Hermann Sudermann
Die Magd
Hermann Sudermann

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XII.

Eines Nachmittags – es war zu Ende August, und die Leute arbeiteten draußen im Grummet –, da sah die Marinke durch das Fenster der Klete, daß der Jozup den Spazierwagen anspannte, sich einen Korb mit Essen und Trinken aufladen ließ und davonfuhr.

Da wartete sie nicht länger, zog dem Kleinen die Sonntagskleider an und schmückte sich selber, so gut es ihr Zustand erlaubte. Dann wagte sie sich hinaus in das Freie. Die Hausmagd war die einzige, die auf dem Hof geblieben war. Sie fragte sie nicht, wohin der Jozup sich begeben habe, sondern sagte nur im Vorbeigehn: »Ich will jetzt den Kleinen wegbringen. Erzähle dem Herrn nichts davon, auch wenn ich zur Nacht nicht zu Haus bin.«

Und das tat sie aus Vorsicht, denn ob sie auch fortgehen wollte, so wußte sie doch nicht, wohin. Und die Magd sah ihr kopfschüttelnd nach.

Sehr schwer war es, auf dem Weg zu bleiben, wenn Leute ihr entgegenkamen, denn das Geschehene war ja längst allen bekannt; aber jeder grüßte sie freundlich, wenn er auch nicht mit ihr sprach. Als sie an dem Enskysschen Hof vorbeigehen wollte, in dem sie so glückliche Tage verlebt hatte, da überfiel sie der Jammer, so daß sie sich weinend auf den Grabenrand setzte. Und eine Stimme sprach in ihr: »Kehre an! Vielleicht daß die Mutter dich nicht fortweist und einen Rat für dich hat!«

Und siehe da! Es traf sich so günstig, daß der Alte auch auf dem Feld war und die gute Mutter sich keinen Zwang anzutun brauchte.

Sie hob den Knaben gleich auf den Schoß und sagte: »Da ist er nun, um den wir Jahre und Jahre gebetet haben, und ist ein Jungchen, so hübsch wie ein Bild. Nun müßte er bloß noch zu uns gehören.«

Und sie küßte ihn und sagte weiter: »Wenn der Jurris noch lebte, der würde es nie erfahren haben und hätte ihn liebgehabt wie sein eigenes. Weiß Gott, mir wär' es gleich! Ich würd' ihn auch weiter liebhaben, schon weil er von dem Jurris ein Erbstück ist. Aber der Enskys, der will nicht. Der spuckt aus.«

Die Marinke streichelte ihr den Ärmel und bat: »Sag, Mutter, was soll ich tun?«

Und die Enskene erwiderte: »Es ist doch ein Vater da. Der muß sich jetzt kümmern.«

Marinke erschrak in tiefster Seele, denn nie hatte sie daran gedacht, daß sie dem Wieszpatis mit ihren Angelegenheiten lästig fallen dürfe.

Und die Mutter Enskys fuhr fort: »Wenn er erfährt, daß sein Fleisch und Blut ganz und gar verkommen muß und ohne Heimat ist, so wird er es zu sich nehmen. Denn nicht umsonst sagen alle, daß er ein guter Mann ist und ein gerechter Mann.«

Die Marinke bebte, und eine große Mattigkeit kam über sie. Beinahe wäre sie von der Bank herab auf die Erde gesunken. Aber die Mutter Enskys hielt sie fest und sagte: »Daß es dir schwerfällt, kann man sich denken. Es trifft sich aber gut, daß wir die Woche haben, darum kannst du gleich mit dem Milchfuhrwerk mitfahren, das der Hütejunge kutschiert.«

»Aber bei den andern anhalten, wenn er die Kannen einsammelt, das bring' ich nicht übers Herz«, sagte die Marinke.

Und die Mutter fand, daß das gar nicht nötig sein würde, der Junge könne ja erst die Runde machen und sie dann abholen kommen. Und so geschah es.

