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X.

Er stand wieder da, auf dem vom Schlunde des Tunnels ausgespienen Kiesdamm, der sich südwärts in den Schleier der unaufhörlich niedergehenden Regenschauer verlor — der bärtige Mann mit dem triefenden Kalabreser. Heute machte er den Eindruck, nicht so recht bei der Sache zu sein. Der Höhepunkt der Bauarbeit war überschritten. Sie ging mit dem erlöschenden Sommer ihrer Vollendung entgegen. Alles, was für die Aufnahme des Bahnbetriebes unerläßlich, war nahezu 187 fertig; es galt nur noch Nebenarbeiten nachzuholen. Nun hatte es schon eine Woche lang fast ununterbrochen geregnet. Dumpf brüllten die braunen Wogen des Flusses im Sturze von Wehr zu Wehr. Und immer noch schienen die in unübersehbarer Front von den Berghängen niederwallenden Nebelmassen sich zu erneuern. Man ahnte: wenn der graue Vorhang sich hob, enthüllte er frisch überschneite Alpweiden, von denen, nach seiner Weise malend, der Herbst zu Tale stieg. Die Arbeiter hatten keinen trockenen Faden mehr auf dem Leibe und gaben es schon auf, noch irgendwelchen Schutz zu suchen. Sie bemerkten es auch nicht, als Hans Tillmann nicht mehr über die Arbeit wachte. Er war verschwunden.

In einen mißfarbenen Kautschukmantel gehüllt stieg er über den Bergrücken nach dem an den Seehalden gelegenen Nieseten hinab. Mit den Herren vom Konsortium mußte er reden. Er trug einen Brief in der Tasche, den zu schreiben Herrn Fernand von Guldwang sehr viel Überwindung gekostet hatte. Wohl drei Monate lang hatte Frau Dorothea ihre gelegentlichen, wohlberechneten Anläufe auf das Gewissen ihres Mannes wiederholt und allmählich verschärft. Je mißtrauischer der Nachbar in der Känelmatt sich geberdete, desto unwiderlegbarer sollte ihm das Wohlwollen der Prankenauer nachgewiesen werden. Um Heinis und seiner Schwester willen sollte nichts unterbleiben, was der kleinen Familie drohendes Unglück vom Leibe halten konnte.

188 «Wenn es dir so sehr zuwider ist, dem Tillmann zu schreiben, so könnte ich es ja selber tun.» Und schon lag ein schiker Briefbogen auf dem Schreibtisch der Frau von Guldwang.

«Um Gottes willen! Nein, also, da muß ich nun bitten. — Wenn irgendwo, so muß hier dem Herzensdrang ein vorsichtiger Zügel...»

«Nun denn! — Wenn’s überhaupt nur noch rechtzeitig geschieht!»

Und so würgte sich Herr Fernand den Brief an den «werten Herrn Nachbar» ab, eine eindringliche Empfehlung, doch ja um der Kinder willen vorsichtig zu sein und nicht allzuviel von dem in bewundernswertem Fleiß und klugem Haushalt sauer genug erworbenen Vermögen auf eine Karte zu setzen. Die Hotelindustrie hätte ja gewiß ihre gewinnbringenden Perioden, aber kein Gebiet des Geldmarktes erfordere soviel fachmännische Feinfühligkeit, wie gerade dieses.

Frau Dorothea fiel es nicht leicht, den Brief zu genehmigen. Sie wünschte einen deutlichen Hinweis auf das spezielle Unternehmen, das hier in Frage stand. Auf den Einwand, Tillmann werde am besten wissen, wo er sein Geld angelegt habe, und je allgemeiner die Warnung, desto weiter reiche sie, wußte sie nichts zu erwidern. Dagegen hätte sie es doch sehr schön gefunden, wenn zur Begründung des Schreibens neben dem Pflichtgefühl des erfahrenen Finanzmannes auch ein diskreter Hinweis auf die christliche Liebe angebracht worden 189 wäre. Herr Fernand war entschieden der Ansicht, Mammon und Christenheit schrieben jedes netter auf seinem besonderen Briefformat. Die zweiköpfige Redaktions­kommission einigte sich dann auf die Formel: «meine Christenpflicht und meine langjährige Erfahrung in Geldsachen drücken mir die Feder in die Hand...»

