, war ja nur ein äußeres, fadenscheiniges Gewand, ein Seifenblasentraum. Erst das wirkliche Erleben konnte sie ganz frei, ganz groß machen.

Während ihr diese Gefühle durch die Nerven zuckten, sprach sie mit Maria gleichgültige Dinge. Sollte sie Tante zum Ferienaufenthalt Garmisch-Partenkirchen, Prien am Chiemsee oder den Starnbergersee vorschlagen? Leonore wollte jedenfalls nicht weit von München weg, um immer wieder schnell in ihr Atelier kommen zu können. Da wäre der Starnbergersee wohl am besten gelegen. – –

 

Als Martha die Treppe zu Tante Edeltraud hinaufstieg, kam ihr Oberstabsarzt Zeisig entgegen. Sie trat ein wenig auf die Seite und ließ den älteren Herrn vorbei. Er grüßte flüchtig und lässig. Sein Gesicht war furchtbar ernst, und die Augen schienen verweint. Martha schaute ihm erstaunt nach, wie er mit schweren Schritten die untere Stiege hinunterging, den Säbel hängen lassend, der bei jedem Schritt auf die Stufe auftackte.

Martha ging auf ihr Zimmer und wartete, zum Essen gerufen zu werden. Halb eins war längst vorbei, aber es kam niemand.

So nahm sie Maeterlinck vor. Es wurde ein Uhr und Viertel nach eins. Da kribbelte die Ungeduld in ihr auf. Sie ging ins Eßzimmer hinüber.

Der Tisch war gedeckt, doch niemand ließ sich blicken. Sie klopfte an Tantes Zimmer. Keine Antwort. Noch einmal. Sie lauschte. Leises Sprechen drinnen! Sie klopfte zum drittenmal. Nach einer Weile wurde die Tür ein wenig geöffnet, und Leonore zwängte sich durch den Spalt und drängte Martha zurück, daß sie keinen Blick ins Zimmer werfen konnte. Sie hatte rotgeweinte Augen, und ihre Hände umkrampften nervös ein Taschentuch.

»Setz dich einmal dahin und versprich mir, zu schweigen!«

»Was ist denn los? Um's Himmels willen, was soll das alles?«

»Was das soll? Versprich mir erst zu schweigen, hörst du! Immer und gegen jeden!«

»Ich will schweigen. Nun sag mir nur, was du hast.«

»Richard ist fahnenflüchtig, desertiert mit Käthe Zeisig.«

Martha fühlte, wie ihr das Herz stockte und das Blut aus den Wangen wich. »Oh ...!«

»Nun heißt es für uns beide ruhig Blut bewahren. Mutter ist erst ganz von Sinnen gewesen. Jetzt liegt sie da und phantasiert. Vor einer Stunde kam der Brief Richards aus Southampton, daß er mit einem englischen Schiff nach Amerika hinüber ist und Käthe Zeisig mit ihm. Eben war ihr Vater hier. Der wußte von nichts, suchte nur Käthe, die vor einer Woche angab, zu einer Freundin nach Würzburg zu reisen, aber versprach, am Donnerstag zurückzukehren. Als sie nicht kam, telegraphierte der Alte nach Würzburg und erhielt die Antwort, Käthe sei überhaupt nicht dort gewesen. Nun suchte er die ganze Stadt nach dem Mädel ab. Endlich kam er hierher; ich hab ihm alles gesagt. Die beiden haben sich in London trauen lassen und sind nun nach Amerika hinüber, ein Leben in Freiheit und Liebe zu führen, wie Richard schreibt. So, nun weißt du alles. Laß dir das Essen bringen. Ich muß zur Mutter hinein.«

Damit stand Leonore auf und verschwand im Zimmer Tante Edeltrauds.

