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Zwölftes Kapitel

Warum Rico sagt: »Bin froh, daß die kleinen Teufelskrallen nicht mehr sichtbar werden!« – Von einem Vorschlag, den er macht. – Schulgeschichten, und wie die Teresa einen Bubikopf bekommt. – Von verschiedenen Uhren, und warum Rico sagt: »Zeit versäumen ist so, wie wenn aus einer Kette Perlen herausfallen.« – Putzi freut sich »diebisch«, aber Weihnachten ist nicht so fröhlich, wie sonst. – Von Silvester, Bleigießen und einer kleinen Gesellschaft. – Herr Schachtelhuber überbringt der Frau Stadträtin einen Brief, über den sie ratlos wird. – Von Geheimnissen und einem Gang in den »Goldenen Bären«. – Wie Rike sich diesen auslegt, und warum Miezi die belegten Brötchen schon morgens machen muß. – Von einem Schrei in der Küche, und von einem Fremden, der das Engele auf seinen Arm nimmt. – »Kannst du fliegen, Onkel Heinrich?« – Warum Hans zu Inge sagt: »Zum Kuckuck, nein, was haben auch die da drüben für Heimlichkeiten?« und wie dann etwas geschieht, was der Leser selber aus dem Buch erfahren kann. – Was in der Nacht die Neumeyerischen Bilder untereinander flüstern! – Um das zu verstehen muß man einmal zwischen zwölf und ein Uhr im Ahnensaal gewesen sein.

 

Einsam war freilich Heinrich Neumeyer, als auch Rico wieder von ihm geschieden war, um sich noch für ein Jahr nach München zu begeben. Und wie Enrico Neumeyer, der Deutschitaliener, wie viele ihn nannten, sich vereinsamt fühlte, das schilderte Rico in herzbewegender Weise, als er auf dem Wege nach München ein paar Tage in der Engelapotheke weilte. Aber trotz allerlei Vorschlägen und Plänen war dagegen nichts zu machen. Über Rico freute sich jeder. Wie war er gewachsen, schon bis zur vollen Manneshöhe, aber sein ganzes liebes Gesicht, sein Lächeln, das um so wirksamer war bei dem sonstigen Ernst, der aus seinen dunkeln Augen sprach, war dasselbe geblieben, und vor allem seine herzinnige Art. Jedes einzelne der Neumeyerischen Familie, vom Vater herab bis zum Putzi, freute sich seines Besuches. Und allen voran natürlich sein Schwesterlein. Es war rührend, die Liebe der beiden mitanzusehen, und Angela wich in diesen Tagen kaum von der Seite des Bruders. Die Unterhaltung zwischen den Geschwistern wurde jetzt natürlich ganz in Deutsch geführt. Aber Rico bedauerte doch, daß das Kind seine Muttersprache so ganz vergessen hatte, und Miezi versprach ihm, während der Zeit, in der sie zu Hause war, wieder mehr Italienisch mit ihr zu reden.

»Denn Miezerl,« sagte er, »das Kind wird doch einmal wieder zu seinem Vater und in seine Heimat zurückkehren!«

Und Rico sagte das auch dem Engele, und erzählte ihr immer wieder von dem lieben, fernen Vater. Es war schad um den eigentlich so schönen Namen Angela, daß die Kleine nun allgemein nicht so genannt wurde, aber da konnte man nichts dagegen machen. Rico war doch so froh, daß die kleinen Teufeleinskrallen fast nie mehr sichtbar wurden.

Am letzten Tag hatte er mit der kleinen Schwester noch eine ganz eingehende Unterhaltung. Er ermahnte sie, recht oft, wenigstens in der Woche einmal, an den »lieben Papa« zu schreiben, der oft solches Heimweh nach seinem Töchterlein habe. Da klagte sie ihm, daß sie wegen der vielen Aufgaben nicht auch noch einen Brief zustande bringe, besonders einen langen, wie ihn der » babbo« doch gerade gern haben wolle. Da kam Rico ein Gedanke:

»Weißt du, Angelina, wir wir's machen: Ich werde dir jetzt schönes, weißes Papier geben, das schon seine Schreiblinien hat, und dann versuchen wir's einmal so: Du gehst in Zukunft ein Viertelstündchen bälder von der Straße oder von dem Hofe, wo du mit deinen Freundinnen spielst, hinauf und setzt dich rasch an deinen kleinen Pult und schreibst – ich will einmal sagen – sechs bis acht Linien an den Vater. Du kannst gerade so schreiben, wie du denkst, oder wie wenn du mit ihm sprechen würdest, und schön braucht es in diesem Fall nicht gerade zu sein. Nur soll was drinnen stehen, daß der Vater weiß, was sein Kind treibt. Und an diesem Schreiben machst du den andern Tag ohne viel Besinnen weiter, nur immer erzählen. Und gib acht, was das nach acht Tagen allemal einen schönen, dicken Brief gibt, den Miezi dir dann sofort auf die Post gibt!«

Das kleine Mädchen hatte aufmerksam zugehört, aber dann sagte sie in ihrer raschen Art:

»Das ist nichts, Rico, das kann ich nicht. Wie weiß ich denn, daß es gerade eine Viertelstunde nach unserem Spielen ist? Nein, das ist nichts!« Und sie schüttelte den schwarzen Lockenkopf.

»Du weißt das nicht?« fragte Rico ganz erstaunt. »Es steht doch die Kirche uns gerade gegenüber mit der Turmuhr, welche die großen Zeiger hat. Die kennst du doch?«

Etwas unsicher sah Angela den Bruder an.

»Nun gut, ich zeig dir's noch einmal ganz genau. Aufs pünktlichste wird ja im Hause gegessen, das ist das Herrliche hier. Und so brauchst du nur beim Spielen manchmal hinaufzusehen, um das Viertelstündchen vorher zu gewinnen. So gescheit wird doch mein Kleines sein? Aber einhalten, Angela mia, ganz bestimmt alle Tage tun!« sagte er mit drohend erhobenem Finger. »Sonst kommt nichts dabei raus!« Und Angela versprach etwas zögernd, daß sie's tun wolle.

Rico war mit dem Versprechen abgereist, über Weihnachten wieder zu kommen, nicht ohne vorher dem Schwesterlein das versprochene schöne, weiße Papier in einem kleinen, netten Mäppchen an einem freien Plätzchen auf ihrem Pult recht handlich hingerichtet zu haben.

Die Idee war neu, und gleich am ersten Tage nach des Bruders Abreise saß Angela zur bestimmten Zeit an ihrem Kinderpult und schrieb:

 

» Babbo mio!

