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VIII

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Der dreiundzwanzigste Dezember war ein heimeliger Wintertag. Vom Himmel herab hing ein rieselnder Schneevorhang, wie aus Millionen von grauweißen Perlen zusammengefügt, vor Marthas Fenster herab.

Sie saß über Paul Kellers »Waldwinter«, aber ihr Geist wollte sich von der Phantasie des Dichters nicht recht fangen lassen. Ein unbestimmtes Heimwehgefühl dämmerte in ihrer Seele auf, wie Weihnachtslieder an Christkinds Krippe, und ein Duft erfüllte den Raum um sie her wie von Tannengrün und Winteräpfeln. Die Stille im Zimmer war fast hörbar, und durch die Stille klang ein Glockenläuten an ihr Ohr, weit, weither, in breiten, volltönenden Akkorden.

Sie schlang die Arme übereinander und stützte damit ihren Oberkörper auf die Knie, wie um sich heimlicher und wärmer ineinanderzukuscheln, wie um sich traulicher mit allen Phantasien und Gefühlen ins innerste Heim der Seele zurückzuziehen. Sie schaute um sich. Es war ihr, als trete sie in leichten Sommerkleidern aus der Mittagssonnenglut in einen Eiskeller. Innen brannte das warme Herdfeuer kindlicher Erinnerungen und Stimmungen, draußen um sie her war alles so kalt und öde. Wie hatte sie doch schon so lange in diesem Zimmer wohnen können! Mit Schrecken merkte sie, daß es sich noch nicht an ihr inneres Wesen angeschmiegt hatte, wie ein weiches Gewand. Ihre Seele hatte zu lange in der Fremde geweilt und sich in der Öde erkältet. Die Zunge klebte ihr am Gaumen; sie hatte einen widerlichen Geschmack im Munde.

Klaps, war das Buch Zu. Im Aufstehen zitterte sie vor Kälte. Jetzt legte sie die Stirne an die Fensterscheibe und träumte in den grau prickelnden Schnee hinaus. Ach, wer doch noch einmal kleines Mädchen sein, sich an den Schoß der alten Babette lehnen und Geschichten vom Nikolaus und Christkindl lauschen könnte! Jetzt, wo sie erwachsen war, wurde das Leben doch eigentlich fad und öd. Patsch, fiel ein dicker Tropfen auf das Fensterbrett. Was war das? Martha weinte.

Wer hatte sie eigentlich je verstanden? Die Mutter hatte sie nicht gekannt; für den Vater war das kleine Ding und erst recht das heranwachsende Mädchen ein Rätsel gewesen, nicht viel mehr als Bubi, der Dackel. Die Lehrerinnen im Institut! Ach ja, die hatten's ja gut gemeint, manche hatten sich sogar dazu verstiegen, ihr die Mutter ersetzen zu wollen; innerlich hatte sie darüber gelacht und geweint; äußerlich hatte sie manches über sich ergehen lassen.

Liebe brauchte sie, Liebe und immer wieder Liebe! Nach ihr schrie ihr Herz. Nie hatte sie Liebe erfahren, wie sie in ihrer Phantasie und ihren Wünschen lebte. Nur ein Mensch hatte sie ihr gegeben, vom ersten Augenblick ihrer ersten Begegnung an: Wladimir Michailowitsch. Diese Liebe war die einzige große Seelenerquickung ihres Lebens gewesen. Und nun war sie vorüber.

Tante Edeltraud war plötzlich alt geworden, und ihre Gedankenwelt gestaltete sich von Tag zu Tag enger und enger. Sie dachte, wie alle alten Leute, nur mehr an sich und ihr Leid. Sie war von einem Extrem ins andere gefallen.

Leonore? Mit der verstand sie sich gar nicht; ein innerer Anschluß der Seelen hatte bis heute nicht stattgefunden. Seit Martha den Russen aufgegeben hatte, schien Leonore gegen sie verärgert.

Maria Reiber kam immer seltener. Sie hatte fast ihre ganze freie Zeit den Kindern ihrer verstorbenen Freundin Sorbing geschenkt, und wenn sie kam, fand sie keinen anderen Gesprächsstoff als nur die Kinder und immer wieder die Kinder. Herr Sorbing hatte ihnen zwar eine gute Erzieherin gegeben, aber sie hingen mit ihrem ganzen Herzen an Maria.

Es klopfte stark an der Türe, und schon stand Maria im Zimmer.

»Holla, Mädchen, was machst du? Du schläfst ja mit offenen Augen. Schon zweimal habe ich geklopft und du hast nichts gehört.«

»Ah, Maria! Aber in welchem Aufzug! Was willst du denn jetzt zu so früher Stunde mit dem Abendmantel und der Kapuze?«

»Sollst du gleich hören. Mach dich nur mal reisefertig.«

»Reisefertig?«

»Ja, reisefertig. Weißt du, wir wollen uns heute einen Hauptspaß leisten. Sei aber so gut und biete mir einen Stuhl an; ich bin schon so viel herumgelaufen, daß ich ein paar Minuten Ruhe ertragen kann.«

»Ja, nun schieß aber mal endlich mit deinem Hauptspaß los!«

»Höre! Doktor Sorbing ist seit ein paar Wochen außerhalb der Stadt in den Wald nach Gräfelfing gezogen. Er konnte es in dem Hause hier, wo seine Frau gestorben ist, nicht mehr aushalten. Deshalb hat er sich eine prächtige kleine Villa draußen gemietet, auch der Kinder wegen, damit sie viel frische Luft haben und im Freien herumtollen können. Nun paß mal auf! Wir haben heute das schönste Nikolaus- und Weihnachtswetter. Jetzt fahren wir zwei hinaus und machen bei den Kindern den heiligen Mann. Hast du verstanden? Ist das nicht fein? Herr Sorbing ist nicht zu Hause; er bleibt immer bis sieben Uhr abends in seinem Bureau hier in der Stadt. Bis dahin sind wir längst zurück.«

»Ach, Maria, laß mich hier; ich bin heute gar nicht aufgelegt zu solchen Maskeraden. Meine dummen Gedanken quälen mich wieder. Ich sehne mich so sehr nach Liebe.«

»Gerade wenn du dich nach Liebe sehnst, mußt du mitkommen. Dann bist du gerade in der rechten Stimmung. Ich habe mich so darauf gefreut, dich mitzunehmen. Morgen kann ich nicht mehr meinen Plan ausführen, da Otto morgen von Berlin auf Urlaub kommt.«

Martha erschrak und ging an den Schrank, Maria den Rücken zuwendend, um ihre innere Bewegung nicht zu zeigen. Jedesmal wenn sie an Otto erinnert wurde, fühlte sie eine tiefe Scham, als müsse sie vor dem Träger des Namens in die Knie sinken und für ein Verbrechen Abbitte leisten. Aber Maria durfte nichts davon merken. Sie sagte mit erkünstelt nachlässiger Stimme:

»Nein, Maria, ich muß meine Stimmungen überwinden; wenn es dir Freude macht, gehe ich gerne mit.«

»Siehst du wohl, ich wußte es ja, daß du mir die Bitte nicht abschlagen würdest. Ich hätte auch sonst auf die Freude verzichten müssen, da ich nicht gerne eine andere in mein kleines Privatgeheimnis einweihen möchte, und allein kann ich doch schlecht gehen.«

»Einen Augenblick; ich bin gleich fertig. Wann fährt denn der Zug?«

»O, alle halbe Stunden geht einer. Aber wir müssen vorher noch ein paar Einkäufe machen. Der heilige Mann kann doch nicht mit leeren Händen kommen.«

»Was du doch für Ideen hast! Also denn los!«

Die beiden gingen in die Stadt hinein. Die Frauentürme hatten schon gewaltige Schneehauben aufgesetzt. In den Straßen lebte eine Märchenwelt. Die Stimmen der Menschen klangen ganz anders wie sonst, die Laute verloren sich in der Luft, sie wurden von den herabfallenden Schneemassen auf die Erde zurückgeschlagen, ja es war, als zöge sich auch die große Erde, wie die einzelnen vermummten Menschen, in ihre inneren Heimlichkeiten zurück. Hier und da brannten schon die Lichter in den Läden und gossen einen geheimnisvollen Zauber über die ausgelegten Herrlichkeiten aus. Fast kein Mensch ging über die Straße, der nicht ein Paketchen trug, das er wie ein Heiligtum an sich drückte. Es sah aus, als hätten sich alle in unhörbar huschende Weihnachtsengel verwandelt, und ein Schein von Freude und Frische lag auf den Gesichtern, als gäbe es nur mehr Liebe und Glück auf Erden.

In Marthas Seele schmeichelte sich ein warmes, wohliges Gefühl ein. Ein Wispern und Lispeln war in ihr und ein feierliches, fernes Glockensingen. Sollte dies vielleicht die echte Liebe sein? Aber dann wurde es ihr wieder weh im Herzen, wenn sie die jungen Mädchen sah, die stolz und strahlend ihre Brüder und Geliebten in bunten und blitzenden Leutnantsuniformen spazierenführten, und sie ließ sich von Maria, die sie eingehakt hatte, mehr schleppen, als daß sie selbst ging.

Maria zog sie in ein Spielwarengeschäft und kaufte einen Ball, einen Hampelmann, ein Bilderbuch, ein Püppchen und eine Katze, die Miau schrie, wenn man sie drückte. Martha stand teilnahmslos dabei, sie sah die tausend kindlichen Herrlichkeiten und sah doch nichts. Maria drückte ihr ein Paket in den Arm und nahm selbst das andere.