Martha war wie angedonnert. Sie saß eine Zeitlang regungslos. Dann stand sie auf. Ein Schauer rieselte durch ihren Körper. Sie sah auf einmal mit Schrecken ihren eigenen Geisteszustand. Könnte sie nicht auch einmal so tief sinken? Aber mit Richard, dem widerlichen Richard? Sie versank in tiefes Träumen. Da wendeten sich plötzlich ihre Gedanken wie eine Drehbühne, auf der bis jetzt eine öde, schaurige Landschaft gestanden hatte und die nun mit einemmal eine heitere, duftige Mondscheinszenerie erschien.

»Ein Leben der Freiheit und Liebe!« War das nicht eigentlich etwas Herrliches? Wer das doch auch machen könnte! Richard hatte es nur dumm angefangen. Wahrscheinlich hinterließ er ungeheure Schulden, und Käthe war sicher auch nicht mit leeren Taschen von Hause weggegangen.

Sie schellte dem Mädchen. »Bringen Sie mir das Essen. Frau General ist nicht wohl. Vielleicht kommt sie später.«

Mit Ruhe aß sie zu Mittag und wunderte sich über ihre Selbstbeherrschung.

Was war denn aber auch bei gefaßter Überlegung Besonderes an der Geschichte? Die beiden jungen Leute hatten nur ihr Recht auf Liebe geltend gemacht; sie wollten etwas erleben und hatten den Mut, den tausend andere nicht haben, die Wünsche und das Sehnen ihres Herzens in die Tat umzusetzen. In ihren Romanen hatten es Hunderte von Helden und Heldinnen geradeso gemacht.

Wenn sie doch auch einmal so etwas erleben könnte! Aber die Fesseln des gesellschaftlichen Herkommens, der bürgerlichen Bravheit! Wenn man die doch einmal sprengen könnte! Ja, wenn man einen Mann fände, dessen Arme einen über alle Kleinlichkeiten hinwegtrügen, in dessen Liebe man ganz aufginge, so daß man von der ganzen übrigen Welt nichts sähe und nichts hörte!

Tante wollte eine moderne Frau sein und stand doch bis zum Hals in veralteten Vorurteilen. Warum sah und las sie denn Ibsen und Strindberg?

Sie ging auf ihr Zimmer.

Ah, war das wieder Wasser auf Marias Mühle! Und was würde Otto sagen, wenn er es hörte? Natürlich würde er Richard in Grund und Boden verdammen. Aber ihr kamen die beiden auf einmal näher. Sie verstand ihren kühnen Schritt, lebte sie doch Tag für Tag wenigstens geistig in der Umgebung, zu der Richard und Käthe gehörten. Pah, sie verurteilen wäre Heuchelei, Scheinheiligkeit.

Nun, viel Aufsehen würde die Geschichte ja nicht machen. Das eigentliche München war ja schon zum größten Teil in die Sommerfrischen und an die See ausgeflogen. Wenn die gesellschaftliche Saison wieder beginnt, hat man neue, jüngere Skandälchen zu behandeln. Bis dahin waren Richard und Käthe in der Versenkung verschwunden.

Aber dann mußte sie auch selbst endlich einmal etwas erleben. In Offizierskreise würde sie dann wohl nicht mehr so leicht hineinkommen; denn Richards Dummheit würde bis zum Winter wohl in den Münchener Regimentern bekannt sein, und Otto würde, wenn er zurückkäme, sich wohl auch von Tantes Hause fernhalten.

Doch er hatte sie ja heute noch grüßen lassen. War seine Liebe am Ende doch echt? Ach, er war so gut, so ganz anders als die Männer, in deren Kreis sie mit ihrer Phantasie lebte, so entsetzlich bieder und hausbacken. Nein, Leonore mochte ihn nur nehmen, wenn er sie wollte.

Aber was würde das jetzt für ein Leben werden, wenn Tante krank würde und sich schließlich ganz zurückzöge! Nun, dann mußte sie halt allein in die Theater gehen, die den Sommer durch spielten, und tagsüber lesen und durch die Kunstausstellungen der Sezession und des Glaspalastes strolchen. Die Wintersaison sollte sie durch und durch gebildet finden, sie wollte sich in jeder Gesellschaft heimisch fühlen und den Herren auf allen Gebieten imponieren.

