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Viertes Kapitel

Warum Miezi findet, daß Tante Gigina alles so herrlich leicht nimmt, und wie Rico ein fester Halt fehlt. – Von zwei Vettern, die Freunde werden. – In fünf Jahren! – Was für Tante Gigina ein Feuerwerk ist! – Große Putzerei, und wie Rike sagt: »Das ist einfach unmöglich!« – Warum der Herr Stadtrat am Fahrplan festhält und Hans sagt: »Noch einmal heulen tu ich nicht!«

 

Hans und Rico waren innige Freunde geworden. So verschieden die Buben waren, so gut paßten sie zusammen und ergänzten sich. Der junge Vetter hatte nie einen Freund gehabt und war deshalb auch sehr ernst und verschlossen; aber um so wohler tat es ihm, sich einmal so rückhaltlos einem Altersgenossen gegenüber aussprechen zu können, und die ganze italienische Lebhaftigkeit konnte ihn dann überkommen, wenn er von seinen Zukunftsplänen sprach.

»Siehst du, Hans, ich liebe mein italienisches Volk so sehr, ich muß es dir sagen, noch weit mehr als eure deutschen Leute, die ich jetzt mit dir auf unseren Ausflügen kennen gelernt habe. Aber der Italiener ist so viel liebenswürdiger und zutraulicher, ich weiß nicht recht, wie ich das ausdrücken soll; doch ihr Deutschen seid ernster und vor allem gründlicher. Du solltest einmal in eine unserer neapolitanischen Hütten hineinsehen können, puh, so etwas kennt ihr ja gar nicht. Keine Luft, kein Licht und innen wuselt's nicht nur von ungewaschenen Kindern, sondern auch noch von sonstigem. Das alles hätte ich so gerne anders bei meinem Volk, und wenn ich in Deutschland so recht viel gelernt habe, so werde ich einmal, wenn ich Arzt bin, nicht ruhen, bis es da unten auch anders aussieht. Denn zurück gehe ich wieder, wenn ich jetzt auch furchtbar gern bei euch allen bin.«

Rico streckte dem Vetter die Hand hin, in die Hans einschlug, worauf er aber ärgerlich und brummend sagte:

»Das ist noch lange bis dahin, aber daß wir uns trennen sollen, wo wir's jetzt doch gerade so nett miteinander hatten, das ist schändlich. Und warum du gerade in die Residenz kommen sollst in irgend eine so alte, dumme Professorsfamilie, das verstehe ich nicht.« Und Rico verstand es auch nicht, da Vater doch so schwärmte für seine Heimatstadt, in der ja auch die besten Schulen waren. Aber einmal hatte ihm die Mammina gesagt:

»Ich finde, du wärest besser bei den Verwandten als bei Fremden, mein armer Bub! Aber Vater findet, wir dürften deiner Tante nicht noch einmal ein Kind aufhalsen, und das verstehen ich nicht. Erstens bist du keines mehr und dann, was wär' denn das für Mühe, die du machen würdest? das bißchen Essen und das bißchen Kleider einkaufen ist schnell gemacht und die Wäsche gibt man aus dem Hause.«

Die Mammina, ja die nahm alles so herrlich leicht; das fand Rico am Anfang angenehmer als die Art dieser deutschen Frauen, die den Schnitt eines Kleides oder das Kuchenbacken so lächerlich ernst nahmen. Aber freilich hatten seine noch jugendlichen Augen doch schon die deutsche Gründlichkeit aus all diesem heraus entdeckt und der Mammina Zeitlosigkeit, die er vorher ebenso als selbstverständlich hingenommen, fing an, ihn zu bedrücken. Solch ein fester Halt, wie er im Hausstand der Engelapotheke herrschte, das war doch etwas recht Gutes.

