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Dreizehntes Kapitel.


Unsere Erzählung hatte als Schauplatz bis jetzt einen Landstrich, welcher sehr fruchtbar und von emsiger Cultur fast überall dem Ackerbau dienstbar gemacht ist, oder durch den üppigen Wuchs seiner Gehölze sich auszeichnet, in denen die Eiche ihren königlichen Vorrang behauptet.

Nach Norden hin verändert sich dieser Charakter. Die Gegend ist nicht mehr überdeckt von den zerstreuten Ansiedlern, ut fons ut nemus placuit, wie Tacitus sie kannte, sondern die Bewohner haben angefangen in geschlossene Ortschaften zusammenzurücken, die mit einem grünen Gürtel Ackerlandes, den man »Esch« nennt, umgeben, Oasen der Haide bilden. Die hohen, das ganze Land wie mit einem Netz überziehenden Wallhecken sieht man seltener werden, die fruchttragenden »Kämpe« der Haide weichen; Alles wird dürftiger, das Land und die Menschen; ehemalige große Waldungen sind zu Krüppelholz verkümmert; die Hügelwellungen verflachen, die Tannenwälder vermehren sich und weil in gleichem Maße das Laubholz seltner wird, schwindet der Eindruck von Wärme und Heimlichkeit, den das südlicher gelegene Land macht.

Neben der Haide liegt weit ausgedehntes Moor, in den vordern Strecken zum Torfstich benutzt, dahinter, so weit das Auge trägt, von den Saaten des röthlichen Sarazenenkorns, des Buchweizens bedeckt, um dessen weiße Blüten Myriaden Bienen summen.

Auf einem Hügel, in einer solchen Landschaft, der wie eine Warte weithin den ganzen Umkreis beherrscht, das Moor, die Haide und an der dem Moore entgegengesetzten Seite einen Wiesengrund, hinter dem sich ein Buchenwald erhebt, ist ein Denkmal eigener Art aufgethürmt. Es sind riesige Steinblöcke, der colossalste auf drei andere gelegt, während minder große im Kreise umherliegen; die »Hünensteine« nennt das Volk sie, und versichert, sie seien von Riesen geschichtet; darunter wohne in irdenen Töpfen das winzige Geschlecht der »Uhlken« oder Zwerge. Wenn man nachgräbt, wird man kaum je ein solches irdenes Gefäß finden, wol aber Geräthe, die auf Opferhandlungen deuten. Dagegen birgt die Haide unter kleineren Hügeln viele Aschenurnen aus gelbem oder rothem Thon.

Der Weg schlängelt sich in vielen Krümmungen, wie seines Zieles selber nicht recht sicher, über die Fläche und läuft an den Steinen hin; selten nur sieht man ihn belebt durch eine Gruppe Fußgänger, welche mit weißen Säcken und einer Sense auf dem Rücken als »Hemkemaier« oder Heumäher aus Holland heimkehren, wo sie bei der Ernte Dienste gethan; oder durch einen langsam dahergehenden Wagen mit Kühen bespannt, neben denen der Knecht in Holzschuhen einhertritt und wollne Socken »breidet«, strickt.

Ein ödes, langweiliges Land! Der Schäfer selbst, welcher seine Haidschnucken weidet und trotz der Sommerwärme seinen weißen Mantel nicht abgelegt hat, den er seltsamer Weise mit demselben Worte, womit ihn Schotten und die Beduinen Afrikas nennen, »Haiken« bezeichnet, läßt seine Augen mit einer Leblosigkeit über die Gegend schweifen, als ob sie gar nicht verdiene, durch einen Blick seiner » truces et caerulei oculi« beehrt zu werden.

Auf dem höchsten der beschriebenen Steine sitzt ein weibliches Wesen in rothem Gewande mit blonden, wehenden Locken, die Hand, in der sie ein Laubgezweig hält, ausstreckend, als ob sie in die Ferne deute. Ihr Angesicht ist sehr blaß und wird blässer noch durch die rothe Hülle, welche hell in den Strahlen der Nachmittagssonne flammt. Kein Laut ist auf der Haide wach; der Wind bewegt die honigduftenden Blüten des Haidekrautes und die schräg fallenden Sonnenstrahlen haben lange, goldene Scheine über den Boden geworfen.

Wer ist die rothe Gestalt, die sich so scharf am hellblauen Himmel abzeichnet, die auf dem hohen Steine sitzt und mit ihrem Zweige – es ist der heilige Mistelzweig – in die weite Ferne winkt? Wie eine Drude ist sie

»Die im Abendstrahl
Mit Run' und Spruch umwandelte das Thal,
Indeß ihr goldnes Haar im Winde wallte.«

Treten wir näher hinzu; diese blassen Züge sind uns bekannt, aber auch der ältliche Mann ist es, welcher jetzt erst sichtbar wird, da er sich hinter den Steinen auf einen Haufen Haideplaggen gesetzt hat, die hier neben verkohlten Resten eines Hirtenfeuers liegen.