Rico hat gesagt, daß ich's tun solle, weil Du so allein seist, und ich soll mir denken, daß Du neben mir sitzest. Weil das aber nicht so ist, und Du mir nicht antworten kannst, so ist das nicht so leicht, aber ich will's versuchen. Rico ist gestern abgereist, und ich habe ein wenig weinen müssen, aber nicht so, daß Putzi es gesehen hat, denn der lacht einen aus. Er ist aber doch auch nachher in seinen Winkel hinter der Türe gegangen, wo er sich sein Stübchen eingerichtet hat, das er sein La–po–ra–do–rium nennt, und wo es manchmal knallt. Und die Rike sagt, sie habe ihn ganz gewiß schluchzen hören, denn ihre Küche ist gleich daneben. Ob Miezi geweint hat, das weiß ich nicht, die sagt einem so etwas nicht, aber Tante hat gesagt, sie habe den Rico gerade so gerne wie den Hans, und den mag sie doch fürchterlich. Jetzt aber sind es acht Linien, und ich darf aufhören. Ist Dir's recht so?«

Am andern Tag saß das Engele schon vor der bestimmten Zeit an ihrem Platz, denn sie hatte sehr Wichtiges zu berichten, und darauf freute sie sich.

»Weil heute in der Schule etwas so Wichtiges passiert ist, so muß ich es gleich erzählen. Gretl Hofmann, weißt Du, die vom Kaufmann Hofmann, drunten an der Ecke in der Karlstraße, die hat Fräulein Hermann angelogen. Ihre Mutter hätte ihr Zeugnisheft unterschreiben sollen, das muß sie, damit man weiß, daß die Mutter es gelesen hat. Und sie hatte ein schlechtes Zeugnis, das sie nicht zeigen wollte, und hat selber den Namen unterschrieben, und das darf man doch nicht. Und sie hat gesagt, ihre Mutter sei krank und liege im Bett und könne nicht schreiben, und Inge hat sie doch in der Allee spazieren gehen sehen. Peppina hat zwar manchmal gesagt, Lügen ist nicht so schlimm wie Stehlen, aber Tante sagt: ›Wer lügt, der stiehlt auch‹. Und ich habe ihr gesagt, daß ich neulich der Rike gesagt habe, daß ein schwarzer Mann hinter ihrer Türe stehe. Aber Tante, der ich's erzählte, sagte, ich hätt's nicht tun sollen, weil die Rike darüber erschrocken ist, aber gelogen sei das nicht …«

»Heute haben wir in der Schule eingeübt ›Ihr Kinderlein kommet‹, denn das ist ein Weihnachtslied, und das Christkind kommt jetzt bald. Aber vorher kommt der Pelzmärte, und vor dem fürchte ich mich ein bißchen, denn man muß sehr gute Zeugnisse haben, daß er einem Nüsse gibt. Babbo, meine waren in dieser Woche nicht sehr gut. Aber nur wegen dem dummen Rechnen, das ich gar nicht mag. Aber Miezi sagt, man brauch's. Wenn's nur nicht lauter Zahlen wären, zu was auch? Rico sagte, daß Du den ganzen Tag fast Zahlen schreiben müßtest, und da habe ich sehr Mitleid mit Dir gehabt. Ich mach lieber Männlein auf den Falz. Die Rike sagt auch, Rechnen sei dumm, der Kopf rauche ihr oft fast davon. Das täte ich gern einmal sehen, aber der tut's nicht immer. Wohnst Du jetzt wieder in der Stube, in der Mammina lag und wo auch meine Teresa ihr Bettchen hatte? Die Mädchen unten auf der Straße sagen, die Teresa sei nicht mehr schön. Freilich hat sie nur noch ein Auge und ausgerissene Haare. Aber das tut doch nichts? Miezi sagt, das Christkind werde ihr vielleicht eine neue Perücke bringen, aber das will ich nicht haben, meine Teresa soll bleiben, wie sie ist. Ich habe ihr die Haare abgeschnitten, und jetzt hat sie einen Bubikopf. Manche Mädchen in der Schule haben jetzt auch einen, und ich hab's auf einem Stückchen Kopf bei mir auch probiert. Zwei ganz dicke Locken sind heruntergefallen, aber Tante hat mich furchtbar geschimpft und hat gesagt, Du würdest sehr unglücklich darüber sein, und ich dürfe das nie mehr tun. Warum? …«

»Ich habe eben gezählt, daß ich jetzt schon am vierten Tag schreibe, und das ist doch sehr viel! Ich meinte, das könne man schon abschicken, aber Miezi meint, es sei noch nicht genug, und ich solle nur weiter schreiben. Heute bin ich ein Viertelstündchen später daran, aber gelt, das tut nichts? Ja so, dann reicht's nur zu wenig, weil das Essen so dumm pünktlich ist. Also! Heute, weil's Samstag ist, ist der Hans gekommen. Und dann ist's immer lustig, weil er so nette Sachen erzählt vom Fliegen, und wie's von da oben herunter aussieht, und daß man da den Leuten in die Töpfe sehen könne, was sie kochen. Rike stritt sich mit ihm und sagte, das sei nicht wahr, und sie möchte das nicht haben, aber er lachte nur, stibitzte ein Apfelküchlein, das auf dem Herde stand, und lief davon. Hans hat mir heute ein herziges Schifflein mitgebracht, das er aus Holz geschnitzt hat, leider ist's für Teresa zu klein, aber er will mir einmal ein größeres machen. Er … oh, jetzt reicht's nimmer, Onkel kommt schon die Treppe herauf, und ich muß vorher …«

»Heute hab' ich immerfort auf die Uhr geguckt, so daß die Mädchen sagten, so könne man ja gar nicht mit mir spielen. Es wäre besser, wenn mich jemand hinaufrufen würde, als dieses dumme Auf-die-Uhr-Sehen. Aber Tante sagt, paß du nur selber auf, wir alle haben anderes zu tun. Der Onkel und Herr Schachtelhuber sagen, die Infulenza sei wieder da, und unten in der Apotheke ist's ganz voll mit Menschen. Miezi hat jetzt bald Ferien, und dann will sie unten helfen, und kann mich dann auch von der Apotheke aus rufen, wenn's Zeit ist. Die Mammina, das weiß ich noch, hat die Uhren auch nicht mögen. Aber am Arm hat sie eine gehabt, die hat ganz leise ein Liedlein gesungen, das weiß ich noch gut, und ich habe am Zeiger drehen dürfen. Aber jetzt habe ich ja noch gar nichts erzählt, und doch sind die Linien schon voll. Aber ich habe ein paarmal ans Fenster laufen müssen, weil es geschneit hat, und die andern sind heimgelaufen und haben ihre Schlitten geholt, und ich tu's jetzt auch. Povero Väterle, der das nicht kann! Gibt's denn bei Euch immer noch keinen Schnee? …«

