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Drittes Kapitel

»Die Gnädige aben keine Lust!« – Inge und Lore. – Warum Onkel Heinrich findet, daß Apothekengeruch der beste Geruch sei, und daß die Schwäbische Alb schöner sei als der Vesuv. – »So was Goldiges sieht man nicht oft!« – Vom Hansel, der Heimatlieder singen soll. – Was beim Pflaumen-Einmachen geschehen kann.

 

Als Heinrich Neumeyer nach einer Woche zurückkehrte, war er recht beruhigt, denn es war wirklich schön und auch unterhaltsam dort, und Gigina hatte sich sofort eingelebt und befand sich schon, wie sie sagte, viel wohler. Der Arzt und die Behandlung waren auch wirklich ganz vorzüglich.

»Das kleine Engele, das süße Engele,« wie die kleine Italienerin im ganzen Haus und bei allen Bekannten genannt wurde, vermißte die Mutter nicht, wohl aber am Anfang ihre: »Ina, Ina,« von der sie sich nun bei dieser Gelegenheit entwöhnen sollte. Anfangs gab es ja zu bestimmten Stunden noch heiße Tränen, aber bald war das heitere Wesen der Kleinen wieder durchgedrungen und Rike war nun in ihrem Element, auf die Stunde hin dem Kinde seine Milch und seine Breilein zu kochen, nach denen es bald ebenso wie vorher nach der Peppina verlangte, und welche Mahlzeiten nie zurückgeschickt wurden. Frau Maria hatte das Kind zu sich an ihr Bett genommen. Es war ihr eine Wonne, einmal wieder etwas Kleines neben sich zu haben. Sie war glücklich, daß es zusehends gedieh und auch sonst Fortschritte machte. Den Tag über war das Engele, meist unter Miezis Aufsicht, in der Kinderstube und Miezi wußte nichts Lieberes und nichts Herzigeres, besonders als auch die Kleine anfing, einzelne Wörtlein zu plaudern, natürlich deutsch, und sie ihr all die kleinen Kinderkunststücke beibrachte und die, nachgeahmt, uns in jedem erwachenden Kinderleben von neuem so entzücken. Daß Miezi während Peppinas Abwesenheit auch den Schützling an die Luft bringen durfte, war ein besonderes Glück, und wenn sie die Kleine, stets nett in ihren weißen, spitzenbesetzten Kleidchen und in ihren buntseidenen Jäckchen gekleidet, im Wagen führte, so begleitete sie meistens eine Anzahl ihrer Schulfreundinnen, und sie fühlte sich furchtbar stolz, wenn sie sagten:

»So was Goldiges sieht man nicht oft«

Hans und Rico hatten sich nun vollständig in einander eingelebt. Sie gingen zusammen zum Schwimmen in dem benachbarten Neckar, sie radelten und turnten und jeden Abend fast ging die ganze Familie in den naheliegenden Garten, der gleichfalls seit längsten Zeiten zu der Engelapotheke gehörte. Hans war mit Leib und Seele ein Bastler und Rico, der in Neapel weder einen Garten hatte, noch Gelegenheit zu irgendwelchen derartigen Beschäftigungen, war voller Staunen, was der Vetter alles zustande brachte. Die Zeiten des Indianer- und Räuberspiels waren vorüber. Im Mai sollten Miezi und Hans zusammen konfirmiert werden, – der ein Jahr ältere Vetter war es schon. Es waren die Knabenspiele schon mehr in den Hintergrund getreten, aber dafür hatte Hans allerlei Verbesserungen im Garten gemacht. Den etwas morsch gewordenen Zaun hatte er mit neuen Latten versehen und so, wie einstens für seine Hasen, hatte er jetzt ein etwas größeres Hühnerhaus gebaut und zusammengenagelt, was wirklich bewundernswert war. Wie ein kleiner Palast stand es da mit Türmen und mit Treppen, auf denen seine geliebten Hühner wohlerzogen hinaufwanderten, um im Innern des Palastes, wo sie ihre weichen Nester hatten, gehorsam ein Ei zu legen. Hans hatte einstens von einer armen Frau, die in der Apotheke umsonst behandelt worden war, ein winziges schneeweißes Zwerghühnlein bekommen, das er zuerst in einem Körblein neben seinem Bette hatte. Aus den von diesem Tierchen gelegten Eiern war nach und nach eine stattliche Anzahl von zwölf Hühnern und einem Hahn hervorgewachsen, deren Eier nun eine gewichtige Bereicherung in der Küche waren, obgleich Rike beständig darüber brummte, wie klein die Eier seien und warum man nicht größere Hühner eintue. Das waren aber eben Hansens Lieblinge, eins wie das andere schneeweiß, und sie kannten ihn alle und flogen ihm nach, wenn er mit dem Futter kam, und er besorgte sie stets selber.

