Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Elftes Kapitel

Miezi liebt, Engele haßt, und Rike wird der Schutzgeist vom Zigeunerle. – Warum Vater sagt: »Punktum!« und Fräulein Hermann fragt: »Schmecken deine Fingerle gut?« – Von »affigen Kleidern«, und wie Inge stolz darauf ist. – Ringsum Mauern und keine Nachricht! – Zwei Jahre sind verflossen, und Hansens Wunsch ist erfüllt. – Onkel Heinrich und Herr Rigutini. – Auf dem Balkon im Mondenschein und von einer Stimme, die fragt: »Wessen Licht brennt dort oben?« – Von einem Ruf, der durch die ganze Welt geht, und Freuen, aber auch Zittern macht. – »Warum weint Vater, warum weint Großmutter?« – Von Materialkenntnissen, Maschinen- und Motorkenntnissen und Zukunftsplänen. – Herr Rigutini macht einen Vorschlag, und Villa Gigina wird hergerichtet.

 

Neumeyers nahmen sich mit der ihnen eigenen Treue und Güte innigst des ihnen anvertrauten Kindes an. Aber leicht war's nicht immer. Das Zünglein, das rosige, spitzige, der kleinen Italienerin, von dem das Vreneli erzählte, hatten die Neumeyerischen in den ersten Tagen noch nicht zu sehen bekommen, aber daß sie einen kleinen Wildling ins Haus bekommen hatten, der keine Ahnung vom Folgen oder sich Unterordnen hatte, das zeigte sich schon in der allernächsten Zeit. Miezi, die glückselig war, wieder einmal etwas Lebendiges des Nachts neben sich zu haben, so wie einstens ihr Lorle, dessen Verlust sie immer noch nicht verschmerzen konnte, hatte bis jetzt an diesem Beieinanderschlafen nicht viel Freude erlebt. Schon in der ersten Nacht – wohl durch den Vorschlaf auf dem Sofa aufgeregt – war Angela bald wieder aufgewacht und hatte geweint. Das Bett war ihr fremd und die gute Miezi nebenan doch auch. Soviel verstand Miezi, daß sie nicht dormire könne in dem alten letto, und daß sie in ein anderes verlangte. Dem Wunsche konnte die gute Miezi nicht Gehör geben, und da suchte sie die Kleine mit allerlei lieben Wörtlein zu beruhigen, die diese aber nicht verstand, weshalb sie schließlich immer lauter schrie.

Und es blieb Miezi schließlich nichts anderes übrig, als sich auf die andere Seite ihres Bettes zu kuscheln und zu tun, als ob sie verschwunden wäre. Am andern Morgen war das erste und ja auch recht Natürliche, daß das Engelein energisch nach Peppina rief, die ihr aber mit dem besten Willen nicht geholt werden konnte. Und als man sie endlich zur Morgenwäsche veranlassen wollte, ging das Geschrei von neuem los, als es hinter den dichten Urwald der schwarzen Locken ging, an dem sich Miezi und nachher das Minele vergeblich abmühten.

» Non pettinare, – nicht kämmen!« schrie es in allen Tonarten. »Ihr tut mir so weh!« Und das mochte wohl der Fall sein, denn ein solches »Zigeunerhaar«, wie die Rike nun wieder sagte, zu entwirren, mußte gelernt sein.

Für Miezi hieß es nun ganz energisch ihre Zeit einzuteilen, wenn sie allem nachkommen sollte, und das wollte sie. Denn nach wie vor galt ihr die Arbeit in der Apotheke und dabei die so notwendige Hilfe für den Vater als das Wichtigste. Aber außerdem waren im letzten Jahre die andern Stunden des Tages auch voll ausgefüllt gewesen. Und nun kam das Kind dazu, das bedeutend mehr Aufsicht und richtige Behandlung als jedes andere erforderte. Angela erzählte sprudelnd von der Schule, in die sie in Napoli gegangen und stets setzte sie hinzu:

»Ich hasse es!« und hassen tat sie gar Vieles.

In dieses Register kamen vor allem Signor Rigutini, »der böse Onkel«, dann Lehrer und Lehrerin, und zuletzt auch die Peppina, weil auch sie mit allem Nachdruck und höchst temperamentvoll darauf beharrte, daß Angela gehen müsse, weil Signor Rigutini darauf bestand, den sie fürchtete, und von dem sie am andern Tag gleichfalls behauptete, sie hasse ihn. Aber auch Miezi und Minele gehörten vorerst unter diese Kategorie, nur verstand man zum Glück am Anfang wenig von dem, was das Kind hervorwelschte. Merkwürdigerweise machte Angela bei diesen Ergüssen eine Ausnahme bei Rike. Die beiden hatten gleich am Anfang etwas miteinander erlebt, was den Bann zwischen ihnen brach. Inge, die bei Angelas Erziehung nun auch eingriff, wollte erzwingen, daß das wilde, kleine Ding ruhig am Kindertisch sitzen und auf die Tafel »i« malen sollte, was das Engele durchaus nicht mochte. Es warf den Griffel weg, daß er in zwei Stücke zerbrach, worauf Inge ihr einen Klaps auf die Hand gab. Ein wutsprühender Blick aus den schwarzen Augen traf die junge Lehrmeisterin, und als Rike in diesem Augenblick hereintrat, flüchtete sich das Kind in ihre Arme mit dem Aufschrei:

»Hilf mir – du bist gut, tu sei buona.«

Und da das Angela bis jetzt noch zu niemand gesagt hatte, so hatte sie von da an Rikes ganzes Herz gewonnen, und diese fühlte sich berufen, das »Zigeunerle« fürder in ihren besonderen Schutz zu nehmen. Sie, die einst bei jeder Unart der Neumeyerischen Kinder in Aufregung geriet und zuerst rügte, konnte nun nicht ertragen, wenn ihr Schützling gescholten oder gar einmal gestraft wurde.

