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Der Weiberfeind

(Eine gefärbte Mannesseele.)

Wir saßen an einem Sonntag Nachmittag in der dämmerigen Stube. Es war noch zu früh, um Licht anzuzünden, wir hatten ja auch nichts vor, als ein ganz unwichtiges Gespräch über Dinge, die am Ende doch nicht zu entscheiden sind, man mag noch so lang und noch so leidenschaftlich darüber schwatzen, über Zufriedenheit, Glück, Lebensklugheit und – die Frauen.

Mein Vetter saß im Polsterstuhl, mit verschränkten Armen und gesenktem Haupt, sein melancholischer Blick war auf die Spitzen der weit von sich gestreckten Füße gerichtet, als wäre da was besonders Merkwürdiges zu sehen. Es war ganz still im Zimmer, nur im Ofen knisterte es manchmal, auf der Straße regte sich viele Minuten lang kein Laut, man konnte glauben, hundert Meilen vom Herzen der Großstadt entfernt zu sein, – es war die rechte Plauderstimmung für Ohr und Herz.

»Also da sitzen wir wieder einmal wie zwei Bankerotteure,« sagte ich, »zwei einsame Spatzen, mit unserem Talent und können's nicht verwerthen … wie die Berliner sagen – und Du bist gar besonders übel gelaunt. Hat's was gegeben?«

»Braucht's das erst? Ich hab' es satt, die ganze eitle Komödie, – was soll's? Mich freut nichts mehr, ich bin am Ende.«

»Hm, Du trittst ins Fach der alten Jungfern, mein Sohn, weißt Du, was Dir fehlt? – Eine Frau!«

»Eine liebende Gattin, hahaha – ich und eine Frau!«

»Also vielleicht eine Geliebte?«

»Ah,« rief er die Arme lösend und mit den Händen unruhig über den Plüsch der Stuhllehne streichend, » damit bin ich fertig. Lass' mich mit den Weibern zufrieden.«

»Denk' an Goethe's Wort:

»Wer nicht mehr liebt
Und nicht mehr irrt,
Der lasse sich begraben!«

»Na, da › irr‹ ich mich noch lieber, aber das Andere? Nein. Das Kapitel »Liebe« ist abgethan – »Schluß«. Goethe war eben ein verliebter alter Herr – ich finde das bei allem Respekt vor ihm, einfach lächerlich …«

»Also das Zeugniß eines Jüngeren, wenn's beliebt. Kennst Du den Vers von Musset:

»Dafern's geschah, daß wir begraben
Die Hoffnung haben
Und unser Glück,
Dann bleibt ein Trost in Nacht und Granen,
Das sind die Frauen
Und die Musik …«

»Sehr nett, ist aber auch nichts als eine poetische Charlatanerie, »Mumpitz«, wie Deine Berliner sagen. Ein schöner Trost: die Frauen! Man könnte ja auch Einem, der sich verbrannt hat, rathen, Feuer zu schlucken. Weil wir durch die Frauen um unser Glück gebracht wurden, weil's endlich dazu kam, daß man mit einer beginnenden Glatze einsam herumsitzt und reuevoll über seine Jugend-Eseleien nachdenkt, – soll man sich mit einer Frau trösten, damit der Spuk von Neuem losgeht? Großartige Idee!«

»Versuch's noch einmal!«

»Nie wieder! Was hat man davon? Beunruhigungen, Quälereien, Aengsten und Sorgen für ein Bischen sogenanntes Liebesglück, und bei Licht betrachtet …«

»Du mußt es ja nicht »bei Licht« betrachten.«

»Nu ja; – übrigens jetzt werde ich Dich an ein Dichter-Wort erinnern, es ist von Heine, den Du jawohl kennst?«

»Siebzehnhundertneunundneunzig zu Düsseldorf geboren.«

»Weiß ich nicht, aber es wird schon stimmen. Dieser Heine sagt nämlich, wo, weiß ich auch nicht:

» Wermuthstropfen sind das Letzte
In der Liebe Freudenbecher.«

»das ist ein goldenes Wort, und es schlägt Deinen Goethe und Deinen Musset. Ah, – es nimmt immer ein schlechtes Ende, überhaupt …«

»Was »überhaupt«?«

»Ueberhaupt, hör' mir auf mit den Frauen, sind sie denn ernst zu nehmen? Geschöpfe, die künstliches Obst und Vögel auf dem Hut tragen, sich die Ohren durchlochen, mit einer Kleiderschleppe die Straßen fegen, keine Thür hinter sich zumachen und nicht ordentlich auf einem Stuhl sitzen können, die nichts vom Wein verstehen, keinen Toast halten können, ihr halbes Leben damit verlieren, daß sie die Handschuhe suchen, die übrige Lebensdauer verbringen sie vor dem Spiegel, – die den Bleistift mit der Scheere spitzen und den Flaschenpfropfen mit dem Rasirmesser oder dem Schuhknöpfer herausholen wollen, um ihn endlich hineinzustoßen, wenn's nicht anders geht, die keinen Nagel einschlagen können und laut aufkreischen, wenn eine Kröte über den Weg hüpft … nein, die sind doch um Gotteswillen nicht für voll anzusehen!«