Einmal war Hans zwei Tage verreist, und Miezi hätte die Tierchen übernehmen sollen. Sie tat es auch am ersten Tag, brachte pünktlich das Futter und gab ihnen frisches Wasser. Am zweiten Tag auch noch, aber da war sie beim Füttern früh morgens von einer Freundin überrascht worden, die ihr etwas sehr Wichtiges erzählte, und die sie deshalb ein Stück weit begleiten mußte. Sie hatte darum die Schüssel mit dem Fressen auf den Gartentisch gestellt, – gleich nachher wollte sie das Türlein aufmachen und den Hühnern die Körner vorwerfen. Aber über dem eben doch noch manchmal vorkommenden Wort »nur noch« hatte sie es vergessen. Da Regenwetter einsetzte, kam sie nicht mehr in den Garten. Als Hans aber spät am Abend von seinem kleinen Ausflug zurückkehrte, war seine erste Frage: »Was machen meine Hühner?« Und, schon halb ausgezogen, um ins Bett zu gehen, warf Miezi rasch ein Tuch über und mit unverständlichem Gemurmel raste sie an ihm vorbei, um die Ecke herum an das Gartentor, das sie in Hast aufriegeln wollte. Wie dumm, sie hatte den Schlüssel vergessen und schon hörte sie auch Hans hinter sich herkommen, der nichts Gutes ahnte. Aus dem Hühnerstall heraus klang ein jämmerliches Geschrei und Gegackse.

»Was ist da los, so tun sie sonst nie?« Und mit einem Sprung riß er das Türlein auf und die vollständig aus ihrer Ordnung gebrachten Tierchen flatterten über ihn hinweg. Und als könnten sie nicht genug Anklage erheben gegen die unwürdige Behandlung, die ihnen zuteil geworden, setzten sie sich ihm auf Kopf und Schultern, gackerten ganz wild durcheinander und pickten dann gierig mit den Schnäbeln rings um sich herum, ohne etwas zu finden. Hans aber hatte im Mondschein die Schüssel auf dem Tische entdeckt, die vom Regen durchfeuchtet, längst von hungrigen Vögeln ausgefressen war.

»Natürlich hast du vergessen, was ich dir aufgetragen habe!« schrie er wütend und rannte sofort ins Haus um einen Vorrat von frischem Futter zu holen. Und es war fast rührend zu sehen, wie die Tierlein sich diese so verspätete Mahlzeit schmecken ließen und dann willig das Trepplein hinauf zu ihrer Schlafstätte eilten.

»Wär' ich nicht gekommen, wären alle hin gewesen!« schrie Hans die verdatterte Miezi an, und noch ein paar Tage nachher erhob er immer wieder diese Anklage, die aber wirklich zu schwer war, denn ganz tot wären die Hühnlein wohl auch am andern Tag noch nicht gewesen. Aber das »nur noch« war eben wieder einmal aufgetaucht und in der Familie lebendig geworden.

Doch eine andere Geschichte passierte nun in der folgenden Zeit, wo die Gäste noch da waren, und die hatte große Erregung hervorgerufen.