Am Abend kam Tante zu Tisch. Wie sah sie aus! Um zehn Jahre gealtert. Ihre Wangen waren eingefallen, die Augen hielt sie halb geschlossen und den Kopf gehoben wie ein Mensch, der an wütenden neuralgischen Kopfschmerzen leidet. Sie sprach kein Wort. Leonore plauderte unbefangen, obwohl sie blasser war als sonst und feurig umrandete Augen hatte.

»Mutter hat Erholung nötig. Wir gehen übermorgen auf ein paar Wochen an den Starnbergersee. Morgen lassen wir beide uns Dirndlkostüme anmessen. Wir wollen auf dem Lande ganz ländlich und mit dem Volke leben. Ich denke, wir quartieren uns in Leoni ein. Morgen nachmittag fahre ich einmal hin und suche uns ein paar Zimmer in einem möglichst einfachen und ländlichen Haus, bei einem Bauern oder Schiffer. Ich telephoniere gleich unserer gewöhnlichen Schneiderin, daß sie morgen früh die Kleider anpassen kommt. Ein paar grüne Schürzchen kaufe ich dann schon dazu. Gelt, das wird fein!«

»Eine gute Idee. Hier könnte es doch etwas sehr langweilig werden. Wir legen uns da an den Strand in die Sonne und lesen und rudern und lassen uns interessant anbräunen.«

»Und ich werde malen. Hoffentlich komme ich da am See wieder in Stimmung, mein großes Bild fertigzustellen. Ich verzweifle an dem Kolorit der Meereswogen. Tausendmal habe ich mir Böcklins Spiel der Wellen in der Neuen Pinakothek angeschaut, aber es will noch nicht recht voran. Vielleicht kommt mir in Leoni die Erleuchtung, wenn unser guter Starnbergersee auch nicht das Meer bei Capri ist.«

Tante Edeltraud stand auf und ging hastig in ihr Zimmer. Leonore sprang hinter ihr drein. Drinnen ein Schluchzen und emsiges Beruhigen. Martha zog sich auch zurück. Sie sah mit ihrem Verstand ein, daß die alte Dame schwer an den Schicksalsschlägen tragen mußte, aber ihr Gefühl blieb kalt.

Mit ihren Romanheldinnen konnte sie fühlen und sich von ihrem Schicksal zu Tränen rühren lassen; das Leid, das ihr in lebendiger, überwältigender Gestalt entgegentrat, ließ sie kalt und stumpf.

Sie setzte sich an den Schreibtisch und schrieb einen kurzen Brief an den Vater, in dem sie ihm mitteilte, daß sie übermorgen nach Leoni ging. Nähere Adresse würde sie noch schreiben. Von Tante und Richard sagte sie ihrem Versprechen gemäß nichts.

Nun fühlte sie, daß ihre Nerven doch außergewöhnlich unruhig wurden. Deshalb zündete sie sich eine Zigarette an und blies den Rauch träumend vor sich hin.

Also kam ihr das große, starke Leben doch näher, wenn es sie selbst auch noch nicht im Innersten berührte.

Wie würden zur selben Stunde Käthe und Richard, selig umschlungen, an Deck des Dampfers sitzen und in den Mond und auf die weite See schauen.

Wo hatte sie doch schon einmal so etwas Ähnliches gelesen? Ah, in den ersten Tagen hier in München! Die Liebe und der Atlant!

Nie könnte sie beim Rauschen des ewigen Wellenliedes alles Gewesene vergessen und nur von der Zukunft träumen, die nichts als ein einziger, großer Liebesrausch sein würde! – Sie zündete eine zweite Zigarette an und schloß die Augen. – Der Boden begann unter ihr leicht und sanft zu schwanken und zu wiegen. Der Mond baute eine silberne Brücke vom Horizont zum Schiff und lud die Liebenden ein, sie zu betreten und auf ihr in selige Lande zu schweben.

