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Zweiter Teil.
Das Apothekerle


Achtes Kapitel

Warum es plötzlich ganz anders in der Welt ist, und was groß war, klein erscheint. – Warum Vater nur ein Wort in sein Haushaltbuch schreibt, und die Mutter in das ihrige: »Unser Hans will mit!« – Warum Rico in Tübingen bleiben darf und unter welchen Bedingungen. – Inge macht einen Aufsatz, und Jung-Hans wird Leutnant. – Wie Mutter allein fortreist und schreibt: »Betet alle!« – Wie's Vater mit Ersatzgehilfen ging, und warum Miezi helfen darf. – Rico machte einen Stundenplan, und Miezi sagt: »So einfach ist das nicht!« – Rike sagt: »Zum Kuckuck nocheinmal, was ist denn in uns gefahren?« – Von Händewaschen und Lateinischlernen. – Ein Junge, der sagt: »Mutterle, nicht fortgehen!« und wie einem jungen Krieger seine Sprüche und Lieder einfallen. – Von einem Bundesbruch, und was für die Neumeyerischen daraus entstand, und warum Rico verzweifelt ist und heim will. – Von einem, der seine Gedanken nicht mehr zusammenbringt und an Gott zweifelt. – »Ricomännle, wo kommst denn du her?« – Rikes Lob, und wie sie von dort an »Fräulein Miezi« sagte. – Vater wird mit einem blauen Heft überrascht.

 

Bisher habe ich das Leben und die größeren, aber auch die ganz kleinen Vorkommnisse in der Neumeyerischen Familie geschildert, – aber auch mit Vorliebe die kleinen, denn sie besonders beeinflussen und machen den Menschen. Aber was war es nur, daß im Frühjahr und Sommer 1914 plötzlich eine ganz merkwürdige Unruhe wie ein Zucken durch die ganze Welt ging, so daß die Alten erschreckt, die Jungen erstaunt lauschten und sich fragten: »Was ist?« … Ein Donnern, anfangs in der Ferne, kam immer näher und mit einemmale war der Krieg ausgebrochen, so rasch und übermächtig, wie niemand es geahnt hatte. Wer ferne von der Heimat war, und die daheim waren, mußten sich stellen, aber die meisten taten es mit großer Freude gern, die Begeisterung war groß gegen den Feind. Und das Abschiednehmen, das über die Menschheit kam, wurde überwunden mit der sicheren Gewißheit: »Es kann ja nicht lange währen.« »Nicht lange!« Dies Wort gab Kraft und Mut, und Sieg um Sieg wurde damit errungen. Aber es währte doch lange, so lange, daß es war, als ob sich über die Erde auf einmal ein böser, schlimmer Nebel lege, der die Sonne und mit ihr das Freuen weg nahm und daß bei Tausenden das Abschiednehmen für immer war.

Ich sage nun wie in einer meiner anderen Geschichten, ich fühle mich nicht berufen, in diesem Jugendbuche solch ganz Großes und Überwältigendes zu schildern. Wir sollen Bücher, die davon handeln, gewiß vor allem anderen lesen, denn sie enthalten die größte Umwandlung in der Weltgeschichte, und vor allem das Wohl und Wehe unseres Vaterlandes! Aber ich kehre, nun der Friede ist, wieder zurück zur Schilderung der persönlichen Erlebnisse der Neumeyerischen Familie und benütze dazu teils Aufzeichnungen im Aufschreibebuch des jungen Italieners Rico Montane, der nicht wußte, wohin er gehörte und schließlich doch auch seinen Platz in der Welt fand. Und auch Bruchstücke aus den kurzen Tagebüchern anderer in der Familie und Briefe benütze ich, um mein vor dem Kriege angefangenes Buch, das eine Familiengeschichte enthält, weiterzuführen.

Vor allem anderen steht da in Vaters Geschäftsbuch, in dem noch nie etwas anderes als Zahlen und wieder Zahlen gestanden hatten, mit großen Buchstaben das Wort:

»Krieg!«

Das ist ein solcher Koloß, daß es dem schlichten Geschäftsmann wohl unnötig erschien, irgend ein anderes, erklärendes Wort daneben zu setzen, als nocheinmal: »Krieg!«

Mutter bemerkte in ihrem Haushaltungsbuche, das die täglichen Ausgaben für Milch, Fleisch, Gemüse, und dann auch in einer Nebenabteilung die Berechnungen für Wäsche, Kleider, Schuhe und dergleichen enthielt, bei der Kriegserklärung gar nichts, aber ihre sonst so feste Handschrift war unklar und zittrig. Nur als ein paar Tage später mit ebensolcher Handschrift auf den Falz geschrieben stand: »Unser Hans will mit,« da fanden sich ein paar verwischte Tintenflecke, und sie waren nicht, wie es sonst bei Mutters großer Pünktlichkeit geschah, wieder ausradiert. Etwa einen Monat später erschien in der Abteilung »für die Kinder« eine ziemliche Summe eingeschrieben: »Für Ausrüstungsgegenstände – Bürste, Kamm, Schwamm, wollene Wäsche, ein Neues Testament!« Und gleich daneben stand: »Ein Ledermäppchen für unsere Bilder …«

Aus Miezis Tagebuch:

»Daß wir jetzt Krieg haben, ist doch etwas Furchtbares, und das Schlimmste ist, daß unser Hans durchaus mit will, und er ist doch erst siebzehn Jahre alt. Was soll da aus seinem Abitur werden? Und überhaupt. Mutter weint und sagt: Er ist doch noch so jung, aber Vater hat ihn schon einzeichnen lassen, und der Bub ist selig. Ich wollte, ich könnte auch mit und auch gegen den Feind streiten. Wegen Rico hat Vater heute eine lange Unterredung mit den Behörden gehabt, weil er Italiener ist, also unser Freund. Aber die Herren, die Vater befragte, meinten, da müsse man vorher dort nachfragen, und da der junge Mann so sehr gute Zeugnisse habe, so könne ihm wohl das Abiturium erlassen werden, und er könnte dann in Tübingen vorerst einmal seine medizinischen Studien anfangen. Rico ist verzweifelt, er weiß nicht, wo er hingehört. Aber wir sind froh, wenn er in unserer Nähe bleibt. Wenn wirklich der Krieg lang dauern sollte, – alle Leute sagen aber, daß er nur sehr kurz sein werde – dann tu ich auch etwas, ich weiß nur noch nicht, was. Inge brachte heute aus der Schule nach Haus, daß alle Kinder graue Wolle zu Soldatenstrümpfen bringen sollen, das können die Kleinen tun …«

In einem Brief von Rico an seinen Vater aber lesen wir:

 

»Mein Papi!