»Das arme Würmle, das niemand versteht und keine Mutter mehr hat!« entschuldigte sie. Rike verstand zwar auch nicht und vielleicht noch am wenigsten, was der kleine, in ruhigen Augenblicken so süße Mund hervorsprudelte, aber vielleicht gerade, weil sie's nicht verstand, las sie sich nur Gutes statt Schlimmes heraus. Das Wörtlein »gut« hatte ihr altes Herz erwärmt und ihm wohlgetan.

Ganz so weit hatte es Miezi trotz aller Mühe, die sie sich mit ihrem Engele gab, noch nicht gebracht. Miezi hätte sich für's Leben gerne das kleine Herz ihres Pfleglings erobert, und sie vermied, auch wenn Angela unartig war, zu zanken und zu strafen, aber sie erreichte mit dieser liebreichen Art absolut nichts. Das Kind tat, was es wollte. Rico, dem sie ihre Betrübnis darüber klagte, sprach deshalb einmal sehr ernst mit der kleinen Schwester, an der er mit der größten Liebe hing.

»Liebling, du darfst hier nicht sein, wie in Napoli in der casa della nonna, wo die Kinder nicht erzogen sind, und wie ihre wilden Ferkelein aufwachsen. Miezi meint es doch so gut mit dir, und hat dich so lieb, wie einstens die Mammina!« sagte er mit seinem sanften, weichen Ton. Aber gar nicht weich klang es darauf, was der Liebling sagte.

»Die Mammina war eben die Mammina, und sie ist jetzt ein Engel!« war der Kleinen recht unlogische Erwiderung auf Ricos Reden. »Aber wenn ich unartig war, dann hat sie mich hinausgeschickt. Aber die Miezi will mich erziehen, und das will ich nicht, – die Kinder in der casa della nonna sind auch nicht artig, und die Ferkelein auch nicht,« fügte sie mit kindischem Ernste hinzu. »Miezi sagt immer, wenn ich bös bin: Sei lieb und folge! und gerade das mag ich doch nicht, weil's mich nicht freut!«

Als der Bruder aber bei diesem Satze ein sehr trauriges Gesicht machte, was die Kleine doch wieder nicht wollte, da fiel sie ihm plötzlich um den Hals und sagte: »Der Paolo, die Chiara und der Giuseppe bekommen dann Hiebe und vielleicht täte mir das auch gut!« fügte sie altklug hinzu.

Schläge, das war im Neumeyerischen Hause nicht Sitte. Aber auf Vaters sehr energisches:

»Also du gehst jetzt in die Schule, und damit Punktum!« hatte Angela keinen Widerspruch mehr gewagt, und die zia – Tante –, wie sie Frau Maria nannte, war mit ihr dahin gewandert, mußte aber, nicht zu ihrer Freude, den ganzen Weg Inges einstens so geliebten Ranzen tragen, den Angela jetzt geerbt hatte, und den sie sich absolut nicht aufschnallen ließ.

»Bin keine tedesca – Deutsche –. Ich trage keinen Schulranzen,« sagte sie stolz und ließ die Tante schleppen.

Aber als die andern Kinder in der Schule alle ihren Ranzen vor sich hatten und das, was darin war, auspackten, tat sie's doch auch, aber hauptsächlich wohl deshalb, weil sie begierig war, was Rike ihr in die rote, glänzende Vesperbüchse getan hatte. Aber ebenso neugierig war sie, zu sehen, was die andern Kindern in ihren Büchsen mitbrachten, und triumphierend sagte sie zu ihrer Nebensitzerin:

»Ich habe pane mit Gelee, und du ohne!« und frischweg strich sie mit ihren braunen Fingerlein darüber und leckte diese ab, bis nichts als das helle Brot mehr da war.

»Du, das darf man nicht!« sagte die Kleine neben ihr, sie mit dem Ellbogen anstoßend. »Das tut man erst in der Pause, und die Lehrerin zankt, wenn man schmierige Finger hat.« Das aber war eine Drohung, die Angela verstand, und nocheinmal wurden die Fingerlein – alle zehn nacheinander – eifrigst abgeleckt, als gerade die Lehrerin, eine liebe, ältere, aber nicht gerade sehr hübsche Dame, hereintrat.

»Schmeckt's?« sagte sie freundlich, zu Angela tretend. »Wäschst du deine Fingerlein immer auf diese Weise, kleine Italienerin? Schön ist das gerade nicht!« fügte sie freundlich hinzu. Aber Angelas Stolz wurde rege, und sie sagte:

» No, – ich wasche mit Wasser und Seife!« Und sofort zog sie ihr frisches Taschentüchlein heraus und rieb sich die klebrigen Hände mit Eifer ab. Lächerlich gemacht zu werden vor den andern, das war ihr sehr zuwider, und sie suchte deshalb jede Bewegung den andern nachzumachen, auch der Lehrerin, was diese aber nicht zu bemerken schien. Jedoch am Schluß des Unterrichts trat die Lehrerin zu der Neuen, wie die Kinder sie nannten, und ihr mit der Hand über ihren Struwwelkopf fahrend, sagte sie:

»Brav und lieb bist du gewesen, mach so fort!« und mit freundlicher Gebärde ihr nochmals über die Haare streichend, sagte sie: »Was hast du für schönes Haar.«

»Nein,« erwiderte Angela fast trotzig, »Zigeunerhaar! – Rike sagt so. Und schön ist es nicht! Aber schön sind deine Haare auch nicht, denn du hast ja gar keine!« wobei des Kindes Blick rasch über den dünnen Scheitel der Dame flog.