O, wenn sie doch auch einmal so etwas erleben könnte! Aber dazu war Otto zu prosaisch. Da mußte ein anderer kommen. – Und sie sehnte sich nach dem anderen und nahm eine dritte und vierte Zigarette und träumte weiter, bis sie meinte, ihr eigenes Blut sieden zu hören. Dann sprang sie auf, knipste das Licht aus und riß das Fenster auf, den Rauch hinauszulassen. Hastig riß sie die Oberkleider vom Leib, ließ die kühle Nachtluft Hals und Arme umwehen und schaute zu den Sternen hinauf und dachte an Käthe und Richard auf dem Dampfer in der Nacht und schluchzte weinend auf.

Sie wußte nicht, wie ihr war. Irgend etwas mußte sie umarmen. Da riß sie den Schrank auf und wühlte in der hintersten Ecke. Plötzlich stand sie mitten im Zimmer und herzte und küßte die Puppe und lachte und weinte in nervösen Stößen. Mit einem Ruck schleuderte sie Erna in den Schrank zurück, daß sie gegen die Rückwand polterte, schloß das Fenster und warf sich halb angekleidet auf das Bett.

So erwachte sie am Morgen. Wie ein Funkenregen sprühten die Gedanken durch ihr Hirn. Wie war sie so ins Bett gekommen? Was war denn geschehen? Alle ihre Glieder waren wie zerschlagen. Sie fühlte eine bleierne Müdigkeit. Wieviel Uhr war es? Schon halb neun!

Ach ja, Käthe und Richard!

Was lag daran? Morgen ging's an den Starnbergersee. Heute sollte die Schneiderin kommen, das Dirndlkostüm anzumessen.

Da klopfte es. »Martha komm geschwind, die Schneiderin ist schon da.«

Sie machte flüchtig Toilette und ging hinüber. Das einfache Kostüm war schnell angemessen. Tante ließ sich nicht blicken. Die beiden Mädchen nahmen zusammen das Frühstück. Dann ging Leonore aus und Martha an ihre Lektüre. Gegen elf Uhr schellte es.

Martha hörte, wie Tante Therese trotz alles Abwehrens des Mädchens durchaus zu Tante Edeltraud wollte. Sie sprang auf und ging hinaus. Das konnte sie doch nicht zulassen, daß die Alte zur Kranken vordrang.

»Ach, liebes Kind, was höre ich! Was ist hier Schreckliches passiert! Ach du lieber Gott! Nein, aber so was! Ich muß notwendig Zu Edeltraud, sie ein wenig zu trösten.«

»Ja, aber woher wissen Sie denn ...?«

»Woher ich das Schreckliche weiß? Nun in der Zeitung steht's doch, in den Münchener Neuesten.«

Martha zog die Dame langsam in ihr Zimmer. Sie lächelte boshaft.

»So, die Neuesten lesen Sie, das ist ja reizend!«

»Ja, warum denn nicht? In den andern Blättern steht ja doch nie das, was man wissen muß. Die Leitartikel lese ich natürlich nicht. Aber schau da« – sie zog ein zusammengefaltetes Zeitungsblatt aus ihrem Pompadour – »und lies!« – Martha griff nach dem Blatt und las, wo Frau Hofrat den spitzen Zeigefinger hinhielt:

»Wie die Landshuter Zeitung berichtet, ist Leutnant Trenkler von den Landshuter Schweren Reitern seit drei Tagen verschwunden. Sichere Anhaltspunkte für seinen Aufenthalt hat man nicht. Eine Spielaffäre ist allem Anscheine nach der Grund des Verschwindens. Eine Münchener junge Dame soll mit kompromittiert sein.«

Tante Hofrat schaute Martha prüfend in die Augen. »Wer ist die Münchner junge Dame? Weißt du etwas Näheres? Du mußt es ja wissen.«

Martha zerriß die Zeitung und warf die Fetzen der alten Dame vor die Füße.