Es geht hier drunter und drüber, wie Du ja längst aus den Zeitungen weißt. Onkel Karl hat furchtbar viel in der Apotheke zu tun. Alles rüstet, und mein Hans, der glückliche, geht mit. Weißt Du, Vater, er wird bereits einexerziert auf dem Platz, auf dem wir so manchmal mit unseren Kindergewehren standen und die Kommandos auch mitmachten. Und ich soll nicht mitdürfen, bestimmt Onkel? Und denk Dir, der Rektor machte bekannt, daß alle, die wie Hans und ich so nahe vorm Reifezeugnis stehen und gute Schüler sind, ohne wirkliche Prüfung das Reifezeugnis bekommen. Das wollte ich Dir vor Allem schreiben, und jetzt erwarte ich Deine Antwort, was ich tun soll. Der untersuchende Arzt findet, daß ich nicht ganz so kräftig sei wie Hans, und rät, ich soll nur einmal mein ärztliches Studium beginnen, dann werde sich auch sehr bald für mich nebenher vielleicht Arbeit finden. Tübingen wäre dazu fein. Weißt Du noch, Vater, wie wir zusammen die Albtour machten? Und dort, ganz nahe bei den blauen Bergen, die Du damals schöner fandest als den Vesuv, liegt diese Universitätsstadt. Vater, antworte bald! Vater, was macht Mammuccia? Dein letzter Brief lautete nicht beruhigend. Wie dauert sie mich ob dieser Herzkrämpfe, – la poverina! Angelina, die kleine süße, küsse ich innigst. Miezi hat immer Heimweh nach ihr.

Dein gehorsamer Sohn
Rico.«

 

Nach fünf Wochen schon wurde Hans mit einer ganzen Reihe von ebenso jungen, begeisterten Menschenkindern einberufen. In Mutters Aufschreibebuch stand an diesem Tage nur: »Der Bub ist fort.« Aber diesmal waren keine verwischten Buchstaben daneben, denn es gibt Stunden, wo man beim Schwersten auch nicht weint, und Mutters Handschrift war diesmal steil und hart.

In einem der blauen Schulhefte von Inge aber finden wir folgendes Schulaufsätzlein:

 

»Wir sollen erzählen, was wir gefühlt haben, als unsere Soldaten fortmarschierten. Ich habe nichts gefühlt, weil die Musik sehr schön war, als ein bißle Angst, weil Mutters Hand so zitterte, als wir in dem argen Gedränge am Bahnhof standen. Vater hatte den Putzi auf den Schultern sitzen, der hatte es gut. Aber ein Herr, den wir kennen, der hat mich auch geschwind in die Höhe gehoben, als unser Hans vorbeimarschierte und wir ihm nachwinkten. Er hat viel Blumen gehabt, und er warf Mutter eine Rose zu, die hat aber jemand zertreten. Der Rico hat ihn noch ein Stück weit begleitet. Wir mußten stehen bleiben. Dann hat die Musik gespielt: ›Muß i denn, muß i denn zum Städtele naus.‹ Das war schön, und ich habe mitgesungen, denn ich kann's. Aber Vater hat gesagt, ich soll's bleiben lassen, man singe jetzt nicht, und Mutter hat geweint. Der Putzi hat gesagt, er habe ihn am längsten gesehen, weil er am weitesten droben war. So war's, aber gefühlt habe ich nichts.

Inge Neumeyer,
Schülerin der III. Klasse.«

 

Die Leute, die prophezeit hatten, der Krieg werde nur ganz kurz währen, täuschten sich. Was wissen Menschen von den Ratschlägen Gottes, und welche Wege er nicht nur mit einem jeden einzelnen von uns, sondern auch mit der ganzen Menschheit gehen will? Monat um Monat ging dahin, Jubel über anfängliche Siege herrschte, daneben war Schrecken, Elend und Jammer, und die Menschheit lebte weiter unter dem bösen, schlimmen Nebel, der noch immer auf der Menschenerde lag, und der mehr und mehr die Sonne und mit ihr das Freuen wegnahm. Onkel Heinrich, der so treu deutsch gebliebene, fühlte diesen Nebel selbst in den sonnigsten Tagen seines sonnenreichen Neapels …

 