Ein klein wenig Empfindlichkeit zeigte sich im Gesicht der Dame, was aber bald wieder vorüber war, und sie sagte fröhlich lachend:

»Wenn man alt ist, fressen einem die Mäuslein langsam die Locken ab, und so geht's dir auch einmal!« Und mit einem freundlichen: »Jetzt komm halt gerne zu uns!« verließ sie die Schule. Außen stand Miezi und holte ihr Engele ab, äußerst begierig zu hören, wie es gegangen sei. Es war aber eine jener Überraschungen, die Angela einem machte, weil sie auf jede Frage, die man an sie stellte, total anders antwortete, als man erwartete.

»Das Gelee war gut, aber die ›i‹ auf meiner Tafel nicht, ich malte lieber eine piccola ragazza.« Erstaunt blickte Miezi auf, und unwillkürlich fragte sie: »Aber die Lehrerin, Engele, wie hat dir denn die gefallen?« Da kam wieder eine ganz überraschende, gänzlich unverständliche Antwort.

»Ich habe sie lieb, der haben die Mäuse die Haare weggefressen.«

Das war des Engeles erster Schultag, an dem sie wohl bei allen Kindern Heiterkeit und Aufsehen erregte, das ganze Herz der Lehrerin aber gewann, als sie des nachmittags frischweg an den Pult hintrat, ihr die Hand hinstreckte und sagte:

»Tut dir's noch weh?« Betroffen fragte diese: »Was, liebes Kind?« worauf Angela mit mitleidiger Stimme sagte:

»Die Mäuslein, die nagen!«

Das Kind ging von da an anstandslos in die Schule, von wo sie manches erzählte. So auch meldete sie eines Tages fast vergnügt, die böse Elisabeth habe heute von der Lehrerin einen Schlag auf die Hand bekommen.

»Mit einem Stock!« setzte sie sichtlich mit Genugtuung hinzu, »weil sie immer zu spät kommt.« Daß aber ihr »Zigeunerle« nicht zu spät kam, wie einst die Miezi, dafür sorgte Rike. Und sie achtete auch darauf, daß das Kind zur richtigen Zeit sein Sächle auf die Tafel schrieb oder ins Heft. Sie begleitete es alle Tage selber, ehe sie ihre Ausgänge machte, in die etwas entfernte Schule. Und nachmittags konnte sie ziemlich streng sagen:

»Hast deine Buchstaben gelernt? Hast deine Regeln geschrieben?«

Inge, die nun mitten im eifrigsten Lernen drinnen war, hatte nicht viel Zeit für die Kleine. Wenn sie pünktlich ihre nun recht schwierigen Aufgaben vollendet hatte, dann half sie mit Wonne der Mutter bei dem, was es gerade zu tun gab, in Haus und Garten, in der Speisekammer und in der Wäschestube. Sie war wirklich schon recht brauchbar. Miezi aber ging meistens gleich nach Tisch, wo es in der Apotheke ruhiger war, mit ihrem Italienerkind spazieren, was der Arzt strengstens anbefohlen hatte. Frische Luft und Bewegung war für beide gut, obgleich Miezi jetzt vollständig erstarkt war, und die kleine, südliche Pflanze sich herrlich in den neuen Boden eingewachsen hatte. Auch Hans schloß sich gerne der Gesellschaft an und machte Unsinn unterwegs mit der kleinen Base. Aber nicht nur die Angehörigen, auch sonst aller Augen erfreuten sich an dem hübschen, fremdartigen Geschöpfchen. Trotz Rikens damaliger Hoffnung, das Kind werde, wenn die Mutter einmal nicht mehr dabei sei, keine so »affigen« Anzüge mehr tragen, sah das Kind doch herzig aus in seinen noch mitgebrachten, von Mutter mit feinem Geschmack ausgewählten Kleidchen.

Wenn Miezi dann um drei Uhr in die Apotheke hinabging, so folgten ihr gewöhnlich Putzi und Engele, die nichts Lieberes wußten, als auch da unten zu sein. Aber der Vater duldete die kleine Gesellschaft nur, wenn sie sich bei gutem Wetter außen im Hof bei den Hühnern herumtreiben konnten. Wenn es, wie jetzt, dem Winter zuging, durften sie sich still und brav in eine der Nischen des alten Hauses setzen und dort lernen oder spielen. Miezi war dadurch in der Lage, die zwei Kleinen bei ihren Aufgaben zu überwachen, während oben die Rike, beim besten Willen, dazu nicht fähig gewesen wäre.

