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VIII. Zum Amne Matschen

In den Tagen vor und nach dem Fest im Kloster Dunkur war es trüb und kalt. Während des Tanzspieles war es jedoch schönes sonniges Wetter gewesen, und darum sprach jedermann von der Macht der frommen Mönchsgebete, die ein solches Wunder zuwege gebracht.

Wir bekamen in diesen naßkalten Tagen in dem luftigen Zeltlager vor Schara khoto ein Vorgefühl dessen, was unser in Hochtibet wartete. Nur mittags zeigte manchmal das Thermometer ein paar Wärmegrade. Und doch war ich froh, daß es nicht lockendes warmes Frühlingswetter gab. Ich hätte mir sonst Vorwürfe machen müssen, daß ich so lange in Schara khoto stillag.

Die ersehnte Antwort des Amban kam am 22. April. Die alte Exzellenz der Kuku nor-Banner schrieb mir ganz kurz und familiär auf einer ihrer rosaroten Visitenkarten, Soldaten hätte leider sein Ya men keine, dem Ting von Dankar, als dem letzten Mandarin an der Grenze, sei jedoch befohlen worden, mir eine Eskorte von zehn Mann mitzugeben. Gleichzeitig mit diesem Schreiben ließ sich auch schon der Ting von Dankar vernehmen. Auf seiner feuerroten Visitenkarte stand, daß auf Geheiß des Amban dem Schara khoto-er Hauptmann aufgetragen worden sei, mir bis an seine Grenze eine Schutzwache zu stellen. Das von dem Hauptmann beherrschte Gebiet hört aber nun streng genommen an seinem Tore oder zum mindesten schon wenige Kilometer hinter diesem auf, d. h. da, wo die Herrschaft des Amban, das Kuku nor-Gebiet, anfängt. Der Herr Amban hatte mich also schnöde an der Nase herumgeführt und eine für mich recht unangenehme Schiebung veranstaltet. Ich hatte dieses Verhalten jedoch vorausgesehen und konnte trotzdem am folgenden Tage Schara khoto verlassen und in Tibet einmarschieren. 2,4° C unter Null zeigte das Trockenthermometer meines neuen Aßmannschen Aspirationspsychrometers, als man an jenem Morgen um sieben Uhr mein Zelt niederlegte. Das Minimumthermometer war in der Nacht bis auf -11° gesunken. In langen Reihen standen neunzig schwarzhaarige Yakochsen, mit ihren Nasenringen und Halftern an langen Wollstricken festgebunden, um mein kleines Zelt herum. Alles war steif gefroren, und die langen Haare der Tiere waren über und über mit Reif überzogen. Dichte weiße Nebelwolken hüllten das Tal von Schara khoto ein. Nur im Südwesten der niedere Paß, der uns von der freien Tibetersteppe, von »Kou wei«, von »außerhalb der Reichstore« trennte, der lag frei und offen. Ein steifer, kalter Wind pfiff von dort zu uns herab und machte den Morgen noch ungemütlicher. Ringsum lag Schnee. Er knirschte unter unseren Tritten. Aus der weißen Decke ragten nur Steine und ein paar Grasspitzen, da Bäume im Tal von Schara khoto schon ganz fehlen und nur ein paar Buschbestände an vereinzelten, nordwärts und steil abdachenden Berghängen übriggeblieben waren. Schon in Schara khoto umgab mich das öde, wilde, das großartige Hochlandbild, das mich immer wieder mit elementarer Gewalt an sich zieht (Tafel XI).

Um die Kräfte meiner Karawane nach Möglichkeit zu schonen, hatte ich mir vier Tibeter und vierzig Yakochsen aus der Nähe von Schara khoto für die ersten Marschtage dazugemietet, vier stramme, hochgewachsene Bengel, die mit ihren störrischen, spitzhörnigen Rindern umsprangen, daß es eine Freude war, zuzuschauen. Im Handumdrehen standen die Tiere beladen da. Irgend ein gleichgültiges, ein sinnloses Wort mit vier Silben begann einer von ihnen zu trällern, und im flotten Takte dieser Silben wurden die Lasten auf die Sättel festgebunden. Ihre Pelzmäntel hatten die Bursche bei dieser Arbeit von den Schultern gleiten lassen, ihre braunen Oberkörper blieben frei dem eisigen Wind und Wetter ausgesetzt, echte »fan tse« des »ts'ao ti«.

In fünf großen Haufen zog man kurz nach sieben Uhr ab. Hinter jedem Haufen kamen einige Treiber mit Reservepferden und einigen Maultieren. Die zehn Mann des Hauptmanns von Schara khoto zogen getrennt für sich ihres Wegs. Diese allein gingen zu Fuß und hatten ihre Füße in Sandalen stecken. Sie hatten eine große rote Fahne mit, sowie zwei schmächtige und in der Kälte zitternde Esel, die ihnen ein riesiges, aber zerlumptes Zelt und Kochtöpfe, einige Gabelgewehre und Schwerter nachtrugen. Die Soldatengesellschaft nahm sich erbarmungswürdig elend aus und erinnerte mehr an Marodeure denn an eine kaiserliche Schutzwache, die eben ihre Garnison verläßt. Selbstredend hatte jeder einzelne dieser Helden sein Opium bei sich, und alle waren von diesem Lebenselixir derart abhängig, daß sie unterwegs in der Steppe alle zwei Stunden sich niederlegen und eine Dosis rauchen mußten, sonst hätten ihre Beine nicht ausgehalten. Gewiß alles, was man von einer schlagfertigen Truppe verlangen kann! In Kan su war es schwer, Leute zu finden, die nicht Opium rauchten. Es wurde in dieser Provinz besonders viel Opium angebaut, der Preis war ganz außerordentlich niedrig, so daß sich hier jedermann diesen Luxus leisten konnte. Bei der Auswahl der Diener und Begleiter meiner eigentlichen Karawane hatte ich die größte Mühe, keine Opiumraucher mitzubekommen.

Ich hatte im ganzen zehn Mann angeworben, und zwar mohammedanische Chinesen, gewöhnliche Chinesen und einen Tibeter. Etwa die zehnfache Zahl hatte mir ihre Dienste angeboten. Überall in China, selbst in dem leutearmen Kan su, herrschte großer Arbeitsmangel.

Der Gerissenste von allen meinen Leuten war und blieb der Chinese Tschang aus Hsi ning fu, dann kam Tsch'eng, der Schuhmacher aus Kue de, den wir gelegentlich meines Abenteuers bei den Ts'anern kennengelernt haben, und weiter Han aus Bamba, zwei Mohammedaner namens Ma, ein Go, Me und noch ein Tschang, ein Sung und ein Wang. Alle genossen bei ihren Landsleuten den Ruf, mutige und entschlossene Männer zu sein. Die beiden Tschang und Sung hatten im letzten Mohammedaneraufstand als Soldaten der kaiserlichen Armee mitgefochten, Sung hatte gar der Soldateska des berüchtigten Tung fu hsiang angehört, und bei der blutigen Belagerung der mohammedanischen Zwingburg Doba (30 Li westlich von Hsi ning fu) waren diese drei dabei gewesen und hatten mitgestürmt. Meine Mohammedaner Han und Ma waren damals in dem belagerten Doba eingeschlossen gewesen und nur mit knapper Not dem schließlichen Blutbade entronnen. Me hatte bereits eine Pilgerreise nach Lhasa hinter sich, er lebte früher in dem großer Kloster Aru Rardscha am oberen Hoang ho, das er von Kue de aus zu Fuß in vierzehn Tagen erreicht hatte. Mit Ausnahme des einen Tschang und eines der Ma konnten alle Tibetisch sprechen, Han war gut im Mongolischen; auch galten alle für gute Schützen.

In den erzwungenen Rasttagen vor Schara khoto waren die Leute von mir einexerziert worden. Sie wurden im Gebrauch meiner Waffen geübt. Es wurden Alarmübungen bei Tag und Nacht abgehalten. Ich ließ Entfernungen schätzen und veranstaltete Scheibenschießen mit Preisverteilung. Diese Übungen machten meinen Begleitern sichtlich das größte Vergnügen, und auch der Herr Hauptmann zeigte dafür Interesse. Wir veranstalteten einen regelrechten Felddienst, wobei die Kaiserlichen die Räuber markierten, die mein Lager attackierten. Das Ende jener Übung war, daß ich einen Ochsen schlachten ließ, den wir dann gemeinsam verzehrten. So war bei meinem Aufbruch die Stimmung allgemein die allerbeste geworden.

Ein müheloser Anstieg brachte mich und meine Yakherden auf den obenerwähnten Bergsattel, auf die Wasserscheide zwischen dem Hoang ho, bzw. dem Meere, und dem abflußlosen Hochasien. Ich maß die Höhe mit 3420 m. Von Schara khoto beträgt die Entfernung dieses Passes nur 6 km, und man steigt bis dorthin keine 300 m mehr.

Mit einem Male drang mein Blick in weite Fernen. China mit seinem Lößstaub, mit seinen beengenden Tälern, mit seinen reißenden Bächen und Strömen lag hinter mir, war überwunden. Ich bin oben! Ein glückseliges Gefühl durchrieselt meinen ganzen Körper, und mit freudig erregtem Herzen sehe ich die Karawane langsam, Haufen um Haufen, über den Paß ziehen. Ich fühle mich am Höhepunkt meines Lebens angelangt. Mit dieser Schar mußte es mir gelingen, in die tiefsten Geheimnisse Tibets zu schauen. Ich konnte meiner inneren Bewegung nicht Herr werden. Ich mußte laut in den herrlichen sonnigen Morgen hineinjubeln, so daß meine Tibeter sich erstaunt umsahen und glaubten, ich wolle den Paßgott anrufen.

Ich stand auf dem Dache der Welt, das von den Firnen Pamirs bis an meine flache Wasserscheide herüberreicht. Die erste – wie die Tibeter sagen – »Yung« lag vor mir, eine riesige breite und flache Talwanne, hoch über der Waldgrenze, ohne jeden Busch und Baum, nur mit ein paar Haufendünen in der Mitte.

Ich verließ auf dem Passe die große Handelsstraße, die die früheren europäischen Reisenden verfolgt, die auch Filchner und ich zusammen eingeschlagen hatten. Ich hielt mich weiter links und ritt, ohne eine Wegspur zu haben, quer über das vor mir liegende Tal.

Wir schlugen an diesem ersten Marschtage kurz nach zwölf Uhr in der Mitte des großen Längstales unser Lager auf. Sehr weit waren wir also nicht gekommen. Yak sind eben Ochsen und marschieren langsam. Könnte man in Osttibet die Tiere auch bei Nacht grasen lassen, so wäre es möglich, längere Märsche zu machen; da dies aber der Unsicherheit wegen nicht ausführbar ist, so bleibt immer nur der halbe Tag für die Fortbewegung übrig. In den kurzen Nachmittagsstunden unseres ersten Marschtages aber suchten die Tiere vergebens satt zu werden. Von dem trockenen Wintergras, das als dünner gelber Schleier die Ebene bedeckte, hatten die Herden der Nomaden nur noch die holzigsten Halme stehen lassen.

Unsere erste Nacht in Hochtibet verlief vollkommen ruhig. Nachdem es zu dunkeln angefangen hatte, wurden die Tiere in die Mitte zwischen die Zelte getrieben. An fünf Stellen darum herum legten wir uns zum Schlafen nieder, und eine Wache, mit geladenem Gewehr im Arm, begann das Lager zu umkreisen. Langsam verlöschten die Feuer, und auch der Wind schlief allmählich ein. Kein fremder Laut ließ sich mehr hören, nur das leise Gurgeln der vielen wiederkäuenden Rinder und dann und wann der gellend lachende Ruf der Wache unterbrachen die Stille.

Am Morgen des 24. April zeigte das Thermometer – 8°. Wir verließen das breite Längstal und überschritten einen niederen Zweig der östlichen Fortsetzung des Süd-Kuku nor-Gebirges, d. h. der Höhen, die sich südlich vom Kuku nor in WNW-OSO-Richtung über mehrere hundert Kilometer hinziehen. Obwohl wir ohne jeden Weg gerade drauflosmarschierten, kamen wir ohne Schwierigkeit hinüber. Früh am Nachmittag schlugen wir Lager am Rande der nächsten »Yung«, eines breiten Tales, das sich parallel zu dem vom vorhergehenden Tage hinzieht. Wir begegneten unterwegs vielen Antilopen, und rings um unsere Zelte wohnten Murmeltiere, die neugierig vor ihren Löchern »ein Männchen machten« und bei jeder Annäherung ängstlich zu pfeifen begannen. Unser neuer Lagerplatz hatte kein Wasser, aber es gab noch etwas Schnee von der Woche vorher. Die Sonne hatte freilich weitaus das meiste aufgeleckt. Heute mußten die Tiere nirgends mehr das Gras aus dem Schnee herausscharren.

In der Nacht wollten die Soldaten, auf ein Extratrinkgeld pochend, die Wache übernehmen, und zwar sollten immer zwei Mann gleichzeitig aufpassen. Ich lieh ihnen eines meiner Gewehre, um vorkommendenfalls rasch durch einen Alarmschuß geweckt zu werden. Die Tibeter fanden die Posten jedoch um Mitternacht in tiefstem Schlaf, und weil eines ihrer Pferde sich unbemerkt losgerissen hatte und erst nach langem Suchen wiedergefunden wurde, so entstand daraus nächtlicherweile eine Prügelei. Meine zehn Diener versuchten Frieden zu stiften, hatten dabei aber von beiden Seiten Hiebe bezogen. So standen sich zuletzt drei Parteien mit gezückten Schwertern gegenüber und überboten sich in Schimpfworten. »Apa, Vater, schicke die nichtsnutzigen Hunde auf der Stelle weg,« schrien die Tibeter, »oder wir treiben noch in dieser Nacht unsere Ochsen nach Hause!« »Die Hsi fan tse (Tibeter) sind Lügner und Diebe,« kreischten die Soldaten, »sie wollten das Pferd auf die Seite schaffen, damit du ihnen ein neues kaufen sollst.« Alle vierundzwanzig Männer schrien und brüllten durcheinander, und die Hunde waren hierdurch so verwirrt geworden, daß sie in ihrer Wut bald die Chinesen, bald die Tibeter an den Beinen packten. Beide betrachteten sie als nicht hergehörende Eindringlinge. Auch mein kleiner englischer Terrier wollte sich beteiligen. Einer von den tibetischen Mastiff packte ihn jedoch am Genick und schüttelte ihn, daß das Tierchen beinahe daran zugrunde ging. Die Aufregung war allgemein.

