Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Drittes Kapitel.


Als der flüchtige Reiter, den wir vorhin davon sprengen sahen, eine Weile fortgeritten war, ohne daß seine Verfolger aus dem Walde auftauchten, den er längst hinter sich hatte, zog er die Zügel seines Pferdes an und ließ es verschnaufen, um zugleich selbst sich sammeln und über seine Lage nachdenken zu können.

Ein seltsamer Empfang in dem Lande, das meine Heimat werden soll! sagte er, die Schweißtropfen seiner Stirn trocknend. Was ist jetzt zu thun? Das Klügste wäre, ohne Bedenken gleich so weit zu reiten, bis ich außerhalb des Bereiches dieser heiligen Hermandad bin; aber ich befürchte, ich komme so wenig an dem Schlosse dieses seltsamen, bildschönen Mädchens oder dieser Frau vorüber, wie Rinald an den Gärten Armidens. Und wenn ich diesen fabelhaften Goldfuchs auch mit stummem Danke an das Gitterthor ihres Palastes bände und dann weiter wanderte, so würde sie doch schwerlich meinen braunen Reiseklepper, den ich in ihrem Besitze gelassen habe, als zartes Andenken zu behalten geneigt sein.

Der Flüchtling kam in der That nicht an dem Thore des Gutes vorüber, welches ihm die Dame als das ihrige bezeichnet hatte. Eine Allee von Eichen führte von dem Heerwege ab und zu dem Gebäude, das in großartigen Dimensionen vor ihm auftauchte. Es war ein dicht zusammengeschobenes Ganze, bestehend aus Thürmen und alten Bautheilen, die in der Kindheit der Maurerkunst aus unbehauenen Feldsteinen aufgeschichtet schienen, und aus einer neuern Partie, einem Flügel mit großen Spiegelfenstern, die umrahmt waren von reichen Steinmetzarbeiten im Geschmack der Zeit des Erbfolgekriegs. Ein breiter Wassergraben voll Schilf umgab das wettergraue Schloß, das nur einen Zugang zu haben schien und zwar über eine gemauerte Brücke, welche durch ein Gitterthor unmittelbar auf einen innern Hof führte. Die eine Seite dieses Hofes bildeten zwei Reihen übereinander gestellter rundbogiger Arkaden; ein zahlloser Reichthum von Hirschgeweihen zeichnete darunter sein krummes Geäst auf den frisch geweißten Wänden ab.

Der Hof war leer; der Fremde rief und pfiff, aber Niemand kam, mit Ausnahme eines Jagdhundes, der sich aus einer offnen Corridorthüre stürzte und dann schnuppernd um den Fremden herumschlich; außer ihm schienen nur die krächzend um die Schlöte fahrenden Dohlen das große Gebäude zu bewohnen.

Der Reiter band den Goldfuchs an einen Mauerring und trat durch eine Thür ins Innere; er sah einen breiten und niedern Gang vor sich, eine Art wüster Halle, in der die Dielen unter seinen Schritten aufklappten; rechts und links Thüren und dazwischen große Bilder in schwarzen Rahmen, wie es schien, denn um etwas deutlich zu erkennen herrschte zu tiefe Dämmerung, fast Nacht in dem Raume. Am entgegengesetzten Ende war ein Fenster; der Fremde schaute durch dasselbe hinaus und sah, daß es eine Glasthüre war, die auf einen Balkon führte. Er öffnete sie; der Balkon lief, von einem rostigen Eisengitter geschützt, den ganzen Flügel des Schlosses entlang und der Fremde schritt darauf an einer Reihe dunkler Fenster hin weiter, bis eine vorspringende Mauerecke kam und den Weg abschnitt. Vor ihm, jenseit des Grabens, lagen große Gärten mit Taxushecken und mythologischen Steinfiguren; drüben hinter den Gärten rauschte mit dunkeln Wipfeln der Wald, in den Alleen geschlagen waren und den große Rasenstücke, eine Art von Buchten bildend, von den Gärten trennten. Kaum noch erkennbar in der Dämmerung wurden auf diesen Gründen einzelne Hirsche sichtbar, die hier ungestört und unbefehdet schienen weiden zu können.

