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Sechstes Kapitel

»Bin ich denn im Paradies?« – Vom Vesuv, und wie Miezi Erziehungsversuche macht. – Tante Gigina sagt: »Sich fürchten ist dumm!« – Von verschütteten Städten und von bösen Herzschmerzen. – Von zwei jungen Leuten, die das Abiturium machen wollen, und wie Hans sagt: »Der gefällt's bei ihren Orangen und Gefrorenem!« – »Ich will, und du mußt!« – »Sei lieb, und ich tu, was du willst!« – Warum Angela ein Engele genannt wird und doch ein ganz kleines Teufele ist.

 

Tante Giginas Empfang war durchaus herzlich. Sie schien es gar nicht empfunden zu haben, daß ihr Gast die Zeit nicht eingehalten hatte, und sie sagte: »Mach dir's behaglich bei uns, Liebe, Peppina wird dir dein Zimmer zeigen, und dann komm' zum Tee herüber. Oder willst du lieber Schokolade oder Eis? Vielleicht ist dies am besten – es ist unerträglich schwül heute, und dazu der häßliche Regen!« Und die Dame zog trotz der Schwüle ihr seidenes Tuch hoch und ihre Decke zurecht.

Miezis Zimmer war hoch und luftig, aber es enthielt nicht sehr viele Möbel, was vielleicht der Grund war, daß es das junge Mädchen nicht so recht anheimelte. So wie einstens der Tante Gigina das deutsche Bett mißfallen hatte, so ging's jetzt Miezi beim ersten, flüchtigen Umschauen. Schmal und nieder war das Lager, und rings herum befand sich ein lichter Mullvorhang, der das Ganze einhüllte. Ob man da wohl schlafen kann? war ihr erster Gedanke. Aber sonst war es eigentlich recht nett: leichte Bambusmöbel, ein kleines Sofa mit rosa Kissen, und vor dem Waschtisch eine große, runde Wanne, was nicht schön aussah, aber sich später als sehr nützlich erwies. Nachdem sie Gesicht und Hände nach der langen, staubigen Fahrt gewaschen hatte, ging Miezi erfrischt hinüber, fand aber die Tante nur allein bei Eis, Tee und Kuchen.

»Die Erfrischung hätte Onkel auch gut getan, aber meinst du, er lasse eine von seinen Bürostunden schwinden, worum ich ihn schon oft gebeten habe? Darin ist eben nichts zu machen, und wir müssen warten, bis er zum zweiten Frühstück kommt.«

»Ei, wie bist du aber groß geworden! Da glaube ich, daß du oft Gliederschmerzen und Kopfweh hast! … Ach, ich habe das auch oft und noch anderes – der gute Enrico will es mir meist nicht glauben … Aber wie leid tut mir die liebe, kleine Eleonora! Sie hatte solch ein süßes Gesichtchen und wäre gewiß eine Schönheit geworden, und sie war auch so gehorsam und so still, … wie leider unsere Angela gar nicht ist, die mir deshalb so auf die Nerven geht – nun –, du wirst ja sehen!« Die Tante holte sich ein Biskuit zu dem Rest ihres Eises, und nachher eine Zigarette, und lange wagte Miezi nicht, zu fragen: »Wo steckt denn aber nun mein Engele?« Trotz des nicht sehr liebenswürdigen Empfanges sehnte sich doch ihr Herz nach dem Kinde, dessen etwas schrille Stimme man immer wieder von außen her hörte, und dazwischen die scheltenden Worte von Erwachsenen. Nach einer Stunde etwa erlaubte sich Miezi doch zu sagen: »Darf ich jetzt zu meinem Engele, Tante?« Und sie war erleichtert, als diese antwortete:

»Aber natürlich, alles darfst du doch hier tun, was du willst. Und wenn du das Kind manchmal mir ein wenig ferne hältst, so bin ich dir dankbar. Wirst schon bald sehen, welche wilde, kleine Kröte sie ist.«

Miezi eilte hinaus und war erfreut, als sie Angela in einem Winkel vor der Tür stehen sah, eine angebissene Feige in der Hand. Und Miezi las aus den erwartungsvoll auf sie gerichteten Augen die Frage: »Wo ist nun meine Puppe?« Ohne weitere Umstände nahm sie das Kind bei der Hand und sagte: »Wir holen sie!« war aber im Augenblick sich gar nicht bewußt, daß die Kleine ja kein Deutsch mehr verstand. Aber die ruhige Bestimmtheit, mit der Miezi auftrat, mußte mehr wirken als viele Worte, und gleich darauf hielt das Engele die versprochene Puppe im Arm, die sie mit kritischen Augen, aber immerhin wohlwollend, ansah. Sie saßen beisammen auf dem kleinen rosa Sofa in Miezis Stube, und die Kleine fing nun an, zu sprechen und allerlei zu fragen. Dabei kam aber immerhin zu Miezis Freude manch deutsches Sätzchen heraus, das das Kind von dem manchmal Deutsch mit ihr sprechenden Vater erfaßt hatte. So kam eine ganz nette Unterhaltung zustande. Die Puppe mußte ins Bett gehen, das heißt, hinter eins der Sofakissen gelegt werden und schlafen, dann wieder aufstehen, dann guten Morgen sagen und ein Küßchen geben, was aber die Kleine sofort verweigerte: »Nein, nicht – weg – küssen mag ich nicht,« sagte sie sehr bestimmt. Aber unartig und bös sein sollte die Puppe, denn Engele konnte sie dann strafen und ihr Schläge geben: »Wie Peppina!«