Ich ließ vom Zelt aus durch Tschang den Parteien mitteilen, daß ich keinem einen Cash bezahlen, sie vielmehr alle ohne Ausnahme durchprügeln werde, wenn sie nicht sofort aufhören würden, meine Nachtruhe zu stören. Als man sah, daß man bei mir nicht ohne weiteres seinen Willen durchdrücken konnte, flaute die Aufregung langsam wieder ab. Die Parteien hockten jedoch den Rest der Nacht grollend um ihre Feuer und beratschlagten unter sich. Und ich saß wachend in meinem Zelt und bangte, es könnten einige unbemerkt davonlaufen.

25. April. Wir querten zunächst das Wannental, dessen Rand wir eben noch am Tage zuvor erreicht hatten. Es war darin ein prächtiges Weideland, nur schade, daß es noch so winterlich anmutete und alles Gras gelb und tot dastand.

Weiter gegen Westen liegt in der Achse dieses Tales der Wayen oder Bayan nor, ein mehrere Quadratkilometer großer Süßwassersee, der keinen sichtbaren Abfluß zeigt, der jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach unterirdisch mit tieferliegenden Stellen weiter im Süden verbunden ist. Südlich von ihm ging es weiter nach Westen.

Als die Soldaten sahen, daß ich vom Bayan nor aus nach Süden umbog, erklärte mir ihr Anführer, daß sie nun nicht mehr mit mir könnten, sie seien weiter gegangen, als das Einflußgebiet ihres Vorgesetzten reiche. Ich hatte keinen Grund, die nutzlose Gesellschaft länger zu halten. Sie erhielten ihr Gehalt von mir, machten ihren Ko tou und waren bald lustig singend in der entgegengesetzten Richtung meinen Blicken entschwunden. Mit ihnen ging ein letzter Brief an meine Eltern, der pünktlich drei Monate später an seinem Bestimmungsort ankam.

Südlich des Bayan nor und des schon mehrfach genannten Süd-Kuku nor-Gebirges dehnt sich eine riesige Steppe aus, die »Tala«. Diese zu queren war mein weiterer Plan, denn es war über deren Größe und Beschaffenheit noch so gut wie nichts bekannt geworden. Die ebene Fläche der Tala hat die Gestalt eines spitzwinkligen Dreiecks. Der spitze Winkel liegt ganz im Westen, noch etwas westlicher als der »Dábassu nor«, als der große »Salzsee«, der weitherum durch sein leicht zu gewinnendes und reines Kochsalz berühmt ist. Den nördlichen Schenkel des Dreiecks bildet der Zug des Süd-Kuku nor-Gebirges, den südlichen eine Kette, die nach dem berühmten russischen Forscher Exzellenz Semenow-Tian-schansky als Semenowgebirge in unsere Karten eingeführt wird. Von der Spitze bis zur Basis dieses Dreiecks sind es 200 km. Die Basis hat eine Breite von 80 km und wird vom Hoang ho gebildet, der in einem engen, 150 m tief und steil eingerissenen Spalt durchschießt und -braust.

Vier europäische Expeditionen waren vor mir in die Nähe der »Tala« gekommen. Alle bewegten sich jedoch den Rändern entlang, und auf den wichtigen Verkehrswegen, die sich im Norden und Süden am Fuße der Bergketten hinziehen und durch tausendjährige Benutzung allmählich zu breiten und steinigen Straßen ausgetreten worden sind, Auf der Filchnerschen Reise hatten wir auf meine Anregung hin versucht, einen neuen Weg einzuschlagen. Wir mühten uns aber damals vergeblich ab, vom Bayan nor aus quer durch die Tala einen solchen ausfindig zu machen, und wir mußten darum schließlich der schon von Rockhill und Grenard begangenen Hauptstraße folgen. »Es geht nicht anders, es gibt keinen anderen Weg!«hatten wir zur Antwort bekommen. »Quer durch die Tala sind es drei lange Marschtage ohne Wasser, so lange halten die Ochsen und Pferde nicht aus.« Zufällig hörte ich anderthalb Jahre später vom Dankar ting, daß er 1905 auf seinem Zug in das ngGolokh-Land mitten durch diese Wüste gekommen war, und darum ließ ich mich jetzt nicht mehr zurückschrecken, als ein neues »Unmöglich« an mein Ohr klang. Ohne lange zu fragen, zog ich vom Bayan nor aus nach Süden. Das Glück war mir bei diesem neuen Vorstoß hold, wir stießen auf ein Trockental, das nicht allzu viele Biegungen machte, und in dessen Sohle unsere Ochsen trotz der vielen Steine rasch vom Flecke kamen. Nach anderthalb Tagen zeigte sich in diesem Tale mit einem Male ein Bach in der Mitte, auf den die Tiere voll Gier losstürzten. Und auf dem Weitermarsch standen wir ebenso unerwartet vor einem munteren Flüßchen, das in einem ziemlich breiten Tale von Nordwesten her zu uns stieß, und staunend sah ich Lehmhütten und Stoppelfelder vor mir auftauchen, und nicht bloß Antilopen, sondern auch Reiher, Enten und gelbe Kasarkagänse hatte der Wasserlauf hierhergelockt. Wohl standen viele Hütten leer, doch begegneten wir einigen Familienvätern mit Rindern, Kamelen und Schafen. Ein mir fremd gewordenes Gebrüll erfüllte die Luft: die Eingeborenen hielten das farbige, kurzhaarige Rind, das ganz wie unser europäisches Vieh seine Begierden und Schmerzen ausdrückt, während das Yakrind oder der Grunzochse (Bos poephagus grunniens), und zwar sowohl das wilde wie das zahme Tier, nur durch ein kurz herausgestoßenes Grunzen oder Brummen seine Gefühle der Mitwelt bemerkbar machen kann. Ja, sogar ein verlassenes chinesisches Castrum, ein quadratischer Lehmwall, so groß, daß er fünfzig Soldaten zur Verteidigung dienen konnte, lag in diesem Tale.

Es wohnten hier nebeneinander Tibeter und Mongolen. Man begann eben erst mit dem Pflügen. Sie hatten dazu sehr schwere Pflüge mit einer Pflugschar in Speerspitzenform wie die der Chinesen, nur waren alle Teile viel plumper und massiger. Der Platz, an den ich geraten war, hieß Kabatalen, und der Fluß war der Tschabtscha tschü.

Da nun auf allen unseren Karten und selbst auf denen des Stieleratlasses angegeben ist, daß ein Fluß, der Huyuyung tschü, aus dem Dábassu nor kommt und durch die Gegend fließt, in der ich mich jetzt befand, so war ich nicht wenig verblüfft, daß mein Tschabtscha tschü und der Huyuyung tschü nicht ein und derselbe Fluß sein sollten. Um darin Klarheit zu schaffen und Gewißheit zu erlangen, zog ich von Kabatalen nicht geradeaus weiter nach Süden, sondern ich machte noch einmal rechtsum und ging erst auf die Suche nach dem Huyuyung tschü.

Die Tage in Kabatalen und vorher in dem Trockental waren für die Tiere sehr schlimm. Viel Steine gab's und wenig Gras. Weil die Yak immer nur auf das Weiden im Freien angewiesen sind, weil die Nomaden nie Heu machen und in den langen Wintermonaten nicht füttern, so sind die Tiere im Frühjahr überaus mager; wenige Hungertage und ganz geringe Anstrengungen, und sie sind vollkommen erschöpft. Ich hatte von vornherein damit zu rechnen, daß mich die Durchquerung der »Tala« mindestens ein halbes Dutzend Ochsen kosten würde. Nach einem Rasttag in Kabatalen waren die Aussichten aber noch viel schlimmer geworden, und als ich am 30. April das Tal des Tschabtscha tschü verließ, gab es schon nach wenigen Stunden mehr als ein halbes Dutzend Nachzügler. Am Abend fehlten drei Yak; sie waren unterwegs im Sande liegen geblieben. Der erste längere Marsch ging schon über ihre Kraft.

Noch bei Kabatalen hatten wir das Tal des Tschabtscha tschü verlassen und die Hochfläche der »Tala« erstiegen. In den ersten Morgenstunden ging es über eine harte und vollkommen ebene Unterlage, über eine Riesentenne, auf der nur dann und wann ein kümmerliches Pflänzchen wuchs. Ein paar Dünen lagen auf unserem Weg, gelbe Haufen von 20–30 m Höhe, die aussahen, als hätten hier Riesenhände mit der Wurfschaufel gearbeitet und Spreu vom Weizen gesondert. Daneben war die Ebene bis auf das letzte Sandkörnchen reingefegt.

Gegen Mittag erreichten wir eine um 3 m höhere Terrasse und gelangten dann in eine weit ausgedehnte Zone allgemeiner Versandung. Düne lag hinter Düne und erschwerte den Tieren das Fortkommen. Hier begannen die Verluste.

Wir hatten den ganzen Tag eine kleine Hügelgruppe im Westen als Richtungspunkt vor uns. Als diese endlich erreicht war, tauchte plötzlich ein Seespiegel auf. Aus Bergen von gelbem Sand leuchtete tief dunkelblau eine Wasserfläche heraus, der Si ni ts'o; in diesem See endet der Huyuyung tschü, den ich suchte. Der Si ni ts'o stellte sich wie der Bayan nor als abflußlos heraus, er enthält aber wie dieser Süßwasser. Er mißt von West nach Ost an der breitesten Stelle 5 km, von Nord nach Süd 3 km. Eine lange und schmale Landzunge, die sich von Westen her in den See hineinzieht, schafft zwei fast vollkommen getrennte Seen, einen nördlichen und einen südlichen. Diese Landzunge trägt einen hohen und scharf geschnittenen Kamm aus geschichteten Sandmassen und verdeutlicht uns die Geschichte des Sees: es ist der Si ni ts'o eine alte Flußschlinge des Huyuyung tschü.

Der Si ni ts'o ist nicht der einzige See, der einer alten Schlinge des Huyuyung tschü seine Entstehung verdankt. Eine gute Tagereise weiter westlich liegt noch ein anderer abflußloser See, der Gungga nor, den Grenard auf seiner eiligen Flucht nach Dutreuil du Rhins Ermordung entdeckt hat. Auch der Gungga nor ist süß.

Wir schlugen am Si ni ts'o auf einem sandigen Vorsprung, 50 m über dem See, das Lager auf; der Platz war sehr günstig für eine Verteidigung. Quer über den See hinüber sahen wir in einer Entfernung von 2 km auf einer kleinen Halbinsel ein großes weißes Zelt, sonst war nirgends weit und breit eine menschliche Spur zu entdecken. Das große Zelt übte von Anfang an eine magische Anziehungskraft auf uns aus. Wäre es von unserem Lagerplatz nicht so umständlich zu erreichen gewesen, wir hätten ihm sicherlich noch am Abend einen Besuch gemacht und nachgesehen, was es bedeutete. Selbst mit dem Glase konnten wir keinen einzigen Bewohner erblicken, auch keine Tiere grasten in der Nähe. Das Zelt schien vergessen am Ufer, nur dumpfe, mystische Schläge einer Baßtrommel zeugten von Leben darin; sie mischten sich bis in die späte Nacht hinein in das Rauschen der Wellen, die unter unserem Lagerplatz an das Ufer schlugen. Erst als nach Mitternacht ein heftiges Gewitter aus Westen heraufzog, als Blitze über dem See zuckten und der Donner rollte und krachte, verstummten die rhythmischen Töne, wie eben Menschengeräusche vor elementaren Gewalten erliegen.

Als ich in dieser Nacht auf meiner Kiste in meinem Zelt an den Tagebüchern und Kartenaufnahmen schrieb, stand unvermutet der große Tschang vor mir, räusperte sich, um bemerkt zu werden, und begann in schmeichelndem Tone: »Herr, sie wollen alle wieder in ihre Heimat zurückkehren. Wir alle fürchten uns. Heute morgen hast du einen Kranich geschossen. Wer einen Kranich tötet, dem zürnen die Gespenster, der wird mit Unglück gestraft und muß in den nächsten drei Monaten dem Kranich in den Tod folgen. Schon hat dich das Glück verlassen. Bald werden noch viel mehr Tiere verloren gehen. Wir haben zweimal mit unseren Würfeln das Schicksal befragt, und jedesmal ergab sich: Wir alle müssen umkommen, wenn wir weiterreisen. Ich bitte dich in aller Namen, entbinde uns von dem Vertrag, und wenn ich dir raten darf, so geh du selber für das nächste Vierteljahr ins Kloster, um dich von der Sünde zu reinigen und von dem Banne zu befreien. Oder du mußt sterben!«

Während dieser Worte standen die übrigen Leute draußen vor dem Zelt versammelt. Als Tschang die Zeltleinwand hob, warfen sie sich vor mir nieder, berührten die Erde mit ihrer Stirne und riefen jammernd: »Wir sterben, Herr, wir sterben! Laß uns nach Hause zurückkehren!«

So begann eine lange dramatische Verhandlung, die sich bis nach Mitternacht hinzog. Dann endlich hatte ich wenigstens unter meinen Dienern auch den letzten Zweifler überzeugt, daß die Götter nicht zürnen, weil ich, der Europäer, den Kranich geschossen, daß nur die Chinesen und Tibeter das Pech hätten, von den Kranichen abhängig zu sein. Auch die Würfel offenbarten nach Mitternacht eine viel günstigere Prognose, zumal, als ich sie selber in die Hand nahm. Bloß die vier Tschamri-Tibeter waren nicht zu überzeugen. Sie blieben verängstigt und bestanden auf der Abrechnung. Ehe der Morgen graute, trieben sie ihre vierzig Yakochsen weiter nach Westen zum Dábassu nor, um sich dort Salz zu holen, das sie später in Dankar verkaufen wollten.

Also noch bevor die böse Tala hinter mir lag, war ich schon ganz allein auf meine eigenen Kräfte angewiesen. Wohl hatte ich 65 Yak und 17 Pferde und Maultiere. Es war aber von meinen Vorräten noch so wenig aufgebraucht, daß in den nächsten Tagen sogar die Reittiere beladen werden mußten und die Ochsen trotzdem noch viel zu viel zu schleppen hatten. Dies hatte ich dem Kranichschießen zu verdanken. Und es war doch ein Glückschuß gewesen, auf 150 m hatte meine Kugel mitten durchs Herz getroffen.

