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VII.

Tausendstimmiges Gemurmel wie von einem brandenden Meer erfüllte den in elektrischem Lichte weih erstrahlenden Konzertsaal des Odeons. Dazwischen sangen die Geigen, lachten die Flöten, schäkerten die Klarinetten und brummten die Bässe und Celli, als trieb eine kecke Nixenschar mit batzigen Meertölpeln ihren Schabernack.

Ein ähnliches Bild wie die Töne des stimmenden Orchesters gaben die Farben der hin- und herwogenden Menge; das diskrete Bunt der Damentoiletten mit dem ernsten Schwarz der Herren. Auf all das Gewusel und all die stimmungsvolle Pracht schauten die Büsten der Tonkünstler in der Orchesterrundung mit ergebenem Ernst, weltferner Ruhe oder liebenswürdigem Lächeln herab.

Die Herren und Damen des Chores tuschelten zusammen und spähten suchend in den Saal hinunter, hier und da einen Bekannten aus der Ferne grüßend. Jetzt kamen auch die Solisten und Solistinnen und nahmen zu beiden Seiten des Dirigentenpultes Platz.

Die elektrische Klingel schrillte durch das Haus. Aber die plaudernden Gruppen kümmerten sich noch wenig darum. Man hatte sich noch soviel zu fragen und zu erzählen; traf man sich doch hier beim ersten Odeonkonzert der Saison zum ersten Male nach den Sommerreisen. Da das zweite Zeichen. Gegenseitiges Verneigen und Händeschütteln und Hin- und Herschieben, bis nach einigen Minuten alles auf den Plätzen saß. Leo Hertzog, der neu angestellte Generalmusikdirektor, stieg zu seinem Pult empor und tippte mit dem langen Dirigentenstab. Mit einem Schlage verstummte das Gewoge und Gemurmel, und das Orchester setzte zu Haydns »Jahreszeiten« ein. Einzelne Damen und Herren beugten sich über den Klavierauszug des Oratoriums und verfolgten, mit Geist und Ohr genießend, die monumentalen Orchestersätze, oder taten wenigstens so. Die meisten Zuhörer spannen sich in tiefes Sinnen ein. Viele der Damen ließen ihr Auge nicht von dem Dirigenten und seinen Bewegungen; denn jetzt mußte es sich entscheiden, ob er vor ihnen Gnade finden würde oder nicht.

Martha saß mit Leonore in der Mitte des Saales. Sie trug ein burgunderrotes Biedermeierseidenkleid, das ihre Körperlinien dezent, aber deutlich hervortreten ließ. Leonore war ganz in Weiß. Tante Edeltraud war nicht zu bewegen gewesen, an der Eröffnung der Konzertsaison teilzunehmen.

Leonore ging ganz in Betrachtung des männlich schönen Leo Hertzog auf. Die Musik floß ihr nur aus den Bewegungen seines Körpers.

Martha schaute träumend in die Weite. Ihre Seele war nicht bei Haydn. Nur mit Widerwillen war sie hierhergegangen, allein weil Leonore ihr klargemacht hatte, daß der Besuch des ersten Odeonskonzertes zum guten Ton gehörte. Hier konnte man ja keine neuen Bekanntschaften machen, und die hatte sie doch nötig. Tante Edeltraud hatte sich aber ganz aus der Gesellschaft zurückgezogen. Maria sagte ihr immer weniger zu, und Ada Lob war noch nicht aus der Heimat ins Semester zurückgekehrt. Ihre ganze Stimmung war eigentlich eine tiefe Unzufriedenheit, ja Brummigkeit. Am liebsten hätte sie mit jedermann einen Streit vom Zaune gebrochen.

Da verklangen die letzten Akkorde des ersten Teiles. Martha sprang auf.

»Komm, wir wollen etwas herumlaufen. Diese Musik ist langweilig. Meine Nerven tanzen. Vielleicht, daß wir irgendwo einen Bekannten treffen, mit dem ich einen Streit anfangen kann. Wenn ich doch nur Maria begegnete!«

Sie hakte sich in Leonorens Arm und zog sie mit sich in die Vorräume des Saales.

»Ah, sieh da, Fräulein Martha und Leonore!«

Ada Lob trennte sich von einem Herrn, mit dem sie sich in einer Fensternische unterhalten hatte, und kam auf die beiden zu. Der Herr blieb verdutzt stehen; dann kam er einige Schritte hinter Ada her und fixierte Martha. Ada wandte sich halb zu ihm um.

»Entschuldigen Sie, mein Herr, aber ich war von dem plötzlichen Anblick meiner Freundinnen so überrascht, daß ich vor Freude nicht mehr wußte, was ich tat.«

Dann flüsterte sie Leonore zu:

»Um Gottes willen, befreit mich von dem Menschen; ich komme nicht von ihm los und habe doch eine Abmachung mit jemand anderem.«

»Ah so!« machte Leonore und lächelte.

Ada fuhr laut fort: »Die Damen gestatten, daß ich Sie bekannt mache: Herr Wladimir Michailowitsch aus Kiew, Fräulein Leonore Trenkler und Fräulein Martha Halden.«

Der Russe machte eine tiefe Verbeugung und faßte gleich wieder Martha ins Auge. Die fühlte den Blick und suchte ihm auszuweichen, obschon gleich von der ersten Sekunde an ein Kochen durch ihr Blut ging und ihr Hirn wie von einem Schwindel befallen wurde.

Die Mädchen sprachen noch einen Augenblick von ihren Ferienreisen. Ada wollte an der See gewesen sein, und Leonore erzählte eilfertig von herrlichen Hochgebirgstouren in den Dolomiten.

Im Sprechen studierte Martha, wie sie meinte unauffällig, den neuen Bekannten. Von seinem bleichen Gesicht mit den etwas stark betonten Backenknochen und den schwarzen, tiefliegenden, langbewimperten Augen ging eine geheimnisvolle Kraft auf sie aus. Das war etwas anderes als die landläufigen deutschen Männer, die sie kennen gelernt hatte. Das war etwas pikant Fremdes der Hauch von der endlosen, sehnsuchtsschweren Pußta, das lockende Flackern und wieder Verlöschen eines ursinnlichen Feuers.

»Die Damen werden verzeihen, wenn ich mich zurückziehe und Ihnen den Fremdling ein wenig überlasse. Nehmt euch, bitte, seiner an. Er ist noch nicht lange hier, er möchte aber nicht nur die deutsche Wissenschaft, sondern auch die deutsche baryschnia, kennen lernen, wie er sagt, das Ideal der deutschen Jungfrau. Herr Michailowitsch hat in seiner Kindheit eine deutsche Freilina gehabt und daher sehr gut Deutsch gelernt.«

»O, Fräulein Lob schmeichelt mir zu sehr. Ja, ich spreche ein wenig Deutsch, aber ich setze nur leere Worte in die Luft; der herrliche deutsche Geist, den ich anbete, geht mir noch ab. Bei deutschen Frauen will ich ihn kennen lernen. Fräulein Lob hatte schon die Güte, mit mir einige philosophische Fragen zu diskutieren. Es freut mich unendlich, Sie kennen zu lernen. Denn in der Frau tritt uns der Charakter eines Volkes am reinsten entgegen.«

»Pfui, Sie Schmeichler! – Aber jetzt muß ich gehen. Guten Abend, Kinder, unterhaltet euch gut!«

Der Russe fuhr in seinem Gedankengang fort: »Nein, meine Damen, ich schmeichle grundsätzlich nicht. Aber es ist mir eine Gewißheit, daß das Gemüt die höchste Fähigkeit des Menschen ist. Erst wenn Verstand und Wille tief ins Gemüt getaucht sind, haben sie Wert fürs Leben. Und das Gemüt findet seine reinste Ausprägung in der baryschnia – verzeihen Sie – in der jungen Dame von Bildung.«

Das sprach der junge Mann mit solch salbungs- und geheimnisvoller, fast melancholischer Stimme, mit so verhalten leuchtendem Auge, daß Martha entzückt war. Ja, er hatte recht; was er da sagte, war ihr wie eine Zusammenfassung aller ihrer Gedanken und Träume der letzten Monate.

»Herr Michailowitsch, darüber müssen wir uns noch näher unterhalten. Darf ich Sie morgen zum Tee einladen? Meine Mutter wird sehr erfreut sein, Sie bei uns zu sehen.«

»Ich danke Ihnen sehr. – Werde nicht verfehlen.«

Die Glocke schrillte zum Wiederbeginn des Konzertes.

»Aber die Damen werden gestatten, daß ich Sie nach der Aufführung nach Hause begleite.«

»Wenn mir uns treffen, recht gern. Unser Weg ist nicht weit bis nach Hause.«

»Wird mir eine große Ehre sein.«

Man verabschiedete sich. Marthas und Wladimirs Blicke begegneten sich, und eine Flamme lohte zwischen beiden auf.

»Na, Martha, das wird gut, die Saison läßt sich famos an; gleich zu Anfang einen so interessanten Exoten gekapert. Da werden uns die anderen noch grün und gelb vor Neid.«

Während des Gesanges ärgerte sich Martha über jede Textwiederholung und die endlosen Arien. Wenn diese fade Geschichte doch einmal zum Schlusse käme!

Die Ungeduld riß an allen ihren Nerven. Endlich stieg der Schlußchor, getragen vom Gebrause der Orgel und dem Rauschen des Orchesters wie ein gewaltiger Opferbrand zum Höchsten empor.

Martha zog die Füße an sich, um bei der letzten Note gleich aufzustehen und ja den Russen nicht zu verfehlen. Als der Dirigent den Taktstock senkte, stand sie schon und ging im Nu im Strom der hinaustreibenden Menge. In der Nähe der Türe angelangt, fühlte sie schon, daß ein Augenpaar sie irgendwo suchte. Sie schoß ihren Blick zwischen den Schultern und Köpfen durch und reckte sich unwillkürlich ein wenig empor.

Da kam er auch schon von der Seite auf sie Zu. Martha fühlte ein Brennen in ihren Adern, ein Schmeicheln in ihren Gliedern. Er sagte etwas, aber sie verstand nichts. Er sprach einen Augenblick mit Leonore; sie träumte mit berauschtem Blick. Er legte ihr an der Garderobe den Abendmantel um die Schultern; dabei streifte er mit den Fingerspitzen ihren Arm, und es war ihr wie eine Liebkosung.

So gingen sie in die laue Oktobernacht hinaus. Ein Singen und Jubeln lag in ihrem Ohr. Sie sog die Nachtluft tief in die Lunge. Grünliches Mondlicht lag auf den Dächern der Häuser, die beiden Türme der Ludwigskirche standen mit verschwimmenden Umrissen in dem wabernden Licht. Elegante Autos mit dicken Spiegelscheiben knisterten über den Asphalt an ihr vorüber. O, wenn sie doch mit ihm darin sitzen könnte, allein, und mit ihm hinausfahren dürfte in die blühende, blaue Mondnacht – mit ihm, der da neben ihr ging, dessen Stimme ihr in die Seele sang und dessen Worte ihr so gleichgültig waren, daß sie gar nicht versuchte, ihrem Sinn zu folgen. Sie sah seinen Schatten schräg vor sich und liebkoste ihn mit ihren Blicken. Es war ein Eilen in ihr, den Schatten zu erhaschen, und sie riß die beiden anderen im Schnellschritt mit sich fort.

Da ging ein Paar vor ihnen her, beide tief in Mantel und Schal gehüllt. Leonore stieß Martha mit dem Ellbogen an und wies mit dem Kopf auf das Paar. Martha erwachte aus ihrem Rausch und schaute hin.

Ada Lob mit Dr. Sander!

Die beiden gingen langsam, wie um jeden Schritt des Zusammenseins auszukosten. Ada lehnte ganz an den Doktor heran, daß die beiden Gestalten ineinanderschwammen wie eine Rodinsche Marmorgruppe. Von dem Paar sprang das Feuer auf Martha über. Sie sah nicht mehr Dr. Sander mit Ada Lob da vor sich gehen. Sie sah sich selbst mit dem Russen, ganz an ihn hingelehnt, ganz ihm hingegeben.

 

Martha stand in ihrem Zimmer und wußte nicht, wie sie dahingekommen war. Nur ein Gedanke lohte in ihrer Seele: Morgen nachmittag kommt er. Nur ein Gefühl war in ihrem Körper, und das Gefühl ging von ihrer rechten Hand aus, – und die Hand hatte er berührt.

Jetzt sollte sie schlafen gehen? Nein, das Glück mußte sie bei Bewußtsein durchkosten, die Stunden bis zur nächsten Begegnung am nächsten Tage machend durchleben. Sie warf Schal und Mantel aufs Bett und setzte sich in den Sessel und stellte die Zigarettenschachtel auf ein Taburett neben sich.

Wie glühende Wolken legten sich die Träume um ihr Hirn. Sie fühlte: Jetzt würde das große Erleben über sie kommen.

So weckte sie das Tageslicht am anderen Morgen. Ihr Kleid war mit Zigarettenasche bestreut, sie fror, die Augen schmerzten sie, ein spitzer Husten reizte ihren Hals. Hastig zog sie sich um und tauchte das Gesicht ins kalte Wasser. Dann schellte sie dem Mädchen und trank eine Tasse heißen Kaffee. Jetzt besann sie sich auf sich selbst. Da klang wieder die Stimme von gestern abend in ihrem Ohr, sie sah die schlanke Gestalt wie aus weiter Ferne auf sich zukommen. Das Gesicht wurde immer größer und deutlicher, bis es ihr Auge in Auge lag und eine heiße Welle von ihrem Herzen sich langsam bis in die äußersten Glieder dehnte; sie meinte das heiße Blut in den Haarspitzen Zu fühlen. Sie schaute auf die Uhr. Acht! Da geht's ja schon! Schnell nahm sie Hut und Mantel und hinaus zur Leihbibliothek.

Nach einer halben Stunde saß sie wieder auf ihrem Zimmer, vor sich den »Raskolnikow« von Dostojewski. Zwischen Auge und Buch stand das schemenhaft durchsichtige Bild Wladimir Michailowitschs, und durch das Bild hindurch kam ihr intuitiv das Verständnis dessen, was sie las. Wie eine Riesenspinne streckte die schleichend sich fortquälende Handlung ihre Arme. Langsam, langsam schloß die Spinne ihre Fänge und zog den Geist des Mädchens mit geheimnisvoller, magnetischer Kraft in ihre Gewalt, bis sie ihn unrettbar gefaßt hatte, geradeso wie das Schicksal den russischen Studenten Dostojewskis.

Sie las und las. Da klopfte es an die Türe. »Gnädiges Fräulein, eine Dame wünscht Sie zu sprechen. Sie hat keine Karte abgegeben. Zuerst verlangte sie nach dem gnädigen Fräulein Leonore. Das gnädige Fräulein ist aber ins Atelier gegangen. Da fragte sie nach Ihnen.«

»Ja, nur zu, ich komme gleich hinüber.«

Sie las noch den angefangenen Abschnitt fertig und stand auf. Im Salon saß eine tiefverschleierte Dame in weitem, braunem, etwas abgetragenem Herbstmantel.

»Mit wem habe ich die Ehre?«

Die Fremde stand schweigend auf und zog den Schleier hoch.