Tante Gigina hatte richtig gesagt – auf die Minute pünktlich kam der Onkel aus seinem nahegelegenen Büro, gerade wie der Vater daheim aus seiner Apotheke herauf. Aber der Vater wäre nicht so geduldig gewesen, wenn der Teetisch noch nicht abgeräumt und das Essen nicht bereit gewesen wäre. Nur dann und wann ein: »Na, wird's bald« oder eine noch rasch neu angezündete Zigarette, weil er schon wußte, daß es nicht »bald« kommen würde, zeigte dies Wissen. Dann aber, bei einem sehr gut gekochten Gericht, aus Makkaroni, Fleisch und Gemüse bestehend – eine Suppe gab es hier nicht – wurde er sehr gesprächig, und dann kamen allerlei Fragen über die Lieben daheim, über die geliebte Heimatstadt und die Engelapotheke, und dann wieder nach allerlei Verwandten und Bekannten, so daß es Miezi sehr warm ums Herz wurde. Ein gewisses sich Fremdfühlen hatte sie doch vorher ergriffen. Aufs eingehendste ließ er sich auch über Miezis Gesundheit berichten, und er war sichtlich erleichtert, als sie sagen konnte, daß sie sich durch die veränderte Luft in der Schweiz schon ein bißchen besser fühle.

Auch von dem kleinen Lorle sprach er in warmen Worten, die Miezi so wohl taten. Dann aber, in verändertem Ton, sagte er: »Das liebe Kind war von Anfang an leidend, und wir nehmen an, sie ist jetzt in den Himmel gegangen. Weinen und Klagen hilft da nichts, und auch du, mein Miezerl, mußt dir jetzt Mühe geben, daß du den Eltern nicht auch noch Sorge machst. (An das hatte Miezi noch nicht gedacht.) Deine Mutter braucht ihre Älteste, und deshalb wollen wir gleichfalls dazu beitragen, daß du hier wieder ganz wohl wirst und den Deinigen etwas sein kannst.« Von dem Standpunkt aus hatte Miezi ihr Gedrücktsein noch nicht angesehen, und als der Onkel seine Ratschläge mit dem Satze schloß: »Also von nun an Kopf hoch und Augen aufgemacht, denn hier gibt es so viel zu sehen, daß du nur staunen wirst!« da war's wieder etwas von Miezis altem Frohsinn, der aus ihren Augen blitzte, und der sie sagen ließ: »Ja, Onkel, ich will!«

Und es gab wirklich so viel Neues zu sehen, daß es wohl am besten ist, wir lesen uns das aus den Briefen heraus, und einiges auch aus Miezis Tagebuch, das sie auf dieser Reise, nach Mutters Rat, gewissenhaft führte.

Brief von Miezi Neumeyer an ihre Eltern:

 

Ihr Lieben alle miteinander daheim!

Wie bin ich froh, daß Ihr mir meinen dummen Streich in Luzern verziehen habt. Erst jetzt, seit ich Euren lieben Brief habe, kann ich wieder so recht fröhlich sein. Ich hab's aber wirklich nicht für so unklug gehalten, den freien Tag vor meiner Reise noch schnell zu einer Tour auf den Rigi, auf den ich mich doch so gefreut hatte, zu benützen, trotz der lieben Frau Stadelmann Bedenken. Aber ich will mir's künftig ganz gewiß zur Warnung dienen lassen, vor solchen festgesetzten Zeiten, wobei auch andere beteiligt sind, noch irgend etwas zu unternehmen. Daß der liebe Onkel Heinrich dem fremden Herrn das ausgelegte Geld für eine unbenutzte Fahrkarte ersetzen mußte, das drückt mich freilich noch immer, aber er meint, das mache ihm nicht soviel aus, nur zu oft dürfe so etwas nicht mehr vorkommen, und das will ich auch nicht, ganz gewiß nicht!

Nun aber von hier, wo es einfach paradiesisch schön ist. (Rico, paß auf, denn für Dich ist der Brief auch bestimmt! Oft habe ich gedacht, wenn Du von Deiner Heimat sprachst, Du würdest übertreiben, aber jetzt finde ich, daß Du gar nicht genug gesagt hast.) Vor allem, der Regen hat sehr bald aufgehört, es war nur ein Gewitter, und seitdem haben wir den italienischen blauen Himmel, und das ist ein Blau, das man bei uns ja gar nicht kennt. Heiß ist es wohl. Die Familie, mit der ich reiste, hat gemeint, gewöhnlich gehe man im Sommer nicht nach Italien, aber das ist bei Neapel etwas anderes, denn es liegt an dem weiten Meer, das in der Nacht immer wieder Kühle gibt. Onkel sagt: »Meer und Gebirge senden immer kühle Winde«, und merkwürdigerweise spüren wir hier nichts von dem heißen Vesuv, der doch fortwährend wie ein großer Ofen raucht. Vor dessen Nähe habe ich mich am Anfang ein wenig gefürchtet. Wenn man so viel erzählen hört, wie es ist, wenn zu Zeiten der Berg plötzlich Feuer speit, und die glühende Lava wie feurige Schlangen herabrieselt und auch jetzt noch manches blühende Gelände und dabei auch menschliche Wohnungen überflutet. – Es ist merkwürdig, wie die Menschen sich trotz der beständig drohenden Gefahr immer wieder da anbauen, wo ihre einstige Heimat gewesen ist.