Ein Geräusch wurde hinter dem Fremden hörbar, er blickte um sich und sah ein Mädchen, eine Zofe schien's, mit einem Lichte in der Hand in dem Zimmer stehen, dessen Fenster unmittelbar hinter ihm lag. Als er sich umwandte, setzte sie das Licht auf einen Tisch, nahm einen Brief, der darauf lag, und indem sie das Fenster öffnete, sagte sie:

Sind Sie schon da, gnädiger Herr? Wie kommen Sie dahin? Sie sollen baldmöglichst wieder abreisen, die Gräfin kann Sie nicht sehen, aber hier ist ein Billet von ihr.

Der Fremde nahm das Billet, die Zofe schloß das Fenster und verschwand.

Also eine Gräfin! und schon so lange wieder hier, daß sie mir diese Zeilen hat schreiben können! Unbegreiflich!

Er erbrach das Billet, aber um zu lesen war es viel zu dunkel geworden. Deshalb tappte er den Weg, den er gekommen, zurück. Im Hofe fand er diesmal mindestens eine Art vernünftigen Wesens, nämlich einen Hausknecht, der die Laterne über der Eingangsthür ins Schloß anzuzünden beschäftigt war. Er hatte dazu eine Doppelleiter auf den Perron der Treppe gestellt, die in zwei Fluchten zur Thüre führte. Unser Fremdling erstieg, während der Knecht auf der einen Seite den Docht der Lampe schürte, die andere Seite der Leiter und las beim Scheine des Oelflämmchens die folgenden Worte:

»Lieber Baron Heydenreich,

verlassen Sie augenblicklich Blankenaar wieder, bis Sie neue Weisungen von mir erhalten. Es war Alles zur projectirten Entführung vorbereitet, in Arnstein war man darauf eingerichtet, Sie zu empfangen, auch der Pfarrer Lehmann ist dahin geschickt – da tritt mir das Unglück in Gestalt Finkenberg's mitten in den Kreis wohlgeordneter Maßregeln. Wie sieht dieser Mensch aus! er ist herunter, daß ich mich schäme, wenn ich an den Aufzug denke, in welchem er vor mich trat. Er muß erst fortgeschafft sein, damit wir die Hände frei haben, und keinenfalls darf er Sie in so später Stunde hier zu mir kommend sehen. Seien Sie darum nicht beunruhigt, ich lasse Ihre Zukünftige unterdeß nicht aus dem Auge, bis es Zeit ist, unsre energische Maßregel gegen sie durchzusetzen. Finkenberg ist krank, recht krank; ich will ihn jetzt ›todtmachen‹, daß wir für immer Ruhe vor ihm haben. Von B. sind die besten Nachrichten eingelaufen; Minister v. R. ist vollständig bekehrt und voll des besten Willens, nächstens einen entscheidenden Schritt zu sanctioniren.

Adieu,

A. Gr. zu Q.«

Das sind Hieroglyphen! sagte der Fremde; welches Misverständniß spielt das in meine Hände? Er wandte das Blatt: »An Baron Heydenreich von Tondern« lautete die Adresse.

Als er kopfschüttelnd das Billet in der Brusttasche barg, sah er ihm gegenüber eine Dame im Reitkleide die Treppe ersteigen; nachdem sie ein paar Stufen hinaufgekommen war und das Licht der Laterne ihr Gesicht erreicht hatte, erkannte er seine hülfreiche Gönnerin, die Besitzerin des schnellen Pferdes, das ihn hierher getragen hatte.

Im nächsten Augenblicke rief unter ihm eine helle heftige Stimme:

Ha, da ist er ja! wo ist der Fuchs, das Pferd? Der Rufende faßte mit heftigem Ungestüm die Leiter an, die der Hausknecht mit seinem Oelapparat soeben verlassen hatte.

Um Gottes willen, Peggy, Peggy! rief die junge Dame.