Onkel Heinrich erwarb sich in Erinnerung an seine eigene Kinderzeit auf einer Reise an Ort und Stelle einen echten Harzer Roller, einen Kanarienvogel, der ganz besonders schön pfeifen und singen konnte, und er wollte ihn in einem kleinen Käfig mit sich in die südliche Heimat nehmen. Täglich hatte er seine Freude an ihm, pfiff ihm vor und hatte es wirklich schon so weit gebracht, daß das Tierlein ihn kannte, und daß es sogar durch das geöffnete Türchen ihm auf den Finger hüpfte und ein Stückchen Zucker aus seinem Munde nahm. Das war nun drollig und der Onkel meinte:

»Das herzige Geschöpfchen wird mir ein Stücklein Heimat ersetzen – wenn ich es glücklich heimbringe – da unten im Süden, wo es fast keine Singvögel gibt.«

Die Abreise der lieben Gäste nahte nun heran. Vorher aber wollten die Eltern und Onkel Heinrich noch eine mehrtägige Reise zu den Verwandten machen, die der Onkel ja wohl nicht so bald wiedersehen würde. Die Jungens durften in diesen Tagen, auch von einem der Verwandten aus, einen mehrtägigen Ausflug in die schwäbische Alb machen. Obgleich Peppina nicht zurückgekommen war, denn ihre Herrin bat, sie behalten zu dürfen, da sie eben wirklich ohne Hilfe bei ihrer Toilette nicht wohl sein könne, so riskierte die Mutter es doch, sich der kleinen Reise anzuschließen, da sie die Kinder unter Mineles und Rikes Aufsicht versorgt wußte. Und was Angela anbetraf, so wußte sie auch, daß ihre Miezi ihr Möglichstes tun werde, das Kind zu bemuttern.

Da Miezi den bombenfesten Schlaf eines im Wachsen begriffenen Backfisches hatte, so fand es Mutter aber für sicherer, die Kleine in der Nacht der Rike zu überlassen, die ja auch den Putzi und manchmal die anderen Kinder an ihrem Bette hatte. Diese Anordnung mußte sich Miezi gefallen lassen, obgleich sie heftig dagegen protestierte und meinte:

»So gut wie die Peppina, so könnte ich wahrhaftig mein Süßes auch nachts besorgen.«

Es war Frau Maria aber gerade recht, die Kleine ein paar Tage wenigstens in fester Zucht zu wissen gegen die allzu große Zuvorkommenheit der Italienerin, die, sowie das Kind im mindesten schrie, es aus dem Bette nahm, womöglich mit ihm herumtanzte und dabei allerlei, nicht gerade Schlaf fördernde Lieder fang. In aller Frühe aber durfte Miezi ihres Amtes walten, die Kleine waschen, anziehen und später, nachdem sie ihr ihren Brei gegeben, ausfahren, oder mit ihr und den Geschwisterchen in den Garten gehen, wobei sie das anvertraute Kleinod aber nur vor Putzis meist allzuderben Zärtlichkeiten zu bewahren hatte. Darüber wachte aber auch das Lorle, wenn der Bruder einmal dem kleinen Gast ein angebissenes Birnchen in den Mund zwängte oder, was seine Lieblingstat war, ihm seinen geliebten Schnuller aus dem Munde nahm und, ohne daß der große Bengel sich irgend wie geschämt hätte, ihn in seinen eigenen steckte.

»Putzi raucht wie Pappa,« konnte er dann rufen, und mit diesem nicht ganz zutreffenden Vergleich rannte er unter dem Geschrei der kleinen Beraubten davon.