Wenn Onkel abends von seinem Geschäft zurückkommt, und wir, wie meistens, die Hauptmahlzeit draußen auf unserer Veranda nehmen, da liegt der Vesuv gerade vor uns, und sein feuriger Rauch spiegelt sich im Meer. Und nun denkt Euch, daß trotz meines anfänglichen Unbehagens der Onkel letzten Samstag frischweg sagte: »Miezerl, nun bist du hier, zu schonen braucht man dich nimmer, ein mutiges Mädel bist du ja ohnedem (o nein, darin täuscht er sich) und so nehme ich dich morgen mit, damit du den Vesuv, den wunderbarsten aller Berge, auch in der Nähe siehst.«

So ganz konnte ich mich wirklich über diesen Vorschlag nicht freuen. Als wir aber den andern Tag in kleinerer Gesellschaft, wie sie manches Mal von Unternehmern geführt wird, in unseren Barken saßen, und dann, vom Fuße des Berges aus, in der Zahnradbahn hinauffuhren, die mich an die vom Rigi erinnerte, und die andern alle keine Angst hatten, da konnte auch ich mich nur freuen. Und Ihr macht Euch keinen Begriff davon, wie wundervoll hier alles ist. Die blauen Fluten des Golfes umsäumen eine Küste mit reizenden Gärten, Palmen – denkt Euch, Palmen –, Villen und Dörfern in ununterbrochener Reihe! Der Führer unserer Gesellschaft sagte, wir sollten nur schauen, ob nicht die ganze Campagna wie eine Landkarte zu unseren Füßen läge. Und von dort aus sieht man erst so recht, welch wunderbar schöne Stadt Neapel ist. Wie in einem Amphitheater, die man in Italien ja noch sehen kann, steigt die Stadt terrassenförmig auf, und hinten sind die bewaldeten Höhen von Camaldoli und anderen Städten, deren Namen ich aber unmöglich alle behalten kann – Hans, such's in Deinem Geographiebuch auf! – Vierzig Minuten lang etwa sind wir gefahren. Wir kamen auch an ein Hotel, wo aber der Boden schon anfängt, ganz warm zu werden. Deshalb möchte ich um keinen Preis dort wohnen. Meist bleiben die Leute auch nur einen halben oder höchstens einen Tag. Viele hatten jetzt an diesem Punkte genug und fuhren wieder abwärts, aber Onkel meinte: »Ein klein wenig mußt du doch auch in den Krater oder nur auch in ein paar der kleinen Krateröffnungen hinabgesehen haben, denn erst dann hast du einen ganzen Begriff von deinem Vesuvausflug.« Die meisten der Gesellschaft gingen zu Fuß noch etwas weiter, nur ganz wenige bis oben hinauf, wo die Hitze unerträglich wird. Mir grauste aber schon, als der Boden unter uns die Sohlen bereits ganz warm machte, und als aus allerhand kleineren, trichterartigen Öffnungen Rauch und Glut aufzischte. Das war schauerlich-schön, und nun kann ich begreifen, wie es sein mag, wenn die Feuer da unten in Aufruhr geraten und gewaltige Massen von Schwefel, Kohle und Lava ausgespieen werden. Ich wiederhole, grauenhaft schön war's, aber dann war ich doch sehr froh, als einige Damen von der Gesellschaft, die sich sichtlich auch fürchteten, wieder zur Haltestelle der Bahn zurückverlangten, und als wir abwärts fuhren und uns wieder entfernten von den gefährlichsten Stellen. – Es war inzwischen beinahe dunkel geworden, da konnte ich erst so recht die wunderbare Schönheit unserer Fahrt genießen, denn der Mond war am Himmel. Auch er spiegelte sich im Meer, und die ganze, große Stadt Neapel war von unten bis oben mit tausenderlei Lichtern beleuchtet.

Tante Gigina, die nicht mitgegangen war, denn sie hatte, wie sie sagt, »den alten Berg ja schon viel hunderttausendmal gesehen«, – sie ließ sich erzählen und erzählte dann selber, wie sie ein paarmal (wohl zum hunderttausendundersten Male) bis zum letzten Gipfel oben gewesen sei und dem Berg geradezu in sein weitgeöffnetes, glühendes Maul hineingesehen habe. Mutig war Tante Gigina, glaube ich, immer, und sie sagt noch heute: »Sich fürchten ist dumm!« und so möchte ich gerne auch sein. Sie fürchtet sich auch so gar nicht, wenn ihre Herzanfälle kommen, und sie sagt: »Was kommen soll, das kommt, und unser lieber Herrgott und die Madonna werden helfen.« Das ist doch ein sehr schöner Glaube, nicht wahr? Denn sie hat Tage, wo sie oft sehr krank ist und auch Schmerzen hat, und da kann sie Angela kaum ertragen. Mit dem »kleinen Teufele«, wie Onkel das Kind so oft nennt, wobei aber seine Augen strahlen, mit meinem »Engele«, wie ich's nenne, komme ich wie einstens sehr gut aus, man muß es nur zu behandeln wissen.

Und nun schließe ich meinen Brief an Euch, aber ich schicke ihn noch nicht fort, weil Onkel versprochen hat, in acht Tagen mir auch Pompeji, diese einst vom Vesuv verschüttete Stadt, zu zeigen. Was ich dort sehen werde, beschreibe ich dann in einem Brief an Rico und lege diesen bei, dann erfahrt auch Ihr alles. Nur noch schnell: Ich fühle mich hier beinahe wieder gut, nur weiß ich manchmal nicht, was ich mit meiner Zeit anfangen soll, denn Arbeit für mich gibt es hier eigentlich keine. Gerne würde ich dann wie zu Hause mein Engele spazieren fahren oder mit ihr spazieren gehen, aber so etwas tut man hier nicht, dazu sind die Dienstmädchen da, und auch diese dürfen, wenn sie noch jung sind, nicht allein oder mit den Kindern durch die Straßen gehen. Da gibt es dann wieder alte Frauen, wie hier zum Beispiel die Mutter von Peppina, die uns waschen hilft, die müssen dann neben her gehen. Ist das dumm, zu was auch!

