Hermann Sudermann
Die Magd
Hermann Sudermann

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XIII.

Als die Marinke mit ihrem schlafenden Jungchen auf dem Enskysschen Hof einfuhr, saß die Mutter geradeso wartend im Mondschein wie an jenem Abend vor sechs Jahren, von dem alles Unglück seinen Ursprung hatte.

»Der Vater ist schon lange zur Ruhe«, sagte sie, »drum komm herein und stärke dich.«

Und nun saß die Marinke an der Feuerstelle genauso wie damals und aß und wußte nicht, was sie aß. Der Kleine aber schlief immer weiter.

Und die Mutter verlangte, sie solle erzählen.

Da zog sie den Schenkungsbrief aus der Tasche und reichte ihn ihr.

Die Mutter traute ihren Augen erst gar nicht und ließ sich die Summe immer wieder von neuem sagen, bevor sie sie glaubte.

»Aber dann ist ja alles gut«, sagte sie, »und dann will ich erst mal den Vater wecken.«

Die Marinke hatte Angst, der Alte würde sie und das Kind sofort zu Tür hinausweisen, aber die Mutter lachte nur, nahm den Brief und ging damit nach den Stube.

Es dauerte eine ganze Weile, ehe sie wieder da war, und hinter ihr in Hose und Hemd, die Schlorren auf nackten Füßen, kam der Alte gesprungen – wie ein Wiesel kam er gesprungen – und bot der Marinke den Willkomm und klatschte den Kleinen aufs nackte Knie und wollte ihn selber ins Bettchen tragen, denn Kinder müßten mit den Hühnern zur Ruhe.

Die Marinke wußte nicht, wie ihr geschah. »In was für ein Bettchen?« fragte sie.

»Nun, das für ihn bereitsteht schon seit Jahren.« Und er habe immer gesagt, das mit dem Wieszpatis sei nichts wie ein Schwindel. Das habe der Jozup sich ausgedacht, um ihn und die Mutter zu täuschen. Und nun sei es offenbar, denn für eigene Kinder gebe der Herr Westphal so viel bares Geld nicht aus, sonst wäre er längst schon ein Bettler.

Und als die Marinke ihm verwundert dreinreden wollte, stieß die Mutter sie an und sagte ihr leise: »Laß ihn nur immer. Er redet sich's ein und wird's auch den andern einreden – und so ist's am besten.«

Da gedachte die Marinke der Worte, die der Herr zu ihr gesprochen hatte, ehe er die Schenkung niederschrieb, und dankte Gott, daß der Kleine nun wirklich die Heimat gefunden hatte noch am heutigen Abend.

Sie ließ es sich nicht nehmen, ihn selber auszuziehn, denn sie wußte wohl, daß es zum letzten Male geschah. Dann tat sie noch ein Gebet über ihm, siegelte ihm den Mund mit dem Zeichen des Kreuzes und ging vor die Haustür.

Dort standen die beiden und warteten ihrer.

»Ach, möchten sie mich doch einladen, bei ihnen zu bleiben!« dachte die Marinke. Aber sie taten es nicht. Wie konnten sie auch!

»Das Schriftstück bleibt in meiner Hand«, sagte der Alte, »denn ich bin der Vormund.«

Und die Mutter geleitete sie noch eine Strecke ins Dunkel hinein und sagte zum Abschied: »Ich bin gesund und erst vierundfünfzig. Zwanzig Jahr' hab' ich gewiß noch. Und so lange wird es ihm gutgehn, das weißt du.«

Ja, das wußte die Marinke, und sie dankte ihr mit Tränen.

»Was wird aber mit dir werden?« fragte die Mutter.

»Bet für mich, daß ich im Kindbett sterbe«, sagte die Marinke und ging von ihr fort...

Der Mond stand hoch – es war schon ein Herbstmond –, aber die Luft wehte warm wie im Juni.

Als die Marinke sich dem Wolfsnest näherte, überkam sie ein Schaudern. Der Hofhund würde bellen, bevor er sie noch erkannte, und darauf würde der Jozup, der einen leisen Schlaf hatte, hinausrufen: »Wer ist da?« Und wenn sie dann sagte: »Ich bin es – ich, die Marinke«, dann würde das Schimpfen losgehen – Klorke und Szunjôda und Pajudêle und alles, womit er sie sonst noch traktierte.

Sie hielt an und tat einen tiefen Atemzug. Niemand paßte ihr auf. Sie konnte die Nachtstunden nützen, wie es ihr einfiel. Aber wo sollte sie sie hinbringen? Denn sonst eine Heimat hatte sie nicht. Da fiel der Kirchhof ihr ein, auf dem sie so lange Zeit nicht gewesen war. Wie eine Erleuchtung kam es da über sie.