Nun knisterte also der Brief bereits in Hans Tillmanns Brusttasche. Er konnte dort den Widerstreit belauschen, den er in des Adressaten Herz entfesselte. Die «Christenpflicht» regte diesen nicht mehr auf, als die Zehnermarke auf dem Kuvert. So was schwamm in dem Tintenbächlein mit, wie ein Stück Rinde im Bergbach. Ärgerlicher war Tillmann die unerbetene Einmischung und die Warnung — just weil sie ihren guten Grund haben konnte. Mochte Mißgunst drin stecken oder nicht, aufzupassen lohnte sich unter allen Umständen. Die Frage «was geschieht mit meinem Gelde?» jagte Hans Tillmann durch die immer tiefer streichenden Nebel und drückte ihm schon ein wenig die Augen aus den Höhlen, als er zu Nieseten in das Bureau des Herrn Ueltschi trat. Nach sehr kurzer, seine Unruhe erst recht verratender Einleitung rückte Tillmann gleich mit dem Wunsche heraus, sein Geld aus den oberländischen Kuretablissements zurückzuziehen. Daß einer plötzlich Geld haben mußte, war dem Chef des Unternehmens durchaus geläufig, weshalb er seine Seelenruhe nicht einen Augenblick verlor.

«Wenn Sie Geld brauchen,» sagte er, die Hände 190 faltend, «so schreiben Sie Herrn Ryter ein paar Zeilen. Er wird sich ein Vergnügen daraus machen...»

«Ich brauche weiter kein Geld,» unterbrach Tillmann den Behäbigen, «aber mein Geld möchte ich zurückziehen.»

«Das freilich wird so leicht nicht zu machen sein, es wäre denn, daß jemand Lust hätte, seine Partiale durch Aufkauf der Ihrigen zu vergrößern. — Aber warum wollen Sie denn Ihr Geld herausnehmen? Das wäre doch unklug.»

«Ich habe das Vertrauen in die Sache ein wenig verloren, und sehen Sie, wenn man wie ich... wenn... kurz, ich fürchte zu viel auf eine Karte gesetzt zu haben.»

«Da kann ich Sie beruhigen. Wenn nicht alles täuscht, werden wir gut schaffen. Und überdies, Herr Tillmann, sind Sie als Ingenieur bei der Sache ganz speziell interessiert. Es versteht sich doch von selbst, daß wir bei der Begebung der Arbeiten in erster Linie diejenigen berücksichtigen, die das Risiko tragen helfen. Den Vorteil haben Sie uns andern gegenüber voraus. Aber, wie gesagt, ich verstehe Ihr Mißtrauen durchaus nicht.»

«Es ist ja auch nicht eigentlich Mißtrauen. Mir ist nur nicht mehr so recht behaglich dabei, seitdem das zusammengelegte Kapital nicht mehr dem ursprünglichen Zweck dienen soll. Sie wissen ja, daß es sich seinerzeit nur um den Ankauf von Prankenau handelte. 191 Da hätten wir doch etwas in Händen gehabt, das seinen Wert niemals ganz einbüßen würde.»

«Ganz richtig, Herr Tillmann! Aber Sie haben ja der Aktionär­versammlung beigewohnt, in welcher beschlossen wurde, dieses Projekt in zweite Linie zu stellen. Und wie richtig diese Vorkehr war, das zeigt sich heute erst recht. Das wird Sie interessieren. Vorige Woche waren wir in Bern bei dem Notar des Herrn von Guldwang. Der alte Herr war auch da. Zuerst hatte es den Anschein, als wollte die Sache glücken. Es lag ein Angebot der Finanzdirektion vor. Das gefiel dem alten Herrn gar nicht, besonders als es hieß, der Staat würde eine Armenanstalt in dem Schloß unterbringen. Das kann man ja verstehen. Der Notar wollte uns Gelegenheit geben zu einem höhern Angebot, und wir legten zehntausend zu. Da ließ sich der alte Herr unsere Papiere vorlegen. Auf einmal sieht er verwundert auf. ‹Was ist das für ein Tillmann?› fragt er den Notar. Und Freund Ryter antwortet statt des Notars: ‹Den müssen Sie kennen, Herr — äh — von Guldwang. Der wohnt ganz nahe bei Ihnen.›

Jetzt schaut er verwundert von einem zum andern, als ob wir Hörner hätten. — ‹Der Tillmann in der Känelmatt, der...› Ich will nicht wiederholen, was er Ihnen für einen Titel zudachte. — ‹So? Der? — Dann will ich Sie nicht länger hinhalten, Messieurs› sagt er, steht auf und geht ins andere Zimmer. Auf der Schwelle dreht er sich nochmals um und sagt: 192 ‹Prankenau ist mir überhaupt noch nicht feil.› Und bumps! war die Türe zu. Wir mit hängenden Ohren ab. — So liegen die Sachen, Herr Tillmann. Nun heißt’s vorwärts machen. Das Geld muß schaffen.»