Aber jetzt endgültig Schluß! Ich freue mich so, bis ein etwas ausführlicher Bericht kommt, wie es Euch geht in Eurer Sommerfrische. Wenn wir doch hier alle beisammen wären, das wäre das schönste.

Es liebt Euch

Eure getreue
Miezi.

 

Ja, so erfreut Miezi gewesen, daß sie allein zu den Verwandten nach Neapel reisen durfte, so kam doch manchmal ein ganz leises Bedauern über sie, nicht auch mit den Ihrigen in dem bayrischen Dörflein an dem blauen See sein zu können. Aber nun sah sie durch Onkels Güte und auch durch manche seiner Freunde, die die junge Fremde da und dorthin mitnahmen und sich dabei über ihr Entzücken freuten, soviel des fremdartigen Neuen und Schönen. Da wandelte sich ihr Wunsch um, und sie sagte immer wieder: »Wenn doch die Meinigen auch da wären!«

Mit fieberhafter Spannung erwartete Rico jeden Brief der fernen Base. Ihn, der sich ja merkwürdig gut in deutsche Verhältnisse eingelebt hatte, und der sich im ganzen vielleicht noch wohler in diesem gesicherten Familienkreis fühlte als daheim, wo die Mammina ihnen doch soviel Sorge machte und wo im Hause gar mancherlei Unruhe herrschte, ihn zog es doch oft im tiefsten Innern mit tausend Banden nach der alten Heimat. Und wie doppelt schön war's nun doch, daß jemand von der Familie jetzt dort weilte, von dort schrieb, und daß es künftig jemand gab, mit dem er dann all das dort Erlebte besprechen konnte. Drum war es köstlich gerade für ihn, als der nächste Brief von Miezi eintraf, mit dem an ihn beigelegten, ebenso inhaltsreichen Bericht, der gleich auch vom Vater vorgelesen wurde, als die Familie vereint beim Kaffee unter einem der alten Nußbäume am Ufer des Sees saß.

Und er lautete:

 

Lieber Rico!

Wie oft hast Du mir erzählt von den Wundern Deiner Heimat, und ich habe dabei immer gedacht, da möchte ich auch einmal hin. Aber so schön, wie ich's jetzt finde, habe ich mir's doch nicht gedacht. Schon Euer Landhaus ist so reizend mit dem von Glyzinien und Trauben umwachsenen Gemäuer, mit den hübschen, alten Säulen an der Haustür, die Dein Vater, wie er mir erzählte, zum Bauen seines neuen Hauses am Eingang verwendet hat. Ganz besonders gefällt mir auch Euer stiller Hof mit dem plätschernden Brunnen, dem Maulbeerbaum und den vielen weißen Tauben, die um das Bassin herumsitzen, und die ich täglich mit Angela füttere. Weniger gefallen mir all die flachen Dächer auf den Häusern, da ist doch unser alter Giebel mit den vielen Verzierungen viel heimeliger. Aber dann das Meer und die Barken, und die Palmen nicht zu vergessen, und, und … Ich kann das alles nicht aufzählen, und also: Gestern waren wir in Pompeji, von dem Du mir so oft erzählt hast, und das war einfach ergreifend! Daß man nach soviel hundert Jahren nun Asche und Schutt weggeräumt hat und nun durch die Straßen einer Stadt und in deren Häuser hineingehen kann, die so lange nicht mehr sichtbar gewesen waren, das packt einen. Aber gut war's, daß Onkel mich vorher auf den Vesuv geführt hat, denn jetzt würde ich mich noch viel mehr fürchten in Gedanken daran, was dieser Berg alles anstellen kann. Gräßlich muß es doch gewesen sein, als die Menschen ahnungslos in ihren Stuben saßen, oder sich im Theater ein schönes Stück ansahen, Kuchen buken oder sich zu einem Feste schön machten, und es plötzlich am hellen Tag dunkel ward, und ein Aschenregen kam, der ihnen den Atem nahm. Und dann kam noch die glühende Lava, und alles war aus und zugedeckt, und nichts mehr wurde von allem gesehen! Bis nach so langer Zeit die verschüttete Stadt wieder ausgegraben wurde. Zuerst hat man alles, was man gefunden, in ein Museum gebracht, aber dann brachte man es wieder und ließ es stehen, und so kann man jetzt genau sehen, wie's in einem pompejanischen Hause aussah, wie die Möbel und die Kunstwerke dort waren, welche Gegenstände sich in einer Küche befanden und so weiter. Daß man die Verschütteten, deren Körper man unter der Asche fand, in Wachs nachbildete, ehe sie zerfielen, das hat mich am allermeisten interessiert. Sie sitzen, stehen oder liegen nun gerade so wieder, wie damals ein paar Minuten vor dem Unglück, und am meisten hat mich eine Kinderstube gepackt, in der nichts ahnende Kinder mit Puppen und Tonfigürchen spielen, und die Mutter zur Tür hereinkommt, vielleicht, um sie schnell noch zu retten.