So kam nun die Zeit heran, wo die Ärzte Hans wieder für ganz gesund erklärten. Und er erhielt die von ihm so sehr ersehnte Einberufung zu der Fliegerabteilung auf den nicht sehr weit gelegenen Flugplatz Böblingen. Wie gut war's nun, daß Hans das Reifezeugnis hatte, so wurde er nach gründlicher körperlicher Untersuchung sofort einem Fluglehrer, einem tüchtigen Offizier, unterstellt, der ihn zu überwachen und anzuleiten hatte. Wie glückselig war er, als er schon nach acht Tagen nach Hause schreiben konnte:

 

»Gestern den ersten Probeflug mitgemacht. Saß neben dem Steuer, das eigentlich ein Doppelsteuer ist, und auf dem ich vorerst nur jede Bewegung von meinem Lehrer nachzumachen habe. Ein bißle merkwürdig ist's einem schon, wenn das Ding unter einem sich plötzlich erhebt. Etwas ›Beseligendes‹ habe ich dabei noch nicht empfunden, wie es in manchen Fliegerbeschreibungen steht. Viel sehen konnte ich auch noch nicht, weil ich doch auf jede Bewegung neben mir achten mußte, und ein klein wenig ein dummes Gefühl hatte ich auch im Magen, doch das lasse ich nicht gelten! Schön wird's erst in den nächsten Wochen werden, und darauf freue ich mich heidenmäßig, bis ich einen Eindecker bekomme und mein eigenes Steuer, mit dem ich dann mein Glück in den Lüften versuchen darf. Flieger Heil!

Was macht unser kleines Schwarzes? Was hat es seither angestellt? Rico besucht mich nächsten Sonntag, darauf freue ich mich!

Euer glücklicher
Hans.«

*

Und nun überspringen wir zwei Jahre, die wohl die ereignisreichsten in unserem deutschen Vaterlande waren, und wohl die schmerzensreichsten für fast alle Menschen! Ein Volk, das sich bis jetzt gegen fünfundzwanzig Feinde gehalten, dabei aber beinahe zu Tode gekämpft hatte, eine Bevölkerung, die Entbehrung und Hunger, Teuerung und Not nacheinander standhaft trug, eine Nation, die, gequält wie keine andere, doch Sieg um Sieg erfocht, und trotzdem schließlich unterliegen mußte, das war unser Deutschland! Und was jeder einzelne in diesen Jahren an Entbehrung, Leid und Elend trug, das weiß ein jedes von uns, und es würde Berge von Büchern geben, wollte man das alles beschreiben. Wohl aber wollen wir weiter erzählen, was unsere Familie Neumeyer persönlich betrifft. Wir wollen schildern, wie die Wogen der großen, gewaltigen Stürme in der kleinen Stadt, wo unsere Geschichte spielt, verebbten, und welche Schicksalswege einem jeden einzelnen in unserer Erzählung vorgezeichnet wurden.

Lange Zeit hatte Signor Enrico Neumeyer hinter seinen Mauern im Mittelländischen Meer schmachten müssen. Wohl nicht im ganzen Umfange dieses Wortes, aber er war ein Gefangener geblieben, und er fühlte von Tag zu Tag mehr den Druck seines Gefangenseins.

Laß das Stück Erde auch noch so groß sein, in das dich ein fremder Wille verwiesen hat, so wirst du dich doch an seinen Grenzen stoßen und wirst dich schließlich mit krankhafter Sehnsucht darüber hinauswünschen. So war es auch hier, und für den Deutschen, der sein Vaterland bluten sah, war schon das Muß, untätig aus der Ferne zusehen zu müssen, entsetzlich. Keine Möglichkeit, die heimatlichen Zeitungen zu lesen! Die wichtigsten Nachrichten waren nur entstellt und verdreht zu erhalten! Die qualvolle Ungewißheit über seine nächsten Lieben und über die Zukunft zermürbt wohl jeden Menschen mit der Zeit.

Onkel Heinrich war wohl kräftig und gesund gewesen, aber alles das, was er nun schon im zweiten Jahre durchmachen mußte, hatte ihn doch innerlich und äußerlich geschwächt, wozu das stete Heimweh nach seinen Kindern und auch nach seiner Frau viel beitrug. Wohl wußte er Rico und Angela nun in treuster Pflege unter der Obhut der Verwandten, wohl erhielt er jetzt, wo es dem Ende des Krieges zuging, regelmäßigere und inhaltsreichere Berichte von allen, aber das alles war eben ein Auseinandergerissensein von dem, was zusammengehörte. Und dann sein Geschäft!

Eine Bewegung ging über die ganze Erde, als es im Herbst 1918 hieß, der Waffenstillstand ist zwischen allen Völkern geschlossen, das Elend wird aufhören, der Frieden kommt. Welches beglückende Gefühl durchzog bei dieser Nachricht auch die Insassen des Konzentrationslagers in Sizilien! Wie neubelebt war ein jeder im Gedanken, frei zu werden, ach, nur einmal wieder frei. Und wie von neuem niederdrückend wirkte es, als der wirkliche Friedensschluß sich immer weiter hinauszog. Nun war auch Onkel Heinrichs Mut von neuem gesunken, umsomehr, als die Nachrichten über die Irreleitung und den – wenn auch geordneten – Rückzug des sich in falscher Hoffnung wiegenden Heeres zu ihm drangen.

Deutschland – sein Deutschland!

Für die Internierten in Süditalien war, nach langen Verhandlungen zwischen Waffenstillstand und Friedensschluß, endlich die ersehnte Stunde der Befreiung gekommen, und auch Heinrich Neumeyer konnte wieder nach Neapel zurückkehren. Es waren aber sehr geteilte Gefühle, die er bei seinem endlichen Heimkommen empfand. Seine Frau tot, seine Kinder ferne, sein Geschäft in Beschlag genommen, sein hübsches, kleines Landhaus bewohnt von allerlei Menschen, die nicht dort hineingehörten. Peppina war die einzige, die ihn an der Schwelle seines Hauses empfing, das sich in wüstem Zustande befand. Unter Tränen führte sie ihn in zwei hintere Zimmer, die sie mit großer Energie von den Behörden für ihren Herrn zurückerobert hatte.