»Muß ich heute denn schreiben, Vater? Ich tu's, weil der Rico gesagt hat, entweder – oder. Und ich habe ein bißle Angst vor dem Oder, weil ich nicht weiß, was es ist. Es liegt Schnee, und wir haben eine große Schleife gezogen, wir vier aus der ersten Bank in der Schule, und auch eine aus der älteren Klasse, die feste Stiefel hat, und da ging's flott. Fünf mal hintereinander bin ich ganz hinuntergekommen, aber dann hat die Miezi aus der Apotheke herausgerufen: ›Komm Engele, es ist Zeit‹. Aber ich habe nicht wegkönnen, wenn's gerade so schön war, und Miezi hatte noch einmal vom Fenster oben herabgerufen: ›Es ist höchste Zeit Engele, sonst fehlt der heutige Tag‹. Tut's denn was, wenn er fehlt? Rico sagt, dann sei's wie eine Kette, aus der Perlen herausfehlen. Also schnell. Die dumme Zeit, das hat selbst Fräulein Hermann heute gesagt, weil wir alle noch unsere Weihnachtsarbeiten fertig zu machen haben, Christtag kommt doch so bald. Das Geschenk für Dich ist leider auch noch nicht fertig. Es war ein Serviettenband, das ich stricken wollte, grün-weiß-rot, in unsern italienischen Farben. Aber Rico sagte, ich soll's nur lassen, das liebste Geschenk seien Dir diese Blätter. Ein bißchen mühsam sind sie ja schon, und wenn man gerade in etwas mitten drin ist, so muß man …«

»Heute habe ich ganz unmöglich zur richtigen Zeit schreiben können, denn denk Dir, der Pelzmärte ist gekommen, gerade wie es dämmrig war und wir hinauf sollten. Da kam er um eine Ecke, und plötzlich stand er mitten unter uns und fragte, ob wir auch brav seien. Ich habe mich recht gefürchtet, weil er solch großen Bart hatte und eine Rute, obgleich der Fritz Zimmermann sagte, zu was denn sich fürchten, es gäbe gar keinen Pelzmärte. Aber er lief selber davon, denn er ist der Letzte und tut nur so, als ob er keine Angst hätte. Der Pelzmärte sagte, wir sollen nur nach Hause gehen, er komme dann schon. Und er kam auch bald darauf, hatte Stiefel wie der Jakob an, und einen Pelzmantel, beinahe wie der von Tante, nur lag viel Schnee darauf. Inge und Putzi lachten so dumm, als ich mein Verschen hersagte, was man doch muß. Aber ich bekam dann Nüsse und ein Lebkuchenherz, und sie nichts. Warum haben sie auch gelacht! Jetzt ist's schon nach dem Nachtessen, und Onkel hat mir erlaubt, noch ein bißchen weiter zu schreiben, ausnahmsweise, sagte er, weil es so etwas Interessantes sei. Aber weil's schon spät ist, fällt mir gar nichts rechtes mehr ein, als daß ich Dich lieb habe. Hörst Du's? – Du sitzest ja neben mir, sagt Rico. Und Miezi kommt eben, mich ins Bett zu bringen, liest durch, was ich geschrieben habe und sagt, 's ist recht so. Und morgen wird der Brief fortgeschickt mit einem sehr guten Kuß von Deiner

Angelina.«

 

Weihnachten nahte, und jedermann freute sich, waren ja doch nach langer Zeit einmal wieder alle Familienglieder beisammen, denn auch Hans hatte bis über Neujahr Urlaub, und Rico war schon seinem Versprechen gemäß ein paar Tage vor dem heiligen Abend wiedergekommen. Er und Miezi waren zusammen auf den Markt gegangen, Rico freute sich, endlich einmal wieder einen Christbaum zu sehen, und die beiden putzten ihn zusammen aus, während Mutter in dem abgesperrten großen Familiensaal viel zu tun hatte, bis Puppenstube, Kaufladen und Puppenküche eingerichtet waren. Putzi und Angela waren kaum mehr zu halten, wobei aber Mutter beständig wehrte, daß sich Angela nicht auch der von Putzi gebrauchten Schulausdrücke bediente, die momentan an der Reihe waren und hießen:

»Ich freue mich diebisch – hundsmäßig – stiefelsdick« usw. Für sie waren neue Kleider für ihre Teresa ihr höchster Wunsch, die Frage wegen der neuen Haare überließ sie, nach energischem Zureden von Inge, nun doch dem Christkind, machte aber die Bedingung, daß es lange sein müßten, denn sie wolle doch kämmen können. Daß Rico wieder da war, machte sie selig, denn es war ja ihr Rico, der ihr allein gehören sollte, und eifersüchtig folgte sie ihm auf Schritt und Tritt. Sie war deshalb gar nicht zufrieden, daß der Bruder diesmal soviel bei den Erwachsenen war, meist unten in der Apothekerstube. Dahin stieg sogar Mutter, vom Christkindchen weg, des öfteren hinab, und kam gestern sogar mit verweinten Augen herauf. Und man ist doch nicht traurig, wenn Weihnachten kommt? Auch Miezi war so oft verschwunden, man wußte gar nicht, wohin, und Inge sagte:

»Jetzt läßt der Rico ihr nicht einmal in den Ferien freie Zeit. Gestern erst hat er ihr wieder von seinem dummen Neapel erzählt, wo's jetzt doch hier viel Netteres gibt. Als ich mich ein wenig zu ihnen setzen wollte, da sprachen sie plötzlich das dumme Italienisch, und ich finde, es ist doch nicht höflich, wenn man eine fremde Sprache spricht vor Leuten, die sie nicht verstehen!« Inge war jetzt in dem Alter, wo sie sehr oft den Satz: »Ich finde« gebrauchte, und wo das von ihr »Gefundene« ihr sehr wichtig vorkam.