Doch das weißt Du ja alles noch viel besser, Rico, und Du hattest recht, wenn Du mir oft davon erzähltest und gleich darauf beifügen konntest: »Aber lebende Menschen sind doch viel interessanter!« und mir dann erzähltest von dem Dir so lieben italienischen Volk da unten. Ich habe Peppina gebeten, mich doch einmal mit zu ihren Verwandten zu nehmen, damit ich auch Deinen Freund Paolo und seine kleinen Geschwister kennen lerne. Du, da drinnen in der engen, schmutzigen Gasse und erst in dem Hause war es greulich, und Deine lieben Italiener haben mir am Anfang gar nicht gefallen. Der Paolo hatte seine Ziege gefüttert und hat ein finsteres Gesicht gemacht, als er einen Besuch erblickte. Aber dann wurde er freundlicher, als ich ihm Deine Grüße ausrichtete und er mir auf Deinen Wunsch hin seine Murmeltiere zeigte. Die alte Rosalia, Peppinas Mutter, verließ ihren Waschzuber und trocknete sich die Hände ab, um mich zu begrüßen, und sie hielt eine ganz lange Rede an mich, die Peppina mir übersetzte und sagte, sie bedanke sich, daß wir in Deutschland gegen sie freundlich gewesen seien. Vor dem Hause, inmitten von pickenden und flatternden Hühnern und grunzenden Schweinen und ein paar jungen Ferkeln wälzten sich etliche schwarzlockige Kinder herum. Trotzdem sie von Schmutz starrten, war ich entzückt von ihnen, denn es sind die reinsten Amoretten wie in unserm Schlosse in L. Ich soll Dir von Peppina ausrichten, daß die kleine Mariuccia jetzt gar keine Krämpfe mehr habe und der Pedro jetzt bald in die Schule gehe. Die kleine Lucia sei leider gestorben, – die ganze Familie weinte, als sie dies erzählte, und ich mußte auch weinen in Gedanken an unser goldiges Lorle. – Nebenbei gesagt, laß auch die Inge dabei sein, wenn Du diesen Brief vorliest, sie kann sich die Sachen darin für ihre Geographiestunde merken. Den Hans, den wünsche ich mir ganz besonders oft hierher, wenn das italienische Militär, das besonders bunte Uniformen hat, durch die Straßen zieht, und den Bersaglieri- oder einen andern Marsch spielt. Hat Vater sich übrigens entschlossen, ihn in eine Kadettenschule zu schicken, oder soll er vorher das Abiturium mit Dir machen? Ich fürchte, das Examen bringt er nicht zustande. Daß dem sonst gescheiten Kerl das Lernen und besonders sein Lateinisch so gar keine Freude macht, ist zu dumm! Ich denke immer, hätte ich wie er Lateinisch gelernt, so würde ich jetzt das Italienische rascher können, wohinter ich mich energisch mache. Unserem Putzilein, dem Schlingel, schicke ich einen Kuß. Er braucht ihn aus der Ferne nicht abzuwischen, wie er sonst tut. Daß er aber immer noch einen roten Kopf bekommt, wenn man nach seinen Höslein fragt, das betrübt mich sehr. Ich werde mein Reisepräsent danach einrichten. Schreib' mir auch, Rico, ob die Eltern ganz gewiß ganz gesund sind, und ob Mutter sich nicht zu sehr anstrengt. Bist ein guter Kerl, daß Du jetzt die Neumeyerische Schuhputzerei übernommen hast, was doch eigentlich Hansens Sache war, aber jedenfalls machst Du's pünktlicher. Dabei fällt mir ein, welch schöne, glänzende Stiefel die italienischen Herren haben. Noch etwas gefällt mir so gut, das ist, wieviel hier gesungen wird, auch während der Arbeit. Den Paolo sah ich gestern, wie er seine Netze in Ordnung brachte in einer der vielen Barken, die am Meeresstrande liegen. Dabei sang er mit einer ganz herrlichen Stimme, wie man's bei uns nur in Konzerten hört, das Lied: »Santa Lucia«, was ich auch so gerne von Dir höre. Und wie er die Segel dann einsetzte, und so hoch aufgerichtet dastand, da sah er trotz seinen Lumpen doch ganz prächtig aus, und ich begriff auf einmal, daß Du immer von Deinen »schönen Italienern« sprichst. Aber durch viel Schmutz muß man hindurch.

Nun bittest Du mich in Deinem letzten Brief, ich soll Dir doch ganz aufrichtig schreiben, wie ich Tante Gigina gefunden habe. Da kann ich Dir nur sagen, daß sie eigentlich recht gut aussieht. Ein bißchen magerer ist sie ja wohl geworden – aber sie geht nicht viel aus. Sie sagt, das Gehen spüre sie an ihrem Herzen. Aber dafür fährt sie oft spazieren, und ich finde es sehr hübsch hier, daß man es gar nicht so schwer nimmt, wie bei uns zu Hause, geschwind einen Wagen zu nehmen. Sie halten hier auch an allen Straßenecken, auch Autos, und wenn man pfeift, kommt sofort solch ein nettes Gefährt, und es ist herrlich, daß die Tante meistens mich und das Engele mitnimmt. Alle sind wir dann schön geputzt, man fährt in den breiten Straßen auf und ab und begegnet und begrüßt sich. Das ist schon etwas Reizendes. Eben klingelt Tante und befiehlt solch eine kleine Carrozza, da muß ich für heute schleunigst schließen. Nächste Woche ist ja Eure Ferienzeit vorüber, und es geht wieder heimwärts. Etwas länger werde ich wohl noch hier bleiben, vier Wochen waren ja ausgemacht, aber der Onkel sagte heute, wegen solch kurzer Zeit mache man keine so große Reise, unter sechs Wochen tue er's nicht. Das wäre freilich schön, aber was werden die Eltern dazu sagen?

Nun für heute lebt wohl!

In inniger Liebe
Eure Miezi.