In aller Frühe waren die Eltern und der Onkel abgereist und Miezis erstes war, daß sie zu dem anvertrauten Hansel eilte und ihn ein wenig, so wie er es gewöhnt war, herausließ, währenddem sie den Käfig reinigte und die Näpfchen mit Körnern und Wasser versah. Das Vögelein hüpfte, wie Onkel es gewöhnt hatte, umher, flatterte von der Stuhllehne zum Sofa, von da aus über den Ofen zum Schreibtisch und war sichtlich erstaunt, dort nicht seinen Herrn mit dem Stückchen Zucker zu finden, nahm es aber doch gnädig nach einigem Besinnen aus Miezis Mund, was diese hoch beglückte. Und dann spazierte es gutwillig durch das geöffnete Türlein in seinem Käfig, wo es sich die dort bereitstehende Mahlzeit sofort schmecken ließ. Am zweiten Tag machte sie es ebenso. Alles lief ganz ausgezeichnet. Am dritten Tag aber …!

Rike und Minele waren in den Garten gegangen, um Pflaumen aufzulesen, um sie nachher einzumachen. Bei Inge und Lore wußte Miezi das Engele in guter Hut; außerdem saß es hinter seinem Laufgitter und hatte allerlei Tierchen und Spielzeug um sich herum, während Lore daneben saß und an einem Puppenkleidchen nähte und Inge ihre Tafel voll Buchstaben malte. Beim Fortgehen hatte Rike gesagt:

»Du Miezi, könntest wohl heute im Kinderzimmer die Betten machen und auskehren. Daß du nachher uns beim Aussteinen der Pflaumen hilfst, versteht sich von selber. – 's ist heidenmäßig, welch großen Korb voll Früchte man braucht, bis das Mus reicht für alle eure Frühstücks- und Vesperbrote!«

Miezi hatte in den letzten Tagen sorgsamst beim Eintreten in des Onkels Zimmer die Fensterflügel fest verschlossen und auch die Türe. Sie war sich bewußt, daß solch ein winziges Tierchen auch durch die kleinste Spalte entwischen konnte. Mit einem lustigen »Piep, piep« flatterte auch heute das Vögelein heraus und machte seinen Rundflug, während Miezi hausmütterlich und hilfsbereit das Staubtuch nahm und die Möbel der Reihe nach abwischte.

Ei, was war da? Auf Onkels Tisch lag eine Menge Zeitungen und Zeitschriften, die er sehr liebte – Gartenlaube, Daheim, Über Land und Meer und wie sie alle hießen. Das Tuch noch in der Hand, schlug Miezi schnell etliche dieser Hefte auf und blätterte darin. – »O, diese wundervollen Bilder!« Plötzlich entdeckte sie, daß unter all dem Lesbaren auch die neueste Nummer von »Daheim« war, worin sie neulich bei ihrer Freundin den Anfang einer ganz wunderbaren Geschichte gelesen hatte, und da war nun die Fortsetzung dazu. Das war ja herrlich. Da konnte sie ja – nur geschwind – sehen, wie die Sache weitergegangen. Und dem Hansel, dem tat's gewiß auch wohl, noch ein bißchen in der Freiheit zu sein. Und, übergebeugt über den Tisch, sich stützend auf die Arme und schließlich auch noch ein wenig sitzend, denn die Geschichte war zu schön, las Miezi Seite um Seite. Und schließlich vertiefte sie sich auch noch in die herrlichen andern Blätter.

Der Regulator an der Wand schlug zehn Uhr. – Herr Gott, das war ja die Zeit, wo immer eins zu Hause sein mußte, weil der Hausknecht von unten da heraufkam, um etwaige Aufträge für die Stadt oder die Post in Empfang zu nehmen, und nun war niemand da. Auch ihre sonstigen Pflichten fielen Miezi aufs Herz, und schnell ordnete sie die zerstreut herumliegenden Blätter – der Onkel war so sehr pünktlich in solch Anvertrautem. Und dann eilte sie hinaus und hinüber zu den Kindern. – Käfig und Futter waren vergessen, das Türlein war offen geblieben!