»So, nun hinaus. Jetzt nehmen wir noch in einem Laden in der Nähe des Bahnhofs eine Düte Äpfel und Nüsse mit, und dann bin ich ein großartiger Nikolaus. Halt, bald hätte ich ja die Hauptsache vergessen! Fräulein, haben Sie vielleicht eine Pappmaske mit weißem Bart?«

»Gewiß, ich werde Ihnen eine aus dem Karnevalslager holen.«

Bald hatte Maria auch die Maske, und sie verließen den Laden. In der Banerstraße fanden sie glücklich einen kleinen Obstladen, in dem sie einige Pfund Äpfel und Nüsse kauften.

Der Vorortzug München – Gauting war bis auf den letzten Platz besetzt. Alles Frauen, offenbar Mütter, mit Schachteln und Paketen, mehr oder weniger verhüllten Schaukelpferden, Wagen, Puppenküchen, Menagerien und ähnlichen Herrlichkeiten, wie sie das Christkind den Eltern für die Kinder schenkt. Mit strahlenden Augen und lachenden Gesichtern zeigte man sich gegenseitig die schönen Dinge und sprach über die Kinder und erzählte von der Familie. Alles war eitel Freude und Vorahnung des weihnachtlichen Gebeglückes. Martha hielt ihr Palet auf dem Schoß und studierte die Gesichter der alten und jungen Frauen. Der Zug der Mütterlichkeit, tiefer Lebenserfahrung, harter Arbeit, opferreicher Hingebung und sinnender Zufriedenheit lag auf der meisten Antlitz.

Ihr gegenüber saß eine ältliche Dame mit reicher Pelzgarnitur. Sie trug kein knisterndes Paket, aber ein nervöses Schoßhündchen auf dem Arm, von dem sie sich das Gesicht belecken ließ. Da drehte sich die Frau, die neben ihr saß, ein wenig um und stieß mit dem Steckenpferd, das sie quer über die Knie hielt, den Hund der Nachbarin. Ein wütender Blick und ein Stoß gegen den Stecken war die Antwort und ein Kuß auf seine Schnauze die Entschädigung für den Hund. Martha sah es, und ein Ekel durchschauerte sie. Maria stampfte mit dem Fuß und stieß ein »Bah« aus.

Jetzt ging Martha erst ein tiefes Verständnis für die Größe und Schönheit der Mütterlichkeit auf, die in den geschenkbeladenen und plaudernden Frauen lebte. Sie fühlte sich selbst innerlich getroffen durch das Gebaren der Hundemutter, und allmählich quoll eine Wonne in ihrem Herzen auf und ein unbestimmtes Sehnen nach einem leidvoll-freudvollen Glück, wie es die Mütter ausstrahlten. Und dann fühlte sie sich plötzlich so leer und halt- und ziellos, so erbärmlich klein gegenüber all den Frauen. Es war ihr, als zwinge sie eine geheimnisvolle Macht in die Knie vor den Müttern, als müsse sie Abbitte leisten dafür, daß sie sich mit ihren Erbärmlichkeiten in solche Gesellschaft gewagt hatte.

An jeder der kleinen Stationen der Vorortbahn stiegen einige Frauen aus. Da war immer ein freudiges Abschiednehmen und Lachen, wenn es einer Mutter kaum gelang, die Pakete unter den Armen und in den Händen unterzubringen. Endlich hielt der Zug in Gräfelfing. Maria und Martha stiegen mit fast dem ganzen Rest der Mitreisenden aus. Der Schneefall hatte etwas nachgelassen. Schwarz ragte der Tannenwald in das graue Dunkel des Frühabends hinein. Maria wurde es ganz abenteuerlich zumute und Martha kam allmählich auch in eine gruselig-übermütige Stimmung. Beide nahmen die Kleider zusammen und stapften durch den hohen weichen Schnee.

»Wir haben nicht weit zu gehen. Da hinten liegt das Haus; du siehst den weißen Giebel mit dem erleuchteten Fenster schon.«

Und Maria ging voran. Hier und da verlor sie den Fußsteig und tappte an der Seite in die Straßenrinne. Dann lachte sie und schüttelte den Schnee vom Mantel. Martha war bald vollends von der Munterkeit der Freundin angesteckt. Hier gab's nichts zu träumen, hier mußte sie auf den Weg achten und warten, welche Rolle ihr in dem lustigen Streich angewiesen würde.

Jetzt gingen sie einen Gartenzaun entlang. Maria öffnete leise, leise ein kleines Tor und hielt warnend den Finger an den Mund. Sie ging durch den Garten auf die Haustüre zu. Martha ihr nach. Kurz tippte sie auf den Knopf, daß die Schelle nur so eben anklingelte. Schritte drinnen. Das Mädchen öffnete.

»Still, Anna, lassen Sie uns hier gleich links in das Besuchszimmer. So, jetzt gehen Sie zu den Kindern, sagen ihnen aber kein Sterbenswörtchen, daß ich hier bin. Schicken Sie das Fräulein unauffällig zu mir und bereiten Sie die Kinder recht geheimnisvoll darauf vor, daß das Christkindl vielleicht noch einmal den heiligen Mann schickt. Alles übrige wird sich dann schon finden.«

Das Mädchen ging. Maria klatschte in die Hände vor Freude, Martha wußte noch nicht recht, was sie von dem Abenteuer zu halten hatte, sie war etwas verlegen. Da kam das Fräulein.

»Hören Sie, Fräulein, ich komme heute abend als Nikolaus zu den Kindern.«

»Nein, aber so was! Das wird aber eine Freude geben!«

»Seien Sie so gut und holen Sie mir aus dem Keller oder sonst woher einen Sack oder einen großen Kissenüberzug, der als Sack dienen kann, und einen groben Stock, meinetwegen einen Spaten- oder Besenstiel. Mehr brauche ich nicht, alles andere habe ich bei mir.«

Maria band sich die Maske vor das Gesicht und stülpte die Kapuze über den Kopf. Da konnte Martha sich nicht mehr halten; laut lachte sie auf und warf sich auf einen Stuhl.

Seit Monaten das erste natürliche, erfrischende Lachen.

Das Fräulein kam wieder und brachte einen Sack. Da hinein stopfte Maria die ganze Herrlichkeit und ahmte probeweise eine tiefe Männerstimme nach.

»Hören Sie, Fräulein, Sie nehmen jetzt hier meine Freundin – o verzeihen Sie, daß ich vor Aufregung ganz vergessen habe, sie vorzustellen: Fräulein Martha Halden, – Fräulein Eßwein – also Sie nehmen Fräulein Halden mit ins Zimmer zu den Kindern, sagen, sie sei eine Freundin von Ihnen und unterhalten sich möglichst unbefangen. Wenn ich im Hausflur und an der Zimmertür poltere, erschrecken Sie beide und spielen dann Ihre Rolle recht natürlich. Jetzt nur voran, marsch, hinaus zu den Kindern! Ich komme gleich.«

Sie trieb Martha mit dem Fräulein zur Türe hinaus und beschaute sich noch einmal gründlich im Spiegel, ob auch nichts Verdächtiges sich an ihr fände. Sie war zufrieden und trat auf den Gang hinaus, bei jedem Schritt mit dem Besenstiel aufstoßend und mit tiefer, verstellter Männerstimme scheltend. Da ging die Türe des Wohnzimmers auf, das Fräulein schaute in den Flur hinaus und sprang entsetzt zurück. »Kinder, Kinder, der heilige Sankt Nikolaus,« Geschrei, Gequiekse und Gebet durcheinander.

»Sind hier brave Kinder?«

»Ja, lieber heiliger Mann, die Kinder sind schon brav, nur hier und da will die Lisbeth kein Gemüse essen und Lene lügt schon mal ein bißchen. Aber sonst geht's ganz gut, lieber heiliger Mann.«

Die Kinder standen und knieten im Halbkreis herum und schauten mit angstgequälten Gesichtern der Maske in die Augen.

Martha stand in der fernsten Zimmerecke und ließ den Kopf in tiefem Ernst auf die Brust niederhängen. Mit Gewalt riß der ganze Auftritt sie aus der Gegenwart ins märchenglänzende, reine Kinderland hinein. O wer noch einmal Kind sein könnte! Wer Kinder haben könnte in einem trauten deutschen Heim! Da war wahre Poesie, echte Liebe; das echte Leben trat ihr zum ersten Male entgegen und aller Schein zerrann in ihrer Seele.

Und wie Maria so lieb, unbefangen und kindlich mit den Kleinen sprechen konnte, sie, die Studentin, die sonst immer ernste Probleme wälzte und diskutierte. Hatte sie vielleicht doch am Ende recht, daß in jedem Weib vor allem die Mutter in der Knospe verborgen liegt, daß es darin erst sein tiefstes und natürliches Glück findet, wenn es Kinder beglücken darf?

Wenn Maria in diesem Augenblick in Marthas Herz hätte schauen können, sie wäre vor Freude gesprungen wie ein Kind.

Maria hatte ihre Gaben verteilt und die Sprüchlein und Gebete der Kinder lobend angehört. Nun wandte sie sich mit sanften Ermahnungen zum Gehen.

