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Achtes Kapitel.


Wir bedauern, dem Leser nicht das Eintönige der Wanderschaft ersparen zu können, welche wir ihn mit uns anzutreten hießen, und die durch lauter feudalistisch-bethürmte, altergraue, wall- und grabenbeschützte Adelssitze führt; eine ganze Galerie architektonischer Schönheiten und Unschönheiten aus allen Zeitaltern, von Franz dem Ersten herab bis auf die Tage neumodischer Phantasielosigkeit und Sterilität.

Keines von diesen Schlössern ist so großartig, so vollendet künstlerisch gedacht, wie das Haus Surenburg, der Sitz des Freiherrn Heinrich von Mainhövel; aber dennoch bietet keines dem Beschauer einen so traurigen Anblick. Nicht allein, daß die Umgebungen dieses mit korinthischen Säulen und mit verschwenderisch reichen Ornamenten geschmückten, in den edelsten Verhältnissen aufgeführten Prachtbaues die äußerste Vernachlässigung zeigen; daß der Hof von Holz- und Düngerhaufen eingenommen wird, daß Wäsche auf Stacket und Gitter zum Trocknen ausgehängt ist. –

Der Bau ist obendrein nicht vollendet, die Fensteröffnungen des dritten Geschosses sind mit Bretern gegen das Wetter zugenagelt, ein geschmackloses provisorisches Ziegeldach ist an die Stelle gesetzt, die Attiken schützen und Kupferplatten decken sollten. Das Ganze macht den trübsten Eindruck.

Ebenso das Innere. Hier sind große Corridore, weite und hohe Säle, Flügelthüren von reichster Schnitzarbeit, Decken, die mit dem feinsten Stucco prangen. Aber die geweißten Wände sind kahl und die Ungeheuern Säle leer und öde. Sie sind noch mehr: da wo die Familie haust – eine äußerst lärmende, äußerst unbändige, äußerst ungenirte, mit fünf großen Hunden und einem jungen Ziegenbock in gemeinsamer Oekonomie lebende Generation von kleinen Baronen und Baroninnen von Mainhövel – da sind die Zimmer schmutzig, die Möbel zerrissen und zerschlagen; überall Spuren und Anzeichen von vollständiger Auflösung einer gesellschaftlichen Ordnung.

Die Frau von Mainhövel, die waltende Hausfrau, eine sehr respectable Matrone in einem dunkelgrünen Kleide von Biberzeug, sucht umsonst unter dem tummelnden jungen Volke von hochaufgeschossenen Burschen und rothwangigen, von insolenter Gesundheit strotzenden Dirnen Ruhe und Stille zu erzielen. Bitten und Ermahnungen bleiben vergebens. So greift sie zum letzten Mittel. Erschöpft hört man sie durch das Schreien und Toben die Drohung rufen:

Wenn du nicht gleich aufhörst, Karlchen, kommst du einen Tag lang zum Vater hinauf!

Karlchen muckste nicht mehr.

Setz' dich jetzt endlich und nimm deinen Strickstrumpf, Lorchen, oder du mußt morgen beim Vater bleiben!

Lorchen saß so still und sittig, als ob sie nicht fünf zählen könne, die ungestüme wilde Katze.

Der Vater, der Freiherr Heinrich von Mainhövel, mit dessen Namen man so die Kinder stillt, wie einst saracenische Mütter mit dem des löwenherzigen Königs, wohnte von der übrigen Familie getrennt in einigen anständig möblirten und sorgfältiger gehaltenen, doch immer noch wüsten Zimmern, in deren Umgebung eine fortwährende Todtenstille herrschen mußte. Eines seiner Kinder hatte abwechselnd je für einen Tag die Pflicht, ihm Gesellschaft zu leisten und zur Hand zu sein. Diese Art von Adjutantur fiel gewöhnlich der kleinen Herbertine zu, von welcher wir sogleich sprechen werden.