Am Morgen des 1. Mai lag rings um uns Schnee. Das Gewitter der Nacht hatte ihn gebracht. Jetzt entdeckten wir mit einem Male zwischen den Dünen mehr als ein Dutzend schwarzer Zelte und riesige Viehherden, die ohne Schnee gar nicht zu erkennen gewesen waren. Die Sandmassen liegen hier wie in der Ordos immer in Nestern beisammen, dazwischen finden sich ausgedehnte Grasweiden, die den größten Herden Futter bieten. Wir legten einen Rasttag ein, und ich sandte je zwei Leute zu dem mystischen weißen Zelt am Seeufer und zu den Herdenbesitzern in der Ferne. Ich erfuhr, daß der Si ni ts'o und der Gungga nor, sowie eine Strecke von 50 km entlang dem Huyuyung tschü dem gleichen Stamm gehöre, und daß dieser sich »Tschebts'a« nenne. Vor wenigen Dezennien erst sind die Leute von der anderen Seite des Hoang ho herübergekommen. Sie hatten aber mit meinen Tschebts'a drüben bei Kue de nichts mehr gemein, hatten einen eigenen und völlig unabhängigen Häuptling, dem der Amban den Roten Mandarinenknopf verliehen hatte, und der alle Jahre von den Chinesen eine gewisse Anzahl Scheffel Reis, Weizen und Gerste in Empfang nahm. Die Huyuyung-Tschebts' besuchen oft den Markt in Dankar, um ihre Häute und Wolle zu verkaufen und Gerste und andere unentbehrliche Sachen einzuhandeln. Wenn sie auch mit Hunderten von Lasten ankommen, brauchen sie den Behörden keinerlei Zoll dafür zu zahlen. Als Gegenleistung sind sie nur gehalten, allen Karawanen, die durch ihr Gebiet kommen, freien Durchzug zu gewähren und »ula« zu stellen, d. h. Vorkommendenfalls für Soldaten und Regierungskarawanen kostenlos Transporttiere zu beschaffen. Ihnen ist also das chinesische Joch denkbar leicht gemacht. Das Areal der Tschebts'a mißt weit über 1000 qkm. Auf diesem ziehen sie mit 150 Familien hin und her. Ich habe den Häuptling, einen redegewandten Mann von fünfundvierzig Jahren, 1904 am Gungga nor kennengelernt, als ich Yakochsen kaufte, und schlief damals eine Nacht in seinem Zelt. Als unser Handel am Morgen des zweiten Tages abgeschlossen war, brachte ein junger Mann einen großen Krug Gerstenschnaps und lud alle Anwesenden zum Trinken ein. Es war aber ein heißer Tag, und so sprachen die Tibeter dem Getränk viel zu rasch zu. Im Handumdrehen hatten sich die Männer samt dem Häuptling derartig betrunken, daß alle Bande der Vernunft gelockert waren, daß sie die Schwerter zogen und aufeinander losschlugen und auch ich und meine zwei Begleiter in Gefahr gerieten, von den Wüstlingen totgeschlagen zu werden. Man wird verstehen, daß es mich nach diesem Abenteuer nicht sehr gelüstete, die Bekanntschaft des Häuptlings zu erneuern. Die linksufrigen Tschebts'a sind im übrigen um kein Haar besser als ihre Vettern rechts vom Hoang ho. Sie sind die gleichen Spitzbuben, rauben und morden ebensoviel wie die von drüben.

Für den Tschebts'a-Stamm bildet der versumpfte Huyuyung tschü, sowie der Si ni ts'o und Gungga nor die Lebensfrage. Und deshalb stand das weiße Zelt am See. Die Priester des Stammes, 25 Lama, waren darin versammelt und lasen ihre Gebete. Der Wassergott des Si ni ts'o, ein – wie ich mir versichern ließ – ganz besonders heiliger und gewaltiger Herr, wurde von den Priestern mit vereinten Kräften beschworen, sich dem Stamme gnädig zu erweisen, Krankheiten fernzuhalten und das Vieh fett und fruchtbar zu machen. Unter Trommelschlag und Glockenklang surrten hierzu die Litaneien von den Lippen der Lama.

2. Mai. Wir bleiben noch einen weiteren Tag im Lager am Si ni ts'o; die Tiere sollen sich soviel wie möglich erholen. Den Yak sind zum erstenmal seit Schara khoto die Sättel abgenommen worden. Sie finden auf den Hängen am See noch viel Gras und wühlen grunzend im Sande.

Wir bekamen heute von den Tschebts'a den Gegenbesuch. Ich lag gerade lesend in meinem Zelt, als die Hunde anschlugen und die Gäste anmeldeten. Wenige Augenblicke später sprengten zwei Reiter ins Lager, dicht auf ihren Fersen meine Meute, die bereits einem der Pferde die Hacken blutig gebissen hatte. Die meisten Hunde hatten das Maul voll von den Schwanzhaaren, die sie den Pferden in ihrer blinden Wut herausgerissen hatten.

»Ja arro!«

»Arro! Steigt ab!« Tschang und Tsch'eng machten die Honneurs, halfen liebenswürdig und gewandt den Gästen von den Pferden, nahmen sie schnell in ihre Mitte, um sie vor den Angriffen der Hunde zu schützen und geleiteten sie nach dem großen Mannschaftszelt, das dicht neben dem meinigen stand, so daß ich durch die dünnen Baumwollstoffwände jedes Wort hören konnte.

»Ihr trinkt Tee mit uns!« begrüßten meine Chinesen die zwei Männer.

»Wir trinken Tee«, erwiderten sie in singendem Ton.

»Was seid ihr für Leute?«

»Wir sind von den Zelten hier, aber wer seid ihr?«

»Wir sind Dia ner (Chinesen), die nach K'am und Dergi (in Mitteltibet) gehen. Ihr seht die vielen Repetiergewehre. Wir sind Soldaten der Regierung und haben einen Munitionstransport für unsere Garnison in K'am. Es ist Krieg dort ausgebrochen, und unsere Regierung hilft dem König von Nan tsien gegen die Leute des Dalai Lama.«

Ich glaubte meinen Ohren nicht mehr trauen zu dürfen, als ich dieses Lügengewebe so sicher und aalglatt von Tschangs Lippen fließen hörte.

»Ihr seid Soldaten, dies sieht man gleich an den Gewehren. Es bekommt gewiß keinem gut, der mit euch anbindet. Könnt ihr auch damit schießen und« – so ganz leicht ist ein Tibeter nicht zu überzeugen – »warum habt ihr denn keine Ula wie die anderen Regierungskarawanen?«

Meine beiden Chinesen waren jedoch den Fragern völlig gewachsen.

»Du weißt, der direkte Weg nach K'am führt durch das ngGolokh-Land. Die ngGolokh sind frei, sie stellen uns nie Ula. Auch müssen wir schnell reisen, um noch rechtzeitig einzutreffen.«

»Aber wenn ihr schnell reist, warum reist ihr dann nicht auf der großen Straße, sondern abseits?«

»Liegt der Si ni ts'o vielleicht nicht auf der geraden Linie nach K'am? Es ist auch hier mehr Gras als auf der großen Straße, wo seit Herbst die Karawanen hin und her ziehen und den letzten Halm aufgezehrt haben.«

»Regierungskarawanen wollen immer Ula. – Wer ist denn Herr bei euch?«

»Wir haben einen Lao ye (Offizier),« erwiderte Tschang, »der ist aber ein ekelhafter Opiumraucher. Er ißt von morgens bis abends Opium, und darum könnt ihr ihn nicht sprechen. Ich bin sein Dolmetscher. Wenn ihr etwas Besonderes wollt, so sagt es mir. Ich werde euch billig bedienen.«

Die Leute forschten noch nach verschiedenen Dolmetschern des Amban-ya men und erkundigten sich nach den Aussichten einiger zurzeit schwebenden Prozesse. Tschang war in allen diesen Sachen erstaunlich gut bewandert und stolperte nie über eine Frage. Später kam die Rede auf einen Fremden, einen »ni gar«, einen Helläugigen, der zurzeit in Schara khoto sich aufhalten sollte.

»Es sind dort sogar drei,« ergänzte Tschang sofort, »und diese erwarten noch zehn andere, die von Hsi ning fu nachkommen sollen.«

»Die Lama sagen,« warf der Kleinere der beiden ein, »die chinesische Regierung schütze die Fremden nicht mehr. Man könne sie jetzt ungestraft ausrauben, wenn man Lust dazu habe.«

Mit wichtiger Miene fragte der Hauptsprecher weiter: »Habt ihr den Mann gesehen, der im vergangenen Winter am Blauen See oben ganz allein eine hundertköpfige Räuberschar in die Flucht schlug? Man hat ihn am letzten Feiertag im Dunkur-Kloster wiedererkannt. Er ist zehn Fuß hoch, hat eine Nase, wie keine bei uns wächst, sieht aber sonst aus wie unsere Leute. Er trägt ein undurchdringliches Panzerhemd und hat ein wundertätiges Amulett, das alle Kugeln, die man gegen ihn richtet, ablenkt. Er hat Apparate – so erzählte uns erst gestern abend noch ein Lama, der ihn vor wenigen Tagen beobachtete – mit denen er durch die größten Berge hindurchsehen und alles Gold und Silber in der Tiefe der Erde erkennen kann. Und er besitzt eine Waffe, die tausend Kugeln zumal versendet. Am Blauen See oben war er schon unter seinem zusammengestürzten Zelt gefangen. Man hatte alle Zeltstricke gekappt. Wie ein Schaf, das getötet werden soll, lag er da, und dann hat er mit seiner Waffe seine Angreifer niedergestreckt.«

»Ja, wir haben den Mann gesehen,« fiel Tschang ein, »er hat sogar zehn solcher Waffen. Er wird in zwei Tagen hier durchkommen und auch nach K'am gehen und uns helfen. Ich habe sogar gesehen, daß er Hörner auf dem Kopfe trägt wie ein leibhaftiger Tsang gong (Schreckensgott), und ein jeder zittert, der ihn nur anblickt.«

Am Nachmittag hatten wir noch mehrere Besuche, und zwar sowohl von Lama als auch von Laientibetern. Alle wurden gastlich bewirtet, erhielten Tee und Tsamba und auf ihre inquisitorischen Fragen von meinen Chinesen dieselben Lügen aufgetischt. Man staunte über die schönen Gewehre, die alle tausend Meilen weit schießen sollten, und über die Munition, die die Regierung nach Tibet hineinführen ließ. Alle meine Kisten und Getreidesäcke erklärte Tschang für gefüllt mit Patronen.

Wohl war das Lügengespinst meiner Leute sehr geschickt ausgeheckt, es hatte für mich jedoch den großen Nachteil, daß ich dadurch in meinem Zelt festgehalten wurde. Ich durfte, sowie sich Tibeter nahten, nirgends meine Nase sehen lassen und mußte den ganzen Tag den »faulen Lao ye« spielen. Ich kam nur wie ein Gefangener vor, kramte aber schließlich meine Lektüre aus und vertiefte mich in den »Faust« und in Pencks »Morphologie der Erdoberfläche«. Die Ruhetage waren mir damit nur zu rasch verflogen.

Am 3. Mai brachen wir wieder das Lager ab. Ich hatte an den Rasttagen zwei Ziegen schlachten und dabei den Tieren das Fell ohne Bauchschnitt abziehen lassen. Die so entstandenen »Schläuche« bildeten unsere Wasserbehälter für den bevorstehenden Wüstenmarsch. Wir rechneten, daß wir drei Tage lang kein Wasser finden würden. Die zwei Ziegenschläuche mußten für uns elf Mann ausreichen.

Als die Hügel um den Si ni ts'o hinter uns lagen, ging es über ganz flache Wellen weiter. Ebene Steppe mit schönem, hohem Graswuchs wechselte mit kiesigem Grund, mit Barchangruppen und mit Zonen langgezogener Dünen aus mehligem Sand.

Wir hielten uns vom Si ni ts'o an genau nach Südwesten, da ich in dieser Richtung am raschesten aus der Tala hinauszukommen dachte. Am Abend des ersten Wüstenmarsches stand der ganze Himmel in blutroten Flammen, wie die Sonne nur ganz ausnahmsweise Luft über dürren Gegenden zu färben imstande ist. Die Chinesen nahmen deshalb an, es werde in der Nacht einen tüchtigen Guß geben, und stellten die Zelte auf. Für gewöhnlich schliefen alle im Freien, um im Bedarfsfalle rasch bei der Hand zu sein. Die nächsten Ketten des Semenowgebirges, der südlichen Einfassung der »Tala«, hoben sich scharf vom Horizonte ab. Von den höheren Gipfeln schimmerten breite Schneefelder herüber, die unter den letzten Strahlen der Sonne rotglühend aufleuchteten, und blauschwarz stachen dazwischen die Felsgrate heraus wie verkohlte Sparren und Balken eines brennenden Hauses. Alle priesen mein Glück und frohlockten, daß das Ende der »Tala« nicht mehr fern sei, und alle versicherten mir, daß die gefürchtete Steppe am nächsten Mittag hinter uns liegen werde. Damit, daß ich den Umweg über den Si ni ts'o gemacht, hatte ich allerdings die »Tala« nicht an ihrer größten Breite angefaßt. Die Leute wurden ihrer Sache so sicher, daß sie, ohne mich erst zu fragen, den Wasservorrat bis auf wenige Schluck aufbrauchten. Über die Hälfte eines Schlauches ging beim Waschen der Kochgeschirre verloren.

Nach einer unruhigen Nacht – wir wurden dreimal durch ein Rudel Wölfe belästigt, die uns so menschenähnlich anheulten, daß wir jedesmal an einen Räuberangriff dachten – war die Karawane am Morgen des 4. Mai schon kurz nach fünf Uhr weitergezogen. Ich ließ diesmal die Morgenkälte ausnutzen. Um fünf Uhr zeigte das Thermometer -7,5° C. Wir marschierten ohne Unterbrechung bis halb ein Uhr mittags, dann las ich +14,2° C am Aßmann ab, und bei den Tieren, die alle noch ihre dichten und langen Winterhaare trugen, war eine so allgemeine Erschlaffung eingetreten, daß an einen Weitermarsch nicht mehr zu denken war. Mehr als ein Dutzend Ochsen konnte den Lagerplatz nicht erreichen, und sämtliche Pferde mußten noch einmal zurückgesandt werden, um liegengebliebene Lasten zu holen. Erst um Mitternacht gelangten die ermatteten Tiere unter der Leitung von Han und Me ins Lager.