Martha blieb noch eine Weile und ließ sich von den Kindern die schönen Sachen zeigen und erklären. Zuerst war sie unbeholfen, sie wußte nicht recht, was sie mit den Kleinen anfangen sollte. Aber bald hatte sie es dem Fräulein und dem Mädchen abgesehen, und der kleine Bube turnte auf ihrem Schoß herum und ein Mädel hing sich an ihren Hals. Die Berührung der Kinderhände und Kinderwangen erweckte ein ganz neues, ungeahntes, wohliges Gefühl in ihr, und als ihr das kleine Mädel einen Apfel zum Geschenk darreichte, küßte sie die kleinen Fingerchen. Im Überschwang des plötzlichen Glücksgefühls preßte sie den Buben und das Mädchen an sich, und ihre Augen wurden feucht.

»Tante, warum weinst du?«

»Ich weine, ja ich muß weinen, weil mir der heilige Nikolaus nichts gebracht hat.«

»Bist du denn nicht brav gewesen?«

Wie ein Messerstich traf das Kindeswort in ihre Seele.

»Da, nimm doch, Tante, und weine nicht.«

Der kleine Bub drückte ihr einen Apfel in die Hand. Sie nahm ihn an, um dem Kinde die Freude zu machen, und steckte ihn in die Handtasche.

»So, Kinder, jetzt laßt's mir aber das gnädige Fräulein endlich mal in Ruhe. Ich muß auch mit dem gnädigen Fräulein sprechen.«

Die Erzieherin gab Martha ein Zeichen, ihr zu folgen.

»Nun lebt wohl, Kinder, seid recht brav, daß das Christkindl euch noch mehr schöne Sachen bringen kann.«

»Nein, Tante, du darfst noch nicht gehen!« – Sie hingen sich an ihren Arm und Rock.

»Kinder, jetzt seid's recht artig und gebt's schön ein Händl und laßt's das gnädige Fräulein gehen, sonst kommt's nicht wieder, wenn ihr nicht artig seid.«

Da wurden die Purzeln ruhig und streckten ihre Hände hin. Der kleine Bub stellte sich auf die Zehenspitzen und hob seinen Mund zu Martha hinauf; Martha bückte sich nieder und ließ sich auf die Wange küssen. Der Kinderkuß ging wie ein elektrischer Strom durch ihren ganzen Körper, wie eine neue Kraft, eine Berührung mit einer Macht aus anderer Welt. Sie stürmte hinaus, um ihre innere Bewegung nicht zu zeigen. Draußen erwartete sie schon Maria.

»Jetzt aber schnell, Kind, es ist die höchste Zeit. Fünf Minuten vor halb sieben. Um halb fährt der Zug, mit dem wir unbedingt zurückmüssen.«

 

Martha saß im Abteil des Vorortzuges stumm neben Maria. Beide waren so glücklich, daß ihre Wangen brannten und ihre Augen leuchteten. Martha meinte, Maria freue sich über die gelungene Bescherung der Kinder. Ja, das Glück, das sie den Kindern gebracht, war ein großer Teil ihrer eigenen Freude, aber am meisten war sie selig über die Wirkung, die das Abenteuer auf Martha ausgeübt hatte. Noch ein paar Berührungen mit dem wirklichen Leben, und die Hirngespinste, die sich in ihrem Kopf festgesetzt hatten, mußten zerreißen.

 

Als Martha nach dem Abendessen auf ihrem Zimmer saß und keine Eindrücke von außen sie mehr störten, zog sie sich ganz in ihr Inneres zurück und sann und spann an dem Seligkeitsgefühl, das ihr seit dem ersten Kinderkuß durch alle Adern und Nerven rann und wie ein sonniger Blumengarten vor ihren Augen stand. Sie wendete und drehte dieses Gefühl in ihrem Gemüt hin und her, wie ein Kind eine liebe Puppe hin- und herwendet und betastet und streichelt und immer wieder neue Schönheiten an ihr findet. – Wie aus weiter Ferne stierte ein weißes Gesicht in diese Träume hinein. Sie erschrak. Michailowitsch!

Mit aller Energie, die ihr zu Gebote stand, kehrte sie zu dem heute abend Erlebten zurück. Aber immer wieder war das Antlitz da. Sie fühlte, wie die Wonne, die durch ihre Adern floß, eine andere wurde und ihr Herz schneller zu klopfen begann. Sie weinte über sich selbst, aber sie wurde die tollen Phantasien nicht los, bis sie sich zur Ruhe legte.

 

Am Morgen erwachte sie mit benommenem Kopf. Es war ihr so öde und träge zumute. Zuerst konnte sie sich nicht ermannen aufzustehen. – Was war denn heute für ein Tag? Ach, Vorabend vor Weihnachten! Und wo war sie gestern gewesen? – Da streichelte ein wohliges Gefühl ihre Seele und das Gefühl verdichtete sich zu Gedanken und greifbarer Stimmung. – Ach! die Kinderweihnacht und der Kinderkuß!

Mit einem Ruck stand sie auf, und badete die Augen im kalten Wasser. Ein Strom von Kraft und Freude ging durch ihre Glieder. Sie fühlte sich in der unscheinbaren Überwindung mutig und groß und befreit von aller Seelenplage.

Kaum war sie mit der Toilette fertig, da klopfte es schon.

»Guten Morgen, Martha, wie geht es dir nach dem gestrigen Abenteuer?«

»Nun, wie du siehst, nicht schlecht. Das war doch schön gestern und ich danke dir nochmals für das Schöne und Liebe, das du mir da draußen bei den Kindern gezeigt hast.«

Maria strahlte. Sie schaute Martha tief in die Augen und erfaßte ihre beiden Hände.

»Und heute, Kind, wird ein noch viel schönerer Tag für dich sein. Heute gehst du wieder einmal beichten.«

Martha wich zurück.

»Wo denkst du hin? Nein, das ist noch viel zu früh. So weit bin ich noch gar nicht mit mir selbst. Ostern, ja, vielleicht Ostern; jetzt noch nicht. Ich kann mich noch nicht anders geben als ich bin, und in meinem Kopf stecken noch zu viele Schwierigkeiten.«

»Kind, die Schwierigkeiten werden nach Ostern auch noch in deinem Kopf stecken.«

»Nein, ich will unterdessen gründlich studieren.«

»Was willst du denn studieren? Die Zweifel, die du hast, sind alle miteinander keinen Schuß Pulver wert. Kehre ruhig zu dem zurück, was du im Religionsunterricht in deinen Institutsjahren gelernt hast. Das, was du dir in den paar Monaten zusammengelesen hast, ist ja doch nur dummes Zeug, das einem verständigen Menschen nicht imponiert.«

»Aber ich komme nun einmal nicht darüber hinweg.«

»Gewiß, ich achte deine Schwierigkeiten, insofern sie in deiner Seele wirklich groß erscheinen. An und für sich aber sind es Kindereien.«

»Über die ich aber zuerst hinwegkommen muß und zwar mit dem Verstand.«

»Meinst du wirklich Martha, daß deine Schwierigkeiten im Verstand liegen? Das weiß ich besser: sie liegen bei dir nur im Gemüt und Gefühl.«

»Aha, du hältst also auch, obschon du selbst ein Mädel bist, das Weib nicht ganz für vollwertig!«

»Wieder so eine alte Phrase! Ein Mädchen kann Verstandsschwierigkeiten haben, aber du, die Martha, hat nun einmal nur Gefühlsschwierigkeiten wie tausend andere. Das einfachste ist, du gehst einfach heute zur Beichte und morgen zur Kommunion und alle Plagen haben ein Ende. Du mußt einfach wieder die Religion praktisch üben, und du wirst sehen, daß so wieder der Glaube und die innere Festigkeit wiederkehrt.«

»Aber ich finde keine Befriedigung darin. Ich bin doch nun schon oft zur Messe gegangen und habe viel gebetet. Aber ich fühle mich so kalt und leer dabei.«

»Da haben wir wieder das alte Lied. Du willst immer etwas für dein Gefühl haben. Immer wieder die alte Selbstsucht. Gebet und Sakramente geben Kraft und Gnade, aber süße Gefühlchen sind nicht notwendig damit verbunden, die gehören gar nicht dazu. Wer eine so recht fromme Stimmung dabei hat, der soll sich freuen; aber nie und nimmer ist die fromme Stimmung eine notwendige Wirkung der Religionsübung. Du darfst dich vor allem nicht beklagen, daß du jetzt noch keine Wärme verspürst; du bist zu lange in der Kälte gestanden.«

»Aber ich kann nicht.«

»Du brauchst nur zu wollen, dann kannst du auch. Deine Seele treibt einfach den Leib mit seinen Gefühlen voran, und du wirst heute abend glücklich sein. Die Überwindung bringt dich um hundert Kilometer voran. – Gelt, Martha, wir gehen heute nachmittag zusammen?«

»Ich weiß nicht.«

»Gewiß weißt du's! Du brauchst nicht bange zu sein. Du bist noch ein ganz prächtiges Mädel, und alles soll gut gehen.«

»Leonore wird mich auslachen.«

»Komm mir nicht mit solch einer Ausrede. Die glaubst du ja selbst nicht. Wenn Leonore lacht, lachst du halt mit und feierst ein recht schönes Weihnachtsfest in deinem Herzen drinnen.«

»Ich will mir's überlegen. Aber versprechen kann ich dir nichts.«

»Gut, wenn ein so schlaues Mädel sich etwas überlegt, dann kommt schon etwas Gescheites heraus. Ich komme heute nachmittag um vier Uhr wieder. Dann gehen wir zusammen – und damit basta.«

Maria gab Martha die Hand mit einem kräftigen Schlag und ging.