»Käthe Zeisig ...!«

»Ja, ich bin's, Unschuldchen.«

»Aber, wo ist Richard?«

»Ach Gott, Richard!«

»Na, nur heraus mit der Sprache! Ihr seid sicher schon wieder auseinander.«

»Unschuldchen, wie kommst du auf so schlechte Gedanken? So etwas sollte dir überhaupt nicht einfallen können.«

»Pah! Ich bin nicht mehr so naiv, wie Sie mich verlassen haben. Sie sind's zum Teil schuld.«

»Na, denn mal los! Ja, Richard hat eine andere. Das ist es ja gerade. Und ich hatte auch schon wieder einen anderen. Hab dem aber als Chansonette so viel Geld verdienen müssen, daß ich's schließlich nicht mehr leisten konnte. Da kam ich wieder nach Old Europe. Wollte bloß mal sehen, was ihr hier macht, das heißt, ich wollte Richards Mutter und meiner Alten nur ein wenig money abknöpfen. Meinem Alten darf ich nicht unter die Augen kommen, sonst schlägt er mich tot, aber meine alte Dame wird sich wieder erweichen lassen, wenn ich als reuiges Töchterchen komme.«

»Aber meine Tante ...«

»Beruhigen Sie sich nur. Der werde ich natürlich nichts davon sagen, daß wir auseinander sind. Ich werde ihr rührselig vormachen, wie wir unseren leichtfertigen Schritt bitter bereuen und wie ich hierhergekommen bin, natürlich im strengsten Inkognito –, um für uns beide ihren Segen zu holen. Es sollte mich doch wundern, wenn sie darauf nicht hereinfiele. Nun gehen Sie, bitte, und bereiten Sie sie auf meinen Besuch vor.«

»Unter keinen Umständen, Käthe; Tante Edeltraud leidet noch furchtbar. Ich muß Ihnen sagen, daß ich Ihren Schritt verstanden und Sie eine Zeitlang beneidet habe. Oft habe ich an sie beide gedacht. Aber wir müssen das Leid meiner Tante nun auch in Rechnung ziehen und es nicht vergrößern. Sie bekommt doch heraus, daß sie wieder auseinandergegangen sind. Wie wollen Sie denn sonst Ihr Alleinreisen erklären?«

»Pah, Alleinreisen! Heutzutage sind wir doch soweit, daß eine Frau doch auch einmal selbständig ihre eigenen Wege gehen kann. Nein, ich muß vorerst einmal etwas Geld haben, daß ich mich wieder neu ausstaffieren kann; denn so wie ich jetzt gestellt bin, kann ich keine Eroberungen machen. Als Chansonette zu gehen oder Barmädel habe ich keine Luft. Ich muß mich irgendwo als bessere Dame niederlassen können. Dann wird das Geld schon in Strömen kommen.«

»Käthe, was haben Sie vor?!«

»Was ich vorhabe, Unschuldchen! Die Dame zu spielen, habe ich vor! Ich will frei sein und leben und lieben. Kleinliche Enge, Beschränkung, Philisterhaftigkeit, Bravheit – brrr, hä, das kann Käthe Zeisig nicht ertragen. Dabei sterbe ich. Da gehe ich gleich lieber ins Wasser. Siehst du, Unschuldchen – und zu alle dem will ich mir das Geld selbst verdienen – hui hopp –; aber erst muß ich eine Grundlage, einen goldenen Boden dazu haben, und dabei soll mir meine liebe Schwiegermama a. D. helfen.«

»Käthe, wie können Sie aber?!«

»Wie ich kann? Ich habe schon längst gekonnt. Aber in Amerika drüben paßte es mir nicht mehr. Hier ist's viel gemütlicher, nicht alles so Geschäft. Und wer weiß, wenn ich recht schmissig bin, fange ich doch noch einmal einen Gimpel. Line Frau wie ich hat immer etwas Pikantes und Apartes für Feinschmecker – und man kommt ja allmählich auch mal in die Jahre, wo man die Liebe leid wird und man an ein geruhsames Leben als gnädige Frau denken muß. Ein bißchen Vergangenheit zu haben, ist dann immer sehr interessant.«

Martha stand auf. »Und dazu soll Tante Ihnen helfen?«

»I, gewiß, sie erfährt ja nichts davon. Ich gehe nach Frankfurt oder Wiesbaden oder gleich nach Berlin, da läßt sich das alles schon machen.«

»Aber ich lasse sie nicht zu Tante. Sie hat kein verfügbares Geld mehr. Alles hat Richard durchgetrieben. Verstehen Sie mich recht: Daß Sie mit ihm durchgingen und Ihr Recht auf Freiheit und Liebe durchsetzten, verdamme ich nicht ...«

»Was? Sie? Was muß ich hören, Unschuldchen! Noch so jung und schon so verdorben!«

»Davon ist hier nicht die Rede. Aber daß Tante keinen Zehner mehr zum Herschenken hat, das weiß ich. Nach außen schränkt sie sich soviel ein, wie es eben geht. Ich will Ihnen offen sagen, daß ich die Theater- und Konzertbillete für sie und Leonore bezahle. Sie tun gut daran, ungesehen wie Sie gekommen sind, zu verschwinden.«

»Nun, dann muß ich mir wohl schleunigst einen Verdienst suchen.«

Käthe stand auf und schaute Martha mit zynischem Lächeln an und drehte sich in den Hüften hin und her. –

»Unschuldchen, dann gib du mir wenigstens zwanzig Mark, damit ich von hier weg kann. Ich muß gestehen, daß meine Alte mich auch hat abblitzen lassen aus lauter Angst vor ihrem Herrn Gemahl. Sie will mich nicht mehr als ihre Tochter anerkennen. So bin ich denn ganz frei, eine arme Waise, die keine Eltern und keinen Mann mehr hat.«

»Pfui, wie Sie sprechen, Käthe! Aber kommen Sie mit auf mein Zimmer. Sie sollen etwas haben.«

Sie gingen hinüber. Martha holte aus dem Schreibtischschränkchen eine Metallschatulle und gab Käthe mit halbabgewandtem Kopf ein Zwanzigmarkstück. Käthe nahm es, ohne es zu besehen, an und steckte es stumm in die Manteltasche. Dann trat sie zum Kleiderschrank, öffnete ihn und musterte mit einem Blick die dort in Reihen hängenden Kleider. Ihr Auge flammte auf. »Martha, diese Robe muß ich haben« und sie faßte das beste Ballkleid und zupfte daran.

»Sie sind nicht recht bei Trost! In meinen Kleidern ertrinken Sie ja. Sie sind viel kleiner als ich und viel schmächtiger.«

»Macht nichts. Das lasse ich schon für mich umändern. Und dann etwas Wäsche! Seidene natürlich.«

»Habe ich nicht.« Damit faßte Martha die Bettlerin bei der Schulter und schob sie von dem Schrank fort, den sie mit kräftigem Stoß schloß. »Nun verzeihen Sie, wenn ich Ihnen nicht mehr Zeit widmen kann. Ich habe noch zu studieren.«

»Ach, wie nett Sie das sagen können! Nein, seien Sie offen: Sie wollen die leichtsinnige, verkommene Käthe nicht mehr länger auf ihrem Zimmer haben. Sie gehören auch zu den braven Mädchen, die vor Mama und Tante die braven Püppchen spielen und ihre Seele zu einem Räubernest machen. Nur zu, Unschuldchen! Weiß Gott, wo wir uns noch einmal treffen. Ich denke, daß ich Ihnen den lumpigen Zwanziger recht bald wieder zurückschicken kann. Adieu, ich fahre mit dem nächsten Zuge nach Frankfurt.«

Sie zog den dichten schwarzen Schleier wieder über das Gesicht und stürmte hinaus. Martha hinter ihr her, um zu sehen, ob sie auch wirklich das Haus verlasse.

 

Wie eine Lanzenreiterattacke stürmten die Gedanken auf Marthas Hirn ein. Sie konnte sich nicht mit sich selbst zurechtfinden. War das Traum oder Wirklichkeit? Sie rieb sich die Stirne und schaute in ihr Buch; nein, da stand nichts von dem, was Sie eben als Phantasiegebilde oder blutvolle Tatsache erlebt hatte. Es war doch so; Käthe, die mit Richard durchgebrannte Käthe war dagewesen, – und hatte sie angebettelt. Wen würde sie noch alles anbetteln gehen? Mit was will sie sich in Frankfurt Geld verdienen?

Sie ließ sich auf den Stuhl fallen und vergrub sich in ihr Buch. Bald waren ihre Gedanken wieder bei Raskolnikow und ihre Phantasie bei Wladimir Michailowitsch. Und ihr Blut fing, wieder an zu wallen. Ihre Schläfen hämmerten, und ein stechender Kopfschmerz legte sich über ihre Augen. Sie faßte die Stirne mit der kühlen Hand. Ah, das tat wohl! Und sie las weiter. O, wenn Wladimir auch so ein armer Mensch war wie dieser russische Student im Roman! Sie wünschte es beinahe. Sie glaubte, dieselbe Seele in seinen Zügen zu entdecken. Ein tiefes Mitleid beschlich sie und sie fühlte, daß eine Leidenschaft über sie kam, wie sie eine ähnliche noch nie erlebt hatte. Ah, das war die echte, brennende, große Liebe.

Das Mädchen rief zum Essen. Am liebsten wäre sie nicht gegangen. Wenn nun Tante fragte, wer heute morgen zu Besuch dagewesen wäre? Ach das konnte ja Maria gewesen sein!

Aber Frau General fragte nicht. Sie war noch ganz in ihren Schopenhauer vertieft und sprach fast kein Wort. Leonore war im voraus entzückt von dem Tee mit dem exotischen Besuch. Sie würde mit dem Russen über russische Malerei sprechen und hoffte, mit ihrem Wissen zu imponieren.

Nach dem Essen setzte sich Martha gleich wieder an ihr Buch.

Je näher die Teestunde kam, desto schneller schlugen ihre Pulse. Um vier Uhr stand sie auf und suchte ein passendes Kleid. Wohl fünf bis sechsmal verwarf sie ihre Wahl, bis sie schließlich auf das einfachste Kostüm verfiel: einen dunkelblauen Rock mit weißer durchbrochener Bluse. Tante Edeltraud, ganz in dunklem Violett, arbeitete spielend an einer Weißstickerei, Leonore fingerte auf dem Flügel herum, und Martha hielt träumend den »Raskolnikow« auf das Knie gepreßt, das zitternd vor Ungeduld auf und abwippte. Der Samowar surrte auf dem stummen Diener neben der Teebüchse zwischen den Tassen und der Zuckerschale.

Da schellte es. Wladimir Michailowitsch! Er ließ sich von Leonore der Mutter vorstellen.

»Wahrhaftig, gnädige Frau, wenn ich die beiden jungen Damen sehe, denke ich an Wera Figner und Sofja Perowskaja, die beiden Heldinnen unter den russischen Frauen. So müssen auch sie ausgesehen haben, so voll Geist und weiblicher Anmut. Es ist mir die größte Freude meines Lebens, das Glück zu haben, gleich in den ersten Tagen meines Hierseins in den Kreis deutscher Frauen eingeführt zu werden. Ich weiß gar nicht, womit ich das verdient habe.«

»Sagen Sie, Herr Michailowitsch, sind die russischen Herren alle so überschwänglich?

»Ja, wenn ihnen eine solche Ursache geboten wird wie mir.«

Man setzte sich, und Leonore servierte den Tee und schob dem Russen das Gebäck zu, nachdem die Mutter sich bedient hatte.

»Nun erzählen Sie uns etwas von den beiden Damen, mit denen wir eben die Ehre hatten, von Ihnen verglichen zu werden.«

»O, das ist mit einem Wort gesagt: Sie sind Heldinnen der Freiheit, die ihr Volk aus den Ketten der Sklaverei erlösen wollten und dafür ein Martyrium erlitten unter der rohen Faust der Tyrannen.«

»Nun, solche Frauen werden sie aber schwerlich in Deutschland finden.« –

»O, Sie haben auch nicht nötig, auf die Straßen und Plätze zu gehen und die Fahne der Freiheit zu erheben. Sie besitzen die Freiheit, wenn sie sich auch nach außen nicht so zeigt. Aber ich meine, innerlich lebt in ihnen der Geist der reinen, edlen Freiheit. Ich glaube nicht daran, was man mir immer sagte, die deutschen Frauen seien kleinlich, hausbacken, engherzig, sklavisch geknechtet.«

»Viele, ja. Aber es beginnt in ihrem Hirn zu dämmern.«

»Sagen Sie, gnädiges Fräulein: Was verstehen Sie unter Freiheit?«

»Unter Freiheit ... Freiheit? Ja, darüber habe ich eigentlich noch nicht tiefer nachgedacht.

»Darf ich Ihnen sagen, was ich mir unter Freiheit vorstelle? O, wir haben in Moskau in unserem Liebesklub viel darüber disputiert. Aber wir kamen an kein Ende. Ich glaube einfach, der Mensch ist frei, der den Trieben seines Herzens folgt. Aber sagen Sie nur etwas dagegen. Es ist so interessant, die Meinungen anderer Menschen zu hören.«

Tante Edeltraud tat einen leisen Seufzer.

»Wenn nun aber der Zug des Herzens den Menschen ins Verderben führt?«

»Ins Verderben führt er ihn nie. Das ist nur Einbildung, gnädiges Fräulein. Der unglücklichste Mensch ist auch immer der glücklichste. Er kann über sich selber grübeln, seine Seele zerfleischen. Und darin liegt eine wilde Wollust. Ach, was verstehen Sie glückliche Kinder davon! Aber wenn man Glied eines Volkes ist, das niedergepreßt daliegt unter den Knien eines mächtigen Sklavenhalters!«

»Ist denn das russische Volt so unglücklich? Ich meine, das Träumen in die endlose Steppe hinein sei eine stille Wonne und das Bebauen der duftenden Scholle, wie Tolstoi es so schön darstellt.«

»Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein, aber die träumerischen Sänger der Steppenlieder existieren meist nur in der Phantasie deutscher junger Damen. Wir Russen sind andere Menschen, als Sie ahnen. Wir sind Philosophen des Lebens, wir ringen Tag für Tag, um aus dem Geröll veralteter Anschauungen und Knechtungen, unter dem wir verschüttet liegen, empor ans Licht zu steigen. In unserer studierenden Jugend blüht eine neue Welt empor. Sie sollen es noch einmal erleben. Wir wollen genießen, genießen, uns satt trinken an den Quellen des Lebens. Und wer uns daran hindert, – pah, den schießen wir nieder.«

»Verzeihen Sie die Frage, Herr Michailowitsch: Ist Dostojewskis Raskolnikow echt?«

»Haben Sie ihn gelesen? O herrlich, herrlich!«

»Ja, ich habe ihn zufällig heute morgen begonnen und schon ein gut Teil gelesen. Aber was Sie da eben sagten, bringt mich seinem Verständnis bedeutend näher, und aus ihm heraus verstehe ich Sie wieder besser.«

»Sie sind sehr liebenswürdig, gnädiges Fräulein.«

»Ich muß Ihnen gestehen, ich beginne für Rußland zu schwärmen. Da leben doch noch Probleme in den Köpfen und gären Gedanken. Hier ist alles so gräßlich fertig, und wenn einer mal nicht denkt wie die anderen, dann fällt eine ganze Meute über ihn her.«

»Freilina, mit Ihnen muß ich mehr und länger diskutieren. Sehen Sie, daß ich recht hatte, wenn ich in Ihnen eine Sofja Perowskaja und Wera Figner sah!«

In Marthas Augen brannte eine lodernde Flamme, ihr Kopf war feuerrot. Sie stand auf und nahm die Zigarettenschachtel von dem Tischchen, steckte sich eine an und schob Wladimir eine hin.