Onkel Heinrichs Erholungszeit war nun vorüber, und er packte. Morgen sollte noch ein kleines Abschiedsfest im Familiensaal sein, und dann war ausgemacht, daß er mit der Kleinen die Mutter in Waldruhe abholen und von dort aus heimwärts fahren sollte. Peppina war zu diesem Zweck schon zwei Tage hier und hatte ihre Angela in der Zeit beinahe erdrückt mit ihren Liebkosungen und Freudenbezeugungen. Tante Maria stand in der Küche und traf ihre Vorbereitungen zu dem morgigen Feste. Sie buk Kuchen, wellte gerade einen aus und belegte ihn dann mit lecker in Zucker eingetauchten Aprikosenstückchen, als Vater und der Onkel aus der Apotheke heraufkamen mit einem Brief in der Hand. Onkel Heinrich sagte in etwas ärgerlichem Tone:

»Gigina wünscht durchaus, daß wir morgen schon bei ihr sein sollten. Im Sanatorium werde gerade ein großes Gartenfest mit Feuerwerk veranstaltet und da sei es doch ganz unmöglich, daß sie, die ja jetzt so viele liebe, gute Freunde hier gefunden, fehlen solle. Ein Tag früher oder später sei für ihren Mann ja doch gleichgültig. Und die sieben, guten Freunde alle' haben sich unter eine Bitte um Erfüllung dieses Wunsches unterschrieben.«

Diesmal war Frau Maria wirklich ärgerlich über diese ganze Umwandlung eines Planes, auf dessen Ausführung sie sich gefreut und für den sie schon alle Vorbereitungen getroffen hatte. Als sie aber sah, daß der Onkel fast gequält aussah, denn er wußte, was ein Fest und besonders ein Feuerwerk für seine italienische Frau bedeutete, so half sie ihm, wenn auch bitter ungern, indem sie sagte:

»So geh eben, wenn Gigina es so sehr wünscht, ich werde dafür sorgen, daß alles zur Abreise bereit ist. Heute nachmittag aber wollen wir, wenn auch in kleinerem Kreise, doch noch fröhlich beisammen sein.«

Es fiel dem Onkel der Abschied von allem, was er hier wiedergefunden, sehr schwer. Aber doch war er zu sehr Geschäftsmann, als daß er sich nicht wieder heim gefreut hätte, wo er seit vielen Jahren durch seine Arbeit und seinen Erfolg eingewurzelt war. Es war auch die höchste Zeit, daß er bald nach allem wieder sah, was er fremden Händen anvertraut hatte, und mit Frau und Kind in die südliche Heimat zurückkehrte. Der Hansel, in ein kleines Käfiglein verpackt, wurde auch mitgenommen.

»Der soll mir deutsche Lieder singen,« sagte der Onkel.

Nach Tisch hatte er mit den Geschwistern noch eine wichtige Unterredung, die so wichtig war, daß Frau Maria beinahe die Vorbereitungen zum Festkaffee drüben im Ahnensaal vergessen hätte. Die Unterredung war aber kurz, denn mit Freuden willigte das Neumeyerische Ehepaar in des Onkels recht schüchtern vorgeschlagene Frage ein:

»Würdet ihr, unter Umständen, den Rico noch über den Winter bei euch behalten? Dem Buben fällt der Abschied von uns und dann aber auch von eurem Hans so schwer, daß ich wage, diese Bitte an euch zu richten.«

Ein freudiges: »Ja freilich« war sofort die Antwort, denn auch Onkel und Tante hatten den Neffen sehr liebgewonnen, und ein Telegramm an den Professor in der Residenz erledigte auch diese Frage. Durch das jubelnde Glück der beiden jungen Vettern aber wurde die Abschiedsstimmung bei allen gemildert, nur bei Miezi nicht. Ihr war es entsetzlich zu Mute, ihr goldiges Engele nun so plötzlich und wohl für immer hergeben zu müssen. Kein Beruhigen der Peppina, die sagte:

»O, Signorina kommen nach die bella Napoli – balde, balde,« vermochte sie nur einigermaßen zu trösten, und noch weniger des Onkels gutgemeinte Worte:

»Weine nicht, Miezenkind, ich versprech' dir, daß wir nach spätestens fünf Jahren einmal wiederkommen.«

Was war in fünf Jahren? Da waren sie alle schon steinalt und ihr goldiges Kind vielleicht gar nimmer ein solch süßes Engele. Und die halbe Nacht, trotz Mutters Schelten, verbrachte sie noch am Bette ihres Lieblings, schluchzend und dessen Händchen haltend.