 

Martha kam mit Maria Hand in Hand aus der Schwabinger Kirche. Sie hielten sich gegenseitig fest gefaßt. Maria schaute mit fast mütterlichem Stolz auf Martha herab. Das Paar war ein strahlendes Bild heiligster Freude und Liebe. Keine sprach ein Wort. Martha hüpfte alle paar Schritt auf dem hartgetretenen Schnee wie ein kleines Mädchen und drückte Marias Hand fester.

An der Giselastraße trennten sie sich. Maria faßte mit beiden Händen Marthas Rechte und blickte ihr voll Seligkeit in die Augen. Dann ein kurzes Händeschütteln, noch ein Ineinandertauchen der Augen und »Gute Nacht, Mädel.«

Martha ging im Eilschritt zur Theresienstraße hinunter. Am liebsten hätte sie laut gesungen und die ganze Welt umarmt. Den ganzen Tag war sie schon mutig und frohgestimmt gewesen, trotz Marias Morgenbesuch, dem ein Hin und Her in ihrem Kopf und Gefühl gefolgt war. Das frische Überwinden der Stimmung beim Erwachen hatte dem ganzen Tag sein Gepräge gegeben.

Und nun war sie selig. Der große Sprung ins neue Leben war wider Erwarten leicht gewesen. Jetzt mochte die Zukunft bringen, was sie wollte, sie würde sicher über alles hinwegkommen.

Als sie an der Theresienstraße angelangt war, kam ihr aus der anderen Richtung von der Ludwigstraße Tante Edeltraud mit Tante Therese entgegen. Langsam gingen sie Arm in Arm.

»Ach, grüß Gott, Martha! Auch zum Beichten gewesen?«

Wie konnte die Alte denn nur so taktlos fragen! Fast wäre Martha der Mund mit dem Verstand durchgegangen.

»Grüß Gott, Tante Hofrat; gewiß war ich auch zum Beichten. Vor einem solchen Fest muß man doch fromm sein.«

»Sieh mal da, das freut mich aber. Meine liebe Edeltraud kommt gerade auch aus dem Sendlinger Kirchlein.«

»Ach, Therese, nun sei doch still davon. Man muß mit solchen Dingen nicht soviel Aufhebens machen. Willst du nicht lieber ein wenig mit uns gehen. Ein halbes Stündchen hast du wohl noch Zeit.«

Sie ließ sich bewegen und ging mit den beiden hinauf.

Oben angekommen, schnupperte Martha in der Luft herum.

»Tante, ich glaube, das Christkind! ist hier gewesen.«

In der Tat lag ein feiner Tannenduft im Korridor. Tante Edeltraud öffnete die Türe des Salons. Ein dämmeriger Lichtschimmer kam ihr entgegen. Auf einem kleinen Tisch in der Zimmerecke stand ein brennender Christbaum, der aus den Spiegeln dreifach sein heimeliges Bild zurückwarf. Im selben Augenblick, wo die Türe sich öffnete, klang vom Flügel her in weichen Pianoakkorden das »Stille Nacht, heilige Nacht«. Leonore spielte es mit freudestrahlendem Auge. Tante Edeltraud stand steif und stumm und mit ihr Martha und die Hofrätin. Als sie eine Strophe gespielt hatte, sprang Leonore auf und faßte der Mutter Hand. –

»Liebe Mutti, dir habe ich das Weihnachtsbäumchen geputzt.«

»Aber, Leonore ...!« –

»Nichts von Aber, Mutterl; reden wir jetzt nicht weiter darüber. Geht jetzt her und legt ab und dann plaudern wir hier ein bissel unter dem Bäumchen.«

Frau Trenkler konnte sich immer noch nicht fassen, aber sie verstand Leonore. Man legte ab und kam wieder im Salon zusammen. Leonore war gesprächig und plauderte und lachte. Man sprach von alten Zeiten und schönen Weihnachtserinnerungen mit Papa und aus Leonorens Kinderzeit. Merkwürdig, von Richard sprach man nicht. Er war in aller Phantasie, aber jeder vermied es, seinen Namen zu nennen oder auch nur auf ihn anzuspielen. Auch von Leonorens Einfall sprach man nicht mehr. Jeder fühlte, daß sie der Mutter eine Freude hatte machen und ihr über den Weihnachtsabend hinweghelfen wollen.

Plötzlich sprang Leonore auf: »Aber, Mutter, du hast ja noch gar nicht gesehen, was das Christkindl dir gebracht hat – – dir und mir.«

Sie nahm unter dem Tannenbäumchen einen Strauß Christrosen und Mistelzweige weg und reichte ihn der Mutter.

»Schau mal, was dazwischen steckt!«

Die Mutter nahm ein Kuvert heraus und schaute Leonore fragend an. »Von wem?«

»Ja, schau nur nach.«

Tante Edeltraud öffnete den Briefumschlag und entnahm ihm ein braunes, gewisses Etwas.

»Fünftausend Mark! Was soll das bedeuten?«

Leonore fiel der Mutter um den Hals. »Mutti, mein erster großer Verdienst. Ich habe das Capribild verkauft.«

Frau Trenkler stand noch immer da, die Scheine in der einen, das Kuvert in der anderen Hand.

»Wie? Das Capribild?«

»Ja, natürlich, Mutterl, bei Heinemann hab ich's ausgestellt gehabt und da hat's Frau Kommerzienrat Edelstein für ihren Herrn Gemahl als Weihnachtsgeschenk gekauft und die fünftausend Mark, just diese fünftausend Mark, habe ich dafür bekommen.«

Frau Trenkler ließ Geld und Kuvert auf den Tisch gleiten, faßte den Kopf Leonorens und drückte ihr einen langen Kuß auf die Stirne.

Tante Hofrat war aufgestanden. »Kind, da muß ich ja gratulieren. Fünftausend Mark für ein solches Bild! Aber wie kann man so ein Bild zum Weihnachtsgeschenk machen! Nach allem, was ich davon hörte, paßt es doch gar nicht dazu.«

»Jetzt nicht nörgeln, Therese, das verstehst du nicht.«

»Tante, heute streiten wir nicht darüber. Feine Menschen sind weitherzig und fassen das Leben ästhetisch und symbolisch auf. Wir nehmen überall das Schöne, wo wir es finden. So habe ich es auch mit dem Christabend und dem Weihnachtsbaum gemacht.«

Martha war mit Tante Therese aufgestanden und schaute Leonore mit staunenden Augen an. Hier war etwas, das sie nicht verstand. Die leichtfertige, oberflächliche, eitle und streitsüchtige Leonore und die sinnige Christbaumfeier konnte sie nicht zusammenreimen. Was hatte Leonore eben gesagt? Richtig, sie faßte als Künstlerin das Leben von der ästhetischen Seite und pickte das Schöne und Stimmungsvolle auf, wo sie es nur fand. Aber war das nicht inkonsequent? Sie wollte doch immer so konsequent sein!

Leonore tat Martha leid. Fast hätte sie um die Kusine geweint. Innerlich eigentlich ein prächtiges Mädchen, aber ganz veräußerlicht, nur an der Oberfläche, dem glänzenden Schein des Lebens haftend.

Martha zog sich ganz in das Innerste ihrer Seele zurück und verkostete da trotz der lachenden und plaudernden Umgebung ihr neues Glück.

Frau Hofrat reichte Tante Edeltraud die Hand und drückte sie unter Tränen. »Liebe Edeltraud, ich gratuliere dir zu dieser Stunde. – Jetzt muß ich aber gehen, sonst wird es mir zu spät. Genießt ihr euer Glück noch allein unter euch.«

Frau Trenkler erwiderte nichts, sie konnte das alles noch nicht fassen. Leonore versuchte die Tante noch mit einigen Höflichkeitsphrasen zurückzuhalten. Tante Therese aber blieb entschieden und ging. Auch Martha zog sich zurück. Sie mußte das Erlebte in sich verarbeiten.

Auf ihrem Zimmer machte sie kein Licht. Sie setzte sich in ihren Träumersessel und schaute in den heimlich roten Schein des Ofens.

Da stiegen Bilder aus der Kindheit Tagen in ihrem Geiste auf. Sie hörte ein Glöcklein klingen und sah Christbaumkerzen strahlen. Und unter dem Baum lagen blinkende Spielsachen, eine schneeweiße Hermelingarnitur, tausend glitzernde und süße Dinge, durch die der Vater seinem Kinde die Liebe bezeugen wollte, und mit denen er das kleine Mädchen glücklich zu machen vermeinte. Hätte er ihr weniger geschenkt, ihr aber dafür einen Kuß gegeben und nur ein Stündchen mit ihr gespielt, sie hätte mehr Vertrauen zu ihm gewonnen und ihn heute mehr geliebt. Sie wußte, daß sie den Vater lieben mußte und ihn auch liebte, aber sie fühlte es nicht. – Babette, ja Babette, die liebte sie wirklich fast wie eine Mutter, das fühlte sie in diesem Augenblick weh und warm. Welch selige Stunde, als die gute Alte die Puppe unter dem Christbaum hervorzog und sie ihr in die offenen Arme legte! – Erna! O Erna!

