Hermann Sudermann
Die Magd
Hermann Sudermann

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V.

Wider Recht und Gewohnheit! Gewiß. Denn wenn eine Braut, die »auf Prob'« ist, sich mit dem Bräutigam einig geworden ist, dann ziehen sie womöglich in eine Kammer, und keiner kümmert sich drum.

Aber hier geschah folgendes: Als am nächsten Vormittag der Jurris vom Feld kam, um kaltes Braunbier zum Trinken zu holen – denn draußen beim Mähen und Binden starben sie alle vor Durst –, da fand er, als er den Rückweg antreten wollte, den Vater, der sich schon gern die Ruhe gönnte, wartend im Hausflur stehen.

»Komm doch mal 'rein«, sagte er.

Der Jurris stellte den Topf in den Schatten, und als er in die Stube trat, was sah er da?

Der große Tisch war mit einem weißen Handtuch bedeckt. Darauf standen zwei brennende Lichter, und zwischen ihnen lag das Gesangbuch.

Der Alte war barhaupt und hatte die Schlorren nicht an und sah furchtsam und heimlich aus.

»Nimm deine Mütze ab«, sagte er.

Der Jurris tat verwundert, wie ihm geheißen war.

Und der Vater fuhr fort: »Als die Marinke ins Haus kommen sollte, sagte ich zu dir: Kennenlernen müssen sich die Menschen, die beieinander bleiben wollen ein Leben lang. Aber erst verlangte ich von dir das Versprechen, daß du ihr nicht zu nahe kommen wollest, solange die Hand des Pfarrers nicht auf eurem Kopf gelegen hat. Und das gabst du mir auch.«

»Ich wußte nicht, wie das ist, Vater«, fiel ihm der Jurris ins Wort, »wenn die Braut einem so dicht neben beiwohnt.«

»Und die Herren vom Gericht wissen es noch viel weniger«, gab der Vater zur Antwort, »denn es sind Deutsche. Und die Deutschen haben von Gott eine andere Vernunft bekommen als wir. So hat es sich vor etlicher Zeit auf dem Tilsiter Schwurgericht zugetragen, daß ein alter, ehrbarer Besitzer, der sein Lebtag nicht um Haaresbreite vom Pfad der Tugend gewichen war, ein Jahr Zuchthaus – nicht Gefängnis, mein Sohn, sondern Zuchthaus – gekriegt hat, weil sein Sohn und die Braut, die auch auf Prob' war, genau wie die Marinke, unter seinem Dach zusammen geschlafen haben. Er hat geweint und geschworen, es sei alles in Ehren geschehen, denn im Herbst sollt' ja die Hochzeit sein, und zu der Aust könnt' man zwei fleißige Händ' nicht entbehren; aber unbarmherzig, wie die Deutschen sind, haben sie dem alten Mann die Ehre genommen und haben ihn eingesperrt zusammen mit Räubern und Mördern.«

»Das kann nicht sein!« rief der Jurris voll Empörung. »Das wär' ja die schlimmste Gewalttat!«

»Die Deutschen nennen's Gerechtigkeit«, sagte der Vater, »und untereinander strafen sie sich genauso. Nun möchte ich aber auf meine alten Tage nicht auch in das Scheuchhaus kommen, denn Aufpasser gibt es ja überall. Und weil ich gestern abend gesehen habe, daß es soweit mit euch ist, weiß ich nur zwei Wege, mich vor Angst und Unglück zu retten: entweder ich schick' sie solang' zu den Eltern zurück –«

»Das geht ja nicht, Vater«, rief der Jurris entsetzt, »das würde aussehen, als wollten wir sie nicht haben.«

»- oder du schwörst mir hier auf das heilige Gotteswort, daß du dich ihrem Leib fernhalten wirst bis zu dem Tag der Hochzeit. Und niemand, selbst deine Mutter nicht, wird davon wissen.«

Das kam den Jurris hart an, aber was sollte er machen? Und er schwor zwischen den Lichtern, die Hand aufs Gesangbuch gelegt, was der Vater verlangte. Und daß, wenn er den Eid verletze, Gott ihn mit Drangsal und Tod heimsuchen wolle, das schwor er auch, genau wie der Vater es vorsprach.