Es war schon dunkel, als sie mit dem Kleinen auf Augustenhof eintraf. Der Schweizer in der Meierei sah sie mißtrauisch an, aber sie kümmerte sich nicht um ihn, sondern nahm den kleinen Jurris bei der Hand und schlug den Weg zum Herrenhaus ein.

Als sie an den Bach kam, der vom Hofteich in den Garten läuft, schlug ihr das Herz so sehr, daß sie meinte, über das Brückengeländer fallen zu müssen, und als sie gar lachende Stimmen auf der Veranda hörte und milchfarbene Windlichter sah, da war es vollends mit ihren Kräften zu Ende.

»Wer ist da?« hörte sie die Stimme des Herrn.

Und da sie nicht zu antworten vermochte, sagte er weiter: »Sieh doch einmal nach, Agnes, wer da ist.«

Ein junges Mädchen kam die Treppenstufen herab – sollte das wirklich die Agnes sein? – und fragte: »Was wünschen Sie?« Und da sie noch immer nicht antwortete, rief das Mädchen hinauf: »Eine Frau ist da mit einem Kind, aber sie spricht nichts.«

Da kam er, der Herr, selber die Treppe herab. Und sie neigte sich vor ihm und küßte ihm den Ärmel.

»Ich kann nicht recht sehen«, sagte er. »Bist du etwa die Marinke?«

Da bekam sie die Sprache wieder und sagte: »Die bin ich.«

»Komm herein«, befahl er und schritt ihr und dem Kind voran die Stufen empor, an lauter Herrenleuten vorbei – jungen und alten –, es waren deren mindestens sechs oder sieben. Sie erkannte die gnädige Frau, der küßte sie rasch noch die Hand, und dann ging sie durch die Sommerstube und den Saal und den mittleren Korridor immer hinter ihm her, und der Kleine war tapfer und quarrte nicht im geringsten.

Und so kamen sie in sein Arbeitszimmer, das am Giebelende gelegen war und drei Polstertüren hatte, eine rechts, eine links und eine zum Korridor hin, durch die sie nun eintraten.

Er drehte das elektrische Licht an, das sie noch nie gesehen hatte, denn damals war es Petroleum gewesen. Da stand noch der Schreibtisch, an dem sie sonnabends immer Rechnung gelegt hatte, und das Ruhebett in der linken Fensterecke stand auch noch da. Und alles war überhaupt, als sei sie nie weg gewesen.

Er hatte sich unter den Kronleuchter gestellt und betrachtete sie lange, aber von dem Kind, das sie erwartete, und auch von dem, das sie an der Hand hielt, sagte er nichts, sondern begann so:

»Es hat mir leidgetan, Marinke, daß dein Mann mir vor ein paar Jahren die Milch gekündigt hat. So sind wir ganz außer Verkehr gekommen, und ich weiß nichts mehr von dir. Du hast dich in der ganzen Zeit nicht einmal an mich gewandt, und das passiert mir in ähnlichen Fällen eigentlich niemals. Ich will nicht sagen, daß ich dir das besonders hoch anrechne, denn wenn ich kann, helf' ich gerne. Aber nun setz dich hin, denn du wirst müde sein, und sage, was fährt dich her?«

Sie dachte bloß immer: »Und sein Kind sieht er nicht an.«

Aber nun, wie sie sich auf die äußerste Kante des Ruhebetts setzte und das Kind zwischen die Knie nahm, da sah er es doch.

»Ei, ei, das ist ein strammer Kerl geworden«, sagte er und streckte von seinem Schreibtisch her lockend die Hand aus, wie man ein Hündchen lockt.

Aber der Kleine wollte nicht und drückte sich nur um so enger an sie.