Dort, dort kommen sie! sagt die junge Drude oben, mit dem Mistelzweige winkend. Sie hält die Hand über ihre Augen, deren Lider sich durch die Länge ihrer feinen Wimpern auszeichnen. So späht sie in die Ferne, nach dem Walde jenseits der Wiesenniederung, welche die Haide begrenzt.

Nein – ich glaube doch nicht – es scheint mir jetzt ein Bauer und eine Frau!

Sie ließ ihre Hand sinken und zog ihren rothen Shawl fester um ihre jugendlichen, anmuthigen Formen.

Gott gebe, daß sie kommen! seufzte der Mann unten. Sieh, ich bin aufs äußerste getrieben; ich kann, ich kann nicht mehr! Gott steh' mir bei – aber ich verlasse Alles, Alles, was ich habe, Euch und das Grab deiner Mutter, Heimat und Herd! Dies ist der letzte Abend, Sophie! Wenn Eugen jetzt fruchtlos zurückkehrt, bin ich zu Grunde gerichtet; ich bin mehr, ich bin geschändet, gebrandmarkt vor der Welt!

O Vater, er kommt gewiß, gewiß heute mit guter Nachricht!

Auch Sophiens Herz war voll Kummers und ihre Kräfte waren ermattet; sie hatte an den Steinen zu rasten verlangt, unterdeß Eugen, gefolgt von Isaak, der sie begleitete, vorausgeschritten war, um allein das Ziel der Wanderung zu erreichen, das nicht mehr weit sein konnte. Doch obwol Sophie eine Centnerlast auf dem Herzen fühlte und in einen Strom von Thränen hätte ausbrechen mögen, hielt sie sich gewaltsam zurück und erheuchelte eine Zuversicht, welche sie nicht hatte.

Trotzdem aber war ihre Anstrengung, den Kummer des alten Mannes zu erleichtern, vergeblich; er war überwältigt und es fehlte nur noch ein leiser Anstoß, um ihn ganz fassungslos zu machen, wie ein Kind. Weiche Nachgiebigkeit war ein Hauptzug seines Charakters. Die Seinigen verehrten und liebten ihn desto mehr, Jeder, der ihn kannte, achtete die edeln Eigenschaften seines Gemüths; die ärmeren Kranken beteten ihn an – aber für Lebenslagen, wie seine gegenwärtige, fehlte es ihm an Elasticität und geistiger Klarheit, wie an Entschlossenheit.

Pauli hatte jetzt mit Eugen das halbe Land durchforscht und durchsucht – sie waren unermüdlich gewesen; aber vergebens, immer wieder vergebens – oft glaubte man, Spuren entdeckt zu haben; die beiden Aerzte verfolgten sie voll Eifers – und immer wieder hatten sie sich in ein Nichts aufgelöst! Zuletzt schien endlich eine sichere Spur entdeckt; ein Pferdehändler, der aus dem Norden kam und in Birkenheim von des Gerichtsarztes Nachforschungen hörte, wollte eine geheimnißvolle Dame auf einem Bauerhofe entdeckt haben, wo er ein Fohlen erhandelt hatte. Seine Angaben machten dem Gerichtsarzt und seinem Schwiegersohne so viel Muth, daß sie die junge Frau mitnahmen, die sich während der Abwesenheit der Ihrigen nur noch mehr härmte und dadurch in ihrer Reconvalescenz gehemmt wurde.

Aber je näher man dem Ziele gekommen, desto ängstlicher war Pauli geworden. Jetzt saß er muthlos und gebrochen am Steine, denn längst war die Zeit vorüber, in welcher die beiden Männer hätten zurück sein können, wenn sie glücklich gewesen.

Sophie hob wieder ihre Hand an die Stirne und schaute dem Wege nach.

Ich sehe Jemanden aus dem Walde kommen, sagte sie. Aber nein – es ist nur Einer, der kommt!

O, sie kommen nicht – sie finden nichts – du sollst sehen, Sophie – dieser Jude ist unerbittlich – er wird mich von bannen treiben wie einen elenden Heimatlosen in die weite Welt!

Väterchen, sprich nicht so! Sei ruhig, ich bitte dich; sie finden sie gewiß, lieb, lieb Väterchen!!

Sophie schluchzte heftig, als sie voll Innigkeit diese Worte sprach, und da sie fühlte, daß sie ihre Thränen nicht mehr werde beherrschen können, glitt sie mit großer Behendigkeit von dem Steine nieder und warf sich an die Brust ihres Vaters.

Der Arzt drückte sie mit Leidenschaft an sich, er küßte sie auf die Stirn und die Augen; Gott, rief er mit zum Himmel emporgeschlagenen Blicken, segne mir dies Kind, und ich will nicht murren!

Sophie trocknete ihre Augen und schaute wieder in die Ferne.

Vater, sagte sie, ich glaube, daß der dort aus dem Walde Kommende der Jude ist.

Pauli wandte sich und blickte dahin aus. Nach einer längeren Pause erkannte auch er in dem Nahenden die Gestalt Isaak Koppel's. Sie eilten ihm entgegen.

Der Jude kam näher und näher. Sophie spähte ängstlich nach dem Ausdruck seiner Mienen. Sie verriethen nichts. Schiele Blicke und stereotypes Lächeln wie immer.