Und dann brachte er das warm gewordene Braunbier aufs Feld hinaus.

Die Marinke, die in Rock und Hemd schwer atmend dastand, griff nach dem Krug, als ob er ein Glückstopf gewesen wäre. Aber ihm war, als tränke sie Trübsal daraus.

Nachher zur Mittagspause, als die Mäher alle im kargen Schatten zweier Weidenstümpfe lagen, rückte er so weit von ihr ab, daß sie sich erstaunt nach ihm umsah; aber sie dachte, daß es der Leute wegen geschehe, und darum beruhigte sie sich wieder.

Auch beim Nachhausegang schritt er nicht etwa an ihrer Seite, sondern machte sich mit den kleinen Steinen zu schaffen, die in den Wagenspuren lagen.

Und immer und immer wich er ihr aus, so daß sie schließlich ganz krank war.

Aber sie hatten sich ja miteinander versprochen. Darum zweifelte sie auch nicht an seiner aufrichtigen Meinung, und nur die große Sehnsucht nach ihm war es, die sie krank machte.

So kam der Montagabend heran, an dem der Enskyssche Wagen zum ersten Male wieder die Milch der fünf Wirte nach Augustenhof zu bringen hatte. Seit langem war ausgemacht worden, daß Marinke mit dem Jurris mitfahren solle, um dem Verlangen ihres früheren Brotherrn nicht länger entgegenzustehen.

Sie könne mit leichtem Herzen fahren, sagte sie zu ihrer künftigen Schwiegermutter, denn sie habe die Bücher aufs genaueste geführt, und nur ein Irrtum des Schweizers, der ihr Nachfolger war, könne schuld daran sein, daß etwas nicht stimmte.

Aber in Wahrheit war das Herz ihr schwer – wenn auch nicht wegen der Bücher.

Sie schmückte sich mit Sorgfalt, flocht bunte Bänder durch die Zöpfe und legte ein seidenes Gürtelband an, dessen Sprüche sie selber eingewebt hatte. Und wenn sie daran dachte, daß sie nun zwei Stunden lang in der roten Dämmerung mit dem Jurris allein durch die Welt fahren sollte, so verschwand daneben alles andere, wovor ihr wohl bangte.

Aber siehe da! Als die Stunde des Einsammelns kam, war der Jurris nirgends zu finden. Die Milchgefäße der Wirtschaft standen aufgeladen, und auch die der anderen Wirte warteten sicher schon lange, aber alles Rufen nach ihm blieb vergeblich.

»Dann wirst du wohl allein fahren müssen, mein Täubchen«, sagte die Schwiegermutter. Sie erschrak sehr und weigerte sich. Und viel mehr Tränen weinte sie, als die kleine Fahrt wert war. Da kam auch der Alte herzu, und wie er nun einmal war, fing er sogleich zu quengeln an. »Was machst du für ein Wesen?« sagte er. »Es scheint, daß du dich fürchtest, weil du mit Pferden nicht umzugehen verstehst.«

Das kränkte die Marinke natürlich aufs tiefste, denn den Litauer oder die Litauerin möchte ich sehen, die die Pferde nicht wie ihre Gespielen betrachten. Das Reiten und Fahren können sie alle womöglich noch früher, als sie das Gehen gelernt haben.

Darum erwiderte die Marinke auch nicht ein Wort, sondern biß nur die Lippen zusammen, stieg auf und fuhr vom Hofplatz herunter.

Der Schwiegermutter tat es leid, daß ihr Mann so häßliche Reden geführt hatte, und deshalb ging sie hinter dem Wagen her, um, wenn es sich machte, der Marinke was Tröstliches mit auf den Weg zu geben.

Aber sie holte sie nicht mehr ein, und nur von weitem konnte sie sehen, daß, als der Wagen bei den Wilkats hielt, die Alte trotz ihrer gichtbrüchigen Glieder flink auf die Achse stieg und die Marinke abrutschte, wer weiß wie sehr.