Der Warnungsruf war zu spät, die Heftigkeit des Irländers hatte die Leiter zum Gleiten gebracht, im nächsten Augenblicke schoß sie über die Stufen der Treppe fort, der junge Mann oben fuhr mit hinab und lag nach drei Sekunden, mit dem Kopfe auf die unterste Stufe schlagend, am Fuße der Treppe. Er war betäubt und sein Auge schloß sich, nachdem er einen leisen Schrei ausgestoßen.

Gott steh' uns bei! rief der Hausknecht, wer ist der Herr?

Tragt ihn hinein, Peggy, Ihr könnt morgen vom Rentmeister Euern Lohn holen und geht aus dem Dienst. Tragt ihn hinein! Die junge Dame sprach diese Worte mit einer aufwallenden Heftigkeit, die beide Diener ihres Hauses nie früher an ihr wahrgenommen. Peggy wurde leichenblaß und blickte in stummer Verzweiflung seine Gebieterin an. Diese deutete mit der Hand noch einmal auf den bewußtlos Daliegenden und die Knechte erhoben ihn und trugen ihn ins Innere des Gebäudes.

Die Dame ging voraus; nachdem sie eine Reihe hoher und düstrer Zimmer durchschritten, blieb sie in einem durch eine Astrallampe matt erhellten Gemache von weniger unheimlich großen Dimensionen, als die andern zeigten, stehen und ließ den Fremden auf ein Sopha legen.

Der Hausknecht ging, um das Kammermädchen zu rufen, Peggy blieb im Hintergrunde stehen und begann nach einer Weile leise zu schluchzen. Seine Gebieterin hörte es nicht, sie blickte gespannt und wie ganz absorbirt in die Züge des jungen Mannes, neben dem sie sich auf ein Tabouret gesetzt hatte. Diese Züge hatten durch die Blässe und die Unbeweglichkeit, welche jetzt darauf herrschten, wenig von ihrer anziehenden Kraft verloren; sie waren ausdrucksvoll und regelmäßigen, feinen Schnitts; und auch jetzt noch, ohne das belebende Feuer des Auges, erinnerten sie mehr an die marmorkalte Schönheit eines plastischen Kunstwerks, als an die Starrheit des Todes.

Peggy's Schluchzen wurde lauter. Die junge Dame mußte von andern Gedanken so eingenommen sein, daß sie den Grund dieser Trübsal vergessen hatte; wenigstens sagte sie mit ihrer gewöhnlichen Milde:

Geh' vor das Schloß, Peggy, und halte Wache; wenn Jemand Einlaß verlangt, wer es auch sei, soll es mir zuvor gemeldet werden.

Das Thor ist geschlossen, versetzte der Schuldbewußte greinend.

Aber die Gräfin hat auch Schlüssel und läßt oft öffnen. Geh' nur, geh'!

Peggy ging. Das Kammermädchen eilte herbei; sie mußte dem Fremden mit kölnischem Wasser die Schläfe reiben. Als sie seinen Kopf zu diesem Behuf wandte, zeigte sich das Sopha mit vielem Blut befleckt.

Die junge Dame stieß einen leisen Schrei bei diesem Anblick aus, und nachdem sie eilig Tücher geholt, versuchte sie die Wunde zu verbinden.

Der Fremde kam mit einigen tiefen Atemzügen wieder zum Bewußtsein; wenigstens erblickte er, mit einem gewissen Dämmern der Sinne, noch halb verschleiert und nebelhaft verhüllt, die Umrisse der Gegenstände, welche ihn umgaben. Er hatte die Augen halb geöffnet und richtete zuerst forschend seine Blicke auf den Raum, in dem er sich befand. Das Zimmer war reich mit Stuccatur verziert, in der Mitte hing die Astrallampe aus grüner Bronze, welche es beleuchtete; grünseidene Tapeten von veraltetem Geschmack bedeckten die Wände und Medaillons mit den Profilköpfen berühmter Musiker der guten alten Zeit, Gretry's, Rameau's u. s. w., umgeben von Abbildungen zierlich gruppirter Musikinstrumente, waren künstlich in jede Bahn des Seidenstoffes eingewebt. Ebenso zeugten die Formen der Möbeln von einer vergangenen Periode des Geschmacks. Vergoldungen, geschweifte Linien, Schnitzarbeit fehlte an keinem dieser Bestandtheile einer luxuriösen und kostbaren Einrichtung.