 

Drei Wochen Ferienzeit waren, wie sich Miezi richtig dachte, für die Neumeyerische Familie nur zu rasch vorübergegangen. Alle hatten sich trotzdem in der guten Luft und in dem Stilleben zwischen den Bergen gut erholt, besonders auch die Mutter, die's nötig gehabt hatte. Sie wurden bei ihrer Rückkehr von Rike und Minele in frischen, weißen Schürzen, mit einem herrlich duftenden Kaffee und einem frischgebackenen Gugelhopf empfangen. Die beiden hatten tüchtig geschafft, damit die Herrschaft alles in tadellosem Zustande antreffen würde. Das Wohnzimmer war neu tapeziert worden, die Küche frisch geweißt, und unten in der Apotheke waren gleichfalls Maler und Tüncher tätig gewesen.

Der Gehilfe, Herr Schachtelhuber, empfing die Familie mit frischen Manschetten und einer neuen Kravatte unter der Haustür, und der dickköpfige Christian überreichte grinsend einen Strauß Astern aus dem Garten. Beiden wurde nachher durch Minele auf einem Brett Festkaffee und Kuchen in die Apotheke geschickt, wobei Herr Schachtelhuber nicht unterlassen konnte, zu fragen: »Ist Fräulein Miezi denn nicht mitgekommen? Ist sie denn immer noch in Italien?«

Frau Maria überkam ein rechtes Heimwehgefühl nach der abwesenden Tochter, und auch von neuem wieder nach ihrem süßen Lorle. Noch immer konnte sie nicht ohne tiefes Weh im Herzen den leeren Platz neben Inges Bett ansehen. Die beiden Schwesterlein hatten in den letzten Jahren, so, wie sie miteinander gelebt, so auch immer nebeneinander geschlafen. Inge war noch zu jung, als daß sie den Verlust der Schwester hätte voll ermessen können. Auch war's ja jetzt schon so schrecklich lang – schon seit dem Frühjahr, daß es anders gewesen, und sie freute sich, daß sie für den Augenblick ein Zimmer ganz allein bewohnen durfte, bis Miezi wieder kam. Putzi schlief noch bei den Eltern.

Die Frage wegen Hansens Zukunft wurde nun ernstlich erwogen und dahin gelöst, daß die Eltern und darüber befragte Sachverständige es doch für richtiger fanden, daß die beiden Vettern und Freunde im kommenden Frühjahr miteinander das Abitur machen sollten. Hans war über diesen Beschluß unglücklich. Er hatte vielleicht auch einigen Grund dazu, weil er doch lange nicht so lernbegierig und wohl auch nicht so lernfähig war wie Rico. Aber wer das Reifezeugnis hatte, konnte ja nachher noch jeden Beruf ergreifen, wobei Hans unentwegt an die Offizierslaufbahn dachte, Vater aber an die Apotheke. Daß sein Ältester ihn darin im Stich lassen würde, das konnte er einfach nicht denken.

Das Alltagsleben in der Engelapotheke ging wieder seinen Lauf, nur fanden die Eltern, daß es nachgerade wirklich Zeit wäre, daß Miezi heimkehrte. Schon war zweimal auf Onkel Heinrichs Bitten hin die erbetene Verlängerung des Urlaubs gewährt worden. Nun aber war's schon Anfang November, und Miezi noch immer nicht da.

»Der gefällt's dort bei ihren Orangen und ihrem Gefrorenen, und wo man zum Frühstück schon gebackene Fische und Göckel ißt!« sagte Hans mit einem kleinen Neid in der Stimme. Die Mutter dachte sorglich an die lange Unterbrechung im Klavier- und Nähunterricht, auch sollte jetzt mit dem Kleidermachen angefangen werden. Der Vater aber vermißte besonders seines Miezels Besuche unten in seinem kleinen Laboratorium, wo sie ihm in der letzten Zeit so manchmal schon nett Handreichungen getan hatte, und wo er sich ganz besonders über ihr Interesse an allem in der Apotheke gefreut hatte, was Hans eben leider so ganz fehlte. Er vermißte seine Älteste auch sonst bei manchem, was er schon mit ihr besprechen konnte. Und was Mutter anbetraf, so hätte sie recht gut eine Hilfe brauchen können im Haushalt. Beide Eltern aber einigten sich immer wieder darin, daß sie dem Kinde die schöne Zeit gönnen wollten, die in dieser Weise wohl nicht mehr zurückkehrte.

Miezi selber freute sich darüber, denn je länger sie im Hause Onkel Heinrichs wohnte, desto angenehmer fand sie das Leben dort. Von jeher waren die zwei ja besonders gute Freunde gewesen, und dem Manne, der trotz seines langjährigen Aufenthalts im Ausland doch so ganz durch und durch Deutsch dachte und fühlte, tat das Hiersein der lieben deutschen Nichte unendlich wohl, und er wurde nicht müde, ihr allerlei Vergnügungen zu bieten.