«Nun also,» antwortete Hans Tillmann, «wenn euch mein Name hinderlich ist, so...»

«So ist uns Ihr Geld doch nicht hinderlich. Nur ruhig Blut! Wir werden auch ohne das Schloß Prankenau zu einer schönen Rendite kommen.»

Tillmann hatte das Gefühl, bei diesem Manne werde er nichts erreichen, und empfahl sich. Die Einladung zu einer Flasche lehnte er ab. Ingrimms voll stapfte er langsam durch den Nebel nach Elsigen hinauf. Sein Geld lag in einer schlimmen Rinne, sein ganzes mühsam erarbeitetes und erspartes Vermögen, mit dem er einst Prankenau auf den Kopf hatte stellen wollen! Und wollte er nicht Gefahr laufen, es ganz zu verlieren und zuletzt seinen Kindern einen Bettelstab zu hinterlassen, so blieb ihm nur die Wahl, entweder mit diesen geriebenen — Schelmen von den «Kur­etablissements» unter die gleiche Decke zu schlüpfen und sich mit ihnen skrupellos um die zweifelhafte Beute zu balgen oder sein Geld wieder heraus zu bringen. Zu letzterem entschloß er sich, selbst auf die Gefahr schwerer Einbuße hin, als er abends im «Wilhelm Tell» vor sich hinbrütete. Durchfroren, hatte er eine Flasche starken Weines mit sich auf sein Zimmer genommen. — Immerfort plätscherte draußen die Dachrinne, und die 193 Fensterscheiben liefen an. Der Schnee konnte nicht mehr weit sein. — Nein, das sollten die Kinder Hans Tillmann nie vorhalten können, daß er ihnen das Leben durch zweifelhafte Spekulationen verdorben habe. Es war ihm, ohne daß der Junge ein Wort davon gesagt, klar bewußt, daß er Heini das Opfer seines Sehnens durch die väterliche Autorität abgezwungen und damit auch den Herzenswunsch seiner verstorbenen Frau totgeschwiegen hatte. Solche Opfer vermochte nur die erfolgreiche Durchsetzung seiner Pläne zu rechtfertigen. Aber nun schien sich alles wider diese Pläne zu verschwören. Wieder und wieder durchging er die Erlebnisse des heutigen Tages. — «Meine Christenpflicht und meine langjährige Erfahrung in Geldsachen...» Hans Tillmans Hände ballten sich zu drohenden Fäusten. Ein grimmiger Fluch entrann seinen Lippen. «Das ist’s eben,» knurrte er, «wo unsereiner die Hand ausstreckt nach...» Durch das Dunkel seiner Gedanken flitzte stern­schnuppen­gleich die Erinnerung an Frau Schraners Warnungen: «In braver Leute Händen kann’s zum Unglück ausschlagen.» Warum aber gelang es denn immer denen, die ohnehin herrlich und in Freuden lebten — einem dicht vor der Nase?

Der einsame Mann schüttete hastig ein Glas des feurigen Wallisers in einem Zug hinunter, als könnte er damit die Glut seines Grolles dämpfen. Statt dessen schlug in seinem Herzen hoch auf die Lohe des glimmenden Hasses gegen seine glücklichen Nachbarn, besonders 194 gegen den alten Aristokraten, der spielend seinen stolzen Besitz gegen Hans Tillmanns eitle Minierarbeit verteidigte.

Tillmann hatte Briefpapier zurechtgelegt, um an den Bankier Ryter zu schreiben. Weg damit! Auge in Auge mußte mit dem geredet werden. Es koste, was es wolle. Sein Geld wollte er heraus haben, und dann wollte er noch einmal alle Kräfte einsetzen.