Herr von Mainhövel war eine große, baumstarke, doch vom Alter etwas gebeugte Gestalt; seit seinem Unglück war er magerer geworden und sein Haar um ein Bedeutendes mehr ergraut. Da er die Gewohnheit hatte, es über den Ohren nach vorn in die Höhe zu kämmen, so stand es, straff und borstig, wie es war, gleich zwei Fledermausohren über seiner runzelvollen Stirne empor, die auffallend hochgewölbt und beinahe bis zum Wirbel nackt war. Weil er am unheilbaren Staare litt, entstellten seine Augen, wenn auch todt und farblos, doch den Gesammteindruck seiner großartigen und ungewöhnlichen Züge nicht, die eine bedeutende und geistvolle Individualität ankündigten. Seit seiner Erblindung hatte er nie ein Scheermesser seinem Kinne nahe kommen lassen, und so erhöhte ein kurzer weißer Bart die Seltsamkeit seiner Erscheinung. Er trug beständig einen blauen, bis an den Hals zugeknöpften Schnürrock.

Der Freiherr Mainhövel hatte von Jugend auf eine ungewöhnliche Vorliebe für die sogenannten exacten Wissenschaften gezeigt und ein ganz ungewöhnliches Talent dafür entwickelt. Er war nicht allein der gründlichste Mathematiker, der kenntnißreichste und genialste Dilettant, der sich je mit Physik und Chemie beschäftigte; er kannte selbst bis ins kleinste Detail alle Vortheile und Handgriffe der Mechaniker und Instrumentenmacher und war als bei weitem der geschickteste und erste Architekt des Landes bekannt. Er hatte eine Rechenmaschine der allersinnreichsten Einrichtung erfunden, er hatte Formeln der höhern Mathematik entdeckt, welche die Wissenschaft wahrhaft bereicherten und ihm ein Dutzend Diplome gelehrter Gesellschaften einbrachten, er hatte – weniger glücklich – Jahrelang dem perpetuum mobile nachgesonnen.

Dem Leben dem Genusse, der Erholung oder den Seinigen war von seiner, der Wissenschaft gewidmeten Existenz nicht viel geblieben: er hatte studirt, vom Morgen bis zum Abend, vom Abend bis tief in die Nacht. Seine Gedanken ließen sich auf Logarithmen reduciren, aus seinen Gefühlen ließen sich die Kubikwurzeln ziehen und an der Stelle des Herzens schien in diesem eisernen Maschinenmanne eine unbekannte Größe, die noch gefunden werden muß, das X zu sitzen.

Während seiner wissenschaftlichen Forschungen waren eine Menge architektonischer Ideen in ihm aufgestiegen, deren Ausführung ihm am Herzen lag und wozu doch keiner seiner bauenden Bekannten, welche um seine Rathschläge baten, sich verstehen wollte, da sie seltsam, befremdlich oder nicht ausführbar schienen. Und versucht mußten sie doch werden!

Was blieb dem Freiherrn von Mainhövel anders übrig, als selbst zu bauen? Zwar war das Herrenhaus von Surenburg ein ganz anständiges, noch vor nicht vielen Generationen errichtetes Bauwerk; zwar war der Freiherr von Mainhövel durch alle seine Rechnungen nicht eben reicher geworden; trotzdem aber begann er eines schönen Tages die Pläne zu einem Neubau zu entwerfen – die bloßen Pläne, die ihm ja nichts kosteten, die ihn ja zu nichts zwangen. Er zeichnete und tuschte nun, sann hin und her, legte Maßstäbe an und schrieb Notizen; und als endlich die Pläne fertig waren, gab er, wieder eines schönen Tages, in kurz abgebrochenen Worten seinem Rentmeister einen Befehl, worauf nach wenigen Tagen ein höchst lebhaftes Treiben und Arbeiten begann, das den Hof von Surenburg um und um kehrte.

Bevor noch Frau von Mainhövel sicher erfahren, was denn eigentlich im Werke sei, sah sie eines Morgens zu ihrem großen Erstaunen, wie man ihr das Dach über dem eignen Kopfe abbrach und Ziegel und Latten in den Hof schmetterte, ohne die geringste Schonung dieser achtbaren Bestandtheile ihres Erb- und Stammhauses, das sie ihrem Gemahle zugebracht hatte.