»O gnädiges Fräulein, Sie kennen die russische Seele! Tee und Zigaretten – und ich brauche nichts mehr, höchstens so liebenswürdige Gesellschaft, wie ich sie jetzt genieße.«

Man saß noch zwei Stunden zusammen und diskutierte endlos und in tollen Gedankensprüngen über Glück und Freiheit, Schönheit und Psychologie, Kunstgeschichte und Liebe. Der Ball des Gespräches flog bald fast nur mehr zwischen Martha und dem Russen hin und her. Frau General hatte wieder zu ihrer Stickerei gegriffen, und Leonore hörte zu, die beiden Ellenbogen auf die Tischkante gestützt. In langen Zügen blies sie in fast regelmäßigen Zeitabständen den Rauch ihrer Zigarette in die Luft und lächelte verstohlen, den Blick scharf auf Martha gerichtet. – So, mit Otto war es also jetzt aus! Das war klar. In solchem Feuer hatte sie noch nie ein Mädchen gesehen. Na, Schwamm drüber. Jetzt war Otto für sie frei!

Tante Edeltraud erhob sich und ging schweigend hinaus, als habe sie draußen etwas nachzusehen. Der Russe schielte zur Standuhr auf dem Marmorkamin hinüber. Er verstand und verabschiedete sich. Leonore behandelte ihn höflich, kalt. Martha drückte seine Hand einen Augenblick. Wladimir Michailowitsch erwiderte den Druck und tat mit einem Blick eine tiefe Frage an Marthas Seele. Ein leuchtender Blitz kam als Antwort zurück.

»Hoffentlich habe ich die Ehre, die Damen recht bald wieder zu treffen. Vielleicht morgen im Hoftheater?«

»Ja, wir kommen sicher.« – Die Tante kam wieder herein. Der Russe verabschiedete sich von ihr und ging.

»Aber Kinder, laßt mir den Menschen nächstens nur aus dem Haus. Das Disputieren ist ja entsetzlich. Der bleibt ja bei keinem Thema.«

»Nun, Mutter, mir haben ihn zuerst hier gehabt, und das genügt. Wenn die andern das hören, werden sie schwarz vor Neid. So ein Exote ist doch immer eine Akquisition.«

»Ach, Akquisition hin, Akquisition her! Du weißt, daß ich nicht mehr sehr für Gesellschaften eingenommen bin. Ins Theater gehe ich nur noch euch zuliebe.«

»Nein, Muttchen, sprich nicht so. Du mußt wieder neue Lebensfreude gewinnen. Denk mal, du bist noch zu jung, um griesgrämig zu werden wie Tante Therese!«

»Das ist meine Sache. Aber wenn man älter wird und Leid erfährt, geht manches in einem vor sich, was man sich früher nicht träumen ließ. Ich gehe jetzt in mein Zimmer. Wenn ihr zu Abend essen wollt, dann tut es. Ich komme nicht zu Tisch.«

 

Martha saß am anderen Abend allein in einer Balkonloge des Hoftheaters. Leonore hatte sie bis zum Theater gebracht und war dann in ihren »literarischen Zirkel« gegangen. Sie wollte absichtlich Martha mit dem Russen allein lassen. Tante Edeltraud hatte Migräne und wollte die »Zauberflöte« nicht mehr hören. Sie kannte sie schon fast auswendig.

Der erste Akt war vorüber. Da ging die Türe im Hintergrunde von Marthas Loge auf, und Michailowitsch stand an ihrer Seite. Sie reichte ihm die Hand, die er lange küßte. Tiefe Röte schoß in ihre Wangen und Stirne. Wladimir setzte sich neben sie und flüsterte ihr entzückte Worte über Mozarts Musik zu. Dabei ließ er seine Blicke über ihre Schultern und ihre ganze Gestalt gleiten. Sie fühlte diese Blicke und es war ihr, als tauche sie in ein überhitztes Bad. Und dann kam er wieder auf den hausbackenen Geist der deutschen Frau und auf Liebe und Freiheit zu sprechen, und wie er sich nach Liebe sehne, aber nach Liebe in Freiheit, wo einer dem anderen nur gehöre, weil er wolle, von keinem staatlichen oder kirchlichen Zwang geknechtet. Das sei die Liebe, wie sie die russische Jugend anstrebe und die kommen müsse, um die Menschen zu beglücken und die Welt zu erneuern. Grajdanski brak – das ist das Glück der Jugend, die Liebe in freiem, gegenseitigen Sichschenken!

Martha schaute ihm tief in die Augen und hob die Schultern in einem langen Seufzer. Er erfaßte ihre Hand und preßte seine Lippen darauf. Sie ließ es geschehen. Da schrillte die Glocke durchs Haus.

»Liebste, o ich darf so sagen, nicht wahr? – ich begleite Sie nach der Vorstellung nach Hause!«

»Ich kann nicht, meine Kusine kommt mich abholen, wir fahren im bestellten Auto nach Hause.«

»O tun Sie mir das nicht an! Liebste! ... Wir gehen bei einer Seitentür hinaus und nehmen einen eigenen Wagen ... wir zwei ganz allein! ... O Seligkeit! ... Leb wohl Liebste, bis nachher! ... Halt, ich habe einen Plan! Komm jetzt gleich. Lassen wir Theater Theater sein. Wir gehen schon jetzt und fahren ein bißchen durch die Stadt, bis die Oper zu Ende ist! ... Komm, Liebste, komm!«

Das stieß er mit Hast heraus, jedes Wort war eine Flamme, die zu Martha hinüberschlug. Er faßte ihre beiden Hände. Sie konnte nicht mehr widerstehen und nahm seinen Arm und ging mit fliegenden Pulsen und klopfendem Herzen neben ihm die Treppe zur Garderobe hinunter.

Martha sah und hörte nichts. Nur ein Wille lebte mehr in ihr, und das war der des Russen. Sie wußte nicht, wie ihr geschah, ein solches Brennen und Klopfen und Rasen hatte sie noch nie in ihren Adern und Nerven gespürt. Wladimir hüllte sie behutsam in ihren Mantel und nahm seinen Paletot auf den Arm. Dann hinaus.

»Ist ein Auto frei?«

»Ja. hier!«

»Hinein!«

»Wohin?« –

»Rundfahrt durch die Stadt, halb elf Uhr in Theresienstraße.«

Klatsch, fiel der Wagenschlag zu, und die beiden saßen dicht nebeneinander in den weichen Polstern. Der Boden zitterte unter ihnen, als der Chauffeur den Motor ankurbelte. Dann ging es los. Erst langsam; dann in rasender Eile mit mächtigem Tuten.

Das Licht der Straßenlaternen fiel bei der schnellen Fahrt wie kurze Blitze in den Wagen hinein. Die Lichter des Autos bohrten sich in den Abendnebel und ließen das Dunkel ringsum noch schwärzer erscheinen. Ein Tanz von Licht und Schatten, ein Gewirr von Menschenstimmen, Wagengerassel und Autotuten tanzte und girrte ringsum. Martha befiel ein Gefühl der Unheimlichkeit und der Beängstigung. Wohin ging die Fahrt?

Da legte der Russe seinen Arm um ihre Hüfte und griff nach der Hand, sie zu küssen. Jetzt war die Angst vorbei. Sie lehnte sich fester an ihn und hätte aufschreien mögen in überschäumender Lust.

»O Liebste, so möchte ich mit dir rasen bis ans Ende der Welt!«

Martha schwieg. Zu reden war ihr unmöglich. Jetzt begann sie endlich ein Abenteuer zu erleben und zu durchkosten. Ha, nur zu! Was konnte Böses daraus kommen?! Pah, was ist überhaupt bös? Bös ist, was dumm ist, und dumm ist, was philisterhaft ist, und philisterhaft ist alles, was nicht zu dem paßt, was sie gelesen und in der Phantasie schon lange innerlich erlebt hat. – Und Käthe? Die hätte auch nicht mit Richard durchbrennen sollen. Richard war doch immer ein Lackel gewesen. Das hätte Käthe auch wissen können. Na, und jedenfalls hatte sie etwas erlebt. Was Käthe gekonnt hatte, könnte sie auch, wenn's nötig wäre.

O, wie Wladimir Michailowitsch schön von Liebe redete! Ein lockendes Wiegenlied für alle dummen Bedenken. Ja, das war echte, süße, lodernde Liebe, kein kaltes, ödes Berechnen. Das war wie Sturmessang, der über die Pußta braust und in Jubeljauchzen alles mit sich reißt, was ihm widerstehen will.

»Liebste, weißt du auch, daß wir jetzt scheiden müssen? Es ist gleich halb elf. Der Chauffeur biegt schon in den Odeonsplatz ein.«

Martha erwachte aus ihrem Rausch.

»O, was sage ich nun Leonore?«

»Du hast sie einfach am Theater verpaßt. Da hast du dir allein ein Auto genommen und bist nach Hause gefahren.«

»Das glaubt sie mir nicht. Ist aber auch gleichgültig.«

Das Auto fuhr langsamer und hielt. Der Russe blieb vorsichtshalber im Auto sitzen und ließ Martha aussteigen.

»Liebste, morgen früh um elf treffen wir uns an der Alten Pinakothek.«

Martha antwortete nicht, gab ihm aber die Hand und drückte sie lange. Das Auto fauchte davon, und sie stand allein auf dem Bürgersteig. Sie zog den Mantel fester um die Schultern und schaute zur ersten Etage hinauf. Kein Licht. Leonore war sicher noch nicht zu Hause.

Da, was war das? Sie hatte keine Schlüssel. Sollte sie schellen? Nein. Wenn der Hausmeister sie zu dieser Stunde allein kommen sähe?

Aber weg von der Straße! Da kam ein Trupp Studenten. Schnell sprang sie die Stufe hinauf und drückte sich tief in die dunkle Türecke. Die Studenten sahen sie nicht und gingen vorbei.

Da kam ein Auto um die Straßenecke mit zwei feurigen Glotzaugen. Der Wagen hielt. Leonore stieg aus. Jetzt schnell den Augenblick zum Angriff nicht verpassen!

»Aber, Leonore, wie kannst du denn aber auch so unpünktlich sein. Ich habe auf dich gewartet und gewartet, und schließlich hab ich mir ein Auto genommen und bin allein gefahren. Jetzt friere ich hier fest. Ich hab keinen Schlüssel.«

»So, du bist allein gefahren? Das ist aber nett von dir. Es paßt sich aber auch nicht für ein junges Mädchen, in der Nacht vor dem Theater auf und ab zu gehen und ein paar Minuten zu warten. Jetzt stehst du hier auf der Straße und bringst unser Haus in Verruf. Na, schmoll nur nicht. Meinst du, ich wüßte nicht, daß du mir ausgekniffen bist? Wladimir Michailowitsch ist ein feiner Mensch, nicht wahr? Ich gönne ihn dir und werde Mutter nichts davon sagen.«

Sie schloß die Haustüre auf und ließ Martha vorgehen. Drinnen knipste sie das elektrische Licht an.

»Besieh dich aber oben gleich mal im Spiegel. Der Schal hat deine Frisur herrlich derangiert. Ja, ja, wenn man allein im Auto fährt, wird man halt arg durcheinander geworfen.«

 

Während Martha sich in der Balkonloge ganz in ihrem Schwarm verlor, hatte Maria in der gegenüberliegenden Loge sie beobachtet.

Als der Russe bei Martha eintrat, war es ihr, als schlüge ihr jemand mit der Faust aufs Herz. Der Atem wollte ihr fast vergehen. War das der Russe, den sie am Morgen im Kolleg beobachtet, und der versucht hatte, sich an die Studentinnen, auch an sie, zudringlich heranzumachen?

Martha, wie kommst du an den Menschen! Ein Fieberstrom raste durch ihre Glieder. Hier mußte sie retten, ehe alles verloren war. »Heilige Maria, steh mir bei!«

In der Aufregung fiel ihr das Programm aus der Hand und der Schal von der Schulter. Sie wollte beides aufraffen, fand aber das Papier nicht sogleich. Als sie sich erhob, sah sie, wie die beiden durch die Logentüre verschwanden. Sie wollte aufstehen; aber im selben Augenblick hob sich der Vorhang und verdunkelte sich das Theater.

Vom zweiten Akt hörte und sah sie nichts. Ihre Schläfen brannten und ihr Herz pochte hörbar. Die Musik war ihr eine Qual. Wenn sie nur aufhören wollten da unten! Sie mußte Martha nach. Aber wohin? Nur hinaus! Hier war eine Mädchenseele in höchster Gefahr!

Sie biß sich die Lippen blutig und stieß ein Stoßgebet nach dem anderen hervor. Denken konnte sie nicht mehr. Sie erhob sich und stellte sich an die Logentüre, um mit dem letzten Akkord des Aktes hinauszustürzen.

Endlich fiel der Vorhang und sie stürmte der Treppe zu. Nur hinunter! Die Garderobennummer warf sie auf den Tisch und reckte die Arme der Frau mit dem Mantel entgegen; im Gehen warf sie ihn um die Schulter und flog durch die Vorhalle auf die Straße.

Nichts zu sehen. Nur ein paar nächtliche Gestalten. Wohin jetzt? Der kühle Nachtwind ließ sie allmählich Zur Besinnung kommen. Langsam schritt sie die Stufen zum Theaterplatz hinunter. Da sah sie in ihrer Phantasie Martha ins Dunkel gehen. Ein Schauder durchrieselte sie. Dicke Tränen quollen aus ihren Lidern. Jeden Abend vor dem Schlafengehen hatte sie ihrem kindlichen Nachtgebet ein Vaterunser beigefügt für die jungen Mädchen, die in der Nacht in Gefahr kämen. Und nun war Martha auch darunter! Martha! Martha! Jetzt fühlte sie erst, wie groß und heilig ihre Liebe zu der Freundin war.

Die stillfließenden Tränen träufelten Ruhe in ihre Seele. Sie blieb einen Augenblick stehen und besann sich. Welchen Zweck hatte es, auf den Straßen umherzuirren? Ihre Liebe hatte sie überrascht und zu einem übereilten, zwecklosen Schritt getrieben. Sollte sie nun zur Frau General gehen und sie von Marthas Anbesonnenheit benachrichtigen? – Nein, das konnte die Sache nur noch schlimmer machen. Gleich morgen wollte sie Martha allein zur Rede stellen. Das Kind mußte aus seinem tollen Traum herausgerissen werden, koste es, was es wolle. Jetzt war nichts Vernünftiges mehr zu beginnen.

In der Ferne leuchteten die Glotzaugen eines Autos, die immer greller und größer wurden. Sie trat ein wenig vom Bürgersteig auf die Straße und hob den Arm. Gott sei Dank, das Auto war frei! Es hielt, und sie stieg ein: »Eiselastraße 33.«

Wie Maria in den Polstern saß, faßte sie ihre Stirne zwischen die Hände und sann und betete und sann wieder hin und her. Sie konnte keinen Ausweg aus der Wirrnis ihrer Gedanken finden.

Auf ihrem Zimmer angekommen warf sie ihren Mantel ab und kniete vor dem Bette nieder und weinte wie ein Kind. Nie hätte sie gedacht, daß sie Martha so tief und innig liebte. Ihr ganzes Denken und Fühlen und Weinen war ein großes, heißes Gebet für die Irrende.