Onkel Heinrichs erster Gang war in sein ehemaliges Geschäft, das an den Staat übergegangen war und in dem nun lauter italienische Angestellte arbeiteten. Wohl empfingen ihn die Herren, die früher teilweise zu seinen nächsten Bekannten gehört hatten, mit einer gewissen Herzlichkeit, die aber an Mitleid grenzte. Signor Rigutini, der inzwischen Leiter des Geschäftes geworden war, bot ihm sogar eine Wohnung bei sich an, bis sich seine Verhältnisse wieder gebessert haben würden. Aber Signor Enrico, wie er hier hieß, verzichtete auf dieses Anerbieten und zog vor, in den eigenen Räumen, die ihm noch von einst geblieben, zu bleiben. Aber was nun? Seine jahrelangen Ersparnisse waren dahin, und die Summe, die er noch hatte, war erschreckend klein. Wohl wurde ihm von einigen einstigen Geschäftsfreunden Hilfe in Gestalt eines kleinen Darlehens angeboten. Und auch die Verwandten in Deutschland taten, was sie konnten, und schrieben, er solle zu ihnen kommen, er werde mit offenen Armen empfangen. Weiter konnten sie nichts tun, denn auch hier war ja jetzt die Zeit der großen Geldknappheit, und jeder hatte Mühe, sich selber über Wasser zu erhalten. Aber nun hieß es arbeiten, Arbeit suchen, wo es irgendwie möglich war. Für den einstigen Chef eines großen Hauses war es bitter schwer, auf dem Büro eines kleinen Handelshauses, das früher zu seinen Kunden gehörte, unterzukommen. Und bitter schwer empfand er seine Einsamkeit, wenn er abends müde in sein verödetes, kleines Heim zurückkehrte, wo keine fröhlichen Stimmen mehr ertönten, kein lustiges Lachen und kein einladend gedeckter Tisch mehr war, und wo auch jegliche, früher gewohnte Bequemlichkeiten fehlten.

Peppina tat, was sie konnte. Sie kam morgens früh, um ihrem einstigen Herrn das Frühstück zu kochen und das allernotwendigste im Haushalt zu tun. Es war ihr sehr arg, daß sie wenigstens dies nicht nett und geordnet ausführen konnte, aber die einstigen Gebrauchsgegenstände, Porzellan, Teegeschirr, Damast usw. waren verschwunden, von dem Silber gar nicht zu reden. Und dann war Peppina ja jetzt Mutter von drei Kindern, das erste – Marietta – war ja Angelas Milchschwester. Sie hatte nach und nach das Wäschegeschäft der Nonna übernommen, die alt und gebrechlich geworden, viel Zeit konnte sie deshalb nicht für anderes verwenden. Wie gerne hätte sie dem Herrn gekocht! So ging er eben täglich in eine nahegelegene kleine Wirtschaft. Höchstens daß sie ihm manchmal, wenn Paolos Fischzug glücklich gewesen, ein paar gebackene Fische oder Krebse brachte.

Eine unsagbare Freude hatte Heinrich Neumeyer im Laufe des kommenden Jahres, als Rico, der ihm lieb war wie ein eigener Sohn, ihn eines Tages überraschte.

Es war an einem besonders schönen Frühlingsabend, als Heinrich Neumeyer, der Schwüle des Kontors entronnen, auf seinem kleinen Balkon saß, der wohl rückwärts hinausging, aber doch noch den Blick in die herrlich blühende und duftende Campagna bot. Sein Abendbrot, bestehend aus Salami, Brot und Bananen, lag halb gegessen auf dem hölzernen Tisch, der einstens in der Mädchenstube gestanden hatte. Träumend saß er auf seinem alten Schaukelstuhl, den Peppina für ihn zurückerobert hatte, und rauchte seine Zigarre, ein Luxus, den er sich trotz allen Sparens doch noch gestattete. Der volle Mondschein lag auf der herrlichen Gegend. Das waren die Nächte, die Gigina so sehr liebte, und wo sie oft, gegen den Willen des Arztes, lange draußen verblieb. Auch Angela, sein »Engele«, durfte da – Gigina fragte ja nie nach Gesundheitsregeln – im Nachtkleidchen draußen verweilen, und er hörte im Geiste ihr süßes Gezwitscher, ihr helles Geplauder! Wohl hing ja der Käfig des kleinen Hansel über ihm, den er sich aus der Haft wieder mitgebracht. Aber auch der Vogel war so stille geworden, und nur dann und wann ertönte ein fragendes »Piep«. »Gelt, Vogel, wo sind sie alle, die hier gewesen? Die Herrin und unser süßes Kleines?«

Da hörte er unten auf der Straße eine Stimme, die ihm bekannt vorkam, fragen: »Wessen Licht ist dort oben?« Von einem der Insassen des Hauses hörte er dann seinen Namen nennen, und gleich darauf kam ein rascher Schritt die Treppe herauf, und es klopfte an der Tür. Noch ehe er aber »Herein« gerufen, stand schon eine junge Männergestalt unter der geöffneten Tür. Herrgott, es war ja das Ebenbild seiner Gigina, und nach dem Ausruf: » Babbo mio!« hing Rico, sein lieber, geliebter Bub ihm am Halse. Es gab vorerst kein Fragen: »Woher und wohin?« Es war eben da, etwas so Liebes, so zum früheren Leben Gehöriges, das man nur fühlen und nicht in Worten ausdrücken konnte. Auch als der erste Bann gebrochen, wurde die schüchterne Aufforderung Heinrich Neumeyers, ob Rico nicht etwas essen wollte, gar nicht beachtet. Wer konnte jetzt an so etwas denken! Nur ein erstaunter und bewegter Blick Ricos über die ärmliche Aufmachung der Mahlzeit, streifte das wenige, was da stand.