Als es bei Sonnenuntergang endlich klar wurde, erschienen die Gipfel des Semenowgebirges noch um keinen Schritt näher als den Abend zuvor. Nur ein steil aufsteigender Kegel, direkt im Süden, hatte sich jetzt von der übrigen Bergmasse losgelöst und bewies uns unseren Fortschritt. Keck und dräuend streckte der zackige Berg sein schwarzes Haupt aus den gelben Sandmassen, die seinen Fuß eng umschlungen hielten. Nach seinem ganzen Aufbau und Charakter war er grundverschieden von den dahinterfolgenden mauerartigen Gebirgsketten. Es war der »Amne Bayan«, der »reiche Bergvater«, der heilige Berg dieser Gegend, ein Riese, der unfern vom Hoang ho Wache hält und unermeßliche Schätze in seinem Innern bergen soll, von denen sich die Umwohner Sagen erzählen. Er liegt weit vor dem Semenowgebirge inmitten von Treibsandmassen. Eine winzige Quelle soll sich dort finden, die den Pilgern zur Labung dient, auch von einem heilig gehaltenen Hain, den die Tibeter ängstlich hüten, wurde mir erzählt, endlich von einem Tempel, den zeitweilig Lamaeremiten bewohnen.

Als wir am Abend unseren Tee einnahmen – es reichte nur noch eine Tasse für jeden –, da gab es eine lange und lebhafte Debatte, ob der Berg uns gefoppt habe oder nicht. Die Kue de-Mannschaft behauptete es ganz bestimmt, denn der Berggeist tue dies sehr gerne, und gestern seien wir doch sicherlich ebensoweit gewesen wie heute. Die Leute saßen sehr kleinlaut um das Lagerfeuer und beteten unausgesetzt. Der Tod des Kranichs mußte wieder herhalten. Tsch'eng, der Schuhmacher und Mundschenk, der gleichzeitig der Hohepriester meiner Buddhisten war, griff, um den Geist zu befriedigen, zweimal mit dem großen Teeschapf in den Kessel und schleuderte den Inhalt unter Anrufung des Amne Bayan hoch über unsere Köpfe in die Luft. Erst nach diesem ausgiebigen Trankopfer goß er jedem seinen kleinen Teil in den vorgehaltenen Becher.

Die Karawane setzte sich vor Sonnenaufgang in Bewegung. Es galt unter allen Umständen, und sei es auch nur mit den kräftigsten Tieren, an Wasser zu kommen. Trotz der kühleren Temperatur litten alle unter Durst, hatten jegliche Lust verloren, das trockene Wintergras abzuweiden, und standen stumpf mit traurig herabhängenden Köpfen da, wenn wir sie nicht antrieben. Als es hell wurde, sahen wir von Westen her eine lange dunkle Linie geradeswegs auf uns zu galoppieren. Es schienen vielleicht fünfzig oder sechzig Reiter zu sein. »Fan tse, Räuber!« schrie eine verzweifelte Stimme. Jeder griff unwillkürlich nach seiner Waffe und versicherte sich, daß sie geladen sei. Als der Trupp näher kam, glaubte man Schulreiter vor sich zu haben, die peinlich auf gleichmäßigen Abstand achteten. Es war ein vorzüglicher Galopp, und die Schar ritt beängstigend rasch vorwärts. Der erste meiner Yakhaufen hatte mittlerweile angehalten; der zweite war aufgerückt, und die Treiber eilten unruhig zusammen und warfen die Lasten von den Pferden, um diese besteigen zu können. Auch ich war jetzt zu den anderen gestoßen und sah mit Hilfe meines Glases, daß es – wie die Chinesen sagen – »ye ma«, Wildpferde (Equus hemionus), waren, was wir vor uns hatten. Kurz darauf schwenkten die Tiere scharf links um und machten halt. Sie äugten nun ebenso erstaunt und erschrocken nach uns wie wir vorher nach ihnen. Der Equus hemionus ist eine große Art Wildesel. Er hat jedoch nur wenig von der gewöhnlichen Eselgestalt, sieht vielmehr täuschend einem chinesischen Maultier gleich. Die Tibeter nennen das Tier Tschiang (meist Kyang geschrieben). Seine Farbe ist vorherrschend rotbraun, seine kurze, steilgestellte Mähne und sein Schweif schwarz. Die Bauchseite und die Beine sind heller gefärbt, oft schmutzigweiß, und über die Knie und Sprunggelenke laufen dunkle Querstreifen. Am Widerrist gemessen sind die Hengste 1,30–1,40m hoch; sie sind also so groß wie die gewöhnlichen Reitpferde des Hochlandes. Zumal in raschen Gängen täuschten uns die Tiere noch manches Mal einen Berittenen vor. Bald nachher sahen wir auch von links her Tschiangherden, meist 15–20 Stück, angaloppieren, dazwischen belebten viele feingliedrige Dserenantilopen die noch am vorhergehenden Marschtag so völlig tote, gelbe Steppe.

Zahllose tief und hart ausgetretene Tschiangwechsel liefen kreuz und quer über unseren Weg. Wir konnten nun nicht mehr allzu fern von Wasser sein. Die Talaebene fiel weiterhin etwas ab, und später kamen wir durch ein flaches Tal. Darin gab es Reste von Nomadenlagern, meterhohe Windschirme aus getrocknetem Kuhdung und über ein Dutzend aus Steinen und Lehm gebaute Kochstellen, sogenannte »takoa« (zentraltib.: tab = Herd), die vor höchstens einem Monat noch inmitten eines schwarzen Zeltes und in Benutzung gewesen sein mußten. Wir suchten jedoch in der Umgebung vergeblich nach Wasser. Der Talgrund war vollkommen trocken, und nicht einmal ein trockenes Kiesbett war darin zu sehen, nichts deutete darauf hin, daß hier auch nur vorübergehend ein Bach floß. Die Nomaden schienen im Spätwinter und im ersten Frühjahr in diesem Tale gelagert zu haben, also zu einer Zeit, als sicher mit Schneefällen zu rechnen war. Wir ließen uns darum nicht weiter in der einmal eingeschlagenen Richtung beirren und ritten immerzu geradeaus auf einen kleinen isolierten Schneefleck los, der sich auf den Randbergen sehen ließ. Es stellte sich heute heraus, daß die erste Bergreihe gar nicht hoch aus der Trümmerebene der »Tala« herausschaute. Dadurch war am Abend vorher die Täuschung entstanden, als steckten wir noch mitten in der wasserlosen Wüstenei.

Gegen Mittag ritt ich allein der Karawane weit voraus, nur zwei Hündinnen begleiteten mich. Längst kamen wiederum einzelne Tiere nicht mit, nur schleppend und taumelnd kroch auch der Rest noch vorwärts. Die Hälfte der Tiere ging leer. Ein großer Warenstapel war an einer Stelle unterwegs aufgeschichtet worden. Es mußte nun Wasser her, oder eine Katastrophe trat ein, die alle meine Pläne zunichte machen konnte. Noch rechnete ich auf 12 km bis an den ersten Schnee; für die armen, müden Ochsen eine schier endlose Strecke –, da sah ich plötzlich meine Hündinnen auf ein Loch losstürzen, und wenige Augenblicke später schlürfte auch schon mein braves Rößlein in gierigen Zügen. Meine schlaue »Tschimo«, die häßliche alte Hündin mit abgebrochenen Zähnen, die mir im Januar am Kuku nor »geschenkt« worden war, hatte das Wasser gefunden.

Ich verlor an diesem Marschtage zwei Yak, die von den Ts'anern stammten. Alle anderen Tiere erreichten – wenn auch teilweise erst spät in der Nacht – die Wasserstelle. Die zwei verlorengegangenen Yakochsen mußten schon seit einer Woche geschont werden. Sie hatten nacheinander einen Tibeterschädel, den ich zwischen den Dünen am Si ni ts'o gefunden hatte, auf ihrem Rücken getragen. Es war dies die leichteste Last, die man sich denken kann. Meine Mannschaft schwur jedoch darauf, daß es dieser Schädel oder vielmehr der »Gui«, der Geist dieses Toten sei, der die beiden Tiere so sehr erschöpft und schließlich umgebracht habe. Er hockte ihnen so schwer in den Nacken, daß sie hätten fallen müssen, selbst wenn sie die stärksten Stiere gewesen wären, so erklärten unter den höchsten Beteuerungen meine Mohammedaner sowohl wie meine Buddhisten.

Um die Karawane wieder einigermaßen frisch und munter zu bekommen, war ich gezwungen, an der Wasserstelle aufs neue zwei Rasttage einzulegen. Davon ging ein Tag für das Abholen der zurückgelassenen Lasten verloren. Ich brachte diese Zeit mit Jagen zu, um mir frisches Fleisch zu beschaffen. Außer den Tschiangrudeln gab es jedoch nicht sehr viele Lebewesen. Ich erlegte nur ein paar Hasen und einige Steppenhühner. Die Tschiang waren äußerst vorsichtig. Sie sind sehr neugierige Tiere, sie mußten immer wissen, was die Maultiere und Ponys trieben, aber sie ließen mich Menschen nie näher als 400 m an sich herankommen. Das flache Gelände und die so gut wie gänzlich mangelnde Vegetation erleichterte ihre Wachsamkeit.

Am Fuß der südlichen Randkette und parallel mit dieser führt eine große Yakstraße. In einer wechselnden Breite von 6–10 m ist stundenweit bolzgeradeaus ein Naturweg ausgetreten, laufen zahllose Wegchen wie ein Bündel seit Urzeiten benutzter Wildwechsel bald enger, bald weiter nebeneinander her. Es ist eine uralte Straße und heute der Weg der »Schar ba«, zu deutsch: der »Ostleute«, d. h. der Händler aus Sung pan ting in Se tschuan. Alljährlich führen diese Hunderte von Ochsen mit Tee und mit allerlei Stoffen und Kleinigkeiten in monatelanger Reise diesen Weg, um Wolle, Felle, Häute, Rhabarber und Moschus einzuhandeln. Diese Straße fanden wir an unserem nächsten Marschtage und folgten ihr nach Südosten. Wir kamen in ein neues, breites Längstal, das hinter dem heiligen Amne Bayan liegt und dem Hauptzug des Semenowgebirges und dem Südrand der Talasteppe parallel zieht. In diesem fanden wir einen kleinen Wasserlauf, neben dem wir das Lager Nr. 15 aufschlugen.

Im Lager 15 hatten wir eine schöne Nacht, trockenes Wetter und Vollmond. Wir lagerten wie immer so, daß in die Mitte die Pferde und Maultiere gebracht waren, die am leichtesten zu entführen sind. Sie wurden zu je zwei und zwei mit eisernen Fußangeln an eine lange Kette angeschlossen. Die Schlüssel zu diesen Fesseln wurden mir abends von den Leuten ausgehändigt und blieben über Nacht in meiner Tasche. Die Ochsen, die schwerfälliger und darum nicht so leicht wie die Einhufer wegzutreiben sind, wurden in einem doppelten Kreis um die Pferde herum festgemacht. Die Lasten lagen an einem Punkt an der Außenseite wie eine kleine Burg, wir Menschen aber schliefen noch weiter draußen, an sechs Stellen rings um das Lager herum verteilt. So hoffte ich am ehesten vor Diebereien und Räubereien geschützt zu sein. Ich selbst hatte eine große Filzdecke als Unterlage auf dem Boden, und einen zweiten, dünneren Filz, der meinen ganzen Körper bedeckte, als wasserdichten Schutz auf mir. Meine Silberbarren, in zwei Kisten verpackt, steckten unter meiner Bettunterlage im Boden. Mein Kopf aber lag auf meinem tibetischen Bocksattel, so daß ich bei jedem verdächtigen Geräusch aufwachen mußte. Was wir Europäer unter angenehmer Nachtruhe verstehen, kennt selbstredend die Tibetersteppe nicht. Alle Augenblicke kläfft einer der Köter. Das leise Stöhnen eines großen Wiederkäuers, das Rasseln einer Kette schreckt ihn und bringt ihn zum Anschlagen. Wenn die Wache ihr schauriges »Schschau! schau! schau!« in die Nacht hinausruft, wird es allen Hunden zu gleicher Zeit unheimlich zumute, und es verstärkt sich das grundlose Gekläff. Es lernt sich aber erstaunlich rasch, nur dann aufzuwachen, wenn das Bellen wirklich ernsthaft klingt. Wenn dann Wölfe in dem fahlen Mondlicht herumschlichen, drehten wir uns rasch auf die andere Seite und schliefen beruhigt weiter. In der Tibetersteppe ist allein der Mensch eine Gefahr für den Menschen.

Auch im Lager 15 stellte sich ein kleines Rudel Wölfe ein, als es Abend geworden und das Lager zur Ruhe gekommen war. Das Mondlicht schien so hell, daß man die Tiere bis auf 300 m noch erkennen konnte. Acht Stück umkreisten uns diesmal. Wehmütig wimmernd schnupperten sie mit hochgehobenen Nasen. Auf dem grasarmen Boden waren sie in ihrer ganzen Größe zu sehen. Sowie sie Miene machten, sich dem Lager zu nähern, fuhren meine Hunde mit rasendem Gebell auf die Ruhestörer los, und beide Gegner standen dann eine lange Weile zähnefletschend einander gegenüber. Beide, Hunde wie Wölfe, waren keine Helden. Die Hunde zeigten nur Mut, wenn ein Mann mit ihnen ging, entfernten sich aber auch dann nur widerwillig bis zu 100 m vom Lager. Die Wölfe ihrerseits suchten bloß wie Diebe an uns heranzukommen; wenn sie einen von uns Menschen zu Gesicht bekamen, stoben sie alsbald scheu auseinander und rannten auf und davon. Es war mir dabei nicht möglich, zum Schuß zu kommen.

In dieser Nacht ging das Thermometer bis -6° zurück. Die größte Abkühlung trat wie gewöhnlich kurz vor Sonnenaufgang ein. Um sechs Uhr in der Frühe stand die Karawane beladen und reisefertig da. Rasch querten wir das Längstal vollends und stiegen ohne Weg, zuerst einer Schlucht folgend, an der Hauptkette des Semenowgebirges aufwärts.