Sie sprang zum Schrank und nahm die Puppe und setzte sich wieder in den Feuerschein. Und indem sie sich wieder in die Kinderseligkeit hineinträumte, streichelte sie das seidene Haar der Puppe. Im Überschwang ihres Heimwehglücks preßte sie den Wachskopf an ihre Wange und weinte der entschwundenen Kinderweihnacht nach.

Nein, nicht dem Gefühl zu sehr nachgeben! Das Glück lag nicht nur im Traum über die Vergangenheit. Sie trug das Glück der Stunde im Herzen. Bitteres Weh hatte ihr das Zerreißen der Rosenkette des Schwarmes gebracht. Aber nun war sie frei. Nun fühlte sie wieder wie alle gesunden Menschen am heiligen Abend, sie war nicht mehr nur Weib, sie wuchs vor sich selbst wieder zum Tiefsten und Größten ihres Wesens, zum Kind. – –

Martha kam in der Ludwigskirche von der Kommunionbank. Ihre ganze Gestalt war Hingabe an ihren Gott. Er war ihren Spuren mit seiner Gnade gefolgt, leise, leise, wie der Engel schützend hinter dem Kinde schreitet. Viel hatte er ihr verziehen, weil sie viel überwunden hatte.

Nun kniete sie in der Bank neben Maria. Die war ganz in ihren Anblick versunken und betete immer wieder das Stoßgebetchen: »Nein, mein Heiland, laß mich nicht eitel werden auf Martha! Ich habe nichts getan, nur du hast alles getan und Martha selbst mit ihrer frohen Überwindung!«

Martha konnte keine Gedanken fassen und schöne Worte bilden. Sie trug nur im Geiste das göttliche Kind auf ihren Armen und küßte immer wieder seine Händchen und Füßchen.

Da setzte der Chor in gehauchtem pianissimo ein. Sie erhob ihre Stirn und ging ganz in dem Liede auf:

Bethlem, hörst den Heiland du?
Laß den Heiland ein, laß den Heiland ein!
Will ein Bettlein warm zur Ruh!
Laß den Heiland ein, laß den Heiland ein!
Will bei dir geborgen sein
Zart und lieb ein Kindelein:
Bethlem laß das Christkind ein!
Laß den Heiland ein, laß den Heiland ein!

Joseph geht mit müdem Fuß,
Laß den Heiland ein, laß den Heiland ein!
Doch vergebens ist sein Gruß:
Laß den Heiland ein, laß den Heiland ein!

Und Maria weint und sinnt:
Wo soll betten ich das Kind,
Wenn ich keine Heimstatt find?
Laß den Heiland ein, laß den Heiland ein!

Menschenherz, o hör das Fleh'n!
Laß den Heiland ein,
Laß den Herrn nicht draußen steh'n!
Laß den Heiland ein, laß den Heiland ein!
Birg das liebe Jesulein
Warm in deines Herzen Schrein,
Ewig wird dann Weihnacht sein:
Laß den Heiland ein, laß den Heiland ein!

»Guten Morgen, Leonore. Ich wünsche dir ein recht schönes Weihnachtsfest.«

»Ich dir auch, Martha. Setz dich gleich her. Ich habe auf dich gewartet; wir wollen zusammen frühstücken. Aber wo bist du schon in aller Frühe gewesen? Ich hörte dich eben von draußen kommen.«

»Ich war in der Kirche, liebe Leonore, wie schon oft seit einigen Wochen. Heute habe ich wieder kommuniziert.«

»Du bist doch ein exaltiertes Wesen, Martha. Nun meinte ich, es würde ein vernünftiger Mensch aus dir, und jetzt verfällst du wieder in solche Launen.«

»Laß mir die Freude. Wenn du deinen Grundsätzen treu sein willst, mußt du mich leben lassen, wie ich will. Aber streiten wir nicht, sonst verderben wir uns die Weihnachtsstimmung, die du gestern abend so schön hervorgezaubert hast. Heut wollen wir uns über das Christkind freuen.«

»Was heißt Weihnachtsstimmung und Christkind? Der Abend des vierundzwanzigsten Dezember ist eben eine konventionelle Gelegenheit, sich einmal traulich zusammenzusetzen. Man könnte ebensogut die Tag- und Nachtgleiche feiern wie den Geburtstag Christi. Wie machen's denn die anderen Völker, die unter anderer Sonne leben? Die feiern den Christian, geradeso wie die anderen kirchlichen Feste, wie Ostern, Pfingsten, mit viel äußerem Pomp und Spektakel. Nur der Deutsche macht aus dem Weihnachtsabend ein Fest der Familiengemütlichkeit. Und das kommt einfach vom Winter, der die Menschen in die warme Stube enger zusammenschmiegt. Man muß eben alles vom Standpunkt der Stimmungserzeugung ansehen und alles Störende von sich fern halten. Nur so lebt es sich froh und sinnvoll.«

»Dann können eigentlich nur wenig Menschen recht Weihnacht feiern. Nein, Leonore, wenn die Menschen keine höheren Ideale haben, dann werden ihnen auch bald die wenigen Stunden der Erhebung zum grauen Alltag, an dem sie in den alten Kleidern, in den alten Sorgen zu den alten mechanischen Verrichtungen gehen. Öd und leer sind ihre Seelen, in die nicht mehr die trauten Sterne und leuchtenden Sonnen vom Himmel des christlichen Jahres strahlen.«

»Du wirst poetisch, Martha. Aber die Poesie der Menschenliebe und Güte, die ich aus eigener Kraft, ganz auf mich gestellt, im Herzen trage, ist mir mehr wert, als deine Poesie der Anlehnung und schmählicher Unselbständigkeit. Das ist Einbildung und Gefühlsduselei. Weihnachten ist das Fest der deutschen Gemütlichkeit und Menschenliebe und nichts weiter. Allerdings – das gebe ich zu – findet dieses Fest seinen einheitlichen Ausdruck im Gottesdienst, das heißt in der Musik und den Liedern der Kirche. Deshalb will ich auch heute in die Kirche gehen. Gehst du noch einmal mit? In der Theatiner-Hofkirche wird die Missa solemnis aufgeführt. Wenn wir einen guten Platz bekommen wollen, müssen wir bald gehen.«

»Gerne gehe ich mit. Ich wollte sowieso noch einmal in einen Spätgottesdienst gehen.«

»Da lies aber erst einmal das Feuilleton der ›Münchner Neuesten‹.«

Sie reichte Martha das Blatt herüber.

»Leonore Trenklers Capribild! – Donnerwetter, Leonore, gratuliere!« Und sie las hastig weiter. Ein überschwenglicher Lobeshymnus. »Wer ist denn der Schreiber des Artikels? Darunter steht F. W.«

Leonore lachte hell auf. »Ja wenn du den kenntest! Fredi Wunsch heißt der Herr, ein begeisterter Schwärmer für meine Kunst.«

»Ein Professor oder ein Künstler von hier?«

Leonore lachte noch lauter und schlug sich auf die Knie. »Nein, Kind; das will ich dir später einmal erzählen. Jetzt kann ich es ja, da ich Schluß mit ihm mache. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen.«

»Dunkel ist deiner Rede Sinn; ich verstehe nicht.«

»Brauchst du auch nicht. Denk nur an deinen Russen, dann kommst du vielleicht hinter das Rätsel.«

»Laß das, Leonore. Du mußt nicht immer auf meinen alten Dummheiten herumreiten.«

»Alte Dummheiten? Ich meine, die Sache ist nicht so alt. Oder machst du dir jetzt wieder Hoffnung auf Otto Reiber? Ich sehe, daß du wieder mehr mit Maria verkehrst. Vielleicht daher dein Gang nach Kanossa?«

Martha errötete bis unter die Haare. »Daß du aber auch nichts anderes denken kannst als so etwas! Komm, machen wir uns zur Kirche fertig.«

»Du hast recht, das Gespräch abzubrechen. Es hat auch für mich keinen Sinn, mich mit dir herumzustreiten und mich um deine Flausen zu kümmern. Ich habe jetzt einen Namen, und ein vernünftiger Mensch wird dich junges Ding überhaupt nicht mit mir vergleichen wollen.«

Marthas Blut wollte aufkochen. Sie meisterte es und lächelte: »Du weißt gar nicht, Leonore, wie mich dein Erfolg freut und welche Freude du mir gestern abend mit deiner Christbaumfeier gemacht hast. – Aber sollen wir nicht gehen?«

»Nun denn, aber wahre ein wenig deine Zunge.«

»Machen wir keine feierlichen Szenen; aber du tust mir wirklich einen Gefallen, wenn du mir immer offen und geradeheraus sagst, wenn ich eine Dummheit mache.«

In der Kirche kniete Martha fast während des ganzen Gottesdienstes. Leonore blieb aufrecht neben ihr stehen, um ihre innere Freiheit zu zeigen. Martha ließ sie gewähren, ärgerte sich aber, daß sie nicht wenigstens bei der Wandlung niederkniete.