»… Wie gerne, Ihr wißt's ja, wäre ich beim ersten Volksaufruf zu Euch geeilt, um mein Deutschland zu schützen!« schrieb er den Eltern Neumeyer. »Aber Ihr wißt auch, daß es ja nicht anging, mein Geschäft im Stich zu lassen, von dessen Existenz so viele Menschen abhängen. Und dann gibt mir das Gefühl, daß ja ein Bund der Freundschaft Italien und Deutschland miteinander verbindet, die Ruhe und die Kraft, hier auszuhalten. Wir Deutsche in Neapel tun, was wir können, für unsere kämpfenden Bundesbrüder, obgleich unsere politischen Ansichten mit denen der Italiener sich leider mehr als einmal entgegenstehen. Im Geschäft selber, da gibt es wohl manche Sorge, und vieles steht still, was sonst im Laufe war. Doch denke ich, das wird sich bald wieder einrenken, wenn wir nur erst einmal wieder Frieden haben. Daß Du, lieber Bruder, so treulich für Rico sorgtest, mit ihm nach Tübingen fuhrst und ihn bei netten Leuten dort unterbrachtest, danke ich Dir sehr. Für den Buben ist's nicht leicht, gleich in seinem ersten Semester im richtigen Studium gehindert zu sein. Ich verstehe gut, daß dort, wie auf den andern Universitäten auch, die jungen Lehrer fort sind, und nur noch mühsam einige Vorlesungen aufrecht erhalten werden. Dafür hoffe ich, daß er manches in den Krankenhäusern vorerst praktisch lernen kann. Ich bin ja auch so glücklich, ihn in Eurer Nähe zu wissen, und auch Gigina ist dies eine große Beruhigung. Die Arme leidet gegenwärtig wieder sehr, und ich wollte, wir könnten sie wieder in ihr Sanatorium Waldruhe verbringen, wo sie damals die gute Kur machte, aber das ist jetzt unmöglich. Freunde von ihr schlagen allerlei Orte in der Schweiz vor und würden sich gerne ihrer annehmen. Aber die gute Gigina will sich eben durchaus nicht von Angela trennen, und zu der Kleinen gehört dann auch wieder ein Fräulein, und ich gestehe, daß eine solch große Ausgabe, wie dies wäre, mir in der jetzigen Zeit etwas schwer fällt. Daß Euer Bub, der wackere Hans, bis jetzt glücklich durchkam, freut mich ungemein, denn auch ich habe den frischen, feschen Kerl außerordentlich lieb. Zu seiner so baldigen Ernennung zum Leutnant gratuliere ich. Nun wirst Du, lieber Karl, doch noch nachgeben müssen und ihm nach seiner, will's Gott glücklichen Heimkehr, erlauben, Offizier zu bleiben. Zum Nachfolger in unserer lieben, alten Neumeyerischen Apotheke hatte er ja nie die geringste Lust, und zwingen soll man keinen Menschen zu einem Beruf, der ihm nicht liegt. So mußt Du, lieber Alter, dem Neumeyergeschlecht und uns allen, die wir Dich lieb haben, noch recht lange den Gefallen tun, fest zu stehen als Dirigent der Engelapotheke. So lange, bis der Putzi, der nach der neuesten Photographie schon ein recht großer Bub geworden ist, sich, will's Gott, an den Schubladen mit Kandiszucker und dem herrlichen Johannisbrot den richtigen Apothekergeschmack holt. Es gab eine Zeit, wo ich deshalb allein gerne der Älteste gewesen wäre!

Die Arbeit ruft. Behüt Dich Gott, Bruderseele, und grüß mir all die Lieben dort, besonders aber meine Miezi, deren damaliger Besuch uns allen in gar lieber Erinnerung geblieben ist. Ein Zettel von Gigina für sie liegt bei.

Heinrich.«

 

»Ich bin sehr ärgerlich, liebe Miezina, daß durch diesen dummen Krieg Du noch nicht hast wieder zu uns kommen können. Es war so schön, als Du da warst. Mein liebe Mann ist oft so ernst. Angela ist süßer als je, ihre Locken sind jetzt lang geworden, und schon manche Leute haben gesagt, sie werde einmal eine Schönheit sein. Aber es ist schade, daß ich sie nicht oft bei mir haben kann, denn sie ist so lebhaft, und wenn ich sie lang habe bei mir, dann macht sie mich müde. Der Peppina will sie eben nicht folgen, mir aber auch nicht. Ich werde daran denken müssen, ihr ein Fräulein zu geben – mein liebe Mann wünscht eine Deutsche, ich aber sage, die kann sein so pedantisch, und jetzt übrigens könnte auch keine sehr leicht hierher reisen. Ich schließe, denn das Herz tut wieder weh, und das ist häßlich. Ich möchte gerne das nicht haben und gesund sein.

Deine getreue Tante
Gigina.«

 

Als dieser Brief ankam und gelesen wurde, war Rico gerade – wie meistens – über Sonntag da. Mit sorgenvollem Gesicht sagte er: »Ich fürchte immer, daß Mamminas Leiden nicht nur so einfach von den Nerven herkommt, wie die dortigen Ärzte sagen, sondern daß es wirklich tiefer steckt. Jedenfalls nimmt es der armen Mammina ihren ganzen Frohsinn, und der ist so etwas Schönes bei ihr und tut auch dem Vater so wohl. Ich sehne mich oft schrecklich nach ihr, und ich wünsche, sie könnte für ein paar Monate an einen kühlen Ort in der Schweiz gehen, wo sie liebe Bekannte findet und gute Ärzte, vielleicht bessere, als wir sie in Neapel haben.«

Wenige Tage darauf stand in Mutters Buch wieder einmal etwas eingeschrieben. Es waren auch nur ganz wenige Worte, und sie hießen: »Der Bub liegt verwundet an der französischen Grenze, ich gehe zu ihm.«

Und Mutter war wirklich zu ihrem Buben gereist, trotz aller Einwendungen und Besorgnisse der Ihrigen. »Gleich, man weiß nicht, was inzwischen geschehen kann.« Trotz vieler Hindernisse, aber mit all ihrer Energie, war sie an ihr Endziel gelangt. Und der Zettel, den sie gleich darauf nach Hause schickte, enthielt folgendes:

 

»Habe mich durchgesetzt und bin angekommen. Die Ärzte sagen, zur rechten Zeit. Er hat neben seinem durchschossenen Bein auch noch einen Nervenschock, erkannte mich aber. Ich bleibe. Miezi soll walten, sie kann's. Aber nichts aufschieben, alles gleich tun. Nachmittags kann sie Dir vielleicht ein wenig in der Apotheke helfen. Betet alle. Eben war ich wieder bei ihm drin, und er ist froh, daß ich da bin.