Die Abreise der lieben Gäste war noch stürmisch gewesen. Wenn man einmal eine so weite Reise bestimmt hat, so greift es in alles ein, wenn sie wieder geändert wird. Das empfand auch Onkel Heinrich, und alle Neumeyerischen waren schließlich froh, als der Abschied glücklich vorüber war, und der Zug sich in Bewegung setzte. Selbst Rike und Minele hatten sich die Augen gewischt gegenüber der laut aufschluchzenden Peppina, die eine lange Abschiedsrede hielt, von der man aber das wenigste verstand. Die » cattiva« – böse – Rike und sie hatten sich schließlich doch noch angefreundet, und daß die »Zigeunerin« doch auch immerhin etwas Arbeit verrichtete, hatte man erst nach deren Abwesenheit bemerkt. Dann aber wischte sich Rike mit ihrem rotgewürfelten Taschentuch energisch die Augen und sagte:

»Recht gut wird's jetzt reineweg sein, wenn wir wieder in Ordnung kommen, denn der brave Rico, der sogar seine Schubladen selber einräumte, gilt nicht.« Und in diesem Gefühl machte sie sofort den Plan, eine große Küchen- und Zimmerputzerei zu veranstalten, wobei zuerst freilich nichts weniger als Ruhe und Ordnung zu verspüren sein würde. Aber nachher sollte dann alles wirklich wieder so werden, wie man's vorher in der Engelapotheke gewöhnt war.

Doch – der Mensch denkt und – in diesem Falle hieß es: Tante Gigina lenkt. Onkel Heinrichs Vorsatz, nur diesen einen Tag in Waldruhe zu verbleiben und dann weiter zu reisen, denn die Karten waren gelöst, wurde, obwohl er sich energisch wehrte, wieder umgeworfen. Reiche und vornehme Gäste waren eingetroffen, und neue Festlichkeiten wurden für sie gehalten.

»Du wirst doch nicht haben wollen, Enrico, daß ich in solchem Augenblick gerade abreise,« sagte seine Gattin in klagendem Ton. Sie hatte sich zu ihres Mannes Freude gut erholt und sah frischer und hübscher aus denn je.

»Ich muß!«

»Warum mußt du? Es zwingt dich doch niemand dazu,« sagte sie.

»Weil wir die Fahrkarten haben und du willst doch nicht, daß sie verloren gehen,« erwiderte er ziemlich erregt.

»Es ist ein Patient mit seiner Frau in der Anstalt, auch ein Neapolitaner, der aus irgend einem Grunde zurück muß und die unsrigen übernehmen würde. Ist das nicht ein Glücksfall? Das was Peppina und das Kind kosten, ist wirklich nicht der Mühe wert, daß man davon spricht.« Bitter ungern gab Onkel Heinrich nach, noch weitere acht Tage mit seiner Frau in dem Sanatorium zu verbleiben. Er tat es erst, als der Arzt ihm zuredete und sagte:

»Wir haben das Herz glücklich so weit, daß wir auf eine günstige Kur rechnen können. Es wäre aber gut, es nicht aufzuregen. Ihre liebe Frau hat sich darauf gefreut, die uns bevorstehenden Festtage mitzuerleben, und wenn Sie können, so bleiben Sie doch,« fügte er, freundlich bittend, hinzu.

Können? – ja, da kamen die acht Tage wohl nicht in Betracht. – Aber peinlich, sehr peinlich war es ihm, das nun einmal Festgesetzte nur vergnügenshalber hinauszuschieben. Das hatte Onkel Heinrich wenigstens seinem Geschäft gegenüber nie getan, das hatte er sich nie erlaubt. Aber Gigina war so glückselig, daß er schließlich nachgab und ja sagte.

Welche Überraschung war aber in der Engelapotheke, als etwa vier, fünf Tage später – man glaubte die Reisenden längst in Neapel – ein Telegramm eintraf:

 

»Enrico mußte plötzlich allein reisen. Könnt ihr uns nochmals aufnehmen? Alles andere mündlich.