Wie lange sie gekniet hatte, wußte sie nicht. Rücken und Knie schmerzten sie. Langsam erhob sie sich und legte sich zur Ruhe. Aber an Schlaf war nicht zu denken. Sie strengte ihr Hirn an und suchte nach Gründen, mit denen sie Martha beikommen könnte. Erst gegen Morgen befiel sie ein leichter, von wirren Träumen durchzuckter Schlummer.

Als der Tag aufdämmerte, erhob sie sich und ging zur Ursulakirche in die heilige Messe. Der Weg zur Kirche, ihre ganze Andacht beim Gottesdienst und bei der heiligen Kommunion war nur ein Gedanke: Herr, hilf mir, Martha zu retten!

 

Martha wälzte sich schlaflos in ihren Decken. Sollte sie jetzt ganz dem Russen gehören? ... Wer kann der Liebe gebieten? Einmal muß man doch etwas Großes, etwas, das den ganzen Menschen mitnimmt, erleben! Und bei Michailowitsch war alles groß und leidenschaftlich, keine kühle Berechnung und Philisterhaftigkeit. Wie hatte sie doch nur für Otto Reiber schwärmen können und für Brandenstein? Ja, das waren ja auch herrliche Männergestalten, aber ihnen fehlte das Tief-Seelische, die Intuition, die schon in Wladimirs Blick und Stimme lag. O, nur wieder dieser Stimme lauschen, diese Blicke trinken! Und wie schön war sein Name! Besonders wenn er ihn so weich aussprach: Wladimir!

Erst gegen Morgen schlief sie ein und erwachte gegen neun Uhr, müde, als wäre sie die ganze Nacht hindurch gewandert. Beim Frühstück schaute Leonore sie verstohlen von der Seite an.

»Gelt, Kind, so eine Autofahrt allein regt einen so auf, daß man nachher nicht ordentlich schlafen kann und ganz wirre Augen bekommt.«

»Ich finde auch, Martha, daß du nicht wohl aussiehst. Was ist denn mit der Autofahrt los?«

»Ach nichts, Mutter. Wir haben uns nur gestern abend verpaßt, und da mußte Martha allein nach Hause fahren. Aber gehst du heute morgen nicht mal mit mir ins Atelier? Ich habe ein paar prächtige Bilder fertig. Du bist ohnehin schon lange nicht mehr bei mir gewesen.«

»Ach, laß mich heute daheim. Ich will mich ausruhen. Ich weiß nicht, ich bin so entsetzlich müde.«

»Schon gut, dann kommst du ein andermal.« – Tante Edeltraud war aufgestanden und fortgegangen. – »Dann amüsiere dich nur gut mit dem Russen.«

Martha stutzte und wollte etwas entgegnen.

»Q, meinst du, ich sei so dumm? Wer einmal so weit ist wie du, der hat auch seine mehr oder weniger stille Liebe. Aber ich wasche meine Hände in Unschuld. Sieh du zu.«

Damit war Leonore hinaus. Martha lachte hell auf. Da rasselte das Telephon. Leonore öffnete die Türe.

»Martha, sollst ans Telephon kommen! Paß mal auf, das ist der Russe. Der will sich erkundigen, wie sein Bräutchen geschlafen hat.«

Martha schob Leonore an die Seite und ging Zum Apparat. Maria meldete sich, sie sei von der Reise zurückgekehrt und wollte sie nur eben begrüßen. Sie sei auch in Berlin bei Otto gewesen und brachte recht freundliche Grüße von ihm. Martha ließ ihre Stimme unbefangen klingen. Maria sah ja nicht, wie sie rot wurde und mit spitzem Munde lachte. Otto würde zu Weihnachten auf Urlaub kommen. Ob sie sich freue? – »Ach, du hast mir ja alle Freude verdorben. Du sagtest mir ja immer, ich solle mir Otto aus dem Kopf schlagen, es sei noch zu früh für mich; und wenn ich mich so mir nichts, dir nichts gleich verliebte, käme ich überhaupt nicht mehr aus dem Verliebtsein heraus.« Nun, darüber wollten sie dann noch sprechen, meinte Maria; sie wolle gleich heute kommen, so gegen zehn Uhr, wenn es Martha recht wäre. Martha sagte nicht sehr freudig zu und brach das Gespräch ab.

Leonore kam in das Zimmer. »Na, habt ihr euch aber lange unterhalten. So verliebtes Volk!«

Sie wußte gut, daß sie mit solchen Worten Marthas Schwarm immer mehr reizte.

»Dummes Zeug; das war ja nicht der Russe. Maria war's, sie ist wieder hier.«

»Was? War sie auch in Berlin? Hat sie dir Grüße von Otto mitgebracht? Ich glaube, der ist regelrecht in dich verschossen; und nun treibst du es so! Pfui, das hätte ich nie von dir gedacht.«

»Ich bitte dich sehr, dich um deine eigenen Sachen zu kümmern. Ich bin kein Kind mehr und lasse mich nicht von dir bemuttern. Ich bin auch nicht mehr das dumme Gänschen, das vergangenes Frühjahr nach München kam. Ich verbitte mir also jede Einmischung in meine Angelegenheiten, besonders aber von deiner Seite.«

Jetzt hatte Leonore die Kusine so weit, wie sie sie haben wollte. Sie wurde böse und beleidigend und verriet so, wie es um sie stand.

»Du bist sehr liebenswürdig, Martha. So sind aber alle verliebten Leute, wenn man ihnen hinter die Schliche kommt.«

»Da hast du recht, liebe Leonore, ich meine, ich hätte dich auch schon einmal bei einer ähnlichen Frage ordentlich in Harnisch gesehen. Daß du es weißt: Otto Reiber kommt Weihnachten in Urlaub. Da kannst du dein Glück noch einmal versuchen. Guten Morgen, liebe Kusine.« Und fort war sie auf ihr Zimmer.

Eine Unrast brannte in ihr. Sie suchte ein Kostüm für das Stelldichein aus. Ach, das blaue Kleid mit dem blauen Jackett, das ihre Figur so plastisch hervorhob! – Wenn sie nur Maria zeitig loswürde! Aber die mußte wohl auch um elf Uhr ins Kolleg. Oder sollte sie gehen, ehe Maria kam? Eine Beklemmung legte sich auf ihre Brust. Wie, wenn Maria etwas von ihrem gestrigen Abenteuer wüßte? Eben beim Telephongespräch war ein so eigentümlicher Klang in ihrer Stimme gewesen. Aber woher sollte Maria von ihrer Autofahrt wissen? – Und doch konnte sie den Gedanken nicht los werden, daß Maria auf irgend eine Weise in ihr Geheimnis eingeweiht sein müsse.

Da hörte sie auch schon Bewegung auf dem Flur. Es klopfte.

»Ach Maria!« – »Martha, Grüß Gott! Du willst ausgehen, wie ich sehe, da tut es mir leid, daß ich störe, das hättest du mir auch eben am Telephon sagen können.«

Maria gab sich in natürlicher Unbefangenheit. Martha studierte aber ängstlich fragend in ihren Augen.

»Ach nein, ich wollte nur eine kleine Kommission machen.«

»Schau, und ich wollte dir nur Ottos Grütze aus Berlin überbringen.«

Martha errötete ein wenig und schlug die Augen nieder. Sie machte sich mit nervösen Bewegungen an ihrem Kleid zu schaffen.

Maria beobachtete sie scharf. Ihr Herz schlug fühlbar schneller. Jetzt oder nie. Hier war ein plötzlicher Überfall die beste Taktik. Sie stand auf und faßte Martha an beiden Schultern und schaute ihr fest in die Augen. Ihre Lippen zitterten. Eine Sekunde lang konnte sie das lang überlegte Wort nicht finden. Martha wich ihrem Blick aus. Aber ehe sie ob des eigentümlichen Benehmens der Freundin eine Frage stellen konnte, traf Maria sie mitten ins Herz:

»Martha, was hast du mit dem Russen?«

Das Blut schoß Martha nur so in Wangen und Stirne. Sie wich einen Schritt zurück und suchte unbefangen zu lächeln. Aber das Lächeln machte ihr Gesicht zur gezwungenen Maske.

»Was für ein Russe? Ich verstehe dich nicht, liebe Maria.«

Das »Liebe Maria« klang so kalt und zurückweisend, daß Maria erschrak. Es war ihr, als strecke Martha beide Arme aus und stieße sie von sich. Aber so leichten Kaufes ließ sie sich nicht abfertigen. Der zweite Schlag, den sie auf Marthas Herz führte, traf noch wuchtiger.

»Martha, wo bist du gestern abend nach dem zweiten Akt der Zauberflöte mit dem Russen geblieben?«

Marthas Züge verzerrten sich noch mehr in gesuchtem Lächeln. Sie wich noch einen Schritt zurück und versuchte Maria verständnislos anzuschauen.

»Ich weiß wirklich nicht, was du meinst. Ich muß hier in München eine Doppelgängerin haben.«

»Nein, Kind, versuche nicht, mir zu entwischen. Das nützt dir doch nichts. Ich habe dich im Hoftheater deutlich gesehen und den Russen auch. Ich weiß nur noch nicht seinen Namen. Aber ich weiß schon, wes Geistes Kind er ist. Ich könnte schon verstehen, wenn du deine Liebe, wie du die Unbedachtsamkeit sicher nennen wirft, vor mir verteidigen würdest, aber daß du direkt lügst, das ist sehr häßlich von dir, Martha.«

»Was gehen dich meine intimsten Privatangelegenheiten an?«

»Mit dieser alten Ausrede willst du deine Lüge verteidigen. – Also habe ich doch recht und du gestehst es ein!«

»Ja, ich sage es dir offen ins Gesicht: Gestern abend war Herr Michailowitsch bei mir in der Loge. Was ist dabei? Bitte!«

»Und wo bist du nach dem ersten Akt geblieben?

»Bei Michailowitsch. Und nun?«

»Das war das erste und letztemal.«

»Das war nicht das erste und nicht das letztemal. Ich lasse mir von dir nicht meine Liebe zerschlagen, von dir mit deinen philisterhaften Anschauungen.«

»Also Ehrbarkeit beliebst du Philisterhaftigkeit zu nennen!«

»Bitte, Maria, hüte deine Zunge!«

»Ich weiß, was ich sage. Du hast dein Liebessehnen von Anfang an nicht bemeistern können. Das war nur eine backfischmäßige Unüberlegtheit. Jetzt aber fährst du mit vollen Segeln in die Sünde hinein.«

»Und wenn auch ...«

»Pst! Halt, Martha! Überlege erst, was du sagst!«

»Nein, ich will nicht heucheln. Ehrlichkeit ist das Höchste, was der Mensch sich bewahren muß!«

»Martha, wo hast du diese Phrase aufgelesen?«

»Ja, du bist nicht ehrlich, Maria. Auch du fühlst das Liebesbedürfnis in dir, aber du gestehst es dir nicht ein, du gibst dem edlen dunklen Drange nicht nach. Du vergewaltigst deine Natur. Du bist ein seelischer Krüppel und bleibst dein ganzes Leben lang ein naives, unerfahrenes Ding.«

»Wieder das alte dumme Zeug, das du mir schon so oft in dieser oder anderer Form vorgeredet hast. Du willst ehrlich sein. Dann sei es aber auch ganz und belüge dich nicht selbst. Sage mir offen heraus: Ich will mich amüsieren, will in sogenannter Liebe schwelgen, wenn sie auch ins Elend führt.«

»Pah, ins Elend!«

»Still, Kind, setz dich einmal dahin und laß ruhig mit dir reden.«

Martha setzte sich mit abgewandtem Gesicht nieder. Maria rückte ihren Stuhl dicht an sie heran und faßte des Mädchens Hand.

»Schau mal, Martha, du willst, wie tausend andere junge Mädchen, immer eine Persönlichkeit sein, ein Mensch, der auf sich selbst steht und sich von niemanden dreinreden Iaht.«

»Ja, das will ich. Darum laß mich auch in Ruhe. Es nützt dir doch nichts.«

Maria fuhr ruhig, fast leise, unbeirrt fort: »Jetzt lebst du ganz und gar in einem anderen Menschen, in deinem Liebesschwarm. Du kannst gar nichts anderes mehr denken, hast nur immer wieder den Russen in der Phantasie stehen.«

»Das ist ja gerade das Schöne und Erhabene, ganz in der Liebe aufzugehen!«

»Du hast gar keinen Willen mehr. Du läßt dich ganz hängen und schleppen, wohin der andere will. Ist das denn menschenwürdig?«

»Aber ich brauche die Liebe. Ich habe in meinem Leben noch nie große, ganze Liebe genossen.«

»Liebe brauchst du und sollst sie auch haben. Glaube mir, Martha, ich habe dich gern und liebe dich, wie dich vielleicht kein zweiter Mensch auf Erden liebt. Deshalb will ich ja gerade, daß du von deiner Verliebtheit loskommst. Sonst gehst du zugrunde, dafür garantiere ich.«

»Zugrunde! Was denkst du überhaupt von mir?«

»Was ich denke? Daß du ein weiches, liebebedürftiges Mädchen bist, das sich ganz an seine Verliebtheit verliert und darum haltlos, unfrei, freudlos fürs ganze Leben wird. Meinst du denn, du seist die erste und einzige Liebe des Russen? Du willst so gescheit und welterfahren sein und bist noch so naiv wie ein Kind.«

»Ich habe ihm Treue zugesagt. Was soll er von mir denken, wenn ich ihn so mir nichts, dir nichts wieder aufgebe. Nein, Treue muß ich halten!«

»Treue gegen Treue. Aber hier ist keine Treue. Du willst geliebt sein, willst natürlich die Liebe eines Mannes voll und ganz ausfüllen. Seine Liebe soll dir ganz gehören, du kannst aber versichert sein, daß der Russe heut mit dir und morgen mit einer anderen herumflirtet. Wahrscheinlich geht er sogar von dir weg, – anderswohin!«

»Das ist gemein von dir, Maria! Ihr Frommen setzt immer von anderen Leuten das Schlechteste voraus.«

»Nun, lassen wir das einmal. Liebe, reine Liebe, ist Wohlwollen dem Geliebten gegenüber und möglichst weit von jeder Selbstsucht entfernt. Glaubst du, daß der Russe dich nur um deiner selbst willen liebt? Daß er so ganz selbstlos ist?«

»Der arme Kerl hat hier niemanden, der ihn versteht. Er ist ein Melancholiker. Da braucht er Aufmunterung, Erhebung, Stütze in einer warmen, echten Liebe.«

»Von dieser Selbstsucht rede ich nicht. Die hat ihre Berechtigung. Ich meine eine viel niedrigere, eine schmutzige Selbstsucht. Du bist nicht seine Liebe, du bist nur sein Spielzeug, seine Puppe, um mich gelinde auszudrücken. Wenn er deiner eines Tages überdrüssig ist, wirft er dich weg. Dann liegst du da mit zerbrochenem Herzen, das keine Kraft mehr hat, wenn einmal die Stunde der großen heiligen Liebe kommt.– Schau, liebe Martha, jetzt weiß ich es: du hast dich durch dein gutes, mitleidiges Herz zu diesem dummen Streich verleiten lassen. Mädel, hüte dich vor dem Mitleid! Ihm folgt die Liebe auf dem Fuße.«

»Ach geh! Laß mich in Ruhe. Es hilft dir doch nichts!«

»Nein, ich lasse dich nicht in Ruhe. Dafür bist du mir zu gut. Dafür habe ich dich zu gerne. Ich kann nicht müßig zusehen, wie du in dein Unglück rennst.«