Und sie ärgerte sich noch, denn sie dachte: »Was hat die alte Wölfin ihr Maul an der Marinke abzuwischen?«

Eine Stunde später sah sie den Jurris wieder zum Vorschein kommen. Er sei auf dem Haff gewesen, nach den Aalreusen zu sehen, sagte er zu seiner Entschuldigung. Und als sie ihm Vorwürfe machte und weiter in ihn drang, erwiderte er nur noch: »Frage den Vater.«

Aber der wußte von gar nichts. Und beide Männer gingen zur Ruhe. Sie hingegen konnte nicht schlafen, ehe die künftige Tochter wieder zu Hause war.

Darum bereitete sie das Abendbrot, setzte sich unter den Lindenbaum, ließ auch die Lampe brennen am Herd und schloß nur die Tür gegen die Mücken.

Der Mond ging auf, und der Nachtwind streichelte sie gleichwie ihr Slinka, der alte Kater. Sie wartete und wartete, aber die Marinke kam nicht.

Endlich gegen halb zwölf hörte sie einen Wagen langsam, langsam näher knarren. Die Räder mahlten, und die Achsen schlackerten.

»Sie wird eingeschlafen sein«, dachte sie, »und die Pferde machen es sich zunutze.«

Aber als sie die Marinke auf dem Sitzkasten sah, mit großen Augen nach dem Mond hinstarren und dann absteigen ohne »Wie geht's?« und »Guten Abend«, da wußte sie, sie hatte nicht geschlafen, sondern ihr war etwas geschehen.

Sie liebkoste sie und sagte: »Du bist müde, mein Töchterchen, darum iß einen Bissen und lege dich nieder. Ich selbst werde ausspannen statt deiner.«

Und die Marinke ließ es auch zu.

Als die Mutter hereinkam, saß sie am Herd und kaute. Aber es war, als täte sie's nur, weil man es ihr befohlen hatte. Jetzt, da das Lampenlicht auf ihr lag, ließ sich erkennen, daß sie von Gesicht ganz weiß war, bloß daß unter den Augen zwei Flecken brannten.

Die Mutter umarmte sie und sagte: »Gestehe, was dir begegnet ist.«

Und sie erwiderte immer ins Leere hinaus: »Es hat nicht gestimmt.«

»Um wieviel hat es nicht gestimmt?« fragte die Mutter.

Sie besann sich einen Augenblick und erwiderte dann: »Mehr als fünfzig Mark sind es, die fehlen.«

Da lachte die Mutter und sagte: »Die schick' ich noch in der Frühe und lege fünfzig als Zinsen dazu. Die kann sich der Wieszpatis sauer kochen.«

Und die Marinke entgegnete heftig: »Um das Geld ist es nicht. Das hat er mir gleich geschenkt. Der Verdacht ist es – die Schande ist es, daß der Schweizer nun sagen wird: ›Eine lüderliche Kröt' ist vor mir im Amte gewesen.‹ Oder er sagt gar noch Schlimmeres.«

Die Mutter schalt sie, daß sie sich mit so unnützen Sorgen abgab, aber in ihrem Innern freute sie sich darüber, daß Gottes Gnade ihrem Jurris eine so rechtschaffene Frau hatte bescheren wollen.

Und sie sagte: »Morgen fahr' ich mit der Milch, und wenn ich deinen Herrn Westphal seh', dann sag, ich ihm ordentlich die Meinung, weil er ein ehrliches Mädchen in schändlichen Ruf gebracht hat. Ja, das werd' ich tun und fürcht' mich nicht im geringsten.«

Als sie das sagte, hatte die Marinke zuerst ein sehr erschrockenes Gesicht gemacht. Dann aber lächelte sie ein weniges, wie man zu Kinderworten wohl lächelt. Dem Herrn Westphal trat kein Mann und keine Frau mit Vorwürfen unter die Augen. Dem nahte man höchstens mit einer Bitte im Mund.

Nicht ohne Grund nannten die Leute ihn weit und breit den »Wieszpatis«. Das heißt auf deutsch »König und Herrscher«. Und der liebe Herrgott heißt auch so.


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