»Mein Gott, der arme, arme Vater!« Aber dann war dieses Wort nimmer am Platze, denn Vater und Sohn saßen noch beisammen, bis der Mondenschein dem Frühmorgenlicht wich, und fragten und erzählten.

Es kam heraus, daß Rico gespart und gespart hatte, daß er außer seinen Studien und außer seiner Dienstleistung in den Spitälern manchmal noch eine Privatpflege übernommen, eine italienische Stunde gegeben, oder irgend eine Abschrift gemacht hatte. Recht langsam war dies Geld zu einer kleinen Summe angewachsen. Von Anfang an hatte er es zu dem jetzt verwandten Zweck bestimmt, denn niemand ahnte, welche fast unbezähmbare Sehnsucht der arme Junge nach Vaterland und Heim in sich getragen hatte.

»Und nun bin ich da, Vater! Sie haben mich durchgelassen, leicht ging's nicht, aber schließlich durch Austausch, und nicht zuletzt durch mein südländisches Aussehen, das keine Zweifel ließ, daß ich ein Italiener bin. Und jetzt bin ich bei dir, Vater, nicht für ganz, denn ich muß schließlich meine Studien in Deutschland vollenden. Aber dazwischenhinein kann ich ja auch hier weiterlernen. Nimmer ertrug ich's, dich so verlassen zu wissen. Und wenn dir's recht ist, suche ich mir sofort hier Arbeit und Verdienst. Das ist jetzt die Losung durch die ganze Welt.«

Und nun empfanden weder Vater noch Sohn in der nächsten Zeit ihre veränderte Lage. Rico Montane, dem von früher sehr beliebten jungen Manne, dem in Neapel aufgewachsenen Vollblutitaliener, kam man nach seiner Rückkehr mit alter Freundschaft entgegen. Man bedauerte freilich, daß Deutschland ihn festgehalten und daß er nicht für Italien gefochten hatte, aber die Freunde kannten ja seine Familienverhältnisse. Bald hatte er auch hier in den noch mit Verwundeten überfüllten Spitälern vollauf Arbeit gefunden, da der Chef einer dieser Anstalten ein entfernter Verwandter seines Vaters gewesen war. Aber wir greifen vor! Herzerquickend war auch am Morgen nach seiner Ankunft – Rico hatte den Rest der Nacht auf dem alten Sofa, das noch in Vaters Stube stand, geschlafen – die Überraschung und fast überlaute Freude der Peppina, als sie zum Frühstückmachen kam.

» Giuseppe, Maria … ja ist's denn möglich? … il mio Signor Rico!« Und sie setzte das Brett auf dem Tisch ab, denn der irdene Kaffeetopf darauf und die buntbemalten Tassen klirrten gegeneinander.

»Signor Rico!« Und dann folgte ein Schwall von Worten und Fragen und nochmals Fragen, besonders auch nach der »süßen, goldigen, herzigen Angela«, daß Rico beinahe nicht zum Essen kam, obgleich er vom Abend vorher noch furchtbar Hunger hatte. Und dann – Peppina mußte ja fort – brachte der Pedro, mit der ganzen Gefolgschaft von Giuseppe, Margherita und Teresa, zum zweiten Frühstück ein Gericht von in Öl gebackenen Tintenfischen. Es war eine nett angerichtete Platte, die zwar einen Sprung hatte, aber Peppina wußte doch, was sich gehörte. Ricos Herz hüpfte vor Entzücken über dieses sein heimisches Leibgericht! Das Zusammenleben von Vater und Sohn war trotz der veränderten, äußeren Lage glücklich und vorerst befriedigend. Nur freilich der Gedanke an das Kind, das sie ja wohl in den treusten Händen wußten, das aber doch im Grunde zu ihnen gehörte, der beherrschte sie beide. Und wenn auch von dort, besonders von Miezi, häufig und ausführlich Berichte kamen, daß die Kleine gesund sei, daß sie, wenn sie wolle, sehr gut lernen könne, und daß das kleine Teufelein in ihr sich immer seltener zeige, so weckten diese Worte doch stets von neuem ein Sehnen nach dem Kind. Denn es hatte doch eigentlich hier seine Wurzeln und war dort fremd.

Wieder verflossen etliche Monate, und nun hallten Friedensrufe durch die ganze Welt. Waren sie auch anders, als viele der Beteiligten sich gedacht, war zuviel Blut geflossen und waren Jammer und Elend noch riesengroß geblieben, das Wort »Frieden« allein hatte solch wunderbar beruhigenden Klang, daß überall neue Hoffnungen erblühten und müdgewordene Hände sich regten …

Auf dem Marktplatz in L., wo die beiden alten, ehrwürdigen Kirchen einander gegenüber stehen, läuteten diejenigen Glocken, die nicht in den Notjahren heruntergeholt und zu Kanonen verschmolzen waren, zusammen. Es war aber kein Freudenfest, wie Anno siebzig, und nur einzelne Fahnen hingen von den öffentlichen Gebäuden herunter. Die meisten waren in der Zeit, wo ein Stück Stoff, es mochte sein, wie es wollte, fast unerschwinglich war, zu allerhand Nötigem verarbeitet worden. Das weiße zu Hemden, das rote zu Kinderkleidchen und das schwarze vielleicht zu Trauerschürzen. Klang's auch nicht in den Lüften »Hurra und Gloria«, so war doch tief in aller Herzen ein: »Gottlob, ach Gott sei Dank!«, das gen Himmel stieg.