Gigina.«

 

Was war nur ums Himmels Willen das? Zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich ganz fassungslos, saß Frau Neumeyer auf einem Küchenstuhl, das Telegramm entziffernd, das ihr Mann eben aus der Apotheke heraufgebracht hatte. Vor ihr auf dem Tisch lag sämtliches Silberzeug, das sie und Miezi zusammen putzten. Rike hatte recht gehabt, die längst hinausgeschobene Frühjahrsputzerei sofort in Angriff zu nehmen. Das Wohnzimmer war zum Glück fertig, der Saal auch, aber die zwei Gastzimmer oben waren ausgeräumt und die Betten, auch die aus den Schlafzimmern, lagen drunten in dem Hof auf Gestellen zum Sonnen ausgebreitet.

Wer kam da? Was kam? Und wann kam das, was kommen wollte und doch jetzt wahrhaftig keinen Platz fand? Und dabei keine Zeitangabe, keine Bezeichnung des Zuges und, was den Hausherrn am meisten aufregte, kein Nennen des Warums?

Rike konnte nur sagen:

»Kommen? … Das gibt's nicht … das ist jetzt bei uns einfach unmöglich, daß irgend jemand kommt.« Aber angstvoll sah sie doch dabei auf ihre Frau, die zuerst wieder ihre Fassung erhielt.

»Mir scheint, Rike, wir müssen sofort alles liegen und stehen lassen und nur darauf bedacht zu sein, die zwei Gastzimmer wieder einzurichten.« Vor allem aber räumte sie mit Miezi dann das einerlei ob geputzte oder ungeputzte Silber wieder in die Schachteln. Rike ward beordert, sofort Mine drunten zu helfen, die Gastbetten zu klopfen und möglichst rasch heraufzutragen. Ob je Betten so energisch und mit solcher Wut geklopft wurden wie diese? Vollständig hatte es Rike auch die Rede verschlagen, denn es ging ihr übers Reden. Minele sah die Alte ganz entsetzt an, ob sie denn toll geworden sei, vollends als sie mit sechs Kissen auf einmal beladen, die Treppe hinaufstieg. Minele keuchte mit zwei großen Deckbetten hinter ihr drein und konnte nur hinter ihrem Federnberg hervorstammeln:

»Jetzt um Gottes willen, so sag doch, wer gestorben ist?« Aber erst, als die Beiden ihre Lasten abgeworfen hatten, sagte die Rike dumpf:

»Alle kommen wieder – mitten in die Putzerei herein – und was zu viel ist, ist zu viel!«

»Wer, alle? – so schwätz doch, Rike,« fragte das Minele von neuem, die es am meisten reute, daß man so schmerzvollen Abschied genommen hatte, da ja all das Geheule umsonst gewesen war. Aber erst gegen Abend durch einen Brief, den Onkel Neumeyer, noch mit Bleistift, auf dem Bahnhof geschrieben, vernahm man folgendes:

 

»… Durch ein Telegramm aus meinem Geschäft erfuhr ich, daß geschäftlich mein sofortiges Kommen notwendig sei. Es handelt sich um Entscheid bei großen Lieferungen. Wäre ich doch beizeiten gereist. »Heut – Beste Zeit!« Das soll mir zur Warnung dienen. Gigina ist außer sich. Ihre Zimmer hier sind an Fremde vergeben, und der Arzt wünscht, daß sie, nun allein, in kleineren Stationen reist, da sie sich sehr aufgeregt hat. Verzeiht mir meine Bitte und nehmt die drei noch einmal auf. Der Umweg über Euch ist unbedeutend und Du, lieber Karl, bist ihr dann behilflich bei der Weiterreise. Verzeiht die Unlust, es reist in Sorgen

Euer treuer Bruder
Heinrich.

NB. Die Buben sollen morgen abend 7 Uhr 15 an der Bahn sein. Welch ein Trost, meine Lieben bei Euch zu wissen.