Länger als diese Gegenstände jedoch fesselte die Gestalt der Besitzerin die unsicher ausgesandten Blicke des Verwundeten. Er fühlte ihre weichen Hände sich kühlend und lindernd an eine Stelle seines Kopfes legen, die ihm heftige Schmerzen verursachte; es war ihm ein unbeschreiblich angenehmes Gefühl, als diese zarten Hände an seine Locken rührten und sie ordneten, um eine seidene Binde herumlegen zu können. Als er zu der Dame emporblickte, schwebte das rosige Oval ihres Gesichts vor seinen halbverschleierten Sinnen wie eine wunderbare Blume, die in einem Traume uns anzieht und verlockt. Sie hatte dunkles Haar, das in langen, von der Abendluft, aus der sie kam, feucht gewordenen und heruntergezogenen Locken neben den Wangen niederhing; ein schlichtes, schwarzsammtnes Häubchen mit schwarzen Blonden besetzt und von dem alterthümlichen Schnitt, wie ihn mittelalterliche Bilder sittsamer Burgfräulein zeigen, deckte ihre Scheitel; das faltige, langhin fließende Reitkleid war bis an eine kleine weiße Krause, die den Hals umschloß, zugeknöpft und legte sich eng an eine wie von Meisterhänden nach einem idealen Typus gezeichnete Büste.

So stand sie, wie ein schönes Traumbild, vor dem wunden Flüchtling, der sich scheute, eine Bewegung zu machen, um nicht aus einem Zustande zu erwachen, den er nicht für Wirklichkeit zu halten wagte.

Er dachte an Don Juan und an Haidee, die ebenso einen armen Flüchtling zurück zum Bewußtsein rief:

Her hair I said was auburn; but her eyes
Were black as death, their lashes the same hue,
Of downcast length, in whose silk-shadow lies
Deepest attraction, for when to the view
Forth from its raven-fringe the full glance flies
Ne'er with such force the swiftest arrow flew;
'Tis as the snake, late coil'd, who pours his length
And hurls at once his venom and his strength.

Diese Worte paßten fast auf die junge Gebieterin des Schlosses, als ob der Vers auf sie gedichtet sei. Nur sprachen sie das nicht aus, was neben diesem Ausdruck von glühender südlicher Leidenschaftlichkeit in ihren Zügen lag und ihn milderte, nämlich das Gepräge eines sinnigen, nach Innen gekehrten Gemüths, das doch seine eignen Tiefen nicht halb zu kennen und zu ahnen schien. – Ihre Augenbrauen waren ziemlich stark wie ihre Wimpern und wenn der Mund geschlossen, so trat die Oberlippe etwas über die untere hervor, was die Physiognomik als Zeichen der Gutmüthigkeit deutet.

Der Verwundete fühlte, daß seine Kräfte wiedergekehrt waren; im nächsten Augenblick stand er fest und strack auf seinen Füßen.

Seine Bewegung hatte die Dame einen Schritt zurücktreten lassen; Beide standen sich nun einen Augenblick gegenüber, ohne das Schweigen zu brechen.

Sie sind zweimal meine Retterin geworden, sagte der junge Mann darauf, wie soll ich Ihnen danken?

O, nennen Sie das nicht Rettung, versetzte sie mit einiger Kälte und Verlegenheit; ich habe Ihnen eine durch die Umstände gebotene Hülfe geleistet –

Aber einem Fremden, und noch mehr einem sehr Verdächtigen, wie ich Ihnen vorkommen muß – verwehren Sie mir nicht, Ihrer Wohlthat viel inniger dankbar zu sein, als irgend einer Hülfe, irgend einem wohlwollenden Entgegenkommen, das mir je im Leben zu Theil wurde.