»Das Schrecklichste ist vorüber, lange genug hat's wahrhaftig gedauert!« sagte auch Stadtrat Karl Neumeyer zu seinem Nachbarn, als er unter seiner Apothekentüre stand und sein herabgenommenes Käpplein bei dem Klang der Glocken in den Händen hielt. Seine Frau und die Kinder sahen oben zu den Fenstern heraus, wie auch alle Fenster rings um den Markt herum mit horchenden Menschen besetzt waren. Zu sehen gab es ja diesmal nichts, aber ein paar Frauen und ein paar Zungen, die in den Kriegsjahren die Extrablätter ausgetragen hatten, ließen durch alle Straßen den Ruf erschallen:

»Frieden! … Frieden!«

Und wer das hörte, der faltete wohl seine Hände unwillkürlich zusammen, was mancher schon lange verlernt hatte. Über die Wangen der Alten floß manche Träne, und da und dort fragte wohl ein Kind:

»Warum weint Vater, warum weint Großmutter?«

Aber wer es miterlebt, der weiß, daß die innere Rührung vielleicht noch viel vertiefter und dankerfüllter, aber auch herzaufwühlender war, als damals, wo wir große Siege erfochten, und wie in einem Friedensfreudentaumel waren.

In die Apotheke war schon gleich nach dem Waffenstillstand der einstige Gehilfe Schachtelhuber wieder eingezogen, und auch Jakob, der Hausknecht, war wieder in seinen Dienst getreten, freilich mit einem halben Arm, mit dem er aber bereits gelernt hatte, wenigstens einen Teil der nötigen Hantierungen wieder vorzunehmen. Wozu besaß man noch den andern, und auch feste, gute Zähne, mit deren Hilfe sich manches tun ließ?

Im Neumeyerischen Hause hatte sich manches verändert, vor allem war in Miezis Leben eine Wendung eingetreten. Die Eltern hatten ihr erlaubt, sich als chemische Laborantin auszubilden. Am liebsten hätte sie ja den Beruf einer Apothekerin ergriffen, aber dazu fehlte ihr die Grundlage des Abituriums und dadurch das Recht, regelrecht zu studieren. Vater, der noch vom alten Schlage war, meinte zwar: »Das, was du bei mir gelernt hast und unter meinen Augen ausübtest, das ist doch auch etwas. Unsere Großmutter, die so früh Witwe geworden und für eine Anzahl Kinder zu sorgen hatte, führte jahrelang das Geschäft selber weiter mit einer tüchtigen Hilfe, und niemand hatte sich je über irgend eine Nachlässigkeit oder Amtsverletzung zu beklagen. Aber ich weiß ja, man muß sich der Zeit fügen.«

Und so war Miezi von da an jeden Vormittag nach der benachbarten Hauptstadt gefahren, um in die dortige Chemieschule zu gehen und ihre Kenntnisse zu erweitern. Von Zeit zu Zeit überkam's den Vater immer wieder schmerzlich, daß sein Ältester einen anderen Beruf ergriffen, aber da war nun nichts mehr zu machen. Gottlob war er selber noch in der besten Schaffenskraft, und immerhin ein Trost war ihm, daß Putzi bei seinem schon von klein auf festgefaßten Wunsche blieb, er wolle unter allen Umständen Apotheker werden und einmal die Engelapotheke übernehmen. Nirgends sei es doch schöner als da, nirgends rieche es auch besser. Erst neulich hatte er mit ein paar Buben schwere Händel gehabt und sie durchgehauen, weil sie das Verslein sangen:

»Wienertränkle, Bittersalz,
Wurmsamen und Hundeschmalz,
Blutegel und Rattenfett –
Apotheker werd i net.«

Vorderhand ging er nach wie vor in die Schule, wie auch die kleine Base, das Engele. Er war aber jetzt in dem Alter, daß er sofort auf die andere Seite ging, wenn er auf der Straße irgendwie ein paar Buben seiner Klasse begegnete. Er wollte sich ja nicht in der Gesellschaft eines Mädels zeigen, worüber Angela wütend war. Das lebhafte Italienerkind hatte sich nun aber doch nach und nach etwas beherrschen gelernt, und sie hatte bald bemerkt, daß die Kinder sofort aufhörten zu uzen und necken, wenn sie einem ansahen, daß man sich nicht ärgerte. Die Mutter freute sich und lobte sie darüber, dem Kind mit dem südlichen Blut aber half auch bei solcher Überwindung der Stolz, den sie von der Mammina geerbt hatte.

Ein Festtag war, wenn Hans, der nun Fliegerleutnant war, einen kleinen Urlaub hatte und von Böblingen herüber kommen konnte. Nicht immer erschien er in sehr fröhlicher Laune, nicht immer durfte er, wie er sich's ausgedacht, Luftfahrten machen und sich in den Lüften üben. Da gab es manche Stunde, wo auch auf fester Erde studiert werden mußte, bis man sich nur einigermaßen Materialkenntnisse, Maschinen- und vor allem Motorenverständnis angeeignet hatte. Auch das Kartenlesen war etwas sehr Wichtiges, und gerade Geographie hatte Hans am wenigsten geliebt. Aber das Kartenzeichnen war hier doch etwas ganz anderes als früher in der Schule. Das war nichts Totes, da lag gleich eine ganze Welt von Gelände unter einem, und es war eine Lust, das in sich aufzunehmen und nachher festzuhalten. Auch in seinem Lieblingsfach, im Photographieren, hatte Hans sich nun vervollkommnet, und es war eine Freude für die ganze Familie, wenn er seine hübschen, kleinen Bildchen, hauptsächlich die aus der Vogelperspektive, nach Haus brachte und erklärte.

