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Die Kameliendame.

Die Duse spielte die »Kameliendame«.

In einer Parterreloge sitzen zwei elegante Damen, Mutter und Tochter. Eine reife Frauenschönheit, an der die vorgeschrittene Abrundung der Formen zum Verräther wird, und ein vor noch nicht langer Zeit der Backfischperiode entwachsenes Fräulein, aber schon eine Dame, die Lorgnon und Fächer sehr gewandt zu regieren weiß; und mit der im Grunde ein bischen lächerlichen Würde und Souveränität unserer verzogenen, lieben Weibsleute auf das Parquet herabsehend, gnädige Blick-Almosen verstreuend, mit gemessenem Kopfneigen die Verbeugung irgend eines verehrungsvollen Frackes im Parquet erwidernd; halb Kind, halb grande dame.

Steffi ist die Tochter einer Mama, die mit einem Mann in guten Verhältnissen eine Ehe ohne besondere Sentiments eingegangen war, die Vormittage mit dem Kultus ihrer Schönheit, den Toilette-Angelegenheiten und der Gewohnheit, überflüssige Dinge einzukaufen, die übrige Zeit mit maskirtem Müßiggang, Lektüre, Vergnügungen und gesellschaftlichen Zerstreuungen verbringt.

Das ist ungefähr auch der Weg, den Steffi gehen wird. Sie nascht bereits von den französischen Romanen, die Mama's Lesetisch bedecken, übt, während sie in einer fashionablen Conditorei die Nachmittags-Chokolade auslöffelt, gelegentlich die ersten schüchternen Vokabeln der Augensprache und ist sich ihrer Bestimmung einen eleganten, jungen und reichen Bewerber mit ihrer Hand zu beglücken, vollständig bewusst.

*

Und ein solcher Mann war Baron F., der jetzt zwischen der Logenthür erschien, mit einem Begrüßungslächeln und einem fragenden, etwas befangenem Gesichtsausdruck.

»Oh, Herr Baron!«

»Ich wollte mir nur erlauben, Ihnen guten Abend zu sagen, gnädige Frau.«

»Ah, das ist schön – bitte – kommen Sie nur, nun lernen Sie auch meine Tochter kennen: – Steffi – der Herr Baron F.«

Der also Vorgestellte verbeugte sich und reichte Mutter und Tochter die Hand.

»Wo sitzen Sie denn, Baron?«

»Ach, ich bitte Sie, da oben im zweiten Rang, das letzte Billet, das zu haben war – abscheulich – na aber für die Duse …«

»Wollen Sie nicht bei uns Platz nehmen? Mein Mann hat wieder seine Ischias … er ist zu Hause.«

Der Baron verbeugte sich dankend – sah sich nach einem geeigneten Platz um und ließ sich endlich hinter den Damen nieder. Steffi und ihre Mama nahmen unterdessen wie im gegenseitigen Einverständnis rasch eine Musterung ihrer Erscheinung vor, und zupften da und dort berichtigend an einer Spitze oder Kleiderfalte.

»Ja, sehen Sie, das ist das kleine Mädel, von dem ich Ihnen in Marienbad immer gesprochen habe.«

Der Baron erinnerte sich sehr wohl jener Gespräche und daß er damals so artig war, der hübschen Mama eine »große Tochter« gar nicht zuzutrauen – jetzt wiederholte er diese galanten Zweifel nicht mehr. Er streifte, während ihm die Mutter von ihrer Nachkur in Gastein und den Gliederschmerzen ihres Mannes erzählte, so oft es anging, mit den Blicken die reizende, verjüngte Miniatur-Ausgabe der Mama und war sichtlich ganz und gar nicht bei der Sache. Dann beeilte er sich, an das Fräulein einige überflüssige Fragen zu richten, die Steffi Gelegenheit boten, ihre hübschen Zähne zu zeigen, interessante Augen zu machen und ein bischen Koketterie spielen zu lassen. – Das Orchester begann die Ouverture. – Die Mama lehnte sich etwas zurück und erhob ihren bemalten Seidenfächer wie eine Schutzwand, um dem liebenswürdigen Freund aus Marienbad ein paar Worte zuzuflüstern: »Sie wundern sich vielleicht, daß ich mit dem Kind zur »Kameliendame« gehe, aber sie versteht kein Wort Italienisch und ich werde ihr die Sache schon ganz harmlos erklären.«

» In usum Delphini«, bemerkte der Baron lachend.