Dieser beruhigte sie damit, daß ihr nun eine weit bequemere Wohnung werden solle, und zum Theile hielt Herr von Mainhövel hierin Wort; er veranstaltete bei dem Neubau Bequemlichkeiten und Erleichterungen in Küche und Keller, in jedem Eckchen der Wohnzimmer für seine Frau, wie nur die erfinderischste Liebe es gekonnt zu haben schien. Und doch hatte er schwerlich ein einzig Wort der Theilnahme oder der Liebe für sie gehabt, während der ganzen Zeit, in welcher er so emsig dem höchsten Luxus baulicher Bequemlichkeit für sie nachsann.

Zweckmäßige und angenehme Einrichtungen beschäftigten aber den Bauherrn nicht allein; hauptsächlich galt es ihm, seine Erfindungen ins Werk gesetzt zu sehen, und so füllte er den Neubau mit wundersamen Dingen aller Art. Da gab es Thüren, welche nach beiden Seiten hin geöffnet wurden; ein elektromagnetischer Telegraph führte aus einem Eckzimmer des Schlosses in das entfernteste an der entgegengesetzten Seite; ein Druck auf unsichtbare Federn öffnete Theile der Lambris, hinter denen geheime Treppen zum Vorscheine kamen; zwei durch eine Wand getrennte Bett-Alkoven ruhten auf einer beweglichen Scheibe; wenn Abends einer derselben von einer Dame, der andre von einem Herrn eingenommen und während ihres Schlafs die Maschinerie in Bewegung gesetzt worden, so fand der Herr beim Erwachen am Morgen höchst befremdender Weise ein rothes Zimmer vor seinem Alkoven, wo er Abends ein blaues gesehen, und deutliche Spuren weiblicher Anwesenheit; während die Dame sich höchlichst scandalisirt fühlen mußte, in dem Raume vor ihr Beweise zu entdecken, wie ungenirt ein Herr es sich bei ihr bequem gemacht haben müsse. – Die wechselseitige Verlegenheit, um einen Theil der Kleider gekommen zu sein, nicht einmal gerechnet.

Das Alles und noch viele andere Dinge enthielt der Pracht- und Kunstbau des Freiherrn von Mainhövel, der gewiß weit und breit zu verdientem Ruhme gekommen sein würde, wäre nicht ein höchst verdrießlicher Umstand eingetreten, der den Bau unterbrach.

Dieser Umstand war kein anderer, als daß der Rentmeister eines Tages mit zager Stimme dem Freiherrn die zwei winzigen Wörtchen aussprach, welche die größte Macht auf Erden haben, welche Reiche stürzen und welche Könige in Fesseln legen.

Der Rentmeister sagte: Kein Geld!

In der That war der beste Theil des Surenburg'schen Vermögens verbaut. Man mußte einhalten und die unvollendeten höheren Theile des Schlosses so gut wie möglich gegen das Wetter zu schützen suchen. Nur für die Zimmer des Hausherrn konnte eine gewissermaßen anständige Einrichtung erzielt werden; seine Gemahlin verzichtete darauf und saß nun zwischen allen ihren sinnreichen Bequemlichkeitsanstalten ohne einen ordentlichen Stuhl und Tisch, geschweige den Luxus von Vorhängen und Tapeten zu haben.

 

Herr von Mainhövel ruhte in einem Fauteuil am Frühstücktisch. Neben ihm stand Herbertine, die unter ihren Geschwistern aussah wie eine Rose unter Kartoffelblüten. Sie war hoch aufgeschossen, ihr rundes Gesichtchen war zart wie eine Pfirsichblüte und nichts glich dem himmlischen Ausdruck ihres Auges, wenn sie die Lider mit den auffallend langen schwarzen Wimpern aufschlug.

Ihr Vater, der in allen Dingen hartnäckig jede Hülfleistung ablehnte, die er nur irgend entbehren zu können meinte, suchte sich beim Essen so gut zu helfen, wie es ihm möglich war. Herbertine hatte eine kleine Silbergabel aus einem Besteck genommen, welches ihr Pathengeschenk war, und suchte damit leise dem Vater die Bissen unter die Gabel zu schieben, damit er sie leichter finde. Er durfte das nicht merken: die Kleine mußte die größte Vorsicht anwenden, daß seine Gabel nicht zufällig auf die ihre stoße, weil er dann mit der Behauptung, sie nasche von seinem Teller, nach ihr geschlagen haben würde. Sie war deshalb fortwährend in einer fast athemlosen Beklemmung.