Der Begriff des Semenowgebirges ist noch nicht scharf abgegrenzt. Der Name wurde von Obrutschew eingeführt. Er sah viel weiter nordwestlich, beim Dábassu nor, vom Süd-Kuku nor-Gebirge aus, südlich von seinem Standpunkt, einen neuen Parallelzug und benannte diesen mangels eingeborener Bezeichnungen nach dem Vorsitzenden der K. Russischen Geographischen Gesellschaft Semenow Tianschansky Peter Petrowitsch Semenow Tianschansky, geb. 1827, bereiste 1857–1858 den Tien schan, er starb im März 1914 als der Nestor der Asienforschung.. Der Teil dieser mächtigen Kette, den ich jetzt mit meiner Karawane überschritt, stand seit General Prschewalskis Reisen in unseren Karten unter dem Namen Siansibeï-Kette. Es war bisher keine Klarheit darüber, daß diese von Prschewalski entdeckte Kette mit dem Semenowgebirge einen Zusammenhang hat. Tatsächlich verstehen nun die Eingeborenen unter Siansibeï nur einen Paß, den ich selbst am nächstfolgenden Tage überschritt, und für dessen Höhe ich 3800 m ermittelte.

Oben auf dem Passe Siansibeï stießen wir auf die große Karawanenstraße, die vom Bayan nor und Kabatalen quer über die Tala nach Süden führt, und an der – wie ich jetzt erst merkte – alle 25–30 km zum Schutz für Reisende gegen nächtliche Überfälle Lehmburgen stehen. Wir folgten dieser Straße weiterhin und schlugen unser Lager 17 innerhalb einer solchen Lehmburg auf. Chinesische Soldaten hatten die Lehmwälle etwa ein halbes Jahrhundert zuvor errichtet. Nun standen sie zwar leer und halb zerfallen da, aber wir fühlten uns darin dennoch unendlich wohl und geborgen. Ich habe zwischen den drei noch aufrechten Lehmwänden wie ein Gott geschlafen trotz Schnee und Hagel, wo mit ein eisiger Westwind uns auspeitschte.

Der Abstieg vom Passe Siansibeï nach Süden ist äußerst sanft. Man tritt schon in einer Höhe von 3600 m aus der Semenowbergkette heraus und hat dann einen weiten Blick über eine neue, nach Südosten flach abgedachte Steppenebene, hat wieder ein von Geröllmassen verschüttetes Längstal vor sich. Einige Bäche haben sich in dieses Geröll heute ein bis zu 200 m tiefes Bett gerissen, und fern im Südosten hob sich von der fahlgelb schimmernden Steppe scharf abstechend, ein langer dunkler Spalt mit vertikalen Wänden ab. »Darin fließt der Hoang ho«, erklärte mir sofort mein Han, der früher öfters auf der Goldsuche durch diese Gegend gekommen und sogar auf dem Heimweg den Hoang ho auf einem Floß hinabgefahren war. Der Fluß fließt so tief unten, daß sein Wasser erst zu sehen ist, wenn man dicht an den Spalt herantritt.

Früher waren Sommer um Sommer an die zweitausend Goldwäscher nach den Gorgi-Schluchten und in die Berge gezogen, die die neue, nun vor uns liegende Steppe im Süden begrenzten. Diese Goldwäscher waren meistenteils gleich meinem Han Leute von der sogenannten »Kleinen Gesellschaft« (Hsiao kiao de), d. h. Mohammedaner. Tausende von ihnen sind mittlerweile zugrunde gegangen, sind bei dem Mohammedaneraufstand ums Leben gekommen. Damals jedoch, als die Goldwaschplätze am stärksten besucht waren – so um die siebenziger Jahre – unterhielt die Regierung zu deren Schutz je zehn Soldaten in jeder der Lehmburgen an der Straße, und von jedem Goldwäscher erhoben die Mandarine 2 Mace pro Kopf und Saison für die Goldwaschlizenz. Es waren Hunderte von kleinen Unternehmern, die diese Züge veranlaßten, die mit Leuten aus ihrem Dorf und ihrer Umgebung hierherzogen. Die Gegend gilt für eine der goldreichsten vom ganzen Hsi ninger Distrikt. Eines Tages aber – es muß im Jahre 1889 gewesen sein – kamen von weiter aus dem Süden ngGolokh-Tibeter in hellen Haufen dahergesprengt, fielen über die unbewaffneten Goldwäscher her, nahmen ihnen die Mundvorräte weg, die sie mühsam aus der Heimat, aus dem Hsi ning-Tal herbeigeschleppt hatten und zwangen sie so samt den chinesischen Soldaten, sich eiligst zurückzuziehen. Seither haben die Soldaten ihre Posten nie mehr bezogen, und nur kleine Trupps besonders verwegener Goldsucher wagen jetzt noch die Gorgi-Schluchten auszubeuten, wofür sie den umwohnenden Tibeterstämmen hohe Abgaben entrichten.

In der Nacht vom 11. auf den 12. Mai lagerten wir im Grunde einer großen, wilden Schlucht, in der der Da ho ba (chin.) oder Hongan tschü (tibet.), ein reißender Gebirgsbach, die Steppe durchströmt. Der helleuchtende Hochgebirgsmond schuf aus den vertikal aufsteigenden Talwänden mit ihren Höhlen und Spitzbogen, ihren Säulen, Kaminen und Türmchen eine gar geisterhaft anmutende Riesenorgel. Das Rauschen der Tannen und anderer Bäume, die an den Hängen und in der nur 3050 m hohen, windgeschützten Talsohle standen, das Brausen des mächtigen Wildbaches mit dem nicht endenden Durcheinanderkollern von Blöcken und Stämmen gab die Orgelmusik dazu.

Am Morgen brachte das Überschreiten des reißenden Da ho ba-Flusses eine neue Abwechslung. Dicht bei unserem Lager hatte sich eine mächtige Kiesbank in seinem Bette breitgemacht. Diese hatte den Fluß in drei Arme gespalten und obendrein die einzelnen Arme verflacht. Wenn man schräg aufwärts durch den Fluß ritt, bespülte das Wasser nur die Sattelkissen. Einige dumme Ochsen wichen jedoch von der Furt ab, verloren den Boden unter ihren Füßen und wurden weit den Fluß hinuntergetrieben. Zum Glück trugen sie nur Lebensmittellasten, Mehl und Makkaroni. Die tibetischen Ledersäcke, die ich mit so großer Mühe in Hsi ning zusammengekauft hatte, bewährten sich hierbei ausgezeichnet. Obwohl mehr als die Hälfte der Säcke ins Wasser gekommen war, war nur wenig durchnäßt und verdorben worden. Es waren außerdem noch Jagdpatronen in Gefahr gekommen. Als ein anderer Yakhaufe wegen der reißenden Strömung sich ängstlich zusammendrängte, bekam ein Sattel das Übergewicht, und seine Last wäre wohl verloren gewesen, wenn nicht die beiden Mohammedaner Ma die Treiber gewesen wären. Unbekümmert um die nur 2°, die das Wasser aufwies, sprangen beide von ihren Pferden in die Fluten, schnitten schnell die Patronenkisten los und trugen sie auf ihren Rücken ans Ufer. Die Anstrengung war so groß, daß sie, dort angekommen, kraftlos zusammenbrachen. Auch dann blieben sie aber gute Mohammedaner und wiesen den von mir angebotenen Kognak als sündhaftes Getränk zurück.

Gleich nach dem Überschreiten des Flusses ritten Tschang und Han der Karawane voraus und brachten dem »Humbo«, dem Häuptling Tschóngwan der Schüch'tsong-Tibeter, deren Gebiet wir nunmehr betreten hatten, einen weißen Khádar nebst einigen Kleinigkeiten, wie Messer und Stiefel, als Geschenk und als Entschädigung für das von unseren Tieren abgeweidete Gras. Ich selbst zog mit den anderen auf der Straße weiter, die seit dem Siansibeï fast schnurgerade nach Süden lief und immer breit ausgetreten war. Mittags schlugen wir in einer der alten Lehmburgen, im sogenannten Ga fo ying pan, das neue Lager auf. Ich trug jetzt auf Anraten meiner Begleiter den allerschmutzigsten und schäbigsten Schafspelz und meinen langen, lausig aussehenden Zopf auf dem Kopf und half beim Treiben der Karawanentiere. Wenn ich für meine Kartenaufnahme einen Augenblick halt machen mußte, brachte ich möglichst unauffällig eine Last in Unordnung und zeichnete und peilte sodann hinter den Tieren, bis die Lasten neu aufgebunden waren. Denn wir reisten nun nicht mehr allein. Kaum waren wir aus der Da ho ba-Schlucht heraus und wieder auf der Hochfläche, so hatten sich einige mit Schwert, Luntenflinte und 4 m langer Lanze bewaffnete Reiter zu uns gesellt. Wir wurden gemustert und mit finsteren Mienen über Woher und Wohin? ausgeforscht.

Spät am Nachmittag stießen meine über ihre Aufnahme beruhigten Gesandten zu uns. Der Humbo war nicht zu Hause. Er war seinem Scharba, d. h. seinem Sung pan-Händler, entgegengeritten, um dessen Karawane sicher zu seinem Stamme zu geleiten. Fast jeder Stamm hat solch einen Händler, der alle Jahre wieder mit einem neuen Warenstapel erscheint, ein halbes oder dreiviertel Jahr im Lager bleibt und Wolle und Häute, Moschus und Hirschgeweihe gegen Tee und gegen andere Luxusbedürfnisse der Nomaden eintauscht und immer nur für kurze Zeit nach dem chinesischen Tiefland zurückkehrt. Sehr oft sind solche Händler, auch wenn sie Mohammedaner sind, mit Tibeterinnen verheiratet.

An Stelle des abwesenden Häuptlings machten dessen Frau und Schwager meinen Leuten die Honneurs. Tschang spielte seine Rolle mit so viel Geschick, daß der »Schwager« noch am Abend mit einem Geschenk an Milch, Butter und Tschuma, den erbsengroßen Knöllchen von Potentilla anserina, ins Lager geritten kam und die Nacht über bei uns blieb. Am anderen Morgen zeigte er uns alle heiligen Plätze in der Umgebung und sorgte außerdem dafür, daß wir einige Yak bei seinen Stammesangehörigen umtauschen konnten.

Unser Lager im Ga fo ying pan war entzückend gelegen. Es stand auf einer flach abdachenden, grasbedeckten Felsterrasse, auf der eben das erste frische Grün keimte. Auf der einen Seite – nur wenige hundert Meter von unserer zerfallenen Lehmburg entfernt – gähnte zwischen senkrecht abstürzenden Wänden, 150 m tief, eine enge Klamm. Einzelne Tannen, Föhren und arvenartige Hochstämme, die unten in dem windgeschützten Riß gar prächtig gediehen, lugten gerade noch mit knorrigen, vielfach abgerissenen Wipfeln aus der Spalte über den Terrassenrand. Über die Höhe des Windschutzes hinaus schienen, wie z. B. auf den nordatlantischen Inseln Faröer, keine Bäume mehr zu gedeihen. Wie in den Klammen unserer Alpen hatte sich der Bach in das hier anstehende harte Kalkgestein eingegraben. Halbversteckt, schier unterirdisch, floß sein Wasser. An einer Stelle war der Riß, in dem unten das Wasser gurgelte, nur 2 m breit, und gefallene Baumriesen bildeten Naturbrücken darüber. Vom Lager aus nach Südosten gesehen, erhob sich dagegen mit grotesken Felswänden, mit zahllosen Grotten und Zacken eine hohe Kalkklippe. Aus ihren Klüften wucherten vereinzelte windzerzauste Tannen empor. Ein kleines Kloster lag in diesen Kalkfelsen. Unser Freund nannte es Tschégr fisung gomba. So einzigartig, so romantisch war die Gegend, daß die Tibeter felsenfest glauben, sie müsse gottgeweiht sein, hier müßten gute und mächtige Berggötter ihre Wohnung aufgeschlagen haben. Aus diesem Grunde durfte hier weit und breit nicht gejagt werden, um ja die Geister nicht zu kränken. Das Land wurde wie der Garten Eden gehalten. Für jede Kalkzacke an dem Berge wußte unser Führer eine besondere Deutung und Geschichte. Bald bestaunten wir einen Göttertisch, bald einen Riesenaltar, auf dem man zu opfern und Bergzedern zu verbrennen hatte. Hier war eine Steinzacke über und über mit Schafwolleflöckchen behangen, dort wurde uns eine Stelle gezeigt, wo der Fußabdruck eines Berggeistes von den Gläubigen mit Butter zu beschmieren war. Die Terra rossa zwischen den Kalkklippen wurde uns als beste Arznei angepriesen. Ein natürliches Loch in dem Felsen wurde zur Tugendprobe verwendet. Es war gerade so weit, daß ein mittelgroßer Mann, wenn er sich im Innern drehte, durchkommen konnte. Vom vielen Durchzwängen war die Höhlung schon ganz glatt gescheuert und fettig geworden. Unserem Führer zuliebe mußten wir einer nach dem anderen durch dieses Tugendloch hindurch. Für mich mit meinen 1,82 m war es ein heikles Unternehmen, und ich weiß nicht, ob ich je wieder ans Tageslicht gekommen wäre, wenn sie nicht hinten geschoben und vorne gezogen hätten. »Leute mit solchen Nasen sind nie gut«, meinte darum unser Führer. »Warum hast du dir denn diesen sonderbar aussehenden Diener mitgenommen?« sagte er, sich an Da Tschang wendend.

Weit im Umkreis gilt der Kalkberg für heilig und heilkräftig. Wochenweit pilgern die Tibeter hierher, um für ihre Herden Schutz vor Viehseuchen zu erflehen. »Daß wir unseren Berggeist gut behandeln, ist für uns wichtiger und nutzbringender als eine Reise nach Lhasa, eine Wallfahrt hierher kommt gleich hinter der um den Amne Matschen«, versicherte unser Führer. Bei der Wallfahrt haben die Pilger den ganzen Berg Tschégr fisung während dreier Tage zu umkreisen. Sie halten es wie mit anderen heiligen Plätzen. Sie machen immer drei Schritte vorwärts, werfen sich hierauf platt auf die Erde nieder, merken sich genau die Stelle, wo ihre Stirn die Erde berührt hat, erheben sich wiederum langsam und würdig und treten aufs neue drei Schritte nach vorwärts bis an den Punkt, wo soeben ihre Stirne gelegen hatte, und so fort. Während dieses anstrengenden Bittgangs (tib.: skorba), der zu allem hin auf einem abschüssigen Fußpfad gemacht wird, ruhen nie Zunge und Lippen. Unendliche Male wird der Gott dabei angerufen. Am wirksamsten soll dieser Ko tou-Bittgang sein, wenn er in Vollmondnächten ausgeführt wird, dabei sind aber schon mehrere Wallfahrer in die Schlucht gestürzt.