In einen Klubsessel versenkt hockte Hans Tillmann andern Tages in der Wechselstube von Ryter & Co. — Kalt und klar leuchtete draußen der erste richtige Herbsttag. Der Schnee reichte, wie erwartet, bis tief in die Maiensäße herunter. Nur auf den Hochfirnen noch besannen sich zu Wolken geballte Nebel. — Tillmann fühlte sich in dem allzu behaglichen Fauteuil entkräftet. Seines Mangels an geschäftlicher Gewandtheit bewußt und von dem gestrigen Wein aller frischen Stimmung beraubt, hatte er sich vorgenommen, den Harthölzernen zu spielen. Und zu dem Zweck hatte er heute früh sich mit mehreren Schnäpsen versteift. Aber der Erfolg war das Gegenteil von dem, was er gewollt. Hatte es ihm schon gar nicht gelingen wollen, sein Begehren mit der Wucht vorzubringen, die auf dem Werkplatz aus jedem seiner Worte einen ehernen Befehl machte, so ärgerte er sich jetzt über die Impotenz, mit der er dem Geldmenschen zuhörte, der da vor ihm mit einem silbernen Crayon spielte und mit beleidigender Gelassenheit über den schief auf der dicken Nasenspitze reitenden Goldzwicker 195 hinweg äugte. Zu allem und jedem Entgegenkommen war Herr Ryter bereit; nur begriff Tillmann nicht, worin dieses Entgegenkommen bestand, jedenfalls nicht in seiner Entlassung aus dem Konzern der Kuretablissements. Das einzige, was er mit aller Deutlichkeit zu erfassen vermochte, war, daß nur ein Dummkopf von einer derartigen Unternehmung nicht profitieren möchte. Als er das Fehlschlagen des Ankaufs von Prankenau erwähnte, verzog Herr Ryter den Mund zu einem geringschätzigen Lächeln und machte mit der Hand eine wegwerfende Geste. Da wäre doch nie was «Gefreutes» draus geworden, meinte er. Schade wäre es gewesen, das Geld dort hineinzuwerfen, das in den Kuretablissements seine zehn Prozent netto abwerfen könne. Mit der Einladung, sich die Sache doch noch sehr zu überlegen, versicherte der Wechsel­stubenmann seinen Interpellanten der gewissen­haftesten Leitung des Unternehmens, und Tillmann brachte nichts anderes heim als den Vorsatz, die Truhe, welche ihm sein Geld vorenthielt, an einer andern Stelle anzubohren.

*  *  *

Seines Laubschmuckes zum größten Teil beraubt, zeichnete das niemals verstümmelte Geäst der Kastanienbäume von Prankenau eine fein ziselierte Riesenurne vor den blutroten November-Abendhimmel, und auf dem sanft glühenden Spiegel des Teiches schwammen, leblos treibend, Hunderte von dürren Blättern. Schon 196 blinkte am blassen Firmament hie und da ein Sternlein, und aus dem Tal hoben sich, bergan­schleichend, kühle Schleier. Wo sie die breiten Abendschatten überflossen, fingen auch sie das wehmütige Farbenspiel der mächtig großen Sonnenscheibe auf, während sie die Baumgerippe zu gespenstischen Schemen umwandelten.

Auf der Zelg unterhalb des Parkes von Prankenau waren Gräben gezogen. Ab und zu erhob sich daraus der flickenbedeckte Rücken eines Arbeiters. Gesenkten Hauptes stand, den einen Fuß auf einen Erdhaufen stemmend, Hans Tillmann daneben. Seine Bewegungen verrieten Ungeduld. Schon mehrere Tage hatte er nun verloren mit dem Aufsuchen der Wasseradern, welche die Zelgwiesen versumpften und deshalb abgeleitet werden sollten. Ein Auslassen der baufälligen Schloßteiche, welches die Feststellung erleichtert hätte, war, wie zu erwarten stand, nicht gestattet worden.

Zudem trug Tillmann einen Brief von Ryter in der Tasche, der ihm klipp und klar meldete, daß eine Zurückziehung seines Geldes aus den Kuretablissements zurzeit unmöglich sei. — Trübe Aussichten!

Ein heller Punkt bewegte sich dem Waldrand entlang. Ein Hund. Niemand achtete sich seiner und ebensowenig des Mannes, der ihm langsam folgte. Die Arbeiter ächzten im Graben. Als der Wanderer den kleinen Fußpfad längs des Parkes über der Zelg hinschritt, erkannte man ihn. Der dicke Pelzrock über den dünnen Beinchen gab dem Schloßherrn ein fast komisches Aussehen. 197 Er trug die Doppelflinte unterm Arm und hatte die Hände in den bequemen Taschen stecken.

Auf einmal wedelte «Diana» um den Graben herum. Das schöne Tier schnupperte an der auf dem Erdhaufen liegenden Provianttasche eines Arbeiters und stieß mit der Schnauze das Ding über den Erdhaufen. Da beugte sich Hans Tillmann zur Erde. Er hob eine harte Scholle und warf sie mit einem Fluch nach dem Hund, der aufwaißend davonhinkte.