»Wie werd' ich's ihm bloß sagen?« dachte sie. »Das Beste wird wohl sein, ich geh' wieder weg, wie ich gekommen bin.«

»Nun also, Marinke, erzähle.«

»Ich hab' nichts zu erzählen, Ponusze.«

»Na, na. Umsonst macht eine Frau, der es schwerfällt, nicht einen so weiten Weg. Also sag, braucht dein Mann eine Hypothek oder möcht' er bauen oder sonst was? Ich geb', was er will, denn ihr seid mir sicher.«

»Mein Mann braucht keine Hypothek«, sagte sie, »und bauen möcht' er auch nicht, aber es ist 'rausgekommen, was zwischen ihnen gewesen ist, Herrchen, und mir.«

Er wandte sich auf dem drehbaren Sitz kurz nach ihr um, so daß es knarrte, und machte sich ganz krumm, um ihr mit finsteren Augen scharf ins Gesicht zu sehen. Der Lampenschein fiel hart auf ihn herab.

»Er ist ganz grau geworden«, dachte sie. Und nun sah er vollkommen so aus, als wär' er der Herrgott. Aber wie ein strenger und zorniger Herrgott sah er aus.

»Nur du und ich haben's gewußt«, herrschte er sie an, »und von mir hat's keiner erfahren.«

Sie hätte nun sagen müssen: »Von mir auch nicht«, aber ihre Angst vor ihm war so groß, daß sie sich keine Antwort getraute.

»Ich werd' denn man gehen«, sagte sie und versuchte aufzustehen. Aber sie war so schwach, daß sie wieder zurückfiel.

Da sah er wohl, daß er zu schroff zu ihr gewesen war. Die geschaffene Karaffe stand immer noch auf dem Tisch. Aus der schenkte er ihr ein Glas Wein. Und das Büchschen mit Schokolade, aus dem sie manches liebe Mal hatte naschen dürfen, hielt er dem Kleinen hin. Der wollte erst nicht, aber was ihm in die hohlen Händchen geschüttet wurde, das nahm er.

»Nun laß uns vernünftig reden«, sagte der Herr, »und erzähl alles.« Aber sie konnte nicht. Sie saß bloß so da und sah vor sich hin.

»Marinke«, sagte der Herr, »du bist einmal die Freude meiner Feierabende gewesen, und ich habe dir nie dafür gedankt. Du hast einen großen Stein bei mir im Brett. Denk daran und faß dir ein Herz.«

Da faßte sie sich ein Herz und sagte frischweg: »Das Kind hier ist Ihr Kind, Ponusze.«

»Ei der Deiwel«, sagte er und lachte hellauf, »das ist ja ganz was Neues.« Dann nahm er den Kleinen bei der Hand, führte ihn unter die Lampe und betrachtete ihn von oben bis unten. »Wie gesagt, stramm ist er. Wenn er sich auswächst, kann er mir schon ähneln. Denn das weißt du ja, sie ähneln mir alle.«

Ja, das wußte sie wohl. Manchmal arbeiteten fünf oder sechs auf dem Hof. Wenn man die in eine Reihe stellte, sah einer aus wie der andere.

Und er fuhr fort: »An sich wär's also schon möglich. Aber ich denk', es ist deinem ertrunkenen Bräutigam seiner. Von dem, soviel ich weiß, hat er ja auch den Namen.«

»Das ist richtig«, entgegnete sie, »aber von dem Jurris ist er nicht. Und von meinem jetzigen Mann ist er auch nicht.«

»War der denn auch dabei?« fragte er, und sie konnte nicht anders als Ja sagen.

»Du – das ist aber ein bißchen reichlich«, rief da der Herr und wußte vor Lachen sich nicht zu halten. Ach, dies Lachen tat ihr sehr weh!

Bis jetzt hatten sie deutsch miteinander gesprochen. Aber die Marinke sah ein, daß sie in der fremden Sprache nicht vorwärtskommen würde, wenn sie ihm alles sagen wollte. Und das mußte sie jetzt tun, denn er allein konnte sie verstehen, und es drückte ihr längst schon das Herz ab.

Darum begann sie auf litauisch zu erzählen, wie alles gekommen war. Er hörte ihr aufmerksam zu und wurde ernster und immer noch ernster.

Mitten darin griff er mit der Hand nach dem Kleinen und hob ihn sich auf das Knie. Und der hatte jetzt gar keine Furcht mehr vor ihm und lutschte still weiter.