Das Kloster Tschégr fisung selber ist recht bescheiden. Es ist während der letzten Kämpfe mit den ngGolokhs niedergebrannt worden. Wir trafen nur einen alten Eremitenlama darin an. Dieser hatte sich seine Haare zum Unterschied von anderen Lama lang wachsen lassen und trug sie in der Art der Bönbopriester auf dem Scheitel mit einem Band hochgeknotet. Er erhielt von uns Geschenke in Butter und Mehl, weissagte uns aus Würfeln und segnete uns durch Handauflegen. Mein Lao Sung, ein Kue de-Mann, der Abstammung nach ein Chinese, im Glauben aber ein waschechter Tibeter, fiel dreimal vor dem Alten auf die Knie und bat inständig, ihn doch wieder gesund zu machen, Seit mehreren Tagen hatte Sung Fieber und zeigte das Bild eines an schwerem Rheumatismus Leidenden. Ich hatte versucht, ihn mit Salizylpräparaten zu behandeln. Er hatte diese aber weggeworfen, sowie ich ihm den Rücken drehte. Der Lama verkaufte ihm ein Amulett für seine Krankheit und riet ihm, zu einer alten Nonne zu gehen, die in einer Grotte auf dem gleichen Berge ihre Behausung hatte.

Mit einem wahrhaftigen Hexenhandwerkszeug, mit einem Arsenal von Amuletten und Zauberdolchen, aber auch mit einem sehr umfangreichen Strickzeug und mit einem Sack für das Mehl und die Butter, die die Bezahlung ihrer »science« ausmachten, erschien diese Tschumo schon mit dem ersten Morgengrauen des folgenden Tages. Sung wurde mit ihr ganz allein in das Dienerzelt eingeschlossen, so daß meine Wißbegier leider nicht auf ihre Kosten kam. Deshalb erklärte ich nach der ersten Frühstückspause, auch ich sei krank und bedürfe ihrer Behandlung. Ich mußte mich jetzt auf Lao Sungs Platz platt auf die Erde legen, und die Nonne hockte mit gekreuzten Beinen dicht neben mich. Nie zuvor war mir ein gleich runzliges Weib vor die Augen gekommen. Die eisigen Stürme und sengenden Strahlen Tibets hatten ihre Haut dunkel bronzefarben gebrannt und zahllose tiefe Furchen darein gegraben. Sie hatte sicherlich ein hohes Alter, die letzten Zähne hatte sie längst verloren. Aber schon in ihrer Jugend muß sie nie Wasser auf ihre Haut gebracht haben. Eine Frau soll sich ja auch nicht waschen, sie wäscht sonst alles Glück weg. Alle die tausend tiefen Falten und Fältchen, die ihr Gesicht und ihr Oberkörper aufwies, starrten von Fett und Schmutz. Eine dicke schwarze Schmutzschicht bedeckte ihre Arme und ihre Beine – während der Arbeit war sie aus religiösen Gründen, um wie Buddha zu sein, barfüßig. Barhäuptig, den Kopf rasiert, am Hals eine Unzahl von Lederbeuteln mit Amuletten, die bis zu den welken Brüsten herabhingen, den Körper in einem alten ärmellosen Priesterrock, die dürren Oberarme nur ein kleines Stück weit in zerrissenen Pelzfutteralen, hohläugig und heiser von der Behandlung Sungs, so saß die Nonne vor mir. Während der Eßpause hatte sie gemütlich an einem Strumpf mit ihren dicken eisernen Stricknadeln gestrickt. Jetzt war sie wie umgewandelt. Stier war ihr Blick auf mich gerichtet. In der Linken eine klirrende Glocke, in der Rechten eine wie Blech tönende Handtrommel aus zwei Menschenschädeln, begann sie erst im Baß, dann kreischend und gellend, immer rascher, immer fürchterlicher auf mich einzuschreien. Jetzt läßt sie Glocke und Trommel sinken und fährt mir mit ihren dürren Krallenfingern mit teuflischem Gebrüll fast ins Gesicht. Jetzt streicht sie schmeichelnd und geschmeidig wie der gewandteste Magnetiseur über meinen Körper, und einen Augenblick später geht es weiter mit Glockenklang und Trommelschlag, so hastig, so eilig, daß die sich jagenden Worte der Hexe, die Anrufungen und Verwünschungen, alle die tibetisch verdorbenen Sanskritworte wie eine Melodie an mein lautemüdes Ohr klingen. Zwei Stunden lang arbeitete sie so mit mir, dann sollte der böse Geist meiner Krankheit gebannt sein. Ich konnte aber in der Folge viele Nächte nicht ruhig schlafen, immer wieder bekam ich dasselbe Traumgesicht, immer mußte mir die alte Tschumo mit ihren schmutzigen Krallen ins Gesicht fahren und mich aufwecken.

Die Tschumo von Tschégr fisung war von der Bönbosekte, sie drehte ihre Gebettrommel links herum, d. h. entgegengesetzt unseren Uhrzeigern. Bembe (Bönbo, Bonpo) sind in Nordosttibet unter den Zelttibetern ziemlich häufig, jedoch wohl nicht zahlreicher als überall in Tibet. Es sind die Anhänger des ersten tibetischen Schamanenkultes, der heute aber ebenso große Umwandlungen durchgemacht hat wie der tibetische Buddhismus selbst. Sie haben viel vom Lamaismus übernommen. Das Sonderbare an der Verbreitung der heutigen Bönbo ist, daß selten ganze Stämme zum Bönboglauben halten, sondern meist nur einzelne Familien bönbisch geblieben sind.

Vom Ga fo ying pan ging es fast genau westwärts weiter. Es galt den nächsten Gebirgszug zu queren. Wir begannen gleich hinter dem Lager mit dem Aufstieg. Links und rechts von unserem Wege zeigten zahllose Gipfel Schneebedeckung. Gar viele reckten ihre glitzernden Häupter bis weit über 5000 m empor.

Bereits am zweiten Marschtage hinter den Zelten der Schüch'tsong-Tibeter kamen wir über den bequemen Paß Tscheger tscheibtsen (rdyibtsen) la, dessen Höhe ich mit dem Siedethermometer auf 4255 m bestimmte. Die Gipfel aber überragen ihn um 1000 m. Ein ödes Hochtal lag jetzt vor uns ausgebreitet, das kerzengerade nach Nordwesten lief. Gleich dahinter aber erhoben sich neue Gipfelmassen, legte sich uns ein neuer hoher und unabsehbarer Bergwall in den Weg.

Sarông heißt bei den Nomaden das große Hochtal, in das wir nun gekommen waren. Wir schlugen darin am 16. Mai das Lager 21 und am 17. Mai das Lager 22. Beide waren in über 4100 m Höhe gelegen. Es herrschte hier eine eisige Grabesstille, als wären wir auf dem Mond und nicht mehr auf unserer Erde. Die Stimmung der Mannschaft war sehr gedrückt, und keiner trällerte mehr ein Liedchen vor sich hin.

Beim Gafo ying pan spielten auf der Felsterrasse rings um das Lager viele Dutzend Murmeltiere. Nie hörte ich hier ihr munteres Wit! Wit! Hier lag alles im Winterschlaf. Nirgends wollte sich Leben zeigen. Nur einmal flog ein gelbes Entenpaar glucksend durchs Tal. Es waren Reisende wie wir. Am 16. Mai entdeckte ich kurz vor Einbruch der Dämmerung am jenseitigen Hang in 1 km Entfernung einen Bären, den ersten auf dieser Reise. Er wälzte schwere Erdschollen, drehte Steine um und grub mit seinen eisenharten Krallen nach Mäusen, die noch ihren Winterschlaf hielten. Auch die süßen und stärkereichen Potentillawürzelchen verschmäht der tibetische Hochlandsbär nicht.

Am Abend des 17. Mai zeigten sich mir vier Tibeter zu Fuß in einiger Entfernung von unseren Zelten. Mit dem Glas erkannte ich, wie sie, ihre Flinten vor sich herschiebend, auf dem Bauche gegen uns ankrochen. Bis es ganz dunkel war, lagen sie noch uns gegenüber wie auf dem Anstand und rührten sich nicht. Waren es Späher einer Räuberbande? Ehe ich mich zur Ruhe legte, füllte ich alle Kleidertaschen mit Patronen und sah noch einmal den Mechanismus der Waffen nach.

18. Mai. Wider alles Erwarten ging die Nacht ruhig vorüber. Es war ein Doppelposten aufgestellt gewesen. Auch hatten wir ohne Ausnahme im Freien geschlafen. Bei –12° ist dies kein Spaß, vollends wenn alle Augenblicke ein Schauer von Eiskörnern über die Bergspitzen hereinbraust, daß man glauben möchte, man mache eine Polarexpedition. Ich selbst war ja noch einigermaßen dazu ausgerüstet, aber die meisten meiner Leute hatten außer ihrem Alltagspelz und ihrem Filzregenmantel nur eine dünne Felldecke zwischen sich und dem eisigen Erdboden. Am lästigsten empfand ich die starke Reifbildung auf dem Körper, sowie die Eisnadeln, die bei jeder Bewegung das Gesicht wundkratzen wollten; auch waren die kalten, geladenen Schußwaffen keine molligen Bettkameraden.

Bei unserem heutigen Marsche standen wir plötzlich vor den vier Tibetern, die uns am Abend vorher so sehr beunruhigt hatten. Sie machten angeblich Jagd auf Kyang und behaupteten, vom Stamme Wan̂schdächʿ Lharde zu sein. Als wir sie anriefen, schrie einer von den Vieren aus vollem Halse nach rückwärts: »Kommt doch, kommt!« Sie wollten uns glauben machen, daß sie nicht allein seien, daß noch andere Bewaffnete sich hinter dem nächsten Hügel befänden. Tatsächlich war aber niemand dort.

Das Lager 23 lag 3790 m hoch, und das Thermometer war nachts nur bis +0° zurückgegangen, obwohl kaum ein Achtel des Himmels bedeckt war. Als wir am frühen Morgen das Tal erst wenige Kilometer weiter hinabgezogen waren und um eine Bergecke herumbogen, sahen wir Schaf- und Rinderherden vor uns, die einen ganzen Abhang bedeckten. Keiner meiner Begleiter war zuvor in diese Gegend gekommen, und keiner konnte sagen, auf was für einen Stamm ich gestoßen war. Ob diese Tibeter noch mit Hsi ning und Dankar in Beziehung stehen? Ob sie bereits freie Tibeter, ngGolokh, sind? Als die zu den Herden gehörigen Hirten unser ansichtig wurden, sprangen sie hastig auf und trieben ihre Herden, so schnell sie nur konnten, zurück. Schrille Pfiffe, langgezogene Rufe tönten durch die Berge. Eine dumpfe Trommel wurde hörbar. Jetzt waren wir aus unserem Seitental herausgetreten und entdeckten kaum mehr als 2 km entfernt das zu den Herden gehörende Zeltdorf. In Gruppen zu vier und fünf standen die schwarzen Yakhaarzelte inmitten von riesigen Dunganhäufungen an die flachen Berghänge angeschmiegt. Ein bläulicher, ungemein friedlich und heimisch anmutender Rauchstreifen lag über der ganzen Ansiedlung. Man kochte dort gerade den Frühstückstee. Nun hatte unser Erscheinen den schönen Frieden zerstört. Ein allgemeiner Aufruhr war entstanden. Die Weiber und halbwüchsigen Kinder rannten nach den Herden, um diese den Männern abzunehmen. Dazu rasten die Hunde. Alle Männer aber setzten ihre Gewehrlunten in Brand und stürzten nach den Pferden. Lanzen wurden geschwungen, breite Schwertblätter blitzten in der Sonne. Im Handumdrehen war der ganze Stamm im Kriegszustand und bot ein gar prächtiges Bild eines Volkes in Wehr und Waffen.

Auch wir machten darum halt und trieben unsere Tiere zusammen. Eilends wurden Geschenke aus den Koffern gerissen, und Tschang und Tschʿeng mußten den aufgeregten Kriegern entgegenreiten. Das Gewehr schußbereit, die Handwaffen gelockert, wartete ich bei der Karawane. Wenn meine Gesandten nun nichts ausrichteten? Wenn der einmal aufgestörte Bienenschwarm sich nicht mehr beruhigen ließ und stach? Auch von der Gegenseite sind nun zwei Mann vorgeritten. Die beiderseitigen Gesandten sind ganz nahe beieinander. Wird sich der Häuptling durch das winzige weißgefärbte Seidengazefetzchen, den Khádar, durch die Messer und das bißchen Tee besänftigen lassen, oder wird er vielleicht durch die so rasch angebotenen Geschenke erst recht raublustig werden? Jetzt sitzen die Abgesandten ungefähr in der Mitte zwischen den zwei Parteien auf der Erde. Sie machen ernste Gesichter. Es sieht sich gar schlimm an. Wenn wir die Schußwaffen sprechen lassen müssen, werden meine Leute bei mir aushalten? Wenn einige Gegner niedergestreckt sind, wie kann man überhaupt aus diesem Reiterschwarm hinausgelangen? Von unten im Tal kommen immer noch neue Zuzüge. Kann mein müdes Rößlein auch nur ein Kilometer weit einen Wettlauf mit einer Feindesschar auf ausgeruhten Pferden bestehen? Eine Viertelstunde lang parlamentieren die Gesandten. Jetzt sind sie endlich wieder im Sattel. Der Khádar ist angenommen worden! Zwei Tibeter reiten zu uns und führen uns zu einer hübschen Wiese, nicht fern von dem Zelte des »Humbo«. Dort wird Lager geschlagen. Unsere Tiere gehen unter der Obhut tibetischer Hirten auf die Weide. Die Krieger aber zerstreuen sich ebenso rasch, wie sie gekommen sind. Die meisten verschwanden, ohne uns auch nur eines Blickes gewürdigt zu haben. Es konnte ja im nächsten Augenblick von einer anderen Seite für das Zeltdorf eine viel größere Gefahr auftauchen! Arme Tibeter, die nie ihres Besitzes froh werden können!

Ich erfuhr jetzt, daß wir zu dem Sidia-Stamme gekommen waren. Dieser ist 130 Familien stark und besaß um jene Zeit ein ausgedehntes Gebiet auf dem linken Ufer des Hoang ho, zwischen dem Tschürnong-Fluß und dem Hoang ho. Der Stammeshumbo hieß Tschubtscha und hatte keinen Mandarinenknopf von der chinesischen Regierung, was besagen will, daß er von seinem Kaiser nicht anerkannt war. Immerhin steht der Stamm noch nicht so unabhängig und wild da wie die ngGolokh-Stämme. Die Sidia-Tibeter dürfen noch nach dem Markt in Dankar reisen und dort Mehl und andere Vorräte einhandeln.

