Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Nur eine Blondin

»Blond muß sie sein, blond muß sie sein,
Blond wie der Tag …«

In der grünen Epoche der holden »Jugend-Eselei«, wenn die Illusionen in prangender Blüthe stehen und »des Lebens gold'ner Baum« voll lachender, leckerer Früchte hängt, ist das Herz nicht wählerisch. Die wesenlose unpersönliche Liebe des jungen Studenten ist genügsam. Er ist verliebt, und wenn er auch nicht einmal Gelegenheit hätte, ein Weib zu sehen oder zu sprechen.

Das ist die Märchenliebe der ersten Reife. Ihr Geschmack ist naiv. Sie unterscheidet kaum zwischen klein und groß, schlank und üppig, schwarzem und hellem Haar, blauen und dunklen Augen. Die eben erwachte Männlichkeit sieht, wie Faust »Helena in jedem Weibe.« Sie stellt die Bierhebe der akademischen Stammkneipe auf ein geheiligtes Piedestal, sie schwärmt im Stillen für das züchtige Töchterchen im Hause des Kommerzienrathes, wo man Lektionen gibt, sie dichtet beim Kerzenschein panegyrische Ergüsse voll anonymer Leidenschaft an eine kleine Schauspielerin, und entdeckt im Busen der etwas angejahrten Quartierfrau vielleicht noch die Herbstblume des weiblichen Liebreizes.

Sie dürstet und will trinken, Brunnenwasser oder Liebfrauenmilch, – die heiße Zunge ist ungeschickt im Unterscheiden.

Erst später bildet sich, bei Vielen wenigstens, die Darstellung eines bestimmten Ideals heraus, die blinde Leidenschaft wird sehend und beginnt »Die Eine« zu suchen, oder doch Eine, die Jener ähnlich sieht. Sie späht nach ihr im Ballsaal, auf den Promenaden der Bäder, im Gewühl des Straßenkorso, auf Reisen, am Tag und am Abend, im Norden und im Süden und wird des Suchens nicht müde.

Aber der Zufall, der einzige Führer auf diesen Irrfahrten, ist unbeschreiblich dumm und boshaft dazu, er hält die Richtige, die ewig Gesuchte fast immer verborgen und macht schließlich alle Beharrlichkeit zu Schanden.

Man schickt sich endlich drein und wird, wenn die Verlockung hinreichend mächtig ist, seiner Geschmacksneigung abtrünnig.

Es gibt Männer, für die grazile Figuren reizlos sind und solche, die Walkürengestalten als unweiblich verschmähen; solche, die sich in den Gang einer Frau verlieben können, in ihr Lachen, ihre Bewegungen, ihre Stimme, und andere, die mit ihrem Urtheil nicht eher ins Klare kommen, bis der abgestreifte Handschuh die Physiognomie der Hand enthüllt hat; es gibt Gourmands, die einen schmalen Fuß mit zart gefesselten Knöcheln preisen, die die vollendeten Formen einer antiken Göttin höher schätzen, als ein hübsches Gesichtchen, das einen nicht tadellosen Körper krönt; es gibt Amateure der rothen Haarfarbe und solche, denen die Augen funkeln, wenn sie das tiefe Schwarz einer italienischen Schönheit schildern; es gibt – doch diese Details führen zu weit und in den Bereich intimer Angelegenheiten.

Einer meiner näheren Bekannten hat sich bisher von einer wenig originellen, mir aber zufällig begreiflichen Sympathie durchs Leben begleiten lassen, für ihn gibt es nur blonde Frauen: Eva und Gretchen, Juno und Messalina, die Musen und die Grazien, die Tugend und die Sünde, Alles blond, hellblond, »goldig«. Er träumt von einem lichten, weichen, welligen Frauenhaar, das so fein und zart ist wie Seide und so glänzend wie gesponnenes Glas und das sich über einem feinen rosarothen Ohr, und im hellen Nacken kräuselt.

Er hat sich danach gesehnt sein Lebenlang. Manche hübsche Maid ging im Laufe der Jahre an ihm vorüber und warf ihm wohl auch einen gnädigen oder ermunternden Blick zu, er achtete nicht daraus, wer kann denn allen dunkelhaarigen oder brünetten Frauen, die geneigt wären, sich von einem braven Jungen, der was ist und was vorstellt, den Hof machen zu lassen, den galanten Tribut zollen, und nun gar er! Ich glaube, er hat es überhaupt ganz bleiben lassen, in seinem schwärmenden Eigensinn.

»Meine Neigung für Blondinen – für helle Blondinen – ist nicht zu widerlegen und nicht zu bekämpfen,« äußerte er einmal, »geben Sie mir ein dunkelgelocktes weibliches Wesen, das geistreich ist wie die George Sand und schön wie die Potocka, – ich werde sie wahrscheinlich nicht lieben können, denn Sie müssen wissen, es handelt sich nicht um die Grille der Haarfarbe allein. Die Blondinen sind anders wie ihre dunklen Schwestern, glauben Sie mir, sie denken anders, sie empfinden anders, sie lieben anders, es ist Alles blond an ihnen, es glänzt und schimmert, ihre Seele ist zart, weich, hinschmiegend, poetisch, germanisch-romantisch, blumenhaft; ich glaube, ich könnte alle Thorheiten begehen für ein solches Wesen, heute noch, an der Schwelle der vierzig – mich wie ein Gymnasiast verlieben, und alle Zärtlichkeit und Güte, alle Liebe und Verehrung auf dieses Weib häufen.«

»Nun und?« – erwiderte ich damals.