Als sie fertig war, fuhr er ihm durch den Wuschelkopf und setzte ihn sacht auf die Erde. Sie kannte die Gewohnheit des Herrn. Er mußte die Beine freikriegen zum Rumgehen, denn das tat er immer, wenn ihm das Herz von irgendwas voll war.

Er ging und ging, und dann klingelte er und sagte dem eintretenden Mädchen: »Man soll nicht auf mich warten – ich habe zu tun.« Einst war sie selbst dieses Mädchen gewesen, und oft hatte er dasselbe zu ihr gesagt. Und dann ging er immer noch länger.

Schließlich blieb er vor ihr stehen und fragte: »Wie wirst du nach Hause kommen?«

»Der Enskyssche Milchwagen wartet auf mich«, entgegnete sie.

Der große Augenblick war nun da. In ihm mußte das Schicksal des Kindes sich entscheiden.

»Die Enskene hat gemeint«, stotterte sie, »weil es doch dein Fleisch und Blut ist, Herrchen, und ich nicht weiß, wohin mit ihm, so würdest du es vielleicht in Pflegschaft nehmen und es großziehen lassen auf deinem Hof. Von Instleuten wohnen ja bei dir so viele.«

Ursprünglich hatte sie weit Größeres von ihm erbitten wollen, aber jetzt, da sie das vornehme Herrschaftshaus wiedergesehen hatte, fühlte sie, daß auch dieses wenige schwer zu erfüllen war.

»Du vergißt, Marinke«, sagte er, »daß da draußen die gnädige Frau sitzt, der ich Rechenschaft schuldig bin. Das Gerede würde sehr bald auch ihr zu Ohren kommen, und dann gäbe es Gram ohne Ende. Daß ich damals ihrem Wunsch nachgab, mit zu deiner Hochzeit zu kommen, war schon viel, aber ich mochte es ihr nicht abschlagen – auch um deinetwillen nicht, Kind, weil du so außer jedem Verdacht bliebst. Kommt's nun aber heraus, dann ist jenes eine Verfehlung gewesen, die ich nie wieder gutmachen kann.«

Die Marinke verstand nicht recht, was er meinte, aber daß ihr Verlangen eine Vermessenheit war, daß wußte sie nun.

»Ich werd' denn man gehn«, sagte sie zum zweiten Male. Diesmal fiel sie nicht von selbst zurück, sondern wurde von ihm an der Schulter gefaßt und festgehalten, so daß sie das Aufstehen vergaß.

»In den sechsundzwanzig Jahren, die ich hier bin«, sagte er, »ist kein Fremder ohne Trost aus dieser Stube gegangen, und dich, die ich mal sehr gern gehabt habe, die sollte ich einfach in die Nacht hinausschicken? Das geht nicht, Marinke, wenn ich dir auch leider was anderes als Geld nicht zu bieten hab'.«

»Ich will kein Geld!« stieß sie hervor.

»Verachte das Geld nicht«, ermahnte er sie. »Denn es macht die Bösen gut und die Harten gefügig. Ich gebe sonst jeder, die ein Kind von mir hat oder wenigstens sagt, daß es von mir ist, tausend Taler mit auf den Weg. Und noch keine hat sich beklagt. Diesem Jungchen will ich eine Mitgift geben, dreimal so groß, so daß er als ein wohlhabender Erbe gelten kann, und du wirst sehen, er findet seine Heimat noch heute abend.«

Damit setzte er sich an den Schreibtisch und schrieb einen Schenkungsbrief über zehntausend Mark, und noch vieles andere schrieb er dazu, wie die Zinsen zu erheben seien und wie das Kapital einst ausgezahlt werden sollte. Das unterstempelte er mit dem Stempel des Amtsvorstehers, dessen Dienst er selber versah, und reichte es der Marinke.

Die dachte bloß immer das eine: »Aus mir kann nun werden, was will. Das Kind ist fürs Leben geborgen.«


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