Auf dem Heimweg redete Leonore überlaut und aufdringlich über die Schönheiten der Missa solemnis. Martha hörte ihr kaum zu. Sie war in den Anblick der Menschen auf der Straße vertieft. Überall strahlten ihr fröhliche, von der Kälte gerötete Gesichter entgegen. Kleine Mädchen, die mit Behagen das Kinn in den neuen Muff schmiegten und ihn mit der Hand streichelten. Frauen und junge Mädchen aus dem Volke mit neuen, steifen Kleidern und Hüten. Halbwüchsige Burschen mit den ersten funkelnagelneuen Glacés, die sie stolz zur Schau trugen. Alles mit Lachen und fröhlichem Grüßen. Hier und da auch ein Paar, Arm in Arm. Er mit Zylinder, sie im neuen Kleid, neuen Schuhen, beide mit leuchtenden Augen, nur füreinander lebend und die Umwelt nicht beachtend – Brautpaare, die gestern abend unter dem Christbaum ihre Verlobung gefeiert hatten und deren Namen heute morgen, von einer seinen Linie umrandet, zum ersten Male vereint in den Zeitungen standen. Von all den Menschen ging ein warmer Hauch aus. Heute konnte keiner etwas Niedriges denken, jeder dachte vom anderen auch nur Gutes und Liebes.

Allmählich verklangen die Akkorde der Missa solemnis, die ihr noch im Ohr lagen, in Marthas Seele. Von den fröhlichen Paaren ging etwas wie geheime Kraft in sie über. Ein süßes Heimweh nach Liebe, ein wonnig warmer Traum zog wieder in ihr Gemüt ein. Und es wurde ihr so schwer ums Herz, fast zum Weinen. Sollte sie den süßen Schwarm denn wirklich aufgegeben haben?

Als sie die Treppe zu ihrer Wohnung hinaufstieg, atmete sie erleichtert auf, endlich wieder allein sein zu können. Irgend etwas lastete wie ein Alp auf ihr, das wollte sie jetzt abschütteln. Hastig legte sie Hut und Mantel ab und stürzte in ihr Zimmer. Sie suchte nach einem Buch, das sie zerstreuen könnte, das zum Weihnachtstag paßte, dessen Äußeres schon etwas Poetisches und Feines an sich hatte und das aus seinen Zeilen den Duft der Gemütlichkeit und Liebe strömte. Ja, da hatte sie eins, das ihr Maria neulich gebracht: »Traum und Leben, Gedichte einer früh Vollendeten.« Sie schlug das Buch aufs Geratewohl auf:

»O, redet nicht von Glück – auch nicht ›im Kleinen!‹
Und sprecht von Liebe nicht! Das macht mich weinen.
Sprecht mir von Armen, Kranken, Bösen, Trüben,
Damit ich trösten, helfen kann – und lieben.«

Noch einmal las sie die Verse, verstand aber auch jetzt noch nicht. Sie blätterte ein paar Seiten um:

»Immer neu dies müde Ringen,
Weher Kampf in jeder Nacht!
Kommt der Tag auf weißen Schwingen,
Schmückt man sich und schwatzt und lacht.

Tief im Herzen die Tragödie,
Vor den Menschen kühl und klug,
Und so spielen wir Komödie
Bis zum letzten Atemzug.«

Sollte das wahr sein? Aber die es geschrieben hatte, mußte es wissen. Ach ja, und schließlich sagte Maria ja dasselbe. War das wirklich die Liebe und das Ende des duftigen Blütentraumes? Dann hatte Maria recht, wenn sie immer wieder von der Kraft in der Liebe sprach.

Das Mädchen klopfte und steckte den Kopf herein. »Die gnädige Frau laßt das gnädige Fräulein bitten, es sei Besuch da.«

»Nun denn in Gottes Namen.«

Martha ging ärgerlich hinüber. Sie öffnete die Türe des Salons und erschrak so, daß sie meinte, das Herz bliebe ihr stehen. Ein hoher, stattlicher Offizier in Paradeuniform kam auf sie zu.

Otto Reiber.

Mit aller Kraft, die ihr zu Gebote stand, nahm sie sich zusammen und reichte ihm die Hand, die er langsam hob und küßte.

»Kennen gnädiges Fräulein mich wieder? Ich wünsche Ihnen ein recht schönes Weihnachtsfest.«

»Ich danke, Herr Oberleutnant.«

Sie fühlte, wie Leonore sie mit durchdringenden Blicken prüfte.

»Nicht wahr, Herr Oberleutnant, unsere kleine Kusine hat sich in der Großstadtluft zur Dame entwickelt.«

Leonore sagte das mit einem leisen Ton der Zutraulichkeit zu Otto und spitzen Spottes gegen Martha.

»Sie hat sich nur etwas überanstrengt bei der Lektüre. Aber ich denke, sie wird ihre Bildung jetzt bald vollendet haben, so daß sie wieder der alte Wildfang wird.«

Maria ergriff dabei Marthas Hand und sah sie mit großen Augen eindringlich, aber freundlich an. Martha verstand, tat aber, als habe sie nichts gemerkt.

»Bitte, lassen Sie sich nicht in Ihrer Unterhaltung stören.«

Man nahm wieder Platz. Maria schob Martha einen Stuhl so hin, daß sie Otto gegenüber zu sitzen kam. Leonore saß neben Martha und verschlang Otto mit leuchtenden Blicken.

»Bitte, Herr Oberleutnant, erzählen Sie uns etwas von Berlin.«

»Ja, was denn, gnädiges Fräulein? Ich weiß eigentlich von Berlin nicht viel. Durch die Museen, die Sie als Künstlerin ja am meisten interessieren werden, bin ich nur so mal durchgelaufen. Im Theater bin ich nicht gewesen, das haben wir ja hier in München wenigstens ebenso gut. Doch halt, einmal bin ich in Reinharts Inszenierung der Iphigenie gewesen. Gräßliches Getue. Und sonst? Was wollen Sie sonst noch wissen? Den Kurfürstendamm und die Tauentzienstraße habe ich gemieden. Kaum, daß ich die Linden kenne. Mein Weg führte mich fast nur von der Wohnung zur Kriegsakademie und zurück, und der war ziemlich kurz.«

»Ach, dann erzählen Sie uns doch etwas von Ihrem Studium.«

»Das dürfte Sie wohl kaum interessieren, gnädiges Fräulein, das ist alles nur langweilige Wissenschaft.«

»Gerade das interessiert mich ungemein. Ich finde übrigens, daß das, was Sie studieren, nicht eine Wissenschaft, sondern eine Kunst ist. Die Kriegskunst ist die höchste Kunst, die ich kenne; in ihr werden alle menschlichen Fähigkeiten betätigt, der Feldherr durchtränkt das edelste Material, den Menschen selbst, mit seinem Geiste und formt die Massen mit einem Wink seines Fingers zu den Gebilden, deren er für seine Ziele bedarf.«

»Das ist sehr geistreich gesagt, gnädiges Fräulein. Ich erwarte viel von einer Ästhetik des Krieges, die Sie einmal schreiben werden.«

»Ich finde, die ganze Ästhetik des Krieges,« wagte Martha einzuwerfen, »hat Stuck in seinem Bild in der Neuen Pinakothek klassisch schön zusammengefaßt.«

»Ganz Ihrer Meinung, gnädiges Fräulein. Jedenfalls wird es ebenso schwer, ja unmöglich sein, eine Ästhetik des Krieges zu schreiben wie eine Ästhetik der Mathematik.«

Damit hatte Leonore ihre Abfuhr. Sie biß sich auf die Lippen und wollte mit erzwungenem Lächeln ihren Gedanken weiterspinnen. Da erhob sich Otto und mit ihm Maria. Sie wollten gehen.

»Ach, Herr Oberleutnant, wollen Sie mir mit Maria nicht einmal die Ehre geben, mein Capribild zu besehen?« –

»Ach ja, ich meine aber, Sie hätten es schon verkauft.«

»Allerdings, aber ich habe noch das Recht, es bei Edelsteins Interessenten immer wieder zu zeigen.«

»Sehr angenehm, gnädiges Fräulein. Wenn es mir eben möglich ist, werde ich nicht verfehlen. Aber Sie müssen wissen, daß ich morgen die Kompagnie eines plötzlich erkrankten Kameraden übernehmen muß. So kann ich für die nächste Zeit nicht nach Berlin zurückgehen. Nebenbei will ich dann noch privatim fleißig studieren. Aber wie gesagt, – wenn ich eben kann.«

»Meine besten Glückwünsche. O wie schön, daß Sie jetzt wieder in München bleiben!«

Das sagte sie mit natürlicher Freude, aber sie fühlte die Ablehnung aus Ottos Antwort heraus, wollte aber den letzten Strohhalm vor dem Versinken nicht fahren lassen.

Otto Reiber nahm die dargebotene Hand der Frau General. – »Darf ich hoffen, gnädige Frau, Sie mit den jungen Damen auf unserem Silvesterball zu sehen? Die offizielle Einladung ist Ihnen sicher zugegangen.«

Sie wollte etwas erwidern, aber Leonore kam ihr zuvor.