Die Mama lächelte gleichfalls und nickte, ohne zu verstehen, was er damit meinte.

»Reizend!« sagte der Baron, und er meinte das Mädchen, während die Mama das für ein Lob nahm, das ihrem Einfall galt. Im Stillen dachte er: »Soviel Unschuld bei soviel Schönheit!« und er sah Steffi mit einer Art Rührung von der Seite an.

»Sie werden nur den halben Genuß; haben, mein Fräulein, da Sie die Sprache nicht verstehen und, wie ich höre, das Stück nicht kennen«, sagte der Baron schnell gefaßt.

In diesem Augenblick setzte die Mama mit einem energischen Druck ihren Fuß heimlich auf Steffi's Lackschuh.

»Ja«, erwiderte Steffi, durch die unzarte Berührung nicht einmal so überrascht, wie man hätte meinen sollen, denn dieses Verständigungsmittel ihrer Mama war ihr nicht mehr ganz neu, »ja, es ist schade …«

»Ich werde Dir schon Alles sagen«, versetzte die Mama rasch, um Steffi einen deutlichen Wink darüber zu geben, wo sie hinauswollte.

Es ist wohl überflüssig, zu bemerken, daß Fräulein Steffi das Dumas'sche Sittengemälde ganz gut kannte und noch am selben Nachmittag das betreffende Bändchen der Reklam'schen Universalbibliothek eifrig gelesen hatte.

Die Vorstellung begann. Der Baron war mit seinem Platz zufrieden, die Mama hatte ihn ermächtigt, seinen Stuhl weiter nach vorne zu schieben, so daß seine Kniee die Kleider der beiden Damen berührten. Er hielt das Opernglas vor die Augen und sah daran vorbei nach rechts auf das liebliche Profil des Mädchenantlitzes und er studirte die einzelnen blonden, krausen Haar-Enden, die goldig schimmernd aus der Frisur herausragten und die er mit seinem Hauch erreichen konnte.