Mutter.«

 

Nun lag auf einmal ein großer Teil Pflichten auf Miezis Schultern, und wie sollte sie all dem Vielerlei nachkommen, was Mutter sonst getan. Nun galt es vor allem, ihre volle Zeit für die nächsten Pflichten zu verwenden, und dem, was nicht dazu gehörte, zu entsagen. Putzi, der kleine wilde Kerl, in den auch der Kriegsgeist gefahren war, mußte beaufsichtigt werden. Inge, der das Lernen nie so recht lag, bedurfte der täglichen Hilfe bei ihren Aufgaben. Rike hatte ganz den Kopf verloren. Sie war doch von jeher gewohnt, die Frau alles zu fragen, und nun sollte Miezi, die ja in ihren Augen noch gar nichts verstand, anordnen und sie sollte dem Mädel folgen. Das Minele aber hatte einen Bräutigam draußen und war in beständiger Aufregung, ob eine Karte komme. Und sie ängstigte sich von neuem, wenn sie eine bekam, denn was konnte inzwischen wieder geschehen sein? Der Vater aber hatte so viel wie noch nie in seinem Leben in der Apotheke zu tun, daß er oft nimmer aus und ein wußte, denn auch Herr Schachtelhuber, der Gehilfe, war inzwischen einberufen worden, und nur Bärbel, die langjährige Putzfrau, und der Christian standen zu seiner Verfügung. Wohl hatten sich inzwischen ein paar militärfreie, ältliche oder kränkliche Wesen aus dem Apothekerstande gemeldet, aber einer nach dem andern erwies sich als unbrauchbar und mußte wieder entlassen werden. Ein Glück war, daß durch die Ersatzgehilfen kein Unglück entstand. Denn der eine der fremden Gehilfen erwies sich nachher als gewesener, aber wegen Diebstahls schön öfters bestrafter Konditor, und bei einem andern, der sich Apothekergehilfe nannte, stellte sich heraus, daß er ein wandernder Hühneraugenoperateur war. Der Vater hatte deshalb in letzter Zeit manchmal seine Miezi mit in die Apotheke genommen. Sie wußte ja immerhin ziemlich Bescheid in den Schubladen und Gläsern, worin der gewöhnliche Bedarf an nicht von den Ärzten verschriebenen Heilmitteln war. So konnte sie dem Vater durch deren Verkauf immerhin manche Kunden abnehmen. Frisch und gefällig, wie sie war, kannte sie auch viele Leute, und wenn welche warten mußten und sich darüber ungeduldig zeigten, so hatte sie solch freundliche Art zu entschuldigen und zu beruhigen, bis Vater die Arzneien hergestellt hatte. Auch eine ganz nette Gewandtheit hatte sie bekommen im Zubinden der Fläschchen mit den hübschen, bunten, kleinen Papieren, in dem regelrechten Einwickeln der Pakete und in dem Abwägen der verschiedenen Teearten, Hustenzuckerle und dergleichen. Jetzt aber hieß es so vieles zu vereinigen, und in den ersten Tagen von Mutters Fortsein schwirrte Miezi der Kopf vor dem Vielerlei, und nichts geschah recht. Da gab ihr Rico, der über den Sonntag wieder bei den Verwandten war, in seiner ruhigen, überlegten Art einen Rat. Es war derselbe, den Mutter der kleinen Miezi von einst schon gegeben, und den sie im Laufe der Jahre ja gar oft wiederholt hatte: »Mach dir doch eine Zeiteinteilung, Kind, nur dadurch vermögen wir richtig zu arbeiten und unsere verschiedenen Pflichten regelmäßig zu erledigen.« Miezi hatte eben dem Pflegebruder weinend erklärt, all das, was von ihr gefordert werde, könne sie unmöglich zustande bringen. Nun aber saßen die beiden beisammen, Rico mit einem Blatt Papier vor sich und einem Bleistift in der Hand, und Miezi mußte all das diktieren, was von ihr gefordert wurde. Mitten drin sagte sie:

»Was tust du denn, das gibt ja einen Stundenplan, ich gehe doch nimmer in die Schule!« worauf der Vetter lachend erwiderte: »Mein Vater geht auch nimmer in die Schule und tut's doch ähnlich!«

»Aber deine Mutter macht's nicht so, und es ist so herrlich bequem mit ihr zu leben!« konnte sich Miezi nicht enthalten wieder zu sagen. Aber sie war erstaunt, wie ernst Ricos Stimme wurde, als er sagte: »Glaubst du, daß es immer bequem ist, mit Mammina zu leben? Wir lieben sie heiß, und sie ist so gut und so schön wie ein Heiligenbild in der Kirche. Aber in unserem Hause ist kein Halt wie bei euch, das empfindet Vater oft sehr. Und beim Abschied sagte er zu mir: ›Bleibe brav! Und wenn du dem Spruch des goldenen Engels an unserem alten Stammhause folgst: ›Heut – Beste Zeit‹, so wirst du innerlich und äußerlich geordnet bleiben‹.«

Wie oft war Miezi Ähnliches schon gesagt worden, aber jetzt steckte sie in der Not, und wohl etwas widerwillig, aber doch innerlich dankbar, nahm sie nachher den säuberlich geschriebenen Tagesstundenplan zu sich und warf einen Blick darauf. Betroffen aber hielt sie einen Augenblick inne:

»Was steht denn da? Jeden Tag in der Woche eine Stunde Lateinisch. Wie kommst du denn darauf? Das ist ja ganz unmöglich, daß ich diese Zeit auch noch erübrige, und wozu?« Ihre Frage klang fast unwillig. Da aber setzte ihr Rico mit kurzen Worten auseinander, daß das für den Vater sei:

»Du kannst dem überbürdeten Manne nur wirklich helfen, wenn du dir Mühe gibst, dir möglichst schnell ein wenig Lateinisch anzueignen, und dir die in den Rezepten hauptsächlich vorkommenden Ausdrücke einzuprägen. Ich kenne einen Jungen aus unserer Klasse, der sich selber auf den Apothekerberuf vorbereitet, und der seiner schwachen Gesundheit halber, zu seinem Schmerze, gerade in der jetzigen Zeit nichts leisten kann. Er würde dir gerne Stunden geben. Ich habe mit ihm schon darüber gesprochen, – nur müßtest du ihm genau sagen, wann du kommst, denn er studiert weiter und hat auch seine feste Tageseinteilung.« Diese weitere Aufforderung an ihr Wollen erschreckte Miezi im Augenblick, aber dann war es zu verlockend zu denken, daß sie Vater damit wirklich etwas nützen könnte, und sie sagte, nachdem sie den Plan flüchtig überflogen:

»Probieren könnt ich's ja einmal!« Ganz genau konnte sie das alles ja wohl nicht befolgen, es war ihr, als ob das niemand von ihr verlangen könnte. Aber als sie den Plan wiederholt durchlas, leuchtete ihr doch manches ein, und als sie auf die Uhr sah, und es dreiviertel auf vier Uhr war, da lief sie lachend davon und rief:

»Also, Herr Schulmeister, ich fange einmal an. Sie werden sehen, Punkt vier Uhr soll heute der Vesperkaffee auf dem Tisch stehen.«

Auch Rico mußte lachen. Er ließ der Merkwürdigkeit halber seine Taschenuhr auf dem Tisch liegen. In der Küche aber hielt Rike erstaunt im Herauswaschen einiger Tücher inne, als Miezi hereinflog.

»Rike, es ist eine Minute über dreiviertel vier Uhr. Bis Punkt vier Uhr soll heute der Kaffee auf dem Tisch stehen, ich habe nachher anderes zu tun.«

»Zum Kuckuck nochmal, was ist denn in dich gefahren? So auf die Minute wird es auch nicht drauf ankommen! Da muß etwas Besonderes los sein.« Aber sie wand doch schnell ihre Tücher aus und setzte das Wasser zum Kochen hin. Miezi aber deckte inzwischen den Tisch, sah zwischenhinein die Schönschrift durch, die Inge zu machen hatte, und warf auch einen Blick in den Hof hinab, wo Putzi angelegentlich damit beschäftigt war, zwischen zwei Steinen mit etwas Erde Pülverlein zu verfertigen, die er nachher fachgemäß zu hübschen kleinen Päckchen machte. Zehn Minuten nachher rief sie mit solch einer energischen Stimme, wie das Brüderlein es gar nicht an ihr gewöhnt war, hinab:

»Komm augenblicklich herauf, daß du deine Hände vorher noch waschen kannst und zum Kaffee gewiß fertig bist, wenn Vater kommt.« Putzi folgte gegen seine Gewohnheit sofort, denn Miezis Stimme klang heute anders als sonst, und er dachte:

»Gewiß hat Rico von seinen guten Tübinger Brezeln mitgebracht.« Als er aber nach flüchtiger Handwaschung im Wohnzimmer den Kaffeetisch überflog – es schlug eben vier Uhr – da sah er zu seiner Enttäuschung nichts von Brezeln, sondern nur die gewohnten Wecken. Aber Vater war eben eingetreten, und in dessen Gesicht war keine Enttäuschung, eher Befriedigung.

»Wie nett, heute klappt's,« sagte er vergnügt. »Heute kann ich meinen Kaffee doch einmal gleich zur bestimmten Zeit trinken und muß nicht lange darauf warten. Bin nie ruhig, wenn die Bärbel und der Christian allein unten sind!« Schnell zündete er sich eine Zigarre an, und mit ein paar mächtigen Zügen erlaubte er sich den ungeschmälerten Luxus dieses freien Viertelstündchens. Rico aber berichtete inzwischen, wie er vorübergehend jetzt als Gehilfe in einem der Spitäler sei, zu Vorlesungen reiche es ja hierbei aber leider nicht.

»Tu, was der Augenblick fordert, mein Bub, und tröste dich damit, daß du auch in solcher Arbeit der armen Menschheit Dienste leistest.« Nach ein paar sachlichen Fragen, die der Neffe an den Onkel richtete, war dann die wichtigste, welche Nachrichten von Tante Maria da seien, was der Onkel mit einem beklommenen: »Leider bis jetzt nur die eine!« beantwortete. Dann ging der Onkel zu den bereits wieder auf ihn harrenden Kunden hinab, wohin Rico bald nachher folgte, um dem Onkel seine Dienste anzubieten.

»Ein bißchen mehr als mein Miezerl weißt du schon!« sagte er, nachdem der Neffe einige Rezepte in Empfang genommen und sie rasch entziffert hatte. Freilich mußte der Onkel auch dabei die Mischung vornehmen, was gewöhnlich in dem nebenanliegenden Laboratorium geschah, aber der Junge konnte halt Lateinisch, und ohne das war Miezis Hilfe eben nur ganz beschränkt.

Miezi Neumeyer mit einem Stundenplan in der Hand, das war ihr und den andern etwas ganz Ungewohntes. Mit ehrlichem Willen versuchte sie nun, danach zu leben, und ein paar Tage ging's auch ganz ordentlich. Sie mußte freilich morgens eine Stunde bälder aufstehen, um nach Tisch die Zeit für die lateinische Stunde frei zu haben. Miezi wollte Vater mit ihren neuerworbenen Kenntnissen überraschen, und hoffte, daß ihr das gelingen würde. Um diese Zeit war's in der Apotheke etwas ruhiger, und Vater konnte nebenan in der Ladenstube unten, wenn auch öfters unterbrochen, doch seine Zeitung lesen. Sie aber hatte sonst in dieser Zeit die Besorgungen fürs Haus gemacht und war dann auch oft zu einer Freundin geschwind hinaufgeflogen. Das unterblieb jetzt. Im Gang des Hauswesens schien aber der feste Stundenplan vorerst nur Unbehagen bei den von ihm Betroffenen zu erregen, besonders in der Küche.