Auf dem Grab des Jurris zu sitzen bis an den Morgen, das war es, was ihr jetzt fehlte. Da sah sie keiner, da hörte sie keiner, da konnte sie keiner anschreien und schimpfen.

So schlug sie also den Weg zum Kirchhof ein, den sie beinahe vergessen hatte.

Das Grab des Jurris war gar nicht so leicht zu finden, denn ringsherum hatte manch neuer Pilger sich angesiedelt, und die Gesträuche waren auch höher geworden. Aber schließlich unterschied sie es doch und setzte sich auf den Hügel, dessen sandiges Erdreich die Judenmyrte spärlich begrünte.

Einen neuen hölzernen Pfosten hatten die Eltern errichtet. Der war inzwischen schon wieder alt geworden, denn die Inschrift auf der Tafel schien blaß und von Regen verwaschen, soviel man im Mondschein erkannte.

»Bald werden sie ihn alle vergessen haben«, dachte sie, und ihr schien's, als sei sie ihm doppelt und dreifach untreu gewesen. Oft hätte sie Zeit gehabt, das Grab zu besuchen, und keiner hätte danach gefragt. Trotzdem fand sie erst heute den Weg hierher, wie man verlassene Freunde nicht früher aufsucht, als wenn man nicht aus und nicht ein weiß.

»Ach, wenn ich doch ein bißchen weinen könnte!« dachte sie, aber sie hatte heute schon zuviel Tränen vergossen, und ihr war auch gar nicht mehr so schmerzhaft zumute. Nur müde war sie. Darum lehnte sie das abgerackerte Kreuz gegen den Pfosten und dachte: »Hier möcht' ich einschlafen.«

Und das tat sie auch wirklich. Aber bald weckte der Nachtwind sie wieder. Sie lag nun mit geschlossenen Augen und wollte gar nicht mehr aufstehen.

Es war eine große Stille ringsum, nur die harten Baumblätter rieben sich ab und zu aneinander, und in dem Gras raschelte es, wenn irgendein Getier sich bewegte.

Sie dachte an alle die Geister, die auf so einem Kirchhof zur Nachtzeit ihr Wesen treiben, aber sie fürchtete sich nicht im mindesten, denn unter ihnen wäre auch der des Jurris gewesen, und der hätte sie schon beschützt.

Über diesem Gedanken schlief sie von neuem ein, und ihr war im Traum fortwährend, als stünde er neben ihr und streichelte ihr die Backe. Aber wie sie wieder einmal erwachte, merkte sie, daß es nur der Wind gewesen war, und da tat es ihr leid, daß sie nicht weiterschlief.

»Jetzt muß ich wohl bald heimgehen«, dachte sie. Da kam das Schaudern wieder, das sie auf dem Weg zum Wolfsnest schon einmal zurückgejagt hatte.

»Was soll ich eigentlich dort?« dachte sie weiter. »Sobald er mich sieht, wird er mich quälen, und die Dienstleute werden nicht wissen, ob ich ihnen noch was zu befehlen hab'. Hier gehör' ich her. Zu meinem Jurrischen. Hierher auf den Kirchhof.«

Und sie beugte sich zur Seite und küßte das Grab, aber ihr kam davon nur Sand zwischen die Zähne. Und mutlos gedachte sie kommender Zeiten.

»Das Kind wird er mir wohl bald wegnehmen«, dachte sie. »Denn ich bin für ihn gar nicht mehr eine richtige Mutter. Bloß die Gimdywe – die Gebärerin – bin ich ihm noch. Ein Kind habe ich ihm zu beschaffen anstatt des anderen, das er verstoßen hat, und dann kann ich abgehen. Er wird schon dafür sorgen, daß sie mich bald hierher auf den Kirchhof fahren.«

Und ihr war zumut, als bliebe sie am liebsten gleich hier.

Und dann dachte sie an alle die Erniedrigungen, die er ihr zugefügt hatte seit jenem Sturmtag, an dem der Jurris ertrank, und an alle die, die er ihr noch zufügen würde – er und der Helfer, mit dem er drohte.

Und sie sagte zu sich: »Nun hab' ich ihm umsonst prophezeit, daß ich ins Haff gehen werde, wenn er der Alten meine Schande verrät. Denn was er jetzt selber in die Welt hinausschreit, ist ebenso schlimm wie das, was sie damals zu erzählen gehabt hätte.«

Und wie das Bild der Alten vor ihr lebendig wurde, überfiel sie plötzlich ein Erschrecken, so furchtbar, daß sie vom Grab in die Höhe sprang und wie eine Unvernünftige drum herumlief.