»Wer die junge Dame ist, weiß ich nicht. Wen geht das etwas an, wenn zwei junge Menschen einmal frei von aller triefenden Biederkeit und Heuchelei ihrem heiligen Herzensdrang leben wollen? Tante Hofrat, verzeihen Sie mir, Sie sind sehr fromm und verabscheuen ehrlich – so nehme ich an – alles, was Mit Ihren Prinzipien nicht vereinbar ist. Aber wenn Sie wirklich eine fromme Christin sind, dann lassen Sie das Ratschen und Tratschen über die Sünden und das Leid anderer Leute.«

»Mein Gott, Kind! Ich will dir verzeihen. Du bist von dem Fall auch angegriffen. Aber man darf doch wissen, welchen Kreisen das Mädchen entstammt, damit man die guten jungen Mädchen von ihnen fernhält und sie warnen kann.«

»Na, die guten jungen Mädchen! Ich möchte sie alle miteinander ohrfeigen. Waschlappen sind sie, Weihwassernäpfe und Tränenbeutel, scheinheilige Fratzen, die solange schön tun, als sie nicht anders können.«

»Kind, beherrsche dich, bedenke ...«

»Dummes Zeug! Ich habe mich lange genug beherrscht. Was hat man uns im Institut für einen Schmarren eingetrichtert! Was kann man damit im Leben machen? Nichts, rein gar nichts. Das Leben ist eben anders, als man uns dort weiszumachen versucht. All die frommen Dinger aus dem Institut springen nachher über die Stränge. Sicher ist diese junge Dame, die mit Richard losgegangen ist, auch wieder so ein tränensüßes Mädel, das im Institut mit dem blauen Band herumlief.«

Martha sprudelte die Vorwürfe nur so heraus. Sie mußte selbst nicht mehr, was sie sagte. Aber sie mußte einmal ihrem Zorn und ihren Nerven Luft machen. Am liebsten hätte sie alles in Grund und Boden gestampft und Tante Therese geohrfeigt. Wenn sie nur an die Hofrätin dachte, kochte es in ihr; nun stand sie leibhaftig vor ihr und brachte die ganze Sprengladung in ihrem Gemüt zum Platzen. In diesem Augenblick wäre es ihr am liebsten gewesen, wenn das mit Richard durchgegangene Mädchen wirklich eine brave Bürgerstochter gewesen wäre, dann hätte sie einen stichhaltigen Grund gehabt, gegen alle jungen Mädchen loszuziehen, die nicht so waren, wie sie selbst.

Frau Hofrat hatte sich auf einen Stuhl niedergelassen und Martha ruhig zugehört. Nun erhob sie sich ebenso ruhig.

»Kind, du bist nicht wohl, bist nervös überreizt. Ich nehme dir nichts übel. Da ich Edeltraud wohl doch nicht sprechen kann, so will ich mich zurückziehen. Grüße sie, bitte, von mir.« Damit ging sie, sich leicht verneigend, hinaus.

Martha stand versteinert da. Sie fühlte sich durch diese Ruhe besiegt. Was hätte sie darum gegeben, wäre die alte Dame gegen sie losgefahren oder wäre sie ihr mit salbungsvollen Ermahnungen gekommen!

Sie fühlte sich in ihrer ganzen Unterlegenheit, griff nach dem ersten besten Buch und schleuderte es an die Wand, daß es aus dem Einband fiel. Vor Wut weinte sie laut auf und stampfte mit den Füßen. Dann warf sie sich in den Sessel am Fenster und ließ die Gardinenkordel mit der Kupferquaste das Fenster entlang pendeln. Zuerst schlug sie noch hastig gegen das unschuldige Ding. Dann beruhigte sie die gleichmäßige Bewegung, bis sie allmählich sich selbst wiedergefunden hatte.


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