Als er fertig war, wurde der Tisch weggenommen; Herbertine gab dem Vater eine Schnur in die Hand, welche an einem Nagel in der Mitte des Bodens befestigt war, und der Freiherr von Mainhövel begann nun seinen gewöhnlichen Spaziergang, indem er sich an dieser Schnur fortwährend im Kreise herumführte, bald nach links, bald nach rechts hin abwechselnd.

Herbertine stand unterdeß in einer Ecke an eine prächtige und ganz vollständige alte Ritterrüstung gelehnt, welche der erfinderische Sinn ihres Vaters so geschlossen und hergerichtet hatte, daß sie im Winter als Ofen benutzt werden konnte. Der ehrenveste alte Degen, der einst in Fehden und im Turnier wacker seinen Gegnern eingeheizt haben mochte, mußte sich jetzt von seinem pfiffigen Sprossen selbst einheizen lassen und ein unübertreffliches Symbol der Umbildung von Ritterthum in Industrie, welche unsre Zeit so oft aufzuweisen hat, abgeben.

Das Kind richtete träumerisch sinnend seine dunklen Augen auf den schweigenden, immerfort seine Kreise beschreibenden Mann, der oft halbe Nächte lang so umherging, daß man weithin im öden Schlosse seine schweren Schritte hörte. Herbertine konnte dann nie ein Auge schließen; der wie ein Pendelschlag gleichmäßige Schritt hielt sie stundenlang wach; sie faltete ihre Händchen und oft betete sie für den blinden Vater, ohne eigentlich zu wissen, um was sie für ihn beten solle.

Ihre Geschwister scheuten es, wie die härteste Strafe, wenn sie hinauf mußten, um dem Vater Gesellschaft zu leisten; Herbertine zog es zu ihm, sie entsagte den lärmenden Spielen der Andern und ging hinauf, des Vaters Thun und Treiben anzusehen. Auch war er etwas freundlicher für sie als für die Andern, doch nicht viel.

Sie träumte sich eine ganze Märchenwelt, ein Zauberreich in die Gedanken und in das innere Leben ihres wortkargen Vaters hinein; sie schaute zu seinen leblosen Augen auf, als ob sie, zum ersten Male in ein Schauspielhaus geführt, den Vorhang schaue, hinter welchem eine ganze Feenwelt sich bewege. So, ahnte sie, müsse hinter den getrübten Spiegeln unter der Riesenstirn des alten Mannes eine ganze fabelhafte Welt von Herrlichkeit verborgen sein und jeden Augenblick dürfe sie erwarten, daß er nun endlich, endlich den schweigsamen Mund öffne und sie überschütte mit allen seinem Wissen von verborgenen und geheimnißvollen Dingen, mit allen seinen Künsten, die sie geneigt war, für nicht viel weniger als wahrhaftige Zauberei zu halten.

 

Als der Freiherr von Mainhövel eine Zeitlang seinen Spaziergang im Zimmer gemacht hatte, wurde an die Thüre geklopft. Er ließ seine Schnur fallen und eilte zu öffnen. Da Herbertine sah, daß er die Richtung verfehlte, hüpfte sie ihm blitzschnell voraus und, sich auf den Zehen so hoch aufreckend, wie nur immer ihr möglich war, hielt sie ihr schmales Händchen an die Stelle neben der Thüre, wo sie voraussah, daß der Vater mit der Stirn anlaufen würde. Ihn warnen hätte sie nicht gedurft; überzeugt, sich nicht irren zu können, würde er in seinem zornigen Mistrauen behauptet haben, sie wolle ihn irre führen.

Als der Freiherr die Thüre geöffnet hatte, trat die Gräfin von Quernheim in sein Zimmer. Zugleich wurden draußen im Hofe rasselnde Wagenräder und die Hufschläge vieler Pferde vernehmbar.



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