Euer treuer dankbarer
Bruder.«

 

Sie bei Euch zu wissen! Ja, wenn sie nur erst gekommen wären! Aber 7 Uhr 15, als die Buben mit Jakob an der Bahn waren, kam niemand. Das wenigste war, daß Engeles Brei gern von den beiden Mädels verspeist wurde. Die Beefsteaks aber und die süße Speise für Signora Gigina wurden ungenießbar. Die in der größten Eile überzogenen Betten blieben leer, und auch am andern Morgen kam keinerlei Nachricht. Wohl aber hielt, nachdem die Familie Neumeyer gerade ihr höchst einfaches Mittagsmahl fertig gegessen hatte, ein Wagen vor dem Haus, und die ganze Italienergesellschaft stieg nun, nicht mehr unerwartet, heraus, und mit ihrer ganzen liebenswürdigen Art und mit lebhaftesten Gebärden grüßte Frau Gigina schon von unten herauf.

» Buon giorno … da sind wir … ich hoffe, ihr habt noch etwas zu essen für uns!«

Rike lüpfte den Deckel der vollständig leergegessenen Suppenschüssel und durchstöberte die Kartoffelschalen, ob noch etwas Ganzes darunter sei.

»Fragt sich, was zu essen! Jetzt aber könnt ihr darauf warten, bis ich euch wieder etwas koche. Geht in den Bären hinüber und eßt dort. Ich hab's satt, die ewige Uzerei.« Und sie blieb wirklich dabei, jetzt koche sie nimmer, so daß Minele schleunigst in den Bären hinübergeschickt wurde, um dann, denn auch dort war die Essenszeit vorüber, die Reste des dortigen Mittagstisches auf einem Brette zu bringen.

Die einzige im Hause, die sich wirklich freute über die unerwartete Wiederkehr der Gäste, war Miezi. Schon von weitem streckte das Engele ihr die Ärmlein entgegen:

»Mie, lieb. Mie eiei!« und sie legte ihr dunkles Köpfchen zärtlich an Miezis Wangen. Wer wirklich keine Freude zustande brachte, trotzdem er mit warmer Liebe an seiner Mammina hing, das war Rico. Er hatte nun schon lange genug in deutsche Art und deutsche Ordnung hineingeschaut, und merkwürdigerweise lag auch der Sinn dafür, trotzdem er ein Romane war, in ihm, als daß er nicht gefühlt hätte, welche Störung durch all das Unvorhergesehene im Hause entstand.

»Es ist mir gräßlich, Tante, daß Mutter euch von neuem all diese Unruhe macht, und das Dumme ist, daß sie ja gar keine Ahnung davon hat. Das ist, weil sie nie die Zeit einhält und einen immer warten läßt, und daß sie nie fertig ist, wenn man etwas ausgemacht hat. Und ich sehe es den Menschen oft an, wie ungeduldig sie darüber werden, wenn ihnen dadurch ihre Zeiteinteilung gestört wird. In Italien macht ja das weniger, man ist leichtlebiger, man arbeitet nicht so geregelt, und die meisten denken, was ich jetzt nicht tue, hat auch in einer Stunde noch Zeit. Aber ich finde den Wahlspruch so herrlich, der an eurem Hause steht: Heut – Beste Zeit! Ich habe gemerkt, als ich versuchte, darnach zu handeln, daß man einen herrlichen Halt damit hat.«