Die Sidia-Tibeter lagerten erst wenige Tage an dem Platz, an dem wir so unversehens auf sie gestoßen waren. Die alte Mutter des Häuptlings war kurz vorher gestorben. Nachdem man ihren Leichnam in einer Bergschlucht dem Geierfraß ausgesetzt hatte, war der Stamm rasch an den neuen Lagerplatz verzogen. In dem Zelte des Häuptlings brannten seitdem noch viele hundert Butterlampen, und ständig wurde von den Priestern dort gebetet. Es ist die Angst vor dem Geist der Toten, der die Angehörigen so rasch in ein neues Lager treibt. Aus demselben Grunde werden auch die Kleider eines Toten von keinem seiner Angehörigen mehr getragen, und der kleinste Gegenstand muß durch die Priester von dem Banne des Geistes befreit werden, ehe die Erben ihn in Gebrauch nehmen. Die Tibeter haben die Vorstellung, daß der Tote dem neuen Besitzer seiner Sachen sonst allerlei Unglück und Ungemach zufügen werde. Es hassen sich die Toten und die Lebendigen.

Erst am 22. Mai reisten wir weiter. Inzwischen hatte es viel und stark geregnet. Der Sommermonsun hatte mit voller Kraft eingesetzt. Die Temperatur hielt sich über Null. Schwere Wolkenmassen zogen von Südosten herauf.

Nur einmal hatte uns in den zwei Tagen der Humbo in unseren Zelten besucht. Meist kümmerte sich gar niemand um uns. Da der Humbo aber unsere Geschenke in keiner Weise erwidert hatte, so waren alle meine Leute sehr verdrießlich und ängstlich. Sie schlossen daraus auf eine feindselige Gesinnung. Anstatt aber wachsam zu sein, wurden sie unmutig, bei Nacht fand ich die Wachen im Zelt schlafend, und bei Tage entdeckte ich drei Mann ganz offen beim Opiumrauchen. In den Verträgen hatte ich ausgemacht, daß ich Opiumraucher nicht dulden würde, und jeder einzelne, den ich anwarb, hatte versichert, er sei kein Opiumraucher. Nun hatte ich doch solche bei mir. Als ich aber auf Grund meines Vertrages das Opium wegnahm und auch die Opiumapparate an mich nehmen wollte, setzten die Raucher in höchster Aufregung ihre Messer an die Kehlen und drohten, sich selber zu entleiben, nur um dadurch mir Unannehmlichkeiten zu bereiten. Unter Chinesen herrscht dieselbe Überzeugung wie bei den Tibetern, daß Tote sich gar leicht an Lebenden rächen können, und daß diese Rache gar süß sei. Hätte ich nicht Mohammedaner bei mir gehabt, so hätte ich in diesem Kampf um das Opium und um die Arbeitskraft meiner Karawane den kürzeren gezogen. Allein mit deren Hilfe setzte ich durch, daß ich der Opiumverwalter meiner Leute wurde, und daß ich die Tagesrationen der Raucher jeden Tag um etwas kürzen durfte. Ich wurde auf diese Weise innerhalb drei Wochen Herr über die Opiumgefahr. Am 22. und 23. Mai jedoch heulte Lao Tschang, ein fünfundvierzig Jahre alter Mann, ein Vetter von Da Tschang, den ganzen Tag wie ein Schloßhund über seine verringerte Opiummenge.

23. Mai. Es ist heute nach dem chinesischen Kalender der Erste im diesjährigen Schaltmonat. Gestern abend haben die Leute einen großen Altar aus Erde und Steinen gebaut. Bei Sonnenaufgang wurde darauf geopfert. Tsch'eng bläst in eine Muschel, verspritzt Wasser, und alle werfen sich vor der aufgehenden Sonne nieder. Zedernzweigchen, die vom Ga fo ying pan herbeigeschleppt worden waren, werden verbrannt und noch einige Reiskörner und Stückchen Tsamba-Teig. Am 1. und 15. jeden Monats gibt es diesen Gottesdienst. Von meinem Zelte aus sieht sich dieser Kult allemal ganz altbiblisch an.

Längst ging die Reise in dem Tale des Tschürnông tschü, des wasserreichsten linken Nebenflusses des Hoang ho in Tibet. Den Fluß selber bekamen wir jedoch zum erstenmal am 24. Mai zu Gesicht. Betroffen standen wir vor einem über 200 m tiefen Riß, in dem tief unten der Fluß mit wild und hoch aufschäumenden Wogen dahinstürmte. Nirgends in unseren Alpen finden sich ähnliche Gegensätze. Hier eine unabsehbare Felsterrasse, mit niederem Graswuchs bestanden und deutlich als der Boden uralter Gletschermassen erkennbar, mittendurch aber die steil und tief eingeschnittene Klamm, die Wände mit zerschlissenen Zedern und Tannen bestockt, reich an Felsabbrüchen, voll von Stromschnellen und Strudeln. Gekrönt aber war die Landschaft von dem Felskegel des heiligen nTobder, der tief herab einen dicken Schneemantel trug, dessen Gipfel aber ein weit in die Lande schauendes Lab rtse und ein riesiger Altar kennzeichnete, auf dem die Eingeborenen an gewissen Tagen opfern.

Mit einem Diener zusammen stieg ich in den Grund der Schlucht hinab und versuchte an der Stelle, wo eine große Yakstraße über den Fluß führte, hinüberzukommen. Wenige Schritte vom Ufer verlor das Pferd aber bereits den Grund unter den Füßen, und willenlos riß uns der Strom hinweg. Der Weisung eingedenk, die ich einst als Dragoner erhalten, glitt ich von dem Rücken meines Tieres in das Wasser und schwamm, mich an der Mähne festhaltend, nebenher. Aber obwohl dadurch das Pferd so gut wie entlastet war, obwohl es, wie auch ich, vollkommen nackend war, kein Sattel und nicht einmal das Zaumzeug ihm lästig werden konnten, so hatten wir doch die größte Mühe, das Ufer zu gewinnen. Als wir das erste Mal den Uferrand wieder erreichten, war dieser so steil, daß das Pferd nicht Fuß fassen konnte. Wir mußten uns noch einmal treiben lassen. Steif vor Kälte und atemlos wegen der Dünnheit der Höhenluft kam das arme Tier endlich 500 m weiter unten wieder ans Land. Yak schwimmen zwar besser als Pferde, aber da ich sie mit den Lasten auf dem Rücken hätte schwimmen lassen müssen, so mußte ich den Gedanken aufgeben, auch noch die Berge südlich des Tschürnông tschü zu erforschen. Der Fluß war ein zu gefährliches Hindernis. Hätte ich den Übergang erzwingen wollen, so hätte mich das wahrscheinlich die Hälfte meiner Tiere und Lasten gekostet. Ich schwenkte darum nach Westen ab und folgte dem Tschürnông tschü aufwärts. Einen Weg gab es nun nicht mehr. Tiefe Schluchten, eine dicht hinter der anderen und eine steiler als die andere, mußten überschritten werden und machten die Yak zum Umfallen müde und matt. Im Lager 27 wurde wieder einer der Ochsen geschlachtet, der nicht recht vorwärts kommen wollte. Meine Dunganen banden ihm die Füße zusammen, drehten seinen Kopf nach Westen, damit sein Geist nach der Kaaba finde und von dort in den mohammedanischen Himmel gelange. Wenn das Messer mit einem kräftigen Ruck die Halsschlagader durchtrennt, ruft der Schächtende: »Bismillah!«, wirft gleich darauf das Messer auf die Erde und betet eine Koransure, die aber in dem Munde meines Dunganen Han nicht im mindesten mehr arabisch klang.

Am 26. Mai morgens war Sung schwächer als je zuvor. Außer ihm war, als wir aufbrachen, auch der ältere Tschang schwer krank. Er war bereits so schwach, daß ihn zwei Mann auf sein Reitpferd heben mußten. Im ersten Augenblick hielt ich es für die Wirkung meiner Opiumentziehung und ließ ihn noch eine weitere Pfeife rauchen. Er wurde jedoch während des Marsches immer hinfälliger und begann zu phantasieren. Plötzlich befiel auch mich dieselbe unsägliche Kraftlosigkeit, so daß ich mich nach jeder Kompaßpeilung auf mein Pony heben lassen mußte. Bald war ich schlechterdings außerstande, allein mich noch im Sattel zu halten. Zwei Mann mußten mir zur Seite stehen. So blieben nur noch vier Mann als Treiber für die große Karawane übrig. Wir schlugen deshalb schon um halb acht Uhr in der Frühe wieder Lager; es war das 28. Ein Schüttelfrost packte mich, und alle Glieder schmerzten. Das Lästigste aber war die Atemnot und Herzbeklemmung, die ich zunächst freilich der Höhe des Lagerplatzes zuschrieb. Als bei mir wie bei den anderen noch im Laufe des Tages Erbrechen und Durchfall dazukamen, war ich überzeugt, daß wir an Typhus erkrankt seien, der ja auch unter den Nomaden in Tibet nicht fehlt. Ich fühlte mich so elend, daß ich es für ausgeschlossen hielt, daß ich meine Krankheit überstehen könne, und diktierte am Nachmittag Da Tschang einige Abschiedsworte an meine Eltern und einige Befehle an die Leute. Ich mußte mir den Arm halten lassen, um nur meine Namensunterschrift unter Da Tschangs chinesische Zeichen zu setzen. Abends war meine Temperatur nahe an 41°. Um Mitternacht brachte Sung das Lager in heillose Verwirrung. In seinen Fieberdelirien war er aus dem Zelte gestürzt, hatte der Wache das Gewehr aus der Hand gerissen und blindlings drauflosgeschossen. Dazu stieß er den tibetischen Kriegsruf aus, so daß wir anderen Kranken überzeugt waren, die Sidia kämen. Auch ich wollte aufspringen, konnte mich aber nicht erheben und mühte mich vergeblich, den Hahn meiner Pistolen zu spannen.

Am Morgen des 27. Mai klagte auch Da Tschang über Mattigkeit und über Kopfschmerzen. Vier Mann lagen jetzt im Mannschaftszelt in Delirien. Ihre Schreie klangen markerschütternd. Die Gesunden kampierten darum in einer Entfernung von 50 m von den Kranken. Sie waren vorsichtig geworden und hatten dort alle Waffen zusammengetragen. Es waren am Ende nur noch die Mohammedaner, die sich aufrecht hielten. Ich versuchte durch Waschungen und durch Fiebermittel meine innere Hitze zu bekämpfen. In meinem Kopf aber hämmerte es weiter, und die Temperatur hielt sich gleich hoch. – – – Es war ganz dunkel, als ich wieder erwachte. Ich erinnerte mich, daß ich soeben im Abiturientenexamen gesessen hatte – – – ja, ja, ich bin noch triefend naß vor Examensangst. Es war mir schlecht ergangen. Ein kleiner hinkender alter Herr hatte mir bittere Vorwürfe gemacht, daß ich nicht einmal die Verba auf μι könne, daß ich mich statt mit den klassischen Griechen mit der unnützen Barbarensprache der Chinesen beschäftigt hatte. – – Neben mir stöhnt etwas. Ich mache Licht und sehe Da Tschang vor mir, der mich mit gläsernen Augen anstarrt. Plötzlich fährt er auf und schreit, er müsse zu seiner Mutter, die sei unten im Tschürnông-Fluß und rufe ihn. Über seinem fieberheißen Kopf mit dem zerzausten Zopf wogen die Zeltwände auf und ab. Ich will auf die Uhr sehen, um zu wissen, wie lange ich noch in der Gesellschaft dieses unheimlichen Kranken auf den Morgen zu warten habe, doch die Uhren sind alle stehen geblieben. Ich rufe die Namen meiner Diener. Niemand antwortete mir auf mein Rufen. Mühsam erhebe ich mich. Ich lag in einem schrecklichen Zustand auf meinem Lager. – – Als es Morgen wurde, erfuhr ich, daß mich meine Leute zwei Tage lang in Delirien hatten liegen lassen. Von jetzt an ging es aber mit mir und den übrigen Kranken rasch aufwärts. Schon am 2. Juni konnte ich mit Hilfe der beiden Ma einen kleinen Spaziergang machen. Die Umgebung des Lagers war wunderhübsch. Ringsum spielten Hasen, weiter unten in der Schlucht, die zum Tschürnông führte, gackerten zwischen Büschen und Bäumen allerlei Hühner, ja sogar graue Tauben gab es hier. Von diesen erlegten sie mir viele und machten mir köstlich mundende Suppen. Ich habe noch selten eine solche Freude am Leben empfunden wie in diesen Tagen. Es war mir, als sei ich von einer langen Krankheit genesen, und es war doch nur eine kurze Attacke gewesen. Mit der frischen Kraft, die sich bei mir eingestellt hatte, kam gleichzeitig der Frühling in das Tal. Die Prärie ringsumher färbte sich saftig grün. Die Leute brachten buntfarbige Anemonen und gelbe Primeln, ähnlich unseren Schlüsselblumen. Den ganzen Tag war der Kuckucksruf zu hören, und eine Menge Lerchen sangen ihre Lieder wie in der deutschen Heimat. Der tibetische Frühling stellte sich aber leider mit recht nassem Wetter ein. Tief ziehende Regenwolken flogen unaufhörlich das Tschürnông-Tal herauf und brachten bei Tag Regen, bei Nacht Schnee. Mehrmals lag morgens eine 10 cm tiefe Schneedecke. Wir hatten auch viele Gewitter mit starken elektrischen Entladungen, und doch stieg die Temperatur nur ausnahmsweise bis +10°, und nachts hatten wir im Mittel noch immer –1°. Das Unangenehmste waren für uns Genesende die starken Regengüsse, die den Zeltwänden zuviel wurden. Der stundenlang dauernde kalte Sprühregen im Zeltinnern schien uns bis ins Mark hinein erkälten zu wollen. Kein Faden blieb trocken. An der Stelle, wo abends die Tiere festgebunden wurden, entstand grundloser Morast. Das best ausgedachte Kanalsystem wollte schließlich nicht zur Entwässerung helfen. Der Lagerplatz war uns so sehr entleidet, daß wir, ehe wir uns ganz erholt hatten, weiterzogen. Bei mir wenigstens war es allein die Nässe, bei der Mannschaft aber war es noch Angst vor dem bösen Geist, der uns die Krankheit auf den Hals gejagt haben sollte.