Die Mama hatte sich ganz gut aus der Verlegenheit zu ziehen gewußt. Sie erklärte Steffi die »Kameliendame« in den Zwischenakten etwa in folgender Weise: Marguerite ist, in ihrer Lesart, ein kleines unartiges und ungezogenes Mädchen, das bei Nacht und Nebel ein Pensionat verlassen hat und nach Paris floh, zu einem alten Onkel, dessen Lieblingsnichte sie ist. Armand ist der Musiklehrer des Pensionats, ein wahrer »Cato von Eisen«, aber Marguerite verliebte sich in den jungen Mann – die Franzosen sind nun mal schon so equivoque, und gar Dumas! Er folgt ihr nach, um sie zu bestürmen, daß sie ihren Eltern nicht den Schmerz anthun möge, die Pension so Knall und Fall zu verlassen, und zeigt ihr an, daß er bereit sei, seine Stellung dort aufzugeben, um ihre Mädchenruhe nicht weiter zu stören. Es kommen auch noch andere Abgesandte aus dem Pensionat, z. B. Prudence, die weibliche Handarbeitlehrerin, und Nichette, die Rechtschreibung und Styl vorträgt. Marguerite bleibt unerbittlich, sie will um keinen Preis in die Pension zurück. Der gute Klavierlehrer ist verzweifelt. Da er Marguerite einmal coram publico küßt, mußte die Mama die Konzession machen, daß er sich bei seinen Bekehrungsversuchen selbst ein bischen in seine unartige Schülerin verliebte. – Es erscheint sogar der würdige alte Duval, Armand's Vater, der die kleine Ausreißerin beschwört, ihren Sohn nicht unglücklich zu machen und ihn nicht um seine schöne Stellung zu bringen, sie möge doch ja in's Pensionat zurückkehren und ihre thörichte Mädchenschwärmerei aufgeben. Das Spiel- und Trinkgelage bei Olympia im vierten Akt bezeichnete die findige Mama als den Jour fix bei dem bewußten Onkel, wo mit unschuldigen Spielen und politischen Gesprächen die Zeit todtgeschlagen wird. Ein purer Zufall führt auch die Handarbeitlehrerin dahin. Und nun die Katastrophe: Marguerite war so unvorsichtig, sich bei ihrer nächtlichen Flucht aus der kleinen Stadt nicht genügend zu verwahren, noch in derselben Nacht stellten sich Symptome einer Erkältung ein, Schnupfen, Hüsteln, Stiche in der Lunge, dann ein Bronchialkatarrh, aus dem sich im letzten Akt eine Lungenentzündung mit letalem Ausgang entwickelt. Von ihren Eltern gemieden, selbst von ihrem Lieblingsonkel verlassen, stirbt sie. Der gute, treue Armand, der gerade gekommen war, um mit ihr eine neue Klavierpièce zu probiren, fängt die Sterbende in seinen Armen auf. Marguerite hat ihren unüberlegten Mädchenstreich schwer gebüßt. Eine gute und eindringliche Lehre für alle Töchter, die jemals daran denken sollten, sich dem oft unerträglich scheinenden Schulzwang und der strengen Institutsdisziplin eigenmächtig zu entziehen.

Der Baron verrieth den frommen Betrug durch keine Miene und wartete nur immer mit Ungeduld die Beendigung des mütterlichen Vortrages ab, um mit Steffi ungestört plaudern zu können. Und während des Spiels sagte er heimlich mehr als einmal entzückt und leise vor sich hin: »Diese Unschuld! – Dieser Engel!« Und er sah gar nichts von der Duse, sondern nur die Rück- und Seitenansicht eines allerliebsten Mädchenkopfes mit einem goldblonden Zopfturban, ein zierliches, kleines Ohr und eine glatte Wange, auf dem der rosige Reif der Jugend und Gesundheit lag, ein niedliches, rundes Hälschen mit einem kleinen, dunklen Fleckchen, als hätte die schalkhafte Natur hier einen Zielpunkt für verliebte Küsse hingezeichnet, er sah – kurz er sah nur Steffi mit seinen Augen, mit seiner Seele, mit seinen Sinnen. –

Mamachen war taktvoll genug, ihn in diesen erfreulichen Betrachtungen nicht zu stören, sie beachtete ihn scheinbar gar nicht, und dachte im tiefsten Mutterherzen: »Es ist gut so.« – Die Vorstellung war zu Ende.

Der Baron brachte Mama und Tochter zum Wagen. Er versprach, demnächst Besuch zu machen – spätestens morgen – nahm er sich dabei im Stillen vor. Dann grüßte er noch ein halbdutzendmal mit dem Hut.

Die Mama lehnte sich gähnend in den Wagen zurück, dann sagte sie zu Steffi:

»Ich mußte Dir das Stück so vorerzählen – vor dem Baron – es fiel nur auch in der Verlegenheit gar nichts Gescheidteres ein, es hätte keinen guten Eindruck gemacht, wenn er wüßte, daß Du das Stück kennst.«

»Natürlich.«

»Aber er ist sehr gescheidt, ich fürchte fast, daß er mich durchschaut hat, und daß er uns mißtraut, hm?«

»Aber Mama!« antwortete Steffi, das Köpfchen mit Ueberlegenheit zur Seite werfend.

»Was meinst Du?«

»Ich bitte Dich, die Männer

*

Was sagt der freundliche Leser zu dieser in Unschuld gefärbten Mädchenseele?


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