Martha sprang auf. »Und ich muß mir verbitten, daß du dich in meine Sachen mischest. Ich lasse nicht ab von Wladimir. Es ist höchste Zeit; ich habe ihm versprochen, ihn um elf Uhr an der Alten Pinakothek zu treffen. Ich muß schon bitten, mich gehen zu lassen.«

Sie nahm eine Hutschachtel aus dem Schrank und machte sich fertig zum Ausgang. Ihre Bewegungen waren kurz und schroff. Maria trat ans Fenster und schaute mit verlorenen Blicken hinaus. Das Herz war ihr schwer, so schwer. Sie drehte sich um, nahm ihre Mappe vom Schreibtisch und sagte mit klangloser Stimme:

»Dann geh, Martha; ich kann dich ja nicht zwingen. Aber du gehst sicher in dein Verderben. Du wirst mir nicht verbieten können, dich weiter zu lieben und für dich zu beten. Oder darf ich noch einmal wiederkommen?«

»Ersteres kann ich dir nicht verbieten und letzteres will ich dir nicht verbieten. Du wirst selbst so vernünftig sein, von dem heutigen Thema nicht wieder anzufangen. Das hätte doch keinen Zweck.«

Damit reichte sie der Studentin die Hand, aber ohne den leisesten Druck. Maria faßte sie mit beiden Händen, drückte sie einen Augenblick und schaute Martha mit tränenfeuchtem Blick in die Augen. Martha entzog ihr die Hand und sagte kühl: »Guten Morgen, Maria, auf Wiedersehen!«

Maria ging langsam, schweren Schrittes die Treppe hinunter. Sie wiegte sich bei jedem Schritt auf dem Fuße, als überlege sie, ob sie nicht umkehren und Martha mit Gewalt an dem Ausgang hindern sollte. Aber was hätte das geholfen! Ein andermal wäre sie doch zu dem Russen gegangen, und der Auftritt könnte das Band der Freundschaft ganz zerreißen. Nein, wenn sie nicht von der Unhaltbarkeit und Ungehörigkeit ihres Verhältnisses zu dem Russen innerlich überzeugt war, konnte äußere Gewalt nichts ausrichten. Es müßte doch eigentümlich zugehen, wenn sie keine Mittel fände, Martha von ihrem Wege abzubringen. Sie wollte beten und sinnen, selbst wenn ihr Studium darunter litte. Martha mußte auf jeden Fall gerettet werden.–

Gleich nach Maria verließ Martha das Haus. Als sie auf die Straße kam, befiel sie doch eine Beklemmung. Wo ging sie hin? Wenn sie jemand mit dem Russen sähe! – Wo würde er sie hinführen? Fort mit den dummen Gedanken! – Sie würde sich schon selbst schützen, auch etwas Liebe genießen, bei ihm sein, seine Stimme, seine süßen Worte hören, sein leidenschaftliches Feuer dämpfen, die tiefe Melancholie seiner Seele auffrischen – das Recht auf Liebe gegen alle Rücksichten durchsetzen!

Sie bog in die Gartenanlagen der Neuen Pinakothek ein. Ah, da promenierte er schon! Er wandte ihr den Rücken zu. Jetzt machte er kehrt. Er sah sie. Seine Augen strahlten. Mit raschen Schritten kam er auf sie zu und streckte ihr beide Hände entgegen. »Liebste!«

»Aber, was ist Ihnen? Sie sind ja in Pelz gehüllt, als wären wir mitten im Winter.«

Er hielt ihre Hand fest und schaute sie unter seinem großen schwarzen Schlapphut prüfend an. »Habe mich gestern abend ein wenig erkältet. Bin das Klima hier noch nicht gewohnt. Heute morgen hatte ich einen kleinen Schüttelfrost.«

»Und da sind Sie doch hinausgegangen!«

»Liebste, um in Ihrer Wärme zu genesen.«

Sie gingen langsam auf die Straße hinaus.

»Das dürfen Sie nicht wieder tun, sonst komme ich nicht mehr und werde ernstlich böse.«

Er schüttelte sich und schauderte in seinem dicken Mantel zusammen, beherrschte sich dann aber wieder. Martha bemerkte es. »Nun gehen Sie aber schnell nach Hause, ich gehe nicht weiter mit Ihnen. Sie können zu Tode krank werden.«

»O welche Seligkeit, in Ihrer Nähe, Liebste, zu sterben! Kommen Sie dann auch ab und zu an mein Grab, ein Blümchen darauf zu pflanzen?«

»Reden Sie kein dummes Zeug. Jetzt gehen Sie nach Hause. Ich begleite Sie bis zu Ihrer Wohnung!«

»Soll ich denn die Seligkeit dieses Morgens verlieren? Liebste, du bist grausam!«

»Nur weil ich Sie liebe, muß ich streng gegen Sie sein.«

»O, jetzt kann ich krank werden, jetzt macht mir alles nichts, weil ich weiß, daß du mich liebst. Und wenn du mich liebst, was können dann noch für Schranken zwischen uns stehen. Wenn du mich liebst, bin ich dein und du bist mein, dann ist mein Haus dein Haus. Liebste, wir sind da; du wolltest mich wie ein krankes Kind nach Hause schicken, jetzt gehst du mit mir und erwärmst mir meine kalte Stube mit der Sonne deiner Liebe.«

»Nein, wo denkst du hin? Das kann ich nicht! Was werden die Leute sagen!«

»Und du willst mich lieben und kümmerst dich noch um die Leute? Solange du das tust, ist deine Liebe nur ein Spiel, keine im Herzen lodernde Kraft, die dich über den erbärmlichen Alltag erhebt.«

Seine Augen sprühten Feuer. Martha erschauderte vor sich selbst. Mit ihm allein sein auf seiner Studentenbude!

Sie strich sich das Haar aus der Stirne und tat einen Schritt vorwärts. Er ging voraus und sie hinterdrein. Da klappten eilige Schritte durch den Hausflur. Eine Frauenstimme rief außer Atem:

»Martha, Martha!«

Die Angerufene flog herum. Da lagen ihr auch schon Marias Hände auf dem Arm und ein vor Angst verzerrtes Gesicht schaute sie an.

»Martha! Was tust du?«

Da drehte der Russe sich auf der ersten Treppenstufe um.

»Verzeihen Sie, mein Herr. Ich suche Fräulein Halden schon den ganzen Morgen. Ich habe eine sehr wichtige Besprechung mit ihr. Sie werden gestatten, daß sie mit mir geht.«

Damit faßte sie fest Marthas Arm und zog sie mit Gewalt einige Schritte zurück. Martha schaute sie stumm und fragend an.

»Darüber habe ich nicht zu entscheiden, gnädiges Fräulein. Ich denke, Fräulein Halden ist sich Herr genug, um über ihre Person zu verfügen.«

Seine Stimme zitterte vor Wut und seine schwarzen Augen sprühten Blitze. Das machte Maria nur noch mutiger. Sie richtete sich in ihrer ganzen Größe auf und verneigte leicht den Kopf vor dem Russen.

»Sie haben recht, mein Herr. Fräulein Halden wird über sich verfügen. Guten Tag! – Komm, Martha, ich stehe vor einer wichtigen Frage und kann dein Urteil nicht missen.«

Sie hakte sich fest in Marthas Arm und zog sie mit sich hinaus auf die Straße. Martha wußte nicht, wie ihr geschah, und folgte willenlos.

Auf der Straße sprachen beide lange kein Wort. Plötzlich brannte eine heiße Scham in Martha auf. Sie wußte nur noch nicht, weshalb sie sich schämte, ob wegen der Blamage vor dem Russen oder vor Maria. Aber allmählich wurde ihr das Gefühl eindeutig. Sie geriet in eine kochende Wut über Marias Eingriff in ihre Freiheit. Sie würgte an den Tränen, die ihr aufsteigen wollten. Da fühlte sie in der engen Berührung mit Maria, wie der ganze Leib der Studentin zitterte. Herrgott! Liebte Maria sie schließlich mehr als der Russe? Wenn sie doch nur ein Wort spräche! Entsetzlich dieses Schweigen. Sie versuchte leise ihren Arm aus Marias Arm zu lösen. Aber die hielt ihn fest.

»Nein, Kind, du bleibst jetzt bei mir. Ich gehe mit dir nach Hause. Da können wir ruhig reden. Ich konnte nicht ins Kolleg gehen, das wäre mir rein unmöglich gewesen. In der Nähe deines Hauses wartete ich auf dich und folgte dir von ferne. Ich mußte dich retten.«

»Du hast eine Marotte, Maria, – um mich nicht schärfer auszudrücken.«

»Recht so, Martha,« – und sie drückte sie fester an sich – »so mußt du ja jetzt sagen. Das verstehe ich ganz gut und nehme es dir nicht übel. Gleich sind wir bei dir zu Hause. Dann will ich mich ausreden.«

Sie waren an Marthas Haus angelangt. »Aber bitte, keine Predigt. Du weißt, daß ich das nicht ausstehen kann.«

Auf Marthas Zimmer nötigte Maria die Freundin auf das kleine Kanapee in der Ecke neben dem Schreibtisch und setzte sich selbst neben Martha. Sie faßte ihre Hand und streichelte sie.

»Liebes Kind, ich spreche jetzt zum ersten, aber auch zum letzten Male mit dir über das, was gestern abend und heute morgen mit dir vorgefallen ist. Und ich spreche nur mit dir darüber. Kein Mensch, auch nicht deine Tante, soll etwas davon erfahren. Wenn wir uns gegenseitig ausgesprochen haben, werde ich keine Silbe mehr davon erwähnen und alles vergessen.«

»Red nicht so viel, mach schnell, wenn du mich quälen willst.«

»Ich will dich nicht quälen, du quälst dich selbst. Siehst du denn jetzt nicht, daß ich heute morgen recht hatte, wenn ich von Selbstsucht sprach. Der Russe liebt dich nicht, er ist dein Teufel.«

Martha fuhr auf und entzog Maria ihre Hand. »Komm mir nicht mit Beleidigungen. Damit fängst du mich erst recht nicht.«

»Martha, du bist ein gutes Mädchen, aber blind in deiner Verliebtheit. Ich gebrauche absichtlich nicht das Wort Liebe. Welches anständige Mädchen, das auf seinen Ruf hält, läßt sich denn so weit treiben, wie du gestern abend und heute morgen?«

»Pah! Was gebe ich auf den Ruf, den ich bei euch hausbackenen, scheinheiligen Frauenzimmern habe!«

»So ist's recht! Schimpfe und schilt nur einmal gehörig. Das tut dir gut. Mir kannst du sagen, was du willst. Mich kannst du nicht beleidigen.«

»Schweig mir mit diesem frömmelnden, sanften Gerede. Im Innern denkst du doch anders als du sprichst. Du verachtest mich und spuckst aus vor mir.«

»Mehr kann ich nicht sagen, Martha, als daß ich dich lieb habe.« Dabei strich sie ihr mit der linken Hand langsam über die Haare.

Da brach Martha in ein erschütterndes Weinen aus. Maria wollte ihre Schultern umfassen, aber sie schüttelte sie von sich ab. So stand sie auf und legte nur ihre Hand auf die Sessellehne und strich ihr wieder einmal sanft über das Haar.

»Nicht wahr, Martha, du läßt jetzt den Russen fahren?«

»Nein ... nein ... das kann ich nicht.«

»Das kannst du wohl. Du fühlst ja und siehst es ein, daß es sein muß.«

Keine Antwort.

»Schau Kind, dir ist das Herz mit dem Verstand durchgegangen. Das ist noch nicht so schlimm. Alles kann wieder gut werden. Ich weiß, daß dieser Kampf dir weh, sehr weh tut, und ich fühle den Schmerz mit dir. Aber ich habe dich lieb, und ich werde dir helfen. Ganz still will ich dir helfen. Wir wollen nicht mehr über die Sache sprechen. Morgen ist Sonntag; da komme ich in der Frühe zu dir und wir gehen zusammen spazieren. Wir wollen zusammen recht gemütlich plaudern, über philosophische, ästhetische und literarische Fragen, wie du es gerne hast. Gelt Martha!«

Sie reichte der Weinenden die Hand. Martha blieb sitzen und ließ ihre Hand schlaff in der Rechten Marias liegen.

»Nun weine nicht mehr. Trockne dir die Tränchen, damit Tante und Leonore nichts merken. Sonst meinen die noch, wir hätten bösen Streit gehabt. – Leb wohl Martha, sei tapfer. In ein paar Tagen bist du frei. Welche Freude wird da über dich kommen, wenn du einmal wieder ganz dir selber gehörst und nicht immer in einem anderen Menschen und deinen Phantasien hängst! Denk mal, jetzt ist schon eine Stunde deines Leides vorüber. Morgen um diese Zeit ist schon ein ganzer Tag vorbei. So wird mit jeder Stunde dein Schmerz mehr beruhigt und leichter und geringer. Und wenn du dich einmal ausweinen, oder auch, wenn du einmal schimpfen und schelten willst, kannst du immer zu mir kommen. Vor mir brauchst du dich nicht zu schämen. Mich kannst du einfach nicht beleidigen. – Leb wohl, Martha; bis morgen früh!«

Maria legte noch einmal ihre Hand auf Marthas Schulter und ihre Wange an ihre Stirne und ging leise hinaus. Martha sagte ihr keinen Gruß. Sie weinte und weinte, bis das Mädchen zu Tisch rief.

Schnell wusch sie die Augen mit kaltem Wasser. Aber sie blieben rot. Wenn nur Tante und Leonore nichts merkten!

Aber sie schauten sofort auf Marthas Augen. »Kind, hast du geweint?«

»Ach meine Augen taten ein wenig weh; da habe ich das Gesicht ins Wasser gesteckt. Davon werden die Augen wohl noch rot sein.«

Leonore lächelte verstohlen. Nach dem Essen, als die Mutter sich zurückgezogen hatte, fragte sie frei und frech: »Martha, mach mir keine Flausen vor. Ich weiß, daß Maria bei dir war. Da hat's schon einen Streit wegen des Russen gegeben? Ich will dir sagen: Laß dir von Maria Reiber nicht dreinreden. Die angelt nur nach dir für ihren Bruder, die simple Person.«

Das war Leonore nur so herausgeplatzt in ihrer Angst, nun doch wieder den Leutnant, dessen Liebe sie noch gar nicht besah, zu verlieren. Sie ahnte nicht, welchen Aufruhr sie in Marthas Herz erregte.

Martha sprang auf und ballte die Fäuste gegen Leonore und stampfte mit dem Fuß. »Ich weiß nicht, was ihr alle gegen mich habt. Ihr seid in einer wahren Hetze hinter mir her. Ich geh wieder nach Hause, ich will nichts mehr mit dir und Maria und Otto und Tante zu tun haben. Ihr richtet mich noch Zugrunde. Alles ist eifersüchtig auf mich und verklatscht mich und gönnt mir keinen Augenblick Ruhe und Freude.«

Damit stampfte sie weinend hinaus und schlug die Türe hinter sich zu.

Auf ihrem Zimmer warf sie sich auf das Bett und barg das Gesicht in den Kissen. Sie ärgerte sich über sich selbst, daß sie sich vor Leonore so hatte gehen lassen und daß sie Maria so weit nachgegeben hatte. Nein, sie mußte wieder zurück! Die Schande konnte sie sich nicht selbst antun, daß sie Maria blindlings folgte. Wenigstens irgend eine Entschädigung mußte sie sich nehmen.