»Ach ja, Mutterl, den Ball dürfen wir doch nicht versäumen. Tu dir selbst die Liebe an und verschaff dir wieder einmal eine Abwechslung.«

Otto warf ihr einen kurzen Blick zu. Da verstand sie erst, daß sie in ihrer Selbstsucht eine große Taktlosigkeit begangen hatte. Aber die Mutter wagte nicht zu widersprechen. Jetzt war es ja doch einmal heraus, was sie seit Tagen verschwiegen hatte, daß das Regiment eine Einladung geschickt hatte, offenbar auf Veranlassung Otto Reibers. Wollte sie jetzt noch Leonore widersprechen, so konnte sie sich auf ein wochenlanges Schmollen und Brummen gefaßt machen. Deshalb sagte sie ruhig:

»Sie werden verstehen, Herr Oberleutnant, daß mir der Sinn nicht mehr nach solchen Vergnügen steht, aber um der Kinder willen werde ich mir die Ehre geben.«

»Meinen verbindlichsten Dank, gnädige Frau,« und er wandte sich Martha zu. Er hielt ihre Hand eine Sekunde länger als die Tante Edeltrauds und sah ihr dabei tief in die Augen, als suche er darin eine Antwort auf eine Frage. Martha konnte den Blick nicht ertragen, sie senkte die Lider und entzog ihm die Hand. Aber er fand doch noch während dieser Bewegung Zeit, ihr zu sagen:

»Gnädiges Fräulein werden mir wenigstens zwei Tänze reservieren.«

Martha wußte nicht, was sie sagen sollte. Am liebsten wäre sie geflohen und hätte sich in irgend einer Ecke des Hauses versteckt. Jeder Blick Ottos traf sie wie eine Anklage. Sie sagte etwas, sie wußte selbst nicht was; nur fühlte sie, daß es etwas Dummes gewesen sein mußte.

»Sie sind sehr zeitig mit Ihren Engagements, Herr Oberleutnant.«

Sie stand wie in einem roten Nebelmeer und wußte nicht mehr, was um sie her geschah. Die Stimme Marias, die sich verabschiedete, hörte sie nur wie aus weiter Ferne.

Jetzt kam ihr zum Bewußtsein, daß der Besuch fort war. Sie ließ sich auf einen Sessel fallen und träumte vor sich hin. Da klatschte Leonore in die Hände:

»Das hast du gut gemacht, daß du ihm einen draufgegeben hast.«

»Wer? Was? Ich? Wem einen draufgegeben?«

»Nun, er bat dich doch um zwei Tänze, und da hast du ihm gesagt, er sei sehr zudringlich oder so ähnlich. Ich weiß nicht; der ist nicht mehr der alte, liebe Otto Reiber. Er scheint etwas von dem Berliner Geist mitbekommen zu haben, der sich immer besser dünkt als andere Menschen. Und ich halte doch an meiner Theorie vom Kriege fest, mögen tausend Leutnants von der Berliner Kriegsakademie sagen, was sie wollen.«

Leonore war innerlich wütend. Am liebsten hätte sie geheult vor Enttäuschung und hilflosem Grimm. Aber dieser Martha zeigen, wie sie sich über die Abfuhr ärgerte, nie und nimmermehr! Der Leutnant schien aber auch blindlings in die Kusine verschossen zu sein. Na, jedenfalls würde nichts daraus werden; es würde ihr, der großen Künstlerin, doch ein Leichtes sein, das grüne Ding auszustechen.

Allmählich war Martha wieder zum Bewußtsein gekommen. Noch meinte sie, den Blick Ottos zu fühlen. Und der Blick entzündete in ihrer Seele wieder das alte Feuer. Es flackerte hin und her und leckte mit seiner Flamme immer höher und weiter um sich, bis es ihr ganzes Wesen erfüllte. Da sprang sie auf und eilte auf ihr Zimmer.

Nun konnte sie ihrem Seligkeitsgefühl die Zügel schießen lassen. Otto blieb in München! Sie könnte ihn öfter sehen. Nun war ihre Liebe geborgen. Wie gut war doch Maria, daß sie ihr all das dumme Zeug ausgeredet hatte! Otto, ja Otto, den durfte sie doch lieben, sich ganz in ihn versenken, ganz in ihm leben. Otto, das Ideal! Nun hatte sie wieder etwas zu träumen, zu ersehnen, ein Gefühl, das sie berauschte und sie über alle Kleinlichkeiten des Alltags hinwegtrug. Sie kam sich groß und stark vor in ihrer Liebe und merkte nicht, daß sie wieder ihrem Schwarm, der Verliebtheit anheimgefallen war.

So lebte sie die ganze Woche. In Gedanken an Otto ging sie zur heiligen Kommunion, im Gedanken an ihn war sie fröhlich und setzte sich über die Launen Leonores hinweg. Das Leben war ihr nur ein endloser Rosenpfad in Maiensonnenschein.

In den letzten Tagen der Woche fieberte sie auf den Ball. Zwei Touren hatte sie Otto versprochen. O dabei würde es sicher nicht bleiben! Mit einem anderen Herrn würde sie sicher nicht tanzen können und erst recht nicht mit einem anderen schöntun. Nein, darüber war sie hinaus. So würde sie sich nicht wieder wegwerfen. Nur für einen war sie da und für den ganz und ungeteilt.

 

Der Kasinosaal füllte sich nach und nach. Martha, zur Linken Tante Edeltrauds, schlenderte durch die sich drängenden Ballgäste und spähte unauffällig, wie sie meinte, nach Otto. Leonore beobachtete sie mit giftigen Blicken.

Otto kam. Marthas Wangen röteten sich; sie verschlang ihn mit einem Blick ohne sich ihrer selbst bewußt zu werden. Maria stand mit einigen Damen und Herren unbemerkt an der Seite und beobachtete Martha.

Beim ersten Tanz verlor sich Martha ganz an Otto. Äußerlich vergab sie sich nichts; sie schien vollkommen Herr über sich. Aber ihre ganze Seele, ihre ganze Persönlichkeit gab sie an Otto hin und versank in Glückseligkeit.

Der Oberleutnant fühlte das instinktiv. Sein Gesicht wurde ernst. Innerlich tat ihm Martha leid. Seine Liebe zu ihr war groß und stark und reif, eine Liebe der heiligsten Hochachtung. Deshalb tat ihm das Mädchen leid und er rang mit sich, daß er die Hochachtung vor ihr nicht verliere.

Nachdem er Martha zu Tante Edeltraud zurückgeführt hatte, kam er den ganzen Abend nicht wieder.

Martha gab einem Herrn nach dem anderen einen Korb. Ihr Atem ging schwer und ihre Augen wurden feucht. Nur mit aller Kraft hielt sie die Tränen zurück. Die Musik und die tanzenden Paare und all das Licht und all der Glanz kam ihr vor wie ein Hohn auf ihre zerschmetterte Seele. Leonore war in der übermütigsten Laune. Zwar hatte Otto auch sie nicht eingeladen. Aber sie tröstete sich damit, daß er Martha nicht mehr abholte, überhaupt nicht mehr unter den Tänzern zu sehen war.

Da kam Maria und setzte sich an Frau Trenklers Tisch. Ein Blick auf Martha sagte ihr genug. Sie legte unter dem Tisch ihre Rechte auf Marthas Knie und faßte ihre Hand und drückte sie kurz. Martha schaute sie mit einem scheuen Blick an und senkte sofort wieder die Augen. Aber der Händedruck hatte ihr wohlgetan. Sie fühlte Marias Liebe und Verständnis für ihr Leid.

»Kind, geh jetzt bald nach Hause. Es wird dir zu schwer. Morgen früh komme ich gleich zu dir.«

Marthas Brust hob sich schwer, ihre Lider und Lippen zuckten. Maria stand auf und verabschiedete sich kurz. Sie sah, daß sie nicht länger bleiben durfte, sollte Martha nicht alle Kraft verlieren.

Kaum war Maria fort, als auch Martha aufsprang.

»Tante, ich bin nicht wohl, entschuldige mich.« Dann zog sie ihren Schal über die Schulter und stürmte hinaus. Tante Edeltraud hinter ihr drein zur Garderobe.

»Was ist dir, Kind?«

»Nicht hier, Tante, nur fort, nach Haus!«

Der Portier pfiff ein Auto herbei, und fort ging es.

Im Wagen brach Marthas letzte Kraft zusammen. Sie weinte herzerschütternd. Frau Trenkler wollte sie trösten, aber es war kein Wort aus ihr herauszubringen.

Zu Hause angekommen stürzte sie, ohne ein Wort zu sagen, auf ihr Zimmer und schloß die Türe hinter sich. Dann warf sie sich über das Bett, so wie sie war und weinte, bis ihr die Tränen versiegten und hämmernde Kopfschmerzen sie wieder zu sich selbst brachten.

Maria hatte sie betrogen. Sie hatte ihr zu viel getraut. Nun hatte sie gar nichts mehr vom Leben. O wäre sie nur tot und all die Plage zu Ende! Sie war zum Leid geboren und niemand verstand sie in ihrem Schmerz.

Der Tag dämmerte herauf. Es klopfte, sie öffnete nicht.

»Kind, geht's dir besser! Laß mich herein!« Das war die Tante.

»Ja, es ist wieder gut, laß mich jetzt nur schlafen. Ich stehe schon auf, wenn es Zeit ist.«

Sie vergrub sich wieder in ihren Schmerz. Die Stunden verrannen. Es war lichter Tag, da erschrak sie. Noch immer im Ballkleid! Sie zog sich um und ging zum Frühstückszimmer hinunter. Hoffentlich war Leonore noch nicht da! Herrgott, da saß sie schon bei der Zeitung mit Tante am Tisch!