Aber auch andere fanden, daß es heuer, wo man sich doch endlich wieder recht hätte freuen können, gar nicht so recht heiter zuging wie sonst. Hans, der freilich hatte einen Grund dazu, von neuem bedrückt zu sein. So schön seine Fliegerlaufbahn begonnen hatte, oder vielmehr, gerade weil es so wunderschön war, fühlte er mit nicht unberechtigter Angst, daß die Sache nicht mehr so sicher war, wie man glaubte. Nicht als ob sich Hans in seinen verschiedenen Luftfahrzeugen weniger sicher gefühlt hätte wie am Anfang, o nein, im Gegenteil. Er hatte sich nach und nach sogar eine ganz besondere Gewandtheit erworben, sowohl auf dem Flugplatz wie auch als Beobachtungs- und Verkehrsflieger. Er war mit Leib und Seele dabei, hatte sich schon Preise erworben und galt neuerdings sogar als Rekordflieger. Aber gerade, weil er sich so glücklich in seinem Beruf fühlte, so war sein Herz mit Angst erfüllt, wenn immer wieder auf fremdes Gebot die Zahl der Luftfahrzeuge verringert wurde, und damit auch die Zahl der Flieger. Und was dann? Die Apotheke, ja, die blieb ihm ja immer noch, und es gab ihm einen Stich ins Herz, wenn er sah, wie Vaters liebes Gesicht bei solcher Möglichkeit aufleuchtete. Es war und blieb eben, begreiflicherweise, sein Lieblingsgedanke, in Hans seinen Nachfolger zu sehen.

Am Tage vor dem Weihnachtsabend, nach einer jener langen, unbegreiflichen Sitzungen der Eltern unten in der Stube, war ein großer, dicker Brief – er glich eher einem Paket – mit mehreren großen, roten Siegeln und einem Begleitschein versehen, nach Neapel an Onkel Heinrich abgesandt worden. Inge, die jetzt in dem Alter war, wo sie beobachtete und wo ihr nicht leicht etwas entging, dachte, als sie den Brief zur Post tragen und ihn einschreiben lassen mußte:

»Wie merkwürdig, er hat doch schon sein Christkindle, sowie den Brief vom Engele. Und zu einem nochmaligen Weihnachtsgeschenk ist's doch auch zu spät?« Rike aber meinte:

»Ich weiß auch nicht, was das ist, heuer fehlt ganz das richtige Christtagsleben im Haus! Nicht einmal beim Springerlesmachen hat Miezi diesmal mitgeholfen, wo's doch sonst dabei immer so lustig zuging. Sie müsse hinab in die Apotheke, hat sie gesagt. Wo doch der Schachtelhuber wieder da ist und sein' Sach' so recht macht und ihr gewiß nicht zugemutet hat, gerade an dem Abend zu helfen. Und der Rico, der ist in die Stadt gelaufen, mitten in das ärgste Marktgewühl hinein, und dann ins Rathaus, und gleich nachher ist er doch auch mit den andern von der Apothekerstube heraufgekommen. Wenn's nur nichts bedeutet, all das zusammen,« schloß Rike, und sie machte ein solch unheilverkündendes Gesicht dazu, daß Minele, die gerade Silber putzte, sagte:

»Erschrecken Sie einen doch nicht so, Rike, was soll denn aber auch geschehen? Es ist wahrhaftig gerade schon genug passiert, es braucht nichts Neues dazu!« Und das nun vierzigjährige Minele dachte dabei an ihren Bräutigam, der zwar heil wieder heimgekommen war, aber schlechterweise dann eine andere, eine Junge, geheiratet hatte.

Trotz aller Schreckensahnungen und Prophezeihungen war man am Heiligen Abend schließlich doch recht vergnügt! Die Kinder natürlich, denn auf denen hatte kein Druck gelegen, aber auch die drei Großen. Hans, der seit seiner schweren Krankheitszeit seinen vollen Humor wiedergefunden hatte, wendete den Neumeyerischen Wahlspruch, wenn auch in umgekehrter Weise, auf sich an: »Heut – Beste Zeit!« insofern, als er sich sagte: Will mir mit meinen dummen Sorgen nicht auch noch den heutigen, schönen Abend verderben. Miezi und Rico aber waren zwischenhinein von einer Ausgelassenheit mit den Geschwistern, die man sonst gar nicht an ihnen gewohnt war. Nur ab und zu fand Angela, daß Rico gar nicht »lieb« sei, denn er war sichtlich nicht dabei, Teresas herrlichen Zopf zu bewundern, und Miezi machte, mitten im Lustigsein, oft plötzlich ein ordentlich erschrecktes Gesicht, wenn Mutters Auge sie traf. Sie war doch hoffentlich nicht krank? … Aber durch Inges Entzücken über ein kleines Toilettentischchen mit lauter herzigen rosa Fläschchen und Schalen war wieder Freude und Jubel hergestellt.

Zum Silvesterabend erwartete man, wie alle Jahre, ein paar Neumeyerische Verwandte und auch etliche Schulfreunde von Rico, Hans und Miezi. Hans und Rico kauften dafür kleine, nette Figürchen zum Bleigießen, und auch Sächlein zu einer Lotterie. Sie waren in den Feiertagen auch viel mit den alten Schulfreunden zusammen gewesen, und oft beim Schlittschuhlaufen. Nur bemerkte Hans mißbilligend, daß Miezi sich heuer nicht dabei beteiligte, sondern meist zu Hause bei der Mutter blieb. Rikens Besorgnisse, es könne irgend etwas mit ihrer Frau sein, gewannen urplötzlich eine feste Gestalt.

Am Vormittag des Tages vor Silvester – es wurden schon Vorbereitungen zu dem morgigen Abend in der Küche gemacht – fragte Herr Schachtelhuber, der sonst die Apotheke eigentlich nie verließ, nach der Frau Stadtrat. Und als ihn diese erstaunt mit sich in das Wohnzimmer nahm, wo gerade niemand anwesend war, holte er ganz ängstlich einen Brief aus der Tasche, in dem ein zweiter enthalten war, den er mit scheuem Umsichblicken der Frau seines Chefs übergab.

»Ich habe diesen Brief soeben bekommen mit dem Auftrag, ich solle die Einlage sofort, womöglich diskret, der Frau Stadtrat übermitteln, was ich hiermit ergebenst tue.« Dem braven Manne war bei dieser Rede ganz heiß geworden, denn er fürchtete, daß sich hinter dieser Heimlichtuerei irgend etwas Unangenehmes verberge. Derselbe Gedanke war auch durch Frau Marias Hirn gefahren, aber wie war sie erstaunt, als sie ihres Schwagers Handschrift erkannte, und als der Brief an sie nur die Worte enthielt:

 

»Liebe Schwägerin!