Die Dame verbeugte sich mit einem erröthenden Lächeln, als ob sie den jungen Mann entlassen wolle. Es war eine Art Schüchternheit über sie gekommen, die ihr eine längere Unterhaltung peinlich machte. Sie fühlte in sich ein Verlangen, von dem Platze, wo sie stand, fortzueilen, und in der That, sie würde es gethan haben, wenn es der Anstand nur gelitten hätte.

Ich hoffe, es wird mir Gelegenheit geboten werden, Ihnen wiederholt und oft meine Dankbarkeit ausdrücken zu können, hob der Fremde wieder an, ohne Miene zum Gehen zu machen; ich denke, eine neue Heimat in Ihrer Nachbarschaft zu finden; es ist das Gut Schlettendorf.

Ah, sagte die Dame mit großer Lebhaftigkeit, Sie sind Valerian Schlettendorf? Ich hörte, daß man ihn erwarte.

Er verbeugte sich.

Mein entfernter Vetter also! Sein Sie herzlich willkommen. Die Schlettendorf sind mit uns nach den hiesigen Begriffen sogar ziemlich nahe verwandt –

So weiß ich Sie doch wenigstens mit einem: »meine gnädigste Cousine!« anzureden.

Ich verstehe Ihren Wink, ich heiße Theophanie von Blankenaar, versetzte sie lächelnd.

Der junge Mann machte wieder eine tiefe Verbeugung.

Das Wesen der Dame schien von nun an wie umgewandelt worden zu sein. Nachdem der Fremde durch Nennung seines Namens eine Art Gewährschaft für sich hatte aufführen können, wurde sie ebenso freundlich und liebenswürdig lebhaft, als sie früher kalt abgemessen gewesen.

Um Gottes willen, Graf Valerian, was hetzt denn die Gendarmerie hinter Sie, sagte sie lachend – aber kommen Sie in das Kabinet hier, Sie werden zum Stehen noch zu angegriffen sein. Wie fühlen Sie sich?

Ganz gut wieder, es war nur eine augenblickliche Betäubung; ich fühle nichts mehr, als einige Müdigkeit.

Sie schritt in ihr Boudoir voraus; Valerian folgte ihr und ließ sich in einem Fauteuil nieder, während sie einen Stuhl auf einer Erhöhung am Fenster einnahm. Das Kammermädchen entfernte sich und der junge Mann zauderte nicht, einen Umstand aufzuklären, der ein zweifelhaftes Licht auf ihn hatte werfen müssen. Doch war er zerstreut, denn das Fräulein fesselte seine Sinne. Trotz ihres erhöhten Sitzes ragte nur der obere Theil ihrer Gestalt über dem reichbesetzten Blumentisch empor, der zwischen ihr und Valerian stand. So saß sie, sie selbst die blühendste unter diesen Blumen, wie eine Rosenkönigin auf ihrem Thron, über dem sich zur Umrahmung des lieblichen Bildes die goldbefransten Falten der schweren seidenen Vorhänge des Fensters drapirten. Sie hörte ihm voll Spannung zu.

Es ist nichts weiter als irgend ein seltsames Misverständniß, sagte er, was mich mit der Gerechtigkeit auf einen gespannten Fuß gesetzt hat. Ich habe die vorige Nacht in dem Städtchen Wellern zugebracht; am heutigen Morgen fand ich die Wege, die mich von dort nach Schlettendorf bringen sollten, in Folge von Gewitterregen so grundlos, daß ich vorzog, die weitere Reise zu Pferde zu machen; ich ließ demnach meinen Wagen und meine Leute in Wellern mit der Weisung zurück, so rasch als möglich nachzukommen, und ritt allein voraus. Ich will nicht verhehlen, daß die Ungeduld, meine künftige Residenz zu sehen, das ihrige gethan, um mich so eilen zu lassen; für einen nachgeborenen Sohn, der sich früher die Herrlichkeit nicht träumen ließ, welche ihn jetzt erwartet, werden Sie das natürlich finden. Wohlbehalten bringt mich nun mein brauner Reiseklepper bis nach dem nahen Birkenheim; als ich hier über den Marktplatz reite und mich nach dem Wege erkundige, stürzen zwei Gendarmen aus einem Wirthshause und, indem sie die Zügel meines Pferdes ergreifen, verlangen sie meinen Paß zu sehen. Um ihnen zu willfahren, nehme ich mein Portefeuille, durchsuche es – seltsamer Weise ist mein Paß daraus verschwunden. Ich nenne nun den Menschen meinen Namen, um sie zu beruhigen, aber zu meiner großen Ueberraschung fährt mich der Eine an: »Das ist eine Lüge, mein Herr, Sie sind ein flüchtiger Hochverräther, ein Mensch, der Bücher gegen unsern König schreibt und nun über die Grenze will!« »Sie sind arretirt!« fällt der Andere ein und ergreift mich beim Beine.