Und dann reckte sich wieder der Schmerz in ihrer Seele empor und fraß an ihrem Herzen. Sie weinte und weinte. Bald vor Wut und bald vor Scham und bald vor Schmerz. Schließlich fühlte sie sich so wohlig in ihrem Leid und hatschelte es wie ein Schoßkind. Sollte jetzt wirklich die Stunde kommen, wo sie in ihrem Schmerz innerlich groß würde, wie die Menschen, von denen sie immer gelesen hatte? Aber dann mußte sie ihre Liebe durchsetzen wie diese, gegen alle Hindernisse, auch gegen Maria und ihre aufgeputzte Schicklichkeit. Doch Maria liebte sie, das fühlte sie deutlich aus allen ihren Worten und Taten heraus. Wie hatte sie heute morgen um sie gezittert! – Sollte Maria nicht doch noch recht haben? Sie selbst brauchte eine Liebe, ein Anlehnen. Sollte sie sich nicht an Maria anlehnen? Kraft hatte das Mädchen entschieden. – Und dann Otto! Liebte er sie noch? Liebte sie ihn noch? – Aber den Russen fahren lassen! – Sein Bild stieg geisterhaft in ihrer Phantasie auf. – Nie und nimmer!

So wogten die Gedanken den Nachmittag und Abend und die ganze schlaflose Nacht in ihrem Geist auf und ab. Jetzt sah sie ein, daß sie umkehren mußte, im nächsten Augenblick verwarf sie es wieder. Jetzt wollte sie froh und stolz und frei sein, um in der nächsten Minute wieder in Tränen sich zu ergießen.

Ihre Seele tastete wie ein Ertrinkender nach einem Halt. Alles was sie griff, verflüchtigte sich unter ihrer Hand. Nirgendwo ein Halt, eine Stütze. Und sie weinte wieder, bis der Sonntag mit grauem Schimmer über die Dächer stieg.

Gegen zehn Uhr kam Maria. Beim ersten Begegnen sagte ihr Blick: »Kein Wort von gestern, Martha! Das ist vergessen. Jetzt nur mutig in ein neues Leben hinein!«

Maria sah frisch und blühend aus. Die Ferien hatten ihr gut getan.

»Aber, Martha, wie schaust du drein? Ich meine, du wärst am Starnbergersee gewesen und hättest viel in der frischen Luft herumgetollt. Du siehst ja aus, als hättest du ein paar Wochen nicht geschlafen, so bleich, und deine Augen sind rot. Kind, du bist schrecklich nervös.«

»Recht interessant, nicht wahr? Und du siehst aus wie ein Bauerndirndl. Ja, wir Frauen haben heute andere Aufgaben, als strotzende Gesundheit nach außen zu zeigen. Ich habe viel gelesen und studiert.«

»Ach was nicht gar! Da kannst du mir jetzt sicher literarische und philosophische Vorlesungen halten.«

»Werde mich schwer hüten. Du willst mich ja doch nicht verstehen. Wir zwei sind nun einmal ganz grundverschiedene Menschen. Vielleicht, wenn ich alt werde, komme ich auf deine Anschauungen zurück, wie Tante Edeltraud, die heute morgen wieder zur Messe gegangen ist. Der Fall Richard hat ihr doch stark zugesetzt.«

»Ja, die arme Frau General! Ich kann Richard noch immer nicht verstehen. Auch Käthes Eltern leiden sehr.«

»Ich weiß nicht, warum die guten Leutchen sich so grämen. Die beiden jungen Leute haben gehandelt, wie sie mußten, da war nun einmal nichts zu ändern.«

»Wie sie mußten? Wer hat sie denn gezwungen? Richard hat sich von seinem Leichtsinn hinreißen lassen, und Käthe, der die verrückte Lektüre den Kopf verdreht hat, konnte über ihr Liebessehnen nicht Herr werden. Ich denke, der Mensch ist doch vor allem zuerst Mensch und dann erst Mann oder Weib.«

»Lassen wir diesen Disput, Maria; ich muß dir noch einmal sagen, daß wir da doch nicht einig werden. Komm, wir gehen ein Stündchen spazieren. Aber eines sage ich dir: In die Messe kriegst du mich nicht mehr mit.«

»Was sagst du da? Bist du schon so weit?«

»Ja, soweit bin ich. Ich habe früher im Institut genug Messen gehört. Jeden Tag mußten wir hinein. Das war für viele Jahre genug.«

»Kind, ich will für dich beten.«

»Ach Gott, redest du auch schon so! Ich meine, Tante Therese zu hören. Aber wie du willst; meinetwegen bete für mich. Ich bin ja doch in deinen Augen eine schrecklich große Sünderin.«

»Nein, das bist du nicht. Nur ein bissel dumm bist du, verzeihe mir die Frechheit.«

»Gerne verziehen. Das sind Geschmackssachen.«

»Nein, Martha, das sind nicht Geschmackssachen, sondern Verstandessachen.«

»Nenne es wie du willst; ich lebe nun einmal in einer anderen geistigen Welt wie du, und ich habe mit meinem Verstand erkannt, daß doch nicht alles so ist, wie man es uns früher vorgepredigt hat. Die Kirche will nur Macht über die Menschen haben und droht uns deshalb mit der Hölle und allen möglichen schrecklichen Dingen. Ich diene dem Gott in meiner Brust frei und ohne Furcht.«

»In welchem Roman hast du diese Phrase gelesen? Jedenfalls hast du sie hübsch auswendig gelernt.«

»Machen wir Schluß. Du wirst sonst noch ganz jesuitisch.«

»Ei wie schön! Ich merke, daß du in der modernen Literatur gut beschlagen bist. Verzeihung! Hast du schon einmal einen Jesuiten gesehen? Aber Coloma hast du doch sicher gelesen.«

»Bleib mir mit solchem Schmarren vom Leibe! Früher wollte ich ihn lesen, da durfte ich nicht; – ich hätte durch seine Bücher was Böses lernen können –; und jetzt mag ich nicht. Der hat mir zuviel Tendenz.«

»O du heilige Unschuld! Und die Autoren, die du liest, sind so unschuldige Lämmer, wollte sagen reine Künstler, daß sie sich eher köpfen ließen als auch nur ein Wörtlein zu schreiben, das einen anderen Menschen zu ihrer Weltanschauung herüberziehen könnte. Beispiel: Fräulein Martha Halden.«

»Gebt ihr Katholiken uns eine Kunst, die das Leben schildert, wie es ist, und wir wollen gerne eure Bücher lesen.«

»Ihr Katholiken ist gut! Ich habe dir schon früher gesagt, daß das Leben leider anders ist, als es in deinen Büchern geschildert wird. Lebe einmal dieses Leben, und du wirst bald mit der Nase im Straßengraben liegen.«

»Pah, ich möchte es gerne einmal versuchen, nur allein um dich Lügen zu strafen.«

»Na, laß nur Otto wiederkommen. Dann wirst du schon andere Gedanken bekommen.«

»Ach, wie geht's ihm denn, dem urvernünftigen Mann?«

»Danke, es geht ihm gut. Er hofft, bald zum Hauptmann befördert zu werden. Er läßt dich grüßen.«

»Sehr angenehm. Hat er in Berlin keine interessanten Bekanntschaften gemacht?

»Pfui, wie du sprichst, Martha. Du solltest doch wissen, daß im stillen alle seine Gedanken noch dir gehören. Das habe ich wenigstens aus seinen Reden herausgemerkt.«

Martha schwieg. Wie Maria vor ihr saß, sah sie in ihr wieder den Bruder, und sie schämte sich vor sich selbst.

»So laß uns denn gehen! Aber ich sage es dir noch einmal: Nicht in die Kirche.«

»Wie du willst. Aber ich meine, du hättest die Gnade Gottes ganz besonders nötig; und Otto wirst du mit diesem Wesen nicht gerade imponieren.«

»Ist auch nicht nötig. Ich will es dir geradeheraus sagen: Ich habe den Schwarm für deinen Bruder drangegeben. Du hast es mir ja selbst geraten.«

»Mach mir nichts vor, Martha! Deshalb hast du den Schwarm nicht aufgegeben. Aber du bist frei und sollst frei bleiben. Ich bin keine Heiratsvermittlerin.«

»Nun ja, das Leben ist eben anders, als du dir es träumen läßt.«

»Das Leben und immer wieder das Leben! Ich glaube und hoffe, daß das wirkliche Leben dich noch einmal heilen wird.«

»Ich hoffe auch vom wirklichen Leben alles.«

Die beiden Mädchen gingen aus dem Hause.

»Hast du übrigens schon gehört, daß Frau Sorbing schwer krank ist? Lungenentzündung. Ich fürchte, die arme Frau wird nicht mehr hochkommen.«

»Nein, ich habe die Leutchen ganz aus dem Auge verloren. Tante pflegt seit Richards Fortgang keinen Verkehr mehr.«

»Es ist unendlich traurig für Herrn Sorbing und die Kinder. So nette, liebe Kinderchen. Gestern sagte mir Sanitätsrat Esser, es sei keine Hoffnung mehr. Er gibt ihr Champagner, um die Herztätigkeit noch ein paar Stunden aufrecht zu erhalten. Ich war heute morgen schon dort und werde heute nachmittag wieder hingehen.«

»Wie grausam von dir, einen armen Menschen als Versuchskaninchen zu gebrauchen.«

»Bitte, da ist für mich nichts zu versuchen. Ich achte die Leute sehr hoch und habe Frau Sorbing und ihre Kinder gern. Sie hat als Norddeutsche aus Westfalen keine Verwandten hier. Da will ich wenigstens bei ihr sein und in den ersten Tagen nach ihrem Tode mich etwas ihrer Kinder annehmen. Wenn du auch Gelegenheit zu derartiger Beschäftigung fändest, würden dir manche Grillen vergehen.«

»Puh, Kinder! Nein, mit Kindern mußt du mich verschonen und allem dem, was drum und dran hängt. Die Sorbings müssen übrigens recht leichtsinnige und unvernünftige Leute sein, daß sie sich so mit Kindern belastet haben. Da sieht man wieder, wohin der Unverstand führt. Jetzt stirbt die Mutter, und was dann?«

»Ich sehe schon, du bist gut belesen und hast dir deine Grundsätze für die Zukunft zurechtgelegt. Ich verstehe dann nur nicht, wie du dir die Liebe denkst und was für einen Zweck der Herrgott ihr gegeben haben soll, als er sie in das Menschenherz hineinlegte. Ich meine die Liebe des Weibes zum Manne.«

»Liebe ist eine Lebensfreude, die gegenseitige Ergänzung des Menschen. In ihr findet das Weib seine Kraft und der Mann die notwendige Milderung seines Charakters. Alles andere ist Ballast und Sklaverei.«

»Was du Ballast und Sklaverei zu nennen beliebst, das nenne ich das Glück und die Freiheit der Frau, und nicht nur vom medizinischen Standpunkt aus.«

»Es ist aber drollig, daß alle wirklich freien Ärzte anderer Meinung sind.«

»Gewiß, die Herren, die ein Interesse daran haben, daß sie ihre Patientinnen zeitlebens behalten. Schau dir nur mal unsere nervösen Frauen an. Der Arzt ist ihr ständiger Gast, und woher kommt's?«

»Ach so ein bißchen Nervosität ist recht interessant. Nervöse Menschen, oder ich will lieber sagen Nervenmenschen, sind einzig empfänglich für tieferes Erfassen des Lebens und der Kunst.«

»Einer krankhaften Kunst, die man bald zu Grabe tragen wird und die vor dem wirklichen Leben nicht standhalten kann, ja; oder meinst du, ein Michelangelo und Raffael, ein Dante und Shakespeare seien Nervenmenschen gewesen?«

»Die haben sich auch überlebt. Sie sind unserer Zeit fremd. Längst haben Rodin und Manet, Frenssen und Wedekind sie überholt.«

»Bei dekadenten Nurästheten vielleicht, nicht aber bei gesunden Menschen und besonders nicht beim Volke.«

»Na, was weißt du davon? Hast du vielleicht etwas von den Leuten gesehen oder gelesen?«

»Verzeihung! Hast du Handel-Mazzetti gelesen?«

»Schmarren!«

»Bitte, hast du etwas von ihr gelesen?«

»Ich sage dir ja, daß ich solchen Kitsch nicht lese.«

»Nun, mit demselben Recht sage ich, daß ich mich um deine Größen nicht kümmere. Übrigens habe ich doch das eine oder andere von ihnen gelesen; aber ich muß sagen, das Zeug ist so verlogen und dumm, daß die Leute, die jetzt dafür schwärmen, sich in ein paar Jahren vor sich selber schämen werden.«

»Ich meine, wir wollten nicht streiten.«

»Recht, du bist auch im Grunde deines Herzens eigentlich noch zu gesund, als daß du mit der Zeit nicht all das dumme Zeug überwinden könntest.«

»Wir wollen sehen. Vorläufig will ich mir mal noch ein bißchen Welt und Leben ansehen.«

»Das heißt das, was du Welt und Leben nennst.«

»Wie du willst, wir verstehen uns ja.« –

Sie standen vor der Liebfrauenkirche. »Also du gehst nicht mit in die Messe?«

»Nein, verschone mich. Ich habe mich dir ja schon erklärt.«

»Nun, ich kann dich nicht zwingen. Aber ich denke, wir bleiben gute Freundinnen.«

»Ja, es ist recht amüsant, mit dir ein wenig zu streiten. Ich glaube aber, daß wir das nicht lange mehr tun können, denn du wirst unfehlbar bald Klosterfrau.«

»Nein, Martha, da hast du weit fehlgeschossen; du wirst es eher als ich.«

»Na, dann guten Morgen; ich wünsche dir gute Andacht; bete recht fleißig für mich.«

»Mit diesen Dingen scherzt man nicht. Aber ich will für dich beten, daß du wieder zu Vernunft kommst.«

 

Zu Hause angelangt, fand Martha Frau Hofrat bei Tante Edeltraud. »O Kind, hast du das Schreckliche schon gehört?«

»Na, was ist denn wieder Gräßliches geschehen? Ist die Angorakatze der Frau Dr. Philipps krepiert?«

»Kind, du bist nicht gut aufgelegt heute morgen.«

»O doch, ich bin sehr fidel; ich kann schon eine schreckliche Neuigkeit vertragen. Nur los!«

»Ja unsere Welt ist schlecht und wird immer schlechter.«

»Wirklich? Ei, was Sie sagen!«

»Denke dir: Frau Sander ist mit Doktor Knopp auf und davon, und Herr Sander ist mit Ada Lob verschwunden.«

»Haha, das ist ja possierlich! Habe ich mir doch schon lange gedacht, daß da was los war.«

»Schrecklich, nicht wahr?«

»Finde ich gar nicht so schrecklich. Wenn sie merkten, daß sie nicht zusammenpaßten, sollen sie nur nett auseinandergehen. Das finde ich viel moralischer, als sich zusammen katzbalgen und vor der Öffentlichkeit schöntun. Und wenn zwei Menschen nun einmal nicht anders können und zusammengehören, dann hat niemand ein Recht, ihnen das zu verbieten.«

»Das ist ja ganz allerliebste Weisheit, die du da vorträgst, Martha. Woher hast du denn die?«

»Na, das sind ja Dinge, über die heute kein vernünftiger Mensch mehr streitet. Ich meine, Tante Edeltraud, wer sich künstlerisch zu Ibsen bekennt, der sollte doch solche Binsenwahrheiten nicht mehr in Zweifel ziehen. Ibsen lehrt, man solle sich gründlich kennen lernen, ehe man sich verbindet.«