»Dein Register hat ein Loch, – in einem Punkte wenigstens, meine ich, sind sie uns doch »über«, – in der Liebe

»So? das bestreite ich. Ich behaupte sogar, daß sie auch in dieser Kunst, so wie in jeder anderen Dilettantinnen sind, mit ganz wenig Ausnahmen. Wir Männer liefern ihnen das schöne komplete Material, und was pfuschen sie damit am Ende zusammen?«

»Aha, Du hast Lombroso's ›Weib‹ gelesen, und das Schlagwort aufgegriffen: »Inferiorität des Weibes« Inferiorität in anatomischer, biologischer, psychologischer und kriminologischer Hinsicht?«

»Ich denke gar nicht daran. Das brauch' ich nicht erst aus Büchern zu erfahren. Es ist eine unumstößliche Thatsache! – Und mit dem Ammenmärchen von der weiblichen Treue laß mich nur gar ungeschoren, das Frauenherz ist gerade so ein Kalfakter, wie das unsere, nicht um ein Haar besser. Wenn sie scheinbar treuer und ausdauernder lieben, so kommt es ganz einfach daher, weil sie nicht die Auswahl haben, wie wir, – sonst solltest Du was erleben!«

»Hast Du immer so gedacht?«

»Seit ich erkannt habe, daß der ganze Liebeskram keinen Groschen werth ist. Man vertrödelt seine Zeit damit, gibt sein Bestes hin, Alles, was Einem das Leben an Kostbarkeiten des Gemüthes und der Empfindung gelassen hat, und dann kommt so ein unbedeutendes Geschöpf mit einem leidlichen Lärvchen daher und betrügt Einem auch noch um den schäbigen Rest.«

»Es ist ja nicht ausgemacht, daß man betrogen werden muß!«

»Man wird! Immer – früher oder später! Es ist Eine wie die Andere. Du wirst noch an mich denken.«

»Sehr freundlich, aber ich glaube doch, daß es für Dich ganz ersprießlich wäre, wenn Du Deinen Weiberhaß aufgeben wolltest. Im? Glaube mir – –«

»Alles – aber in dem Punkte habe ich meine Ueberzeugung und meine Grundsätze, und die sind bombenfest eingedacht; nein, die Sache ist für mich erledigt. Uebrigens, ich bin kein blindwüthiger Frauenverächter, ich habe Dokumente! Dokumente! – Nein, mir kommt Keine mehr zu nahe, darauf kannst Du Dich verlassen; Alle miteinander soll sie …«

Mein Vetter unterdrückte das Ende des wuchtigen Satzes, schlug rasch die Beine übereinander und sah mit bitterem Lächeln nach dem Fenster. Er schien im Geiste alle Kümmernisse, die ihm die Frauen bereitet hatten, Revue passiren zu lassen.

In der vorgeschrittenen Dunkelheit war kaum noch etwas zu unterscheiden, aber ich erkannte den herben Trotz in seiner verdüsterten Miene. Er that mir leid.

»Also von etwas Anderem! Warst Du schon im **Theater?«

Der Gefragte antwortete zunächst ziemlich einsilbig, dann schwanden allmählich die Schatten seines Unmuthes und wir tauschten noch eine Zeitlang unsere Meinungen über ein neues Drama aus. Erst als der helle Lichtschein der eben angezündeten Straßenlaterne ins Zimmer glitt, fiel es uns auf, daß wir fast in die vollständige Dunkelheit hineingeredet hatten.

»Na, jetzt ist es aber Zeit, daß wir Licht kriegen,« sagte ich, indem ich mich erhob und zu dem Drücker des Telegraphensignals trat, das mich mit meinen Wirthsleuten im ersten Stock verband.

Bald darauf pochte es an der Thür, etwas zaghaft, wie immer, wenn man wußte, daß ich Besuch habe. Die Tochter meiner Hauswirthin, eine niedliche Zwanzigjährige, erschien mit der hellstrahlenden Schiebelampe in der Hand, und schritt mit einem schüchternen »Guten Abend!« auf den Tisch zu, wo sie ihre Last niederstellte. Dann drehte sie noch einmal berichtigend an der Dochtschraube, rückte die Visitkartenschale ins Mittel und verschwand wieder. Nachdem sie die Thür kaum hinter sich zugezogen hatte, sagte der Vetter in ganz anderem Tone: »Wer ist denn das?«

»Meiner Wirthin Töchterlein!«

»Du, ist das ein reizendes Geschöpf!« rief er.

Ich sah ihn an und lachte laut auf.

»Nun, am Ende nicht?«

»Gewiß,« erwiderte ich und ich legte ihm die Hand auf die Achsel. Es ist sehr nett von Dir, daß Du ihre Vorzüge erkennst, ihr zierliches Wesen, ihre schönen Haare, ihr niedliches Gesicht, – sie hat sogar gepflegte Hände, und wenn Du sie auf der Straße sehen würdest, – wahrhaftig wie ein Fräulein.

– Meinetwegen – antwortete er, und ehe er in seinen Groll zurückverfallen konnte, tröstete ich ihn: »Unbesorgt, mein Junge, Du bist noch nicht ganz verloren für die Frauen, und Dein »Weiberhaß« ist so wenig waschecht, wie es – Weiberhaß überhaupt ist!«


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