Kaum war das geschehen, so stand Herr Scipio von Guldwang dicht neben Tillmann. Unwillkürlich hatte er das Gewehr gelockert, als er rief: «Was hast du meinen Hund zu schlagen, du verdammter Rüpel?»

Hans Tillmann rührte sich nicht. Er maß nur den Jäger mit Blicken der Verachtung. Aber sein Blut wallte in Haß, während all die bösen Empfindungen der letzten Zeit in tollem Flug durch seinen Kopf jagten.

«He?» keuchte Herr Scipio. «Nimm dir noch einmal so was heraus!» Unglücklicher­weise hatte er in seinem Zorn das Gewehr so gefaßt, als wollte er mit dem Kolben nach Tillmann stoßen.

Da schoß Tillmann etwas in die Glieder. Er wußte plötzlich nichts mehr von sich, nicht, was seine Hände taten.

Herr Scipio von Guldwang lag stöhnend im Gras. Hans Tillmann gewahrte in seinen eigenen Händen die Flinte und warf sie weg. Wie zu Stein geworden stand er vor dem hingestreckten Gegner.

198 Unbeholfen kamen die Arbeiter, einer um den andern, aus dem Graben gekrochen. Scheu betrachteten sie den am Boden Liegenden, dessen Glieder sich in Zuckungen dehnten. Ihre verstohlenen Blicke streiften die zitternde Gestalt ihres Meisters. Lange dauerte es, bis er ihnen befehlen konnte, im Schloß Hilfe zu holen. Einer trottete davon. Die beiden andern folgten. Noch hörte Tillmann, wie sie, vom Grausen gepeitscht, den Park hinaufrannten. Er selber wollte warten, bis die Leute wiederkamen; aber auf einmal packte ihn eine gräßliche Angst. Er lief davon, kaum wissend wohin. Der Nebel, der aus dem Känelmatt-Tälchen herabhing, verschlang seine wankende Gestalt. Nun war niemand mehr bei dem Herrn von Prankenau als die treue Hündin. Die streckte sich ins Gras, legte den Kopf aus die schlanken Vorderfüße und blickte unverwandt auf ihren Herrn.

Die Sonnenscheibe berührte den Horizont. Eine letzte rötliche Lichtwelle rieselte über die Zelg. Die breite Front des Schlosses rötete sich. Die Fenster leuchteten matt durch das nebelumflorte Gezweige des Gartens. Dann erlosch alles in einem schaurigen Nachthauch. Ein langgezogenes Heulen des Hundes zerriß die Stille. Bald darauf raschelten Schritte. Zweige knackten, Laubhaufen knisterten. Verhaltene Stimmen näherten sich. Dunkle Gestalten brachen aus dem Saum des Kastanienhaines. Sie scharten sich unter Ausrufen des Entsetzens um den regungslosen Körper, und bald bewegte 199 sich ein Knäuel von schleppenden Menschen gegen den Hain und durch den schweigenden Park hinauf.

Während sie Herrn Scipio über die Freitreppe hinauftrugen, ward in der Känelmatt eine Türe zugeworfen. Von der Laube glitt Hans Tillmanns Blick über den Hügelwalm. Da ragte, eine versteinerte Anklage, vor dem dunkeldämmernden Himmel der Dachknauf von Prankenau aus dem schwarzen Boden.

Eine halbe Stunde später schrillte am Doktorhause zu Kilchwerlen die Glocke. Als der Arzt heraustrat, rief eine heisere Stimme: «Kommen Sie schnell — nach Prankenau hinauf! — Ein Unglück. — Ich — habe — den alten Herrn — erschlagen.» Im trüben Licht des Hausgangs erkannte Doktor Muffler das entstellte Gesicht Tillmanns. Blitzschnell fügten sich des Arztes Gedanken in einen Zusammenhang. Ohne Worte zu verlieren, packte er seine Instrumente zusammen und eilte, von Tillmann gefolgt, bergan.

Fast atemlos erreichte der Arzt das Schloß. In der Gegend der Känelmatt hatten sich hinter ihm die Schritte seines unheimlichen Begleiters verloren. Allein betrat er das Haus. Ohne von den herumstehenden Leuten Notiz zu nehmen, eilte er in das Schlafzimmer seines alten Patienten. Es war in arger Unordnung. Am Bette machten sich Dienstboten zu schaffen, unter ihnen Frau Schraner.