Aber auch auf Miezi machte das zeitlose Wesen der sonst so heißgeliebten Tante mehr und mehr einen peinlichen Eindruck. In Miezi lag ja etwas Verwandtes in dem Wörtlein »nur noch«, das ihr in ihrer Kindheit und Schulzeit so manches Peinliche verursachte. Auch jetzt war die Neigung noch vorhanden, daß sie gerne etwas, was zu tun war, verschob, hauptsächlich, wenn es etwas unangenehmes war, einen Brief, einen Gang, einen Besuch. – Da wirkte nun manchmal Tantens Art abschreckend, hauptsächlich, wenn, wie des öfteren, wichtiges über dieser Trödelei versäumt wurde, oder die Menschen sich darüber ärgerten. Aber schwer war's halt, recht schwer, sich immer zu der richtigen Zeit den richtigen Schubs zu geben. Der Engländer sagt: Time is money! – Zeit ist Geld – und er hat recht dabei. Aber recht unbequem, hölzern und auch manchmal störend konnte dieser Satz sein. Tante Gigina dagegen, in ihrer leichten Art, behandelte das Leben so viel bequemer, man mochte fast sagen vornehmer, graziöser, und erinnerte darin oft an ein lebhaftes, flatterhaftes, aber doch liebes Kind. Jetzt gerade aber, bei diesem unvorhergesehenen Aufenthalt, wurde sie doch in sehr ernsthafter Weise daran erinnert, daß es wichtiger sei, gewisse Pläne und Entschlüsse, die man gefaßt, auch auszuführen. Ihr Mann hatte trotz seiner, wenn auch noch so beschleunigten Reise doch ein sehr wesentliches, wichtiges Geschäft versäumt und einen solch großen Verlust dadurch erlitten, daß die temperamentvolle Frau einmal übers andere ausrief: Santa Maria! das hätte ich nicht gedacht, das ist mir sehr unangenehm! Aber ihrem Mann war es nicht nur unangenehm, sondern der Verlust sehr peinlich und er, der Großkaufmann, der sonst streng nach deutschen Regeln handelte, konnte sich nicht verzeihen, daß er diesmal wegen ein paar lumpiger Vergnügungen und Gesellschaften selbst schuld an seinem Schaden war.

Die paar Tage unfreiwilligen Aufenthalts gingen ja auch vorüber, und diesmal war's der Hausherr selber, der auf die Gefahr hin unhöflich zu erscheinen, Tag und Stunde der Abreise bestimmte und auch, trotz mancher Einwendungen, darauf bestand, daß sie eingehalten wurden.

»Du bist nicht sehr höflich, lieber Schwager, daß du uns so schnell aus dem Hause haben willst, wo ich doch fühle, daß, einen Tag länger hier zu sein, mir gut täte.« Aber der Schwager blieb fest und sagte kurz:

»Ihr seid mir lieb und wert, aber wenn etwas einmal bestimmt ist, so halte ich's für richtig, es auszuführen.« Bei diesem kurzen, allerdings nicht so ganz liebreich klingenden Satz blieb es dann, obgleich es wieder allerlei Anstände mit Packen, mit einer Toilette, die Frau Gigina hier gekauft, die aber noch verändert werden sollte, gab usw. Es behagte ihr der für sie von dem Schwager verfaßte Reiseplan immer wieder nicht. Da aber dieser in rührendster Weise die Schwägerin ein Stück weit begleiten wollte und fürsorgend die Stationen, die sie machen sollte, festsetzte, da mußte die verwöhnte junge Frau doch einsehen, wie gut der Schwager es meinte. Und endlich kam die Abreise doch zustande, wobei Hans nicht eben sehr fein sagte:

»Noch einmal heulen tu ich nicht, das ist genug an einem Mal,« worauf Miezi fast heftig erwiderte:

»Du hast gut reden, du darfst deinen Rico bei dir behalten, während für mich mein Engele, gerade wo es am allernettesten und liebsten ist, für immer fortgeht.«

Für immer! Wie leicht sprechen die Menschen irgend ein schicksalsschweres Wort aus, als hätte es dauernden Wert, und dabei ändert es der Herr der Schicksale, der für jeden sein eigenes in der Hand hält, oft so gründlich, daß alles Hoffen und Bangen der Menschen scheinbar in sich zusammenfällt. Und doch ist er der Vater, der weit über uns die besten und sichersten Pläne für Zeit und Ewigkeit macht.

Was wir bisher mit unserer Familie erlebten, das geschah, als die Welt noch im Frieden lag und alles seinen gewohnten Gang ging. Die Ladenglocke in der Neumeyerischen Apotheke ertönte öfters und weniger, heftiger und bescheidener, je nach dem Krankenstande in der Stadt. Der Herr Stadtrat bediente bei bekannteren, wichtigen Kunden, so wie es seine Vorfahren schon getan hatten, selbst, für die übrige Kundschaft war ein Gehilfe da, gegenwärtig ein noch jüngerer Herr Schachtelhuber, ein höflicher Jüngling, der anfing, der nun heranblühenden Miezi ein wenig den Hof zu machen. Der etwas dickköpfige Lehrling Christian mußte, im Verein mit dem Hausknecht Jakob, die Kisten und Fässer öffnen, Salben reiben und – worauf Christian stolz war –, die Saftpresse bedienen und die Mineralwässer austragen, wobei es manches kleine Trinkgeld für ihn gab.