Er stand vor ihnen.

Nun, Isaak? fragte die junge Frau – dem Arzt war der Athem zum Sprechen ausgegangen vor Bewegung.

Herr Amtsphysikus Pauli, sagte der Jude, ich habe Sie suchen lassen jetzt vierzehn Tage lang und habe Geduld gehabt. Gestern Morgen haben Sie mir gesagt, Sie wüßten nun ganz gewiß, wo das Fräulein wäre und ich bin selber mitgegangen, um zu sehen, ob es so sei –

Sie ist nicht da?! rief die junge Frau aus.

Nein, nein, nein! sagte Isaak, und meine Geduld ist zu Ende, und ich gehe, und Sie werden es erfahren, Herr Amtsphysikus, wohin ich gehe!

O Gott! und Eugen, wo ist Eugen? rief ihm Sophie nach.

Der Jude antwortete nicht, sondern ging mit langen Schritten über die Haide davon, während seine hagere gebeugte Gestalt, ins riesenhafte ausgezerrt, als Schatten neben ihm über das Haidekraut schoß, wie die Spukgestalt eines bösen Dämons.

Die beiden Zurückbleibenden starrten sich eine Weile sprachlos an; dann warf sich Sophie auf die Knie nieder, und indem sie ihr Gesicht mit dem Shawl verhüllte, weinte sie heftig und krampfhaft schluchzend.

Der Gerichtsarzt faltete die Hände und blickte starr auf den Boden.

Nach einer Weile erhob sich Sophie und indem sie die Arme um ihres Vaters Hals schlang und ihre Wange an seine Schulter drückte, sagte sie:

Ich kann nicht glauben, daß der Jude seine Drohung ausführt; es kann ihm ja gar nichts nützen und nur Schaden bringen, indem es ihn im ganzen Lande wird verhaßt machen. Wenn nur Eugen käme!

Ho! ho! tönte in diesem Augenblicke aus weitester Ferne ein Ruf.

Horch, sagte sie, das ist Eugen – ja, das ist er – Niemand anders – er läuft – er hat sein Tuch an seinen Stock geknüpft und winkt damit – Gott, wenn er bessere Botschaft brächte!

Der Arzt athmete auf; nachdem er sich sanft von seiner Tochter frei gemacht hatte, lief er mit der Rüstigkeit eines jungen Mannes seinem Schwiegersohn entgegen. Sophie folgte langsamer; sie konnte vor Herzklopfen nicht voran, jeder Schlag bei jedem Schritt war ein Schmerz für sie.

Als sie die beiden Männer erreichte, die beim Zusammentreffen sich umarmt hatten, war Eugen schon mitten im Erzählen.

Der abscheuliche Jude! sagte er; als die jätende alte Frau, die ich mit einem Geldstück bestochen hatte, anfing von dem Fräulein zu erzählen, daß sie auf dem Hofe sei und mir zeigen wollte, wo sie wohne, rief Isaak: Ach, es ist wieder nichts, gar nichts, Geschwätz alter Weiber! und davon rannte er, daß die langen Schöße seines Fracks im Zuge flatterten.

Isaak, Isaak! rief jetzt der Gerichtsarzt mit aller Anstrengung seiner Lungen.

Isaak war zu weit, um es hören zu können, oder wollte es nicht hören.

Es ist klar, sagte Pauli, er weiß jetzt, was er wissen wollte und will mir doch den Brief vorenthalten, den er auszuliefern versprach, wenn ich ihm Theo auffinde!

Schurke! rief zornig der junge Mann und schoß davon, eilig den Weg verfolgend, den der Jude genommen hatte.

Sophie hatte neue Kräfte bekommen durch die Aufregung, in welche die Freude sie versetzt. Der Arzt wollte Theo sehen und so gingen Beide, die Tochter am Arm ihres Vaters über die Haide voraus, dann durch die Wiesen der Buchenwaldung zu, aus der Isaak und Eugen gekommen waren.

Als sie sich mitten in diesem Gehölz befanden, das aus prächtigen aber etwas dünn gesetzten Stämmen bestand, so daß überall die Lichter des Horizonts hereinfielen, holte Eugen sie ein.

Er übergab seinem Schwiegervater ein Papier, das dieser mit großer Befriedigung in kleine Stücke zerriß.

Gott, wie siehst du aus, Eugen! rief Sophie.

Der junge Mann war athemlos und mit Schweiß bedeckt, er hatte eine Contusion an der Schläfe und die Schleife seines Halstuches saß im Nacken, statt über der Brust.

Ich habe so eilen müssen, um Isaak einzuholen, versetzte er, sich die Stirne wischend.

Und was sagte er?

Nun, er sah seinen Irrthum ein und gab mir den Brief!

In das Ohr seines Schwiegervaters flüsterte er lächelnd:

Der Jude weigerte sich und wollte mir entfliehen. Da habe ich ihn durchgebläut wie einen bösen, bissigen Hund – Sie können sicher sein, daß er uns von nun an in Ruhe läßt.

Gott gebe es! seufzte der Arzt.



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