»Na, du hast dich gestern mal wieder fein benommen. Das kommt wohl von deiner Frömmigkeit. Den ganzen Ball hast du Mama und mir verdorben. Wenn du noch einmal eine solche Szene machst, kannst du wieder nach Hause in dein Nest Mülhausen gehen. Ich glaube sowieso, daß deine Bildung hier abgeschlossen ist.«

Die Mutter legte ihre Hand auf Leonores Arm. »Bitte, Leonore, nicht so spitz! Du weißt ja gar nicht, was dem Kind gefehlt hat.«

»Pah, und ob ich das weiß!« Dabei schob sie die Tasse von sich und vergrub sich wieder in die Zeitung. Aber nur einen Augenblick; dann ließ sie das Blatt wieder sinken und sagte lächelnd mit einem Seitenblick auf Martha:

»Weißt du, Mama, wenn einmal die Liebe über so ein Ding kommt, dann ist es unberechenbar; dann setzt sie sich über alle Schranken des Anstands und der Rücksichtnahme hinweg. Ich meine, auch du solltest dir so etwas verbitten.« Damit stand sie auf und ging hinaus.

Martha schwieg und wischte sich die Augen mit dem Taschentuch.

»Kind, sei Leonore nicht böse! Sie ist etwas überarbeitet und meint, du hättest ihr gestern die Freude verdorben. Was ist dir denn, Martha?«

Martha schluchzte: »Ach, Tante, ich weiß es selber nicht. Leonore müßte mir auch nicht immer so kommen.«

»Nein, Kind, das ist es eigentlich nicht, warum du weinst. Was war dir denn gestern abend?«

Mit einem Strom von Tränen kam es aus ihrem Herzen: »Otto ... Otto ... hatte mir zwei Tänze versprochen ... und nur...«

»Sei still, Kind, das habe ich gleich geahnt, daß das der Grund war. Aber er hat sicher nichts dabei gedacht. Du mußt dir auch nicht solche Gedanken in den Kopf setzen.«

»Tante, ich kann ja nichts dafür.«

»Das weiß ich; aber sei jetzt still. Ich muß gleich einen Ausgang machen; da kannst du mit mir gehen. So bekommst du andere Gedanken.«

»O Tante, das geht nicht so leicht. Laß mich hier; ich will etwas lesen und mich so zerstreuen. Maria will auch nachher kommen.«

Tante Edeltraud wußte nichts mehr zu sagen. Sie konnte dem Mädchen keine Kraft geben. Das fühlte sie und sprach von gleichgültigen Dingen.

Martha hörte nicht zu. Sie trank eine Tasse Kaffee und ging ihren eigenen Gedanken nach. Dann zog sie sich zurück. Auf ihrem Zimmer kramte sie geistesabwesend auf ihrem Schreibtisch herum und faßte ein Buch nach dem andern, ohne eins zu lesen. Welchen Zweck hatte das Leben jetzt für sie? Nun war ja alles aus. Sie hörte nicht, wie es an der Türe klopfte. Plötzlich stand Maria vor ihr.

»Guten Morgen, Martha! Nun, wie gehts?« Das klang so fröhlich und siegesgewiß, daß Martha stutzte und die Freundin groß anschaute.

»Ach geh; du weißt ja, was mir ist. Jetzt ist alles aus. Du hast mich betrogen.«

Sie ließ sich auf das Sofa fallen und weinte. Maria setzte sich neben sie und legte den Arm um ihre Schulter und faßte ihre Hand.

»Sei ruhig, Martha, es wird wieder alles gut. Schau mal, Kindle, du hast dich bis jetzt so prächtig gehalten, warst ein starkes Mädel. Ich hab viel Freude an dir gehabt und – Otto auch. – Ruhig Kind, nicht so arg weinen! – Aber deine Überwindung kam nicht ganz aus deiner Kraft heraus. Du hast das Tiefste in dir noch nicht gefaßt.«

»Ach, red mir doch nichts vor! Hätte ich dir nicht geglaubt, dann wäre ich heute glücklich.«

»Sag mal, Kind, warst du in den letzten Wochen nicht recht glücklich in deiner Freiheit? – Ehrlich, Martha!«

Martha schwieg.

»Nun, keine Antwort ist auch eine Antwort. Aber du hast wieder dem Gefühl zu sehr die Zügel schießen lassen. Auch bei deiner religiösen Betätigung war so ein bißchen Schwärmerei. Du mußt halt immer ein klein wenig zum Schwärmen haben. Du hast dich jetzt wieder ganz in Otto verloren. Nur er steht den ganzen Tag in deinem Geist, in deiner Phantasie, und im Gedanken an ihn betest du und gehst zur heiligen Kommunion.«

»Ach, laß das!«

»Nein, das lasse ich nicht. Das ist ja alles nicht bös und ein so schöner Blütentraum. Das Schöne daran will ich dir gar nicht nehmen, aber ich möchte dich als ganzen Menschen sehen, der auch Herr über seine Verliebtheit ist. Lieben darfst du, aber verliebt sein nicht. – Höre, Martha, was ich dir sage: Otto liebt dich, und zwar tief und rein, und gerade deshalb hat er dir gestern abend wehe getan. Er schickt mich, dir das zu sagen.«

Martha sprang auf und fiel Maria um den Hals. »O, sag das noch einmal! Ich will's noch einmal hören.«

Maria faßte Marthas Hände. »Ja, Kind, wenn's dir Freude macht, will ich's noch einmal sagen: Otto liebt dich sehr, er liebt dich heilig, wie ein Mann nur ein Weib lieben kann, und deshalb verlangt er etwas Schweres von dir. – Setz dich nieder und erschrick nicht. Du hast dich gestern abend beim ersten Tanz zu sehr gehen lassen. Nicht äußerlich, nur innerlich. Und das hat er wohl gefühlt. Glaube mir, Martha, die Herren haben darin ein sehr feines Gefühl. Aber Otto kann das nicht leiden. Das frißt an der Hochachtung, die er vor dir haben will und muß, wenn er dich zur Braut nehmen will. Deshalb verlangt er von dir, daß du möglichst bald aus München fortgehst, nach Hause. Er will eine Zeitlang nicht mit dir zusammenkommen. Du sollst in aller Stille und fern von ihm deiner Liebe die Kraft geben, die dich zu einem Charakter, einer Persönlichkeit macht. Das kannst du nicht hier, wo alles dich an ihn immer wieder erinnert. Hier träumst du doch nur immer von ihm und verlierst damit die beste Zeit und Kraft, an dir zu arbeiten, daß du Herr über deine Stimmungen und Launen wirst.«

»Das kann ich nicht! Dann wird Leonore triumphieren. Noch heute morgen hat sie mir sehr bissig gesagt, ich solle wieder nach Mülhausen gehen.«

»Laß Leonore denken, was sie will. Das berührt dich nicht. Das ist lediglich ihre eigene Sache. Durch Leonores Gedanken wirst du nicht besser oder schlechter als du bist.«

»Ha, was würde die sich freuen!«

»Und nach Otto angeln, meinst du, nicht wahr? Aber das ist alles vergebliche Liebesmüh. Otto liebt dich, ich sage es dir noch einmal, und ich möchte euch beide recht glücklich sehen. Nur in deiner Hand liegt es, daß sich dieser dein und mein Wunsch erfüllt.«

»Maria, ich gehe. – Und wann darf ich wiederkommen?«

»Du bist doch ein Kind. Aber ein gutes Kind! Das Wiederkommen wird sich schon finden, wenn du tüchtig an dir gearbeitet hast und nicht mehr in allen Himmeln schwärmst. Auch mußt du sorgen, daß du ein tüchtiges Hausmütterchen wirst. Reichlich Gelegenheit wirst du ja zu Hause bei deiner alten ... wie heißt sie doch noch?«

»Babette ...« Martha lachte herzlich auf.

»Ja, bei deiner alten Babette wirst du eine gute Lehre machen können. Denn weißt du, Otto will kein Püppchen, sondern eine tüchtige Frau haben.«

»Machen wir!« Und Martha schlug Maria mit aller Kraft auf die Schulter, faßte ihren Kopf mit beiden Händen und drückte ihr einen Kuß auf die Wange. »Maria, du bist doch die Beste auf der Welt! Jetzt mußt du mir nur helfen, einen feinen Brief an Papa aufsetzen, daß er mich kommen läßt.«

»Ach das machst du nicht selbst. Laß das die Tante machen. Sie muß dich bei Papa tüchtig loben und sagen, du brauchtest Erholung für deine Nerven, die du durch das aufreibende Leben etwas angestrengt hättest. Das ist ja auch wahr, und ich möchte den Papa sehen, ob er da seinem Töchterchen nicht nachgibt. Schließlich ist ja jeder Papa in sein Töchterchen verliebt, besonders, wenn es das einzige ist.«

Martha lachte. »Da kennst du Papa schlecht. Der ist nur Geschäftsmann. Für mich hat er gar kein Verständnis. Ich brauche Liebe, und die gibt er mir nicht.«

»Das ist nur Einbildung. Aus Liebe hat er dich ja hierher geschickt. Du sollst sehen, wie gut ihr euch daheim verstehen werdet. – Jetzt muß ich gehen. Heute nachmittag komme ich wieder. Dann wollen wir Reisepläne machen.«

»Ja, das ist so schön, das tue ich so gerne.«

»Darf ich Otto grüßen?«

Martha schaute Maria mit lächelndem Gesicht von unten herauf an und schlang die Arme um ihren Hals und hielt sie so eine Weile fest, bis Maria sich sanft von ihr losmachte.


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