Im ersten Augenblick mußte ich lachen über die staatsgefährliche Rolle, die mir, wie es schien, mit äußerster Ueberzeugung von der Richtigkeit der Behauptung, zugeschoben wurde. Dann fiel mir ein, daß das Gefängniß des guten Städtchens Birkenheim ein sehr unangenehmer Aufenthalt sein könne und daß ein paar darin zugebrachte Nächte zu den Situationen im Leben gehören könnten, denen man besser aus dem Wege geht, da später die glänzendste Ehrenerklärung sie nicht ungeschehen macht. Ich warf deshalb mein Pferd mit einer Heftigkeit herum, die mich frei machte und ließ es im nächsten Augenblick alle Kräfte seiner Sehnen anstrengen. Weil meine Verfolger erst zu ihren eignen Thieren laufen und aufsteigen mußten, hatte ich einen hübschen Vorsprung; zu meinem Schrecken aber sah ich den Berg vor dem Städtchen, der mein von der Reise ermüdetes Thier um den Sieg gebracht hätte, wenn Sie nicht, mein gnädiges Fräulein, so hochherzig mich aus der Noth gezogen und hier in Ihrem Schlosse ein Asyl hätten finden lassen.

Ich hoffe allerdings, daß Sie sicher sind vor einer so verdrießlichen Unannehmlichkeit, wie darin liegt, mit den nicht immer sehr rücksichtsvollen Behörden in Collision zu kommen, obwol ich befürchte, daß Ihr Aufenthalt hier denselben verrathen wurde durch Jemanden, der uns heute belauschte. Aber da ich Sie bewußtlos und verwundet sah, beschloß ich Sie wenigstens für diese Nacht sicher zu stellen; es wird Sie heute Niemand mehr stören und wären Sie die polizeiwidrigste Literaturgröße unserer Epoche.

Das Seltsamste ist, sagte der Graf, mein Paß scheint mir von einem Menschen gestohlen, der unmöglich Gebrauch davon machen kann: es ist ein langer, hagerer Jude, mit dem ich mir schmeichle, nicht die geringste Ähnlichkeit zu haben.

Ein Jude?

Ja, ein Gedächtniß- und Zahlengenie, das mich vor einigen Tagen, auf einem Gute eines Freundes in der Nähe von Wellern, wo ich eine Rast von einigen Tagen machte und wo er seine Künste zeigte, um mein Portefeuille bat; er schrieb ein Multiplicationsungeheuer hinein, das mich im Grunde sehr wenig interessirte. Niemand anders kann mein Portefeuille berührt haben.

Seltsam! sagte nachdenklich werdend die junge Dame; gehörte nicht auch zu den Kunststücken dieses Menschen, nach dem ersten raschesten Ueberblick zu sagen, wie viel Geldstücke oder andere Gegenstände vor ihm auf den Tisch gelegt werden?

Allerdings!

Die Dame schien darin Veranlassung zu angestrengtem Nachsinnen zu finden. Graf Valerian lenkte ihre Gedanken ab, indem er sagte: Damit ist jedoch das Ende meiner Abenteuer von heute noch nicht gekommen –

Leider, versetzte theilnahmvoll Theophanie; Sie mußten noch den argen Fall thun! Fühlen Sie gar nichts mehr von Ihrem Schmerz?