Miezi war jetzt fünfzehneinhalb Jahre alt, schlank gewachsen, und mit ihren prächtigen, blonden Zöpfen, die sie um den Kopf geschlungen als Gretchenfrisur trug, und mit ihren hellen, freundlichen, blauen Augen war sie ein recht hübsches Mädchen geworden, denn auch die blassen Wangen, die sie mitgebracht, hatten sich unter dem Einfluß der südlichen Wärme und der gekräftigten Gesundheit wieder jugendlich blühend gefärbt. Sie fiel unter den südlich dunkeln, italienischen Mädchen, von denen sie nun eine ziemliche Anzahl kannte, als etwas Besonderes auf und wurde auch – Mutter hätte sich nicht darüber gefreut – schon ganz als eine Erwachsene behandelt. Auch zu kleinen Tanzvergnügungen wurde sie herbeigezogen, und es machte ihr große Freude, von Tante Gigina hübsch ausstaffiert zu werden, obwohl sie vorher noch wenig Wert auf moderne Kleider gelegt hatte. Die Tante hatte sie nach und nach ihre guten, netten, aber recht einfachen Kleidchen, die sie mitgebracht, ablegen lassen. Sie waren auch wirklich ein wenig zu klein geworden, und dafür hatte sie ihr einige Kleider nach ihrem Geschmack machen lassen, sehr hübsch, sehr elegant, aber nach Mutters Geschmack wären sie wohl nicht gewesen. Vielleicht auch nicht die jungen Damen, mit denen Miezi hier verkehrte. Sie selbst hätte wohl manches an ihnen auszusetzen gehabt, wenn sie sie verstanden hätte, aber so waren's immer nur einzelne Sätze, die Miezi auffaßte, und das Hin und Her in den beiden Sprachen war so lustig und anregend. Daß wenig innerer Wert darinnen lag, das konnte das Miezerl unter diesen Umständen nicht empfinden. Der »süßen, jungen Deutschen«, wie man sie nannte, gefiel es bald recht gut, eine gewisse Rolle zu spielen, obgleich zum Glück ihr von zuhause aus noch recht kindlicher Sinn vorderhand noch nicht darunter litt. Denn, gerade so gerne, wie sie mit den jungen Damen Tennis spielte und sich beim Schwimmen und Rudern beteiligte, was sie besonders beglückte, so gerne spielte und tollte sie noch mit der kleinen Angela herum, die bald, wie einst in L. in Deutschland, die junge Base über alles liebte. Anfang's ginge etwas schwierig mit dem gegenseitigen Verstehen, aber Miezi hatte schon gewaltige Fortschritte in der italienischen Sprache gemacht, obgleich sie sich nicht mehr wie zuerst, und wie der Vater es ihr vorgeschrieben hatte, täglich eine Stunde diesem Studium widmete. Für den Hausgebrauch genügten ja in kurzer Zeit ihre Kenntnisse, und Miezi hatte sich gerne Onkel Heinrichs Wunsche gefügt, mit der Kleinen nur Deutsch zu sprechen. Ein Kind lernt schneller als ein Erwachsenes, und so war der Vater glücklich, wenn sein kleiner Liebling neben Italienisch auch in seiner Muttersprache plauderte. Das hatte ihm ja auch seine Frau zulieb getan, daß sie vor und nach ihrer Verheiratung Deutsch gelernt, was er besonders an ihr schätzte. Onkel Heinrich war auch im stillen so glücklich zu sehen, welchen günstigen Einfluß der junge Gast überhaupt unbewußt auf sein Kind hatte. Mit ängstlicher Besorgnis hatte er manchmal die Entwicklung der kleinen Angela beobachtet. Rico, den seine Frau ihm mit in die Ehe gebracht, war von klein auf ernst und still. »Zu still«, wie seine Mutter sich oft beklagte. Aber er und der zweite Vater verstanden sich sehr gut, und es war ein großes Opfer gewesen, daß dieser sich für so lange Zeit von dem Buben trennte. Bei dem Engele aber konnte sich niemand über zu große Ruhe und Stille beklagen, es war ein echtes Italienerkind. Liebenswürdig und gutmütig und auch folgsam, wenn es wollte, aber es wollte nicht oft. Das Engele war gründlich verwöhnt und setzte seinen Willen durch. »Laß mich in Ruhe, geh nur fort, – ich will, und du mußt! –« so stand's in seinem Trotzköpfchen, und die Mutter und Peppina folgten meistens diesem mit viel Nachdruck gegebenen Befehle, und taten sie's nicht, so gab es gewöhnlich ein großes Geschrei. Miezi wußte noch nichts von Pädagogik, aber daß ein Kind folgen müsse, das war ihr in Fleisch und Blut übergegangen, das war doch einfach so, und drum fiel es ihr gar nicht ein, nur so ohne weiteres den Befehlen der kleinen Prinzessin zu folgen, nur, weil sie das oft recht häßliche Geschrei nicht leiden mochte. Sie versuchte es darum gleich am Anfang, es wie Mutter daheim zu machen, wenn Putzi etwas nicht mochte, ganz einfach zu sagen: »Du mußt.« Aber da kam sie bei der kleinen Base schön an. Das Engele kreischte, schlug, und es kam ihm auch nicht aufs Kratzen an, so daß es sogar Tante Gigina im Nebenzimmer zuviel wurde, daß sie klingelte und temperamentvoll sagte: »So ärgere doch das Kind nicht so, tu doch, was es will. Es ist ja noch so klein, und später wird es schon vernünftiger werden.« Daß Kinder auf diese Art nicht vernünftiger wurden, das hatte sie oft auch beim Brüderlein erfahren, drum machte sie es denn auch wieder wie Mutter daheim in solchen Fällen. Die ließ ihr trotziges Büblein einfach sitzen, und ob es schrie oder nicht, sie tat, als ob es nicht vorhanden wäre, und da wurde es dem Kleinen langweilig – auch das Schreien. Diese Probe fiel anfangs bei der süßen Angela schlecht aus, denn sie glaubte nicht an den Ernst einer solchen Behandlung und spuckte und biß. Das aber ließ sich Miezi nicht gefallen und gab ihr einfach, wie oft dem störrischen Bruder, einen Klaps auf die kleinen Hände. Da aber kam sie bei der Tante schlecht an, und sie rief mit großer Heftigkeit:

»So etwas sind wir nicht gewöhnt! Komm her, Liebling, und laß dir von Mammina deine lieben, armen Händchen küssen.« Dabei öffnete sie eine Schachtel mit feinen Früchten und hielt einige davon der Kleinen hin. Es war aber merkwürdig, wie das Engelein dieser Aufforderung doch nicht Folge leistete. Ängstlich sah es von einer der beiden Damen zu der andern, und dann, statt sich die süße Frucht zu holen, lief es in eine Ecke, nahm eine ihrer Puppen heraus und schlug ihr gleichfalls auf die Hände.