»Und man soll hübsch sauber auseinandergehen und sehen, wie man anders glücklich wird, wenn man einmal eine Dummheit begangen hat und sich nicht mehr mag.«

»Ganz recht ausgedrückt: wenn man sich nicht mehr mag. Aber ich kenne einen anderen Ausweg, und der ist der einzig richtige und menschenwürdige: man soll an sich arbeiten, seine Fehler überwinden, so daß man nicht auseinanderzugehen braucht.«

»Aber die Kirche läßt doch auch ein Auseinandergehen zu. Wollt Ihr denn päpstlicher sein als der Papst?«

»Gewiß läßt die Kirche ein Auseinandergehen zu, aber nur in den äußersten Fällen und wenn beide Teile keine neue Ehe eingehen wollen.«

»Dann soll also ein so armer Mensch sein ganzes Leben an einer Dummheit leiden, die er in der Jugend gemacht hat, und gerade die rassigsten Menschen sollen von dem Glück ausgeschlossen sein, eine Familie zu gründen.«

»Na, ich danke für diese rassigen Menschen und ihre rassige Nachkommenschaft. Ich glaube, unsere jetzige Welt ist gerade rassig genug; es wäre gut, wenn sie wieder einmal christlich würde. Die alten Römer waren auch rassig in deinem Sinne. Und wohin sind sie gekommen? Unsere rassigen Weiber von heute sind die reinsten Scheusale.«

»Tante Hofrat, ich bin auch ein Weib von heute und will auch noch rassig werden. Ich danke für das Kompliment.«

Da klingelte das Telephon. Tante Edeltraud sprang hin. »Martha, du sollst mal eben kommen!«

Martha hielt den Hörer ans Ohr. »Ach die Arme und die armen Kinder! Ich danke dir!«

Und zu den beiden Damen gewandt: »Maria Reiber sagt, Frau Sorbing sei soeben gestorben.«

Tante Edeltraud schaute die Hofrätin stumm an, Martha trommelte auf ihr Knie und knipste ein Härchen von ihrem Rock. »Na ja!«

»Die gute Seele ist jetzt glücklich; aber die armen Kinderchen!«

»Heute morgen habe ich noch mit Maria über diesen Punkt gestritten; aber mit Worten ist der ja nicht beizukommen. Jetzt wird ihr am Todesbett der armen Frau wohl ein Licht aufgehen.«

»Ich verstehe dich nicht, Martha.«

»Ach, ihr wollt mich nicht verstehen, und ich will auch nicht mit euch streiten. Erlaubt, daß ich mich zurückziehe. Ich möchte vor dem Essen noch ein wenig ruhen.« – Sie ärgerte sich über ihr batziges Auftreten Maria und der alten Dame gegenüber.

Frau Hofrat blieb noch eine Weile bei Tante Edeltraud.

»Es freut mich unendlich, meine Liebe, daß du heute morgen wieder in der heiligen Messe warst. Nicht wahr, das Leben ohne den lieben Heiland ist doch schrecklich öde und leer.«

»Ach, Therese, rede nicht so entsetzlich fromm. Ich weiß, daß du eine gute Seele bist; aber ich kann das Getue nicht ausstehen.«

»Ach, ich spreche so, wie ich denke. Doch will ich ganz gerne von anderem mit dir reden.«

»Nein, das ist nicht nötig, nur bitte nicht so fromm. Siehst du, ich habe bittere Monate durchgemacht. Überall, wo ich konnte, habe ich Zerstreuung und Trost gesucht. Zuletzt meinte ich noch, mich an Schopenhauer halten zu können. Da habe ich's heute wieder mal mit der Kirche probiert. Und ich muß dir ehrlich sagen, eine einfache Frau in Trauer, die vor mir kniete, hat mir's angetan. Das parfümierte Geistreicheln in unseren Vorträgen über die Weltseele und die Tragik der Gottsucher und wie die Themata alle heißen, ist mir zum Ekel geworden. Ich glaube, wenn ich jetzt einen Beichtvater fände, der etwas Welterfahrung und etwas Verständnis für mich hätte, ich ginge vielleicht sogar wieder einmal beichten.«

»Ja, da hast du recht. Die Schwierigkeit, einen guten Beichtvater zu finden, ist nicht so klein. Ach, wäre der frühere Prediger von St. Alban noch hier, ich wäre auch glücklicher. Aber ich will einmal nachdenken; vielleicht finde ich einen, der für dich paßt. Ich bin diesen Sommer von einer Kirche in die andere gegangen auf der Suche nach einem Beichtvater für dich. Der meine ist nicht gut für dich; ich werde einmal in meinem Gedächtnis nachsuchen; da wird sich schon einer finden. Nun, wir sind uns ja darin einig, daß nicht jeder Herr vom Lande uns versteht, aber ich werde schon einen finden. Zu dem will ich dich dann bringen.«

 

Bei Tisch sprach man von dem Fall Sander und Frau Sorbings Tod.

»Die glücklichste von allen bin noch immer ich,« meinte Leonore, »meine Liebe ist die Kunst und meine Kinder sind rein geistiger Art. Da gerate ich nicht in Eifersuchtsqualen und wenn ich einmal sterbe, fangen meine Kinder erst recht an zu leben und reich zu werden, denn einen Künstler erkennt man ja erst nach seinem Tode in seinem vollen Wert. Doch ich finde auch, daß die Sanders schließlich ganz vernünftig gehandelt haben. Aber daß mir Ada kein Sterbenswörtchen davon gesagt hat!«

»Ach, Leonore, tu doch nicht so. Du wirst schon etwas gewußt haben. Sogar ich habe mir doch schon so etwas gedacht.«

»Aber, Mutter, wie kannst du das denken! Ich bin in der letzten Zeit ja kaum mit Ada zusammengekommen.«

Das war allerdings eine Lüge; gestern abend hatte sie Dr. Sander mit Ada an die Bahn zum Wiener Schnellzug begleitet und wollte ihr heute nachmittag einen Brief über die Eindrücke schreiben, die ihr Verschwinden mit Dr. Sander bei Bekannten gemacht hätte.

Martha würgte mit Mühe und Not etwas Fleisch und Salat herunter. Der Hals war ihr wie zugeschnürt. Die tollsten Bilder jagten sich in ihrer Phantasie. Sie sah Frau Sander in seliger Umarmung mit Dr. Knopp und Ada Lob im Mondschein mit Dr. Sander durch den Nymphenburger Park spazieren und an den Teichen stehenbleiben; und wie sie mit ihnen ins Wasser schaute, sah sie Frau Sorbing im weißen Totenhemd im schwarzen Sarge liegen. Das Rauschen des Nymphenburger Springbrunnens wurde zum Weinen der Kinder an der Bahre der Mutter. Eine Beklemmung und Atemnot befiel ihre Brust, sie fühlte, wie sie rot wurde und wieder bleich. Das Essen schmeckte ihr wie Stroh und Kleie. Schließlich sprang sie auf.

»Verzeiht, ich bin nicht wohl; ich muß etwas ruhen. Es wird schon wieder vorübergehen.«

Auf ihrem Zimmer warf sie sich in den Sessel und schlug die Hände mit lautem Aufweinen vors Gesicht. Einen Gedanken konnte sie nicht fassen. Warum sie weinte, wußte sie nicht. Sie mußte sich nur einmal ausweinen. Und draußen begann ein dünner, feiner Regen zu rieseln. Die Dächer wurden schwarz und glänzend und die Straßen schlickig. Ein Frösteln schauerte durch Marthas Glieder.

Je trüber es draußen wurde, desto lichter wurde es in ihrer Seele. Wo stand sie? Was für ein Leben hatte sie begonnen? Wer war Wladimir Michailowitsch? Wie gestaltete sich ihr Verhältnis zu ihm?

O, wenn das der Vater wüßte, oder gar Babette!

Und da liegt Frau Sorbing tot – tot! Was bedeutet jetzt all ihre Sorge und ihr Leid? Alles vorbei? Und sie, Martha? ... O nein! Sie springt auf und läßt sich auf dem Schreibtischstuhl nieder und wirft die Stirn auf die verschränkten Arme. Nein, sie will leben, das Leben mit aller Leidenschaft ihres Blutes umfassen ... leben für ... für ihn, für Otto!

Wie kam Otto wieder in ihre Gedanken? Zog die Natur in ihrem Urdrang sie noch immer zu Otto Reiber hin?

Und jetzt der andere? Was wollte er? Da kam auch schon sein Bild und stellte sich vor das des Leutnants und schaute sie an, bis auf den Grund ihrer Seele. Bleich und weich stand er vor ihr und sein Blick sog alle Willenskraft aus ihren Nerven. Ein Schäumen ging durch ihr Blut.

Das Weinen ließ nach, und sie warf sich im Geist in des Russen Arme. Da gab's kein Sichwehren mehr.

Unsinn! Wie konnte sie sich doch nur von ihren Nerven so wegreißen lassen? Ah, das Leben, das Leben wollte, mußte sie trinken aus dem Becher berauschender Liebe, den er ihr reichte. Er hatte kein anderes Interesse, keine anderen Gedanken als sie, nur sie. Das war doch eine ganz andere Liebe, als die Ottos und der anderen Herren, die sie kennen gelernt hatte! Die anderen hatten immer noch andere Gedanken und Wünsche, wollten sie mit Äußerlichkeiten glücklich machen. Er, Wladimir Michailowitsch, hatte keine anderen Gedanken mehr als nur Martha, wollte nur ihre Person, ihre Liebe für sich und gab sich ganz, all sein Denken und Lieben, ihr, ihr allein. O welche Seligkeit, so ganz das Leben und Glück eines anderen Menschen auszumachen, nichts zu geben als Liebe und nichts zu empfangen als nur Liebe! Als sie noch an Otto dachte, konnte sie sich noch freuen, auch von anderen Herren beachtet und geehrt zu werden. Jetzt dachte sie nur an Wladimir, alle anderen waren ihr Luft. Das war doch die echte, reine, langersehnte Liebe, die beglückt und selig macht, wenn auch die anderen ihre Zungen verachtend und richtend spielen ließen. Mögen sie es tun, sie würde ihren Weg gehen, ohne nach rechts oder links zu schauen.

Und doch, hatte Maria nicht recht? Wann hatte sie in den letzten Monaten einmal eine echte Freude erlebt, so recht von innen heraus? Viel Befriedigung ihres Liebessehnens, aber nie eine natürliche Freude, so wie sie sie zu Hause und im Institut oft verkostet hatte, daß sie nur so jauchzen und jubeln mochte ohne jeden aufdringlichen äußerlichen Anlaß.

Sie stellte sich einen Augenblick vor, sie sei frei von der Verliebtheit in den Russen. Würde sie sich dann freuen können? Ja, aber worüber? Sie fühlte sich so leer und hohl. Dann würde sie wieder lesen und lesen müssen und sich von einem Vergnügen ins andere stürzen. Sie wollte die Frage Maria einmal vorlegen. So ganz könnten sie beide doch nicht über das Vergangene schweigen; sie wollte Maria davon dispensieren.

Am anderen Morgen kam Maria wieder. Sie nahm ein Buch aus ihrer Mappe. »Hier hast du ein vernünftiges Buch, Martha, das dich das Leben kennen lehrt, wie es wirklich ist und nicht, wie es deine Romanciers wünschen, ›Brüderlein und Schwesterlein‹ von Handel-Mazzetti. Ich will dir gleich sagen, daß man seinen künstlerischen Charakter bekrittelt, aber es hat hohen Lebenswert.«

»Nun, ich will es einmal lesen. Aber was ich dir noch sagen wollte: Lassen wir das Theaterspielen voreinander. Ich erlaube dir, über den Fall von gestern mit mir zu reden. Ich möchte dir doch zu gerne noch gründlich widersprechen.«

»Nein, Martha, alles Widersprechen nützt dir nichts. Wenn du nicht selber fühlst, daß du innerlich haltlos bist und keine Spur von einem höheren Lebenszweck hast, dann ist dir nicht zu helfen. Aber ich bin fest davon überzeugt, daß du das noch fühlen wirst, wenn du es nicht eigentlich schon jetzt fühlst, falls du ehrlich gegen dich selbst bist. Denn du hast doch eine zu gute Erziehung genossen, als daß sie ganz spurlos an dir vorübergegangen sein sollte.«

»Gut, nehmen wir einmal an, ich sei in deinem Sinne frei geworden. Was soll dann mein Leben ausfüllen?«

»Du selbst und dein Herrgott. Das heißt, du sollst an dir arbeiten, daß du ein Charakter wirst. Schon die Überwindung des Schwarmes und des daraus notwendig entstehenden Schmerzes macht dich willensstark und innerlich groß. Wolltest du nicht immer innerlich groß werden? Ich meine doch, du hättest mir immer so geredet.«

»Maria, ich kann es nicht.«

»Was du einen Augenblick lang kannst, oder gar einen ganzen Tag, das kannst du immer. Du brauchst nur eine Überwindung an die andere zu reihen. Und ich meine, du seiest gestern, wenigstens einen Augenblick, über deine Liebe hinweggekommen. Du mußt nur wollen. Ich habe das auch einmal gemußt in meinen Backfischjahren. Ich werde dir von Herzen gerne auf Schritt und Tritt helfen.«

»Pah, wenn ich meine Liebe nicht mehr habe, dann habe ich gar nichts mehr! Was soll ich dann den ganzen Tag anfangen, wenn ich nicht mehr in dem süßen Gefühl eine Befriedigung und einen Trost finden kann?«

»Nun, Martha, du siehst doch mit deinem Verstand ein, daß du von dieser Liebe dich lossagen mußt. Du weißt doch, wohin sie dich gebracht hätte, und wohin sie dich notwendig bringen muß. Aus dem Verhältnis mit dem Russen wird doch nie und nimmer etwas.«

»Warum nicht? Das sagst du nur so.«

»Martha, sei ehrlich, ganz ehrlich gegen dich selbst. Siehst du das nicht mit deinem Verstand ein?«

Martha senkte den Kopf und wurde rot. Die Tränen standen ihr in den Augen.