Er zuckte die Achseln und dann seufzte er: »Aber ich habe sie nicht gefunden und ich gebe es endlich auf; was kann ich thun! Ich bin stets ungeschickt gewesen im Suchen, ich bin selber eine feminine Natur, zu passiv, und hätte mich am liebsten immer von den Frauen finden lassen mögen, und dann, Sie wissen, mein Beruf hat mir leider nie viel Muße gelassen, mich mit den Frauen zu beschäftigen, ich stehe ihnen eigentlich fast fremd gegenüber, heute noch; ich weiß nicht, sind sie Räthsel oder nicht, sind sie Engel oder Teufel, ich habe nie eine Liebschaft gehabt, nie ein beglückendes Verhältniß wie Ihr Andern …«

»Nun ja, wenn Sie durchaus ein blondlockiges »Sonnenscheinchen« oder eine flachshaarige Brunhilde haben müssen, die Andern nehmen's halt mit den Haaren nicht so genau, übrigens es wird doch wohl in der Welt noch eine helle Blondine geben, deren Herz noch frei ist – wenn Sie weiter nichts verlangen? … Warten Sie, ich werde Ihnen suchen helfen.«

Damit war das Thema für den Augenblick erledigt, ich habe meine scherzhafte Versprechung nicht gehalten und den Freund auch weiterhin der Pein der Entbehrung überlassen, so leid er mir that, denn er ist, wie gesagt, ein guter Junge, warmherzig, neidlos, treu und dabei von einer weltfremden Harmlosigkeit, einem ungekünstelten Idealismus und zuweilen von einer Naivetät, die sich nur durch sein in sich gekehrtes, nach außen abgeschlossenes Leben erklären läßt.

Wir haben längere Zeit nichts von einander gehört. Man sieht ihn nicht, er kommt kaum aus seiner Studierstube heraus, er haßt die hohle Salongeselligkeit und steht zu Hause unter der Vormundschaft einer alten Wirthschafterin.

Vor Kurzem sandte ich ihm ein Buch zurück, das er mir einmal geliehen hatte. Er benützte die Gelegenheit, dem Boten ein paar Zeilen mitzugeben, sie lauteten: »Bin kreuzvergnügt – endlich! Ein merkwürdiger Zufall, ich habe den lichten Engel, der mir vorgeschwebt hat, gefunden und ich halte ihn fest – lachen Sie mich aus, wenn Sie wollen, ich bin verliebt, bis über die Ohren verliebt, und sie ist blond, hellblond. Ja, ich sage Ihnen, es ist doch etwas an meiner Psychologie der Blondinen. Ihr Wesen ist sonnig, heiter und warm wie Sonnenschein, ich würde sie Ihnen zeigen, aber ich glaube, ich bin eifersüchtig auf alle Welt, ich will mein blondes Glück allein genießen – jetzt soll mich keiner von Euch mehr bemitleiden!« …

Also er hatte seine Blondine gefunden; wie er das angestellt hat, weiß ich nicht. Der Zufall hat aber ein gutes Werk gethan.

Wenige Tage nach Empfang dieser Botschaft sah ich ihn in einem feinen Restaurant, in Gesellschaft von zwei Damen. Die Aeltere, vermuthlich die Mama, las die Zeitung, vielleicht um den fatalen Umstand ihrer Anwesenheit möglichst zu mildern. Neben meinem Freund saß ein junges Mädchen, die Blondine.

Als er mich erblickte, entschuldigte er sich bei den Damen und eilte mit strahlender Miene auf mich zu; er ließ mir kaum Zeit, ihn mit Worten zu begrüßen. »Na?« sagte er, einen Blick, der von den Damen nicht bemerkt werden konnte, auf den Tisch, den er soeben verlassen hatte, werfend, »das ist sie! – Was? das Haar! Bei Tag und in der Sonne ist es noch viel schöner, wie flüssiges Gold … und so viel

Ich nickte bestätigend, dann wechselten wir noch ein paar Worte – es war jetzt offenbar mit ihm nicht viel Vernünftiges zu reden; er trug sein lachendes Gesicht wieder zu seinen Damen und wandte sich, seine Entschuldigung wiederholend, mit verliebter Geschwätzigkeit an die Blondine.

*

Ich freue mich, daß er sein Glück endlich gefunden hat, und das Mädchen ist wirklich allerliebst und reizvoll in ihrem ganzen Wesen, kindlich-heiter und wie er meint, »sonnig«, ich weiß es, denn ich habe sie gekannt, als sie noch brünett war.


 << zurück weiter >>