Ich ertrage meine Einsamkeit sehr schwer und will nun leichtsinnig sein und für kurze Zeit zu Euch kommen. Wie Ihr Euch denken könnt, zieht's mich überhaupt gewaltig zu Euch, und da ich die Freude habe, der Überbringer einer guten Nachricht sein zu dürfen, so ist es das beste und schönste, wenn ich selber komme. Kannst Du's machen, so möchte ich am liebsten überraschen. Ich denke, daß ich gerade am Silvesterabend bei Euch sein kann. Ich steige selbstverständlich im Goldenen Bären ab. Unmenschlich freut sich darauf, Euch alle zu sehen

Heinrich.«

 

Da stand nun die Mutter, nachdem sie Herrn Schachtelhuber gedankt und ihn verabschiedet und zum Stillschweigen ermahnt hatte, denn es handle sich um eine Überraschung, und war zuerst bei aller Freude, die dieser Brief ihr und den andern bringen würde, fast ratlos. Doch regte sich zuerst die Hausfrau in ihr: »Wie sollte sie den Besuch dieses neuen und wichtigsten und liebsten Gastes in die schon so festgelegten Vorbereitungen einfügen? Absagen konnte man den schon lange eingeladenen Gästen nimmer, auch sollte das Kommen ja ein Geheimnis sein. Und doch wäre es ja so viel schöner gewesen, des Schwagers Besuch im engsten Kreis zu genießen. Wie machen? Was tun? Besonders, wie konnte sie, die nie ihrem Manne etwas verborgen hatte, es in diesem Falle tun?« Einen Augenblick war sie auf einen Sessel gesunken, und es schwirrte ihr der Kopf. Dann aber kam ihr ganzer Hausfrauengeist über sie, und mit einer raschen Bewegung stand sie auf und ergriff Hut und Mantel. Hernach ging sie mit ihrer Tasche, als wollte sie etwas einkaufen, über den Platz in den Goldenen Bären. Dort war's nicht schwer, bei dem ihr gut bekannten Besitzer ein behagliches Zimmer zu bestellen, und den konnte sie auch ins Vertrauen ziehen und sagen:

»Es handelt sich um eine Überraschung, mein Schwager will kommen, bitte sprechen Sie nicht davon.« Aber schon, bis Frau Maria in einem Laden noch etwas besorgt hatte und wieder nach Hause kam, hatte Minele bereits zu Rike gesagt:

»Was hat denn die Frau im Goldenen Bären drüben zu tun? Ich bin ihr begegnet, aber sie hat mich nicht einmal gekannt, so eilig war sie!«

In Rikes Herzen begann ein unguter Gedanke sich zu regen:

»Gewiß hat sie eine Sulz oder so etwas bestellt, anders kann's nicht sein, und das, was ich doch alle Jahre gekocht habe, ist ihr nicht recht.« Und diese Mutmaßung veranlaßte, daß die Frau Stadtrat, als sie wieder heimkam, die Rike in recht schlechter Laune traf. Das nächste war, das Kursbuch zu studieren. Das lag aber unten auf dem Schreibtisch ihres Mannes in der Apotheke, und es war nicht leicht, es, während dieser mit einem Kunden beschäftigt war, wegzustibitzen, ebenso mußte eine Ausrede erfunden werden, weshalb Frau Neumeyer um diese ungewohnte Zeit herabkam. Wieder oben studierte sie in einem Winkel des Schlafzimmers, wann der Zug vom Süden wohl ankomme, und fand es auch glücklich: um halb drei Uhr – und ganz erleichtert war sie im Gedanken, daß da noch ein paar Stunden bleiben würden, um mit dem Angekommenen das Nächstliegende besprechen zu können. Was Onkel Heinrich zu so ungewohnter Zeit hertrieb, das ahnte ja die Mutter. Nun galt es aber, alle Vorbereitungen für das kleine Fest so zu treffen, daß man damit womöglich schon nach Tisch fix und fertig war, und das hielt schwer. Miezi wußte nicht, was sie daraus machen sollte, als Mutter anordnete, daß die vielen belegten Brötchen, die für den Abend gerichtet werden mußten, schon vor Tisch fertig sein sollten. Die vertrockneten ja! Sie verstand auch nicht, was die bei solchen Anlässen sonst so gelassene Mutter dazu trieb, Rico und Hans, die den Nachmittag noch zum Schlittschuhlaufen benützen wollten, unter dem nichtigen Vorwand zurückzuhalten, sie dürften sich doch nicht vorher schon so ermüden, wenn nachher die Gäste kämen. Erstaunt sahen sich die beiden an, wagten aber nicht zu widersprechen, als Mutter etwas aufgeregt erklärte:

»Hans muß doch zur richtigen Zeit die Weine vom Keller heraufholen, und Rico die Tischordnung schreiben.« Das hätte ja ein paar Stunden später noch lange geschehen können. Und das Schwierigste war, das Engele dazubehalten, denn das war schon lange von einer Freundin, die Geburtstag feierte, zu einer Schokolade eingeladen und freute sich furchtbar darauf. Aber das Kind vor allem mußte doch da sein! Da wußte Mutter sich nicht anders als mit einer Notlüge zu helfen, und sie sagte:

»Du hast in den letzten Tagen gehustet, und da kann ich dich nicht hinlassen, denn deine Freundin und ihre Geschwister hatten doch den Keuchhusten!«

Der aber war schon lang wieder vorüber, denn Angelas Freundin ging ja längst wieder in die Schule. Und dem Erstaunen und Entsetzen Angelas über dies gänzlich unerwartete Verbot standzuhalten, war wirklich schrecklich für Mutter, um so mehr, als die ganze Familie vom Jammer des heißblütigen Kindes herbeigelockt, helfen wollte und absolut nicht verstand, was Mutter plötzlich so übertrieben ängstlich machte. Ja, Onkel Heinrich, du in deiner Sorglosigkeit hattest wirklich keine Ahnung, welch große Verwicklungen eine solche Überraschung hervorrufen konnte!

Auch bis zum letzten Augenblick sollten diese Sorgen währen, denn ihr Mann, der sonst um diese Zeit immer ein wenig ruhte, ergriff zu ihrem Entsetzen nach dem Essen seinen Hut und sagte:

»Weil ihr doch alle heute beschäftigt seid, und weil die Sonne so schön scheint, so will ich das benützen und noch einen größeren Spaziergang vor dem Kaffee um vier Uhr machen. Ihr vermißt mich ja doch nicht!« und dabei hatte er schon die Klinke in der Hand.