»Was ist denn auf einmal über dich gekommen, Miezi, daß du einen so abhetzst? Es ist ja, wie wenn eine leibhaftige Uhr in dich gefahren wäre. Wenn die Frau da ist, richte ich mich schon auch nach der Zeit, aber du warst doch sonst nicht so. Und daß du einem, wenn's zufällig einmal später zum Essen wird, auch ein wenig helfen würdest, davon ist weniger als je die Rede.« Als aber der Herr Apotheker nach einiger Zeit sagte: »Rike, ich bin Ihnen recht dankbar, daß Sie die Mahlzeiten so pünktlich einrichten. Meine Frau liebt das so sehr, und ich erspare dadurch Zeit,« da war's der Rike auch wieder recht so. Und auch, daß sich Miezi zu bestimmten Stunden der Kinder annahm, war ihr recht, weil die Kleinen, allein und unbeschäftigt gelassen, sich so gerne in der Küche aufhielten und sie in ihrer Arbeit störten.

… Wie stand es nun aber inzwischen in dem Klosterspital an der französischen Grenze? Es war qualvoll, daß eine Zeitlang gar kein Brief von dort nach Hause gelangte. Es wurde nichts befördert. Dann aber war endlich ein Brief von Mutter gekommen und alle umringten den Vater, als er las:

 

»Ihr Lieben!

Ich bin froh, daß ich hier bin, der Bub braucht jemand. Der Beinschuß sieht noch übel aus, aber der Arzt gibt Hoffnung auf ein Besserwerden. Hingegen ist unser Hans immer noch nicht so recht zu sich gekommen. Der Arzt meint, es sei eine Art Nervenfieber. Hans hat's schwer gepackt, und all das Schreckliche, was er erlebt und gesehen, quält ihn fortwährend. Ich bleibe vorderhand, niemand braucht mich jetzt so notwendig wie er. Als ich ihm seinen Umschlag gemacht, faßte er meine Hand und sagte: ›Mutterle nicht fortgehen.‹ Geht zu den obersten Behörden und bittet, daß, wenn es einmal möglich ist, wir ihn heimnehmen können. Vorerst ist's leider nicht so weit. Er ruft, … muß schließen.

Gott sei mit Euch allen!

Mutter.

N. S. Eben sagte er: ›Gelt Mutter, der gute Hirte läßt sein Schäflein nicht.‹ Und dabei klammerte er sich fest an mich an. Es ist eine wahre Wohltat, wie oft er mitten in seine Phantasien hinein plötzlich etwas aus dem Spruch- oder dem Gesangbuch sagt. Oder wenn ich ihm etwas vorlese, so wird er ruhiger, und es ist fühlbar eine Macht da, welche ihn hält …«

 

Vater Neumeyer tat die gewünschten Schritte. Tag und Nacht drückten ihn das Fernsein seiner Frau und die Sorge um seinen Sohn. Aber es war da, wie bei viel tausend anderen auch, einfach nichts zu machen, als zu warten und stille zu halten. Und nun kam eine womöglich noch größere Sorge dazu.

Es war im Mai 1915, als urplötzlich zu allem anderen Kriegselend hinzu auch noch die Nachricht eintraf: Italien, der seitherige Bundesgenosse, habe nun auch den Krieg erklärt, und die Maßregeln, die gegen die schon vorher so zahlreichen Feinde getroffen worden waren, mußten nun auch gegen Italien angewendet werden.

Es war spät in der Nacht, als stürmisch am Hause geläutet wurde. Es war nicht die Apotheker-, sondern die Hausglocke, und Vater Neumeyer, der hinabgeeilt war, erkannte im Schein seiner kleinen Lampe Rico, der, trotz der lauen Frühlingsnacht zitternd, vor ihm stand und ihm mit wenigen Worten obige Nachricht überbrachte.

»Was nun? Ach, Onkel, was nun?«

Miezi, die erschreckt gleichfalls aufgestanden war, machte nun schnell einen Tee, und gleich darauf saßen die drei im Wohnzimmer beisammen und berieten. Ja, was nun?

Diese Frage war sehr dringend, denn Rico war Vollblutitaliener von beiden Eltern her, und das erste war: »Ich muß mich stellen, sonst werde ich eingefordert werden. Aber ich kann doch unmöglich gegen euch kämpfen? – nein, – das kann ich nicht!« Und es war ergreifend, wie der sonst so ruhige, zielbewußte Junge jämmerlich schluchzte. Auch der Vater wußte in dem so erschütternden Zwischenfall keinen Rat, denn eine noch ganz anders eingreifende Frage schoß ihm durch den Kopf: »Was wird aus meinem Bruder werden, dem treu deutsch gebliebenen, im nun feindlichen Lande? Was aus seinem Geschäft, und was aus der italienischen Mutter?«

Der Morgen dämmerte schon über all dem Fragen und Erwägen und dem eigentlich unnützen Hin und Her. Im Kopfe des armen Rico wirbelten die Gedanken durcheinander, und einmal rief er verzweifelt aus:

»Ich muß sofort reisen, ich muß zu meinem Vater und zu meinem Volk!« Und dann wieder flossen neue Tränen, und er sagte: »Ich kann doch auch euch nicht verlassen? Und was soll aus meinen Studien werden? …« Da gebot der Vater endlich Ruhe und sagte: »Wir können jetzt, mitten in der Nacht, einfach gar nichts beschließen, und wir wollen versuchen, noch ein paar Stunden zu schlafen. Morgen wollen wir erkundigen und wenn wir klar sehen, dann unsere Pläne machen.« Und die Pläne nahmen insofern eine bestimmte Form an, als am andern Tag ein Telegramm ankam mit folgendem Inhalt:

 

»Folgenschweres bereitet sich vor. Rico Montane soll dort bleiben bis Nachricht. Auskunft über Chef und Geschäft noch unmöglich. Gesundheitlich alles wohl.