Hans hatte, da nun die Anziehungskraft der Datteln und Feigen, Mandeln und Zibeben in der Apotheke für ihn nachließ, leider gar kein großes Interesse für das väterliche Geschäft, was der Vater mit Unbehagen bemerkte.

»Du solltest jetzt in deiner Freizeit doch auch manchmal hinuntergehen und dich umsehen in der Apotheke, die einmal deine Wirkungsstätte sein wird,« forderte er den Sohn öfters auf. Aber meist verdrossen folgte Hans solchen Worten, und es war nicht das erste Mal, daß er beim Aufsteigen seines Mißmuts sich bei seinem Vetter Luft machte mit den Worten:

»Die dumme Apotheke! Es ist mir ein gräßlicher Gedanke, einmal, wie Vater, mein ganzes Leben dort zubringen zu müssen. Schon der Geruch ist mir zuwider.« – Rico mußte an seines Vaters damalige Begeisterung gerade über diesen Geruch denken und lächelte ein wenig dabei. – Da fuhr Hans aber auf und sagte:

»Da ist nichts zu lächeln, Rico. Ich wollte, mein Vater wäre nicht von seinen Vorfahren her schon an diesen nach Krankheit duftenden Ort verwiesen und ich könnte, wenn er zum Beispiel ein Beamter oder so etwas wäre, mir freiwillig meinen Beruf so wählen, wie ich wollte.« Und wieder, wie schon so oft, entfaltete Hans seinen Lieblingsplan, einst einmal zum Militär zu gehen und Offizier zu werden. In der Stadt lagen einige Regimenter, und von klein auf kannte er nichts Höheres, als den Klängen der Musik zu folgen und den Übungen auf dem Exerzierplatz zuzuschauen. Rico wußte, daß, wenn Hans allemal in dieses Fahrwasser geriet, nichts zu machen sei. Er fühlte ja auch, daß er sich, wenn man ihm seinen Wunsch, Arzt zu werden, nicht erfüllt hätte, ebenso leidenschaftlich gewehrt haben würde. Vorderhand aber gingen sie beide noch ins Gymnasium, mußten tüchtig lernen, und daneben gab es so viele Erholungsspiele und so viel Kameradschaftliches, so daß die Zukunftspläne noch immer in weiter Ferne lagen.

Hatte Hans keine Freude an der Apotheke, so gab es für Miezi nichts Schöneres, als wenn sie mit Vater hinabgehen konnte und ihm zusehen, wie er in seinem kleinen, in einem Hinterzimmer gelegenen Laboratorium, nach gelehrten Büchern, allerlei Versuche machte, abwog und mischte und sich so herzlich freute, wenn ihm eine bisher noch fremde Mischung gelang.

»'s ist doch ein schöner Beruf, den ich hab',« konnte er da oft sagen. »Wenn ich denke, daß in all den Flaschen, Kolben, Schubladen Dinge vorhanden sind, die, richtig angewendet, der kranken Menschheit ihre Schmerzen lindern und helfen dürfen, so ist das wunderschön.« Und Miezi fand das auch.

»Ja, Vaterle,« war da oft ihre Antwort, »und dabei habt ihr nicht die Verantwortung wie die Doktoren, wovor Rico sich manchmal fürchtet.«

Der Vater aber sagte:

»Verantwortung, in anderer Art, aber manchmal vielleicht noch größere haben wir auch, wenn wir nicht mit der größten Pünktlichkeit die Rezepte ausführen!« Und er erzählte, wie dadurch schon manches Unheil geschehen sei, und wie er immer Gott bitte, ihn vor derartigem zu bewahren.


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