Nicht vermissen! Herrgott, gerade heute, und wo es doch ausnahmsweise gar keinen Vieruhrkaffee gab, sondern schon um halb drei einen Tee, den vorzubereiten, ohne daß jemand etwas davon merkte, auch schon an und für sich ein Kunststück war. Ganz angstvoll entwand Mutter ihrem Gatten den Stock und die Handschuhe, und hastig, wie er sie noch gar nie hatte reden hören, sagte sie:

»Ich bitte dich innigst, bleib doch bei diesem schrecklichen Wetter … nein, bleib doch bei diesem entsetzlichen Nordostwind, der heute bläst, zu Hause. Ich bitte dich innigst darum.« Frau Marias Ton klang wirklich so bezwingend, und das mit dem Ostwind mochte ja ein bißchen wahr sein, so daß er kopfschüttelnd sich wieder auszog und sagte:

»Übertrieben ist's!«

Dann setzte er sich aber breit in die geliebte Sofaecke im Wohnzimmer und zündete sich eine neue Zigarre an, und Rico schickte sich an, sich neben ihn zu setzen und eine Zeitung zu lesen. Von ihrem Vorhaben, bei dieser seltenen Gelegenheit den Tisch besonders schön zu decken und die alten Empiretassen dazu herauszuholen, mußte Mutter zu ihrem Leidwesen absehen, denn Mieze deckte. Als diese ganz erstaunt fragte:

»Ja, warum soll ich's denn jetzt schon tun?« da murmelte Mutter etwas Unverständliches, und als Miezi sich anschickte, den Kaffeetisch mit der einfachen, grauen Alltagsdecke und den gewöhnlichen Tassen zu decken, da mußte sie dies eben geschehen lassen. Sie tröstete sich damit, daß Onkel Heinrich gerade diesen einfachen Familientisch immer am meisten liebte. Die Tafel für die Gäste am Abend war schon am Vormittag im großen Familiensaal gerichtet worden. Wie merkwürdig, daß Mutter gleich nachher gänzlich unvermittelt sagte:

»Ich muß noch einen Ausgang machen, komme aber gleich wieder.«

Es war die Zeit, wo sie gewöhnlich ihre kleinen Gänge machte, ohne viel davon zu sprechen. Deshalb war's auch in der Küche wieder etwas Besonderes, als Minele, die beim Abwaschen gerne ihre Blicke auf den Marktplatz hinausschweifen ließ, plötzlich rief:

»Jetzt geht sie wahrhaftig schon wieder in den Goldenen Bären hinüber!«

Rike, die sich über dies Geheimnisvolle ihrer Frau von neuem aufregte, wies aber vor allem, wie schon so oft, Minele zurecht:

»Wer ›sie‹? 's wär wahrhaftig endlich einmal an der Zeit, daß du wüßtest, wie man von seiner Herrschaft spricht!« Aber dann sah sie doch auch mit steigender Neugier zum Eingang des Goldenen Bären hinüber, in dem die Frau Stadtrat verschwunden war. Einige Zeit nachher fuhr eine Kutsche dort vor. Das war nun nichts Seltenes. Aber daß ihre Frau so unheimlich lange dort drüben blieb, machte Rike ganz zappelig, denn es war ihr nun klar geworden, daß irgend etwas mit der Bärenwirtin verhandelt werde, was gegen ihre eigene Küchenehre ging. Alles war überhaupt heute so unverständlich. Putzi, Inge und Engele tollten, unerklärlich, im Kinderzimmer herum und liefen dann in die Küche, verwundert fragend, auf was sie denn eigentlich warten sollten. Die Mutter habe gesagt, sie dürften das Zimmer nicht verlassen, ehe sie wieder zurückkehre. Dieselbe Weisung, obwohl in milderer Form, hatten auch die drei Großen erhalten – sie sollten den Vater unterhalten, sie komme gleich wieder. Das »Gleich« war aber bald vorüber, und Vater sah auf seine Uhr.

»Auf was sollen wir denn eigentlich warten?« fragte auch der Vater ungeduldig. »Ich muß hinunter.« Miezi und den Brüdern aber brannte der Boden unter den Füßen wegen heute Abend, wo alles recht festlich sein sollte.

Da ertönte draußen in der Küche ein Schrei. Aber es mußte nichts geschehen sein, denn gleich darauf trat Mutter ein, und was hatte sie nur, daß sie so feierlich sagte:

»Da seid ihr ja alle, jetzt hol nur noch schnell die Kleinen herüber, Miezi!«

»Die werden wohl drunten auf der Gasse sein!«

Aber sie fand sie unverständlicherweise oben im Kinderzimmer, noch immer voll Ungeduld. Und als Miezi die Tür geöffnet hatte, flog das Engele allen voraus in die Küche hinein, denn sie hatte vorhin den Schrei gehört und mußte doch zuerst wissen, ob das Minele wieder eine Tasse oder einen Topf hatte fallen lassen. Da fand sie die Küchentür, die sonst offen stand, geschlossen. Als sie aber rüttelte und die Tür nachgab, da stand ein Herr bei der Rike. Nirgends waren Scherben auf dem Boden, hingegen trocknete sich das Minele mit ihrer nassen Spülschürze Tränen ab, die ihr herabflossen, und sie sagte:

»Nein, so etwas!«

Als aber der Herr die kleine, herzige Gestalt mit dem dunklen Lockenkopf hereinstürmen sah, übermannte ihn irgend etwas, und er nahm urplötzlich das sich mit Macht wehrende Kind auf den Arm und küßte und herzte es. Angela strampelte mit den Beinen und wehrte sich. Was war denn das? Und sprühend sah sie dem Fremden in die Augen, hatte sie doch ihr Lebtag Küssen nicht gemocht, und dazu von einem landfremden Mann! Gleich darauf aber umfaßte sie diesen Fremden plötzlich mit stürmischer Zärtlichkeit, und auch sie stieß einen Schrei aus:

»Mein Vater, mein lieber, lieber Vater!«

Und nun war kein Halten mehr. Onkel Enrico behielt sein Kind auf dem Arm und ging nun der inzwischen dazugekommenen Mutter und den vorausstürmenden Kindern nach, die schrien:

»Ein schwarzer, fremder Mann ist da und hat Angela auf den Arm genommen.«

Und da stand dieser auch schon unter der Türe. Und nicht nur ein einzelner, sondern vereinte Schreie klangen diesmal durch den Raum, und vor allen stürzte Rico auf ihn zu, und dann sprang der Vater von seiner Sofaecke auf und Hans schrie:

»Hallo, bist du geflogen gekommen, Onkel Heinrich?« Nur Miezi blieb etwas schüchtern hinter einem großen Lehnstuhl stehen. Sie war doch sonst nicht schüchtern. Aber der Onkel nahm auch sie in die Arme, und es war ein Überraschtsein und ein Freuen und ein Fragen und ein solcher Tumult, daß der Vater endlich sagte:

»Aber wollen wir uns denn nicht setzen? – Jetzt verstehe ich auch die frühe Kaffeestunde.«

Und nun kam Mutter zum Reden und triumphierend fragte sie: »Hab ich das recht gemacht?« was der Vater mit einem kräftigen Händedruck bestätigte. Der tadellose Kaffee, dem Rike schnell noch eine Handvoll feinster Bohnen beigefügt hatte, wurde getrunken, und sie fühlte sich auch gar nicht beleidigt, als ein kleiner Konditorjunge kam und einen prachtvollen Gugelhopf brachte. Vorher schon, an diesem geheimnisvollen Nachmittag, hatte Minele eine recht große Anzahl Laugenbrezeln holen müssen. – Zu was auch gerade heute, wo doch Gesellschaft war, die Streicherei mit Butter? Jetzt aber verstand sie es, denn diese Art von Brezeln war von klein auf Onkel Heinrichs Liebhaberei. In Rikens Kopf dämmerte überhaupt nun manches, was in letzter Zeit unklar gewesen war, und in diesem Hochgefühl und ihrer eigenen Freude über das unerwartete Kommen des Onkels Heinrich, den sie ja einst als kleines Heinerle noch auf dem Arm getragen, verursachte ihr einen solchen Freudentaumel und Herrschersinn, daß Minele und die Bärbel, die heute zur Hilfe da war, es recht schwer mit ihr hatten.

Drinnen im Zimmer aber geschah manches, was an einem Alltag nicht geschah. Vater blieb oben in seiner Sofaecke sitzen, die Mutter neben ihm, und Onkel Heinrich schmiegte sich in seinen alten Jugendschaukelstuhl und rauchte eine Zigarre nach der andern. Die Kinder durften, mit einem zweiten Stück Gugelhopf in der Hand, nun hinunter auf die Straße. Angela ging zwar mit einigem Widerstreben, aber es sei solch schöner Sonnenschein, sagte Tante Maria. Hans, Rico und Miezi aber gingen zusammen, es war nun wirklich nötig, in den »Ahnensaal«, wie er scherzhaft im Neumeyerischen Hause hieß. Sie machten schnell noch einige Guirlanden fest und ordneten Sträußchen in kleine Gläser, wobei Hans etwas in Aufregung geriet, denn Rico stellte sich so ungeschickt an wie noch nie, und Miezi verließ ganz ihr Geschick im Blumenordnen. Es war ja auch schade, darin waren alle drei einig, daß der liebe, seltene Besuch gerade heute kam und mit der nicht abzusagenden Gesellschaft zusammentraf.

»Warum Onkel auch just jetzt kommt, wo ihr doch erst seit kurzem getrennt seid, das verstehe ich nicht!« sagte Hans, dachte aber dabei: »Er wird seine Gründe dazu haben!«

Und triftige Gründe hatten Onkel Heinrich hierhergeführt. Die drei in der Wohnstube hatten scheinbar alles andere vergessen, denn nach zwei Stunden noch saßen die drei beieinander. Dann aber wurden Rico und Miezi herübergerufen, während Hans ärgerlich zu Inge, die mit den Kleinen nun wieder oben war, sagte:

»Zum Kuckuck, nein, was haben auch die da drüben!« und unwillig trug er eine Leiter, die in der Ecke stand, hinaus, während er Inge etwas barsch anwies, sie solle einen Kehrwisch holen und das herabgefallene Blumenzeug hinaustragen. Da hörte er Mutter vom Wohnzimmer aus mit heller Stimme rufen:

»Wo seid ihr, Hans, Inge und die Kleinen? Kommt schnell alle herein, ihr werdet etwas Neues erfahren!«

Was das Neue wohl war, das durchzuckte Hans nun plötzlich, denn daß Miezi den Rico, und daß der Rico die Miezi liebte, das hatte er doch schon lange gemerkt. Aber was nun kam, das überraschte auch ihn so, daß er einfach starr dastand, denn Vater hatte sich feierlich vom Sofa erhoben und mit lauter Stimme rief er:

»Kinder, wir haben ein Brautpaar!«

Und wer das war, das mußten auch die Kleinen ohne Erklärung erkennen, denn der Rico hatte seinen Arm fest um die Miezi gelegt. Diese aber weinte und schluchzte so, daß Engele ängstlich fragte:

»Hat er dir etwas getan?« Der Putzi aber sagte mit seiner rauhen, gegenwärtig sich im Brechen befindlichen Knabenstimme:

»Das ist mir nichts Neues, das habe ich schon lang gemerkt. Sie hat ihm immer die größten Stücke Kuchen gegeben, und wenn ich geglaubt habe, ich könne den Rico auch einmal für mich haben, so hat die Miezi immer gesagt: ›Komm und hilf mir in der Apotheke!‹ und das kann ich doch wahrhaftig jetzt schon besser als er.«

Nachdem nun aber der Allerweltswisser mit Inge beauftragt worden war, noch etwas Grün aus dem Garten zu holen, saßen die Erwachsenen enge beisammen, und jeder von ihnen verstand jetzt, wie diese Verlobung, die, wie Hans nicht ohne einen ganz kleinen Neid sagte, fast eine Kinderverlobung sei, so rasch zustande gekommen war. Daß die beiden sich liebten und sich gerne heiraten mochten, das wußten die Eltern und auch Hans, der doch der Vertraute von seinem Rico war, schon lange, aber es war keinerlei Möglichkeit dazu vorhanden, an eine Heirat zu denken unter den jetzigen, schwierigen Verhältnissen. Wenn Rico wohl auch in einiger Zeit seine Doktorswürde erlangte, so war an eine Anstellung irgendwo nicht zu denken, denn durch den Krieg waren die Ärztestellen rar, wie auch die Anstellungen in allen übrigen Berufen schwer.

»Wenn wir uns doch verloben dürften!« klagte Rico bei seiner Abreise von Neapel, aber der Vater hatte aufs energischste davon abgeraten.

»Erst mußt du etwas sein und deiner zukünftigen Frau ein Heim bieten können!« Und das war nun rascher gekommen, als man gedacht. In Neapel wurde ein Kinderheim gegründet für die vielen Waisen, die es durch den Krieg gegeben, hauptsächlich für leidende Kinder sollte es sein. Rico hatte sich aufs wärmste dafür interessiert, und den Herren des Komitees hatte der junge Mann, der so eifrig Medizin studierte und dabei ein großes Interesse gerade für Kinder zeigte, gefallen.