Ernesto Rigutini, Direktor.«

 

Wohl hundertmal las man diese Zeilen durch, ach, sie waren so dürftig, noch so unklar! Aber das eine wenigstens wußte man, daß Rico vorerst in Tübingen bleiben sollte, was auch die sofort befragten obersten Behörden genehmigten. Freilich mußte er unter einer Art polizeilicher Aufsicht stehen. Aber da er noch nicht ganz achtzehn Jahre alt war, sich in den letzten Monaten schon sehr nützlich als Helfer in den Spitälern betätigt hatte, und da er nachweisbar in keinerlei politischen Verbindungen stand, so wurde ihm das Bleiben vorerst gestattet. Aber in der Woche zweimal mußte er sich auf dem zuständigen Kriegsamte melden, um zu zeigen, daß er noch vorhanden sei und seinen Lebenswandel in nichts geändert habe. Onkel Neumeyer war nun wenigstens die eine Sorge um den wie einen Sohn geliebten Neffen einigermaßen abgenommen. Aber Rico selber hatte Stunden, wo er verzweifelt war, fern von den Eltern und von seinem Volke zu sein. Nebenbei schämte er sich auch furchtbar, daß Italien wortbrüchig geworden war. Und er fühlte auch, wie man in den Kliniken, wo man den dienstbeflissenen jungen Studenten gerne gesehen und seine freiwilligen Dienste angenommen hatte, dem Italiener in ihm nun mit Mißtrauen begegnete. Da war's für ihn geradezu eine Gnade Gottes, als über L. die Nachricht zu ihm gelangte, daß Hans in einem der nächsten Sanitätszüge in die Heimat transportiert werden solle, und zwar zur weiteren Behandlung in die Nervenklinik in Tübingen. Was war das für ein Glücksfall für ihn! Wie lebte der arme Kerl jetzt wieder auf im Gedanken: Hans, mein Hans kommt, und ich darf ihn pflegen! Und welche Freude herrschte auch in der Engelapotheke, als dieser Bescheid gekommen war, denn nun kehrte ja auch die Mutter wieder zurück, war wieder bei ihnen, und die Sorge um sie, eine Sorge, die den Vater oft schwer bedrückte, löste sich.

»Wenn wir sie nur einmal erst wieder haben … wenn nur erst einmal der Bub wieder in unserer Nähe ist, daß man nach ihm sehen kann,« sagten alle.

Und sie kamen, die beiden, die Mutter und ihr Hans! Der Junge freilich noch lange nicht genesen, wie man nach der letzten Karte hoffte. Die kleine Enttäuschung gab es noch, daß der Sanitätszug durch L. fuhr, aber nicht dort anhielt. Trotzdem waren alle Neumeyerischen, mit Ausnahme des Vaters, der nach der nahegelegenen Hauptstadt gefahren war, stundenlang an der Bahn, um wenigstens vielleicht einen Blick der Durchfahrenden zu erhaschen. Und richtig, Mutter stand auf einer der kleinen Plattformen und winkte mit einem Tuch. Hans lag wohl drinnen, aber man konnte nichts von ihm sehen. Der schmerzbeladene Zug flog durch. In Stuttgart aber stand der Vater – auch schon stundenlang harrend – auf dem Bahnsteig. Aber daran dachte er jetzt nimmer, als er seine so schwer vermißte Frau, deren liebes, aber etwas schmal gewordenes Gesicht wieder sah. Sie führte ihn – er hatte die Erlaubnis dazu – sofort in das Innere des Wagens, in dem Hans lag. Ach diese junge, so stramme, vorher so männlich aufgeblühte Gestalt! Wie abgemagert und hohläugig lag sein Bub da! Wie schnitt es ihm ins Herz, als die Mutter mit ermunternder Stimme sagte:

»Hans, der Vater ist da,« und sein Bub ihm, wie ein gehorsames Kind, die Hand hinstreckte. Wohl ein Erkennen, aber ein Freuen lag noch nicht auf den so ernst gewordenen Zügen.

»So weit sind wir noch zurück?« sagte der Vater leise, und seine Stimme bebte. Aber die Mutter erwiderte: »Ach nein, so weit sind wir schon voran, denn vor ein paar Wochen hätte er dich wohl noch gar nicht erkannt.« Die Eltern fuhren beide mit nach Tübingen, denn die Mutter bestand darauf, ihren Kranken dort selber abzuliefern, woran sie niemand hinderte. Als sie neben dem Lager saßen und sich so viel zu erzählen hatten, da flog ein Blick des Leidenden manchmal wie forschend auf die beiden. Und als der Zug an seinem Bestimmungsort ankam, und Rico unter dem Hilfspersonal bereit stand, da verlor des Kranken Blick etwas von seiner Unklarheit, und er sagte wie fragend:

»Rico?«

Und dann, als er kurze Zeit darauf wohl versorgt in seinem Bett in der Klinik lag, da streckte sich plötzlich eine Hand nach dem Freunde aus, und eine Stimme, durch die etwas wie ein ganz leises Freuen klang, sagte:

»Ricomännle, wo kommst denn du her?«

Und dieser Satz erregte einen Jubel in Mutters Herzen, weil es der erste war, den sie wieder nach so langer, banger Zeit hören durfte. Einen Tag blieb Mutter noch bei ihrem Buben, und sie wies Rico immer wieder von neuem an, wie er ihn zu behandeln habe und gab den Ärzten Bescheid. Dann aber ging's heim, und trotz allem Erlebten, und allem, was noch auf ihnen lastete, gab es ein Freuen und Fröhlichsein im Hause, und in den nächsten Tagen bei allen Bekannten.