Wie es mit Rico weitergehen werde, das war noch nicht entschieden. Vorderhand war er seinem durch die lange Haft müde gewordenen Vater nötig. Beide brauchten auch einander als inneren Halt in ihren oft recht wirren inneren Kämpfen, denn die Verhältnisse hatten sich auch hier noch nicht geklärt. Innerlich zerrissen aber waren die beiden auch, weil ihr Herz für beide Länder schlug, in denen sie entweder zu Hause oder heimisch geworden waren. Mit tausend Fäden zog es Onkel Heinrich nach dem Zusammenbruch seines Lebenswerkes nach der deutschen Heimat, und doch wußte er genau, daß es ihn dort wieder nach dem Lande seiner Wahl und seines Schaffens gezogen hätte. Rico aber fühlte – nun wieder zurückgekehrt – sich doch ganz als Italiener, er hatte aber daneben so viel deutsche Tüchtigkeit kennen gelernt und so viel deutsches Wesen in sich aufgenommen, daß er darüber manchmal in einen Zwiespalt geriet. Am liebsten wäre er jetzt noch für ein Jahr zur Vollendung seines Studiums wieder nach Deutschland zurückgekehrt, aber er wagte nicht, Vater diesen kostspieligen Vorschlag zu machen, jetzt gerade, wo dieser selbst so schwer mit dem Leben rang. Da kam eines Tages Signor Rigutini ganz feierlich zu Vater und sagte:

»Ich habe Ihnen einen wichtigen Vorschlag zu machen.«

Die beiden Herren setzten sich und zündeten sich ihre Zigarren an, und als Herr Rigutini einige Züge getan hatte, denn sichtlich fiel ihm das, was er zu sagen hatte, etwas schwer, begann er:

»Ich muß Ihnen mitteilen, Signor Neumeyer, daß unser einstiges, großes Geschäft nun eine neue Form erhalten soll. Nach langen Beratungen soll es nun zu einer Aktiengesellschaft umgewandelt werden, und man hat mich vorläufig wieder zu dem obersten Leiter ernannt. Was ich nun noch zu sagen habe, verehrter Herr Neumeyer, fällt mir sehr schwer. Aber ich muß Ihnen die Bitte der Herren vortragen. Diese sind der Ansicht, daß trotz der veränderten Verhältnisse niemand so wie Sie mit dem Geschäft vertraut ist und so gut unser künftiger Ratgeber sein könnte. Ich verstehe bis ins tiefste Ihre Gefühle bei dem, was ich Ihnen jetzt zu sagen habe. Den Herren wäre es ein großer Gefallen, wenn Sie vorerst einmal die führende Stelle in der Abteilung, welche die Korrespondenz mit dem Ausland führt, übernehmen wollten. Es fällt mir so schwer, vorschlagen zu müssen, daß Sie ein Angestellter sein sollen, wo sie einstens als selbständiger Herr walteten. Ma – Signor Rigutini verfiel in diesem Augenblick wieder in die heimische Sprache, obgleich er das Deutsche sehr gut beherrschte – ma, finalmente, es ist doch eine Verbesserung Ihrer jetzigen Lage, und Sie werden uns allen, die wir Sie schätzen und verehren, einen großen Gefallen damit erweisen.«

Ja, Herr Rigutini hatte recht, leicht war das nicht, und es kostete Heinrich Neumeyer einen großen Entschluß, ja zu sagen. Aber gerade, daß er wieder an seiner einstigen Wirkungsstätte etwas leisten konnte, der Stätte, der er einstens sein ganzes Können gewidmet, das bewog ihn, anzunehmen. Auch mußte er sich sagen: In Deutschland gibt es jetzt keinen Platz für dich, wo so viele Tausende um ihren Lebensunterhalt ringen. Und dann waren es schließlich die Kinder, die für ihn den Ausschlag gaben. Beide hatten südländisches Blut, beide sahen Italien als ihre Heimat an, und sie mochten hinversetzt werden, wo sie wollten, beide würde es zeitlebens, das fühlte er, wieder in ihre schöne Heimat ziehen. Und noch eins: Nun hatte er ja die Mittel, Rico, den er, wie schon oft gesagt, wie seinen eigenen Sohn liebte, seine Studien vollends zu ermöglichen, was der Junge mit einem hellen Jubelschrei aufnahm, worauf er dann aber sofort sagte:

»Vater, lieber Vater, ich kann's ja aber doch nicht annehmen … denn wie vereinsamt wirst du dich fühlen, wenn ich dich auch wieder verlasse!«

Nun kam aber noch dazu, daß durch die Entwicklung der Dinge dem Signor Enrico Neumeyer von der Stadtbehörde mitgeteilt wurde, daß er, der seit über zwanzig Jahren trotz seiner deutschen Abkunft ein treuer Bürger der Stadt Neapel gewesen und sehr zum Gedeihen des Handels beigetragen habe, nun wieder sein früheres kleines Anwesen als sein Eigentum ansehen und es nach Willkür sofort beziehen könne. Der Befehl sei schon gegeben, daß die Villa Gigina in tunlichster Bälde von den Leuten, die sich inzwischen dort eingenistet hatten, geräumt werden solle.


 << zurück weiter >>