»Teresa cattiva, muß folgen, was Miezi sagt!« Und nachdem sie dies mit großem Ernst vorgenommen, besann die Kleine sich einen Augenblick, und dann lief sie zu Miezi mit der Puppe im Arm hin und sagte, in immer noch recht trotzigem Ton:

»Lach wieder, du, sonst mag dich meine Teresa nicht, und auch ich nicht.« Dabei schmiegte sie sich aber zögernd an Miezi an, und sprudelte heraus:

»Du, sei lieb, dann tu ich, was du willst.« Und so hatte Miezi unbewußt die Lösung einer der schwierigsten Erziehungsfragen gelöst, wenigstens bei der launenhaften, kleinen Italienerin. Mit guten Lehren, oder mit Ermahnungen – um Verzeihung zu bitten –, richtete man hier gar nichts aus. Aber sorgfältig studierte die Kleine bei irgendeinem Befehl das Gesicht der Fordernden. War's ernst oder gar ärgerlich, so war das Engele auch sofort mit Trotzen und Widerspruch bereit, war's aber freundlich, oder wurde das Geforderte gar mit einem lieben Lächeln begleitet, so hatte man gewonnenes Spiel, wenn auch sehr oft in umgekehrter Weise, worüber der Vater sich einmal halb tot lachen wollte, als er zufällig anwesend war.

»Mach bitte-bitte,« forderte das Kind, und die junge Base hatte den Humor, darauf einzugehen, bitte-bitte zu machen, und dann geschah, was sie erreichen wollte. Mit dieser Methode fühlte sich Tante Gigina auch, lachend, einverstanden, und das Endergebnis war, daß die häßlichen Schreiereien in der Kinderstube von da ab viel seltener wurden. In der Küche aber hieß es anders.

» La signorina Miezi quält unsere kleine Herrin,« sagte der alte Diener Antonio, der schon seit Jahren im Hause war. »Kinder müssen doch schreien, und man muß das nicht unterdrücken, sonst werden sie böse!« Ihm stimmte die alte Rosalia bei, die täglich im Haushalt ein paar Stunden half. Marietta, eine Enkelin der Alten, die das Kochen versah, nickte und sagte: »So sind wir auch erzogen und doch etwas Rechtes geworden.« Peppina aber, die gerade die Badewanne ihrer Herrin entleerte, und die sich etwas darauf zugut tat, daß sie durch ihren Aufenthalt in Deutschland dort andere Ansichten bekommen, sagte: »Soviel steht fest, die bambine – Kinder – brüllen dort nicht wie die wilden Tiere, und die Signorina Miezi hat's von ihrer Mutter gelernt. Und wenn mich in Zukunft unser kleines Teufelein hier weniger beißt und an den Haaren zerrt, so kann ich vor allen andern froh darüber sein.« Und mit einem Schubs goß sie das Wasser in den Abguß, trocknete die Wanne mit einem Tuch aus und ordnete sich dann ihre »Wuschelhaare«, wie Rike sie immer genannt, vor einem kleinen Spiegel wieder zurecht. »Alles hat mir in Deutschland nicht gefallen, aber manches!« Und mit diesem gewiß nicht bestreitbaren Satze verließ sie wieder die Küche.

Es war nun Anfang Dezember, und jetzt war es den Eltern doch zu lang geworden, und sie verlangten auf das energischste, daß Miezi wieder nach Hause zurückkehre. Ein Brief, den das Mädel in den letzten Tagen geschrieben, trug auch noch das Seinige dazu bei. Er enthielt die Beschreibung von all den Vergnügungen, die sie jetzt dort mitmachte, und schloß:

»… Sie reden mir alle so sehr zu, wenigstens noch über Weihnachten zu bleiben, wo ein großes Feuerwerk abgebrannt wird. Ich möchte auch gar gerne den bambino fliegen sehen, eine Wachspuppe, die man in der Christnacht durch eine Kirche fliegen läßt und die das Christkind darstellt. Das sei reizend, und die Musik sei auch so schön. Am Neujahrsabend soll es gleichfalls sehr lustig und vergnügt zugehen. Auch auf Bälle möchte Tante Gigina mich gerne mitnehmen. Aber der Onkel sagt, lieber nicht, es würde Euch nicht freuen, obgleich hier die jungen Mädchen noch viel jünger sind als ich, wenn sie auf Bälle gehen. Ein paar Tanzvergnügen habe ich ja auch schon mitgemacht. Es war einfach herrlich. Die Mädels hier fangen schon mit vierzehn Jahren an! …« Nun waren noch ein paar Sätze beigefügt, daß es Miezi freilich auch schwer fallen würde, Weihnachten zuhause nicht mitzufeiern, aber daß usw. usw. … und dann folgte der Name.

Mit recht bedenklichen Gesichtern saßen die Eltern Neumeyer am Abend beisammen und besprachen diesen Brief, mit dem Erfolg, daß es die allerhöchste Zeit sei, Miezi wieder zurückzurufen, Onkel Heinrich werde das wohl am besten verstehen. Nun handelte es sich wieder darum, eine Reisegelegenheit zu finden. Aber daß das Kind unter allen Umständen zu Weihnachten nach Hause kommen müsse, das stand fest. Und in diesem Sinne wurde nun sofort nach Neapel geschrieben.


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