»Das wäre der Richtige für unser Heim!« sagten die Herren untereinander, und kaum war Rico abgereist, so besprachen sie sich darüber mit Signor Neumeyer, aber sie waren vorerst enttäuscht, als dieser erwiderte, sein Sohn müsse noch ein Jahr studieren. Auch daß er noch nicht verheiratet sei, war ein Hindernis, denn die zukünftige Frau Doktorin sollte zugleich fürsorgende Hausmutter der Pfleglinge sein. Als aber Heinrich Neumeyer durchblicken ließ, daß diesem wohl bald abgeholfen wäre, da einigten sich die betreffenden Herren darüber, daß man dann gern noch ein Jahr warten würde, um sein Ziel zu erreichen. »Da ich dies euch aber sobald als möglich mitteilen wollte, litt es mich nicht mehr da drunten. Von Rico erfuhr ich, daß er euch an Weihnachten sein Herz ausgeschüttet, daß er aber glaube, wenig Hoffnung zu haben, eine Verlobung zu erreichen, da die Eltern fänden, es tauge nichts, sich bei solch unsicherer Sache schon zu binden. Nun ist die Angelegenheit aber klar bis auf das, daß ihr halt euer Kind hergeben müßt, und daß Miezi sich in so fremde, andere Verhältnisse fügen muß.«

Der Bericht des Onkels war fertig, aber bei diesem letzten Satze schüttelte Miezi den Kopf und legte ihre Hand in die ihres Rico.

»Fremde Verhältnisse, Onkel, sind es für mich ja nicht, denn ihr habt damals dafür gesorgt, daß ich Neapel lieb gewonnen und es nie vergessen habe. Und dann, Väterle, Mutterle« – Miezis Stimme zitterte ein wenig – »dann muß ich euch freilich verlassen, aber ich habe ja mein ›Ricomännle‹, wie Hans unsern damaligen Italienerbuben immer nannte. Und ich habe einen Onkel, den ich von klein auf immer liebte fast wie einen Vater! – Nicht betrübt sein, Väterle, ich sage: fast« fügte sie schelmisch hinzu. »Und dann, Onkel, Rico, dann hab ich ja mein Engele, mein liebes, böses, gutes, goldiges, das mir doch von jeher immer ein ganz klein bißchen schon gehörte. Das nehmen wir doch mit, nicht wahr Onkel? Das gehört doch dann ganz zu uns – nicht traurig sein, Mutterle! – Und arbeiten soll ich da drunten dürfen, mit meinem lieben Rico zusammen, und vielen von den armen, zerlumpten Kinderlein helfen dürfen in dem schönen, herrlichen Neapel, nach dem mir immer eine Art von Heimweh, seit ich dort gewesen bin, geblieben ist!«

Was konnte auch Mutter einwenden bei all dem Schönen, was ihrem Kind »da unten« winkte, und sie schluckte die Tränen und konnte sich freuen, denn einer Mutter Herz freut sich auch unter Tränen.

Und nun, am Silvesterabend, wo niemand etwas ahnte, und niemand etwas anderes erwartete als Wunderblümchen und Bleigießen, um die noch unsichere Zukunft der meisten jungen Anwesenden zu ergründen, da war's keine kleine Überraschung und Freude, als Hans sich von seinem Platz erhob und mit schallender Stimme verkündete:

»Meine Herrschaften, nun gibt es noch eine Neuigkeit. Wir haben ein Brautpaar unter uns!« Damit zog er Rico und Miezi, die zwischen den Eltern saßen, herbei und stellte feierlich vor:

»Ich habe die Ehre, Ihnen den zukünftigen Herrn Dottore und künftigen Vorstand des neuerbauten Ospedale in Neapel vorzustellen, und meine Schwester, das leider nun nicht bis zu ihrer Würde gelangte Fräulein Doktor chem. und darum simple Fräulein Miezi Neumeyer.«

»Was nicht ist, kann noch werden!« rief Miezi nun in all den Trubel hinein, der sich beim Erheben der Gäste, beim Gläserklingen und beim Hochrufen erhoben hatte. Freilich, die Freundinnen Miezis, die konnten sich nicht so recht darüber freuen, daß sie durch diese Heirat ihr »Apothekerle«, wie sie Miezi genannt hatten, verlieren sollten, als aber erklärt wurde, daß es noch ein Jahr bis zur Hochzeit wäre, drängten sie die Abschiedsgedanken an diesem fröhlichen Abend zurück, wie auch Mutter es zu tun versuchte.

Die Vorfahren der alten Neumeyers schienen auch überwinden zu müssen, daß ihr Sonnenkind, das fröhlichste aus diesem Haus, davonziehen wollte. Denn die meisten dieser Herren Apotheker, Doktoren und Ratsherren schauten ziemlich finster drein.

Die Gäste waren verschwunden und Bärbel, Rike und Minele hatten noch aufgeräumt, denn: »Heut – Beste Zeit!«, und morgen wußte man noch nicht, was ein solcher Verlobungstrubel nach sich ziehen würde. Da ging auf einmal ein Flüstern durch die Reihen der alten Neumeyerischen und eine Dame im Reifrock, mit ehrbarem Brusttuch und mit einer Haube, sagte:

»Liebe ist etwas Schönes! Das aber will mir nicht gefallen, daß unsere Miezi ihre Eltern verläßt und nicht hier in der alten, ehrsamen Stadt L. bleibt. Und blond paßt mir auch gar nicht zu schwarz!« Da erwiderte ein Herr, der einer der ältesten in der Reihe der Bilder war und ein Spitzbärtchen und Spitzenmanschetten trug:

»Daß wir den Sonnenschein aus unserem Hause verlieren, das ist auch mir ein Schmerz, aber warum soll blond nicht zu schwarz passen? Mensch ist Mensch, und einer unserer Vorfahren ist auch einstens mit den Fuggerschen ins Land Italia gezogen und hat sich eine Frau von dort mitgebracht. – Sie ist nur nicht unter uns, denn es gab Kriege dazwischen. Damals wurde auch ein Stück unserer Engelapotheke zerstört. Aber glücklich sollen sie zusammen gewesen sein, die beiden, und glück- und segenbringend werden wohl auch unsere weiteren Nachkommen hier im Hause walten, denn in ihnen allen fließt das gute, pflichterfüllende, pünktliche Neumeyerische Blut!«


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