Die beiden Dienstmädchen hatten bereits ihre Körbe in der Küche abgestellt und Rike brummte:

»Du hättest wohl auch den Tisch und die Messer richten können, da wir gleich mit der großen Arbeit anfangen wollen, und der Jakob war vorhin noch geschwind da, wie er sagte, zum zweiten Mal. Man wisse doch, daß es bei ihm nicht an Pünktlichkeit fehle, aber scheint's, einmal wieder bei dir; die Post hat er jetzt schon befördert,« fügte sie höchst ungnädig hinzu. O weh, Miezi hätte ihm den täglichen Bericht für Tante Gigina mitgeben sollen, wie es der Kleinen gehe. Sie wußte doch, daß die Tante sich sehr aufregte, wenn sie keine Nachricht erhielt.

»Zum Glück,« fuhr Rike fort, »konnte ich dem Jakob noch sagen, daß er mir die neuen Steintöpfe für das Mus vom Kaufmann Berg herbeiholen müsse. Ohne das hätte ich ja gar nicht in meiner Arbeit weitermachen können.«

Glücklicherweise war bei den Kindern alles in Ordnung, nur Engele wollte durchaus aus seinem Ställchen heraus und zu seiner »Mia«. Diese hatte Mühe, das kleine Ding immer wieder zu beschwichtigen, denn sie mußte doch angesichts dieser großen Arbeit wirklich mithelfen. Selbst von den Schwesterchen wurde das erwartet, die ganz nett die faulen oder wurmigen Pflaumen auslasen und beiseite in ein Gefäß taten. Daß Putzi, den man bei seinen Hottogäulen vermutete, über die Früchte geriet und wahllos davon aß, war ein Mißgeschick, das die Arbeit für einige Zeit unterbrach, denn das Minele mußte ihn von der Stirne bis herunter zu den Höslein abwaschen und ihm wieder frisches Zeug anziehen, während Miezi große Angst ausstand, weil Inge mit weinerlicher Stimme ihr zugeflüstert hatte: »Ich glaube, ich habe einen Stein verschluckt.« Er fand sich aber zum Glück nachher in einer Falte ihres Schürzchens.

Nach dem etwas verspäteten Mittagessen – Rike hatte der Einfachheit halber für alle einen Grießbrei gekocht – mußte Miezi in die Klavierstunde. Leider war es über all der Arbeit statt zwei Uhr einhalb drei Uhr geworden, und als sie, unterwegs merkend, daß es schon spät war, die Klingel beinahe herabriß, guckte die Schwester ihres Lehrers, die Miezi ob ihrer Strenge sehr fürchtete, zu dem Gangfensterchen heraus und sagte:

»Wer eine halbe Stunde zu spät kommt, der hat seine Stunde gehabt. Meinst du, mein Bruder habe seine Zeit gestohlen, daß er nur so hinsitzt und auf euch junge Leute wartet? – er ist fort.« Und damit schlug sie das Fensterlein Miezi vor der Nase zu. Das war ihr sehr peinlich, denn dieselbe Sache war im Laufe der Zeit schon ein paar Mal passiert und die Mutter war doppelt ärgerlich darüber, denn erstens war die Stunde verloren, und dann mußte sie trotzdem in das Klavierbüchlein eingetragen und bezahlt werden. Das erfordere der Anstand, sagte die Mutter, und für die Menschen, die Stunden geben, sei die Zeit einfach Geld.

Die Einmacherei währte noch bis in den Abend hinein. Rike setzte ihren Stolz darein, die Frau Apotheker vor die gefüllten und schön zugebundenen Töpfe führen zu können, und dazu mußte alles zusammenhelfen, sogar auch Inge und Lore, die ganz nett mit kleinen Messerchen aussteinten. Die Mädels hielten sich auch brav, weil man sie und Putzi in die schöne geräumige Küche mit hinausgenommen hatte, wo es mancherlei zu sehen gab und wo der Bruder und der kleine Gast mit Holzscheitchen spielen durften und wo die Kinder sich behaglich unter den andern fühlten. So war im Handumdrehen der Tag vergangen und das Nachtessen, diesmal Kakao mit guten, frischen Wecken, eingenommen worden. Miezi brachte mit viel Liebkosungen und auch mit viel Späßlein ihr Pflegekind zu Bett, während das Minele den sich sträubenden Putzi versorgte, der fortwährend schrie:

»Ich will aufbleiben, bis sie kommen. Ich bin doch groß, und Mutterle hat gesagt, daß sie etwas mitbringe.«

Er zog beständig die ihm mit Mühe heruntergebrachten Höslein wieder an, wobei ihm aber die Augen zufielen, so daß Minele ihn schon beinahe schlafend in sein Bett tragen mußte. Das eine rosige Füßlein steckte dabei noch im Höslein. Sein Lockenkopf sank gleich auf die Seite und er schlief, nach seiner Gewohnheit drei seiner Fingerlein in den Mund steckend, sofort ein.

Der Tisch für die Heimkehrenden wurde gedeckt und Minele sagte:

»Jetzt muß ich nur schnell noch drüben im Gastzimmer abwischen, dazu bin ich heute früh nicht gekommen.«

Triumphierend wollte Miezi eben sagen:

»Ätsch, Minele, das ist schon besorgt,« als ihr plötzlich wie ein Blitz ein entsetzlicher Gedanke durch den Kopf flog:

»Der Hansel!« – Ja, ums Himmels Willen der Hansel – den hast du ja heut nicht besorgt!

Minele wußte nicht, was sie davon halten sollte, daß Fräulein Miezi (wie sie sich nur schwer gewöhnte, jetzt zu sagen), an ihr vorbei in das Gastzimmer flog. Bei dem, was sie da sah und was über sie hereinfiel, hätte Tante Gigina wohl nach ihrer Gewohnheit ausgerufen: » Per carità! – um Gottes willen!«

Wo war der Vogel? Das Türlein war offen, das Körbchen mit dem Futter lag umgestoßen unter dem Tisch, die beiden Näpfchen waren leer und … das Fenster stand offen!

»Ich hab's doch geschlossen, wahrhaftig ich hab's geschlossen,« rief Miezi dem gleichfalls entsetzt dastehenden Minele zu. Ein klein wenig tröstlich klang ja, als diese trocken sagte:

»Der Flügel dort geht alleweil auf, sowie ein Zug von der Türe her kommt.« Und so war's wohl gewesen.

Miezi hatte geschlossen, ja das war wahr, aber sie hatte »nur noch geschwind« die Zeitungen durchblättern wollen und hatte darüber gründlich das andere, so Wichtige vergessen. Ein kleines Vögelein war, vielleicht stundenlang nach Futter suchend, herumgeflattert, immer hungriger und durstiger war es wohl geworden, denn auch in seinem Häuslein fand es heute nichts. Und Vögel, das wissen wir alle, brauchen alle paar Stunden etwas zu fressen und zu trinken, Körnlein und Wasser, denn ihr Mäglein ist gar klein und schnell wieder leer. Und wenn sie es nicht füllen können, so werden sie schwach und sterben gar schnell. Vorher suchen sie gewöhnlich dann in der Verzweiflung an den Fenstern ihr Heil, weil die Bäume von draußen hereinwinken und gar manchmal stoßen sie sich die armen Köpfchen dabei ein. Ein furchtbarer Gedanke! Und dabei war wohl der arme, kleine Hansel an das halboffene Fenster geraten und kam dann in die unbekannte Welt hinaus, die so große Gefahren für kleine Vögel barg.!

»Da wird ihn halt eine Katze gefressen haben,« sagte sachlich das Minele, aber er tat ihr sehr leid, der kleine Vogel, und sie suchte redlich mit Miezi am Boden und auf allen Möbeln, ob sie nichts fänden. Aber das Tierlein war eben fort …

Im selben Augenblick erscholl fröhliches Lachen unter dem Haus. Die beiden Jungens stürmten den anderen voran die Treppen herauf, und die Erwachsenen traten gleich darauf ein.