In der That, ich habe ihn vergessen; aber ich muß Ihnen mittheilen, was mich auf jene Unglücksleiter brachte, Sie könnten mich sonst des Versuchs einer Escalade ihres Schlosses bei nächtlicher Weile verdächtig halten. Ihr vortreffliches Pferd brachte mich vor Ihnen hierher; ich betrat das Schloß, tappte in der Dämmerung, die zu herrschen begann, darin ohne Führer umher, und als ich über einen Balkon an einer Fensterreihe schreite, wird mir aus einem der Zimmer durch einen dienenden Geist dies Billet hier gereicht. Da ich, freilich mit einiger Verwunderung, wie Sie so schnell hier angekommen, mich erdreistete anzunehmen, die Zeilen kamen von Ihnen, so drängte es mich zu sehr, ihren Inhalt kennen zu lernen, um nicht den ersten Lichtstrahl, den ich entdeckte, dazu benutzen zu wollen.

Der Graf überreichte das Billet, welches er erhalten, der jungen Dame.

Sie las. Die Worte, welche das Papier enthielt, entlockten ihr einen Ausruf des Schreckens; sie ließ das Papier auf den Boden fallen und barg ihr von Leichenblässe überzogenes Gesicht in ihren Händen.

Um Gottes willen! rief Graf Valerian aus – was ist das – warum machen diese Zeilen einen so unheilvollen Eindruck auf Sie? Kann in irgend einer Lage ein Mann, der Ihretwegen jeder Gefahr trotzen würde, der mit Gut und Blut sich in Ihre Dienste stellt, etwas für Sie thun, so sprechen Sie!

Theophanie wies ihn mit der Hand ab, stand auf und eilte, nachdem sie das Billet vom Boden aufgerafft hatte, in ein anderes Zimmer fort.

Valerian wagte nicht ihr zu folgen; er war aufs tiefste erschüttert und nur das tröstete ihn für den Schmerz oder den Schrecken, den er, ohne es zu wollen, der Dame mit seinem Billet gemacht hatte, daß letzteres vielleicht eine Nachricht und Warnung enthalten habe, die von äußerster Wichtigkeit für sie sei.

Er wollte gehen, aber es fesselte ihn etwas an den Raum, in dem er sich befand. War es die Hoffnung, Theophanie wieder eintreten zu sehen, oder war es die Frieden und Ruhe athmende Umgebung, dieses trauliche, kleine Zimmer von der geschmackvollsten, behaglichsten Einrichtung, oder das Widerstreben, ohne Adieu und Gruß abzuziehen, was ihn verweilen ließ: er legte sich, nachdem seine erste Aufregung vorüber, in einen Fauteuil zurück, schloß halb die Augen und beschäftigte sich damit, das Bild Theophaniens, wie sie eben noch vor ihm gestanden, sich auszumalen und mit seiner Einbildungskraft wieder an die Stelle zu zaubern, die sie vor wenig Augenblicken verlassen hatte. Daneben beschäftigte ihn ängstlich die Frage, wie es ihm gelingen könne, das Vertrauen der Dame zu gewinnen, der er mit allen Kräften und von ganzer Seele verlangte ein hülfreicher Beistand zu werden, wo irgend ein Uebel sie bedrohe. Graf Valerian saß eine Weile so; in dem großen Schlosse erstarb nach und nach jeder Ton, der letzte schlürfende Schritt eines dienstbaren Geistes in den langen, hallenden Corridoren war verstummt; draußen, jenseit der Schloßgräben, ließ sich das Rauschen der Eichenwipfel im nächtlichen Windhauch vernehmen und auf den Gräben selbst tönte leise das unarticulirte Stimmentauschen einiger Schwäne durch das Geflüster des Schilfs. Valerian, ermüdet und zerschlagen wie er war, nickte eine Weile und dann entschlummerte er.

Er mochte lange so in seinem Fauteuil gelegen haben, bis er über dem tiefen Schlag einer Pendule erwachte. Er sah die Wachskerzen auf dem Tisch tief abgebrannt. Valerian strich mit der Hand über die Augen, erhob sich und wollte gehen. Da hörte er Schritte nahen und sah einen ältlichen, wie es schien, von Kummer gebeugten Mann langsam herankommen.



 << zurück weiter >>