6. Juni. Die größte Freude, als es weiterging, hatte mein kleiner Foxterrier »Jack«. Er kannte nichts anderes als reisen. Scheu und traurig schaute er mich an, solange ich krank lag und auf keine seiner Einladungen das Zelt verließ. Regungslos lag er schließlich auf meiner Decke zusammengeringelt. Wie er mich aber heute auf dem Pferde sah, war er wie umgewandelt. Unermüdlich sprang er zu mir auf den Sattel und wieder zur Erde. Dann lief das kleine weiße Tierchen wie ein Wiesel mit den großen Hunden um die Wette den Hasen nach und trieb die Murmeltiere bis in die tiefsten Stellen ihrer Höhlungen. Auf die Yakochsen und auf die Pferde hatte die lange Rast die beste Wirkung ausgeübt, sie waren so munter und frisch geworden, daß das Beladen sich recht schwierig gestaltete.

Ich verließ das Tschürnông-Tal und folgte der Seitenschlucht, in der wir lagerten, aufwärts. Nach einigen Stunden überschritten wir einen mäßig hohen Sattel und reisten in einer Parallelschlucht weiter nach Nordwesten. Herrlich geformte Berge erhoben sich zu beiden Seiten. Im unteren Teil fußten sie in frisch grünen Matten, die Gipfel aber strahlten in blendendem Weiß. Wo die Schlucht sich nur etwas erbreiterte, sahen wir Reste von Nomadenlagern. Es mußten hier während des eben vergangenen Winters zahlreiche Menschen gelebt haben. Jetzt waren Antilopen, Murmeltiere und Hunderte von Hasen die alleinigen Herren.

Mit Da Tschang war ich wieder wie früher der Karawane vorausgeritten, nach dem Wege spähend, meinen Karten- und meinen anderen Aufnahmen nachgehend, als wir zur Linken auf einem schmalen Berggrat einige Berittene erblickten. Sie hoben sich als scharf geschnittene Silhouetten vom Himmel ab. Kaum hatten uns die Reiter bemerkt, ließen sie ein wildes »Juchu!« erschallen.

Auf dem höchsten Punkte des Grates war ein großer Steinhaufe, ein Lab (r)tse, zu erkennen. Davor angekommen, glitten die Reiter von ihren Pferden, steckten die Reitpeitschen, an denen die Fangleinen ihrer Pferde befestigt waren, als Pikettpfähle in die Erde, errichteten im Handumdrehen einen kleinen Steinaltar und entfachten eine offenbar mitgebrachte Glut darauf. Jetzt ging ein Tuten dort oben los. Eine große Meermuschel hatte der eine an den Mund gesetzt und ihr Töne entlockt, die Ochsengebrüll vortäuschten. Der zweite und dritte riefen dabei in alle Windrichtungen Berggeisternamen, ließen Wolleflöckchen fliegen und streuten zahllose bedruckte Papierfetzchen (tib.: sLong rschda, s. Abb. 5) in den Wind. Es war der Gottesdienst, den reisende Akka von einem gerade kleinen Kloster bei Dankar zur Feier des Vollmondtages abhielten, denn es war der 15. des Monats nach dem tibetischen Kalender. Sie waren auf der Reise zu den Wanschdäch' tseidia-Tibetern, bei denen sie den Sommer über für ihr Kloster milde Gaben zu sammeln hatten. Die Waʿ schdäch' tseidia hatten hier im Winter ihre Herden geweidet. Alle Klöster von Amdo schicken solche Abgesandte zu den Nomaden zur Seelsorge. Das Kloster Gum bum allein sendet jährlich viele Hunderte aus. Die Geschenke, die diese Sendlinge heimbringen, dienen zur Deckung der Verwaltungsunkosten des betreffenden Klosters.

Als wir weiterritten, begegneten wir im Grunde des Tales dem Troß der Priester, die auf dem Berge geopfert hatten, einer kleinen Yakkarawane, die Lebensmittel und Handelswaren trug. Der Marsch der nächsten Tage brachte uns wieder einmal über die Wasserscheide zwischen dem Hoang ho und dem abflußlosen Zentralasien. Fromme Reisende hatten auf dem Passe einen großen Steinhaufen zusammengetragen, ein Lab(r)tse aus lauter weißen Quarzbrocken errichtet und dessen Spitze mit mächtigen Wildyakschädeln gekrönt. Im Südosten vom Passe – wir hatten nur einem Tälchen zu folgen – lag zum Greifen nahe ein großer Seespiegel, der Merduch' ts' o der Tibeter (Khara nor nach Roborowski). Es schien ein Kinderspiel, am gleichen Tag bis an sein Ufer zu gelangen. Aber so leicht der Weg für das Auge sich ausnahm, so schwer war er tiefer unten zurückzulegen. Auf dem gesamten Abfall bis zur See-Ebene war vegetationsarmer Morast. Am 10. Juni gelangten wir an das Seeufer. Diesem folgte ich den ganzen Tag. An der äußersten Westecke des Sees wurden wir schließlich von einem winzigen Bache aufgehalten, der nirgends festen Grund hatte. Dort schlugen wir auf einer schmalen Landzunge unser Lager auf.

11. Juni. Von dem Weg, den ich einzuschlagen dachte, wurde ich heute weit nach Westen abgedrängt. Die Karawane hatte viele Stunden zu marschieren, bis sie es wagen konnte, den grundlosen Morast zu überschreiten. Auch dann aber brauchten wir zu wenig mehr als 5 m weit über eine Stunde. Auf einem kleinen Sattel, dem ersten trockenen Platz, schlugen wir Lager. Zwei Tage blieben wir hier, trübe graue Regentage. Die Wolken verzogen sich nur, um düstereren Platz zu machen, die Hagel, Schnee, Regenschauer – oft unter Donner und Blitz – entluden. Nur auf kurze Augenblicke enthüllte sich uns das prächtige Panorama, sahen wir im Süden mein nächstes Ziel, die strahlend weiße Gipfelmasse des heiligen Amne Matschen, um 1000 m Tausende von Schneehäuptern überragend, blinkte von weit im Westen der noch in eisige Fesseln geschlagene Spiegel des Tossun nor (mongol.), des Buttersees, zu uns herüber. Dann war es so klar, daß ich mit meinem Zeiß eine Herde von wilden Yak, gegen sechzig Stück, in 11½ km Entfernung genau verfolgen konnte.

Auf unserem nächsten Marsche erzählte mir Da Tschang eine seiner schlimmsten Erfahrungen in Tibet. Mit seiner tibetischen Frau und drei K'am-Tibetern war er vier Jahre zuvor von Hsi ning fu nach K'am unterwegs. Am Merduch' ts'o vorbei, waren sie nach dem Platze Sum ndu gekommen. Wir sahen diesen Platz, die Mündung dreier Täler in die große Talebene des Tossun nor, 13 km im Südwesten von meinem Wege. Die Reisenden hatten neben ihren Reitpferden nur ein halbes Dutzend Packpferde und legten so täglich gegen 50 km zurück. In Sum ndu pfiff den Ahnungslosen mit einem Male eine Kugel an den Ohren vorbei. Rasch zogen sie sich hinter eine nahe Sanddüne in ein Loch zurück, von dem aus sie sich zu verteidigen dachten. Da Tschang's ganzes Hab und Gut trug sein Packpferd, aber die Verteidigung war aussichtslos. 120 Säkuch'-Fan tse hatten sie umstellt und kreisten sie nun in ihrem Schlupfwinkel vollends ein.

Wenn es sich machen läßt, vermeiden Tibeter das Töten. Angst vor der Stammesrache, auch Furcht vor dem Geist des Getöteten, der seinem einstigen Besitz nachgeht, halten sie zurück. So ließ sich hier die Bande trotz ihrer erdrückenden Überzahl auf Verhandlungen ein. Da Tschang und seine Freunde durften schließlich auf fünf alten, dürren Rosinanten abziehen. Ihre eigenen Pferde, ihre Lasten, alle ihre guten Kleider blieben in den Händen der Räuber. Nur so viel Mehl hatten sie herausbekommen, daß es gerade bis zu den Horkurma-Fan tse, die damals drei Tagereisen weiter südlich am Hoang ho saßen, ausreichte. Dort mußten sie viele Wochen lang Vieh hüten, bis sie eine Karawane mitnahm.

Meine Karawane war nun im Bereich des Sees Tossun nor, den die Tibeter Dung re ts'o ner nennen. Antilopen- und Kyangrudel tummelten sich am Rande der großen Ebene, die sich von meinem Lager bis zum Tossun nor 20 km weit ausdehnte.

Wir kämpften am 13. Juni von sechs Uhr früh bis weit in den Nachmittag hinein mit dem Morast. Ich querte ein breites Tal, das in die Ebene des Tossun nor übergeht, und überstieg hierauf einen riesigen Moränenwall. So kam ich wieder zu dem Oberlauf des Tschürnông tschü.

Das neue Lager lag auf einem ziemlich steilen, von Tümpeln und Blumen übersäten Naka-Feld Nakafeld = ein mit Tausenden von kleinen Wasserlöchern durchsetztes Hochmoor.. Weiter unten im Tal, noch näher am Tschürnông, konnten wir Herden und Zelte erkennen. Wir waren auch dort schon bemerkt worden, denn wenige Stunden nach unserer Ankunft umritten uns einzelne Reiterpaare auf der im Norden und Westen gelegenen Anhöhe. Wir rechneten damit, am folgenden Tage mit den Eingeborenen in Verkehr treten zu können. Aber es sollte anders kommen.

Wir hatten heute um zwölf Uhr mittags ein heftiges Gewitter mit Hagel, Blitz und Donner. Um acht Uhr abends zog nördlich von uns ein neues Gewitter durch, und um halb zehn Uhr steckten wir wiederum selbst im Zentrum eines solchen Wetters. Alle Elemente waren entfesselt. Blitz auf Blitz umzuckte uns, taghell rings die Bergzacken erleuchtend. Eine halbe Stunde lang rollte der Donner buchstäblich ohne aufzuhören weiter. Auf den anfänglich feinen Regen war wie immer ein Hagelsturm gefolgt. Schloßen bis Walnußgröße zerschlugen uns die Glieder. Heulend krochen die Hunde in die Zelte und unter die Kisten. Die Pferde rissen rasend vor Schmerzen an den Strängen, verwickelten sich in ihre Ketten und stürzten übereinander. Der ganze zusammengekoppelte Yakhaufe schien sich auf und davon machen zu wollen. Wir hatten alle Hände voll zu tun, um eine allgemeine Flucht zu verhindern. Dabei prügelten uns die Eisstücke, die auf uns niederfielen. Wie Flintenschüsse so scharf klangen die in der Nähe einschlagenden Blitzschläge dazwischen. Es schien nie mehr enden zu wollen. An den Hagel schloß sich harter Schnee, schließlich lagen die Körner über einen halben Fuß hoch. Plötzlich – was war dies? Ein Schuß? Durch mein Zelt, in dem eine Kerze brannte, war eine Kugel gekommen. Und noch ein Schuß und wieder einer. »J-i-i! hu-u-u-u ...! hu-u-u! Ji–i!« Stockfinster war die Nacht. Von ungezählten Stimmen hallte das Wiesental. »Ihr Memmen,« klang die eine den Hang herab, »wir schießen euch alle tot, wenn ihr euch zu verteidigen wagt! Flieht oder verreckt! Hundsfott von Chinesen!« »Wir wollen sehen, wer zuerst verreckt, dreckige Hunde!« schrien die Meinen zurück. Wahllos schnurrten zugleich unsere Geschosse in die schwarze Dunkelheit hinein. Ein Dutzend Schüsse nur, und wie ein Spuk war auch dieses Wetter vorüber. Mit »Ji!« und »Yu-u-u ...!« machten wir eine Streife. Auf 100 m nur hatten sich die Kerls herangewagt. So nahe führten Kriechspuren ans Lager heran. Dort lagen Lunten, die naß geworden waren.

Ein kräftiger West half uns für den Rest der Nacht ein großes Lagerfeuer schüren, auf dem das Kyangfleisch vom Tage vorher gesotten ward. In Pelz- und Filzmantel lag ich daneben, sah den Wachen zu, die jede eine Stunde lang in weitem Bogen den Lagerplatz abgingen. Neben mir hockten die anderen, wie ich das Gewehr im Arm, bis langsam dem einen, dann dem anderen der Kopf vornüberfiel.

Als es tagte, packten wir rasch die Lasten auf die Tiere, und fort ging's auf dem Wege, den wir gekommen waren. Wohl hatte der heilige Amne Matschen mit seinen »achtzehn Köpfen« seit vielen Tagesmärschen zu mir herübergewunken. Schier unwiderstehlich wollten mich seine noch unerforschten Gletscher und Schrunde anziehen. Wie oft schon hatte man an meinen Lagerfeuern den Namen dieses Berges gerufen! Hatte ihm ein »lha gsol« dargebracht. Hatte man den Hut abgenommen und hatte Tsch'eng, hochaufgerichtet, die erste Schale aus dem Kessel ihm zu Ehren als Trankopfer in die Luft geschleudert!

Auf unseren Karten bezeichnet Amne Matschen eine lange Kette, die vom Tossun nor viele hundert Kilometer weit nach Südosten reicht. Ich konnte feststellen, daß die Tibeter diesen Namen nur einem Gebirgsstock geben, einem Massiv, ähnlich dem des Montblanc in unseren Alpen. Die bei den Eingeborenen namenlose Kette, in der der Gipfel liegt, zeigt viele 5300–5500 m hohe Zacken. Aus ihnen heraus erhebt sich stolz und hehr der göttliche Berg bis zu einer Höhe von ungefähr 6500 m.

Wohl hatten wir bei dem nächtlichen Überfall gesiegt – nur ein Pferd fehlte am Morgen, als wir die Tiere nachzählten –, aber für einen Abstecher, den ich ja doch nur zu den Gletschern des Berges machen wollte, war mir der Einsatz zu groß, war mir meine Karawane zu kostbar. Mein großes Ziel lag ja viel weiter im Westen.

siehe Bildunterschrift

Verkleinerung eines sLong rschda-Druckes. Natürliche Größe 11x12 cm

(In die 4 Ecken ist: kyun = Garuda, 'brug = Drache, lug = Widder, sein = Löwe gedruckt. Im äußeren Ring befinden sich 8 Kwa = Zeichen, im inneren befindet sich: byi ba = Maus, glain = Ochse, stag = Tiger, yosbu = Hase, 'brug = Drache, sbrul = Schlange, rta – Pferd, lug = Widder, apre – Affe, bya = Vogel, kyi = Hund, pag = Schwein, d. h der 13 Tierzyclus)


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