»Wo ist mein Hänsele – wo?« lockte und pfiff Onkel Heinrich, noch unter der Türe, wo das Minele bereits den Sachverhalt der Mutter brühwarm erzählte. – Wie's Miezi da zu Mute war, als sie den mehr als traurigen Blick des geliebten Onkels sah, als Mutter mit strengster Stimme sagte:

»Aber Miezi, wie konntest du,« – denn die Sache lag ja auf der Hand. Da konnte sie nichts anderes tun, als laut hinausschluchzen. Hans aber schrie:

»Wie hast du ihn herauslassen können? So was wie den Hansel kriegt man ja gar nicht mehr.« (Dasselbe was Onkel Heinrich auch dachte.) »Und du bist schuld, wenn das arme Tier jetzt draußen im Walde herumirrt und von einem Fuchs oder einer Eule gefressen wird.«

Miezi konnte nichts anderes tun, als immer wieder schluchzen:

»Die Türe hat doch das Fenster aufgemacht, ich nicht.« Eine Entschuldigung, die ihr den echt brüderlichen Titel »du Gans« eintrug.

Onkel Heinrich war aber der erste, der trotz seines wirklich großen Ärgers und Schmerzes Miezi die Hand auf die Schulter legte und sagte:

»Heul nicht so, Mädel, geschehen ist geschehen. Am leidesten wär' mir aber, wenn ich fürchten müßte, daß das liebe Tierlein draußen am Ende Hunger leidet.« Das war aber das Bitterste, was er sagen konnte, und unter erneutem Tränenguß gestand sie nun stotternd, daß gerade das das Ärgste sei, daß sie vergessen habe, dem Hansel das Futter zu geben, was ihr von neuem des Bruders schärfstes Schimpfwort, das er kannte, ein geschleudertes »Gemein« eintrug.

Die Hoffnung aller, das Vöglein möchte mit Tagesanbruch vielleicht wieder durch die nun sperrangelweiten Fenster Einlaß suchen, war vergeblich. Der Hans fand nicht zurück, und Onkel Heinrich war im Innersten des Herzens betrübter, als er sich anmerken ließ, denn Miezi vermochte wirklich gar nicht mehr vergnügt zu sein und sie ging dem Onkel, wo sie konnte, aus dem Weg. Wie war ihr aber zu Mute, als sie etliche Tage später den Ruf ihrer Mutter hörte, die gerade den leeren Käfig aus Onkels Zimmer entfernen wollte. Die Mutter war in der Gaststube, um Onkel ein wenig bei seinem Packen zu helfen, als er und sie durch ein ganz leises Piepen von ihrer Arbeit aufschauten. Und was war's? Draußen auf dem Fenstersims hüpfte etwas Kleines, Goldiges, ließ zwei schwarze Äuglein herumblicken, stieß ein nun etwas stärkeres »piep, piep« aus und: wupp dich – saß es mitten auf dem Schreibtisch. Und noch einmal: husch, husch und das kleine Etwas war durch das noch immer offen stehende Türlein seines kleinen Palastes hindurchgeschlüpft und sah sich nach allen Seiten um.

»Miezi, Miezi,« erscholl von neuem, aber nun noch viel dringender Mutters Ruf und als sie, irgend ein neues Unglück vermutend, hereinstürzte, da rief der sonst so gemessene Onkel ein gebieterisches:

»Futter her, Wasser her, schnell, schnell, der Hansel ist wieder da!«

Die Freude des Vogels, als er gleich darauf die reichste und wohlschmeckendste Mahlzeit seines Lebens genoß, als er mit immer wieder wie dankend in die Höhe gehobenem Köpfchen sein Wasser hinuntertrank, und wie er dann auf sein Stängchen hüpfte und anfing zu trillern und zu pfeifen in kurzen und in langgezogenen Tönen, in denen er wohl erzählte, was er alles erlebt, das vergaßen die Anwesenden, vor allem aber Miezi nie mehr in ihrem Leben, ebensowenig wie auch die so schreckliche Angst zuvor!


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