Der Arzt winkte die Leute weg und befahl einem Mädchen, ihm mit der Lampe zu leuchten. Aber Mädi, 200 die mit dem Knecht an dem Lager stand, sagte: «Wir dürfen ihn nicht loslassen. Er will aufstehen. Er ist nicht bei Sinnen.»

«Laßt sehen!» Der Arzt begann den Kopf des wild um sich blickenden Patienten zu betasten. Er fand nur eine starke Beule, aber aus einem Ohre sickerte Blut. Der Puls, bei der Unruhe des Patienten schwer zu fassen, war schlecht. Nach und nach nahmen die heftigen Armbewegungen ab.

«Habt ihr Bescheid gemacht in die Stadt?» fragte der Arzt. Als man ihm berichtet, daß an Herrn Fernand Bericht abgegangen sei, setzte er eine Depesche um ärztliche Hilfe auf. «Wird zwar bei dem Alter des Patienten nichts mehr nützen,» sagte er sich, «es sei denn, daß seine zähe Soldatennatur auch das noch überwinde. Haben überhaupt keine Wahl. Trepanation oder Tod!»

Nachdem ein junger Bursche mit der Depesche nach Kilchwerlen abgesandt war, schickte der Arzt alles weg, was sich aus Neugier im Schloß eingefunden hatte. Einzig Frau Schraner, die als alte Vertraute für den Winter wieder in des Herrn Dienste gezogen worden, behielt er bei sich. Den Kopf in die Hand gestützt, saß er im gedämpften Licht der Lampe an dem runden Tisch, der mit Papieren, Rauchmaterial und allerhand Gegenständen übersäet war, deren der alte Herr sich im täglichen Leben bedient. Dann und wann lockte ein Blick auf die im Halbdunkel nur schwer erkennbaren 201 Bilder an der Wand des Doktors Gedanken in längst vergangene Jahre zurück. Da hingen neben großen und kleinen Ölporträts liebliche Aquarell­bildnisse von Dietler, Landschaften aus Sizilien und der Campagna, Steindrucke mit den Reiterbildnissen von Radetzky und Jellachich, alles Dinge, die den Lebensweg des Herrn Scipio zeichneten. Dr. Muffler kannte diesen Weg seines Patienten ziemlich genau. Ihm war bewußt, welch ein origineller Mensch hier seiner letzten Stunde entgegenging, und eine tiefe Wehmut ergriff den Mann, der, selber ein Original, schon lange sich einsam gefühlt in der so anders werdenden Welt.

Stunden flossen dahin. Ab und zu verfiel der Verwundete in Krämpfe und schlug um sich, so daß der Arzt und die alte Hüterin alle Kraft anwenden mußten, um den Ungebärdigen auf seinem Lager zu halten. — Endlich hörte man einen Wagen rollen. Lautlos traten bald darauf Herr Fernand und Frau Dorothea ein. Es geschah gerade in einem Augenblick der Konvulsion. Das Schreckhafte des Anblicks drohte Frau von Guldwang zu überwältigen. Man mußte sie hinausführen. Als der Patient in Erschlaffung fiel, wurde sie wieder gerufen. In Angst und Mitleid bebend, setzte sie sich dicht an das Bett und ergriff des Kranken Hand. Sein Blick ruhte auf ihr, aber er schien sie nicht zu kennen. Zärtlich streichelte sie die hagere Hand, um ihm, wenn möglich, zum Bewußtsein zu bringen, wer da sei. Bald schien ihr, die Augen des alten Herrn belebten sich 202 wieder. Da verspürte sie in seiner Hand ein Zucken. Ein kurzes Röcheln folgte, ein Zusammenziehen des Gesichtes, ein angstvolles Aufsperren der Augen, ein hauchendes Geräusch aus dem sich öffnenden Munde. Dann lösten sich die Züge aus dem Krampf zu feierlicher Ruhe. Augen und Mund waren offen geblieben. Herr Scipio von Guldwang, der letzte Herr auf Prankenau, hatte seine irdische Behausung verlassen. Während die Freundin, unter dem furchtbaren Eindruck des Todes aufschluchzend, in den Lehnstuhl sank, auf dessen Lehne sie so oft mit dem Einsamen in erheiternder Anmut gespielt, trat der alte Arzt an das Sterbelager und schloß der in Schönheit erstarrenden Leiche Mund und Augen.


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