»N ... doch!«

»Nun also. Wenn du es einsiehst, mußt du doch auch darnach handeln. Wir Mädchen sprechen so gerne davon, daß wir ganze Menschen, Vollmenschen sein wollen, und wir gehen doch meist nur nach Launen voran. Willst du ein ganzer Mensch sein, so laß den Willen dem Verstande folgen.«

»Aber ich kann nicht.«

»Immer das alte Lied. Jeder kann es, also auch du. Du mußt es können.«

Maria milderte das scharfe Wort, indem sie ihre Hand auf Marthas Scheitel legte. »Wir zwei wollen einmal brav und wacker zusammenhalten. In ein paar Tagen bist du über das Schwerste hinaus.«

»Aber was soll ich den ganzen Tag anfangen? Morgens stelle ich mich an meinen Kleiderschrank und frage mich, was ich anziehen soll, dann gehe ich zum Frühstück und dann ...?«

»Du mußt dir eine Lebensaufgabe suchen, irgend etwas, was dich ganz ausfüllt, dir Zerstreuung und Halt gibt. Vorläufig studiere einmal systematisch Literatur. Dafür interessierst du dich ja sehr. Aber du hast alles kunterbunt durcheinander gelesen. Nimm einmal eine gute Literaturgeschichte und studiere sie gründlich durch und lies nach den dort angegebenen Richtlinien, dann mache Handarbeiten. Geh einmal zum Katholischen Frauenbund. Da wird man dir schon eine Arbeit zuweisen. Es ist schließlich gleich, was du tust, die Hauptsache ist, daß du etwas hast, das dir über deine Phantasien und deinen Schmerz hinweghilft.«

»Ich glaube, ich kann es nicht.«

»Du wirst es sicher können, wenn du dich auch wieder religiös betätigst wie früher.«

»Das kann ich erst recht nicht. Ich habe zu viele Schwierigkeiten. Ich bin nicht mehr so naiv wie in meinen Institutsjahren.«

»Und doch bist du so naiv, noch viel naiver. Du hast alles blindlings, ohne Beweise, geglaubt, was dir deine sogenannten schöngeistigen Bücher vorgeschwätzt haben. Wenn du so viele Schwierigkeiten und Zweifel hast, dann nenne mir doch einmal einen deiner furchtbaren Zweifel.«

»Ach, wenn die andern nun doch recht hätten. Wenn es nun mal keinen Gott gäbe?«

»Siehst du, eine rechte Backfischschwierigkeit. Wenn ... wenn ... und immer wieder: wenn ...! Mit diesen Schwierigkeiten kannst du keinem Menschen imponieren. Geh nur wieder mal frisch in die Kirche und zu den Sakramenten, dann werden alle deine Wenns mit einem Male wie der Nebel vor der Sonne verschwinden. Wirf deine Verliebtheit von dir, dann wird Gott auch wieder zu dir sprechen und die religiöse Befriedigung wird wieder kommen wie in früheren Zeiten.«

»Ich kann es nicht, ich kann es nun mal nicht.«

»Gewiß, das gestehe ich dir zu; anfangs wird es schwer werden. Aber du kannst auch deine Fadheit überwinden. Und auch in dieser Überwindung wirst du stark werden. Stelle dir nur jetzt einmal vor, wie schön das sein wird, wenn du ein wirklicher Charakter bist, der Freude an sich selbst hat und stark ist, allen Stürmen des Lebens zu trotzen. Ich will dir nicht wehe tun, aber wenn Tante Edeltraud sich nicht so hätte hangen lassen, wäre das Unglück nicht so überwältigend über sie hereingebrochen. Jetzt erkennt sie Gott sei Dank ihren Irrtum, aber wie schwer wird es ihr, sich von dem alten Wahn zu befreien. Und hättest du mir mehr gefolgt als deinen Büchern, so hättest du jetzt nicht die Stürme auszustehen.«

»Ich will es versuchen.«

»Nicht nur so versuchen, sondern mit Kraft und Freude an die Arbeit gehen! Ich sage dir noch einmal: ich verstehe, daß es dir schwer wird, und ich fühle den Schmerz mit dir, aber ich habe dich lieb und deshalb will ich dir helfen und dich glücklich sehen. Du wirst noch einmal ein recht glücklicher Mensch werden; das weiß ich sicher.«

Martha schaute die Freundin erstaunt an und suchte in ihrem Blick nach einem Halt. Maria faßte ihre Hand und erhob sich.

»Willst du mir folgen?«

»Ja, ich will's versuchen.«

»Hand darauf und dann munter voran! Du wirst ein prächtiges Mädel werden. Morgen abend habe ich kein Kolleg. Dann werde ich dich wieder Zu einem kleinen Spaziergang abholen, wenn es dir recht ist.«

»Es ist mir recht.«

Als Maria gegangen war, hätte Martha wieder am liebsten geweint. Aber die Neugierde trieb sie, das Buch zu lesen. Und sie las und las den ganzen Abend bis in die Nacht hinein.

Da war auch von Liebe die Rede, und das Milieu war wahrheitstreu gezeichnet, aber die Menschen waren doch anders als in ihren gewöhnlichen Büchern. Sie waren lebensechter und tiefer geschildert. Ja, so wie Rita hatte sie sich auch oft in besseren Stunden gefühlt. Und erst recht früher, noch vor einem halben Jahr! Das Buch beruhigte sie eigentümlich. Sie hätte gerne noch weitergelesen, aber die Spannung riß nicht an ihren Nerven, wie bei den anderen Romanen. Am Schlusse eines Kapitels schloß sie das Buch und begab sich zur Ruhe.

Am Morgen fühlte sie sich wieder steinunglücklich. Nun sollte sie das neue Leben beginnen. Aber wie? Sie hatte keinen Mut, aufzustehen.

Viertelstunde um Viertelstunde verging. Endlich erinnerte sie sich des Buches. Ritas Schicksal interessierte sie. Sie stand auf und las den ganzen Morgen.

Am Nachmittag las sie »Brüderlein und Schwesterlein« zu Ende. Sie fühlte eine tiefe Liebe zu Rita in sich wachsen. Die Lektüre kam ihr vor wie ein Bad in einem kühlen, klaren Bergbach. Innerlich war sie Maria dankbar, und merkwürdig! Rita nahm Marias Gestalt an. Und sie liebte sie noch mehr.

Aber da erwachten wieder in ihr die alten Gedanken. Nein, fliehen, fliehen! Sie wußte kein anderes Mittel, als sich niederzulegen und zu versuchen zu schlafen. Der teilweise versäumte Schlaf der letzten Nacht erfüllte sie mit einer tauben Müdigkeit. Sie schlief bald ein und war vor sich selbst gerettet.

Plötzlich wachte sie auf. Es war schon dunkel, jemand hatte an die Türe geklopft. Halb traumverloren rief sie »herein«. Maria stand vor ihr.

»Hast du bis jetzt dein Mittagsschläfchen ausgedehnt? Nun, das ist ja auch ein Mittel!«

»Ja, ich habe in der letzten Nacht dein Buch gelesen und nun mußte ich den Schlaf nachholen.«

»Hat es dir gefallen?«

»Ich muß eine Rita werden.«

»Brav, Mädel. Komm, wir machen einen kleinen Abendspaziergang. Ich will dir etwas zeigen, was du trotz deiner Lebenskenntnis noch nicht gesehen hast.«

»Und das wäre?«

»Wirst's schon sehen. Mach dich nur erst mal fertig.«

Fest eingehakt ging Maria mit Martha durch die Straßen. Hie und da blieben sie an einem Schaufenster stehen, die Auslagen zu bewundern.

»Weißt du auch, Kind, wieviel Elend oft hinter dieser Pracht der Kostüme, der Seide, den Federn und Spitzen steckt?«

»Elend, wieso?«

»Hast du schon einmal von den Hungerlöhnen der Heimarbeiterinnen gehört, die an Spitzen, Stickereien und Wäschestücken arbeiten? Du hast gar keinen Begriff davon, wie sich unsere Schwestern, oft unter blutigen Tränen, bis in die Nacht hinein abarbeiten müssen, damit unsere Damen auf den Bällen glänzen können.«

»Das machen doch heutzutage die Maschinen, und die Handarbeiten, wenn sie noch nötig sind, werden doch wohl auch gut bezahlt. Die Sachen sind doch so teuer.«

»Lies einmal ein Buch, oder auch nur einen Zeitschriftenaufsatz über Heimarbeit, und du wirst anderer Meinung werden.«

»So etwas habe ich noch nie gelesen. Das steht auch nicht in den Büchern, die mir zur Verfügung sind.«

»Ich werde dir dieser Tage einiges zum Lesen bringen. Aber auch in das andere Elend solltest du einmal hineinschauen, das durch all diese Dinge erzeugt wird. Wenn die gnädige Frau in einem neuen Hut auf der Straße paradiert oder sich auf dem Ball in einer strahlenden Robe bewundern läßt, müssen oft genug die Kinder zu Hause buchstäblich hungern.«

»Das ist doch wohl nicht wahr! Du willst mir Gruselgeschichten erzählen.«

»Leider sind das keine Märchen, sondern Wirklichkeiten. Wieviel Jammer und Elend ist schon über manche Familie gekommen, weil die Frau nicht gelernt hat, sich Zu beherrschen. Unter ihrer Verschwendungs- und Putzsucht leiden die Kinder, der Gatte, das ganze Haus. Ihretwegen müssen unsere Beamten Aufwendungen machen, die weit über ihre Kräfte gehen. Kaufleute ruinieren deswegen ihre großen Geschäfte. Scheinbar glückliche Ehen sind wahre Höllen. Und aus diesen Höllen fliehen dann die Menschen an die Öffentlichkeit. Schau nur einmal da in das Café hinein. Mit keiner der lächelnden, brillantberingten Damen möchte ich tauschen. Und ob die Paare, die da zusammensitzen, alle so zueinander gehören, wie sie an den Tischen sich unterhalten, möchte ich sehr bezweifeln. Alles nur, weil die Damen von heute nie gelernt haben, an ihrem Charakter zu arbeiten.«

Martha ging eine neue Welt auf. »Brüderlein und Schwesterlein« stand ihr noch groß in der Seele und sagte immer wieder, daß Maria recht hatte. Unwillkürlich faßte sie der Freundin Arm fester. Diese fühlte den Druck und erwiderte ihn. Beide verstanden sich, ohne ein Wort zu sagen.

Sie waren an Singers Warenhaus angekommen.

»Sollen wir einmal hineingehen? Da wird sich dir wieder eine neue Welt öffnen.« Maria zog Martha über die Schwelle. Sie schlenderten durch die einzelnen Etagen. Hier hatte eine Dame sich eine ganze Theke voll Spitzen zeigen lassen und ging gerade fort, ohne etwas zu kaufen. Das Ladenmädchen machte ein trauriges Gesicht. Es war noch jung, sein Gesicht war bleich und zart. Nun konnte sie all die Schachteln und Rollen und Bänder wieder mühsam zusammenpacken. – Da saß eine korpulente Dame vor einem Tisch und ließ sich schon den zwanzigsten schweren Stoffballen bringen und rümpfte zu den empfehlenden Worten der Verkäuferin die Nase.

»Schau, Martha, das ist alles Elend unserer Mitschwestern. Aber sieh dir einmal die Gesichter der Ladenmädels an. Darin steht auch sehr viel geschrieben von häuslichem Elend, vor allem aber vom Liebessehnen, das von Teufeln mißbraucht wurde. Und nun stehen die armen Wesen am Straßenrand des Lebens und schämen sich nicht mehr des gemeinen Lachens, das in ihren Zügen wetterleuchtet. Das sind fast alles braver Mütter Kinder, die mit dem Elend ihrer Töchter geschlagen sind.«

Martha sagte nichts. Ein Ekel überkam sie und ein tiefes Mitleid. War die Welt und das Leben so? Warum schrieben ihre Bücher nur von Liebe und Lust und Sichausleben?

»Komm, Maria, wir gehen. Ich habe genug gesehen für heute, ich danke dir.«

Sie drängten sich durch die einströmende Menge hinaus. Da war es Martha, als träfe sie ein Blitzschlag. Im grellen Licht der Bogenlampe stand Wladimir Michailowitsch mit zwei jungen Mädchen. Ihre dünnen Fähnchen und verregneten Hüte kennzeichneten sie als Ladenmädchen der ärmsten Klasse. Er stand mitten zwischen ihnen und hatte seine Arme in die der Mädchen gelegt. Er schäkerte und scherzte mit ihnen. Als Martha und Maria auf die Straße traten, ging er gerade mit ihnen fort.

Martha drohten die Sinne zu schwinden. Alles drehte sich ihr im Kreise. Mit aller Kraft hielt sie sich an Maria fest. Die hatte auch den Russen gesehen und war mit Martha zusammengefahren. Aber sie faßte sich schnell und zog Martha auf einen Trambahnwagen zu, der gerade vor ihnen hielt.

»Komm, Kind, wir fahren nach Hause.«

Im Wagen sprachen sie kein Wort. Martha saß bleich in einer Ecke und stierte vor sich hin. Maria ehrte ihre Ergriffenheit und sprach im stillen ein Dankgebet zu Gott, daß er sie mit Martha gerade in diesem Augenblick auf die Straße geführt hatte. – – –

Auf ihrem Zimmer legte Martha mit eisiger Ruhe ihren Mantel ab, suchte in ihren Büchern den Raskolnikow und zerriß ihn mit zitternden Händen in Fetzen. Dann setzte sie sich an den Tisch, stützte die Stirne in die Hände und träumte und fieberte vor sich hin! Plötzlich sprang sie auf und warf alle ihre Bücher in den hintersten Winkel des Schrankes.

Da berührte ihre Hand einen seidenen Zopf. Erna! Mit lautem Weinen faßte sie die Puppe und drückte sie an Brust und Wange. Dann kniete sie mit ihr vor dem Bett nieder und dankte wortlos aber mit heißen Tränen ihrem Gott.

Am folgenden Morgen stand sie früh auf und ging in die Ludwigskirche. Aber das Beten wollte ihr noch nicht recht gelingen. Sie fühlte sich so ledern und fad. Am liebsten wäre sie wieder aufgestanden und planlos durch die Stadt geirrt. Aber sie fürchtete aufzufallen und blieb knien. Sie haderte mit Gott, daß er ihr nicht den erwarteten Trost gab. Zwei feindliche Mächte kämpften einen wütenden Kampf in ihrer Seele. Wenn sie sich nun doch geirrt hätte und der Herr mit den beiden Mädchen nicht der Russe gewesen wäre! Aber Maria hatte ihn doch auch gesehen und offenbar auch erkannt! Nein, das alte Leben mußte aufhören. Gott hatte ihr durch Maria seine Gnaden geschickt. Allmählich fand sie Worte, die sich zu schlichten Gebeten fügten. Als die Messe zu Ende war, stand sie ruhig und gefaßt auf. Sie fühlte, wie eine Feierlichkeit durch ihre Seele schwebte, die sie lange nicht mehr gespürt hatte. O, Gott hatte sie lieb; und in dieser Liebe würde sie glücklich sein. – –

Auf ihrem Schreibtisch fand sie einen Brief von unbekannter Hand. Sie riß ihn auf und schaute zuerst nach der Unterschrift:

»Dein Wladimir.«

Das Blut schoß ihr in den Kopf und das Herz setzte einen Schlag aus. Dann begann es rasend zu hämmern. Sie ballte das Blatt zusammen und warf es auf den Boden.

»So eine Gemeinheit!« Wie ein Brand verzehrte sie das Feuer innerer Empörung. Gestern abend waren es die beiden Ladenmädchen und nun sie!

Sie raffte den zerballten Brief auf, um ihn in den Ofen zu werfen. – Was er wohl schreiben mag? Wie weit würde er die Kühnheit treiben? – Eigentlich sollte sie den Brief doch lesen. – Vielleicht tat sie ihm unrecht. – Und dann war es jedenfalls gut, um die Männer besser kennen zu lernen. – Nein, sein letztes Lebenszeichen durfte sie nicht einfach wegwerfen! – Er war doch auch ein Mensch und wert, wenigstens gehört zu werden.

Aber wenn Maria es wüßte! – Es gab Dinge, an die man nicht im entferntesten denken durfte, ohne sich zu beschmutzen. – Sie spielte mit dem Blatt und begann es auseinanderzufalten und zu glätten. Da erschrak sie über sich selbst. Sie fühlte, wie das Papier in ihrer Hand heiß wurde und ein Singen ging durch ihr Blut. Lies, lies! Nur einmal noch! Pah, was ist denn daran? Du erkennst so viel besser seine ganze Gemeinheit und Niedrigkeit.

Plötzlich überrieselte sie ein kalter Schauer. Mit einem Ruck riß sie den Brief mitten durch und zerfetzte ihn in tausend kleine Stücke und warf sie in den Ofen.

Einen Augenblick stand sie da kalt und fest. Dann ließ sie sich auf den Stuhl fallen und brach in erschütterndes Weinen aus.


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