Das Hauswesen fand Mutter in überraschender Ordnung. Kränze hatte man keine gewunden, das paßte nicht in die noch so schwere Zeit. Aber auf Mutters Fensterbrett neben ihrem Arbeitstisch standen Blumen, Rosen und Nelken, und auf ihrem Stuhl entdeckte sie sofort ein Rückenkissen, gleichfalls mit Blumen bestickt und schön weich ausgeführt. Es war eine Arbeit, die Miezi vor undenkbarer Zeit angefangen und nie vollendet hatte. Mutters Frage: »Ja, ist's denn fertig geworden?« beantwortete Miezi mit einem fröhlichen: »Ja, endlich einmal doch!« Und auf deren neue Frage: »Ja, wie hast du denn gerade jetzt Zeit dazu gefunden?« antwortete Miezi fast schelmisch:

»Ich habe eben die ganze Zeit, in der du fort warst, meinen Lieblingsspruch: ›Nur noch‹ wieder hervorgeholt, und mit lauter ›Nur noch‹ ist recht viel zustand gekommen.« Rike aber, die dazu kam, sagte:

»Mit der Uhr in der Hand, Frau Neumeyer, haben wir die letzten Wochen gelebt. Gemütlich war's nicht gerade, aber zustand gebracht hat man etwas dabei, das muß ich gelten lassen. Nun, Sie werden sich ja selber davon überzeugen, ob das Hauswesen in Ordnung ist oder nicht. – Der Herr war zufrieden, das ist mir die Hauptsache. Aber wenn er meint, der alte Spruch außen am Haus sei schuld daran, daß unsere Miezi nun doch noch etwas gelernt hat, da täuscht er sich. Unsereins hat doch auch etwas dazu geholfen, denn wie oft habe ich zu ihr gesagt: ›Lauf nicht alleweil fort … Guck nicht immerfort in die Bücher … denn das dumme Gelese ist auch an vielem in der Welt schuld!‹ Lesen tut sie ja auch jetzt noch immer zu viel, sogar bis in die Nacht hinein. Da muß ich doch sagen, daß ich ein paarmal das Licht ausgedreht habe, wenn ich sie über den Büchern fand.«

Ganz atemlos war die alte treue Dienerin nach dieser langen Rede, und sie hatte von ihrem Standpunkt aus recht, denn es war nun die höchste Zeit, daß dem jungen Mädchen von ihrem nach so vielen Seiten hin nicht leichten Amte wieder etwas abgenommen wurde. Voll Freude hatte Mutter den Haushalt wirklich in Ordnung gefunden. Die Kinder waren nicht, wie sie gefürchtet, verwildert, und Putzi hatte gelernt, sich selber anzuziehen. Nur mit dem Waschen, besonders hinter den Öhrlein, da mußte noch gründlich nachgesehen werden. Welche Überraschung gab es aber, als Miezi bald nach der Rückkehr der Mutter dem Vater, der gerade behaglich in der Sofaecke sein Pfeiflein rauchte, während die Mutter Strümpfe stopfend dabei saß, ein blaues Heft überreichte, auf dessen Schild »Lateinisch« stand.

»Was Kuckucks-Mädel, was bringst du mir denn da? Der Putzi ist doch noch kein Lateiner!« Aber Miezi setzte mit wenigen Worten auseinander, sie wolle ihm doch eine Hilfe in der Apotheke sein, und sie habe doch absolut nichts von all dem Lateinischen dort verstanden. Das habe sie dem Rico gesagt, und der habe es wieder einem Freund gesagt, der Apotheker werden wolle, und bei ihm habe sie ein bißchen gelernt, – freilich leider bis jetzt nur das Allernotwendigste! – Und jetzt kenne sie doch wenigstens viele von den Aufschriften und verstehe auch etwas besser die Rezepte. Und wenn sie auch jetzt wohl wisse, daß sie ohne ein richtiges Studium dem Vater nie eine wirkliche Hilfe sein könne, so möchte sie ihn doch bitten, daß sie ihre Stunden weiter fortsetzen dürfe, denn: »mein höchster Wunsch wäre der, einmal eine Apothekerin werden zu dürfen.« Es gebe, fuhr sie fort, da und dort jetzt schon Apothekerinnen, wie Rico ihr gesagt, und es sei doch etwas Wunderschönes, wenn man vermitteln dürfe, was der leidenden Menschheit guttue. Wie wohl taten solche Worte des Vaters Herzen. Noch hielt er ja fest an dem Gedanken, sein Ältester übernehme einmal die Engelapotheke. Aber das Blut seiner Vorfahren regte sich freudig in ihm, daß sich auch die Tochter diesem Berufe widmen wolle, und ganz gerührt schloß er sie in die Arme.

»Mädel, das ist lieb von dir, wann hast du denn nur auch die Zeit dazu gefunden?« Und er deutete auf das Heft, in dem sich, wenn auch natürlich nicht systematisch, aber doch nett und übersichtlich eine Masse Wörter, Aufschriften und kleine Regeln befanden, sauber geschrieben. Mutter aber sagte gerührt: »Das sind also die Romane, die du nach Rikes Meinung bis in die Nacht hinein gelesen hast?« Als sie dies aber am andern Morgen der Rike erklärte und ihr von dem blauen Heft sagte, da erwiderte die Alte nicht sehr viel, denn so ganz sah sie doch nicht die Notwendigkeit dieser Arbeit ein. Aber eine Art von Respekt davor, daß ihre Miezi sich den Schlaf abgestohlen hatte für ihren Vater, brachte sie schließlich doch dazu, daß sie von da an ganz von selbst die Miezi für reif erachtete, nun mit »Fräulein« angeredet zu werden.


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