Wenn der Helfer, der Peiniger, den er sich kommen lassen wollte, niemand sonst als die Wilkene, die Wölfin war? Was dann? Wohin dann?

Sie rannte nach rechts und rannte nach links, als wollte sie ihr entrinnen und wußte doch nicht wie. Sie anzuzeigen, dazu war es gewiß zu spät, und sie hatte auch nicht den Mut mehr. Wenn das noch zu fürchten gewesen wäre, hätte der Jozup die Mutter niemals zurückgeholt.

Da war es ihr, als sagte eine Stimme: »Er hat sie ja gar nicht zurückgeholt.«

Das war natürlich dem Jurris seine Stimme. Entweder er schwebte um sie herum oder sie hatte ihn mit ihren Klagen erweckt, so daß er von seinem Sarg aus zu ihr redete.

Und so warf sie sich vor dem Grabhügel auf die Knie, wühlte die Stirn in den Sand, um ihm näher zu sein, und bat und flehte: »Ach hilf mir doch, Jurrischen, hilf mir doch!«

Und die Stimme sprach weiter: »Gewiß hat er dir nur angst machen wollen, wie man kleine Kinder mit dem Baboczius ängstigt. Und er ist sonst gar nicht so schlimm. Er hat dich liebgehabt schon über fünf Jahr, und du bist so zufrieden mit ihm gewesen, daß du mich ganz vergessen hattest. Glaube nicht, daß ich dir deswegen böse bin. Nein, ich bin dir nicht im mindesten böse. Und weiß ich, daß du da oben froh bist, so hab' ich hier stets meine Ruhe. Nur wenn du weinen kommst, das tut mir weh. Nun aber gehe getrost wieder heim und ertrage geduldig die Prüfungszeit, die Gott der Herr dir gesetzt hat. Der Jozup wird die Wölfin nicht kommen lassen, und auch sonst keinen Peiniger wird er kommen lassen. Und wenn er sieht, wie treu du ihm dienst, dann wird sein Sinn sich wieder zum Guten wandeln, und alles wird werden, wie es noch jüngstens war.«

So sprach der Jurris aus seinem Grab, und sie hörte begierig darauf.

Dann erhob sie sich voll Zuversicht und machte sich bereit, nach Hause zu gehen. Diesmal wandelte kein Schauder sie an, im Gegenteil, sie war wohlgemut, ihr Haupt neuen Leiden beugen zu können. Wenn nur das eine nicht kam, wenn nur die Schwiegermutter, die Wölfin, nicht kam, dann war alles gut! Von ihm selber wollte sie gerne erdulden, womit er sie kränkte.

Sie scharrte den Sand zurecht, den ihr liegender Körper zur Seite gedrückt hatte, zog die Ranken sorgsam darüber her und betete dankbar ein Vaterunser.

Dann machte sie sich auf den Heimweg.

Über dem schwarzen Forst, der den Osten begrenzte, erhob sich bereits ein gelblicher Streif. Der Wind wehte schärfer, und die Vögelchen zwitscherten schon.

Als sie vor dem Hoftor stand, war es halbhell. Darum bellte der Hund auch nicht, der sie von weitem erkannte, und klopfte nur mit dem Schweif gegen die Hüttenwand.

Da, wie sie gerade an dem Wohnhaus vorübergehen wollte, gewahrte sie, daß in der Kleinen Stube noch Licht war. Rasch trat sie zurück und drückte sich gegen den Gartenzaun, in jene Ecke, wo er mit dem Giebel zusammenstößt.

Und wie sie dort stand, wartend und lauschend, da hörte sie aus dem Innern zwei Stimmen.

Die eine gehörte dem Jozup, die andere aber – vier Jahre hatte sie sie nicht mehr gehört, und nie mehr im Leben glaubte sie sie hören zu müssen.

Sie war also doch gekommen, die Wölfin! Für sie hatte er heute den Spazierwagen angespannt, sie von der Bahn abzuholen, und die Magd hatte geschwiegen – aus Mitleid.

Wohin nun? Die Enskysschen wollten sie nicht, das Elternhaus wollte sie nicht, der Wieszpatis wollte sie nicht, selbst der Jurris im Grab wollte sie nicht. Der hatte sie heimgeschickt mit List und mit Täuschung.

Sie kehrte sich um auf ihren Hacken und rannte und rannte – ohne Sinn und Verstand –, so rasch ihr Körper es zuließ.

Bloß weg! – Weg aus dem Haus! Weg aus dem Leben! Weg – weg – weg!

Und mit einemmal sah sie vor sich das graublaue Wasser und die schaukelnden Kähne. Und der Schuppen des Jurris war auch da. Noch ehe die Sonne aufging, fuhr sie aufs Haff hinaus – – –


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